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Cherubinischer Wandersmann

Angelus Silesius: Cherubinischer Wandersmann - Kapitel 20
Quellenangabe
typeanthology
booktitleCherubinischer Wandersmann
authorAngelus Silesius
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008006-1
titleCherubinischer Wandersmann
pages6-11
created20010407
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1675
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Sechstes Buch
Geistreicher Sinn- unnd Schlußreimen.

 
1. Wie Gott in der Heiligen Seele.

Fragstu wie Gott das Wort in einer Seele wohne?
So wisse wie das Licht der Sonnen in der Welt /
Und wie ein Bräutgam sich in seiner Kammer hält:
Und wie ein König sitzt in seinem Reich und Throne:
Ein Lehrer in der Schul / ein Vatter bey dem Sohne:
Und wie ein theurer Schatz in einem Akkerfeld:
Und wie ein lieber Gast in einem schönen Zelt:
Und wie ein Kleinod ist in einer guldnen Krone.
Wie eine Lilie in einem Blumenthal /
Und wie ein Seitenspiel bey einem Abendmahl:
Und wie ein Zimmet-öl in einer Lamp' entzünden:
Und wie das Himmelbrodt in einem reinen Schrein:
Und wie ein Garten Brunn / und wie ein kahler Wein.
Sag ob er anderst wo so schöne wird gefunden?

 
2. An die Jungfrau Maria / die geheime Lilie.

Du Edle Lilie wer findet deines gleichen?
Solt' er auch alles Feld im Paradeiß durchstreichen.
Du gläntzest wie der Schnee / wann jhn zu schöner Zeit
Der Himmel mit dem Gold deß Phaethons bespreit:
Für dir muß Sonn und Mond und alle Stern' erbleichen.
Dein ansehn / deine Pracht ist schöner als das Kleid
Des Königs Salomons in seiner Herrligkeit /
Dir muß der klare Blitz der Seraphine weichen:
Dein Edeler Geruch erquikt die gantze Welt /
Und was sonst unsrem GOtt dem Herrn zu Fusse fällt.
Jn dir findt man allein die Schönheit der Jungfrauen /
Der Märterer bestand / und aller Heilgen Ziehr.
Drumb Edle Lilie komm und erquik mich hier /
Daß ich mög ewig dich und deinen Saamen schauen.

 
3. Die gefallne Seele.

Jch war ein Englisch Bild: nu bin ich gleich den Thieren.
Jch schwebt' im Paradeiß in Lauter Frölichkeit:
Nu sitz' ich auf der Erd' in lauter Angst und Leid.
Es konte mich kein Grimm der untren Welt berühren:
Nu schmeltz' ich fast für Hitz' / und muß für Frost erfrieren /
Und fühle tausend Weh. Jch war ein Herr der Zeit:
Nu meistert sie mich selbst. Jch war mir selbst mein Kleid:
Nu muß ich mich auß Noth mit frembden Federn ziehren.
GOtt sah mich freundlich an und hieß mich liebes Kind:
Nu schrökket mich sein zorn und stöst mich weg die sünd.
Jch bin mit stäter Furcht erfüllet und umbgeben:
Jch schau mein Ungelük mit eignen Augen an:
Der Teuffel und der Tod die stehn mir nach dem Leben.
Ach ach ich arme Seel! Was hab ich doch gethan!

 
4. Der Gerechtfertigte Sünder.

Jch war deß Teuffels Sclav / unnd gieng in seinen Banden:
Jch war mit Sünden-Wust verstellt und bluttig roth:
Jn Wollust weltzt' ich mich wie eine Sau im Koth:
Jch stank für Eitelkeit die häuffig war verhanden:
Jch war dem Abgrund nah / und fieng schon an zustranden.
Jch lebte wie ein Vieh / und fragte nicht nach GOtt /
Jch war ein Schatten Mensch / und noch lebendig Todt.
Nu bin ich widerumb in Christo auferstanden /
Und lebendig gemacht: die Ketten sind entzwey /
Der Teuffel ist verjagt / und ich bin loß und frey.
Jch suche GOtt allein mit eifrigem Gemütte /
Und gebe mich Jhm auf. Was Er mir jmmer thut /
Jn Zeit und Ewigkeit / das sprech' ich alles gut.
Ach daß Er mich doch nur für mehrerm fall behütte!

 
5. Der Außspruch über die Verdambten.

Geht ihr Verfluchten geht / jhr Teuffels Rottgesellen /
Jhr Raben die jhr mich nie habt getränkt / gespeist /
Bekleidt / besucht / getröst / noch eingen Dienst geleist:
Geht in das Ewge Feur und in den Schlund der Höllen.
Empfahet euren Lohn in jhren grimmen Wellen /
Blitz / Donner / Pestilentz und alls was böse heist.
Geht und bleibt ewiglich von meinem Reich verweist.
Jhr werdt nu Heuln und schreihn / und wie die Hunde bellen /
Jn Durst unnd Hunger stehn: Eur Wurm der stirbet nicht /
Das Feuer löscht nicht auß das euch ist zugericht.
Jhr müsset ewiglich in Peinen sein gerochen /
Wie jhr verdienet habt: Denn was jhr habt gethan /
Den Gliedern meines Leibs / nehm ich mich selber an.
Geht jhr Verfluchten geht / das Urtheil ist gesprochen.

 
6. Uberschrifft der Verdamnuß.

Hier ist ein' Ewge Nacht: man weiß von keinem lachen /
Ein Jammer Ach und Weh / ach ewig seyn verlohrn!
Wird immer fort geschriehn / und wärn wir nie gebohrn!
Beyneben hört man nichts als Donnern / Hageln / Krachen.
Man sieht den Basilischk mit Kröten / Schlangen / Drachen /
Und tausend ungeheur: Man ist für Kält' erfrohrn /
Und schmeltzt für grosser Glutt: man schilt sich Narrn und Thorn.
Und kombt doch nimmermehr auß diesem Teufels rachen.
Man stirbt / und stirbt doch nie / man ligt im ewgen Tod /
Man wüttet / tobt und zörnt / man flucht und lästert GOtt.
Man beist und Hadert sich / man lebt wie Hund' unnd Katzen:
Man muß sich ewiglich mit allen Teuffeln kratzen.
Man frisset Hüttenrauch / Pech / Schweffel / Teuffelsmist:
Ach Sünder thu doch Buss' / eh du darinnen bist!

 
7. Der verdambte Ubelthäter.

Ach weh! wo bin ich nu? bey lauter höllschen Mohren /
Bey teufflischem Gesind: in Leviathans Schlund:
Jn einem feurgen Pful / der ohne Maß und grund!
Ach weh! verfluchter Tag in dem ich bin gebohren!
Jch war zur Seeligkeit ersehen und erkohren;
Der Himmel stund mir frey; ich wuste kurtz und rund
Was GOttes wille war: und hilt doch nicht den Bund!
Nu muß ich ewig sein verstossen und verlohren!
O du verfluchter Leib zu was hastu mich bracht!
O du verfluchte Seel was hastu mir gemacht!
Ach tausend Ach und Weh! Was hilfft mich nu mein Prangen /
Mein Geitz und böse Lust! Ach hätt ich guts gethan!
Nu ist die Reu zu spät / Gott nimbt sie nicht mehr an:
Jch bleib in Ewigkeit mit höllscher Qual umbfangen.

 
8. Der Spruch über die Seeligen.

Kombt jhr gesegneten / embfahet eure Kronen
Die jhr erworben habt durch meinen Lauf und Tod:
Kombt und besitzt das Reich der Herrligkeit mit GOtt:
Jch wil euch ewiglich für eure Gutthat lohnen.
Jhr habet mich getröst / und bey euch lassen wohnen /
Jhr habet mich gespeist / getränkt / besucht in Noth.
Bekleidet und bedekt nach meinem Liebsgeboth /
Nu solt jhr auch mit mir besitzen eure Thronen /
Und ewig triumphirn. Jhr sollet euch nu freun
Für eure Trew und Müh / und jmmer bey mir sein.
Denn was jhr habt gethan dem kleinsten auf der Erden /
Dasselb' ist mir geschehn / und sol in Ewigkeit /
Mit allem was jhr nur euch wüntscht / vergolten werden.
Kombt und geniest mich selbst und alle Seeligkeit.

 
9. Uberschrifft der Seeligkeit.

Hier ist es jmmer Tag / hier scheint die Ewge Sonne /
Hier weiß man nicht von Weh / von Kummer Angst und Leid.
Man lebt in gantzer Lust und gantzer Seeligkeit.
Man sicht unnd höret nichts als lauter Freud unnd Wonne.
Man trinkt sich satt und Voll beym süssen JEsus-Bronne.
Man sitzt in stoltzer Ruh / man dänkt an keine Zeit /
Man leget niemals ab das Kleid der Herrlichkeit.
Hier rauschet wie ein Strom was vor nur tropffweiß ronne.
Hier schaut man GOttes glantz und süsses Angesicht /
Hier wird man überformt mit seiner GOttheit Licht.
Hier senkt man sich in Jhn / und giebt ihm tausend küsse.
Man liebt und wird geliebt / man schmekt jhn wie er ist.
Man singt sein Lob und alls worzu man ist erkiest.
Ach JEsu hilff mir doch damit auch ichs geniesse!

 
10. Der Abgeleibte Seelige.

O GOtt wie wol ist mir! mein Leiden ist verschwunden /
Die Schmertzen sind dahin / die Trübsal hat ein End'
Und alles Hertzeleid ist von mir abgewendt:
Jch bin nu Kärkerloß und seeliglich entbunden:
Jch habe Freudenreich gesiegt und überwunden:
Kein Feind berührt mich mehr / und was man böse nennt:
Es wird mit keinem Weh mein frölich seyn getrent.
Jch habe wahre Ruh / und wahre Lust gefunden.
Der Himmel lacht mich an / die Engel nehmen mich
Sambt allen Heiligen mit Freuden unter sich.
Jch bin so voller Trosts daß ich fast überfliesse:
Jch habe was ich wil / und wil was ich geniesse:
Jch habe nu genug: man führt mich wie ich bin
Zu meinem Bräutigam und süssen JEsu hin.

 
11. Der Seelige weise.

Wie Seelig ist der Mensch / der alle seine zeit
Mit anders nichts verbringt / als mit der Ewigkeit!
Der jung und alt allein betrachtet und beschaut
Der Weißheit Schloß / das GOtt sein Vater hat gebaut.
Der sich auf seinen Stab / das ewge Wort / aufstützt /
Und nicht / wie mancher Thor / im frembden sande sitzt.
Der nicht nach Hauß und Hoff / nach Gold und Silber sieht /
Noch seines Lebens zeit zu zehlen sich bemüht.
Jhn wird das blinde Glük nicht hin und her vexirn /
Noch etwann eitler Durst zu frembden Wassern führn.
Er weiß von keinem Zwang / er liebt nicht krämerey /
Er trachtet nicht darnach / daß er gesehen sey!
Er ist der Welt ein kind / die allernächste stadt
Jst ihm so viel bekand als die der Tagus hat.
Er schaut nur übersich / so frey er immer kan /
Sein rechtes Vaterland / den lieben Himmel an.
Sein alter rechnet er nicht nach der Jahre zahl /
Jn GOtt vollkommen seyn / das heist er Alt zumahl.
Die Sonne leuchtet ihm in seinen Aker ein /
Und wenns gleich abend wird / so bleibt ihm doch ihr Schein.
Er siht des Lebens Baum im Geist begierlich an /
Und geht mit allem fleiß zu ihm die nächste bahn.
Er kümmert sich umb nichts; was neben ihm geschieht /
Jst ihm so frembt und klar / als was ein blinder sieht /
Doch ist er stark und frisch / er scheuet keinen Feind /
Wenn gleich Welt / Teuffel / Fleisch / und mehr beisammen seind.
Ein ander lauffe hin / zerstrew sich mit der Welt /
Diß ist das Leben und die bahn / so mir gefällt.

 
12. Der geheime Hirsch und sein Bronn.

Der Hirsch der laufft und sucht ein kühles Brünnelein
Damit sein Hertz erquikt und ruhig möge seyn.
Die Seele die GOtt liebt / die eilet zu dem Bronnen /
Auß dem die süsse Bach deß Lebens kombt geronnen.
Der Bronn ist JEsus Christ / der unß mit seinem quall
Jm wahren Glauben tränkt / und stärkt für Sünden fall.
Bleibstu bey diesem quall / und trinkst offt auß dem Bronnen /
So hastu meine Seel gantz Seeliglich gewonnen.

 
13. Die Sündige Seele.

Ein außgebrandte Stadt / ein Schloß / das gantz zerstöhrt /
Ein Reich / das durch und durch zerrütt ist und entböhrt;
Ein Königliches Weib / die nu zur Sclavin worden /
Jst eine Seel / die sich die Sünde läst ermorden.

 
14. Die heilige Seele.

Ein Neus Jerusalem / ein außgebautes Schloß /
Ein Reich / das jedem Feind zu stark ist und zu groß /
Ein Mägdlein / die versetzt in der göttinnen Orden /
Jst Jungfrau deine Seel / die GOtts gemahlin worden.

 
15. Der Sohn führe des Vaters Nahmen.

Sag was unß endlich GOtt für einen Nahmen giebt /
Die er in seinem Sohn für Söhn' aufnihmt und Liebt?
Fragstu und nenst ihn GOtt / so mustu ja bekennen /
Daß er unß anderst nicht alß Götter könne nennen.

 
16. Die geheime Auferstehung.

Durch Hoffart / Fleisches lust / und durch begiehr der Welt /
Hat Geist / Leib / Seel der Feind gestürtzet und gefällt /
Durch Demutt und Casteyn / und durch Allmosen geben /
Steht auf Geist / Leib und Seel zu einem neuen leben.

 
17. Eine Begierde löscht die andere auß.

Je mehr ein Mensch sich freut auf zeitlich Ehr und Gutt /
Je weniger hat er zu ewgen dingen mutt.
Jemehr hingegen er wartt auf die ewge dinge /
Jemehr und mehr wird ihm das Zeitliche geringe.

 
18. Die Ewigkeit wird für nichts geschätzt.

O Thorheit / umb die zeit wagt man sich biß inn Tod!
Und auf die Ewigkeit setzt man nur einen Spott!

 
19. Der gröste Narr.

Du schlägst umbs Zeitliche das Ewig' in den wind:
Richt' / ob die Welt auch wol einn grössern Narren findt?

 
20. Das zeitliche ist Rauch.

Alls zeitlich' ist ein Rauch. Lästu es in dein Hauß /
So beist es dir fürwahr des Geistes Augen auß.

 
21. Das ewige sol man suchen.

Die Ehre dieser Welt vergeht in kurtzer zeit:
Ach suche doch die Ehr der ewgen Seeligkeit!

 
22. Einen Dunst umbfassen ist thöricht.

Wie thöricht thut der Mann / der einen Dunst umbfasst!
Wie thöricht / der du Freud an eitler Ehre hast!

 
23. Sich nicht erkennen macht eitles rennen.

Wie daß der Mensch so toll nach eitlen Ehren rennt?
Es kommet / weil er nicht sein' Ehr in GOtt erkennt.

 
24. Was man in sich hat / sucht man nicht draussen.

Wer in sich Ehre hat / der sucht sie nicht von aussen.
Suchstu sie in der Welt / so hastu sie noch draussen.

 
25. Der Weise sucht keinen äusern Ehren Stand.

Der Weise strebet nicht nach äusrem Ehren stand:
Es ist ihm Ehr genug / daß er GOtt nah verwandt.

 
26. Der Weise ist voller Ehrn.

Der Weiß' ist voller Ehrn. Wie da? er ist erkist /
Daß er der wahren Ehr (GOtts) ewger Tempel ist.

 
27. Der Sünder hat keine Ehre.

Der Sünder ist des Thiers und aller Teuffel stall:
Drumb fählts ihm doch ann Ehren / hätt' er sie überall.

 
28. Ein reicher Sünder ein vergoldter Koth.

Mensch kein vergoldter Koth ist reich geehrt und schön:
Die Sünder auch / die gleich in lautrem Golde stehn.

 
29. Der Sünder wird zu Koth.

Der Heilge steiget auf / und wird ein GOtt in GOtt:
Der Sünder fällt herab und wird zu Mist und Koth.

 
30. Wer hochgeehrt wil seyn / muß GOtt werden.

Nichts ist geehrt wie GOtt im Himmel und auf Erden:
Streb / daß du wirst was er / wo du geehrt wilt werden.

 
31. Der Mensch muß das seinige thun.

Mein richte dich doch auf. Wie sol dich GOtt erheben /
Weil du mit gantzer macht bleibst an der Erde kleben.

 
32. Ein Wurm beschämet unß.

O spott! ein seiden Wurm der wirkt / biß er kan fliegen:
Und du bleibst / wie du bist / nur auf der Erde liegen!

 
33. Man muß sich verwandeln.

Mensch alls verwandelt sich. Wie kanst denn du allein
Ohn' einge besserung das alte Fleisch Klotz seyn?

 
34. Wer das ewige Licht sieht.

Das Licht der ewigkeit / das leucht auch in der Nacht.
Wer sihts? der jenge Geist / ders heiliglich betrachte

 
35. Die zuekehr machet schaun.

Wiltu die Sonn und Mond am hellen Himmel sehn /
So mustu ihnn fürwahr ja nicht den Rüken drehn.

 
36. Das offne Auge sieht.

Ein offnes Auge sieht / thustu deins zue O Kind /
So bistu GOtt zu schawn muttwillig Maulwurffs blind.

 
37. Nichts leuchtet ohne die Sonne.

Rauh ist der Mond gestalt ohn seiner Sonne licht:
Rauh ohne deine Sonn dein seelen Angesicht.

 
38. So viel zukehr / so viel erleuchtung.

So viel der Monde sich zu seiner Sonne kehrt /
Zu deiner du; so viel werdt ihr eurs Lichts gewehrt.

 
39. Der geistliche Mond mit seiner Sonne.

Jch wil der Monde seyn / sey JESU du die Sonne /
So wird mein angesicht voll ewger Freud und Wonne.

 
40. Die Sonne muß erleuchten.

Die Sonne muß ihr Licht alln / die es woln gewehrn:
Der Teuffel würd' erleucht / wolt' er zu GOtt sich kehrn.

 
41. Wer die Sonne nicht merckt / der ist nicht.

Die Sonn erwärmet alls / ja auch den kältsten stein:
Fühlstu die wirkung nicht / so mustu nicht mehr seyn.

 
42. Wer nicht bewegt wird / gehört nicht zum gantzen.

Die Sonn erreget alls / macht alle sterne Tantzen /
Wirstu nicht auch bewegt / so g'hörstu nicht zum gantzen.

 
43. Wer vergeht / der ist nicht.

Der Sünder ist nicht mehr. Wie? seh ich ihn doch stehn!
Hättstu das rechte Licht / du sähest ihn vergehn.

 
44. Was verdirbt / wird zu nichts.

Was fort und fort verdirbt / das kan nicht stehn noch seyn /
Es eilt zum untergang und wird dem nichts gemein.

 
45. Eigensinnigkeit reist von GOtt ab.

Was nicht am Leibe bleibt / wird nicht vom Haubt geküst:
Merks eigensinniger / daß du nicht Christi bist.

 
46. Das abgesunderte hat nichts mit dem gantzen gemein.

Ein abgefallnes Laub / ein saures tröpfflein Wein /
Was hat es mit dem Baum / was mit dem Most gemein?

 
47. Es ist noch zeit zum Heil.

Kehr umb verirrtes Schaf / zeuch safft verdorrter Ast!
Du kanst wol kommn und ziehn / weil du den trieb noch hast.

 
48. Das beyspiel reitzet an.

Dein feld Herr geht vor an / er streit für dich mein Christ:
Jsts möglich daß du noch ein fauler Esel bist?

 
49. Das verächtlichste Aß.

Wer sich den Teuffel läst erschlagen und ermorden /
Der ist ein todter Hund des schnödsten schinders worden.

 
50. Der schändliche Gefangene.

Pfuy dich / daß dich ein Weib die nichtigkeit der Welt
Mit ihrem spinneweb so lang gefangen hält!

 
51. Die schnödste Dirne.

Mensch lästu dich dein Fleisch beherschn und nehmen ein /
So muß wol deine Seel die schnödste Dirne seyn.

 
52. Der schändliche Fall.

Halt auß Welt / Teuffel / Fleisch / du bist ja Christ ein Held:
Wie schändlich ists / wenn man für diesen Buben fällt.

 
53. Die siegreiche Waffen.

Der Teuffel durchs Gebeth / das Fleisch kan durch Casteyn /
Die Welt / wenn man sie läst / gar leicht bezwungen seyn.

 
54. Der sieg folgt erst hernach.

Christ niemand hat den sieg und dessen Trost embfunden /
Der nicht zuvor im streit den Feind hat überwunden.

 
55. Kein Kron ohn Kampff.

Ein Kampffplatz ist die Welt. Das Kräntzlein und die Kron
Trägt keiner / der nicht Kämpfft / mit Ruhm und Ehrn darvon.

 
56. Der erste Kriegt den Preiß.

Lauff nach dem Ehren preiß / du must der erste seyn /
Du trägest nichts davon / kriegstu ihn nicht allein.

 
57. Eins ist die Ehre.

Der Feld-Herr triumphirt / er hat die ehr allein:
Erhältst auch du die schlacht / so wird sie deine seyn.

 
58. Kurtzer streit / ewiger Triumph.

Wie kurtz ist doch der Streit! wie glüklich ist der Held /
Der ewig triumphirt den Teuffel / Fleisch / und Welt!

 
59. Man muß nach Ehren streben.

Die Ehr ist doch nicht nichts. Die nie nach Ehren streben /
Die kommen nie zur ruh / auch nicht im andren Leben.

 
60. Wo Ehr und Schande ist.

Der Himmel ist voll ruhm / voll Ehr und Herrligkeit;
Die Hölle voller spott / schmach und mühseeligkeit.

 
61. Nicht streiten wollen ist spöttlich.

Ein spott wird der Soldat des Feinds / für dem er zagt /
Ein spott des ewgen Feinds der Christ / der ihn nicht jagt.

 
62. Das beste ist zuerwählen.

Auf auf Soldat zum streit! dir wird ja lieber seyn
Die Ruhe nach dem sieg / als nach der ruh die Pein?

 
63. Deß Sünders Seele ist die Närrischte.

Du läst die ewge Lust und kiesest ewge Pein /
Kan auch was närrischers als deine Seele seyn?

 
64. Der gröste Narr.

Christ wenn du einen sihst so stark zur Höllen rennen /
Den magstu ohn bedacht den grösten Narren nennen.

 
65. Die zwey wunderliche Thoren.

Ach jammer / jener rennt / daß er in Abgrund kömt;
Und dieser regt sich kaum / daß er GOtts burg einnihmt!

 
66. Das zeitliche macht ungeschikt.

Ach mein / wie magstu doch die Welt so in dich sauffen?
Du wirst ja ungeschikt den Ehrn Krantz zuerlauffen!

 
67. Das weltliche Gutt beschwehrt.

Wirff das gebündle weg. Wer streiten sol und kriegen /
Dem muß kein sak voll Geld auf seinen Achseln liegen.

 
68. Der selbst Tadel.

Du lachst den Krieger auß / der sich mit raub beschwehrt:
Fürwahr mein Euclio du bist des lachens wehrt.

 
69. Kein ungeschikter Mensch kombt inn Himmel.

Geh Fast' und zehr dich auß / die Himmels-Thür ist klein /
Wirstu nicht wol geschikt / du kömmest nicht hinein.

 
70. Stille stehn ist zurüke gehn.

Je Bruder geh doch fort / was bleibstu stille stehn?
Stehn auf dem wege GOtts heist man zurüke gehn.

 
71. Das gutte und üble zurüke gehn.

Wie wol geht der zurük / der von dem Feind weg fährt;
Wie übel / welcher Gott den rüken endlich kehrt!

 
72. Die Faulheit überkomt nicht den Himmel.

Ach Fauler reg dich doch! wie bleibstu immer liegen?
Fürwahr der Himmel wird dir nicht ins Maul einfliegen.

 
73. Man hat nichts umbsonst.

Mensch umb die Hölle muß der Sünder so viel leyden:
Wie sol dann GOtt umb nichts dir geben seine Freuden?

 
74. Gewalt nihmt den Himmel ein.

Gewalt geht über Recht. Wer nur gewalt kan üben /
Von dem wird auch die Thür des Himmels aufgetrieben.

 
75. Allein die überwindung beruhigt.

Freund streiten ist nicht gnug / du must auch überwinden /
Wo du wilt ewge Ruh und ewgen Frieden finden.

 
76. Die Welt erwählt das ärgste.

Gott reicht die kron der Ehrn / der Teuffel spott und Hohn.
Und dennoch greifft die Welt nicht nach der ehren Kron!

 
77. Der Sünder wil seinen Tod.

Ach Sünder ists dann wahr? du wilst dich eh verliehren /
Als ewiglich mit GOtt ein GOtt seyn und regieren?

 
78. Was verlohren seyn ist.

Was ist verlohren seyn? frag das verlohrne Lamm /
Frag die verlohrne Braut vom ewgen Bräutigam.

 
79. Die ewige verlohrenheit.

Das Schaf ist gäntzlich hin / das nie wird wieder funden;
Die Seel die GOtt nicht find / bleibt ewiglich verschwunden.

 
80. GOtt sucht nicht was ewig verlohrn.

Findt GOtt nicht was er sucht? er sucht in ewigkeit /
Nicht / was sich hat von ihm verlohren in der zeit.

 
81. GOtt find die Verdammten nicht.

GOtt kan schon ewiglich nicht die Verdammten finden;
Weil sie stäts durch ihrn willn für ihm inn Pful verschwinden.

 
82. Der Wille macht Verloren seyn.

Der Will macht dich verlohrn / der Will macht dich gefunden /
Der Will der macht dich frey / gefässelt und gebunden.

 
83. An den Geld suchenden.

O Narr was renstu so nach reichthum in der Welt /
Und weist doch / daß man wird dardurch inn Pful gefält?

 
84. Das gröste Reichthum und gewien.

Das gröste Reichthum ist nach keinem Reichthum streben /
Der grösseste Gewin / sich dessen gantz begeben.

 
85. Man thut nicht was man Lobt.

Man lobt den gutten Mann der ihm genügen läst;
Und frisset doch umb sich gleich wie der Krebs und Pest.

 
86. Wer alles verlanget / hat noch nichts.

Wer nichts verlangt hat alls. Wer alles thut verlangen /
Der hat in wahrheit noch nicht einen stiel empfangen.

 
87. Wer der Sonne und GOtte gleicht.

Wer alln sein gutt mittheilt / alln nutzt und alle Liebt /
Jst wie der Sonnen Licht / und GOtt der alln sich giebt.

 
88. Allmosen geben macht reich.

Der Arme / giebstu ihm / macht dich dem Reichen gleich:
Wie da? er trägt dir alls voran ins Himmelreich.

 
89. An den Kargen.

Pfuy dich du karger Filtz / GOtt hat dir alls gegeben;
Noch wenn Er zu dir komt / giebstu ihm kaum zuleben.

 
90. Der Reiche siehet GOtt nicht gern.

Der Arme Christ ist GOtt: doch sieht des reichen Hauß
Gemeiniglich nicht gern den GOtt gehn ein und auß.

 
91. Anderst geglaubt / anderst gethan.

Man glaubt es seelger seyn zu geben als zu nehmen;
Und doch wil man gar schlecht zum geben sich bequämen.

 
92. Thue was du dir gethan wilt.

Mensch weil du gerne siehst daß man dir Gaben giebt:
So mache doch auch dich im geben wol geübt.

 
93. Weise und Narrische sammlung.

Der Geitz-Halß ist ein Narr / er sammlet was vergeht:
Der Mild' ein weiser Mann / er suchet was besteht.

 
94. Mildigkeit ist frey / Geitz gebunden.

Ein Milder breitt sich auß / ein Geitz-Halß krippt sich ein:
Der fäht schon an bestrikt / und jener frey zu seyn.

 
95. Wo der Schatz / da das Hertze.

Der Weise hat sein Hertz bey GOtt und in dem Himmel:
Der Geitzige beym Geld und in dem Weltgetümmel.

 
96. Der Weltsuchende zieht am Narren seil

Wo du auch kluge siehst sich umb die Welt bemühn /
So sage daß auch sie am Narren seile ziehn.

 
97. Das ewge hat schlächten verdrang.

Man sieht fast alle Welt mit Juden spissen lauffen;
Und doch umbs Himmelreich so wenig Leute kauffen!

 
98. Giefft wird für Zuker gelegt.

GOtt streuet zuker auff / der Teuffel gifft und galle:
Den Zuker läst man stehn und lekt die Gifft zum falle!

 
99. Des Weisen und Geitzigen gelt kammer.

Der Weiß ist klüglich reich; er hat das Gelt im kasten /
Der Geitzhalß im gemüth / drumb lästs ihn niemahls rasten.

 
100. Der Weise kombt den Dieben vor.

Der Weise wartet nicht / biß ihm was wird genommen:
Er nihmt ihm alles selbst / den Dieben vorzukommen.
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