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Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 39
Quellenangabe
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typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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37. Morgenhimmel

InitialEs war einmal ein Mann, der war schon zweihundert Jahre alt; aber er war noch immer frisch und stark wie ein Jüngling. Da gebar ihm seine Frau ein Kind, und als das Kind drei Tage alt war, starb sie. Der Vater gab das Kind der Nachbarin und sagte, sie solle dafür sorgen. Dann ging er fort von Hause und verschwand. Als das Kind der Nachbarin ins Haus gebracht ward, da wurde es gerade am Morgenhimmel hell. Darum nannten sie es Morgenhimmel. Wie das Kind drei Jahre alt war, sah es oft zum Himmel hinauf und sprach mit den Sternen. Eines Tages war es fort, und es dauerte viele Monate, bis es wieder nach Hause kam. Die Frau gab ihm Schläge. Aber es ging wieder fort und kam erst nach einem Jahr wieder heim. Die Mutter war erschrocken und fragte es: »Wo bist du denn das ganze Jahr gewesen?« Der Knabe sprach: »Ich war nur geschwind am Purpurmeer. Dort wurden meine Kleider vom Wasser rot. Deshalb ging ich an die Quelle, wo die Sonne einkehrt, und wusch sie mir. Am Morgen ging ich weg. Zu Mittag kam ich wieder. Was sprichst du denn von einem Jahr?«

Die Frau fragte weiter: »Und wo kamst du denn vorüber?«

Der Knabe sprach: »Als ich meine Kleider gewaschen hatte, da ruhte ich ein wenig in der Totenstadt und schlief ein. Der Königvater des Ostens gab mir rote Kastanien und Morgenrotsaft zu essen. Nun war ich satt. Dann ging ich zum dunklen Himmel und trank vom gelben Tau. So war auch mein Durst gestillt. Ich begegnete einem schwarzen Tiger. Auf dem wollte ich heimreiten. Ich schlug ihn aber zu sehr. Da biß er mich ins Bein. Deshalb kam ich her, um es dir zu sagen.«

Noch einmal lief der Knabe von Hause weg viel tausend Meilen weit, bis er an den Sumpf kam, wo der große Urnebel wohnt. Dort begegnete er einem alten Manne mit gelben Augenbrauen und fragte ihn, wie alt er sei. Der Alte sprach: »Ich habe mir das Essen abgewöhnt und lebe von Luft. Die Pupillen in meinen Augen haben allmählich einen grünen Schein bekommen, mit dem kann ich alle geheimen Dinge sehen. Alle tausend Jahre drehe ich meine Knochen um und wasche das Mark. Alle zweitausend Jahre schabe ich meine Haut, daß die Haare abgehen. Ich habe schon dreimal mein Mark gewaschen und fünfmal meine Haare abgeschabt.«

Morgenhimmel diente später dem Kaiser Wu vom Hause Han. Der Kaiser, welcher Zauberkünste liebte, war ihm sehr zugetan. Eines Tages sagte er zu ihm: »Ich möchte gern, daß meine Lieblingsfrau nicht alt wird. Kann man das?«

Morgenhimmel sprach: »Nur ich weiß ein Mittel, nicht alt zu werden.«

Der Kaiser fragte, welche Kräuter man essen müsse. Morgenhimmel erwiderte: »Im Nordosten wächst der Lebenspilz. Die dreibeinige Krähe in der Sonne möchte immer herunter und davon fressen. Der Sonnengott aber hält ihr die Augen zu und läßt sie nicht weg. Wenn Menschen davon essen, werden sie unsterblich, wenn Tiere davon essen, werden sie betäubt.«

»Und woher weißt du das?« fragte der Kaiser.

»Als Knabe bin ich einmal in einen tiefen Brunnen gefallen, aus dem ich viele Jahrzehnte lang nicht mehr herauskonnte. Da war ein Unsterblicher, der führte mich zu diesem Kraut. Man muß aber durch ein rotes Wasser, das ist so schwach, daß keine Feder darauf schwimmen kann. Alles, was darauf kommt, sinkt in die Tiefe. Der Mann zog einen Schuh aus und gab ihn mir. Auf dem Schuh fuhr ich über das Wasser, pflückte das Kraut und aß es. Die Leute an jenem Ort weben Matten aus Perlen und Edelsteinen. Sie führten mich in einen Raum, davor war ein Vorhang aus einer bunten, dünnen Haut. Sie gaben mir ein Kissen aus schwarzem Nephrit geschnitzt, darauf war Sonne und Mond, Wolken und Donner eingeschnitten. Sie deckten mich zu mit einer feinen Decke, die war aus den Haaren von hundert Mücken gesponnen. Diese Decke ist ganz kühl und im Sommer sehr erfrischend. Ich befühlte sie mit der Hand, da schien sie mir aus Wasser zu sein; als ich aber näher zusah, da war es lauter Licht.«

Einst berief der Kaiser alle seine Magier, um mit ihnen über die Gefilde der Seligen zu reden. Auch Morgenhimmel war dabei und erzählte: »Ich wanderte einmal am Nordpol und kam zum Feuerspiegelberg. Dort scheint weder Sonne noch Mond. Es ist aber ein Drache da, der hält einen feurigen Spiegel im Maul, das Dunkel zu erleuchten. Auf dem Berge ist ein Park; darinnen ist ein See. Dort wächst das Schimmerstengelgras, das leuchtet wie eine goldene Lampe. Bricht man es ab und braucht es als Kerze, so kann man alle sichtbaren Dinge sehen und dazu die Gestalt der Geister. Auch das Innere der Menschen kann man damit durchleuchten.«

Morgenhimmel ging einst nach Osten ins Land der Glückswolken. Von da brachte er das Götterroß mit. Das war neun Fuß hoch. Der Kaiser fragte, wie er es gefunden.

Da erzählte er: »Die Königinmutter des Westens hatte es an ihren Wagen gespannt, als sie den Königvater des Ostens besuchte. Man band das Pferd an auf dem Feld der Lebenspilze. Aber es zertrat mehrere Hundert davon. Da ward der Königvater böse und trieb das Pferd an den Himmelsfluß. Dort fand ich es und ritt darauf nach Hause. Dreimal ritt ich damit um die Sonne, weil ich auf dem Rücken des Pferdes eingeschlafen war. Und ehe ich mich's versah, war ich schon hier. Dies Pferd kann den Sonnenschatten einholen. Als ich es fand, war es ganz mager und traurig wie ein alter Esel. Da mähte ich das Gras vom Glückswolkenland, das alle zweitausend Jahre einmal am Neunquellenberge wächst, und fütterte das Pferd damit, so wurde es wieder munter.«

Der Kaiser fragte, was denn das Glückswolkenland sei. Morgenhimmel erwiderte: »Dort ist ein großer Sumpf. Die Leute weissagen aus Luft und Wolken Glück und Unglück. Steht in einem Hause Glück bevor, so bilden sich in den Zimmern fünffarbene Wolken, die lassen sich auf Gras und Bäumen nieder und werden zu farbigem Tau. Der Tau schmeckt süß wie Most.«

Der Kaiser fragte, ob er von diesem Tau bekommen könne. Morgenhimmel sprach: »Auf meinem Roß kann ich in einem Tage viermal hin.«

Und richtig war er am Abend wieder da und brachte Tau von allen Farben in einer kristallnen Flasche mit. Der Kaiser trank davon, da wurden seine Haare wieder schwarz. Er gab seinen höchsten Beamten davon, da wurden die Alten wieder jung und die Kranken wieder gesund.

Als einst ein Komet am Himmel erschien, da gab Morgenhimmel dem Kaiser das Sterndeuteholz. Der Kaiser deutete mit dem Holz nach dem Kometen, da erlosch er.

Morgenhimmel konnte sehr gut pfeifen. So oft er in langgezogenen, vollen Tönen pfiff, tanzten die Sonnenstäubchen nach seinem Pfeifen.

Er sagte auch einmal zu einem Freunde: »Kein Mensch weiß, wer ich bin, außer dem Sterndeuter.«

Als Morgenhimmel gestorben war, berief der Kaiser den Sterndeuter und fragte: »Kanntest du Morgenhimmel?«

Der sagte: »Nein.«

Der Kaiser fragte: »Was verstehst du denn?«

Der Sterndeuter sagte: »Ich kann nach den Sternen sehen.«

»Sind alle Sterne an ihrem Platz?« fragte der Kaiser.

»Ja. Nur den Stern des großen Jahres habe ich achtzehn Jahre nicht gesehen. Jetzt aber ist er wieder sichtbar.«

Da blickte der Kaiser zum Himmel auf und seufzte: »Achtzehn Jahre lang war Morgenhimmel mir zur Seite, und ich wußte nicht, daß er der Stern des großen Jahres war.«

 

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