Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Wilhelm >

Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/wilhelm/chinmaer/chinmaer.xml
typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120215
projectid71b5aa0f
Schließen

Navigation:

9. Der Panther

Initial Es war einmal eine Witwe, die hatte zwei Töchter und einen kleinen Sohn.

Eines Tages sagte die Mutter zu den Töchtern: »Verwahrt mir das Haus gut! Ich will zur Großmutter gehen mit eurem kleinen Bruder.«

Die Töchter versprachen es. Dann ging die Mutter weg. Unterwegs begegnete ihr ein Panther und fragte, wohin sie gehe.

Sie sprach: »Ich will mit meinem Kind zu meiner Mutter gehen.«

»Willst du nicht ein bißchen ausruhen?« fragte der Panther.

»Nein«, sprach sie, »es ist schon spät, und der Weg ist weit zu meiner Mutter.«

Aber der Panther ließ nicht ab, ihr zuzureden, und schließlich gab sie nach und setzte sich am Rand des Wege nieder.

»Ich will dir deine Haare ein bißchen kämmen«, sprach der Panther.

So ließ sich die Frau vom Panther die Haare kämmen. Wie er ihr aber mit seinen Krallen durch die Haare fuhr, da riß er ihr ein Stück Haut ab und fraß es.

»Halt!« schrie die Frau. »Das tut weh, wie du mich kämmst!«

Aber der Panther riß ihr ein noch viel größeres Stück Haut ab. Nun wollte die Frau um Hilfe rufen. Da packte sie der Panther und fraß sie auf. Dann wandte er sich zu ihrem Söhnchen und biß es auch tot. Er zog die Kleider der Frau an und tat die Knochen des Kindes, die er noch nicht gefressen hatte, in ihren Korb.

So ging er nach dem Haus der Frau, wo die beiden Töchter waren, und rief zur Tür hinein: »Macht auf, ihr Töchter! Eure Mutter ist gekommen.«

Sie aber sahen zu einer Spalte heraus und sprachen: »Unsre Mutter hat keine so großen Augen.«

Da sagte der Panther: »Ich war bei der Großmutter und habe gesehen, wie ihre Hühner Eier legen; das hat mich gefreut, und deshalb habe ich so große Augen bekommen.«

»Unsre Mutter hat keine solchen Flecke im Gesicht.«

»Die Großmutter hatte kein Bett, und da mußte ich auf Erbsen schlafen; die haben sich mir ins Gesicht gedrückt.

»Unsre Mutter hat nicht so große Füße.«

»Dummes Gesindel! das kommt vom langen Laufen. Macht jetzt rasch auf!«

Da sagten die Töchter zueinander: »Es muß wohl unsre Mutter sein« und machten auf. Als aber der Panther hereinkam, da sahen sie, daß es doch nicht ihre rechte Mutter war.

Abends, als die Töchter schon im Bett waren, da nagte der Panther noch an den Knochen des kleinen Jungen, die er mitgebracht.

Da fragten die Töchter: »Mutter, was ißt du da?«

»Ich esse Rüben«, war die Antwort.

Da sagten die Töchter: »Mutter, gib uns auch von deinen Rüben! Wir haben solchen Hunger.«

»Nein«, war die Antwort, »ich gebe euch keine. Seid ruhig und schlaft!«

Die Töchter aber baten so lange, bis die falsche Mutter ihnen einen kleinen Finger gab. Da sahen die Mädchen, daß es der Finger von ihrem Brüderchen war, und sie sagten zueinander: »Wir wollen eilig fliehen, sonst frißt sie uns auch noch.«

Damit liefen sie zur Tür hinaus, kletterten auf einen Baum im Hof und riefen der falschen Mutter zu: »Komm heraus! Wir können sehen, wie der Nachbarsohn Hochzeit macht.« Es war aber mitten in der Nacht.

Da kam die Mutter heraus, und wie sie sah, daß sie auf dem Baum saßen, da rief sie ärgerlich: »Ich kann ja doch nicht klettern.«

Da sagten sie: »Setz' dich in einen Korb und wirf uns das Seil zu, so wollen wir dich heraufziehen!«

Die Mutter tat, wie sie gesagt. Als aber der Korb in halber Höhe war, da schwangen sie ihn hin und her und stießen ihn gegen den Baum. Da mußte sich die falsche Mutter wieder in einen Panther verwandeln, damit sie nicht herunterfiel. Der Panther sprang aus dem Korbe und lief weg.

Allmählich wurde es Tag. Die Töchter stiegen herab, setzten sich vor ihre Tür und weinten um ihre Mutter. Da kam ein Nadelverkäufer vorüber, der fragte, warum sie weinten.

»Ein Panther hat unsre Mutter und unsern Bruder gefressen«, sagten die Mädchen. »Jetzt ist er weg, aber er kommt sicher wieder und frißt uns auch.«

Da gab der Nadelverkäufer ihnen ein paar Nadeln und sagte: »Steckt sie in das Kissen auf dem Stuhl mit der Spitze nach oben.« Die Mädchen bedankten sich und weinten weiter.

Dann kam ein Skorpionfänger vorüber; der fragte sie, warum sie weinten.

»Ein Panther hat unsre Mutter und unsern Bruder gefressen«, sagten die Mädchen. »Jetzt ist er weg, aber er kommt sicher wieder und frißt uns auch.«

Da gab ihnen der einen Skorpion und sagte: »Setzt den hinter den Herd in der Küche!« Die Mädchen bedankten sich und weinten weiter.

Da kam ein Eierverkäufer vorüber, der fragte, warum sie weinten.

»Ein Panther hat unsre Mutter und unsern Bruder gefressen«, sagten die Mädchen. »Jetzt ist er fort, aber er kommt sicher wieder und frißt uns auch.«

Da gab er ihnen ein Ei und sprach: »Legt das in die Asche unter den Herd!« Die Mädchen bedankten sich und weinten weiter.

Da kam ein Schildkrötenhändler vorüber, und sie erzählten ihre Geschichte. Da gab er ihnen eine Schildkröte und sagte: »Setzt sie in das Wasserfaß im Hof.« Da kam ein Mann vorüber, der hölzerne Keulen verkaufte. Er fragte sie, warum sie weinten. Und sie erzählten ihm die ganze Geschichte. Da gab er ihnen zwei hölzerne Keulen und sagte: »Die hängt auf über dem Tor an der Straße!« Die Mädchen bedankten sich und taten, wie die Männer gesagt.

Als es Abend wurde, kam der Panther nach Hause. Er setzte sich auf den Stuhl im Zimmer. Da stachen ihn die Nadeln im Kissen. Dann lief er in die Küche, wollte Feuer machen und sehen, was ihn so gestochen; da schlug ihm der Skorpion seinen Stachel in die Hand. Und als das Feuer schließlich brannte, da platzte das Ei und sprang ihm ins Auge, und er ward auf einem Auge blind. Da lief er in den Hof und tauchte seine Hand ins Wasserfaß, um sie zu kühlen. Da biß ihm die Schildkröte die Hand ab. Vor Schmerz rannte er zum Tor hinaus auf die Straße, da fielen ihm die hölzernen Knüppel auf den Kopf und schlugen ihn tot.

 

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.