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Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120215
projectid71b5aa0f
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28. Die Heiligenscheine

InitialAlle wahren Götter haben auf dem Kopfe einen runden Schein. Wenn die geringeren Götter oder Teufel diesen Schein sehen, so ducken sie sich und wagen nicht, sich zu regen. Der Himmelsmeister auf dem Drachentigerberg pflegt steten Verkehr mit allen Göttern. Eines Tages kam der Kriegsgott Guan Di herabgestiegen, als eben der Beamte des Nachbarkreises zu Besuch beim Himmelsmeister war. Der Himmelsmeister riet dem Manne, sich zurückzuziehen und im inneren Gemache zu verbergen. Darauf ging er hinaus, um den Kriegsgott zu empfangen. Der Beamte aber guckte durch eine Ritze in der Tür. Da sah er des Kriegsgotts rotes Gesicht und grünes Gewand: schrecklich und ehrfurchtgebietend stand er da. Plötzlich blitzte auf seinem Kopfe ein roter Schein auf, dessen Strahlen bis ins innere Gemach drangen, so daß der Beamte auf dem einen Auge erblindete. Nach einer Weile brach der Kriegsgott wieder auf, und der Himmelsmeister begleitete ihn. Plötzlich sprach Guan Di bestürzt: »Konfuzius kommt! Der Schein auf seinem Kopfe erleuchtet das ganze Weltall. Auf tausend Meilen bin auch ich ihm nicht gewachsen. Ich will ihm schleunigst aus dem Wege gehen.« Damit bestieg er eine Wolke und verschwand. Der Himmelsmeister erzählte dann dem Beamten, was sich zugetragen, und fügte noch hinzu: »Zum Glück habt Ihr den Kriegsgott nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen! Wer nicht höchste Tugend und höchstes Wissen besitzt, der wird von jenem roten Schein zerschmolzen.« Mit diesen Worten gab er ihm eine Pille des Lebenselixiers zu essen, und das blinde Auge wurde allmählich wieder gut.

Es heißt aber auch, daß die Gelehrten auf dem Kopfe einen roten Schein haben, den Teufel, Füchse und Gespenster, wenn sie ihn sehen, fürchten.

Nun war einmal ein Gelehrter, der hatte einen Fuchs zum Freund. Der Fuchs nahm ihn bei Nacht mit sich und ging mit ihm in den Dörfern spazieren. Sie konnten in die Häuser gehen und alles sehen, was dort geschah, ohne daß die Leute sie bemerkten. Wenn er aber von fern auf einem Hause einen roten Schein leuchten sah, so ging der Fuchs nicht hinein. Der Gelehrte fragte ihn nach dem Grunde.

»Das sind alles berühmte Gelehrte«, antwortete der Fuchs. »Je größer der Glanz, desto umfassender ist ihre Bildung. Ich scheue mich vor ihnen und wage nicht, bei ihnen einzutreten.«

Da sprach der Mann: »Ich bin doch auch ein Gelehrter. Hab ich denn keinen Schein, daß du dich nicht vor mir scheust, sondern mit mir spazieren gehst?«

»Auf deinem Kopf ist nur ein schwarzer Dunst«, erwiderte der Fuchs. »Ich hab noch nie einen Schein bei dir entdeckt.«

Der Gelehrte schämte sich und fuhr ihn an; der Fuchs aber verschwand unter wieherndem Gelächter.

 

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