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Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 86
Quellenangabe
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typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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84. Wie über zwei Pfirsichen drei Helden zu Tode kamen

Initial Der Herzog Ging von Tsi liebte es im Anfang seiner Regierungszeit, Helden um sich zu sammeln. Darunter waren besonders drei, die außerordentlich tapfer waren. Der erste hieß Gung-Sun Dsiä, der zweite hieß Tiän Kai Giang, dritte hieß Gu I Dsï. Alle drei wurden vom Fürsten hoch geehrt. Durch diese Ehren aber wurden sie übermütig, lärmten bei Hofe und übertraten die Sitten, die zwischen Fürst und Diener bestehen.

Zu jener Zeit war Yän Dsï Kanzler in Tsi. Mit dem beriet der Herzog, was zu tun sei. Der Kanzler bat, ein Hofmahl zu veranstalten und alle Beamten dazu einzuladen.

Auf der Tafel stand als größte Kostbarkeit ein Teller mit vier herrlichen Pfirsichen.

Entsprechend dem Rat seines Kanzlers stund der Herzog auf und machte kund: »Hier sind herrliche Früchte; ich kann euch nicht allen davon geben. Nur die Würdigsten sollen davon essen. Ich selbst beherrsche das Land und bin das Haupt der Fürsten des Reichs. Es ist mir gelungen, Besitz und Macht zu wahren, das ist mein Verdienst. Darum gebührt mir einer der Pfirsiche. Yän Dsï steht mir bei als Kanzler, er ordnet den Verkehr mit dem Ausland und hält die Bürger in Frieden. Er hat unser Reich stark gemacht auf Erden. Das ist des Kanzlers Verdienst, ihm gebührt der zweite Pfirsich. Nun sind noch zwei Pfirsiche da, doch weiß ich nicht, wer von euch andern die Würdigsten sind. Ihr mögt selbst aufstehen und eure Verdienste erzählen. Wer keine großen Taten vollbracht hat, der unterstehe sich nicht, den Mund zu öffnen.«

Gung-Sun Dsiä schlug an sein Schwert und erhob sich; er sprach: »Ich bin des Fürsten Feldmarschall. Im Süden habe ich das Reich Lu besiegt, im Westen habe ich das Reich Dsin besiegt, im Norden habe ich das Heer von Yän gefangengenommen. Alle Fürsten im Osten kommen hierher an den Hof und erkennen die Führerschaft von Tsi an. Das ist mein Verdienst. Ich weiß nicht, ob ein Pfirsich mir gebührt.«

Der Herzog sprach: »Dein Verdienst ist groß! Es gebührt dir ein Pfirsich.«

Da erhob sich Tiän Kai Giang, schlug auf den Tisch und sprach: »Ich habe im Heere des Fürsten wohl hundert Schlachten geschlagen, ich habe den feindlichen Feldherrn getötet, ich habe die Fahne des Feindes erobert. Ich habe für meinen Fürsten die Grenzen des Landes erweitert, also daß unser Land um tausend Meilen größer wurde. Wie steht es da mit meinem Verdienst?«

Der Herzog sprach: »Dein Verdienst ist groß! Es gebührt dir dieser Pfirsich.«

Da erhob sich Gu I Dsï; seine Augen starrten, und er schrie mit lauter Stimme: »Als einst der Fürst über den gelben Fluß fuhr, da erhoben sich Wind und Wellen. Ein Flußdrache schnappte das eine Wagenpferd und riß es fort; die Fähre schwankte wie ein Sieb und wollte kentern. Da nahm ich mein Schwert und stürzte mich in den Fluß. Ich kämpfte mit dem Drachen inmitten schäumender Wellen. Meiner Stärke gelang es, den Drachen zu töten; es traten mir vor Anstrengung die Augen aus dem Kopf. So kam ich wieder heraus, in der einen Hand den Drachenkopf, in der andern das gerettete Pferd, und ich hatte den Fürsten vom Ertrinken gerettet. Wenn immer unser Land mit Nachbarländern im Kampfe lag, ich habe mich keines Dienstes geweigert. Ich nahm die Vorhut, ich ging im Einzelkampf voran; niemals kehrte ich dem Feind den Rücken. Einst blieb der Wagen des Fürsten im Schlamme stecken, und von allen Seiten drängten sich Feinde herzu; ich zog den Wagen heraus und scheuchte die feindlichen Söldner zurück. Seitdem ich im Dienste des Fürsten bin, habe ich ihm mehrmals das Leben gerettet. Wohl kommt mein Verdienst dem Fürsten und Kanzler nicht gleich; doch ist es größer als das der beiden andern. Die beiden haben Pfirsiche bekommen, ich gehe leer aus. Das heißt, daß hohes Verdienst nicht belohnt wird und der Fürst mir mißgünstig gestimmt ist. Wie kann ich mich da jemals wieder bei Hofe sehen lassen!«

Mit diesen Worten zog er sein Schwert und stach sich tot.

Gung-Sun Dsiä erhob sich, verneigte sich zweimal und sagte seufzend: »Unser beider Verdienst kommt wirklich dem des Gu I Dsï nicht gleich, und doch wurden uns die Pfirsiche zuteil. Wir haben uns über Gebühr bezahlen lassen. Das ist eine Schmach. Darum ist es besser zu sterben, als weiter zu leben.«

Er nahm sein Schwert und schwang es, und schon rollte sein eigener Kopf in den Sand.

Tiän Kai Giang blickte auf und stieß einen Laut des Ekels aus. Er blies den weißen Hauch wie einen Regenbogen vor sich hin, und zornig stand ihm das Haar zu Berge. Dann nahm er sein Schwert in die Hand und sprach: »Wir drei haben stets dem Fürsten tapfer gedient. Wir waren verbunden wie Fleisch und Blut. Die beiden sind tot, da ist es meine Pflicht, nicht einzig am Leben zu bleiben.«

Damit stieß er sich das Schwert in die Kehle und verröchelte.

Der Herzog aber seufzte unaufhörlich und befahl, ihnen ein prächtiges Begräbnis zu bereiten.

Einem tapferen Helden geht die Ehre über das Leben. Das wußte der Kanzler; darum hat er es absichtlich so eingerichtet, durch die beiden Pfirsiche sie anzustacheln und so drei Helden zu töten.

 

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