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Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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17. Yang Oerlang

Initial Die zweite Tochter des Himmelsherrn stieg einmal zur Erde hernieder und pflegte heimlichen Verkehr mit einem sterblichen Menschen, namens Yang. Als sie wieder zum Himmel zurückkam, gebar sie einen Sohn. Der Himmelsherr ward sehr zornig über diese Entweihung des Himmels. Er verbannte sie auf die Erde und deckte sie mit dem Wu-I-Berge zu. Ihr Sohn aber, Oerlang geheißen, der Enkel des Himmelsherrn, war von Natur überaus begabt. Als er herangewachsen war, hatte er die geheime Kunst erlernt, acht mal neun Verwandlungen zu beherrschen. Er konnte sich unsichtbar machen oder nach Belieben die Gestalt von Vögeln und Tieren, Gräsern und Bäumen, Schlangen und Fischen annehmen. Auch verstand er es, das Meer auszugießen und die Berge zu versetzen. So kam er zum Wu-I-Berg und rettete seine Mutter. Er nahm sie auf den Rücken und trug sie davon. Auf einer Felsplatte machten sie halt.

Die Mutter sprach: »Ich bin sehr durstig.«

Oerlang stieg ins Tal hinunter, um Wasser zu holen, und es dauerte lange, bis er wieder zurückkam. Da fand er seine Mutter nicht mehr. Er suchte emsig, da lagen auf den Felsen ihre Haut und Knochen und einige Blutspuren. Zu jener Zeit standen nämlich noch zehn Sonnen am Himmel, die schienen und brannten wie Feuer. Die Himmelstochter war wohl göttlicher Natur; aber weil sie gefallen war und sich durch die Geburt befleckt hatte, waren ihre Zauberkräfte gebrochen. Auch war sie so lange unter dem Berge im Dunkel gewesen, daß, als sie nun plötzlich ans Sonnenlicht kam, sie von dem blendenden Schein verzehrt wurde.

Als Oerlang das traurige Ende seiner Mutter bedachte, da tat es ihm im Herzen wehe. Er nahm zwei Berge auf die Schultern und verfolgte die Sonnen und drückte sie mit den Bergen tot. Immer, wenn er eine Sonnenscheibe erdrückt hatte, hob er wieder einen neuen Berg auf. So hatte er von den zehn Sonnen schon neun erschlagen. Nur eine war noch übrig. Da Oerlang sie unablässig verfolgte, versteckte sie sich in ihrer Not unter den Blättern des Portulaks. Oerlang suchte sie vergeblich. Es war aber ein Regenwurm in der Nähe, der verriet ihr Versteck und sagte immer: »Da ist sie! Da ist sie!«

Oerlang wollte sie eben packen, da stieg plötzlich ein Bote des Himmels hernieder, der brachte einen Befehl des Himmelsherrn: »Himmel, Luft und Erde bedürfen des Sonnenscheins. Du mußt die eine Sonne übrig lassen, damit alle Geschöpfe am Leben bleiben. Weil du aber deine Mutter gerettet hast und dich als einen guten Sohn gezeigt, sollst du zum Gotte werden und in der höchsten Himmelshalle mein Leibwächter sein, über Gut und Böse in der Menschenwelt wachen und Macht haben über Teufel und Dämonen.« Als Oerlang den Befehl erhalten hatte, stieg er zum Himmel empor.

Da kam die Sonnenscheibe unter den Blättern des Portulaks wieder hervor, und aus Dankbarkeit, weil er sie gerettet hatte, verlieh sie ihm die Gabe leichten Wachstums und daß er sich vor dem Sonnenschein nicht zu fürchten braucht. Noch heute sieht man unten an den Blättern ganz feine, weiße Perlchen. Das ist der Sonnenschein, der an ihnen hängen blieb, als die Sonne sich darunter versteckt hatte. Den Regenwurm aber verfolgt die Sonne, wenn er sich aus der Erde hervorwagt, und trocknet ihn aus zur Strafe für seinen Verrat.

Oerlang wird seitdem als Gott verehrt. Er hat schiefe, scharf geschnittene Augenbrauen und ein dreizackiges, zweischneidiges Schwert in der Hand. Zwei Diener stehen neben ihm mit einem Falken und einem Hund; denn Oerlang ist ein großer Jäger. Der Falke ist der Götterfalke, und der Hund ist der Götterhund. Wenn Tiere Zauberkräfte erlangen oder Dämonen Menschen bedrücken, so bändigt er sie mit dem Falken und dem Hund.

 

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