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Chlodovech

Felix Dahn: Chlodovech - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleChlodovech
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
projectid53b9bf09
created20070520
modified20160412
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IV.

Mit großem Gepränge war König Childirich bestattet worden in einer Hügelgruft zu Tournay: sein Lieblingsfalke ward ihm nachgesandt in den Tod; wenig ahnten die heidnischen Priester, die hierbei walteten, daß seine christlichen Enkel – gleichsam zur Sühne – dereinst eine Basilika dem heiligen Martin von Tours zu Ehren über der Gruft aufführen würden.

Am gleichen Tage hatte das nach Tournay berufene Volksheer der drei kleinen Gaue, auf die des Verstorbenen Königtum beschränkt gewesen war, den fünfzehnjährigen Erben, der vor kurzem erst die Schwertleite empfangen, aber sich sofort in dem Zuge gegen Soissons derselben vollwürdig bewährt hatte, zu Childirichs Nachfolger gekoren.

Nicht ganz ohne Widerspruch war das geschehen. Es fehlte nicht an Männern in dem Volksheer, die bei aller Dankbarkeit gegen den Vater, den Sohn doch noch zu knabenhaft fanden, ihr Führer im Kampf, ihr Richter im Königsding zu sein. Es ward erinnert, daß nahe Gesippen des Gaukönigs von Tournay, – ebenfalls Merowingen, – Vettern Chlodovechs, gereifte Männer in den Nachbargauen zu Cambrai, zu Thérouenne, zu Le Mans walteten: einige unter diesen wurden vorgeschlagen als Nachfolger Childirichs: die weiter Denkenden wiesen wohl auch darauf hin, es sei bei der gefährdeten Lage der einzelnen salischen Gaue wünschenswert, daß ihrer mehrere unter Einem König zusammengeschlossen würden. – Jedoch der Dank gegen Childirich und das Vertrauen auf die bereits bewährte Kühnheit und Klugheit seines Sohnes drangen durch: er ward gekoren und nahm den Königsstab aus des ältesten Richters Hand.

Aber dermaßen erhitzt und erbost hatte jener Widerstand den Rotlockigen, daß er, als nun die Entscheidung gefallen und gegen Abend das Volksheer aus dem Blachfeld vor den Wällen der Stadt abgezogen war, sich in die nahen Heimatorte zu zerstreuen, brennenden Kopfes zu seinem Waffenbruder Guntbert lief und in ihn drang, mit ihm in den nahen Königstann zu reiten.

»Warum!« fragte der ruhig, übrigens schon bereitwillig zum Marstall schreitend. »Um was zu thun?« – »Was denn? Was denn? Zu reiten, zu rennen, tief Luft einzuatmen, noch mehr die Hitze auszuatmen, die ich all' die Stunden mühsam in mir verhalten mußte.« Kaum hatten die beiden das schmale Wallthor im Süden der kleinen Feste hinter sich, als Chlodovech seinem Rotroß den Sporn so scharf in die Weichen schlug, daß das edle Tier hoch aufstieg und wie ein Pfeil voranschoß auf der alten gut erhaltenen Römerstraße nach Cambrai.

Nur mit Mühe konnte Guntbert auf seinem Braunen folgen. Erst tief im Inneren des Waldes zog der hitzige Reiter Zügel; dichter Schaum floß dem Pferde vom Gebiß, als es stand. Sofort sprang Chlodovech ab und warf sich auf das weiche Moos, tief atmend und mit beiden Armen um sich schlagend. Auch Guntbert stieg nun langsam ab; kopfschüttelnd fragte er, den steten Blick der treuen Augen auf den Zappelnden richtend: »Was hast du, Chlodovech?«

»Was ich habe! Königtum hab' ich. Macht hab' ich – zwar nicht viel, aber wartet nur! – Ihr sollt euch wundern – alle. Auch du! Aber zumeist . . . – nun zum Beispiel meine lieben Vettern in Cambrai und Le Mans! Die können froh sein, daß ich schließlich doch gekoren ward!« – »Froh? Die wären wohl lieber selbst König deiner Gaue geworden!«

»Wären's ja nicht geworden! Hätte sie sogleich umbringen müssen. Nun haben sie noch ein paar Jahre gewonnen. Denn jetzt müssen sie mir erst helfen gegen – nun, eben gegen andere. Dann kommen sie daran.« – »Wie abscheulich!« – »Was denn? Ist ja dumm! Schau, das einzige Gescheite, was gegen mich gesagt ward, war das von der Vereinung mehrerer Gaue unter Einem. Der Mann hatte recht, der alte Wisogast. Und recht soll er behalten. Der wird noch viel Freude an mir haben. Ich werde viel mehr unter mir vereinen, als er ahnt! Warum ich dir das sage, Guntbert? Ja, ist vielleicht dumm. Man soll das Herz nicht auf der Zunge tragen, warnte der Alte. Aber sieh, manchmal muß das Herz heraus! Und ich habe keinen, dem ich's ausschütten mag.« – »Deine hohe Mutter?« Chlodovech furchte leicht die Stirn. »Die ist mir zu – nun: zu Göttingleich. Sie taugte besser in Asgardh Königin zu sein an Frau Friggs Statt als meine – Unterweiserin in diesem viel durchkämpften Gallien. Und dann – wozu ein zweites Gewissen? Hab' ich das leise da drinnen in der Brust zum Schweigen geschwatzt, dann fängt die Wodans-Enkelin an, laut zu mahnen. Beim lodernden Loge! Ich wüßte schon selbst, was gut ist, wenn ich's thun wollte. Ist ja dumm. Und dumm ist freilich auch von mir, daß ich dich gut leiden mag, du plumper Mann, du Eichblock. Aber auch wieder nicht dumm. Denn ein König muß einen haben, der ihm dient, treu, scharf, stumm wie das Schwert. Und das sollst du mir sein. Bist es schon. Sollst aber noch fester gebunden werden: Merk' auf – neige dein Ohr – weißt du, wen ich zum Weibe nehmen soll nach vieler Wunsch und Rat? Merkst nichts? Es geht dich doch recht nah an? Sieh, wie es dir ins Gesicht schießt! Ja, ja, Bertrada, deine Bertrada.« »O Chlodovech!« stöhnte der Jüngling.

»Was denn? Was denn? Wenn ich's wollte, würde ich dir's sagen? Ist ja dumm! Will sie nicht! Wohl ist sie schön – sehr schön sogar. So, was man sagt: edel. Möcht' sie wohl . . .! Bin nicht blind. Aber ist ja dumm. Mein Weib muß mir nicht Schönheit einbringen und ›Tugend‹ und all' das Zeug: – ein Königreich. Nun stammt ja Bertrada aus edelm Geschlecht der Thüringe – ihr Vater hat meiner Mutter – nun, sagen wir in kindlicher Schonung«: – er lachte häßlich – ›Reise‹ aus Thüringen zu meinem Vater begleitet.« – »Wie meine Mutter.« – »Jawohl, damals Frau Basinas beide einzige Helfer. Und darum raten viele kluge Männer – ist nicht dumm! – ich solle die Thüringtochter nehmen und, auf ihr Erbe gestützt, das ganze Thüringland. Ist doch dumm! Ist noch zu früh! Zu weit weg. Es giebt andere Reiche, näher, schöner, reicher. Also, horch hoch auf, verliebter Guntbert: dein König entsagt großherzig – wie er nun einmal ist – Bertraden und giebt sie dir!« – »O Chlodovech! Du bist gut.« – »Glaube mir das nicht! Fällt mir gar nicht ein!« – »Dank! Dank! Mein Blut – mein Leben . . !« »Was denn? Ist ja dumm. Das heißt: nein. Ist sehr recht von dir. Ist sogar deine Pflicht gegen deinen König. Und nun – ich weiß! – bist du mir noch viel fester zu Treue verbunden, als durch die Blutsbruderschaft, die wir vor wenig Nächten schlossen. Sieh, da ich heute so froh bin, daß ich den Königsstab gewann, wollt' ich auch dich erfreuen. Nein, danke mir nicht! Denn zuletzt hab' ich es doch nur aus Schlauheit gethan: viel lieber als Thüringen ist mir . . . nun, was anderes. Und dich will ich mir verpflichten auf Leben und Tod. Komm! Nach Haus! Es wird kühl in dem Waldmoos. Laß uns die Hengste heiß zurückhetzen. Wenn ich nur das Eine wüßte,« sprach er beim Aufsteigen, unhörbar für den Freund, »wenn ich doch den toten Vater wieder aufwecken könnte! Nicht auf lange! Beileibe! Ich will König bleiben. Aber daß er starb, ehe er das Eine Wort sagen konnte! Wer, wer weiß um das Eine und . . . um den andern? Da steigt der Stern Freias auf! Schau' her, Stern, – ich befehl' es –, hier siehst du einen König!«

 


 

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