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Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 63
Quellenangabe
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typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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61. Die sprechenden Silberfüchse

Initial Die Silberfüchse gleichen den Füchsen; aber sie sind gelb, brandrot oder weiß. Auch sie können die Menschen beeinflussen. Es gibt eine Art, die kann im Laufe der Jahre die Menschensprache erlernen. Man nennt sie die sprechenden Füchse. Südwestlich von der Kiautschoubucht steht am Meeresstrand ein Berg, der hat die Form eines Turmes und wird daher Turmberg genannt. Auf dem Berg steht ein alter Tempel mit einem Götterbild, das heißt die alte Mutter vom Turmberg. Wenn in den Dörfern ringsumher die Kinder erkranken, so ordnen häufig die Zauberer an, daß man Papierbilder von ihnen hier verbrennt oder Lehmkindchen aufstellt. So ist denn der Altar und seine ganze Umgebung mit Hunderten von Lehmkindern bedeckt. Auch werden der alten Mutter Blumen, Kleider und Schuhe von Papier dargebracht, die ebenfalls in buntem Durcheinander herumliegen. Am dritten Tag des dritten Monats und am neunten Tag des neunten Monats sind die Wallfahrtsfeste. Dabei wird Theater gespielt und in den heiligen Schriften gelesen. Auch findet regelmäßig ein Jahrmarkt statt. Die Frauen und Mädchen der Nachbarschaft verbrennen Weihrauch und bringen ihre Gebete dar. Kinderlose bitten um Söhne. Sie suchen sich unter den Lehmkindern eines heraus und binden ihm einen roten Faden um den Hals, brechen wohl auch im geheimen ein Stückchen von seinem Leibe ab, lösen es in Wasser auf und trinken es. Dann beten sie im stillen, daß das Kind zu ihnen kommen möge.

Hinter dem Tempel ist eine große Höhle, da gab es in früheren Zeiten sprechende Füchse. Sie kamen auch wohl heraus und setzten sich auf die Spitze eines steilen Felsens am Wege. Kam ein Wanderer vorbei, so fingen sie etwa an: »Nachbar, halt ein wenig; rauch erst eine Pfeife!« Die Wanderer sahen sich verwundert um, woher der Laut käme, und gerieten in großen Schrecken. Waren sie nicht besonders beherzt, so brach ihnen der Angstschweiß aus, und sie liefen davon. Dann lachte der Fuchs: »Hihi!«

Am Berghang pflügte einst ein Bauer. Als er aufblickte, sah er einen Menschen im Strohhut und Grasmantel mit einer Hacke auf der Schulter herbeikommen.

»Nachbar Wang,« sagte er, »rauche erst ein Pfeifchen und ruh dich ein bißchen aus! Ich helf dir dann beim Pflügen.«

Dann rief er: »Hü!« wie's die Bauern tun, wenn sie mit ihren Rindern sprechen.

Der Bauer sah genauer zu, da merkte er, daß es ein sprechender Fuchs war. Er wartete einen günstigen Augenblick ab, dann gab er ihm einen derben Schlag mit der Ochsenpeitsche. Er traf ihn gut. Der Fuchs schrie auf, machte einen Luftsprung und lief davon. Strohhut, Grasmantel und alles ließ er liegen. Wie der Bauer zusah, da war der Strohhut aus Kartoffelblättern geflochten. Er hatte ihn mit der Peitsche entzweigeschlagen. Der Grasmantel war aus Eichenblättern gemacht, die mit dünnen Gräschen verbunden waren. Die Hacke aber war ein Kauliangstengel, an dem ein Ziegelstück befestigt war.

Nach einiger Zeit ward eine Frau im Nachbardorf besessen. Man hängte ein Bild des Taoistenpapstes auf; aber der Geist entfernte sich nicht. Da kein Teufelsbeschwörer in der Nähe war und die Belästigungen unerträglich wurden, besprachen sich die Verwandten der Frau, in den Tempel des Kriegsgottes zu schicken und um Hilfe zu bitten.

Als der Fuchs das hörte, sagte er: »Euren Taoistenpapst und euren Kriegsgott fürchte ich nicht; ich fürchte nur den Nachbar Wang im Ostdorf, der mich mit seiner Peitsche einmal geschlagen hat.«

Das war den Leuten gerade recht. Sie schickten nach Ostdorf und machten dort den Wang ausfindig. Der nahm seine Ochsenpeitsche und trat ein.

Dann sprach er mit tiefer Stimme: »Wo, wo, wo? Ich bin dir schon lang auf der Spur. Jetzt hab ich dich endlich.«

Damit knallte er mit seiner Peitsche.

Der Fuchs fauchte und fuhr durchs Fenster hinaus.

Über hundert Jahre erzählte man sich von dem sprechenden Fuchs am Turmberg. Da kam einst ein geschickter Schütze in die Gegend, der sah ein Tier wie einen Fuchs mit einem feuerroten Fell, das auf dem Rücken graumeliert war; das lag unter einem Baum. Er legte an und schoß ihm einen Hinterfuß ab.

Da sprach es mit Menschenstimme: »Durch meine Schlafsucht habe ich mich in diese Gefahr gebracht; aber niemand kann seinem Schicksal entgehen. Wenn du mich fängst, so bekommst du für mein Fell höchstens fünftausend Kupferstücke. Willst du mich nicht lieber loslassen? Ich will dirs reichlich vergelten, daß alle deine Armut ein Ende hat.«

Aber der Schütze hörte nicht darauf, sondern schlug das Füchslein tot. Dann zog er ihm die Haut ab und verkaufte sie, und richtig bekam er fünftausend Kupferstücke dafür.

Von da an hatte der Spuk ein Ende.

 

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