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Chinesische Märchen

Richard Wilhelm: Chinesische Märchen - Kapitel 101
Quellenangabe
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typefairy
authorRichard Wilhelm
titleChinesische Märchen
publisherEugen Diederichs Verlag GmbH & Co.
printrunEinmalige Jubiläumsausgabe
year1985
isbn3424008508
firstpub1914
translatorRichard Wilhelm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120215
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99. Das Heimweh

InitialYüo Dschung war aus Sianfu. Sein Vater starb früh. Er kam nach dessen Tode zur Welt. Die Mutter war Buddha ergeben, aß nichts Unreines und trank keinen Wein. Als ihr Sohn heranwuchs, liebte er den Trunk und fröhliche Unterhaltung. Im stillen mißbilligte er die Art seiner Mutter. Häufig brachte er ihr fette und süße Speisen und suchte sie zum Essen zu überreden; aber stets schickte ihn die Mutter weg. Später wurde die Mutter krank. Er wartete ihrer aufs beste. Sie bekam ein Gelüsten nach Fleisch. Der Sohn war in Verlegenheit, Fleisch zu finden; so schnitt er sich ein Stück aus seinem linken Bein und brachte es ihr dar.

Kaum war die Krankheit etwas besser, da kam sie Reue an, daß sie das Gebot übertreten. Sie aß nichts mehr und starb. Der Sohn in seinem bitteren Leide nahm ein scharfes Messer und schnitt sich auch ins rechte Bein, also daß man den Knochen sah. Die Diener kamen, ihn zu retten. Er ward verbunden und bekam Arznei, da ward es besser. Er gedachte in seinem Herzen an die bitteren Entbehrungen seiner Mutter und wie so töricht sie gewesen. Darum verbrannte er alle Buddhabilder, die sie angebetet, und stellte ein Täfelchen auf, seiner Mutter zu opfern. Und jedesmal, wenn er betrunken gewesen, da klagte und weinte er davor.

Mit zwanzig Jahren heiratete er. Doch da er immer keusch geblieben war, sprach er nach drei Tagen: »Daß Mann und Frau zusammen wohnen, ist etwas Häßliches und macht mir keine Freude.« Darauf entließ er seine Frau.

Der Vater seiner Frau ließ ihn durch Verwandte bitten, sie wieder aufzunehmen, drei-, viermal. Doch er blieb fest. So wartete der Vater denn ein halbes Jahr; dann gab er seine Tochter einem andern Mann.

Yüo Dschung lebte ledig an zehn Jahre. Er war nicht wählerisch in seinem Umgange. Mit Knechten und Schauspielern trank er zusammen, und wenn ihn von den Nachbarn irgendwer um etwas bat, er konnte nichts versagen. Sprach einer: Meine Tochter hat keinen Kessel für ihre Aussteuer, so ging er flugs zu seinem Herde und gab ihm seinen eigenen. Er selbst entlehnte dann zum Kochen einen anderen in der Nachbarschaft. Alle nichtsnutzigen Leute kannten seine Art, und früh und spät ward er betrogen. Da hatte vielleicht einer im Spiel verloren und kein Geld zum Zahlen, dann kam er mit betrübten Mienen zu ihm und klagte ihm vor, er sei in äußerster Bedrängnis und müsse seinen Sohn verkaufen. Yüo Dschung hatte selber Geld zurückgelegt für die Steuer; er drehte seine Taschen um und gab es ihm. Nicht lange, so kam der Steuereintreiber vor seine Tür, und er mußte damit anfangen, seinen Besitz zu verpfänden. So kam sein Eigentum allmählich herunter. Früher, solange er im Überfluß gelebt, waren seine Vettern und Verwandten um die Wette gekommen, sich ihm dienstbar zu erweisen, und er fragte auch nichts danach, wenn sie gelegentlich etwas von den Vorräten des Hauses mitnahmen. Nachdem er aber heruntergekommen war, blieben ihm nur noch ganz wenige treu. Zum Glück konnte er sich darüber hinwegsetzen.

Einst am Todestag seiner Mutter ward er krank, so daß er nicht an ihr Grab konnte. Er wollte einen seiner Vettern schicken, um für ihn das Opfer darzubringen. Der Diener ging bei ihnen allen der Reihe nach herum; aber jeder hatte einen Vorwand abzulehnen. So brachte er denn seine Gaben im Hause dar und weinte vor der Ahnentafel. Es machte ihm recht zu schaffen, daß er keine Nachkommen hatte. Dadurch wurde es mit seiner Krankheit immer schlimmer.

Während er so vor sich hindämmerte, fühlte er, wie ihn jemand streichelte. Er öffnete die Augen ein wenig, da war es seine Mutter. Erschreckt fragte er sie, warum sie komme.

Sie antwortete: »Da niemand im Hause ist, um an mein Grab zu gehen, so kam ich hierher zum Mahle. Da sah ich, daß du krank bist.«

Sie fragte ihn noch, wohin er ziehen wolle.

Er sagte: »Nach Süden, ans Meer.«

Als sie aufhörte mit Streicheln, da fühlte er eine Kühlung in seinen Gliedern. Er öffnete die Augen und sah sich um; aber es war niemand da. Seine Krankheit ward nun besser.

Als er wieder aufstehen konnte, gedachte er eine Wallfahrt nach dem Südmeer zu machen; doch hatte er leider keinen Reisegefährten. Da traf es sich, daß in einem Nachbardorfe ein Pilgerzug sich zusammentat. Er verkaufte zehn Morgen Land, nahm den Erlös und schloß sich ihnen an. Doch die Pilger wiesen ihn zurück, da er nicht rein sei. Er bat sie flehentlich, da ließen sie ihn mit. Auf dem Wege aber war das Zimmer, wo er wohnte, immer voll von dem Geruch nach Ochsenfleisch, Knoblauch und anderen unreinen Speisen. Darum verabscheuten ihn alle um so mehr. Als er einmal betrunken schlief, benutzten sie die Gelegenheit und gingen weiter, ohne ihm etwas zu sagen. So mußte er denn einsam seines Weges ziehen.

Als er an die Grenze von Fukien kam, traf er einen Bekannten, mit dem er ein Glas Wein zusammen trank. Da saß auch eine berühmte Sängerin mit Namen Schneeflocke. Als er von seiner Reise nach dem Südmeer sprach, da äußerte Schneeflocke den Wunsch, sich ihm anschließen zu dürfen. Yüo Dschung war froh und ließ ihr Gepäck holen. So reisten sie zusammen ab. Sie teilten alles miteinander; doch hielten sie sich keusch zurück. Wie sie zum Südmeer kamen, da hatten die Pilger ihr Reinigungsopfer eben vollendet, und als sie ihn nun mit einer Sängerin zusammen daherkommen sahen, da mißbilligten und verlachten sie ihn noch mehr als zuvor, und sie hielten ihn für zu gemein, um mit ihm zusammen ihr heiliges Werk zu vollbringen.

Yüo Dschung und Schneeflocke sahen ihre Gedanken. So warteten sie, bis jene hingegangen waren zu beten. Danach gingen auch sie. Die andern waren fertig mit Beten; sie waren unzufrieden, daß kein Zeichen sich zeigte. Da traten Yüo Dschung und Schneeflocke zu ihnen und warfen sich zur Erde. Plötzlich sah man das ganze Meer voller Lotosblumen. Auf den Lotosblumen saßen Gestalten, die Kronen auf ihrem Haupte trugen, von denen Perlen herabfielen. Schneeflocke hielt sie für Heilige. Yüo Dschung aber sah näher zu, da trugen; die auf den Lotosblumen saßen, alle die Züge seiner Mutter. Eilig lief er hin und rief: »Mutter! Mutter!« und sprang ins Meer ihnen nach. Die Menge sah, wie alle die vielen Lotosblumen sich in ein Abendrot verwandelten, das das Meer färbte wie Brokat. Nach einer kleinen Weile wurden die Wolken wieder matt und die Wogen klar, und alles war dunkel.

Yüo Dschung stand einsam am Ufer. Er wußte selbst nicht, wie er wieder herausgekommen war. Kleider und Schuhe waren ganz trocken. Da blickte er lange sehnsüchtig nach dem Meer und begann zu weinen. Seine Stimme hallte wider von den Inseln und Klippen.

Schneeflocke suchte ihn leise zu trösten. Traurig verließen sie den Tempel. Man mietete ein Schiff zur Rückreise nach Norden. Als sie gelandet, wurde Schneeflocke von einem reichen Herrn in Dienst genommen. Yüo Dschung setzte einsam seine Reise fort. Er traf einen Knaben von acht, neun Jahren, der vor den Häusern bettelte; doch sah er nicht aus wie ein Betteljunge. Als er ihn genauer fragte, erfuhr er, daß er von seiner Stiefmutter verstoßen worden sei. Er hatte Mitleid mit ihm. Der Knabe war anhänglich und wollte sich nicht von ihm trennen. Flehentlich bat er, ihn doch zu retten. So nahm er ihn mit nach Hause. Er fragte ihn nach seinem Namen.

Er sagte: »Ich heiße Schmerzenreich. Ich wuchs auf im Hause eines Mannes namens Yung; aber meine Mutter sagte, ich sei das Kind eines Mannes namens Yüo, der sie nach der Hochzeit verstoßen habe.«

Yüo Dschung erschrak und dachte bei sich: »Wäre es möglich, daß dies mein Sohn ist?«

Er fragte weiter, wo denn der Mann namens Yüo gewohnt habe.

Der Junge erwiderte: »Ich weiß es nicht; doch als meine Mutter starb, da gab sie mir ein Schriftstück und ermahnte mich, es nicht zu verlieren.«

Hastig verlangte Yüo Dschung das Schriftstück.

Schmerzenreich öffnete seine Tasche und nahm es heraus. Yüo Dschung überflog es; da war es der Scheidebrief, den er damals seiner Frau gegeben.

»Ja, du bist mein Sohn«, sprach er dann.

Er fragte ihn nach der Zeit seines Geburtstages, und alles stimmte genau. Das war ihm ein rechter Trost in seinem Innern. Doch ging es mit seinem Besitz immer mehr bergab. Nach zwei Jahren war das Land vollends verkauft, und er konnte keine Diener mehr halten.

Eines Tages kochten Vater und Sohn zusammen ihr Essen, da trat plötzlich eine schöne Frau herein. Er blickte sie an, es war Schneeflocke.

Erstaunt fragte er, woher sie komme.

Sie sagte lächelnd: »Wir waren doch einmal fast wie Mann und Frau, was fragst du noch? Daß ich dir früher nicht schon gefolgt, das kam, weil meine alte Amme noch lebte. Nun ist die Amme tot, und ich überlegte mir, wenn man sich keinem Manne anschließt, so ist man schutzlos preisgegeben; schließt man sich einem Manne an, so muß man seine Reinheit preisgeben. Überlegend, wie man beides vermeiden könne, fiel mir ein, daß ich am besten bei dir geborgen sei. Darum scheute ich nicht den weiten Weg.«

Mit diesen Worten legte sie ihren Schmuck weg und löste den Sohn beim Kochen ab. Als es Abend war, schliefen Vater und Sohn wie seither beisammen und bereiteten ein anderes Zimmer, um Schneeflocke zu beherbergen.

Schneeflocke verstand es aufs beste, den Sohn zu erziehen.

Als die Verwandten Yüo Dschungs von der Sache hörten, brachten sie dem Yüo Dschung Geschenke von Speisen. Die beiden freuten sich darüber und behielten sie zu Gast. Für die Haushaltungsgeräte hatte Schneeflocke gesorgt, ohne daß Yüo Dschung fragte, woher sie kamen. Schneeflocke tat allmählich ihr Gold und ihre Perlen hervor und löste den alten Besitz wieder ein. So kam es, daß Knechte und Mägde, Pferde und Rinder von Tag zu Tag sich mehrten.

Yüo Dschung warnte zuweilen Schneeflocke: »Wenn ich betrunken bin, mußt du dich von mir fernhalten, damit ich keine Schneeflocke sehe.«

Lächelnd versprach sie es ihm.

Eines Tages war er schwer betrunken und rief heftig nach Schneeflocke. Schneeflocke trat in bezaubernder Schönheit herein. Yüo Dschung betrachtete sie lange. Da kam plötzlich eine große Freude über ihn, und er begann wie verrückt herumzutanzen.

»Ich bin erwacht, ich bin im Weine zu mir gekommen vom Licht der Erde. Diese Wohnung hier, darin ich wohne, ist das Himmelsschloß.«

Es dauerte lange, bis er abließ.

Von da ab trank er nicht mehr auf dem Markte, sondern trank mit Schneeflocke zusammen. Schneeflocke, die sich vom Weine fernhielt, tat ihm Bescheid in Tee.

Eines Tages war er etwas angeheitert und fuhr mit Schneeflockes Hand über seine Seite. Da entdeckte sie die Schnittnarben an seinen Beinen, die sich in zwei rote Lotosknospen verwandelt hatten und zwischen dem Fleisch hervorkamen. Sie verwunderte sich; er aber sagte lächelnd »Wenn du diese Blumen sich öffnen siehst nach zwanzig Jahren, dann hat unsere Scheinehe ein Ende.« Und Schneeflocke glaubte ihm.

Nachdem für Schmerzenreich eine Lebensgenossin gefunden war, übergab Schneeflocke die Hausgeschäfte allmählich der jungen Frau und zog sich mit Yüo Dschung in einen andern Hof zurück. Der Sohn und seine Frau kamen täglich dreimal, nach den Eltern zu fragen. Aber nur schwierige Sachen legten sie ihnen zur Entscheidung vor. Sie bestellten zwei Dienerinnen, die eine, um Wein zu wärmen, die andere, um Tee zu kochen.

Eines Tages war Schneeflocke bei dem jungen Paare. Die Schwiegertochter hatte vieles zu erledigen, und es dauerte lange, bis sie zurückkam. Schmerzenreich ging mit, um nach dem Vater zu sehen. Als sie zur Tür hereintraten, da sahen sie Yüo Dschung barfuß auf dem Bette sitzen. Er hörte sie kommen, da öffnete er die Lider und sagte lächelnd: »Mutter und Sohn sind beide gekommen, das ist gut.«

Dann schloß er die Augen wieder.

Schneeflocke erschrak sehr und sprach: »Was willst du tun?«

Sie sah nach, da hatten sich die Lotosblumen an seinen Beinen weit geöffnet. Sie befühlte ihn, sein Atem stand schon still.

Eilig hielt sie mit beiden Händen die Lotosblumen zu und sagte bebend: »Ich bin aus weiter Ferne gekommen, dir zu folgen, das war nicht leicht. Ich habe dir den Sohn erzogen und die Schwiegertochter gelehrt, das alles hab' ich dir zuliebe getan. Warum willst du nicht noch zwei, drei Jahre auf mich warten?«

Nach einer Stunde öffnete er plötzlich die Augen und sagte lächelnd: »Frau, du hast doch deine eigenen Geschäfte, warum mußt du einen andern herbeiziehen dir zum Genossen? Immerhin, ich will um deinetwillen bleiben.«

Sie ließ die Hände los, da hatten sich die Blumen wieder geschlossen. Und so blieben sie beieinander wohnen, plaudernd und lachend wie zuvor.

Drei Jahre waren verflossen. Schneeflocke war schon nahe an vierzig; aber noch immer war sie jung und schlank wie ein zwanzigjähriges Mädchen.

Einst sagte Schneeflocke zu Yüo Dschung: »Wenn man gestorben ist, so muß man sich von andern Leuten beim Kopf und bei den Füßen nehmen lassen. Das ist nicht rein und schön.«

Darum ließen sie vom Zimmermann ein paar Särge machen.

Schmerzenreich fragte erstaunt nach dem Grunde.

Sie aber sprachen: »Das verstehst du nicht.«

Nachdem die Arbeit fertig war und sie gebadet und sich geschmückt hatte, sprach sie zum Sohne und seiner Frau: »Ich werde jetzt sterben.«

Schmerzenreich sagte schluchzend: »All die Jahre her hast du als Mutter für mich gesorgt. Und nun, wies so weit ist, daß wir von Kälte und Hunger nichts mehr zu leiden haben, willst du uns verlassen und gehen, ehe du dein Glück in Ruhe noch genossen hast.«

Sie sprach: »Das Gute, das der Vater sät, hat als Glück der Sohn zu ernten. Alles, was du an Reichtum hast, ist deines Vaters Lohn. Ich habe kein Verdienst. Ich war ursprünglich eine blumenspendende Himmelsjungfrau. Doch ward ich bestrickt von irdischen Gedanken. Darum mußte ich in die Menschenwelt. Ich ward deinem Vater zur Frau gegeben; doch verstieß er mich, und nach langer Irrfahrt erst haben wir uns wiedergefunden. Mehr als dreißig Jahre sind nun vorüber, und meine Zeit ist um.«

Damit stieg sie selbst in den Sarg. Der Sohn rief noch einmal nach ihr, aber ihre Augen waren schon geschlossen. Weinend ging Schmerzenreich hin, es seinem Vater zu sagen. Aber der Vater hatte auch schon die Leichenkleider angezogen und stieg, sein Leben aushauchend, in seinen Sarg. Man stellte die Särge in der Halle auf. Mehrere Tage zögerte man, sie zu schließen, in der Hoffnung, sie kämen wieder zum Leben. Ein Schein ging aus von den Lotosblumen des Vaters, der rings das Gemach erhellte. Von Schneeflockens Sarg aber stieg ein süßer Duft auf, die ganze Luft umher erfüllend. Als man die Särge schloß, verschwanden Duft und Glanz allmählich.

 

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