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Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 87
Quellenangabe
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typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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85. Wie das Heiraten des Flußgotts aufhörte

Initial Zur Zeit der sieben Reiche lebte ein Mann namens Si-Men Bau, der war Statthalter am gelben Fluß. In jener Gegend wurde der Flußgott sehr verehrt. Es lebten Zauberer dort und Hexen, die verkündeten: »Der Flußgott will jedes Jahr ein Mädchen freien, die man unter dem Volke aussuchen muß, sonst kommen Wind und Regen nicht zur rechten Zeit, es gibt Überschwemmungen und Mißernten.« Wenn nun in einem reichen Haus ein Mädchen war im richtigen Alter, so sprachen die Zauberer, die sei zu erwählen. Die Eltern, die ihre Tochter schützen wollten, bestachen sie dann mit vielem Geld. So ließen sich die Zauberer denn erweichen und befahlen den reichen Leuten, Geld zusammenzuschießen und ein armes Mädchen zu kaufen, die in den Fluß geworfen wurde. Das übrige Geld behielten sie als Gewinn für sich. Wer aber nicht bezahlen wollte, dessen Tochter ward zur Gattin des Flußgottes bestimmt, und man zwang sie, die Brautgeschenke anzunehmen, die die Zauberer ihr brachten. Das Volk der Gegend seufzte bitter unter diesem Brauch.

Als nun Si-Men sein Amt antrat, da hörte er von dieser Unsitte. Er ließ die Zauberer zu sich kommen und sprach zu ihnen: »Den Hochzeitstag des Flußgottes müßt ihr mir anzeigen. Denn ich will selbst zugegen sein, dem Flußgott meine Ehrung darzubringen, das wird ihn freuen, und er wird zum Lohne meinem Volke Segen spenden.« Damit entließ er sie. Die Zauberer waren voll des Lobes seiner Frömmigkeit.

Wie nun die Zeit erschien, da machten sie ihm Meldung. Si-Men tat Feierkleidung an und stieg zu Wagen und fuhr in festlichem Zuge an den Fluß. Die Ältesten des Volkes, sowie die Zauberer und die Hexen waren alle da. Von weither waren Mann und Weib, Kinder und Greise herbeigeströmt, um das Schauspiel anzusehen. Die Zauberer setzten die Flußbraut auf ein Ruhebett, taten ihr den Hochzeitsschmuck an, Pauken und Trommeln und fröhliche Weisen erklangen um die Wette.

Schon waren sie im Begriff, das Bett dem Fluß zu übergeben. Die Eltern des Mädchens nahmen unter Tränen von ihr Abschied. Da gebot Si-Men halt und sprach: »Nicht so eilig! Ich bin selber erschienen, um der Braut das Geleite zu geben, da muß es feierlich und würdig zugehen. Es muß erst jemand hin ins Schloß des Flußgotts und ihm Nachricht bringen, damit er selber kommt, die Braut zu holen.«

Mit diesen Worten blickte er auf eine Hexe und sagte: »Du kannst gehen!« Die Hexe zögerte; da befahl er seinen Dienern, sie zu nehmen und in den Fluß zu werfen. Dann verging wohl eine Stunde.

»Dies Weib versteht die Sache nicht,« fuhr Si-Men fort, »sonst wäre sie schon längst wieder zurück.« Damit sah er einen Zauberer an und fügte bei: »Gehe hin und mach es besser!« Der Zauberer entfärbte sich vor Angst; aber Si-Men ließ auch ihn packen und in den Fluß werfen. Wieder verging eine halbe Stunde.

Da stellte er sich beunruhigt: »Die beiden machen ihre Sache schlecht«, sprach er, »und lassen die Braut vergeblich warten.« Abermals blickte er auf einen Zauberer und sagte: »Geh du und sieh nach ihnen!« Der Zauberer aber warf sich zur Erde nieder und bat flehentlich um Schonung. Und auch die anderen Zauberer und Hexen knieten der Reihe nach vor ihm nieder und baten um Gnade. Sie taten einen Schwur, daß sie nie mehr für den Flußgott eine Gattin suchen wollten.

Da hielt Si-Men inne und schickte das Mädchen in ihre Heimat zurück, und jene Sitte war für ewig abgetan.

 

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