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Chlodovech

Felix Dahn: Chlodovech - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleChlodovech
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XXXIX.

Aber statt des nächsten Wehrmannes kam ein Bote: ein Bote des Unheils, der die Fortsetzung der Heerschau jäh unterbrach.

Ein burgundischer Reiter sprengte in die Zeltreihen des Lagers: tot sank sein überhetzter Gaul: der Mann ward schleunig zum König geführt, warf sich vor ihm auf die Knie und rief: »O, König der Franken, hilf! Sie sind da.« »Was denn, was denn?« schalt der Merowing. »Steh auf, Mensch, und rede. Wer ist da?« – »Die Ostgoten! Das Heer Theoderichs! Sie sind unwiderstehlich!« – »Ist ja dumm! Was ist geschehn?« – »Du weißt, Herr, wir belagerten mit deinen Hilfsscharen Arles. Schon hatten wir die Oststadt bezwungen: heiß um die Rhonebrücke tobte bereits der Kampf. Schon glaubten wir den Tag gewonnen, da kamen sie uns in den Rücken draußen, vom Süden her, die ungezählten Scharen.« »Die Feigheit kann nicht zählen,« grollte Chlodovech, »der Mut will nicht zählen.« – »O Herr, wir und die Deinen sind nicht feige gewesen! Aber eher möchtest du mit deinem Schild der Flut des Meeres wehren, wann sie brausend über die Dämme steigt, als dem Angriff der Ostgoten. Von ihren weißen Schilden leuchtete ein augenblendender Glanz, in den Falten der lichtblauen Amalungenfahne rauschte der Sieg, unsre Herzen erschütterte ihr Schlachtruf: ›Theoderich und das Recht‹. Ihre beiden Führer, Herzog Ibba und ein Graf Vitigis . . .« – »Vitigis? Den Namen, mein' ich, hört' ich schon einmal. Jawohl! Der Elende hat mir die Ost-Alamannen entrissen!« – »Er warf alles vor sich nieder. Schwerwund liegt unser König von dieses Grafen Schwert. Wir wichen, hart verfolgt, weit nach Westen – bis Narbonne – zurück. Vor diesen Mauern ereilten uns die Feinde: wir wurden abermals geschlagen.« »Ah, Memmen!« knirschte der Merowing. »Die Stadt sperrte uns die Thore, ließ die Amalungen ein. Wir fliehen, den wunden König in Mitte, gen Norden, heimwärts nach Burgund. Komm und hilf und rette, was noch zu retten ist!«

»Was denn?« seufzte Chlodovech. »Wird nicht mehr viel zu retten sein – für euch! – Auf, meine Franken, laßt die Hörner durch die Lagergassen schmettern. Wir brechen auf. – Ah, verflucht sei jeder Stein der Mauern und alles Leben verflucht in dir, Carcassonne: da oben liegt der Hort der Goten, ich weiß es, ich schnüffle das Gold, wie der Wolf das Schaf: – und wie der Wolf vom Schafstall muß ich abziehen, weil die Hirten herlaufen mit Geschrei. – Auf, meine tapfern Franken, laßt uns gut machen, was diese burgundischen Weichlinge verdorben! Soll er denn wirklich ganz unbezwingbar sein, der Amalungen weißer Adlerschild? Laß sehen, ob meine Francisca ihn nicht diesem Vitigis zerspellt. Und du, Herr Christus der Katholischen, du wirst doch ihren Ketzer-Christus nicht siegen lassen? Das Gewicht der Leichen von Herzog Ibba und Graf Vitigis zusammen in Gold gelob' ich dir, Sankt Martin von Tours. Hilfst du mir nicht für solchen Lohn, – Martine, Martine! – dann kannst du nicht helfen!«


Aber Sankt Martinus entsprach dieser doch so eindringlichen Herausforderung seiner Wunderkräfte nicht. Es war, als ob ein Siegeszauber um die lichten Amalungenwaffen wob. Seitdem sie den Boden Galliens erreicht, drangen die Ostgoten unaufhaltsam vor. Von Chlodovech schien das Glück, das ihm so lange, treu wie eine zahme Taube, vorausgeflogen, urplötzlich gewichen.

Darüber machten sich wie große und kluge, so kleine und wenig eingeweihte Menschen im Frankenheer ihre Gedanken.

Chlodovech hatte, auf geschickt gewählten Wegen von Carcassonne nach Nordosten eilend, so lang er allein war einem Zusammenstoß mit dem Feind nach Möglichkeit ausweichend, die Vereinung mit dem burgundischen Heer angestrebt, das er bei Valence erwarten wollte. Vor den Thoren dieser Stadt, die bei seinem Siegeslauf ihm zugefallen war, also gedeckt für den Notfall durch ihre starken Mauern, wollte er auf dem Blachfelde, wo die Isère in die Rhône mündet, den Feinden das Überschreiten jener breiten Flußlinie wehren: – ein strategisch richtig gedachter Gedanke. Aber einzelne Rückzugsgefechte mit der ostgotischen Vorhut – Vitigis führte die unermüdlich verfolgende – waren nicht zu verhüten gewesen und in jedem hatte ›der tapfere Graf‹ gesiegt.

Am Abend vor der Schlacht saßen Gero und Frecho am Lagerfeuer, brieten einen eigentlich dem heiligen Amabilis von Riom gehörigen Hammel und tranken dazu den roten Wein, der in den Rebgärten der heiligen Galla von Valence hier in der Nähe gewachsen war. »Höre,« begann Gero, den gargebratenen Hammel in seinem Lindenschild mit dem Scramasachs zerlegend, »ich glaube, hättest du dich nicht schon so unvorsichtig rasch taufen lassen, – du ließest es jetzt bleiben.« »Warum?« fragte der Neubekehrte und goß vorsichtig aus dem gewaltigen thönernen Weinkrug in seine eherne Sturmhaube. »Weil es jetzt gar übel rückwärts geht mit unserm Herrn und seinem Herrn Christus. Seit diese verfluchten Ostgoten den Fuß ins Land gesetzt haben, lastet Unsieg auf uns. Gestern stand ich auf Vorwache, den Feinden gegenüber, nur durch den Fluß getrennt. Da sangen sie Spottlieder auf uns zu mir herüber. Nicht alles verstand ich. Aber diese Stäbe:

›Die freudigen Franken
Sind fromm und – frech:
Aber elend erliegen sie und erbärmlich
Der edeln Amalungen
Schimmerndem Schild
Und schwingendem Schwert.‹

Ich erzürnte mich, aber ich konnte nicht sagen: es ist gelogen. Ich weiß nur noch nicht recht, – reich' mir auch mal zu trinken! Du fängst öfter an zu schlucken als du aufhörst! – woher es kommt.« – »Beim Satan, es sind ihrer sehr viele. Und sie werden gut geführt.« – »Führt unser Herr auf einmal schlecht? Nein, nein! Entweder der arianische Christus ist besser als der katholische . . .« – »Nimmermehr!« – »Ja, wer weiß? Dann werd' ich Arianer . . .« – »Du stinkender Ketzer! Dann thu' ich nicht mehr den kleinsten Mord mit dir!« – »Oder es ist die späte Rache der alten Götter. Ist doch auch möglich. Drum bleib' ich noch bei ihnen.« – »Du bist dumm. Siehst du denn nicht, was der Hauptgrund ist, daß diesen Goten alles glückt, alles ihnen zufällt? Der ›Weise‹ in Ravenna ist schlau wie ein Altfuchs. Obwohl Arianer, hat er einen eifrig frommen Katholiken als Oberfeldherrn und Vertreter nach Gallien gesandt, diesen Herzog Ibba, der nicht nur den Kirchen und Geistlichen noch weniger als unser Herr einen Stein zerbrechen oder ein Haar krümmen läßt, – der, noch viel freigebiger als unser Herr, ihnen reichste Schenkungen zuwendet. Die Heiligen sind aber, wie Cautinus täglich predigt, gerade auf solche Bethätigungen der Frömmigkeit sehr aus: Ibba hat unsern Herrn überboten bei Sankt Martin und Sankt Hilarius, das ist alles. Und das darf man den heiligen Herrschaften auch nicht verdenken: denn Herzog Ibba ist ja auch katholisch, ja, schon viel länger als unser Rotkopf. So sind es doch wieder die katholischen Heiligen, welche die Dinge entscheiden und wenn du Arianer wirst, wirst du nicht nur in Ewigkeit von dem übeln Höllenwirt gebraten, – du hast es auch im Leben mit den einzig mächtigen Wunschgöttern – wollte sagen: Wunsch-Erfüllern – verdorben. Gieb den Wein herüber.«

»Hi,« lachte pfiffig Gero. »Wohl ist das schlau von dem Amaler mit der Wahl des katholischen Feldherrn: aber nicht wegen der Katholiken, die tot und im Himmel, wegen derer, die lebendig und in Gallien sind. Seit ein eifrig frommer Katholik uns bekämpft, sind unsere bisherigen willigsten und wichtigsten Helfer: die katholischen Priester in den Städten, doch in schlimmer Verlegenheit. Den Eid der Treue, den sie den Goten geschworen, haben sie zwar ganz munter gebrochen, solang sie zwischen den ›stinkenden‹ Ketzern und unserm rechtgläubigen Herrn zu wählen hatten. Aber ein Eid ist doch – sozusagen – kein Roßmist: man hält ihn doch – meist – lieber, als daß man ihn bricht.«

»Ja, ja,« nickte Frecho, vom Trinken absetzend, ganz bedächtig, »zumal, wenn nichts dabei herausschaut.«

»Sieh, sieh, Frecholein, du fängst an, mich zu begreifen: – hast dir also doch noch nicht allen Verstand versoffen. Also: da die Katholischen jetzt ihren Eidbruch gut machen können, indem sie zu einem noch viel mehr katholischen Herrn zurücktreten oder aber den Eid zu Gunsten eines Glaubensgenossen halten dürfen, so treten sie von uns zurück oder treten gar nicht zu uns über. Das ist der Grund, warum alles von uns abfällt oder nicht mehr zu uns übergeht.« – »Hm, mag sein. Auch hab' ich übrigens noch keinen Menschen solche Hiebe hauen sehen, wie diesen Grafen Vitigis.« – »Nu, da mußt du gute Augen haben. Denn du sahst ihn immer nur recht von ferne: – sobald er ansprengte auf seinem Braunroß, warst du ganz wo anders.« – »Soll sich – gieb mir die Keule des Hammels, hast sie schon halb aufgefressen!« – »Ja, und der Hammel des heiligen Amabilis hat mir Heiden nicht schlechter gemundet als dir.« – »Gieb her, sag' ich. – Soll sich ein rechtgläubiger Mensch von einem solchen elenden Ketzer über den Haufen reiten lassen? Man sagt, Wàllăda, sein braunes Roß, habe ihm König Theoderich selbst geschenkt. Und es sei ein Höllenroß, das alles niederrennt. Aber am Ende, wann der Gotenkönig zu sterben kommt, dann wird das Braunroß plötzlich zum Rappen, pocht mit dem rechten Vorderhuf an das Thor des Palastes in der Rabenstadt und holt den König ab in die Hölle, mit deren Wirt er diesen Vertrag geschlossen: Sieg im Leben, die Seele nach dem Tode der Hölle.«

Gero schüttelte den struppigen Kopf: »Das ist das Gerede deiner Geschorenen. Mit Wodan hat der große König in der Rabenstadt den Bund geschlossen: ›Sieg im Leben, dann Tod im Kampf und Aufstieg nach Walhall.‹ Auch König Childirich, unseres Herrn Vater, soll, so sagen und raunen unsere Alten, solchen Bund mit Wodan geschlossen und ein Siegesschwert von Siegvater erhalten haben. Aber niemand wisse, wo das verborgen liegt. Bei Wodan und Donar, – unser Rotkopf könnt's jetzt dringlich brauchen! Aber er weiß, – das sieht man! – offenbar nicht, wo's liegt. Und dann! Wird das Wodanschwert dem Abgefallenen, dem Christusdiener helfen? Allein,« fuhr der Heide leiser fort, sich umschauend, ob auch niemand lausche. »Man raunt noch ganz andere Dinge. Daß die Götter leben, glaubst auch du mit den Geschorenen.«

»Sie leben. Aber sie sind . . . sie brauchen's nicht zu hören, was sie sind« – und er flüsterte ihm ins Ohr –: »üble Wichte sind sie, Schädlinge.« – »Du! Das will ich nicht gehört haben! – Also, Chlodovech ist nur eines Meerwichts Sohn, doch König Theoderich des gewaltigen Donnergotts. Drum ist er gar friedlich: denn der Bauerngott liebt nicht den Krieg, der die Ernte zerstampft. Lange währt's, bis er, gezwungen, zum Schwerte greift. Dann aber fährt er in Götterzorn, dem nichts widersteht. So soll schon vor Jahren unser Herr bei einer Zwiesprach mit dem Amalung den durch lose Reden: – die hat er an der Zunge, du weißt!« – »Ja, so leicht wie die Mordaxt in der Faust.« – »So lang gereizt haben, bis es zum Kampf unter ihnen kam. Der Merowing vertraute dabei auf sein Erbteil von dem Meerwicht: die Hornschuppenhaut – mit jenen Borsten, die ich selbst gesehn. Und lange blieb der Kampf unentschieden. Sie rangen zuletzt Mann an Mann. Da fuhr Herr Theoderich in Götterzorn: Feueratem, Donars Erbe, blies er aus dem Munde, davor die Hornhaut unsres Herrn aus Niederland schmolz: Herr Theoderich zwang ihn: – der Einzige, der ihn je besiegt! – und schenkte ihm das Leben.« »Hm,« meinte Frecho, aufstehend, »diese dumme Geschichte hättest du mir nicht erzählen sollen: – am Abend vor der Schlacht. Ist ja nur falscher Heidenglaube! Aber ich hätt' es doch lieber nicht gehört. Da! Sauf' noch den Rest Wein. Sieht all' aus wie Blut! Mir ist der Durst vergangen. Hör's, Gott Donar, ich . . . ich habe fein nichts Böses von dir gesagt.«

 


 

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