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Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 85
Quellenangabe
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typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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83. Die drei Übel

InitialEs lebte einst in alten Zeiten ein junger Mann, der hieß Dschou Tschu. Er war über alle Maßen stark, so daß ihm niemand widerstehen konnte. Er war wild und unbotmäßig, und immer gab es Händel und Schlägereien in seiner Nähe. Doch wagten ihn die Ältesten des Ortes nie ernstlich zu bestrafen. Auf dem Kopfe trug er einen hohen Hut, auf den er zwei Fasanenschwänze gesteckt hatte. Seine Kleider waren aus gestickter Seide, und er trug das Drachenquellenschwert um seine Hüften gegürtet. Er war dem Trunk und Spiel ergeben und hatte eine lose Hand. Wers mit ihm verdarb, der war nahen Unheils gewiß. Auch mischte er sich immer ein, wo unterwegs er Streitenden begegnete. So trieb ers jahrelang, und die ganze Gegend seufzte unter ihm.

Als einst ein neuer Amtmann in die Gegend kam, ging dieser erst im stillen auf dem Land umher und fragte nach des Volks Beschwerden. Da hörte er, es gäbe drei große Übel im Lande.

Darauf tat er grobe Kleider an und weinte vor der Tür Dschou Tschu's. Der kam soeben aus dem Wirtshause, wo er sich betrunken hatte. Er schlug an sein Schwert und sang mit lauter Stimme.

Als er nach seinem Hause kam, da fragte er: »Wer weint denn da so jämmerlich?«

Der Amtmann sprach: »Ich weine ob der Not des Volks.«

Da sah Dschou Tschu ihn an und brach in lautes Lachen aus.

»Ihr irrt Euch, Freund«, sprach er. »Ringsum kocht der Aufruhr wie das siedende Wasser im Kessel. Nur unser Winkel hier ist ruhig und in Frieden. Die Ernte ist reich, und das Korn ist gut geraten, und jedermann geht fröhlich seiner Arbeit nach. Wenn Ihr von Not mir redet, gleicht Ihr dem Manne, der ohne Krankheit stöhnt. Wer seid Ihr überhaupt, daß Ihr, statt um Euch selbst, um andere Leute trauert, und was tut Ihr hier vor meiner Tür?«

»Ich bin der neue Amtmann,« sprach der andere, »seit ich vom Wagen stieg, hab ich mich in der Gegend umgesehen. Ich fand die Sitten gut und einfach, und jeder hat genug zur Kleidung und zur Nahrung. Das alles stimmt genau, wie Ihr es sagt. Doch rätselhafterweise, wenn die Alten sich versammeln, so seufzen sie und klagen stets.

Wenn man sie nach dem Grunde fragt, so sprechen sie: ›Drei Übel sind an unserem Ort.‹ Um die Beseitigung von zwei davon soll ich Euch bitten; vom dritten aber will ich lieber schweigen. Aus diesem Grund wein ich vor Eurer Tür.«

»Und welches sind die Übel denn?« erwiderte Dschou Tschu. »Sagt frei und offen alles, was Ihr wißt!«

»Das erste«, sprach der Amtmann, »ist der schlimme Drache bei der langen Brücke, der die Wasser schwellen läßt, daß Mensch und Vieh im Fluß ertrinkt. Das zweite ist der Tiger mit der weißen Stirn im Gebirge. Das dritte Übel, Herr, seid Ihr.«

Da stieg die Scham dem Manne ins Gesicht, und er sagte sich verneigend: »Ihr seid der Amtmann hier, o Herr, und habet solches Mitleid mit dem Volk. Ich bin am Ort geboren und mache unseren Ältesten nur Kummer. Was bin ich für ein Mensch! Ich bitt Euch, geht nach Hause! Ich will schon sorgen, daß es besser wird.«

Dann lief er spornstreichs ins Gebirge und stöberte den Tiger in der Höhle auf. Der machte einen Luftsprung, daß der ganze Wald erschüttert wurde wie von einem Sturm. Dann kam er brüllend angestürzt. Wild streckte er die Krallen aus, um ihn zu packen. Dschou Tschu trat einen Schritt zurück, da kam der Tiger gerade vor ihm von dem Sprung zur Erde. Mit der linken Hand nun drückte er des Tigers Hals zu Boden, und mit der rechten schlug er unablässig auf ihn ein, bis er ihn tot zur Erde streckte. Er nahm den Tiger auf den Rücken und kehrte mit ihm heim.

Dann ging er nach der langen Brücke. Er zog die Kleider aus und nahm sein Schwert zur Hand. So tauchte er ins Wasser. Kaum war er drinnen, so begann es wild zu brausen und zu zischen, und schäumend tobten die Wogen. Es klang wie rasendes Pferdegetümmel. Nach einer Weile kam ein Blutstrom aus der Tiefe vorgequollen, und das ganze Wasser wurde rot. Dann kam Dschou Tschu, den Drachen in der Hand, hervorgetaucht.

Er ging und meldete dem Amtmann mit Verbeugung: »Dem Drachen hab ich den Kopf abgeschlagen, und den Tiger hab ich auch beseitigt. So hab ich glücklich das Gebot erfüllt. Nun will ich auf die Wanderschaft, daß auch des dritten Übels Ihr los und ledig seid. Herr, sorget für mein Land und mahnt die Ältesten, daß sie nun nicht mehr trauern.«

Und als er das gesagt, ging er unter die Soldaten. Er hat sich dann im Kampfe gegen Räuber einen großen Namen gemacht, und als einmal die Räuber, sich zu rächen, ihn hart bedrängten, also daß er sich nicht retten konnte, da neigte er sich nach Osten und sprach: »Der Tag ist nun gekommen, da ich mit meinem Leben meine Schuld bezahlen kann.« Dann bot er seinen Kopf dem Schwert und starb.

 

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