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Chlodovech

Felix Dahn: Chlodovech - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleChlodovech
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projectid53b9bf09
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I.

Es war im Jahre vierhunderteinundachtzig nach Christus, an einem schwülen Sommerabend, da lag in dem stattlichsten Hause von Tournay (– Doornick an der Schelde –) ein Mann schwer leidend; der vornehme Römer, dem das Gebäude dereinst gehört hatte, war schon längst – gleich bei der Annäherung der salischen Franken – aus der Stadt, dann über die Alpen nach Italien entflohen; nach der Einnahme der Feste hatte der salische Gaukönig Childirich an einer Säule in dem Atrium des Hauses seinen Schild aufgehängt und Wohnung genommen: nun – viele Jahre später – lag er hier an tiefer Wunde danieder.

Das Schlafgemach war von einer kleinen Ampel aus Bernstein, die von der marmorgetäfelten Decke herniederhing, nur schwach erhellt: ihr mattes Licht ward aufgesogen von den dunkeln, schweren Vorhängen, welche die Wände des schmalen viereckigen Raumes bedeckten und die fehlende Thür ersetzten. Der Leidende, ein Mann von etwa fünfzig Jahren, stark von Gliedern und vollrüstig, lag auf einem niedern Ruhebett, die Füße bedeckt mit einem mächtigen Bärenfell; auf einem zierlichen Dreifuß von durchbrochener korinthischer Erzarbeit bei seinen Häupten verbreiteten getrocknete und auch frisch gepflückte Heilkräuter würzigen Geruch. Vor ihm stand eine hochragende, ja gewaltige Frauengestalt, wenige Jahre jünger; sie strich ihm mit der Linken zärtlich über die glühende Stirn, über das kaum ergraute Blondhaar, das in den langen merovingischen Königslocken bis auf die Schultern wogte, während ihre Rechte eine Silberschale, gefüllt mit einer dunklen Salbe, hielt. Tiefster Schmerz lag auf den edeln, immer noch blendend schönen, nur etwas allzustrengen, ja scharfen Zügen: aber keine Thräne ließ sie in das meergraue Auge treten, auch nicht, als der Kranke tief aufseufzte. Sie stellte nun die Schale auf den Dreifuß nieder und strich mit beiden Händen hinter die Schläfe ihr prachtvoll rotes Haar, das reich vorflutete, wie sie sich über das Lager beugte. »Schmerzt die Wunde so scharf, Childirich?« fragte sie mit verhaltenem Weh. Er streichelte die weiße Hand. »Es ist nicht das,« erwiderte er, leise den Kopf schüttelnd. »Und es ist auch nicht, . . . . daß ich sterben muß – trotz all' deiner Heilkünste und Zaubersprüche, Basina, die von Wodan, deinem Ahn, gelernt, von Geschlecht zu Geschlecht in eurer Sippe vererbten daheim im Thüringwald. Allzutief in die Brust flog mir vom Turme von Soissons herab der spitze Römerpfeil. Aber es ist nicht das! Weiß ich doch, daß ich nach dem letzten Hauch auffahre nach Walhall: denn nicht den Strohtod sterb' ich: – den Bluttod an der Wunde, die ich, meinem Volksheer an des Keiles Spitze vorkämpfend, empfing. Auch um dich Hochgemute ist mir nicht bang: denn ein heldenhaftes Herz schlägt dir im Busen und jedes Schicksal wirst du würdig tragen: solche Frauen aber wie du läßt Wodan nicht nach Hel hinabsinken zu den freudlosen Schatten: er hebt sie nach Asgardh empor, seinen Walküren gesellt: wie er jener herrlichen Hilde gethan. Ich werd' ihn bitten, das Gleiche dir zu gönnen, so daß wir ungetrennt Walhalls Wonnen teilen. Aber – ah . . .« Er stockte: der Atem verging ihm. Zärtlich küßte die Gewaltige, tief sich beugend, die fiebernde Stirn: »Sprich es nicht aus! Ich weiß, was dich quält: die Sorge um dein Volk, um . . .«

»Ach, unsern Sohn,« seufzte der Wunde.

Da verfinsterte sich das edle Antlitz der hohen Frau. Die scharf geschnittnen Nasenflügel zuckten, und bitter kam es aus den kaum geöffneten Lippen. »Ja, Chlodovech! Mein Stolz und meine Furcht.«

»Zwar,« hob der König mit stolzer Miene an, »reiche Angebinde haben ihm in die Schildwiege die drei Los-Weberinnen und alle Götter und Göttinnen gelegt. Seinen Kampfmut der furchtlose Donar, seine kluge Ratfindung für Krieg und Frieden Wodan!« »Aber,« fiel die Mutter mit herbem Klang der tiefen Stimme ein – »Loge die Arglist, die scheulose Selbstsucht und – mit dem roten Haar und dem raschen Witzwort – die Falschheit, die lachend Wort und Treue bricht.« »Ja,« seufzte der Vater, »er ist wie die lodernde Flamme: seine Heißglut wärmt, seine Helle leuchtet bis zum Blenden . . .« »Jedoch,« schloß die Mutter, »ungebändigt und tückisch bricht sie plötzlich hervor, verzehrend Freund wie Feind! O wehe mir Armen, müßt' ich dereinst die Stunde verfluchen, da dieser Schos ihn gebar, einen Feuerbrand, der das Hehre, das Heilige vernichtet. – Allein er ist dein Sohn, Childirich: drum hoff' ich, die guten Gewalten in ihm werden siegen.«

»Horch, ich meine, ich hör' ihn unten im Hofe! Ja, das ist seine helle, dünne Stimme!« Die Frau trat an das Fenster des Schlafgemachs, schlug den rotbraunen Vorhang zurück und blickte in das Atrium hinab, dessen Estrich von pyrenäischem, weißem Marmor, von buntem Mosaik umrändert, in hellem Mondlicht leuchtete. Da kauerte, hinter eine Säule geduckt, ein schöner Knabe von fünfzehn Jahren; fast mädchenhaft weiß war die Hautfarbe, zierlich und fein der Bau der geschmeidigen Glieder, die Knöchel an Händen und Füßen klein; das rotblonde Haar stand in krausem Kleingelock von dem Kopf ab, zwei listige, scharf spähende Augen – meergrün wie der Mutter – blickten ebenso kühn wie schlau: die kurze, fein und scharf geschnittne Nase senkte sich auf einen kleinen Mund, der, vollendet schön geschweift, für das zarte Alter nur schon allzu ausdrucksvoll, unaufhörlich in zuckender Bewegung spielte. So hockte er, dem Luchse gleich, der regungslos ausgestreckt wagrecht auf dem Aste liegt, seine Beute von oben her mit unfehlbar sichrem, tödlichem Satze zu bespringen, hinter der Basis der dorischen Säule des Peristyls, von ihrem Schatten gedeckt, und lauerte unsichtbar. Vier Stufen unterhalb des Peristyls, vom vollen Mondlicht hell beleuchtet, stand in der Tiefe des Atriums, bei dem Brunnen, der eintönig, leise in eine Marmorschale goß, ein Jüngling, der, um eines Hauptes Länge höher, breitbrustig, starkknochig, die muskelkräftigen Arme zornig reckend, die mächtigen Hände zu harten Fäusten geballt hielt. »Chlodovech!« rief der Zorngemute hinan zu dem umlaufenden schwarz beschatteten Säulengang: »Wo steckst du? Dreimal warf ich dich in ehrlichem Ringkampf, daß dir die zierlichen Knochen fast splitterten. Du flohst und verschwandest. Dann hast du mich – hinterrücks anspringend aus dem Dunkel! – niedergerissen. Und jetzt? Komm vor zu offnem Kampf, wenn du Mut hast. Wo steckst du? Wo hockst du?«

»Hier!« kicherte wie ein übler Elbe der Gerufene, »hier! Auf deinem Nacken!« Und in hohem Satze schwang er sich von oben herab auf den Rücken des Ausforderers, der, nach kurzem Widerstreben, unter der Last zusammenbrach. Kaum gefallen, sprang er wieder auf und schüttelte den Listigen ab. »Chlodovech! Du Neiding!« grollte er. »Du hast . . .« »Gesiegt!« lachte der andre, wieder im Dunkel der Stufen hinauf verschwindend. »Durch elende Arglist.« – »Aber gesiegt! – Was denn? Was denn?« Er stieß diese letzten vier Worte rasch nacheinander aus den zusammengepreßten Zähnen hervor, das ›was‹ scharf betonend. »Was denn?« wiederholte der andre. »Was? Schandthat!« – »Aber sie half! Was denn?« Da stöhnte der Vater, der oben auf dem Pfühle lag und durch das nun weit geöffnete Fenster jedes Wort verstanden hatte. Die Mutter aber drückte an den Marmorrahmen des Rundbogenfensters die Stirn so fest, daß sie schmerzte: sie fand keinen Laut für ihr Weh. Allein sie ballte grimmig die Faust.

»Ruf ihn herauf!« mahnte der Wunde, »Ich will ihn . . . züchtigen . . . Ach . . . ich kann den Arm nicht heben. Aber, Basina, versprich . . . schwöre: – das ist unsre letzte Zwiesprach – schwöre – bei Wodan deinem Ahn! – laß ihn nicht zum Neiding . . . lieber tot . . . – schwöre mir's: – nicht gegen Götter und Menschen ein Falscher . . .« – »Niemals! Beruhige dich, Lieber!« – »Nicht . . . bis du mir . . . geschworen!« – »Du fieberst! Großes, Herrliches ruht in ihm – deine Art – ich sagte es schon, vererbt von deinem großen Ahn Merovech-Serapio, – deinem Urgroßvater, der euch Saliern zuerst in diesem Lande Sitz und Macht geschafft. Er ist – ein Knabe noch – bereits ein Held. Hast du vergessen, – du selber hast's mit stolzem Blick erzählt! – wie er im Kohlenwalde auf der Jagd, als dir der Bär den Speer in der Hand zerbrochen hatte, zwischen dich und das Untier sprang und, unter seiner Pranke stürzend, ihm noch das Kurzschwert in das Herz stieß?« – »Ja – das war – wacker!« Und es flog ein Lächeln um die bleichen Lippen. »Und vor wenigen Wochen . . . vor Soissons – Guntbert – eben Guntbert, der unten – hat's erzählt – als ihr vor Soissons in das Geschwirr der Römer-Pfeile gerietet, die aus plötzlich geöffneten Schießscharten sausten und als du fielst – ach von jenem Pfeil getroffen! – und als alle Gefolgen scheu zurückwichen, vom Schrecken gescheucht; – wer allein hielt da bei dir aus, den Schild nicht über sein Haupt, über deine wunde Brust haltend?« . . .« – »Guntbert, und . . .« – »Und Chlodovech, dein Sohn. Blutend wie dich brachten sie mir – mit durchschossener Wange – auch ihn. Er lachte zu seinem eignen Schmerz – nur um dich bangte er! – und sein erstes Wort, als er wieder sprechen konnte, war: ›Blutrache für den Vater an allen Schützen von Soissons!‹ Er ist ein Fuchs, ja, aber auch adlerkühn.« Ihre Augen leuchteten. »Stolz der Mutter,« lächelte der Vater, »mögst du nie Schwäche der Mutter werden!« – »Sieh, das hat mir damals den Schmerz mit Freude verklärt.« – »Gewiß: es steckt ein Held in ihm. Aber . . .! O könnt' ich in die Zukunft schaun. Wird er unserm Volk ein Heil oder ein Unheil?«

»Ich hoffe: ein herrlich Heil.«

»Ich will's glauben – und so leichter sterben. Aber schwöre mir, – sonst kann ich nicht Friede finden noch Freude in Walhall! – schwöre mir bei Wodan: – laß ihn nicht freveln gegen Götter und Menschen – eher . . . hörst du? . . . soll er sterben! Töte ihn!«

»Childirich! Welche Wahngebilde! Du fieberst.«

»Mag sein!« schrie der Leidende, »aber diese Sorge beißt bittrer als die Wunde. Ich kann nicht Ruhe finden,« – und er fuhr hastig empor, warf die Decke von sich und wollte von dem Lager springen, aber er taumelte: sie fing ihn auf; er lehnte an ihrer Brust, »Schwör's, schwör's! Laß ihn nicht leben, frevelt er gegen Götter und Menschen . . . . Hast du mich je geliebt – – schwör's . . . ich bitte . . . ich befehle!« Und er sah flehend und zugleich drohend in ihr Auge.

Von Mitleid überwältigt legte sie die Hand auf sein heftig pochendes Herz: »Ich schwöre bei Wodan, dann soll er nicht leben,« sprach sie und ließ ihn sanft auf das Lager zurückgleiten.

 


 

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