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Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 82
Quellenangabe
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typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120215
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80. Das treue Mädchen

InitialUnter den Wilden im Süden gibt es sehr viele Stämme. Da gibts die Hui, die Li, die Yau, die Babesifu und viele andere. In Kuangsi haben sie dreiundachtzig Niederlassungen. Die stärksten aber sind die Li. Unter ihnen nun herrscht die Sitte, daß wenn ein Mädchen mannbar wird, man für sie immer erst einen vorläufigen Ehemann ins Haus nimmt. Nach ein paar Monaten bekommt der Mann dann Aussatz oder sonst einen üblen Ausschlag, und man schickt ihn weg. Dann erst wird mit einer angesehenen Familie desselben Stammes eine eigentliche Ehe vereinbart. Das nennt man: den Aussatz übertragen. Wenn das nicht geschieht, so wird das Mädchen selber krank. Darum ist es nicht möglich, für ein Mädchen, das ihren Aussatz noch nicht auf diese Weise übertragen hat, einen richtigen Ehemann zu finden.

Es war einmal ein junger Mann in Kuilin. Der stammte aus einer reichen Familie. Da jedoch sein Lehrer ihm allzu strenge auf die Finger sah und auch sein Vater ihn zu Zeiten strafte, hielt ers nicht länger aus und lief von Hause fort. Er verirrte sich und kam in eine Niederlassung von Wilden und bat um Essen. Da war ein alter Mann, der hatte Mitleid mit dem Jungen, rief ihn nach seinem Hause und gab ihm reichlich Wein und Speise.

Dann sprach er zu ihm: »Ihr scheint mir nicht so ein gewöhnlicher Landstreicher zu sein. Ich habe eine Tochter, die wartet gerade auf einen Mann, die würd ich gern zur Frau Euch geben.«

Der junge Mann bedachte zwar bei sich, daß er zu Hause eine Braut schon habe. Doch in seiner Not dem Hunger und der Kälte gegenüber sprach er zu allem ja. Der Alte rief nun das ganze Haus zusammen. Ein Brautgemach ward hergerichtet und der junge Mann hineingeführt. Die Braut war auch schon drin. Sie war ausnehmend schön und schien ein gutes Mädchen.

Die Nacht war still und alles schon zur Ruhe. Die beiden saßen verlegen beieinander und wußten nicht, was sagen. Das Mädchen saß abseits, den Kopf auf die Hände gestützt, und seufzte unaufhörlich schwer und tief. Der junge Mann war müde von der Reise und schlief bald ein. Beim ersten Hahnenrufe wachte er wieder auf und sah das Mädchen noch immer abseits sitzen.

»Es ist schon spät, die Nacht ist kalt«, sagte er. »Willst du dich nicht zur Ruhe legen?«

Das Mädchen errötete beschämt und sagte unter Tränen: »Das ist eine schlimme Ehe. Ihr müßt kein Mitleid mit mir haben.«

Dann erzählte sie ihm alles, wie es sich verhielt, und fügte noch hinzu: »Wie ich Euch sah, so jung und schön, da konnt ichs nicht ertragen, Euch den Tod zu bringen. Lieber will ich selber sterben.«

Sie fragte noch nach seinem Namen und Wohnort, alles ganz genau. Als der Tag zu dämmern anfing, gab sie ihm Geld und drängte ihn zu gehen. Und so kehrte er wieder heim.

Nach ungefähr zwei Jahren ward das Mädchen krank an Aussatz. Die Eltern wurden böse und stießen sie zur Tür hinaus.

Das Mädchen dachte: »Ich will den jungen Mann noch einmal sehen, dann will ich sterben.«

So trug sie ihre Krankheit und trat die Wanderung an. Bei Tage erbettelte sie Nahrung in Dörfern und Weilern, bei Nacht suchte sie Ruhe in Höhlen und Klüften. Sie kletterte über die Berge und watete durch die Flüsse. Mühselig schleppte sie sich wochenlang dahin. Da kam sie nach Kuilin. Sie suchte das Haus des jungen Mannes, rief seinen Namen und begehrte, ihn zu sehen. Der Torwart wies sie scheltend fort. Da brach sie schluchzend vor der Tür zusammen.

Als der junge Mann damals nach Hause gekommen war, hatte er sich mit großem Eifer ans Lernen gemacht und hatte auch schon die erste Prüfung bestanden. Zu jener Zeit hatten die Eltern eben einen Glückstag ausgewählt zur Heirat. Am anderen Tage sollte Hochzeit sein. Verwandte und Bekannte hatten sich versammelt, um bei dem Fest zu helfen. Der Vater hatte für die Gäste ein Festmahl zugerichtet.

Als nun der junge Mann sich eben mit zu Tische setzte, da hörte er vor der Türe Lärm und Rufen. Er ging hinaus zu sehen, was es wäre. Da saß das Mädchen da, das ganze Gesicht voll Eiterbeulen, die eben am Aufbrechen waren, die Augenbrauen kahl, die Nase eingefallen, die Lippen aufgesprungen und die Stimme heiser. Erschrocken sah er sie an, doch erkannte er sie nicht.

Das Mädchen sprach: »Gedenkt Ihr nicht mehr an die Zeit vor zwei Jahren, da Ihr in unsrem Hause weiltet? Jetzt ist die Krankheit bei mir ausgebrochen, und die Eltern haben mich verstoßen. Nun ich Euch noch einmal gesehen habe, sterbe ich gerne.«

Da kam auf einmal die Erinnerung an die Vergangenheit über ihn, und unter Tränen sagte er zu ihr: »Ihr wart wie eine Blume so schön, und nun ist das aus Euch geworden! Immerhin, Ihr habt mir große Güte angetan, und ich schwöre, daß ich Euch nicht verlassen will.« So nahm er denn das Mädchen bei der Hand und stieg mit ihr zum Saal empor, die Eltern zu begrüßen und die Verwandten alle.

Dann kniete er nieder, bat ums Wort und sprach: »Hätt ich dies Mädchen nicht getroffen, war ich wohl schon längst in einem Graben verendet. Unser Glück von heute ist alles ihr Geschenk.«

Hochherzig sprach der Vater: »Auch sie sei meines Sohnes Frau! Wenn morgen Hochzeit ist, soll sie doppelt gefeiert werden. Die beiden sollen Schwestern heißen, keine sei Hauptfrau, keine Nebenfrau!«

Die Freunde und Verwandten waren alle einverstanden und schenkten Wein ein, um ihm Glück zu wünschen, und das ganze Gespräch bei Tische war über dieses Mädchens Tugend.

Das Mädchen aber neigte sich tief und sprach unter Tränen: »Ich bin mit übler Krankheit behaftet und werde heute oder morgen sterben. Wie hielt ich's aus, Genossin diesem Herrn zu sein und Hochzeitsfest mit ihm zu feiern? Ich bitte nur, daß man mir einen Raum gewähre, wo ich in Ruhe sterben kann.«

Der Vater blickte heimlich auf das Mädchen und sah, daß ihre Krankheit wirklich übel war, daß sie sich nicht zur Hochzeitsfeier schicke. So ließ er denn im hintern Hofe ihr ein Zimmer bereiten, daselbst zu wohnen. Eine Magd kehrte den Boden, führte sie hinein und breitete Decken und Kissen auf dem Lager aus.

Das Zimmer war für gewöhnlich als Weinkammer benützt. Rings an den Wänden und in den Ecken standen Weinkrüge umher. Das Mädchen befragte die Magd.

Die sprach: »Das ist guter, alter Wein, wenn Ihr durstig seid, mögt Ihr Euch gütlich daran tun.«

Am andern Tage feierte man Hochzeit. Der Klang der Trommeln dröhnte zum Himmel, Flöten und Pfeifen betäubten das Ohr. Das Mädchen hörte den fröhlichen Lärm und ward betrübt. Da fiel ihr der Wein ein. Sie öffnete einen Krug, um zu schöpfen. Plötzlich sah sie eine Giftschlange, am ganzen Leibe weiß gezeichnet, die im Kruge aufgeringelt lag. Erschrocken trat sie zurück. Der Krug war wohl nicht fest verschlossen gewesen, die Schlange war auf der Suche nach Nahrung hineingekrochen und im Weine ertrunken.

Das Mädchen sprach bei sich: »Ich habe gehört, daß Schlangengift den Menschen tötet. Besser als an der Krankheit zugrunde gehen, ist es, ich trinke Gift und sterbe.«

Sie schöpfte Wein mit einem Becher und trank, soviel sie konnte. Bewußtlos fiel sie auf das Lager, hüllte sich in ihre Decken und schlief ein.

Um Mitternacht brach ihr der Schweiß aus, der in Tropfen an ihr herabrann. In allen Gliedern fühlte sie ein seltsames Jucken. Und wie sie sich auch rieb, sie konnte es fast nicht aushalten. Aber die Aussatzpusteln verschwanden allmählich, es bildeten sich Borken, und als die abfielen, kam die gesunde Haut darunter hervor. Kopfhaar und Augenbrauen wuchsen wieder nach, und ehe eine Woche vorüber war, war aus dem Scheusal wieder eine Schönheit geworden, ganz das hübsche Mädchen, wie sie es vor der Krankheit war.

Auf die Kunde davon kam das ganze Haus herbei, ihr Glück zu wünschen. Der Sohn des Hauses wußte sich nicht zu lassen vor Freude. Es wurde ein zweiter Hochzeitstag gewählt, und aufs neue schloß er mit dem Mädchen ehelichen Bund. Auch seine erste Frau schätzte das Mädchen gar sehr. Sie liebten einander wie Schwestern, und von Anfang bis zum Ende gab es weder Neid noch Streit zwischen ihnen. Die fremde Frau gebar ihrem Mann nach und nach drei Söhne, die alle hohe Ehrenämter errangen, so daß um ihrer Söhne willen auch die Mutter vom Kaiser ausgezeichnet wurde. In der ganzen Nachbarschaft ward ihr Ruhm verbreitet, und jedermann sprach: »Das ist der Lohn der Tugend.«

 

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