Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Wilhelm >

Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/wilhelm/chinmaer/chinmaer.xml
typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120215
projectid71b5aa0f
Schließen

Navigation:

27. Der Kriegsgott

.

Initial Der Kriegsgott Guan Di hieß eigentlich Guan Yü. Zur Zeit, als der Aufruhr der gelben Turbane das Reich durchtobte, tat er sich mit zwei andern, denen er auf der Straße begegnet war, und die ebenso wie er von Vaterlandsliebe beseelt waren, zu einem Freundschaftsbunde zusammen. Der eine war der spätere Kaiser Liu Be, der andere hieß Dschang Fe. Die drei kamen in einem Pfirsichgarten zusammen und gelobten einander, Brüder zu sein, obwohl sie aus verschiedenen Häusern stammten. Sie schlachteten ein weißes Roß und schwuren einander Treue bis zum Tode.

Guan Yü war treu, ehrlich, gerecht und tapfer über alle Maßen. Er las gern in dem Buche des Konfuzius über Blüte und Untergang der Reiche. Er half seinem Freunde Liu Be bei der Unterdrückung der gelben Turbane und bei der Eroberung des Vierstromlandes. Das Pferd, auf dem er ritt, hieß der rote Hase und konnte an einem Tage tausend Meilen weit laufen. Er hatte ein halbmondförmiges Messer, das hieß der grüne Drache. Seine Augenbrauen waren schön wie die von Seidenschmetterlingen und seine Augen lang geschlitzt wie die des Phönix. Sein Gesicht war rot wie Scharlach, und sein Bart war so lang, daß er ihm über den Bauch herabhing. Als er einst vor den Kaiser trat, nannte der ihn Herzog Schönbart und schenkte ihm eine seidene Tasche, um seinen Bart hineinzutun. Er trug ein Gewand aus grünem Brokat. Jedesmal, wenn er zur Schlacht ging, zeigte er sich von unwiderstehlicher Tapferkeit. Ob ihm tausend Heere oder zehntausend Reiter gegenüberstanden – er trat ihnen entgegen, als ob sie bloße Luft wären. Der böse Tsau Tsau führte ihn einst in Versuchung, seinem Herrn und Freunde Liu Be untreu zu werden. Als er nämlich die beiden Gemahlinnen Liu Bes in seine Gewalt bekommen hatte, da befahl er, daß Guan Yü mit ihnen zusammen in einem Zimmer über Nacht eingeschlossen werden sollte. Guan Yü ließ sich jedoch nicht irremachen, sondern verbrachte die ganze Nacht bis zur Morgendämmerung mit einem Licht in der Hand wachend auf der Schwelle des Zimmers.

Ein andermal hatte der böse Tsau Tsau die Feinde seines Herrn aufgestiftet, seine Stadt durch Verrat zu nehmen. Da eilte er auf die Nachricht davon mit einem Heere herbei, sie zu entsetzen. Er geriet aber in einen Hinterhalt und wurde, zusammen mit seinem Sohn, gefangengenommen und in die Hauptstadt des feindlichen Landes gebracht. Der Fürst dieses Landes hätte gerne gehabt, daß er zu ihm übergehe; er aber schwur, daß er bis zum Tode sich nicht beugen werde. Darauf wurde Vater und Sohn zum Tode gebracht. Als er gestorben war, da hörte sein Roß, der rote Hase, zu fressen auf und starb. Er hatte aber auch einen treuen Hauptmann, namens Dschou Dsang, der war schwarz im Gesicht und trug ein großes Messer. Er hatte eben eine Festung besetzt, als er von dem traurigen Ende seines Herzogs hörte. Er zog sein Schwert heraus und tötete sich selbst. Auch ein anderer seiner Getreuen stürzte sich auf die Nachricht von seinem Tode in den Stadtgraben und ertrank.

Zu jener Zeit lebte auf dem Nephritquellenberge ein Mönch, der ein Landsmann und alter Bekannter des Herzogs gewesen war. Der ging bei Nacht im Mondenschein spazieren.

Plötzlich hörte er aus der Luft herab eine laute Stimme schreien: »Ich will meinen Kopf wiederhaben!«

Der Mönch blickte empor und sah den Herzog Guan mit seinem Schwert in der Hand zu Pferde, gerade wie er zu Lebzeiten gewesen war. Rechts und links von ihm standen sein Sohn Guan Ping und sein Feldherr Dschou Dsang schattenhaft in den Wolken.

Der Mönch faltete die Hände und sprach: »Ihr wart im Leben gerecht und treu und seid im Tode nun ein weiser Gott, und doch versteht Ihr das Schicksal nicht? Wenn Ihr Euren Kopf durchaus wiederhaben wollt, an wen sollen sich dann die vielen Tausende von Feinden wenden, die durch Euch zu Tode gekommen sind, um ihr Leben wiederzuerlangen?«

Da neigte sich der Herzog und verschwand. Seit jener Zeit entfaltet er dauernd geistige Wirksamkeit. So oft ein neues Herrscherhaus begründet wird, wird seine heilige Gestalt sichtbar. Darum hat man Tempel und Opfer für ihn eingerichtet und ihn in die Zahl der Reichsgötter aufgenommen. Er erhält ebenso wie Konfuzius die großen Opfer von Ochsen, Schafen und Schweinen. Sein Rang ward von Jahrhundert zu Jahrhundert höher. Erst ward er als Fürst Guan verehrt, später als König Guan, dann als großer Gott, der die Teufel besiegt; das letzte Herrscherhaus hat ihn endlich als großen göttlichen Helfer des Himmels verehrt. Er wird auch der Kriegsheilige genannt und ist ein starker Retter in aller Not, wenn die Menschen von Teufeln und Füchsen geplagt werden. Er wird häufig zusammen mit Konfuzius, dem Meister des Friedens, als Meister des Kriegs verehrt.

Der Offenbarungen seiner geistigen Kräfte sind unzählige. Es mag ein Beispiel für viele andere hier folgen.

In Ju Dschou lebte ein Mann, der war ein Trunkenbold und Spieler und schlug und schimpfte fortwährend seine Mutter. Er hatte ein kleines Söhnchen, das war eben ein Jahr alt. Die Großmutter trug es auf dem Arm spazieren. Da plötzlich machte es eine ungeschickte Bewegung und fiel zur Erde. Infolge des erlittenen Schreckens ward es krank. Die Alte fürchtete den Zorn ihres Sohnes und lief von Hause weg.

Als dieser nach Hause kam und die Krankheit seines Kindes sah, fragte er sein Weib, wie es gekommen. Darauf suchte er wütend nach seiner Mutter. Vor dem Tempel des Kriegsgotts erblickte er sie, eben im Begriff, hineinzugehen. Er riß sie an den Haaren heraus.

Da stand im Tempel das tönerne Bild des Kriegsgotts plötzlich von seinem Sitze auf, nahm dem hinter ihm stehenden Dschou Dsang das Messer aus der Hand, trat zur Tür heraus und hieb dem Mann den Kopf herunter. Der Priester des Tempels, der es sah, schlug eilig Glocke und Pauke und las aus den heiligen Schriften. In den Straßen und auf dem Markt hörten die Leute von der Geschichte und drängten sich staunend herbei. Sie sahen den Kriegsgott, in der rechten Hand das Messer, in der linken Hand den Kopf des Mannes. Mit einem Fuße vor der Tür, mit einem Fuße drin, so stand das Bild, unbeweglich wie ein Fels. Seit jener Zeit steht in Ju Dschou das Bild des Kriegsgotts mit gespreizten Beinen auf der Türschwelle als Zeichen seiner Macht.

 

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.