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Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 52
Quellenangabe
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typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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50. Der kleine Jagdhund

Initial In Schansi lebte ein Scholar, dem war es in der Gesellschaft der anderen zu lärmend. Darum schlug er seine Wohnung in einem Buddhistentempel auf. Er hatte jedoch sehr darunter zu leiden, daß in dem Raum Wanzen, Mücken und Flöhe in großer Zahl waren, so daß er die ganze Nacht nicht schlafen konnte.

Einst ruhte er nach dem Essen auf dem Bette aus. Da kamen plötzlich zwei kleine Ritter herein mit Federbüschen auf den Helmen. Sie mochten ungefähr zwei Zoll groß sein und ritten auf Pferden so groß wie Heuschrecken. An der Hand trugen sie Fausthandschuhe und hielten Jagdfalken in der Größe von Fliegen. Sie ritten im Zimmer umher in großer Geschwindigkeit. Eben hatte der Scholar seine Blicke auf sie gerichtet, da trat ein anderer herein, der ebenso gekleidet war wie die ersten, aber Bogen und Pfeile umhängen hatte und einen Jagdhund mit sich führte so groß wie eine Ameise. Ihm folgten Fußgänger und Reiter in dichtem Gedränge, wohl mehrere Hundert. Auch Jagdfalken und Hunde hatten sie zu Hunderten. Da flogen die Mücken und Fliegen auf; aber sie wurden alle von den Jagdfalken erlegt. Die Jagdhunde stiegen auf das Bett und spürten der Wand entlang den Läusen und Flöhen nach und fraßen sie auf. Was sich in den Ritzen verborgen hatte, erschnüffelten sie und trieben es heraus, so daß sie in kurzer Zeit fast alles Ungeziefer getötet hatten.

Der Scholar stellte sich schlafend und sah ihnen zu. Da ließen sich die Falken auf ihm nieder, und die Hunde krochen auf seinem Leib herum. Kurz darauf kam ein gelb gekleideter Mann mit einer Krone wie ein König, stieg auf ein leerstehendes Bett und ließ sich dort nieder. Im Augenblick kamen auch die Berittenen alle herbei, stiegen von den Pferden und brachten ihm das Geflügel und Wild dar. Dann sammelten sie sich in dichten Scharen zu seiner Seite und redeten in einer fremden Sprache mit ihm.

Nicht lange, so bestieg der König einen kleinen Wagen, und seine Leibwächter ließen in größter Eile ihre Pferde satteln. Und mit tausend Rufen sprengten sie hinaus, daß es aussah, wie wenn man Bohnen streut, und eine dichte Staubwolke erhob sich hinter ihnen.

Schon waren sie fast alle weg, und noch immer hielt der Scholar seine Blicke auf sie gerichtet voll Schrecken und Staunen und wußte nicht, woher sie gekommen waren. Er schlüpfte in seine Schuhe und spähte nach; aber sie waren spurlos verschwunden. Er wandte sich zurück und blickte im Zimmer nach allen Seiten umher; aber nichts war zu sehen. Nur auf einem Backstein an der Wand hatten sie noch ein kleines Hündchen zurückgelassen. Der Scholar fing es schnell. Es war ganz zahm. Er setzte es in seinen Tuschkasten und besah es von allen Seiten. Es hatte ein ganz glattes, feines Fellchen, und um den Hals hatte es ein kleines Halsband. Er wollte es mit ein paar Brosamen füttern; aber es schnüffelte nur daran und ließ sie liegen. Dann sprang es auf das Bett und suchte in den Nähten der Kleider einige Nisse und Läuse, die es auffraß. Dann kam es wieder zurück und legte sich nieder. Als die Nacht vergangen war, da fürchtete der Scholar, es möchte weggelaufen sein; aber es lag noch zusammengerollt da wie vorher. Immer wenn er schlafen ging, stieg es auf sein Bett und biß alles Ungeziefer tot, das es finden konnte. Keine Fliege oder Mücke wagte mehr, sich niederzulassen. Der Scholar liebte es wie ein Kleinod.

Einmal aber war er bei Tage eingeschlafen, und das Hündchen hatte sich ihm zur Seite verkrochen. Er erwachte, drehte sich um und stützte sich dabei auf seine Hüfte. Da fühlte er etwas und fürchtete, es könnte sein Hündchen sein. Schleunigst stand er auf und sah nach; aber es war schon tot und plattgedrückt wie aus Papier ausgeschnitten.

Doch von dem Ungeziefer war auch nichts mehr übriggeblieben.

 

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