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Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 69
Quellenangabe
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typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120215
projectid71b5aa0f
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67. Gespenstergeschichten

Initial Wenn ein Mensch stirbt, so legt man den Leichnam zunächst auf das Bett, mit dem Gesicht nach oben. Man zieht ihm neue Kleider an und legt ihm eine Hirseähre zu Häupten und ein Pflugmesser auf die Brust, damit der Leichnam nicht aufsteht. Dennoch hört man zuweilen, daß ein Leichnam aufsteht. Die alten Leute erzählen, ein Leichnam stehe auf, wenn ihn der Atem lebendiger Menschen trifft oder Hund oder Katze ihn beschnüffelt. Dann richtet er sich auf. Sitzt der Mensch, so setzt sich auch der Leichnam, steht der Mensch, so stellt sich auch der Leichnam auf die Beine. Läuft der Mensch in seiner Angst davon, so läuft der Leichnam ihm nach, wie von einer geheimen Kraft angezogen. Doch können solche Leichen nicht sprechen.

Man sagt, solange ein Leichnam noch nicht im Sarge liege, dürfen die Leute, die die Totenwacht halten, nicht mit der Leiche Fuß gegen Fuß sich zum Schlafe niederlegen. Denn während der Mensch schläft, kreist die Kraft des Lichten in seinem Körper bis hinab zu den Fußsohlen. Stößt er dann zufällig an den Fuß der Leiche, so strömt die Kraft des Lichten in den Leichnam ein und mischt sich dort mit der Kraft des Trüben, so daß die Leiche ein scheinbares Leben erhält.

Es kommt auch vor, daß Leichen, die schon begraben sind, nicht verwesen und bei Nacht aus dem Grab kommen und umgehen. Das sind die Gespenster. Wenn es lang dauert, so verwandeln sie sich allmählich in Geister der Dürre, die lang anhaltende Trockenheit verursachen können. Wenn am Himmel Wolken aufsteigen und es regnen will, so nimmt der Geist der Dürre einen Besen und kehrt die Wolken zusammen, daß sie auf seinem Grab sich sammeln. Dann wird der Himmel wieder klar, und die Sonne kommt wieder heraus. Um diese Geister der Dürre zu erkennen, gibt es ein bestimmtes Mittel: Man forscht nach, ob unter den Gräbern der in der Nachbarschaft kürzlich Beerdigten eines ist, auf dem Regenfeuchtigkeit liegt, während ringsum alles trocken ist. Das muß es sein. Die Ältesten versammeln dann die ganze Mannschaft; man öffnet das Grab und macht den Sarg auf. Wenn man dann sieht, daß die Leiche nicht verwest ist, sondern weiße und grüne Haare auf ihr wachsen, so wird sie mit Stöcken kräftig geschlagen und mit Feuer verbrannt. Dabei gibt es dann einen zischenden Laut. Darum herrscht auf dem Lande allgemein die Sitte, daß, solange ein Leichnam aufgebahrt ist, man alle Besen sorgfältig versteckt, damit er sie nicht stiehlt und zum Geist der Dürre wird. Treibt ein solcher Geist sein Wesen lange, so verwandelt er sich in einen Werwolf oder in einen Oger, der durch den Himmel fliegt.

Zur Sung-Zeit lebte ein Mann, der einen besonders starken Willen hatte. Der ging nach seinem Tod als Gespenst um und verwandelte sich schließlich in einen goldhaarigen Werwolf. Dieser Werwolf sah aus wie ein Löwe, nur war er viel größer und hatte am ganzen Leib goldene Haare, die über ein Fuß lang waren. Er fraß Menschen und Tiere ohne Zahl. Die Zauberer konnten seiner nicht Herr werden, bis endlich der Heilige Wen Dschu kam. Der brachte ihn zur Unterwerfung, so daß er auf ihm reiten konnte.

Es gibt im Buddhismus drei starke Nothelfer, die man allenthalben abgemalt sehen kann. Sie alle reiten auf Tieren. Der eine ist der heilige Pu Hiän, der reitet auf einem Löwen; der andere ist der Heilige im weißen Gewand, der reitet auf einem Elefanten. Dieser Heilige wird als Guan Yin oder Göttin der Barmherzigkeit auf der Insel Putou im Südmeer verehrt. Der dritte endlich ist eben der heilige Won Dschu auf dem Werwolf.

 

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