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Chlodovech

Felix Dahn: Chlodovech - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleChlodovech
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
projectid53b9bf09
created20070520
modified20160412
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XII.

Die ›galoppierenden‹ Wellen des Rhodanus galoppierten vermutlich vor vierzehnhundert Jahren ebenso anmutig wie heute und die Schönheit des Geländes um den blauen See von Genf war gewiß damals nicht geringer, da es noch mehr Wald und weniger Häuser gab.

Es war ein warmer Septembertag. Und Sonntag. Die zahlreiche katholische Bevölkerung fand kaum Platz in der Basilika des heiligen Mauritius, die im Herzen der Stadt, auf dem linken Ufer, gelegen war, da, wo sich heute die Kathedrale de St. Pierre erhebt. In großen Scharen strömten die Gläubigen aus den engen winkeligen Gassen der alten allobrogischen Festungsstadt zusammen auf den Platz vor der Kirche und drängten die steilen Stufen des alten Gebäudes hinan. Es überwog die römische Tracht der germanischen und das Ohr vernahm viel häufiger das Vulgärlatein der Provinzialen als die schöne Sprache der Burgunden. Da an dem christlichen Feiertag die Geschäfte am Hofe ruhten, hatten auch die fränkischen Gesandten, fünf an der Zahl, geführt von Guntbert, Muße, sich die vor der Kirche versammelte Menge anzusehen: sie standen auf der obersten Stufe und sahen auf das Gewühl herab, warfen auch wohl neugierige Blicke durch die Thürvorhänge in das Innere des Heiligtums, aus welchem süßlicher Weihrauchduft hervorströmte und, obwohl es heller Tag, der Glanz vieler Wachslichter strahlte.

Hart an dem Eingang kauerte auf den harten Steinen ein alter Bettler: das weiße Haar ragte bis in die Stirne vor, unter jedem Arm lag dem Krüppel eine lange Krücke; er hielt den Frommen, wie sie an ihm vorbei mußten, mit zitternder Hand einen alten vielgeflickten Reisehut hin; er schien nur Vulgärlatein zu verstehen, denn als ihn Guntbert mitleidig – auf fränkisch – nach der Ursache seiner Verkrüppelung fragte, schüttelte er unwirsch den zottigen Kopf und wischte über den langen weißen Bart.

Nun kamen Theoplastus und sein Neffe von dem anstoßenden Bischofshause her: ehrfürchtig wich die Menge schon vor den Knaben in weißen und roten Mäntelein, die, Weihrauchfässer schwingend, dem kleinen Aufzug des Bischofs und der ihm folgenden Geistlichen vorausschritten. Aber manche Frauen drängten dann doch wieder heran, haschten den Saum des goldgestickten Mantels des Prälaten und führten ihn ehrfurchtvoll an die Lippen. Nun erreichten Oheim und Neffe den Eingang: der Bettler hielt ihnen, den Weg mit dem ausgestreckten Arme sperrend, aufdringlich den Hut hin: da stieß ihn Cautinus mit dem Fuß gegen die Hüfte: »Platz da, du Hund!« Außer sich vor Zorn schrie Guntbert: »Was wagst du?« Die Faust fuhr ihm ans Schwert.

Ruhig schritt Cautinus weiter, ohne des Franken zu achten: nur seinem Oheim warf er einen Blick zu. »Sie ist wohl schon in der Kirche?« fragte er ruhig. »Jawohl. – Bist du gewiß?« – »Unzweifelhaft. Schon gestern, wie ich meinte, aus dem weißen Haar eine kleine rote Locke hervorlugen zu sehen. Und nun dieser dummwütige Guntbert!« – »Gut, daß er sie gestern noch nicht ansprach. Heute soll er nun! Halte dann ihr Gefolge zurück. Ich sag' es ihr gleich.«

Und in feierlichem Schritte durchmaß der Bischof den Mittelgang der Basilika: er blieb vorn rechts vor den Königssitzen stehen. Da erhob sich ein reich gekleidetes, auffallend schönes Mädchen, beugte tief das Haupt, daß die dunkelbraunen Locken unter ihrer goldnen Stirnbinde hervorrieselten und küßte demütig dem Prälaten die Hand, die Augen unter den langen, seidnen Wimpern niedergeschlagen. Aber wie blickten diese auf, als er ihr, die Hand segnend auf den Scheitel legend, ein paar Worte zuflüsterte. Er schritt dann feierlich auf den Altar zu.

Die schöne Hrothehild jedoch sank tief atmend auf ihren Sitz zurück; ihre Wangen brannten, ihr Busen wogte. Allein bald bemeisterte sie ihre Erregung: war sie doch wohl geschult und gezogen.


Der Gottesdienst war zu Ende: das geringe Volk, das der Thüre näher stand, flutete hinaus. Theoplastus trat auf die Königstochter zu; desgleichen Cautinus auf deren Gefolginnen, er sprach eifrig mit ihnen.

»O in Christo geliebte Tochter,« begann der Bischof sehr laut, »die für heute bestimmten Bibelverse schärfen die Pflicht der Wohlthätigkeit ein. Laß sie uns üben: gemeinsam. Dort, vor dem Eingang, liegt ein armer, alter Krüppel. Wir wollen ihm spenden. Aber du weißt: mehr als das harte Gold erquickt den Verachteten in seinem Elend der Balsam mitleidvoller Rede. Sprich mit ihm, liebe Tochter.« »Du weißt, daß ich in allem dir gehorche,« erwiderte die Jungfrau tiefernst und innig und schritt – ihm zur Linken – gegen den Ausgang hin. Die Gefolginnen blieben zurück: sie kicherten, sie lachten verschämt bei des jungen Archidiakons verfänglichen Reden. »Man merkt euch immer noch den Weltling an, ehrwürdiger Herr Cautinus,« meinte die hübscheste unter ihnen. »Nicht doch! Ich übe höchste Frömmigkeit! Wie lautet das oberste Gebot, holde Rathilde?« – »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« »Das überbiete ich noch: denn,« flüsterte er ihr ins Ohr, »ich liebe dich viel mehr als den ehrwürdigen Archidiakon von Dijon.«

Einstweilen standen Theoplastus und die Königstochter vor dem Bettler. Die Stufen waren nun leer. Der Bischof warf eine Münze in den hingehaltenen Hut und stieg ein paar Stufen hinab, denen oben den Rücken kehrend. »Armer,« hob Hrothehild an, »du jammerst mich im Herzen. Könnt' ich dir doch helfen.« Und sie löste eine breite goldene Spange von der Schulter. »Du kannst, o wunderschöne Hrothehild,« erwiderte der, »aber nur mit viel geringerer Gabe als mit dieser. Den kleinen Ring, den du am vierten Finger trägst, den schenke mir. Nein: – stecke selbst ihn mir an.« Im Augenblick, da sie nach seinem Wunsche that, schob er ihr plötzlich seinen Ring an jenen Finger und flüsterte ihr zu: »So, Königskind! Nun bist du die Braut Chlodovechs, des Merowings.« Und er sprang auf: – der Platz war leer –: er umarmte und küßte sie. »Kein Auge hat's gesehen,« sprach der Bischof, der sich unvermerkt wieder gewendet hatte, »als Gottes. Und das meine. Welch' ein Wunder!« »Was soll ich nun thun, mein Vater?« fragte Hrothehild. »Gott gehorchen, mir und deinem Bräutigam, diesem edeln König. Unser Gott hat das so gewollt – von Ewigkeit.« »Dann,« lachte Chlodovech, »soll euer Gott uns jetzt nur auch geschwind von hinnen helfen! Was denn? König Gundobad will nicht, daß seine Nichte mein werde und zumal ihr Erbe, das er ihr vorenthält! Höre schönes Bräutlein! Heut' abend – bevor das Westthor geschlossen wird – unter den Kastanienbäumen vor jenem Thor. Du findest dort mich, ein rasches Roß und tapfre Weggesellen. Fort! Man kommt aus der Kirche.«

Und er warf sich wieder zu seinen Krücken auf die Erde.

Der Bischof führte die Zitternde über die Stufen hinab. »Ich bin mit dir zufrieden, meine Tochter. Doch Eins gelobe mir: er wähnt, er habe uns überlistet. Nie darf er erfahren, daß wir ihn erkannt hatten. Stets muß er sich für den Klügeren halten und wir müssen die Klügeren sein.« – »Ich werde gehorchen, mein Vater. Aber . . .« – »Kein Aber will ich hören,« rief er scharf und streng. »Jahrelang hab' ich dir verkündet, was Gott durch dich schwaches Werkzeug Großes, Wunderbares erreichen will: – er hat's mir im Traum offenbart. Deshalb gab er dir diese Schönheit deines Leibes, die feine Klugheit des Geistes, den zähen Willen und den Gehorsam gegen deinen Seelenhirten. Du, Hrothehild, sollst diesen tapfern König und sein Volk vor den ewigen Flammen erretten und gewinnen für den Himmel – und die Kirche. Vergiß dann, stehst du auf der Höhe der Macht, nicht des Wegweisers, der dich hinangeführt.« – »Niemals. Meine Seele ist des Himmels Magd und die deine.« – »Nun, überstolzer König Gundobad und überfrommer Remigius und übertugendhafter Avitus und überschlauer Merowing, – wer hat nun den Sieg behalten?«

 


 

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