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Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 44
Quellenangabe
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typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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42. Der gütige Zauberer

Initial Es war einmal ein Mann, der hieß Du Dsï Tschun. Er war in seiner Jugend verschwenderisch und kümmerte sich nicht um sein Vermögen. Er war dem Wein ergeben und trieb sich den ganzen Tag herum. Als er seinen Besitz durchgebracht hatte, verstießen ihn die Seinen. Eines Tages in der harten Winterzeit ging er mit leerem Magen, zerrissenen Kleidern und barfuß in der Hauptstadt umher. Der Abend brach herein, und er hatte noch immer nichts gegessen. Ohne Ziel und Zweck wanderte er auf dem Markt. Es hungerte ihn, und die Kälte war schier unerträglich. Da blickte er nach oben und klagte laut.

Plötzlich stand ein Greis vor ihm, auf einen Stab gelehnt, und sprach: »Was fehlt dir denn, daß du so klagst?«

»Ich bin am Hungersterben«, sprach Du Dsï Tschun, »und kein Mensch hat Mitleid mit mir.«

Der Alte sprach: »Wieviel Geld brauchst du denn, um reichlich leben zu können?«

»Wenn ich fünfzigtausend Kupferstücke hätte, wäre mir schon geholfen«, antwortete Du Dsï Tschun.

Der Alte sprach: »Das reicht nicht.«

»Nun dann eine Million.«

»Auch das ist noch zu wenig.«

»Dann also drei Millionen.«

Der Alte sprach: »Nun ists gut!« Er holte tausend Kupferstücke aus seinem Ärmel hervor und sagte: »Das ist für heute abend. Morgen um die Mittagsstunde erwarte mich am persischen Basar!«

Zur angegebenen Zeit ging Du Dsï Tschun hin, und richtig war der Alte da und gab ihm drei Millionen Kupferstücke. Dann verschwand er, ohne seinen Namen zu nennen.

Als Du Dsï Tschun das Geld in der Hand hatte, erwachte aufs neue seine Verschwendungssucht. Er ritt auf fetten Pferden, kleidete sich in das feinste Pelzwerk, betrank sich im Wein und hatte immer Sängerinnen um sich. So ging das Geld allmählich denn zu Ende. Statt in feinen Brokat mußte er sich in Baumwolle kleiden und kam vom Pferd auf den Esel. Schließlich hatte er wieder zerrissene Kleider an und lief zu Fuß wie einst und wußte nicht, wie er seinen Hunger stillen solle. Seufzend stand er wieder auf dem Marktplatz.

Schon war der Alte da, nahm ihn bei der Hand und sagte: »Bist du wieder so weit? Es ist doch seltsam! Ich will dir noch einmal helfen.«

Du Dsï Tschun schämte sich und wollte es nicht annehmen. Der Alte aber drang in ihn und führte ihn mit sich nach dem persischen Basar. Dort gab er ihm diesmal zehn Millionen Kupferstücke, und voll Beschämung dankte Du Dsï Tschun.

Als er das Geld hatte, da ließ er sichs angelegen sein, zu rechnen und zu sparen, um steinreich zu werden. Aber wie es so geht, angeborene Fehler lassen sich schwer verbessern. Allmählich kam er wieder in das Verschwenden hinein und ließ seinen Lüsten den Lauf. Und wieder leerte sich sein Beutel. Nach ein, zwei Jahren war er arm wie je.

Abermals begegnete er dem Alten. Er schämte sich so vor ihm, daß er sein Gesicht verhüllte und an ihm vorüber wollte.

Der Alte hielt ihn am Ärmel fest und sprach: »Wohin, wohin? Ich will dir noch einmal dreißig Millionen geben. Wenn du dich aber immer noch nicht besserst, dann ist dir nicht zu helfen.«

Voll Dankbarkeit verneigte sich Du Dsï Tschun und sprach: »In meinen armen Tagen haben meine reichen Verwandten sich nicht nach mir umgesehen. Nur Ihr habt mir dreimal geholfen. Das Geld, das Ihr mir heute gebet, will ich nicht wieder verschwenden, ich schwöre es; sondern ich will gute Werke damit tun, um Eure große Güte zu vergelten. Wenn ich damit fertig bin, so will ich Euch nachfolgen und sei es auch durch Feuer und durch Wasser.«

Der Alte sprach: »So ist es recht! Wenn du diese Dinge in Ordnung gebracht hast, so frage nach mir im Tempel des Laotse unter den beiden Wacholderbäumen.«

Du Dsï Tschun nahm das Geld und ging nach Yangdschou. Dort kaufte er hundert Morgen vom besten Land und baute ein hohes Haus an der Landstraße mit vielen hundert Zimmern. Darin ließ er Witwen und Waisen wohnen. Dann kaufte er einen Begräbnisplatz für seine Ahnen und unterstützte seine bedürftigen Verwandten. Unzählige Leute verdankten ihm den Lebensunterhalt.

Als er alles vollendet, da ging er, nach dem Alten zu fragen im Tempel des Laotse. Der Alte saß im Schatten der Wacholderbäume und flötete. Er nahm ihn nun mit sich auf die wolkigen Gipfel des heiligen Berges im Westen. Vierzig Meilen waren sie im Gebirge gegangen, da sah er ein Haus, das war reinlich und schön. Bunte Wolken umgaben es, Pfauen und Kraniche flogen umher. In dem Hause stand ein Kräuterofen, der war neun Fuß hoch. Das Feuer brannte in purpurner Flamme, und sein Schein hüpfte an den Wänden umher. Neun Feen standen bei dem Ofen, ein grüner Drache und ein weißer Tiger kauerten daneben. Der Abend brach herein. Der Alte war nicht mehr gekleidet wie ein gewöhnlicher Mensch, sondern trug eine gelbe Mütze und hatte weite, wallende Gewänder. Er nahm drei Kugeln von weißem Stein, tat sie in einen Becher Wein und gab sie dem Du Dsï Tschun zu trinken. Er breitete ein Tigerfell aus im inneren Zimmer an der westlichen Wand und ließ ihn mit dem Angesicht nach Osten darauf niedersitzen. Dann sprach er zu ihm: »Nun hüte dich, ein Wort zu sprechen! Was dir auch begegnet, starke Götter oder gräßliche Teufel, wilde Tiere oder Oger, alle Qualen der Hölle, und wenn du deine eigenen Verwandten in Schmerz und Leiden siehst: alles sind nur Trugbilder. Du brauchst dich nicht zu fürchten. Sie können dir nichts schaden. Nur denke an mein Wort und sei ruhig im Geist!« Als er das gesagt, verschwand der Alte.

Du Dsï Tschun sah nun nur noch einen großen Steinkrug voll klaren Wassers vor sich stehen. Feen, Drachen und Tiger waren alle verschwunden. Plötzlich hörte er einen lauten Krach, daß Himmel und Erde erbebte. Es erschien ein Mann, über zehn Fuß hoch. Der nannte sich den großen Feldherrn. Er und sein Pferd waren in goldene Panzer gehüllt. Er war umgeben von über hundert Soldaten, die spannten die Bogen und schwangen die Schwerter und machten in dem Hofe halt.

Der Riese fuhr ihn an: »Wer bist du? geh mir aus dem Wege!«

Du Dsï Tschun rührte sich nicht. Auf seine Fragen gab er keine Antwort.

Da wurde der Riese wild und schrie mit Donnerstimme: »Haut ihm den Kopf herunter!«

Aber Du Dsï Tschun blieb unbewegt. Da ging der Riese grimmig weg.

Dann kamen ein wilder Tiger und eine giftige Schlange brüllend und zischend daher. Sie taten, als wollten sie ihn beißen, und sprangen über ihn hinweg. Aber Du Dsï Tschun blieb unerschrocken im Geiste, und nach einer Weile lösten sie sich auf.

Plötzlich kam ein großer Regen in Strömen hernieder. Es donnerte und blitzte unaufhörlich, daß ihm die Ohren gellten und die Augen geblendet wurden. Es schien, als müßte das Haus zusammenstürzen. Das Wasser schwoll in wenigen Augenblicken und strömte bis an den Platz heran, auf dem er saß. Aber Du Dsï Tschun blieb unbeweglich sitzen und kümmerte sich nicht darum. Da ließ das Wasser wieder nach.

Dann kam ein großer Teufel mit einem Ochsenkopf. Der stellte einen Kessel im Hofe auf, darinnen kochendes Öl sprudelte. Er faßte ihn mit einer eisernen Gabel am Hals und sagte: »Wenn du mir sagst, wer du bist, so laß ich dich los!«

Du Dsï Tschun schloß die Augen und schwieg. Da packte ihn der Teufel mit der Gabel und schleuderte ihn in den Kessel. Er verbiß den Schmerz, und das sprudelnde Öl tat ihm nichts. Schließlich holte ihn der Teufel wieder heraus und schleppte ihn unten an die Stufen des Hauses vor einen Mann mit rotem Haar und blauem Gesicht, der aussah wie der Höllenfürst. Der schrie: »Schleppt sein Weib herbei!«

Nach einer Weile ward seine Frau gefesselt angebracht. Ihre Haare waren zerzaust, und sie weinte jämmerlich.

Der Teufel deutete auf Du Dsï Tschun und sprach: »Wenn du deinen Namen sagst, so lassen wir sie laufen.«

Aber er erwiderte kein Wort.

Da ließ der Höllenfürst die Frau auf alle Weise peinigen. Die Frau flehte ihn an: »Zehn Jahre lebe ich schon mit dir zusammen. Willst du nicht ein einziges Wörtlein reden, um mich zu retten? Ich halt es nicht mehr aus!« Dann stürzten ihr die Tränen stromweise aus den Augen. Sie schrie und schalt. Doch er redete kein Wort.

Da rief der Höllenfürst: »Haut sie in Stücke!« Und wirklich wurde sie vor seinen Augen unter Winseln und Kreischen in Stücke zerhackt. Aber Du Dsï Tschun rührte sich nicht.

»Das Maß dieses Schurken ist voll!« schrie der Höllenfürst. »Er darf nicht länger unter den Lebenden weilen. Schlagt ihm den Kopf herunter!«

Sie töteten ihn, und er fühlte, wie seine Seele entwich. Der Ochsenkopf schleppte ihn nun in die Hölle, wo er alle Qualen einzeln über sich ergehen lassen mußte. Aber Du Dsï Tschun blieb der Worte des Alten eingedenk. Die Qualen schienen auch nicht unerträglich. So schrie er nicht und redete kein Wort.

Nun wurde er wieder vor den Höllenfürsten geschleppt. Der sprach: »Dieser Mensch soll zur Strafe für seine Verstocktheit als Weib wiedergeboren werden.«

Die Teufel zerrten ihn zum Lebensrad, und er kam als Mädchen wieder zur Welt. Er war viel krank und mußte fortwährend Arzneien schlucken und sich stechen und brennen lassen. Auch fiel er oft ins Feuer oder ins Wasser. Doch gab er nie einen Laut von sich. Allmählich wuchs er heran zu einer wunderschönen Jungfrau. Weil er aber nie redete, so hieß man ihn das stumme Mädchen. Ein Gelehrter verliebte sich in die Schönheit und heiratete sie. Sie lebten in Liebe und Eintracht bei einander, und sie gebar ihm einen Sohn, der schon mit zwei Jahren über alle Maßen klug und verständig war.

Eines Tages hatte ihn der Vater auf dem Arm. Da sprach er scherzend zu der Gattin: »Wenn ich dich so ansehe, so kommt es mir vor, als wärst du nicht stumm. Willst du nicht ein einziges Wörtchen mit mir reden? Wie schön wäre es, wenn du meine sprechende Rose sein wolltest!«

Die Frau blieb stumm. Wie er ihr auch schmeichelte und sie zum Lachen zu bringen suchte, sie gab ihm keine Antwort.

Da veränderten sich seine Mienen: »Wenn du nicht mit mir redest«, sagte er, »so ist es mir ein Zeichen, daß du mich verachtest; dann fang' ich auch nichts mit einem Sohne an.« Damit ergriff er den Knaben und schlug ihm den Kopf an einen Stein, daß das Hirn herausspritzte.

Weil Du Dsï Tschun das Knäblein so sehr liebgehabt, vergaß er die Warnung des Alten und rief: »Oh, oh!«

Aber noch ehe der Laut verklungen war, erwachte er wie aus einem Traum und saß an seinem alten Platz. Der Alte war auch zugegen. Es war etwa um die fünfte Nachtwache. Aus dem Ofen aber schlugen purpurne Flammen wild heraus und flackerten zum Himmel empor. Das ganze Haus wurde erfaßt und brannte lichterloh.

»Du hast mich betrogen!« rief der Alte. Dann nahm er ihn bei den Haaren und steckte ihn in den Wasserkrug. Und im Augenblick war auch das Feuer erloschen. Der Alte sprach: »Freude und Zorn, Trauer und Furcht, Haß und Lust hast du zwar überwunden; aber die Liebe hast du noch nicht ausgerottet. Wenn du nicht geschrien hättest, als das Kind getötet wurde, so wäre mein Elixier zustande gekommen, und auch du hättest die Unsterblichkeit erlangt. Im letzten Augenblick hast du versagt. Nun ists zu spät. Jetzt kann ich mein Elixierbrauen wieder von vorne anfangen, und du bleibst ein sterblicher Mensch.«

Du Dsï Tschun sah, wie der Ofen zersprungen war, und statt des Steins der Weisen stak ein Stück Eisen darin. Der Alte warf die Kleider ab und zerhackte es mit einem Zaubermesser. Du Dsï Tschun nahm Abschied und kehrte nach Yangdschou zurück, wo er in großem Reichtum lebte. In seinem Alter tat es ihm leid, daß er damals sein Werk nicht vollendet. Er ging wieder nach jenem Berg, um den Alten zu suchen. Aber der war spurlos verschwunden.

 

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