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Chlodovech

Felix Dahn: Chlodovech - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleChlodovech
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XIX.

Bald darauf entbot der König wieder einmal seinen treuen Guntbert nach Paris. »Man sieht dich nicht, läßt man dich nicht holen,« schalt er. »Ist denn Frau Bertrada immer noch so schön?« »Ich liebe sie,« erwiderte der andere. »Das ist ewig. Deine Mutter . . . du fragst nicht nach ihr . . .!« – »Was denn? Ja, ja. Nun, was thut sie?« – »Sie grämt sich. – Du schweigst? Freilich, du brauchst nicht zu fragen, über wen. Und über was! –« – »Ist ja dumm! Hab' ich irgend was den Göttern, ihren Priestern, ihren Verehrern zuleide gethan?« Guntbert starrte ihn an: »Das fehlte noch!«

»Ja, was denn! Du weißt nicht, wie man mich drängt, Tag und Nacht, . . . ich solle: . . . Nu, laß das gehen. Ich habe dich nicht nötig für schwierigen Rat, sondern für das einzige, für was du nütze bist.« – »Also Kampf!« – »Ja. Und Treue. Merk' auf. – Gewiß hast du dich gewundert – du und andre, die mich kennen, – daß so lange gar nichts los war mit dem Speer, daß ich mich jahrelang mit allzuschmalem Gewande begnügt. Was denn? Meinst, ich hätte nicht längst wieder losgeschlagen, wären wir stark genug? Sind's aber nicht!« »Nun,« meinte Guntbert, »mit den Burgunden, glaub' ich, würden wir fertig. Freilich, da König Gundobad seines Bruders Hilperich Drittel, deiner Königin Erbteil, dir überwiesen, hast du keinen Grund zum Angriff . . .« »Hi, hi,« lachte Chlodovech, »man sieht, daß du in den Wäldern von Toxandrien nur mit Frauen, Kindern und – Bären lebst. Ist ja dumm. Als ob je ein König, der einer war, einen andern Grund zum Angriff gebraucht hätte als die Macht. Aber – daran eben fehlt's.« »Ei,« erwiderte Guntbert, »du bist doch sonst eher zu keck als zu zag. König Gundobad ist . . .« »Ah bah! Den renn' ich über den Haufen. Aber« – und nun machte der witzige, heiter sprudelnde Merowing ein Gesicht, so ernst, wie es der Freund in keiner Kampfesnot, nicht in jener schweren Stunde in Soissons an ihm gesehen hatte.

Guntbert war hoch erstaunt: »Nun: . . . aber?«

Chlodovech sah scheu um sich: »Es hört es niemand. Hinter jenem Burgundenkönig und hinter dem markschwachen Westgoten zu Toulouse steht Einer« . . . nochmal sah er um . . . »der einzige auf Erden, den ich . . . nicht fürchte, aber scheue, gern vermeide.« – »Und das ist?«

»Theoderich, der Ostgotenkönig zu Ravenna.«

Guntbert nickte: »Sein Ruhm erfüllt die Welt. Seine Macht . . .« – »Was denn? Die würde mich nicht schrecken. Aber . . . man raunt, er sei – deshalb brenn' ich auch darauf, endlich bestimmt zu wissen, wie das ist mit den alten Göttern.« – »Was meinst du? Ich verstehe nicht . . .« – »Glaub's wohl! . . . Horch auf! Man sagt, wird er zornig, geht ihm Feuer aus dem Munde: denn er stamme von Donar und Donar habe ihm in die Wiege gelegt, daß er nie besiegt werden könne. Und das, – bei Christus und Loge! – das trifft zu. Wie viele Schlachten hat der Mann geschlagen, seit er, ein Achtzehnjähriger – nur mit seiner Gefolgschaft – ohne seines Vaters Wissen, einen Sarmaten-Chan vernichtete. Hunnen und Satagen, Römer und Byzantiner, Rugier und Skiren, Avaren und Gepiden und den heldenmütigen Odovakar, der sich wehrte wie ein Bär, – alle hat er besiegt, selbst niemals bezwungen. Das ist wie Zauber, wie Donars Schildschutz. Wüßt' ich nur erst, ob Christus wirklich stärker als Donar? So lang ich das nicht weiß, mag ich den Goten nicht reizen.« – »Gut, aber Burgund . . .« – »Was denn? Du erfährst eben nichts in deinem toxandrischen Wildwald und in Frau Bertradens weißen Armen! Gar nichts erfährst du von den Händeln und Plänen der Könige. Dieser Ostgote, den sie . . . den Weisen rühmen, den ›Friedens-König‹, – ein Schlaukopf ist er! – hat wohl herausgespürt, was für einen Feuerbrand in meinem Hirn mein rotes Haar verdeckt: unablässig ist er bemüht, die Könige aller Germanenreiche zu einem Schutzbündnis wider mich unter seiner väterlich-weisen Oberhoheit zu versammeln. Und nun hat ihm Donar – oder der Teufel der Christen? – eine unvernünftig große Zahl schöner Weiber seines Hauses zur Verfügung gestellt, durch die der alte Kuppler sich alle Nachbarkönige verschwägert und verbündet: so hat er des Burgunden Gundobad Sohn Sigismund seine Tochter Ostrogotho, dem Westgotenkönig Alarich seine andre Tochter Theodegotho vermählt: heb' ich den Speer gegen seine Eidame, gleich fährt Herr Theoderich mit seinem unbesiegbaren Donarschild dazwischen. Ja, und von Osten her hetzt er mir den Thüringkönig Hermanfrid, der seine Nichte zum Weibe hat, auf den Nacken: seine schöne Schwester Amalafrida beherrscht ihren Gemahl, den Vandalenkönig zu Karthago, und ich habe keine Flotte, die Schiffe dieser Seeräuber von meinen Häfen abzuwehren: sein Wahl- und Waffensohn ist der König der rauflustigen Heruler, die mit Vergnügen zu tausenden im reichen Gallien heeren würden. Kurz, binde ich mit einem seiner Schützlinge an, so habe ich alle die vier andern und ihn selber, den Nie-Besiegten, auf dem Hals. Ist ja dumm. Ich bin nicht furchtsam . . .« – »Nein, du bist eher tollkühn.« – »Aber bevor ich in diesen Stacheligel von Königen greife, muß ich gewiß sein, daß Christus stärker ist als Donar. Und zwar der katholische Christus, der Christus von Hrothehild und Remigius und Genoveva – denn vier von jenen Königen sind Arianer; – der Thüring und der Heruler sind Heiden.« – »Schäme dich, Sohn Basinas, an den Göttern deiner Väter zu zweifeln: ich vertraue ihnen felsenfest. Und ist jener Theoderich von Donar entstammt, wohlan, du bist – von der Spindelseite – Wodans Sproß!« – »Ja, so sagt Frau Basina. Ich will's auch glauben. Aber mir hat mein Urvater Wodan leider nicht wie Donar dem Goten jenen feurigen Hauch als Angebinde gegeben. Und das Siegesschwert, das er in des Ahnherrn Merovech Halle zurückließ, – wo ist es verborgen? O daß mein Vater sterben mußte, eh' er das zu Ende gesagt!« »Aber,« wandte Guntbert ein, »wie willst du das zur Entscheidung bringen, das von der Obmacht des Christengottes oder Donars?« Chlodovech machte ein pfiffiges Gesicht: »Will dir's sagen. Aber schweig! Bevor ich mich an jene Verbündeten wage, – vielleicht gelingt es auch, den einen oder andern einzulullen in Sicherheit und auf meine Seite zu locken; mir schwebt so was vor! – mach' ich die Probe an einem König, der nicht unter Theoderichs Schilde steht.« – »Wen meinst du?« – »Ich meine den Alamannen, Chnodobert, den Heiden.« – »Was hat er dir zuleide gethan?« – »Was denn, was denn? Auch noch mir was zuleide thun! Als ob ich darauf warten müßte. Die Dinge dort laden zum Zugreifen wie vollreife Erdbeeren im Walde. Chnodobert ist ein Urenkel jenes Chnodomar, neben dem mein Ahnherr Merovech-Serapio bei Straßburg gestritten hat. Noch singen und sagen die Alamannen von ihrem gewaltigen König, der gekämpft habe wie Donar und doch den Zauberkünsten des Cäsars der Römer erlegen und, gefangen, in Rom an Heimweh gestorben sei. – König Chnodobert ist ein tapferer Stier, aber kein Feldherr, hat nicht, wie mein Vater und wir Franken alle von großen römischen Kriegsmeistern gelernt. Und manche Gaue der Alamannen sind von ihm mit Gewalt herangezwungen worden, also nicht sehr eifrig für seine Herrschaft und vor allem: – er hat keinen Sohn, keinen Bruder, der ihn rächen oder ihn beerben kann: fällt er, so fällt das Königtum der Alamannen nach. Günstiger könnten die Sachen gar nicht stehen.« – »Du willst ihn also . . .?« – »Angreifen und zerschlagen. Und die Alamannen von Straßburg an über den Rhein hinüber – so weit es eben geht! – meinem Reich einverleiben. Das geht Herrn Theoderich den Weisen gar nichts an: die gehören nicht zu seinen Schützlingen. Vor der Schlacht leiste ich Wodan Gelübde um Sieg: aber ja nicht sie vorher schon erfüllen! – Siege ich auf seinen Namen, dann will ich hieran erkennen, – und ich werd' es ihm recht ausdrücklich dabei sagen! – daß er der Stärkste ist, stärker auch als Donar, von dem Chnodobert wie Herr Theoderich abstammen soll. Dann werd' ich es auch mit diesem, dem andern Donar-Sprößling, aufnehmen. Zumal,« lachte er wohlgefällig, »mein Heer alsdann durch so viele tausend Alamannen – du, das sind dir feste, zorngemute Kerle! – verstärkt sein wird.« Guntbert sann einen Augenblick: dann begann er: »Aber . . .« – »Was denn? Ist ja dumm!« – »Du weißt ja noch gar nicht . . .« – »Gleichviel! Kein Aber mehr, wenn ich einmal will.« – »Aber wie kannst du denn die Alamannen von Osten her angreifen, wenn du der Uferfranken nicht sicher bist, die dir jeden Augenblick vom Norden her in die Flanke . . .?« – »Ist nicht dumm! That dir Unrecht! Ist ganz gescheit,« lächelte der Rotkopf verschmitzt ihm zu. »Schau, deshalb hab' ich den greisen König Sigibert zu Köln – ist so eine Art Oheim von mir! – gewonnen, mit zu thun. Er hat einen alten Groll gegen diese seine Nachbarn im Süden, weil er lahmt seit vielen Jahren an einer Wunde, die ihm Chnodoberts Vater einmal in einer Schlacht geschlagen. Ist ja dumm! Er soll mir helfen, die trotzigen Recken zwingen. Aber von ihrem Lande soll er nicht eine Hufe gewinnen. Er ist ganz überflüssig, dieser König in Köln, nachdem er mir geholfen haben wird. Auf dich aber zähl' ich stark in jener Schlacht: sie wird heiß. Ich kenne die grimmen Männer mit dem zurückgestrichenen Haar: es wächst auf eisenharten Schädeln. Du sollst – neben mir – den ersten Keilhaufen führen.« – »Gern. Aber . . .« – »Was denn, was ist denn noch zu abern?« – »Deine Kriegserklärung, . . . wie willst du sie begründen?« – »Wie der Wolf, als er das Lamm fraß! Der Stärkere hat immer Recht zum Angriff! Nur der zu Schwache, der angreift, der ist kein Wolf, sondern ein – Schaf. Was Kriegserklärung! Ich brauche keine. Und sie? Sie werden's schon merken, daß Krieg ist, steh' ich in ihrem Land und laß die Speere fliegen. Die raschen Franken rühmt man uns im Lied mit Recht. Die da drüben aber, die suebischen Dickköpfe am Neckar, – wie die bajuvarischen östlich vom Lech – die sind nicht rasch. Schwerfällig sind sie. Man muß sie gar nicht erst zur Besinnung kommen lassen: – sind sie einmal entschlossen, dann sind sie viel grimmiger als wir leichterblütigen. Aber bis sie aus ihren östlichen Gauen die Heerleute herangebracht haben – das geht alles gar schön langsam bei ihnen! – habe ich mit meinen schnellen Franken das Aufgebot ihrer westlichsten schon auseinandergesprengt. Halte dich bereit. Urplötzlich fahr' ich aus: – unter des waltenden Wodan Geleit.«

 


 

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