Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Wilhelm >

Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 94
Quellenangabe
pfad/wilhelm/chinmaer/chinmaer.xml
typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120215
projectid71b5aa0f
Schließen

Navigation:

92. Der Mönch am Yangtsekiang

Initial Der Buddhismus entstand im südlichen Indien auf der Insel Ceylon. Dort lebte der Sohn eines brahmanischen Königs. Er hatte in seiner Jugend die Heimat verlassen und abgesagt allem Wünschen und Fühlen. Mit großer Selbstverleugnung kasteite er sich, um alle lebenden Wesen zu retten. Mit der Zeit erreichte er geheimen Sinn und wurde Buddha genannt.

Zur Zeit des Kaisers Ming Di der östlichen Handynastie erblickte man im Westen einen goldenen Glanz, der dauernd blitzte und leuchtete.

Eines Nachts träumte dem Kaiser, daß er einen goldenen Heiligen, zwanzig Fuß hoch, mit geschorenem Haupt und nackten Füßen, in indischen Kleidern eintreten sah, der zu ihm sprach: »Ich bin der Heilige aus dem Abendlande. Meine Lehre soll im Morgenlande ausgebreitet werden.«

Als der Herrscher erwachte, wunderte er sich über diesen Traum und sandte Boten aus in die westlichen Länder, um nachzuforschen, was an der Geschichte sei.

Auf diese Weise kam die Lehre Buddhas nach China und nahm immer mehr an Einfluß zu bis auf die Zeiten der Tangdynastie. Damals waren vom Kaiser und König an bis herunter zu den Bauern in den Dörfern Weise und Toren gleichermaßen von Ehrfurcht vor Buddha erfüllt. Unter den letzten beiden Dynastien jedoch geriet die Lehre immer mehr in Verfall. Die Buddhistenmönche laufen heutzutage in die Häuser der Reichen, sagen ihre Sutren auf und beten gegen Bezahlung. Von den großen Heiligen der alten Zeit ist nichts mehr zu hören.

Zur Zeit des Kaisers Tai Dsung aus der Tangdynastie geschah es, daß einst große Dürre herrschte, also daß der Kaiser und alle Beamten überall Altäre errichteten, um Regen zu erflehen.

Da redete der Drachenkönig des Ostmeers mit dem alten Drachen der Milchstraße und sprach: »Heute bitten sie drunten auf der Erde um Regen, und der Herr hat die Bitten des Königs von Tang erhört. Morgen mußt du drei Zoll Regen fallen lassen.«

»Nein, ich muß nur zwei Zoll Regen fallen lassen«, sprach der alte Drache.

Also gingen die beiden Drachen eine Wette ein, und der, der Unrecht hatte, sollte zur Strafe zum Schlammolch werden.

Am Tage darauf kam plötzlich ein Befehl des höchsten Herrn heraus, des Inhalts, daß der Drache der Milchstraße die Wind- und Wolkengeister anweisen solle, drei Zoll hoch Regen auf die Erde niederzusenden. Ein Widerspruch war nicht möglich.

Da dachte der alte Drache bei sich selbst: »Der Drachenkönig kennt die Zukunft doch besser als ich. Wenn ich nun aber ein Schlammolch werden sollte, wäre das gar zu schmählich.« So ließ er denn nur zwei Zoll Regen fallen und berichtete dem himmlischen Hofe, daß der Befehl erfüllt sei.

Aber der Kaiser Tai Dsung hatte ebenfalls ein Gebet dargebracht, um dem Himmel zu danken. Darin hieß es: »Das köstliche Naß wurde uns zuteil in einer Höhe von zwei Zoll. Wir bitten untertänigst, noch mehr herabzusenden, damit die dürren Saaten sich erholen können.«

Als der Herr dieses Gebet las, ward er sehr zornig und sprach: »Der verbrecherische Drache der Milchstraße hat es gewagt, den von mir bestimmten Regen zu verringern. Er darf sein schuldiges Leben nicht fortsetzen. Darum soll unter den Menschen der Feldherr We Dschong ihn enthaupten zur Warnung für alle lebenden Wesen.«

Des Abends hatte der Kaiser Tai Dsung einen Traum. Er sah einen Riesen eintreten, der ihn mit verhaltenen Tränen anflehte: »Rettet mich, o Kaiser! Der Herr hat, weil ich eigenmächtig den Regen verringert habe, in seinem Groll befohlen, daß We Dschong mich morgen um die Mittagsstunde enthaupten soll. Wenn ihr nun um diese Zeit den We Dschong nicht einschlafen laßt und abermals ein Gebet darbringt, um mich zu retten, so kann das Unglück noch einmal vorübergehen.«

Der Kaiser sagte zu. Jener verneigte sich und ging.

Am andern Tage ließ der Kaiser den We Dschong kommen. Er trank mit ihm zusammen Tee und spielte Schach. Um die Mittagszeit wurde We Dschong plötzlich müde und schläfrig; aber er wagte nicht, sich zu verabschieden. Der Kaiser aber, weil einer seiner Bauern geschlagen worden war, blickte einen Augenblick nieder auf das Spiel und dachte nach, und schon schnarchte We Dschong mit donnerähnlichem Getöse. Der Kaiser erschrak sehr und rief ihm eilig zu; doch jener erwachte nicht. Er ließ ihn durch zwei Eunuchen rütteln; aber es dauerte eine lange Zeit, bis er wieder zu sich kam.

»Was seid Ihr nur so plötzlich eingeschlafen?« sprach der Kaiser.

»Es träumte mir,« antwortete jener, »der höchste Gott habe mir befohlen, den alten Drachen zu enthaupten. Eben habe ich ihm den Kopf heruntergeschlagen, und noch immer tut mir der Arm von der Anstrengung weh.«

Noch ehe er fertig gesprochen hatte, fiel plötzlich aus der Luft ein Drachenkopf herab, groß wie ein Scheffelmaß. Der Kaiser erschrak und stand auf.

»Ich habe mich am alten Drachen versündigt«, sagte er, zog sich zurück in die Gemächer seines Schlosses und ward verstört im Geiste. Er blieb auf seinem Lager liegen, schloß die Augen und redete nichts mehr. Ganz schwach nur ging der Atem noch durch seine Nase.

Plötzlich sah er zwei Leute in purpurnen Gewändern, die eine Namenkarte in der Hand hatten. Sie sprachen also zu ihm: »Der alte Drache der Milchstraße hat den Kaiser in der Unterwelt verklagt. Wir bitten, den Wagen anspannen zu lassen.«

Unwillkürlich folgte der Kaiser den beiden nach, und vor dem Schlosse war auch schon der Wagen angespannt. Der Kaiser bestieg ihn, und im Fluge ging es durch die Luft. Im Augenblicke war er in der Totenstadt. Als er eintrat, sah er den Gott des Großen Berges in der Mitte sitzen und die zehn Höllenfürsten rechts und links gereiht. Sie alle erhoben sich, verneigten sich vor ihm und ließen ihn sitzen.

Dann sprach der Gott des Großen Berges: »Der alte Drache der Milchstraße hat wirklich ein strafwürdiges Vergehen auf sich geladen. Doch Eure Majestät hatten versprochen, für ihn zum höchsten Herrn zu bitten, wodurch das Leben des alten Drachen wohl gerettet worden wäre. Daß diese Sache über dem Schachspiel versäumt wurde, dürfte wohl auch ein Fehler sein. Nun beklagt sich der alte Drache unaufhörlich bei mir. Wenn ich bedenke, daß er seit tausend Jahren sich der Heiligung beflissen hat und nun wieder in den Kreislauf der Wandlungen zurückfallen soll, so ist das wirklich traurig. Darum habe ich mit den Fürsten der zehn Hallen mich beraten, einen Ausweg zu finden und Eure Majestät hierher gebeten, um die Sache zu besprechen. Im Himmel, auf der Erde und in der Unterwelt ist allein Buddhas Lehre ohne Grenzen. Wenn Eure Majestät daher auf die Welt zurückkehren, so mögen für die dreiunddreißig Himmelsherrn große Opfer gefeiert werden. Es sollen dreitausendsechshundert heilige Buddhistenpriester die Sutren verlesen, um den alten Drachen zu erlösen, damit er wieder zum Himmel aufsteigen kann und seine ursprüngliche Gestalt behalten darf. Aber die Schriften und Zaubersprüche in der Menschenwelt sind nicht wirksam genug. Man muß nach dem westlichen Himmel gehen und dort wahre Worte holen.«

Der Kaiser sagte zu, und der Gott des Großen Berges und die zehn Höllenfürsten erhoben sich und sprachen sich verbeugend: »Wir bitten zurückzukehren!«

Plötzlich öffnete Tai Dsung die Augen wieder, da lag er auf seinem kaiserlichen Bett. Darauf veröffentlichte er ein Bekenntnis seiner Schuld und ließ die heiligsten Buddhistenpriester rufen, um im westlichen Himmel die Sutren zu holen. Es war der Mönch vom Yangtsekiang mit Namen Hüan Dschuang, der, dem Befehle folgend, sich bei Hofe einstellte.

Dieser Hüan Dschuang hieß ursprünglich Tschen. Sein Vater hatte unter der Regierung des vorhergehenden Kaisers die höchste Prüfung bestanden und war mit dem Amt eines Kreisvorstehers am Yangtsekiang betraut worden. Er ging mit seiner Frau zusammen nach seinem neuen Amtsbezirk. Als sie mit ihrem Schiff den Fluß erreicht hatten, begegneten sie einer Räuberbande. Der Häuptling tötete das ganze Gefolge, warf den Vater Tschen in den Fluß, bemächtigte sich seiner Frau und seiner Amtsurkunde und begab sich unter falschem Namen in jene Kreisstadt und übernahm das Siegel. Alle Diener und Knechte, die er mit sich nahm, waren Glieder der Bande. Die geraubte Frau aber schloß er in einem verborgenen Turmgemache ein. Zu jener Zeit war die Frau schon seit drei Monaten guter Hoffnung. Darum blieb sie am Leben, obwohl sie am liebsten gestorben wäre, da sie hoffte, einen Sohn zu bekommen, der den Namen der Familie Tschen fortsetzen und den Frevel rächen könne.

Als nun die Zeit ihrer Niederkunft gekommen war, schützte sie Krankheit vor, damit der Räuber nicht zu ihr komme. Und so gebar sie einen Sohn. Die Diener und Dienerinnen aber waren lauter Vertraute des Räubers. So fürchtete sie denn, die Sache möchte ruchbar werden.

Nun war unten vor ihrem Turm ein kleiner Teich. Aus diesem Teich kam ein Bach hervor, der durch die Mauern floß bis in den Yangtse. Sie nahm ein Körbchen aus Bambus, verklebte die Ritzen und legte das Knäblein hinein. Dann biß sie sich einen Finger ab und schrieb mit ihrem Blute die Stunde und den Tag der Geburt auf einen Seidenstreifen und fügte bei, daß der Knabe, wenn er zwölf Jahre alt sei, kommen und sie retten solle. Dann wickelte sie den abgebissenen Finger in den Seidenstreifen und legte ihn neben den Knaben in das Körbchen, und zur Nachtzeit, als kein Mensch um den Weg war, setzte sie das Körbchen in den Bach. Es schwamm hinaus der Strömung nach bis in den Yangtsekiang. Dort trieb es weiter bis an das Kloster auf dem Goldberge, der als eine Insel mitten im Flusse liegt. Da fand es ein Priester, der gegangen war, um Wasser zu schöpfen. Er fischte es auf und brachte es ins Kloster.

Als der Abt die blutige Handschrift sah, befahl er den Priestern und Lehrlingen, niemand etwas von der Sache zu sagen. Und er zog das Knäblein auf im Kloster.

Als es fünf Jahre alt war, da unterwies er es im Lesen der heiligen Schriften. Der Knabe war klüger als alle seine Mitschüler, verstand bald den Sinn der heiligen Schriften und drang immer tiefer in ihre Geheimnisse ein. So wurde er denn zu den Gelübden zugelassen, und als ihm das Haupthaar geschoren wurde, erhielt er den Namen »der Mönch vom Yangtsekiang«.

In seinem zwölften Jahre war er stark und groß wie ein erwachsener Mann. Der Abt, der wußte, welche Pflicht ihm noch zu erfüllen oblag, berief ihn in ein stilles Zimmer. Dort nahm er die blutige Handschrift und den Finger hervor und gab ihm beides.

Als der Mönch die Schrift gelesen hatte, da warf er sich zur Erde und weinte bitterlich. Dann dankte er dem Abt für alles, was er an ihm getan hatte. Er machte sich auf nach der Stadt, in der seine Mutter wohnte. Er lief rings um das Amtsgebäude herum, schlug auf den Holzfisch und rief: »Erlösung von allem Leid! Erlösung von allem Schweren!«

Seit der Räuber, der seinen Vater ermordet hatte, unter falschem Namen jenes Amt erschlichen, hatte er es sich angelegen sein lassen, durch mächtige Verbindungen sich dauernd in dem Amte festzusetzen. Die Frau aber, die nun schon über zehn Jahre bei ihm ausgeharrt hatte, ließ er allmählich etwas freier.

An jenem Tag war er in Amtsgeschäften auswärts. Die Frau saß zu Hause, und als sie draußen vor der Tür den Holzfisch so eindringlich schlagen hörte und die Erlösungsworte vernahm, da sprach die Stimme des Herzens in ihr. Sie sandte der dienenden Mädchen eine, den Priester hereinzurufen. Er trat zum hinteren Tore ein. Und als sie ihn nun erblickte, wie er Zug um Zug seinem Vater glich, da konnte sie sich nicht länger halten; die Tränen brachen ihr in Strömen hervor. Da merkte der Mönch vom Yangtsekiang, daß es seine Mutter war. Er nahm die blutige Handschrift hervor und gab sie seiner Mutter.

Die streichelte ihn und sagte schluchzend: »Mein Vater ist ein hoher Beamter, der sich von den Geschäften zurückgezogen hat und in der Hauptstadt weilt. Es war mir aber nicht möglich, ihm zu schreiben, weil dieser Räuber mich streng gefangen hält. So habe ich denn mein Leben gefristet, wartend bis du kämst. Nun eile nach der Hauptstadt und räche deinen Vater, so wird auch mir der Tod kein Leid mehr sein. Du mußt aber schnell machen, damit niemand etwas erfährt.«

Eilends ging nun der Mönch von dannen. Er kehrte zunächst in sein Kloster zurück, um sich von seinem Abt zu verabschieden; dann ging er nach der Hauptstadt Sianfu.

Zu jener Zeit war sein Großvater schon gestorben. Aber es lebte ihm noch ein Oheim, der war bekannt bei Hofe. Der nahm Soldaten und machte dem Räuber ein Ende. Die Mutter aber hatte sich erhängt.

Seit jener Zeit lebte der Mönch vom Yangtse bei einer Pagode in Sianfu und war bekannt unter dem Namen Hüan Dschuang. Als der Kaiser jenen Befehl ergehen ließ, war er etwa zwanzig Jahre alt. Er trat vor den Kaiser; da ehrte ihn dieser als Lehrer. Dann machte er sich auf den Weg nach Indien.

Siebzehn Jahre blieb er weg. Drei Sammlungen von Büchern brachte er mit, und jede Sammlung enthielt fünfhundertvierzig Rollen. Damit trat er vor den Kaiser. Der Kaiser war hoch erfreut und schrieb mit eigener Hand ein Vorwort zu der heiligen Lehre, in dem er all diese Geschichten aufzeichnete. Dann wurde das große Opfer veranstaltet, um den alten Drachen zu erlösen.

 

 << Kapitel 93  Kapitel 95 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.