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Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 76
Quellenangabe
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typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120215
projectid71b5aa0f
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74. Die verwandelte Frau

Initial Südlich vom Yangtsekiang lebte ein Gelehrter, der wandelte häufig im Guai Gi Gebirge umher. Er kehrte in einem Bergdorfe ein. Seine Wirtsleute hatten eine Tochter, die ihm gefiel, und er nahm sie als Nebenfrau zu sich. Nach einigen Jahren ward er Beamter und machte sich mit seiner Nebenfrau zusammen auf in seinen Amtsbezirk. Die Frau, die früher immer lieb und sanft gewesen war, fing plötzlich an, unbändig, wild und eigensinnig zu werden. Fortwährend kam es vor, daß sie in Wut geriet, Knechte und Mägde schlug, sie auch wohl blutig biß. Nun erst merkte der Mann, daß seine Frau recht bösartig war, und hegte Argwohn gegen sie in seinem Herzen.

Einst ging er mit einigen Freunden auf die Jagd, und sie erlegten Füchse und Hasen in großer Zahl, die er in die Küche schaffen ließ. Während er seine Gäste bewirtete, schlich sich die Frau in die Küche, nahm die Füchse und Hasen und fraß sie in rohem Zustand auf. Heimlich hinterbrachte es eine Magd dem Mann. Da merkte er, daß seine Frau gar kein menschliches Wesen sei. So mied er sie und schlief in einem andern Zimmer.

Einst hatte sein Diener ein Reh gefangen und es ihm dargebracht. Er gab vor, daß er eine Reise machen müsse, und verließ das Haus. Heimlich aber versteckte er sich und beobachtete das Gebaren seiner Frau.

Nicht lange dauerte es, da sah er die Frau mit fliegendem Haar und nackter Brust und hervorquellenden Augen, gänzlich verwandelt, in den Saal eintreten. In der linken Hand hatte sie das Reh, mit der rechten raufte sie ihm die Haare aus, dann zerriß sie es und fraß es auf, daß die Knochen nur so knirschten.

Der Mann geriet in große Aufregung. Er nahm einige Dutzend seiner Leute mit Schwertern und Stangen zu sich und trat in das Zimmer. Als das Weib ihn kommen sah, da riß sie sich die Kleider vom Leibe. Dann stand sie steif und aufgerichtet da. Sie war ein Oger geworden. Ihre Augen schössen Blitze, Zähne hatte sie wie Schwerter, ihre Muskeln waren straff gespannt, und am ganzen Leibe war sie blau. Die Diener zitterten alle bei dem Anblick und wagten sich nicht, ihr zu nahen. Der Mann aber fiel vor Schreck bewußtlos zu Boden. Da sah das Ogerweib sich scheu nach allen Seiten um, als ob sie sich vor irgend etwas fürchtete. Dann ergriff sie das halbe Reh, stieg über die Mauer und lief weg. So eilig hatte sie's, daß sie eine dichte Staubwolke hinter sich ließ. Wohin sie ging, hat niemand je erfahren.

 

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