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Chlodovech

Felix Dahn: Chlodovech - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleChlodovech
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
projectid53b9bf09
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XXVI.

Bald nach der Taufe führte der Bekehrte mit seiner klugen und thateifrigen Königin ein wichtig Gespräch, zu dem Ansovald beigezogen war. »Ihr seht,« begann er, »bisher haben die Heiligen – wie ich also nun nachträglich einsehe! – mich von Erfolg zu Erfolg, von Sieg zu Sieg geführt, was eigentlich sehr schön von ihnen ist, da ich fort und fort nicht ihnen, sondern den Göttern dafür dankte. Nach des Syagrius Gebiet erwarb ich durch freiwilligen Anschluß Aremorica, Paris und viele andere Städte, ebenso die niederrheinischen Thoringe und Ein Tag gab mir ganz Alamannien bis auf die paar Gaue, die der verwünschte Amaler mir vorenthält. Das ist nun wieder gar nicht hübsch von deinen – will sagen unsern – Heiligen, daß sie dem solche Macht verstatten: ist er doch ein schnöder, falschgläubiger Ketzer, ein Arianer, der noch nicht einmal eingesehen hat, daß der Herr Christus und Gottvater eins sind! Der verstockte Sünder, der!

Also schöne Erfolge: – doch noch lange nicht genug! Da hocken um mich herum, in nächster Nähe, mehr als sechs salische Gaukönige und ein uferfränkischer in Köln und hemmen überall meinen Schritt über meine Grenzen und nehmen mir die Luft zum Atmen. Die müssen fort, alle miteinander! Ein kleiner König ist gar kein König!

Zu dem aber: nicht an mich allein denk' ich, – auch an das Wohl der Franken! Ich darf sagen, daß ich viel klüger bin und bessere Herrschaft führe als all' die andern: es wird ihren Gauen gedeihlicher gehen unter mir. So denken die Leute dort selbst. Mancher schon hat in solchem Sinne zu mir geredet. Die Zeit für diese alten Gauverbände, diese kleinen Volkssplitter ist vorüber: sie paßte in die Urwälder rechts vom Rhein, wo tageweites Ödland – wegloses, – die Siedelungen trennte: nicht für dies Gallien, wo Dorf an Dorf, Stadt an Stadt sich reiht. Die Zeit ist reif, die kleinen Tropfen zusammenrinnen zu lassen: wer das erkannt hat und unternimmt, der ist Herr in Gallien: von selbst, nach nur leisem Rütteln, fallen ihm die reifen Früchte in den Schos! Wohlan, ich hab's erkannt und will's vollenden! Was denn?«

Beide Hörer nickten Beifall, nicht ohne Bewunderung des hellblickenden und kühnen Geistes. Aber die Königin sprach: »Und Eines, mein Chlodovech, hast du dabei ganz beiseite gelassen: das Wichtigste, Heiligste: alle deine Nebenkönige sind Heiden: du allein vertrittst die katholische Lehre. Ohne Zweifel wirst du bald anfangen, in deinen bisherigen Landen den Götzendienst zu verfolgen, auszurotten . . .«

Chlodovech blies wieder einmal hörbar vor sich hin: »Puh! Was denn? Fällt mir nicht ein. Laß doch jeden glauben, was er mag. Soll ich meine tapfern Heiden erboßen gegen mich? Ist ja dumm. Und Frau Basina! Und mein Versprechen, dem sterbenden Vater gegeben: hab' dir oft davon erzählt.«

Aber die Königin beharrte: »Der wahre Glaube kann den falschen nicht neben sich dulden.« »Frau Königin,« warf Ansovald ein, »wenn das christlich ist, – so ist's nicht schön. Solchen Schwur hab' ich mit der Taufe nicht angenommen.« »Nun wohl,« meinte die Königin, geschickt ausweichend, wo sie noch nicht hoffen konnte, durchzudringen, »auch ohne Verfolgung werden die Heiden in jenen Reichen eher unter einem katholischen als unter einem heidnischen König für das Evangelium zu gewinnen sein. Drum vor allem billige ich deine Pläne und werde die Heiligen anflehn, sie durchzuführen!« »Ach nein,« lachte Chlodovech, »das werd' ich doch wohl schon selbst in die Hand nehmen müssen. Ich mache so was nicht so heilig, aber rascher, kräftiger. Ich besorge, die Heiligen würden nicht alle die Wege wandeln wollen, die doch allein zum Ziele führen. Auch braucht's mehr Schlauheit, als ich den meisten Heiligen zutraue: Zöllner, Fischer, was werden die viel von Königskunst verstehen? Endlich leben sie ja alle schon so lang im Himmel, daß sie kaum noch wissen werden, wie's hier unten zugeht: – gewiß ganz anders, als dort, wo sie immer nur beten und Psalmen singen. Nun merk' auf, Ansovald, wie ich mir die Sache, die Reihenfolge ausgetüftelt habe. – Es versteht sich, daß wir mit der leichtesten Arbeit anfangen, und an die schwerste zuletzt gehen.« – »Warum?« – »Was denn? Ist ja klar. Jeder Gau, den ich gewonnen, verstärkt sofort mit seinen Speeren mein Heer, so daß ich, von Stufe zu Stufe immer mächtiger werdend, so gewachsen zuletzt auch dem Mächtigsten überlegen bin. Wir fangen an mit dem leichtesten Werk: mit Ragnachar von Cambrai.« »Aber, Herr,« warf Ansovald ein. »Der ist doch damals mit uns gegen Syagrius gezogen!« – »Was denn! Das dank' ihm der üble Höllenwirt! Er hat's doch nur aus Furcht vor uns gethan. Und überdies bekam er seinen Anteil an der Beute.« – »Wenigstens an der Fahrhabe, nicht am Lande!« »Auch noch? Schon die vielen tausend schönen Solidi wurmten mich,« grollte Chlodovech. – »Merk' auf: sein Heerbann ist der schwächste unter den Saliern. Überdies haßt ihn sein eigen Heer, weil er außer andern Lastern der Habgier fröhnt, – der Freude an den Solidis, was man doch nicht soll: nicht wahr, fromme Königin? Das geht wohl gegen das sechste Gebot? – Nein, nein gegen das zehnte! – Er und sein Freund und Kämmerer Farro, mit dem er jeden Raub teilt, nehmen was ihnen beliebt und gelüstet den Unterthanen mit Gewalt. Nach jedem solchen Griff pflegt er zu sagen: ›So, das ist gerade recht für mich und meinen Farro.‹ Ich meine immer, wenn man bei seinen Großen ein wenig vorbohrt mit Geschenken, lassen sie ihn gern im Stich mitten in der Schlacht: es wird da gar nicht viel Eisen brauchen, nur ein wenig Gold. Und auch das Gold . . .?« Er lächelte pfiffig vor sich hin und blinzelte mit den kleinen blaugrauen Augen. »Und welchen Grund zur Kriegserklärung wirst du angeben?« fragte die Königin. »Grund? Was denn? Ich bin der Stärkere. Ist das etwa kein Grund? Übrigens: – du bist eine kluge Frau! Für diesmal hast du recht! Ich habe ja den allerlieblichst tönenden Grund, den man sich denken kann. Ich komme als Retter und Befreier seiner Unterthanen von dem Räuber und Bedrücker. Das muß die Heiligen doch zu Thränen rühren und zur Segnung meiner Waffen!«

»Und wer kommt nach ihm an das Messer . . . an die Reihe, wollt' ich sagen?« verbesserte Ansovald.

Der Merowing lachte vergnügt: »Thu' dir keinen Zwang an in deinen Worten: bin nicht empfindlich. Der zweite wird jener elende Chararich von Thérouenne.« – »Der soll aber geliebt sein von seinen Leuten. Was willst du gegen den vorbringen?« – »O der Klügling! Er hat mir damals den Beistand gegen Syagrius versagt. Das soll er nun büßen.« »Nun,« meinte der Antrustio, »dem andern hat der geleistete Beistand auch nichts genützt. Und der dritte?« – »Den weiß ich selbst noch nicht. Kommt Zeit, kommt Rat. Hab' nur keine Angst, daß ich einen vergesse und übrig lasse. Da, auf diesem Zettel, hab' ich sie mir alle aufgeschrieben. Es ist ein ganzes Rudel dem Tod geweihter Könige.« »Und fast alle deine Gesippen!« meinte Ansovald. »Bah, ich bin Christ. Nur den Heiden gilt als höchster Frevel, Gesippenblut zu vergießen. Ich bin Christ: sie sind elende, nichtswürdige Heiden, also Christi Feinde, also auch die meinen. Nieder mit ihnen: – im Namen des Herrn!«

 


 

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