Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Chlodovech

Felix Dahn: Chlodovech - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleChlodovech
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid53b9bf09
created20070520
modified20160412
Schließen

Navigation:

XXI.

Nicht nach Wunsch war die geplante Überraschung gelungen: König Chnodobert hatte früher als Chlodovech gehofft Nachricht von den Rüstungen der Uferfranken – seiner nächsten Nachbarn – erhalten und hieraus Verdacht geschöpft: – der altersschwache König Sigibert hatte laut mit baldiger Rache für sein lahmes Bein geprahlt –: so hatte der Alamanne rascher als die Angreifer vermutet die Heerbannleute seiner Gaue im Elsaß, im Schwarzwald, am Neckar, in der Schweiz herangebracht: die östlicheren freilich fehlten. Aber ohne deren Eintreffen abzuwarten, eilte der riesenhafte Recke den Feinden entgegen: der ruchlose Überfall, der rechtlose Friedensbruch hatte ihn aufs höchste erbittert! er hatte dem suebischen Kriegsgott Tius das Gelübde geleistet, alle Gefangenen ihm als Opfer zu schlachten, auch die erbeuteten Rosse zu ungeheurem Opferschmause zu verwenden. Rastlos riß er die Seinen mit sich fort und da auch die Verbündeten die Entscheidung suchten, bevor jene Ost-Alamannen eingetroffen, stießen die sich Suchenden gar bald aufeinander. Im Elsaß war's: im Gelände der Lauter, da, wo etwa hundertzwanzig Jahre später eine Burg gebaut wurde: ›Weißenburg‹ ward sie genannt und hat auch später noch gar manchen Kampf geschaut. –

Heiß tobte an heißem Sommertag die Schlacht: das Flüßchen ging rot von Blut.

Die Alamannen hatten die Nacht vorher auf dem Galgenberg, auf dem rechten, dem Nordufer, gelagert: ihre Spähereiter jagten am Morgen in das Lager zurück und meldeten, die Franken rückten eilig heran: die dichten Wälder, die damals noch alles Land westlich der Lauter bedeckten, hatten ihren Anmarsch verborgen: Chlodovech hatte die Feinde überrumpeln wollen: das war mißlungen. Sofort rief das Auerstierhorn, das ihr König über der Schulter trug, die Alamannen zum Aufbruch.

Gleichzeitig blitzten schon hell auf einem Berge des linken Ufers – den ›Geißberg‹ nannten ihn die Umwohner, die ihre Ziegen auf die grasreichen Hänge des Bergwaldes klettern ließen – die Speerspitzen und die Schlachtbeile der Franken in der Morgensonne. Chlodovech, der den Römern manches ihrer Kriegskunst abgesehen hatte, was ihm zu seinen Siegen erheblich nütze war, erkannte sofort die Bedeutung dieser steilen Höhe: er stellte hier eine Kernschar, – Bataver waren's und Sugambern – als Rückhalt für alle Fälle – auf. Und da er die Kampfgier – und Raubgier! – seiner Krieger kannte und fürchtete, allzufrüh würden sie, um an Sieg und Beute vollen Teil zu haben, ihre Stellung verlassen und sich in das Gewoge im Thale stürzen, bedrohte er jeden Mann mit dem Tode, der den Berg verlasse, bevor der König diese Schar herbei befehle. Dem alten König Sigibert überwies er den rechten südlichen, dessen Sohne, Chloderich, den linken nördlichen Flügel: er selbst führte im Mitteltreffen seine Salier zum Angriff.

Chnodobert dagegen verschmähte – in altgermanischer, von den Ahnen vererbter Weise! – jeden Gedanken an ein mögliches Scheitern des Angriffstoßes seines Keiles und daher auch jede Deckung des Rückzugs, jede Aufsparung eines Rückhalts zur Aufnahme der Geworfenen. Vielmehr riß er auch den letzten Mann in seinem Lager mit sich fort zu wütendem Anlauf. So rasend rasch stürmten die Alamannen heran, daß sie das Flüßchen gleichzeitig mit den Franken erreichten, obwohl es vom Galgenberg eine halbe, vom Geißberg wenig mehr als eine viertel Meile entfernt rinnt.

Wie auf dem rechten Ufer, so begann mitten im Flusse der Kampf. Denn beide Schlachtreihen stürzten sich, Fußvolk wie die wenig zahlreichen Reiter, in das brückenlose Wasser: in den Fluten selbst wurden sie handgemein, schwimmend, viele auf den Schilden liegend, und dabei die bewehrte Rechte schwingend, oder stehend im Wasser, das oft bis nah an den Mund reichte.

Da entdeckten die Alamannen – sie zuerst – links und rechts von Chlodovechs Mitteltreffen je eine Furt: – die alamannischen Umwohner hatten sie den Stammgenossen gewiesen: – auf diesen Furten drangen starke Scharen von ihnen auf das linke Ufer und fielen den Uferfranken in die Flanke, ja auch schon in den Rücken. Betäubendes Geschrei schlug von beiden Seiten an das Ohr Chlodovechs, der auf seinem Rotroß, seinen Reitern voraus, das rechte Ufer erreicht und die Feinde hier zurückgedrängt hatte: er sah erschrocken zurück: kein Zweifel! Das war das Siegjauchzen der Alamannen! Er sah die Uferfranken weichen! Nun drohte ihm selbst im Mitteltreffen dringendste Gefahr, von beiden Seiten, auch vom Rücken her, umfaßt zu werden.

Knirschend vor Zorn warf er das Roß herum und befahl seinen Reitern, durch das Wasser auf das linke Ufer zurückzujagen, den Uferfranken zu Hilfe. »Hei, sie verdienen 's nicht, die Tölpel! Aber es gilt, uns selbst zu retten.« Und nun wälzte sich das Ganze über den Fluß hinüber auf das linke Ufer.

Einen Augenblick machte den weichenden Uferfranken das Eingreifen der Salier Luft. Aber da sahen sie zu ihrer Linken Chloderich durch das bloße Ansprengen von König Chnodoberts wuchtigem Hengst mit seinem Gaul zusammenbrechen: gleichzeitig verschwand auf ihrer rechten Flanke ihre Königsfahne und der alte König selbst: – da war kein Halten mehr! Fechtend zwar und in guter Ordnung, Vater und Sohn, – beide verwundet – in der Mitte tragend, wichen sie unaufhaltbar gegen den Geißberg zurück.

»Flieg', Ansovald!« donnerte Chlodovech, »flieg' auf den Berg. Hole die Bataver und Sugambern. Rasch, sonst ist's aus! Wodan, o gieb ihm deinen Flugmantel. Komm, Guntbert! Hierher an meine Seite! Spreng' an mit mir auf jenen Keil da links! Der Riese an seiner Spitze wird wohl der König sein. Den will ich . . .!«

Aber es gelang nur langsam, vorwärts zu kommen durch die dichten Massen von Freund und Feind. Und als Chlodovech jene Königsschar der Alamannen erreicht hatte, stieß er auf furchtbaren Widerstand. Vergebens schmetterte er mit seiner scharfen Francisca einen nach dem andern nieder: sofort schloß sich die Lücke wieder: denn es waren die Gefolgen des Königs, die hier kämpften. Und heiß sehnsüchtig richtete Chlodovech dazwischen durch immer wieder die Augen nach dem Berge, von wannen die Rettung kommen sollte.

Umsonst!

Wohl mußte er sich sagen, daß sein Bote die dort Harrenden unmöglich schon könne erreicht haben. Aber sie sahen doch deutlich, wie dringend man sie hier unten brauchte! Wie schalt er nun seinen eignen Befehl, der sie da oben – bei Todesstrafe – festbannte. »Helft, all' ihr Götter! Ich opfr' euch hundert Rosse!« schrie er, zornig gen Himmel blickend und abermals das Schlachtbeil auf eine eherne Sturmhaube schmetternd. Da – Entsetzen! Da zerbrach der Schaft. »Meines Vaters immer sieghaft Beil,« schrie er außer sich, und warf den nutzlosen Stumpf in seiner Hand drohend gegen die Wolken. »Welch arges Zeichen! Ihr Götter, ist das eure Hilfe? Reicht mir Speere! Speere her!« Mit zwei Speeren in der Rechten sprengte er abermals vorwärts. Sein Hengst, aus mehr als einer Wunde blutend, gehorchte kaum noch dem Sporn. Da scholl ihm gegenüber aus einem dichten Knäuel von Reitern eine mächtige Stimme: »Platz! gebt mir Raum, Schildgenossen. Da seh' ich die rote Fahne des Merowing! Die hol' ich mir!«

König Chnodobert brach aus den Seinen hervor: seine Wurflanze flog: der Bandalar der Salier fiel, das Banner verschwand. Laut jauchzten die Alamannen. Sofort riß Guntbert die Fahne aus der Hand des Sterbenden, schwang sie hoch empor und rief: »Hie Wodan und Chlodovech!« »Hie Donar!« rief der sieben Fuß lange Riese und warf einen zweiten Speer: abermals verschwand das Banner, denn Guntbert stürzte, schwer getroffen, vom Roß.

Chlodovech sah's: laut schrie er auf vor Wut, so laut, daß der Alamanne es hörte durch alles Getümmel der Schlacht: »Hierher, König! Dich ruft Chlodovech, der Merowing! Speere! Reicht mir Speere!« Der andere wandte ihm den mächtigen Rappen zu: »Ah, Friedebrecher, Landräuber. Warte!« »Wodan hilf!« flehte Chlodovech. »Nur bei diesem Wurf! Dir vertrau' ich ganz!«

Seine Lanze flog gleichzeitig mit der des Feindes: aber krachend zersplitterte sie an dem erzbeschlagenen Schild des Alamannen in viele Trümmer, während dessen Wurf dem Franken mit solcher Wucht den Helm vom Haupte schmetterte, daß der halb Betäubte fast aus dem Sattel geflogen wäre. Aber im selben Augenblick stürzte sein Hengst tot zu Boden. Nahezu hätte er den Reiter unter sich begraben. Mit knapper Not machte er sich los von dem Tier. Da stand er nun allein, weit vor seinem Fußvolk – seine nächsten Mitkämpfer zu Pferd lagen tot oder wund – und schon sprengte der Hüne auf ihn ein, das ungeheure Hiebschwert schwingend. Da schrie Chlodovech in höchster Not: »Gott Hrothehildens! Rette mich und gieb mir den Sieg: Und – ich schwör's – ich laß mich taufen! Dir vertrau' ich. Hilf!« Und mit der Linken an das Christusbild, unter der Brünne an der Brust, drückend, holte er mit der Rechten aus, mit gewaltigem Wurf seinen letzten Speer zu versenden.

Und der Speer – traf: er drang dem Riesen gerade oberhalb der Brünne in die Kehle und fuhr im Nacken wieder heraus: der Gewaltige sank, rasselnd in seinen Waffen, rücklings vom Gaul, der, des Reiters ledig, in weiten Sprüngen zurückjagte, Schrecken und Trauer tragend in die Reihen der Alamannen.

»Sieg!« jubelte Chlodovech. »Herr Christus, ich bin dein! Jetzt schaff' mir noch ein frisches Pferd.« »Hier, König, nimm das meine!« rief Ansovald, abspringend. »Du? Du zurück?« sprudelte Chlodovech hervor im Aufsteigen. »Wo sind sie? Bringst du sie nicht?« – »Habe sie schon gebracht! Dort sind sie! Hörst du sie!« Mit brausendem Schlachtruf brachen da Bataver und Sugambern in die rechte Flanke der Alamannen.

Diese, schon stundenlang im Gefecht, von der Hitze erschöpft, hielten dem Anprall frischer Truppen – auserlesener Krieger – nicht stand. Das Gerücht von dem Fall ihres Königs erreichte einstweilen auch jene Scharen, die nicht Augenzeugen gewesen waren: sie wankten, sie wichen, sie ließen von der Bedrängung der Uferfranken ab. Die aber wetzten eifrig ihre Scharte aus: von der Verteidigung gingen sie rasch zum Angriff über und nun von Uferfranken, Batavern, Sugambern und von Chlodovechs Fußvolk von allen Seiten her angefallen, warfen die Alamannen die Waffen weg und flohen.

»Verschone uns,« riefen, die ihn kannten, Chlodovech zu, »unser König ist tot: sei du unser König. Wir sind dein!« Gern hätte der sie zur Rache alle erschlagen lassen: denn er war der Verzweiflung recht nahe gewesen. »Aber was denn? was denn?« flüsterte er Ansovald zu. »Ist ja dumm! Brauche sie demnächst gegen – nun, gegen andre Leute.«

Und so gebot er denn, der Waffenlosen zu schonen.

Nur die Gefolgen des gefallenen Königs verweigerten die Ergebung: sie wollten ihren Herrn nicht überleben und kämpften fort, bis der letzte Mann erschlagen lag.

 


 

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.