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Chlodovech

Felix Dahn: Chlodovech - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleChlodovech
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projectid53b9bf09
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XXX.

Ohne viel Mühe und in kurzer Zeit hatte Chlodovech die neu erworbenen Lande, selbst die Alamannen, so fest an sich geknüpft, daß er alsbald einen lang gehegten großen Plan ins Werk setzen konnte: den umfassendsten seit dem Tag an der Lauter.

Aber schlau berechnend, wie er, bei allem tapfersten Wagemut, war, unterließ er doch nicht, für ein Unternehmen, bei dem er ziemlich wahrscheinlich auf die mächtigste Macht jener Zeit im Abendland stoßen mußte, Bundesgenossen zu werben.

»Was ist dir, Chlodovech?« forschte Frau Hrothehild eines Nachts, da sie wiederholt sein unruhiges Umherwerfen auf dem Lager und tiefe Seufzer, schwere Atemzüge geweckt hatten. »Fehlt dir etwas, Chlodovech?«

»Ja!« kam die zögernde Antwort. Erschrocken richtete sie sich auf, aus Stein und Stahl Funken zu schlagen, die Ampel zu entzünden.

»Laß nur!« mahnte er lachend, »es muß noch im Dunkeln bleiben.« – »Sprich, was fehlt dir?« – »Gallien: von der Loire bis an die Pyrenäen!«

»Nun, wenn's weiter nichts ist,« meinte die Königin und legte beruhigt das Haupt wieder auf das Kissen. – »Oho! Was denn? Das ist sehr viel!« – »Aber es schmerzt nicht.« »Doch, bitter, heiß! Es verzehrt mich. Nun horch' auf! der Schlaf ist doch verscheucht. Und du bist, klugfrommes und frommkluges Hrothehildelein, (– wie du das nur so fein verbinden kannst? bist eben ein Weib! –) du bist doch meine beste Beraterin und meine einzige Vertraute (woraus nicht folgt,« dachte er lächelnd, »daß sie gerade alles von Gerolein und Frecholein und von schön Wintrud wissen muß!). Also vernimm nun meine Wünsche, Schmerzen und Heilmittel. Es ist ja ein kläglich schmales Land, über das ich herrsche.« – »Nun: von der Loire bis an den Zürichsee und von der Waal bis an die Quellen des Rheins!« – »Ah, ich ersticke, wie in einem zu engen Gewand. Burgund muß ich haben und all' Westgotien diesseit der Pyrenäen.« Erschrocken fuhr die Königin wieder auf: »Soll ich nicht doch lieber Licht machen? Und Alexandros rufen lassen, den frommen Arzt?« – »Was denn? du meinst, ich red' im Fieber? O nein. Wer nicht nimmt, was er nehmen kann, ist, . . . ist ja dumm!« – »Aber das Nehmen wird diesmal nicht leicht sein. Denn hinter Gundobad und Alarich steht . . .« »Was denn?« rief der Ehegatte geärgert. »Weiß schon! Der große Held, vor dem sich alle bücken – und ich mich auch noch – eine Zeit lang.« »Der weise Friedenskönig zu Ravenna!« »Ah, wie ich sie hasse, diese Redewendung! Wie,« flüsterte er, als ob ihn hier sogar ein Späher hören könne, »wenn er nur deshalb so friedlich ist, weil er spürt, daß es weise ist, friedlich zu sein, wenn man nicht so stark ist, wie man scheint? Aber das ist eben das, was ich noch nicht weiß: wie stark ist er? Aus eurem dicken, heiligen Buch hast du mir manchmal was vorgelesen . . . (– wieder einmal! Ich wunderte mich oft – vor meiner Erleuchtung – wie lang du's aushieltst! Länger als ich das Zuhören! –) von einem Riesen mit thönernen Füßen: ei, wenn? Herr Theoderich . . .? Nun, das müssen wir eben erproben, aber ohne über der Probe zu Grunde zu gehen. Also allein konnte ich's deshalb weder gegen die Burgunden noch gegen die Westgoten wagen: einen dieser Könige mußte ich dafür gewinnen, mir gegen den andern zu helfen. Und ich habe einen gewonnen.« »Das erste, was ich höre.« – »Ja, liebe Frau Reichskanzlerin, – du bist es mehr als mein alter Leontius! – ein paar Sachen muß ich doch früher wissen als du.« – »Nun, wen hast du bethört, . . . gewonnen, wollt' ich sagen?« Chlodovech schmunzelte: »Ist dasselbe. – Den Burgunden, deinen lieben Oheim Gundobad.« – »Wie, meinen Feind? Den du bekämpft hast?« Er zuckte die Achseln: »Könige bekämpfen sich, Könige verbinden sich, wie sie der Vorteil treibt. Oder doch, was sie dafür halten. Nun höre. Ich mußte feststellen, welcher von den beiden der leichter zu bezwingende Feind, welcher der wertvollere Verbündete ist. Da fügte sich's glücklich, daß einer der beiden mich selbst zu sich einlud . . .« »Der Westgote,« nickte die Gattin. »Ja, Alarich des großen Eurich kleiner Sohn: daß er das ist, bewies schon jene Einladung: er erbat meinen Besuch gar demütig: – offenbar aus eitel Furcht vor meiner so rasch emporschießenden Macht. Er wollte mich an sich ziehen. Der Tag, den ich mit ihm auf jener Loire-Insel bei Amboise, die den Namen des heiligen Johannes trägt, schmausend und trinkend verbrachte, genügte mir vollauf, die Schwäche, die Verzagtheit des Mannes zu durchschauen. Wir schieden unter den Beteuerungen von Frieden und Freundschaft: aber ich hatte schon zwei Stunden vorher beschlossen, ihn zu verderben. Noch auf der Rückreise hierher begann ich geheime Verhandlungen durch vertraute Boten mit Gundobad. Es gelang – nicht eben leicht: denn er ist so klug, wie falsch, – ihn zu überzeugen, sein Vorteil liege darin, mit mir gemeinschaftliche Sache zu machen: ich versprach, alles den Goten abgenommene Gebiet je zur Hälfte mit ihm zu teilen, – und wie reich sind jene üppigen Lande von der Loire bis an die Rhone und beide Meere und die Städte Orléans, Tours, Poitiers, Clermont, Limoges, dann Bordeaux, die Perle der Garonne, und gegen die Pyrenäen hin Agen, Cahors, Toulouse, Arles, Nîmes, Marseille! Ei, ich kann nicht mehr einschlafen, sag' ich mir all' die Namen vor. Und unablässig muß ich mir sie vorsagen! Den Burgunden aber, scheint es, zwingt derselbe Zwang der Begier. Der Thor! Als ob ich jemals halbe Arbeit thäte! Als ob nicht der ›Weise zu Ravenna‹ ganz recht darin hätte, allen meinen Nachbarn das Zusammenstehen gegen mich zu raten. Sobald ich Alarich mit Gundobads Hilfe niedergeworfen, kommt mir der Burgunde an die Reihe! Werd' ihm die Hälfte der Beute lassen! Hei, sein eigen Land nehm' ich dazu. Nach mehreren Botensendungen trafen wir uns zuletzt . . .« – »Ei sieh! Alles hinter meinem Rücken. Wo? Wenn ich nun fragen darf?« – »Gewiß, darfst du – jetzt – fragen. Und ich werde sogar antworten. Die Wahrheit noch dazu! Es war in Auxerre.« – »O du Schlimmer! Und du gabst vor, du wollest dort auf Füchse jagen!«

»Was denn? War ja wahr! Den schlausten alten Brandfuchs fing ich mir dort ein.« – »Ich liebe dich, mein Chlodovech, um dein kühnes, großes Planen. Allein verlangt nicht die Treue . . .?« – »Was denn? Ist ja dumm! – Du vollends solltest fleißig beten, daß mir alles gelinge. Sind ja schnöde, verruchte Ketzer, Arianer, diese Goten, die dem Herrn Christus nicht die gebührende Ehre erweisen, die Verruchten, Ich will sie . . .!« – »Aber, Chlodovech, deine Helfer, die Burgunden, sind ja auch Arianer!« – »Was denn? Ja so! Daran hab' ich noch gar nicht gedacht. Aber, siehst du, wie recht ich habe? Nach den Goten kommen auch die daran. Ich kämpfe für den rechten Glauben! Das muß selbst dem nahezu schon heiligen Remigius einleuchten und gefallen.« – »Jedoch,« meinte die Königin bedenksam, »werdet ihr Verbündeten auch mit Alarich fertig . . .«

»Ich zweifle keinen Augenblick. Ei, gings doch morgen schon in die Schlacht. Mich juckt der rechte Arm!« – »Dann habt ihr's zu thun . . .« – »Mit dem verfluchten Tugendschwätzer zu Ravenna und seinen ungezählten Tausendschaften.« – »Gewiß, der Herr Christus wird dir auch gegen diesen dritten Arianer beistehen. Indessen . . .« – »Du hast ganz recht! Darauf allein soll man sich nicht verlassen. Beten ohne Fechten ist fromm, aber frommt nicht. Deshalb – aber das ist von allen Geheimnissen dieser Nachtstunde das geheimste! – deshalb hab' ich, falls der Ostgote losschlägt, gegen diesen Feind mir schon einen andern Verbündeten gesichert. Nun rat' einmal, du kluge Königin.« »Hm,« meinte sie überlegend, »der Vandale in Afrika kann's nicht sein. Thrasamund ist des Ostgoten Schwager und die schöne Amalafrida . . .« »Ist ebenso mächtig durch ihren Geist wie durch ihre Schönheit. Nein! So hoch fliegen deine Gedanken gar nicht, wie das Ziel liegt, das meine Staatskunst schon hierbei erreicht hat. Vernimm denn: Byzanz, – Kaiser Anastasius selbst – wird mir helfen gegen Theoderich.« – »Nicht möglich! Im Auftrag, mit Willen von Byzanz beherrscht ja der Gote Italien.« – »So lange Byzanz es nicht ändern kann! Sobald es die Macht hat, den Vertrag zu brechen und Italien zurückzuerobern, hat es dazu den Willen und – mit der Macht – das Recht. Also: falls Theoderich seinem Eidam Alarich zu Hilfe zieht, – aber ich hoffe, mit dem fertig zu sein, bevor ein ostgotischer Helm auf den Höhen der Seealpen auftaucht – landen drei mächtige Kriegsflotten des Kaisers drei gewaltige Heere bei Rom, Neapel und Ravenna, und dann wehe den Ostgoten, wenn Byzanz seine Hunnen auf sie losläßt!« – »Und du vertraust dem Wort des Kaisers?« – »Was denn? Gewiß!« – »Warum?«

»Weil es sein eigner Vorteil ist, es zu halten! Aber diese Reden haben mich so heiß erregt: – mir brennt der Kopf. Es dämmert auch schon leis im Osten. Heraus aus den Decken! Ich eile in den Hof, mich im Speerwurf zu üben: – jeder Wurf gilt Alarich! Schlafe noch, schöne Königin: – bald auch von Westgotien und Burgund.«

 


 

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