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Chlodovech

Felix Dahn: Chlodovech - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleChlodovech
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
projectid53b9bf09
created20070520
modified20160412
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X.

Wenige Tage darauf saßen der König und Guntbert in tiefem Gespräch in dem Palatium zu Paris. Die Stadt hatte den Salier eingeladen, seinen Sitz von Soissons hierher zu verlegen, nachdem der Heide auf Bitten der ›religiösen‹ Schwester Genoveva der Basilika des heiligen Vincentius reiche Geschenke gemacht und den Kirchen der Stadt seinen besonderen Schutz zugesagt hatte.

Das Palatium hatte dereinst Julian bewohnt, – hier war Chlodovechs Urahn, Merovech-Serapio, des Cäsars Gefangener, bald sein Gast und Freund gewesen. Heute ragen noch Trümmer aus jenen Zeiten in demselben Ort, dem Garten des Musée de Cluny.

Der junge Frankenkönig war im Laufe dieser Jahre vom Knaben zum vollbewußten Manne durchgereift: zwar die feingliedrige, geschmeidige Gestalt war geblieben, aber der Geist hatte, vom Erfolge getragen, durch den Sieg verstärkt, sich mächtig entfaltet. Höher gereckt trug der Merowing das Haupt.

»Nun, was sagst du?« lächelte er. »Bist du nun ein wenig zufrieden mit dem viel Gescholtenen? Ich meine, ich habe gute Arbeit gemacht in diesen Jahren. Wohlweislich wartete ich, bis mein übermächtiger Nachbar, der gefürchtete Westgote Eurich, die klugen und gewaltigen Augen geschlossen hatte: aber dann ging's Schlag auf Schlag. Was denn? Was denn? Bald hatten wir Soissons genommen: – ohne deinen Schild, du Treuer, wäre ich damals freilich nicht davongekommen! – Mein dummer Vetter und Nachbar, Chararich von Thérouenne (– wie kann er sich mit diesem Einen Gau begnügen! Ein Gaukönig ist ein Zaunkönig!) half mir damals dazu, mächtig zu werden: er wird sich wundern über den Gebrauch, den ich von meiner Macht machen werde! Man muß aber keinen Niedergeworfenen wieder aufstehen lassen: sonst war die Mühe für nichts! Hochherzigkeit? Ist ja dumm! Obwohl schwer wund, schrieb ich gleich am Tage darauf an den Westgotenkönig Alarich nach Toulouse . . .«

Guntbert nickte: »Der Brief war ein Meisterstück von Klugheit, Kühnheit und – Frechheit.«

»Freilich! Was denn?« lachte Chlodovech. »Ich hatte nicht erfahren, nein: erraten, daß Syagrius dort Zuflucht gesucht. Ich verlangte also die Auslieferung des Flüchtlings: sonst, ließ ich ihm sagen, hole ich mit ein paar Freunden in Helmen mir den Römer selbst aus dem Königshaus in dem schönen Toulouse. Ich wollte dabei auch dem Sohn des starken Eurich ein wenig in den Mund fühlen, ob der Zahn des Mutes gesund bei ihm sei? Hei, zuckte der Zahn! Sofort, gegen die Pflichten des Gastrechts, in Ketten, lieferte er mir den Gast aus. Ich aber dachte, daß mein Vater vor Soissons sich die Todeswunde geholt hat: – Blut um Blut. Der Gefangene starb.«

»Das war nicht edel.« – »Aber gescheit! Auch Pflicht der Blutrache. Und wenn eine Pflicht einmal – ausnahmsweise! – mit der Schlauheit übereinstimmt, wär' es sehr dumm, die Pflicht nicht zu erfüllen. Leider liegen sich beide meist in den Haaren. Seither haben wir wacker um uns gegriffen, so daß in Gallien schon ein Sprichwort im Schwange geht: ›Den Franken habe zum Freund, aber nicht zum Nachbar‹. Nun käme – anderes liegt noch zu fern – an die Reihe das reiche Reich der Burgunden. Dort brodelt allerlei Wirrwarr, aus dem, mein' ich, etwas zu fischen ist: vielleicht zunächst nur ein Weib, später etwa mehr. Darauf zielt die geheime Fahrt, zu der ich dich entboten.«

»Du weißt,« sprach Guntbert mit bewölkter Stirn, »ohne Besinnen folg' ich dir in die Schlacht gegen jede Übermacht von Speeren. Aber solche geheime Schliche, – sie gefallen mir nicht. Ich tauge nicht zu List und Schlauheit.«

»Das weiß Loge,« lachte der König. – »Also suche dir hierzu klügeren Genossen.« – »Was denn? Klug bin ich selber! Genug für uns beide! Aber ich muß einen haben, der – nun: einen lebendigen Schild. Denn merken sie's, die Burgunden, daß ich sie täuschte, könnte doch zuletzt der Rückweg aus Burgundenreich etwas von Blut besprengt werden. Also höre: der Bischof von Genf und manche andere einflußreiche Leute dortselbst wünschen die Heirat aus allerlei – frommen und anderen – Gründen. Ich aber – ich wünsche: – Burgund! Und mag ich auch nicht gerade ein häßlich Weib nehmen, – ich würde mir dann neben ihr wohl schon zu helfen suchen! – und will ich schon um deswillen die Braut sehen, eh' ich sie heimführe – vor allem: ich muß – unerkannt – nach Burgund, zu spähen, ob die Trauben dort bald reif sind zum Keltern? Und so schleiche ich mich, verstohlen und verkleidet, in Genf ein, gleichzeitig mit einer Gesandtschaft: deren Führer bist du, mich im Notfall herauszuhauen. Die Gesandtschaft soll – du verstehst! – den Grenzstreit an der Seine südlich von Troyes zum Austrag bringen: – in Wahrheit aber wollen wir prüfen, ob die Braut mir zusagt und wie morsch etwa schon die Pfeiler jener wankenden und zwiegespaltenen Königsmacht geworden sind.«

»Aber . . . deine Mutter? Man sagt, die Königstochter Hrothehild ist sehr eifrig im Glauben der Christen.«

Hitzig sprang Chlodovech auf: »Was denn? Meine Frau Mutter soll ja doch die Katholische nicht heiraten! Nur ich. Was die Jungfrau glaubt, ist mir gleich. Und was sie jetzt auch glauben mag: – Eins wird sie noch glauben lernen: daß mein Weib mir zu gehorchen hat. Wir reiten morgen. Halte dich bereit!«

 


 

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