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Chlodovech

Felix Dahn: Chlodovech - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleChlodovech
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XVII.

Vor Ablauf eines Jahres hatte die Frau Königin einen zweiten Knaben geboren.

Nun sträubte sich Chlodovech auf das äußerste, seinem Versprechen gemäß auch dies Kind taufen zu lassen. Laut scheltend, heftig den rotgelockten Kopf schüttelnd, lief er von dem Lager der Wöchnerin, drang diese auf Erfüllung seines Wortes. »Soll der zweite nach Hel fahren wie der erste, vom Zorne meiner Götter getroffen, von eurem nicht geschützt? Nichts da! Meine Buben werden gezeugt und geboren, die Franken zum Siege zu führen, nicht dahin zu siechen wie herzfaule Knospen! Ist zu dumm!« Vieler Bitten und bittrer Thränen und süßer Küsse der schönen Frau bedurfte es, bis er endlich nachgab. »Nun in der Dummheit Namen: – sei's. Ich will diesmal noch mein Thorenwort halten. Aber, das sag' ich dir: stirbt auch dieser Knabe, – Chlothachar, ›Ruhmesherr‹ soll er heißen – dann: ja dann – – – nun merk auf! – muß mir meine Knaben irgend ein ander Weib gebären, das zwar gewiß nicht so schön sein wird, wie du, das mich aber nicht bei einem Worte halten kann, das ich dieser Mutter meiner künftigen Kinder nicht gegeben habe.« »Chlodovech!« schrie die Frau entsetzt, »du drohst mir ohne Scham und Scheu mit Ehebruch?« – »Was denn, was denn? Ist ja zu dumm! Sehr dumm sogar! Unser Recht verbietet nicht die Nebenfrau. Und eines Merowingen Söhne, erkennt er sie nur an, sind folgefähig, mögen sie Ehefrauen zu Müttern haben oder nicht. Also – du bist gewarnt! – Unter solchem Wagnis laß ihn taufen, – hast du so stark Vertrauen auf deinen Gott.«

Die fromme Königin, empört über die ruchlose Drohung und zugleich klug genug, zu erkennen, daß eine Mutter lebenbleibender Söhne sie unvermeidbar aus ihrer beherrschenden Stellung verdrängen würde, seufzte und weinte: denn neben der Sorge um des Gatten drohende Versündigung quälte die sehr Herrschaftbeflissene die Furcht vor dem Herabsinken in Ohnmacht gegenüber einer glücklicheren Nebenbuhlerin. Aber doch: – nicht einen Augenblick schwankte sie. Ihre Herrschsucht und echt weibliche Schlauheit und bangende Eifersucht kamen nicht auf gegen den starken, zweifelfreien Glauben ihrer Seele: fromm angelegt war sie durch die Mutter und den Beichtvater im Widerstand gegen Heidentum und Ketzerei, im begeisterten Festhalten am rechten Glauben erzogen worden und Jungfrau Genoveva, die täglich ihre ›Tochter‹ aufsuchte, bekräftigte sie in solcher Vertiefung: mehr noch durch ihren Wandel, durch ihr engelhaftes, unirdisch-edles Wesen als durch ihre Worte.

»O Königin,« sagte die Jungfrau einst, »der heißeste Wunsch meiner Seele war gewesen, die Seele des Vaters zu retten, den nicht nur Götzendienst gefangen hielt: – noch schwerere Schuld, die eine Jungfrau nicht ohne Schamerröten nennen, ach nicht ohne Herzensqualen denken kann. Jener Wunsch blieb unerfüllt: König Childirich, der Herrliche« – heiß schoß ihr da das Rote in die sonst so farblosen marmorblassen blutleeren Wangen – »starb als Heide und . . . in Basinas Armen.«

»Nun ja, seiner Gattin!« meinte die Königin.

Erschauernd zuckte die gottgeweihte Jungfrau; sie öffnete hastig die blassen Lippen: . . . aber sie unterdrückte das darauf schwebende Wort und begann aufs neue: »Mein zweiter Wunsch gilt, – nach dem Vater – dem Sohne. Königin, . . . wir müssen seine Seele den ewigen Flammen entreißen. An dem Abend des Tages da sein, . . . da Childirichs Sohn die Taufe genommen, mag der Herr seine Magd abrufen in Frieden. – Du aber werde nicht irr und schwank im Glauben. Vertraue, daß Gott der Herr dein Kind dir wird erhalten: – mir sagt's der Geist und ich weissage dir: ja, wahrlich dieser Knabe Chlothachar wird am Leben bleiben und dereinst alle Gaue der Franken – viel mächtiger denn sein Vater – beherrschen! Beharre darauf, – es ist deine Pflicht gegen des Kindes Seele! – daß es der Kirche zugeführt werde.« Und Hrothehild, solcher Mahnung kaum bedürftig, beharrte.

Und Chlodovech fügte sich schließlich: denn er war auf einen schlauen Gedanken gekommen, der ihm lebhaft gefiel. »Höre,« rief er dem Antrustio Ansovald zu, der ihm, seit Guntbert den verchristneten Hof mied, am nächsten stand. »Höre – bestelle die Opfer, die ich dir auftrug, alle wieder ab: Frigg, vor allen Göttern und Göttinnen, sollte den Knaben schützen. Laß die Opferkuchen ungebacken, die da der Göttin nährende Brüste darstellen und die Fische mit den Roggen-Brühen ungesotten.«

»Herr, glaubst du nicht mehr an . . .?« »Unsinniger!« rief Chlodovech und verhielt ihm den Mund. »Wie kannst du so unvorsichtig reden? Wenn sie's nun hören? Sie haben feine Ohren da oben in Asgardh. Sind sie auch – glücklicherweise! – nicht allwissend, wie der Herr Christus und sein Herr Vater und dann der dritte, der auch wieder Eins mit den beiden andern ist. (Das soll ein Mensch begreifen! Das heißt: nein! Man soll's ja nicht begreifen, nur glauben. Ist auch hart!) Diese Allwissenheit der drei christlichen Götter (das heißt: nein: ich bitt' euch um Verzeihung alle drei. Das heißt nein: Ihr seid ja nur Ein Gott. Drei fränkische Gaukönige sind aber mehr als einer und um zwei zu viel!) ist mir von all' ihren Tugenden die zuwiderste: nämlich, die wissen dann also auch, was zu thun man sich nur einmal so ein bißchen überlegt hat? Da hört doch alle Sicherheit und Ruhe des Denkens auf! – Also, was ich sagen wollte. Durchaus glaub' ich an die Götter – hört es, all' ihr zwölf da oben in Asgardh! Oder seid ihr mehr, dann hört es auch ihr. Nur glaub' ich – ein wenig –, daß auch Hrothehildens Götter (das heißt Gott), lebet: irgendwo da oben – der Himmel ist ja ziemlich groß! Und nun wollen wir einmal an diesem Knaben Chlothachar eine Probe anstellen. Den ersten, den armen Childirich, – war ein freudiger Bub! – den hab' ich – das sag' aber nicht der Frau Königin! – heimlich auch den Göttern geweiht. Er starb. Nun wollen wir einmal den zweiten ganz ausschließend dem Christengott weihen, den Göttern aber gar nicht. Nun soll der Christengott mal zeigen, was er kann. Die Götter werden aus Rache, – kann's ihnen nicht verdenken, thät's ebenso! – und uns ihre Macht zu zeigen, das arme Kind töten wollen: – ei, nun soll Herr Christus einmal seine Kraft erwahren! Sein Ruhm, seine Macht gegenüber unsern Göttern steht in Frage. Beim lodernden Loge: – ich ließe mich dabei nicht suchen. Er allein soll das Kind am Leben halten: – wenn er kann. Hörst du's, Herr Christus? Ich fordere dich dazu heraus . . . Freilich,« fuhr er nach einer Weile ganz trübselig fort, »das Kind kann darüber in die Brüche gehen. Ist Wodan stärker als Christus, dann geht der Kampfpreis drauf.

Aber . . . was denn? Ich – ich komme dann darüber zur Klarheit, wer stärker ist von den beiden Göttern. Und dieser Zweifel quält mich schon lang. Meine schöne Frau liegt mir Tag und Nacht in den Ohren: – die alten Götter dagegen haben keine solche Fürsprecherin. Denn Frau Basina . . . ist nur meine Mutter – und weit weg: Dank dem Gotte, der irgend dies Verdienst hat: (werden wohl die von Asgardh sein!). Freilich, den Buben setz' ich dabei aufs Spiel. Aber erstens, schau', Ansovald, ist er nicht so stark und stattlich, wie sein Bruder war. Und zweitens, geht er drüber zu Grunde – nun, so ist's erwiesen, daß es nichts ist mit dem Christengott. Und dann wird sich mir manche Heidin nicht weigern, mir Merowingen zu gebären (ich kenne etliche, die mir gern den Wunsch erfüllen: – recht gern auch noch! So die schlanke Wintrud in Soissons), die, nur den alten Göttern geweiht, am Leben bleiben werden. Frau Hrothehild, nun bete, daß der Bub nicht krank wird. Es wäre schlimm für deinen Gott und . . . dich!«

Nicht diese Gedanken beschäftigten sie doch, als ihr Mutterherz in Angst versetzt ward, da in Bälde das Kind von der gleichen Krankheit befallen wurde, die seinen Bruder hingerafft hatte: sie wich – von Genoveva abgelöst – nur dann von seinem Lager, wann sie in die kleine Kapelle des Palastes eilte: der Raum war das Schreibgemach Julians gewesen, in dem er vor seiner Erhebung zum Imperator heimlich den Olympiern geopfert hatte: nun hatte eine Burgundin die Wände, die damals die Opfer für Phoebos-Helios geschaut, mit den Sinnbildern des Christentums: dem Monogramm Christi, dem Fisch, der Taube, dem Lamm, in Mosaik schmücken lassen. Hier lag sie dann mit entblößten Knien auf den harten, kalten Marmorstufen des Altars, mit beiden Armen einen Elfenbeinschrein umschlungen haltend, der einen Zahn des heiligen Stephanus und den kleinen Finger des Apostels Johannes barg. In brünstigem Gebete hingegossen rang sie mit Gott und den Heiligen um das Leben ihres Kindes. Oder auch sie kniete vor einer kleinen Bildsäule der heiligen Jungfrau aus getriebenem Silber, die auf dem linken Arm das Jesuskind, – eine eigne, leicht abzunehmende Gestalt von etwa Fingerlänge – trug.

Rätselhaft, unheimlich war ihr in dieser Zeit der Schmerzen das Verhalten ihres Gatten. Sie wußte ja: er liebte sie heiß, leidenschaftlich: sie wußte auch, wie heftig er einen Sohn, einen Erben seiner Macht, gewünscht, wie er sich über den Verlust des ersten erregt, wie er sich über den Ersatz durch den zweiten gefreut hatte. Allein, wann er, immer und immer wieder an das Bettlein tretend, von seinem jüdischen Hofarzt Jaffa und seinem christlichen Alexandros immer wachsend ungünstige Aussprüche vernahm, – germanische, kräuterkundige Priesterinnen der Frigg, die sich hilfreich gemeldet, hatte er barsch davongejagt! – dann zeigten seine Züge weniger Schmerz und Sorge als Zorn, ja, eine Art von grimmer Schadenfreude brach sogar in seinen Worten zu ihr hervor. »Ja, natürlich. Versteht sich! Wundert mich gar nicht! Jetzt wird's zu Tage kommen, wer stärker ist.« – »Wer? Was meinst du, Chlodovech?« – »Ah, nichts! . . . Hätte das Kind mit der heidnischen Wasserweihe den Namen erhalten, wär's nicht erkrankt. Es wird wohl dem ersten Merowing, den man getauft hat, bald nachfolgen. In den schönen Christenhimmel, tröstet ihr? Hei, ich brauche einen Erben in Paris, nicht über den Wolken. Aber es geschieht dir schon ganz recht. Und mir auch! Doch . . . ich werd' mir zu helfen wissen.« In jener Kapelle wollte die Königin ungestört sein; sie schloß daher die Thür: – zumal auch, um der seltsamen, halb frevelhaften, halb unklaren Reden ihres Mannes willen. Aber von dem Gange her gewährte ein kleines Bogenfenster Einblick in die Kapelle: ohne daß sie in ihrem Schmerz und Gebet es bemerkte, lugte Chlodovech gar oft hier herein; einmal, erschüttert von ihrem Schluchzen und heißem Beten, reckte er drohend die Faust durch das offne Fenster gegen die Marien-Bildsäule und knirschte leise: »Mach', daß du sie erhörst. Sonst, – beim lodernden Loge! – geht's ihr schlecht und dir schlecht: – du fliegst ins Feuer: sie fliegt ins Kloster und in meine Arme fliegt die blondlockige Wintrud!«

Ein paar Tage darauf, als die verzweifelnde Mutter wieder mit emporgerungenen Händen vor dem Marienbilde lag und flehte, – sie hatte keine Thränen mehr! – ward laut dröhnend an die Thür geschlagen: »Auf, mach' auf!« schrie Chlodovech draußen. Sie sprang auf und öffnete: mit zornrotem Gesicht stürmte er über die Schwelle, gefolgt von dem Arzte Jaffa, der ein finsteres Gesicht zeigte. »Es geht zu Ende,« schrie Chlodovech. »Nichts hat all' dein Beten geholfen, nichts die reichen Gelübdegaben, die deinen Schatz erschöpft, nichts das ganze Gewicht des Kindes in Gold, das du deinem Sankt Martin von Tours geschenkt: warum hat nichts genützt? Weil dein Gott und deine Heiligen ohnmächtig sind, das Kind zu schützen gegen den Zorn meiner Götter. Die haben die Übermacht. Nun ward's mit Händen zu greifen. Komm hinauf und sieh dein Kind sterben! – Laß ab von dem unnützen Knierutschen hier und dem Gewinsel. Du aber,« – hier sprang er gegen das Marienbild vor, »du sollst es spüren, wie weh es thut, einen Sohn verlieren.« Und er riß die kleine Jesusgestalt aus dem Arme der heiligen Mutter und hob sie hoch in die Höhe, um sie im Wurf zu zerschmettern.

Entsetzt fiel ihm die Frau in den Arm und hemmte ihn. »O Maria, Mutter des Herrn, erbarme dich meiner! Verhüte diesen Frevel! Bitte für mich bei deinem Sohn. Laß mich nicht zu Schanden werden vor den Götzen, den Dämonen der Hölle. Rette mein Kind, Christi Namen zu verherrlichen. Er soll zeigen, daß er allmächtig ist.«

Schon hatte Chlodovech seinen Arm von der Faust des Weibes gelöst, schon holte er aus, das Christusbild zu zerschmettern, da stürzte der andre Arzt über die Schwelle und rief: »Gerettet! Gerettet! Gelobt sei Christus der Herr! Kommt hinauf und seht. Die Gefahr ist vorüber. Im Namen Christi wagte ich den Schnitt – den freilich lebensgefährlichen, den Freund Jaffa scheute – er gelang: – die Geschwulst, an der das Kind zu ersticken drohte, hab' ich glücklich aus dem Halse geholt: es holt tief und leicht Atem. Es wird leben!« Da löste Hrothehild, hochauf jubelnd, den kleinen Silberknaben aus des Gatten nicht mehr widerstrebender Faust, küßte ihn mit Inbrunst und legte ihn der Mutter Gottes wieder auf den Arm. »Dank dir, Herr Christus! Preis und Lob dir in Ewigkeit!« Und wie beflügelt eilte sie aus der Kapelle und die Stufen hinan zu ihrem Kinde.

Staunend, zweifelnd sah ihr Chlodovech nach: »Ei sieh,« sprach er nach einer Weile, »so ist Christus wirklich der Mächtigere?« Langsamen Schrittes, eifrig sinnend, leise den Kopf schüttelnd, folgte er ihr nach.

 


 

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