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Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 47
Quellenangabe
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typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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45. Die Blumenelfen

Initial Es war einmal ein Gelehrter, der hatte sich von der Welt zurückgezogen, um geheimen Sinn zu erlangen. Er lebte einsam in der Verborgenheit. Um sein Häuschen herum hatte er allenthalben Blumen und Bambus und andere Bäume gepflanzt. Ganz versteckt lag es da im dichten Blumenhain. Nur einen Knaben hatte er bei sich als Diener, der wohnte in einer besonderen Hütte, um seine Befehle auszuführen. Ungerufen durfte er nicht eintreten. Der Gelehrte liebte die Blumen wie sein Leben. Nie setzte er den Fuß über die Grenzen seines Gartens hinaus.

Nun war einmal ein schöner Frühlingsabend. Blumen und Bäume standen in voller Blüte, es wehte ein frischer Wind, und der Mond schien hell. So saß er bei einem Becher Wein und freute sich des Lebens.

Plötzlich sah er im Mondschein ein Mädchen in dunklen Kleidern herbeitrippeln. Sie machte ihm eine tiefe Verbeugung, begrüßte ihn und sprach: »Ich bin deine Nachbarin. Es ist hier eine Gesellschaft von Mädchen, die sind unterwegs, um die achtzehn Tanten zu besuchen. Sie möchten hier in diesem Hofe ein wenig rasten und lassen um Erlaubnis bitten.«

Der Gelehrte merkte, daß es sich hier um etwas Außerordentliches handle, darum stimmte er freudig zu. Das Mädchen bedankte sich und ging.

Nach einer kleinen Weile brachte sie eine ganze Schar von Mädchen, die Blumen und Weidenzweige trugen. Sie begrüßten alle den Gelehrten. Sie waren hübsch und fein im Gesicht und schlank und zart von Gestalt. Wenn sie die Ärmel bewegten, so strömten sie einen lieblichen Duft aus. Es gab nicht ihresgleichen in der Menschenwelt.

Der Gelehrte lud sie ein, im Zimmer ein wenig zu sitzen. Dann fragte er sie: »Wer gibt mir eigentlich die Ehre? Kommt ihr aus dem Schloß der Mondfee oder von der Nephritquelle der Königin-Mutter des Westens?«

»Wie könnten wir uns so hoher Abkunft rühmen«, sprach lächelnd ein Mädchen in grünem Gewande. »Ich heiße Salix.« Dann stellte sie eine andere, weißgekleidete vor und sagte: »Das ist Fräulein Prunophora«, dann eine rosagekleidete: »und diese hier ist Persica«, schließlich eine in tiefrotem Gewande: »und das ist Punica. Wir alle sind Schwestern und wollen heute die achtzehn Zephirtanten besuchen. Heute abend scheint der Mond so schön, und es ist so reizend hier im Garten. Wir sind recht dankbar, daß du dich unser angenommen hast.«

»Ja, ja«, sagte der Gelehrte.

Da meldete plötzlich die dunkel gekleidete Dienerin: »Die Zephirtanten sind auch schon gekommen.«

Sogleich standen die Mädchen auf und gingen ihnen an die Tür entgegen.

»Eben wollten wir die Tanten besuchen«, sagten sie lächelnd. »Der Herr hier hat uns ein wenig zum Sitzen eingeladen. Wie hübsch trifft es sich, daß die Tanten nun auch hierher kommen. Es ist heute so eine schöne Nacht, da müssen wir einen Becher auf das Wohl der Tanten leeren.«

Darauf befahlen sie der Dienerin, die Geräte herbeizubringen.

»Kann man sich hier setzen?« fragten die Tanten.

»Der Hausherr ist sehr gut,« erwiderten die Mädchen, »und der Ort ist still und verborgen.«

Darauf stellten sie ihnen den Gelehrten vor. Er redete mit den achtzehn Tanten ein paar freundliche Worte. Sie hatten etwas Unbeständiges und Luftiges in ihrem Wesen. Ihre Worte sprudelten sie nur so heraus, und in ihrer Nähe fühlte man einen fröstelnden Hauch.

Unterdes hatte die Dienerin schon Tisch und Stühle herbeigebracht. Die achtzehn Tanten saßen obenan, die Mädchen folgten, und der Gelehrte setzte sich zu ihnen auf den untersten Platz. In kurzem stand der ganze Tisch voll mit den köstlichsten Speisen und herrlichsten Früchten, und duftender Wein füllte die Becher. Es waren Genüsse, die die Menschenwelt nicht kennt. Der Mond schien hell, und die Blumen sandten betäubende Düfte aus. Als sie vom Wein heiter geworden, standen die Mädchen auf und tanzten und sangen. Lieblich klangen die Töne durch die dämmernde Nacht, und ihr Tanz glich Schmetterlingen, die um Blumen flattern. Vor Entzücken wußte der Gelehrte nicht mehr, ob er im Himmel oder auf Erden sei.

Als der Tanz zu Ende war, setzten sich die Mädchen wieder an den Tisch und tranken bei kreisendem Becher auf das Wohl der Tanten. Auch des Gelehrten wurde in einem Trinkspruch gedacht, und er erwiderte in zierlichen Worten.

Die achtzehn Tanten aber waren in ihrem Wesen etwas leichtsinnig. Auch begann der Wein schon zu wirken. Als eine daher den Becher erhob, zitterte sie ein wenig mit der Hand, und ehe sie sichs versah, goß sie der Punica etwas Wein auf die Kleider. Punica, die jung und feurig war und ein reinliches Wesen hatte, stand ärgerlich auf, als sie ihr rotes Kleid von dem Wein befleckt sah.

»Ihr seid doch gar zu unvorsichtig«, sagte sie zürnend. »Die andern Schwestern haben Angst vor euch, ich fürchte euch nicht.«

Da wurden die Tanten auch böse und sagten: »Wie kann das junge Ding da wagen, uns zu beleidigen!«

Damit rafften sie ihre Kleider zusammen und standen auf.

Alle Mädchen drängten sich um sie und sprachen: »Die Punica ist jung und unerfahren. Sie hat sich betrunken und weiß nicht, was sie tut. Ihr müßt es ihr nicht übelnehmen. Morgen soll sie mit einer Rute sich bei euch einfinden und ihre Strafe entgegennehmen.«

Doch die achtzehn Tanten hörten nicht auf sie und gingen. Darauf verabschiedeten sich auch die Mädchen, zerstreuten sich in den Blumenbeeten und verschwanden. Noch lange saß der Gelehrte in traumverlorener Sehnsucht da.

Am andern Abend kamen die Mädchen alle wieder.

»Wir wohnen alle in deinem Garten«, sagten sie zu ihm. »Jedes Jahr werden wir von bösen Winden übel gequält und haben darum immer die achtzehn Tanten gebeten, uns zu beschützen. Gestern wurden sie von der Punica beleidigt, und wir fürchten, daß sie uns künftig nicht mehr helfen werden. Wir wissen aber von dir, daß du uns Schwestern schon immer freundlich zugetan warst, wofür wir dir von Herzen dankbar sind. Wir haben nun eine große Bitte, daß du jedesmal am Neujahrstag eine kleine, scharlachrote Flagge machst und darauf Sonne, Mond und die fünf Planeten malst und sie im Osten des Gartens aufstellst. Dann haben wir Schwestern Frieden und sind vor allem Leid geborgen. Da diesmal aber Neujahr schon vorüber ist, so bitten wir dich, daß du sie am einundzwanzigsten dieses Monats aufrichtest; denn da kommt der Ostwind, und durch die Flagge sind wir dann geschützt.«

Der Gelehrte versprach es ihnen bereitwillig, und die Mädchen sagten wie aus einem Munde: »Wir danken dir für deine große Güte und wollens dir vergelten.« Damit schieden sie, und ein süßer Duft erfüllte den ganzen Garten.

Der Gelehrte aber machte eine solche rote Flagge, und als an dem genannten Tage frühmorgens tatsächlich der Ostwind zu wehen anfing, da stellte er sie schnell im Garten auf.

Plötzlich erhob sich ein wilder Sturm, der die Wälder beugte und die Bäume brach. Nur im Garten die Blumen bewegten sich nicht.

Da merkte der Gelehrte, daß Salix die Weide war, Prunophora die Pflaume, Persica der Pfirsich und die vorlaute Punica der Granatapfel, dessen kräftigen Blüten der Wind nichts anhaben kann. Die achtzehn Zephirtanten aber waren die Geister des Windes.

Am Abend darauf kamen die Blumenelfen alle und brachten ihm zum Dank leuchtende Blumen dar.

»Du hast uns gerettet,« sprachen sie, »wir haben sonst nichts, das wir dir schenken könnten. Iß diese Blumen, so wirst du lange leben und das Alter meiden. Wenn du uns dann alljährlich schirmst, so werden auch wir Schwestern lang am Leben bleiben.«

Der Gelehrte tat nach ihren Worten und aß die Blumen. Da verwandelte sich seine Gestalt, und er ward wieder jung wie ein zwanzigjähriger Jüngling. Im Laufe der Zeit erlangte er geheimen Sinn und ward unter die Unsterblichen versetzt.

 

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