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Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 60
Quellenangabe
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typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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58. Der Fuchs und der Donner

Initial Es heißt, daß wenn der Fuchs das Lebenselixier bereitet, er sich verwandeln kann. Er muß aber dreimal dem Schicksal des Todes durch den Donner entgehen, ehe er es zur Vollendung bringt. Das gelingt ihm nicht leicht. Er hat aber mehrere Arten, dem Schicksal zu entgehen. Manchmal verbirgt er sich im Hause eines vornehmen Mannes oder unter dem Bette eines Gelehrten oder Mönches.

Wer ihm in solcher Gefahr das Leben rettet, dem vergilt er es reichlich, und die ganze Familie hat es zu genießen. Wer ihn grundlos tötet, dem trägt er unauslöschlichen Haß nach, und er ruht nicht eher, als bis jener Mensch und sein ganzes Haus zugrunde gerichtet ist. So zeigen die Füchse deutlich ihre Zu- und Abneigung. Manche sind aber den Menschen auch überlegen, indem sie wissen, daß sie es in solchen Fällen mit einem unausweichlichen Schicksal zu tun haben, für das sie niemand anders verantwortlich machen.

Es war einmal ein Jäger. Der suchte an einem heißen Sommertage in einem Melonenfelde Kühlung. Plötzlich stiegen ringsum schwarze Wolken auf. Donner und Blitz folgten sich ohne Unterbrechung. Eine feurige Kugel stieg aus der Erde auf, einen Schwefelgeruch hinterlassend. Sie flog bis zum Gipfel eines Baumes; dann fiel sie wieder herab. Als der Jäger näher zusah, da erblickte er in den Zweigen des Baumes einen riesigen Fuchs, der in den Vorderpfoten ein kleines rotes Fähnchen hielt. Kam der feurige Blitz ihm nahe, so strich er mit dem Fähnchen darüber hin, und sofort sank das Feuer wieder zu Boden. So ging es wohl eine Stunde lang, und der Donner konnte dem Fuchs nichts anhaben.

Der Jäger hatte noch immer seine Blicke auf das seltsame Schauspiel gerichtet, da kam eine schwarze Wolke zur Erde herab. Darin ringelte sich ein Drache. Er zeigte sich zu seinen Häupten. Dann wandte er sich nach dem Baum. Darauf kehrte er wieder um bis in seine Nähe.

Der Jäger erschrak zuerst, dann fiel ihm ein: »Der bittet mich wohl, daß ich ihm helfe.« So lud er denn seine Flinte und legte an. Der Drache erhob sich wieder zum Gipfel des Baumes, und der Blitz fuhr hinter ihm her. Aber der Fuchs wehrte ihn wieder mit dem Fähnchen ab. Unversehens feuerte der Jäger seine Flinte ab und traf den Fuchs. Das rote Fähnchen fiel zu Boden. Zugleich ertönte ein heftiger Donnerschlag, und der Fuchs war vom Feuer verzehrt.

Der Jäger hob das Fähnchen auf und sah es an. Es war aus einem alten Weiberrock gemacht. Offenbar hatte der Drache wegen seiner Unreinheit sich davon ferngehalten.

 

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