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Chlodovech

Felix Dahn: Chlodovech - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleChlodovech
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
projectid53b9bf09
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XXXVII

Der Eine Tag, vielmehr der Eine Augenblick des Zusammenstoßes auf jenen Waldhöhen bei Vouglé schien das Schicksal des Westgotenreichs in Gallien entschieden zu haben.

Alarichs einziger Ehesohn, Amalarich, der Enkel des großen Theoderich, war ein fünfjähriger Knabe: da griff ein Bastard des Gefallenen, Gesalich, nach dem Königstab: er fand Anhang: der Knabe und dessen Mutter Theodegotho wurden von treuen Goten aus der Königstadt Toulouse über die Pyrenäen nach dem spanischen Gebiet des Westgotenreiches geflüchtet: – ihn ebenso vor der Mordgier seines Stiefbruders wie vor dem Kloster Micy zu schützen, in das der Herr Bischof von Poitiers noch am Abend des Schlachttages in Fesseln von Gero und Frecho abgeführt worden war: er staunte sehr, die ›Überläufer‹ als seine Bewacher auf der unfreiwilligen Reise wiederzufinden. Aber sein eignes Körpergewicht in Gold schenkte Chlodovech dem heiligen Hilarius von Poitiers, den er neben Sankt Martin von Tours zu seinem besonderen Schutzheiligen beförderte. Die reiche Gotenbeute machte es dem Sieger leicht, sein Gelübde zu erfüllen.

Indes sollte er erleben, daß der altgermanische Freiheitsgeist noch durchaus nicht aus seinen Heermännern gewichen war, so heiß sie ihren sieggekrönten und witzreichen, längst volkstümlich gewordenen König liebten.

Auf dem größten Platz in Poitiers, vor der Basilika des Schutzheiligen der Stadt, war alle Beute, die man auf den vocladischen Feldern und in Poitiers gemacht: Waffen, Gerät, Schmuck, Gewand, Gold in großen Haufen aufgeschüttet und vom König und von einigen durch das Heer erwählten Kriegern verteilt worden.

Der Anteil des Königs war nicht klein ausgefallen: freilich hätte er gern, wie dereinst in Soissons, mehr vorher auf die Seite gebracht. Aber das war diesmal nicht zu machen gewesen.

Als nun die Verteilung beendet, zumal das dem König Gebührende festgestellt war, fanden sich noch ein paar unverteilte Beutestücke auf den Stufen vor der Basilika. »Herr König,« meinte Cautinus und deutete auf eine prachtvolle Vase von köstlichem penthelischem Marmor edelster, griechischer Arbeit: – ihre Reliefs stellten die Hochzeit des Pluto mit Persephone dar, – »dieses hohe Kunstwerk darf nicht einem deiner barbarischen Schild- und Schädel-Spalter zufallen, der vielleicht jenes greuliche Gebräu aus verdorbener Gerste darin aufbewahrt, von dem ihr mehr trinkt als dem Heil eurer Seelen . . .« »Und Magen!« unterbrach Chlodovech, »frommt.«

»Wenn dein unwürdiger Knecht einiges Verdienst hat um den Tag von Vouglé . . .«

»Was denn? Was denn? Du warst der Oberfeldherr, der Planer, der Siegvater: – du warst der Wodan des Tages. Verzeih, ehrwürdiger Mann, den Vergleich.« – »Nun, dann schenk' mir die Vase für die Kirche meines künftigen Bischofsitzes. Sieh, diese Vermählung da wird dann meine mystische Ehe mit jener Kirche bedeuten.« Chlodovech warf einen Blick auf das Relief: »He, he,« lachte er dann, »die Braut gefällt dir wohl? Schade, daß sie von Stein ist, nicht wahr? Nun, du hast zwar auch die dem armen Mönch von Micy, – dem ehemaligen Bischof Theodor, – zugedachte Gotin genommen – hätt' sie lieber mir – will sagen: Frau Hrothehild – als Magd zugesellt! – aber ein König soll nicht knausern. Der Krug ist dein. He, freie Franken, ihr habt doch nichts dagegen? Ich verlange diesen Krug noch zu meinem Beuteteil!«

Da schritt von dem Platz unten die Stufen der Basilika, wo der König, der Priester und der Krug standen, herauf ein schlichter Heermann, in unansehnlichem Gewand, ein ungegerbtes Büffelfell, die Haare nach innen, als Mantel, in schmucklosen Waffen, ohne Sturmhaube, Brünne und Schild, nur die Francisca in der nervigen Faust: ein mächtiger, brandroter Bart wogte über die nackte Brust bis an den Wehrgurt: er war etwa sieben Fuß lang. »Nein,« rief er mit dröhnender Stimme, »nein, Herr König! Daraus wird nichts!« Chlodovech ward vor Heißzorn so rot wie sein Haar. »Was denn? Was denn?« stammelte er hervor, »ist ja . . .« Doch er fing das Wort. »Was soll das heißen?« – »Das soll heißen, daß den ›freien Franken‹, wie du uns – zum Spott, so scheint es! – nennst, schon lange gar vieles nicht gefällt, was du, ohne sie zu fragen, thust. Konigsübermut und junge Giftnattern muß man bei Zeiten zertreten, bevor sie ausgewachsen sind. Schon daß du die alten Götter verließest, hat uns Männer im alten Land der Kannenefaten wenig gefallen. Mein Ahn . . .« – »Wie heißt du?« – »Brinno, wie mein Ahn: der stammte von dem rotbärtigen Donnergott. Noch singen sie von ihm in unsern Höfen, wie er gen Walhall aufgestiegen, der treue Mann, der starb für deinen Ahn, den Bataver mit dem römischen Namen: – aber gegen die Römer kämpfend – und mit jener Jungfrau Véleda, die Wodan unter die Walküren nahm. Aber sei's drum! Glaube an den Gott, der sich selbst nicht einmal vom Kreuzgalgen retten konnte. Doch du sollst lernen: ›Volksrecht geht über Königsmacht‹. Und nachdem du dein vollgemessen Beuteteil erhalten – beim Strahle Donars – mehr erhältst du nicht!« Und damit hob der Riese die Francisca und schlug das köstliche Gefäß in hundert Scherben. »Was denn?« schrie Chlodovech und fuhr ans Schwert. Aber tausendstimmig riefen da vor den Stufen die freien Franken – Kannenefaten waren's hier meist und Bataver: – »Heil, Heil! Recht hat er gesprochen. Recht hat Brinno gethan.« Und drohend hoben sie die Waffen.

Chlodovech war ganz bleich geworden: er stieß das halbgezückte Schwert in die Scheide zurück. »Ja, er hat recht, ihr freien Franken. Ich dank' ihm für die Lehre. Werde sie nicht vergessen! – He, guter Freund, wie heißest du doch? Brinno? Gut, den Namen muß man merken.«

 


 

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