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Cherubinischer Wandersmann

Angelus Silesius: Cherubinischer Wandersmann - Kapitel 10
Quellenangabe
typeanthology
booktitleCherubinischer Wandersmann
authorAngelus Silesius
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008006-1
titleCherubinischer Wandersmann
pages6-11
created20010407
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1675
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Drittes Buch
Geistreicher Sinn- und Schluß-Reime.

 
1. Auf die Krippe JEsu.

Diß Holtz ist köstlicher als Salomonis Thron;
Weil drein geleget wird der wahre GOttes Sohn.

 
2. Uber den Stall.

Ach Pilger kehr hier ein / der Stall zu Betthlehem
Jst besser als die Burg und Stadt Jerusalem.
Du Herbergest hier wol: weil sich das Ewge Kind /
Mit seiner Jungfrau Braut und Mutter hier befindt.

 
3. An die Jungfrau MARIA.

Sag an / O werhte Frau / hat dich nicht außerkohrn
Die Demut / daß du GOtt empfangen und gebohrn?
Sag / obs was anders ist? Damit auch ich auf Erden
Kan eine Magd und Braut und Mutter Gottes werden.

 
4. Ein Seufftzer.

Man legte GOtt aufs Stroh / als Er ein Mensch ward / hin:
Ach daß ich nicht das Heu und Stroh gewesen bin!

 
5. An den Gelehrten.

Du grübelst in der Schrifft / und meinst mit Klügeley
Zu finden GOttes Sohn: Ach mache dich doch frey
Von diser Sucht / und komm inn Stall jhn selbst zu küssen.
So wirstu bald der Krafft deß wehrten Kinds geniessen.

 
6. Die GOttes gewürdigte Einfalt.

Denkt doch / was Demut ist! seht doch was Einfalt kan!
Die Hirten schauen GOtt am allerersten an.
Der siht GOtt nimmermehr / noch dort noch hier auf Erden /
Der nicht gantz jnniglich begehrt ein Hirt zu werden.

 
7. Das wohlbethaute Heu.

Kein Vieh hat besser Heu / weil Graß wächst / je genossen!
Als was mein Jesulein der ärmste hat begossen
Mit seiner Aüglein thau: Jch dächte mich / allein
Durch diese Kost gerecht und Ewig satt zu seyn.

 
8. Die seelige Nachtstille.

Merk / in der stillen Nacht wird GOtt ein Kind gebohrn /
Und widerumb ersetzt was Adam hat verlohrn:
Jst deine Seele still und dem Geschöpffe Nacht /
So wird GOtt in dir Mensch / und alles wiederbracht.

 
9. An die Hirten.

Gieb Antwort liebes Volk / was hastu doch gesungen
Als du inn Stall eingingst mit den erbebten Zungen /
Und GOtt ein Kind gesehn? Daß auch mein Jesulein
Mit einem Hirten Lied von mir gepreist kan seyn.

 
10. Das Unerhörte Wunder.

Schaut doch jhr lieben schaut / die Jungfrau säugt ein Kind /
Von welchem ich und sie / und jhr / gesäuget sind.

 
11. Der eingemenschte GOtt.

GOtt trinkt der Menschheit Milch / läst seiner GOttheit Wein:
Wie solt' er dann numehr nicht gar durchmenschet seyn?

 
12. Es trägt und wird getragen.

Das Wort das alles trägt / auch selbsten Gott den Alten /
Muß hier ein Jungfräulein mit ihren ärmlein halten.

 
13. Jch die Ursach.

Sag allerliebstes Kind / bin ichs umb den du weinst?
Ach ja du sihst mich an: ich bins wol den du meinst.

 
14. Küssungs Begierde.

Ach laß mich doch mein Kind mein Gott an deinen Füssen /
Nur einen Augenblik das minste Brünklein küssen.
Jch weiß werd' ich von Dir nur bloß berühret seyn /
Daß straks verschwinden wird / mein' / und auch deine Pein.

 
15. Der beste Lobgesang.

Singt singt jhr Engel singt: mit hundert tausend Zungen
Wird dieses wehrte Kind nicht würdiglich besungen.
Ach möcht' ich ohne Zung / und ohne Stimme seyn!
Jch weiß ich säng' ihm straks das liebste Liedelein.

 
16. Er mir / ich Jhm.

Wißt / GOtt wird mir ein Kind / ligt in der Jungfrau Schoß /
Daß ich jhm werde GOtt / und wachs jhm gleich und groß.

 
17. Am Nächsten am besten.

Mensch werde GOtt verwandt auß Wasser / Blutt und Geist /
Auf daß du GOtt in GOtt auß GOtt durch GOtte seyst.
Wer jhn Umbhalsen wil / muß jhm nicht nur allein
Befreundet / sondern gar sein Kind und Mutter seyn.

 
18. Die beweglichste Musica.

O seht / das liebe Kind wie es so süsse weint!
Daß alle Stösserlein Hertz-grund-beweglich seind.
Laß doch mein Ach und O in deins vermengt erschallen!
Daß es für allem thon GOtt könne Wolgefallen.

 
19. Die seelige Uber-formung.

Jch rathe dir Verformt ins JEsulein zu werden /
Weil du begehrst zu seyn erlöset vonn Beschwerden.
Wem JEsus helffen sol / vom Teufel / Tod und Pein:
Der muß Warhafftig auch gantz eingeJeset seyn.

 
20. GOTT-Mensch.

Je denkt doch GOtt wird ich / und kombt ins Elend her /
Auf daß ich komm ins Reich / und möge werden Er!

 
21. GOtt ist ein Kind / warumb.

Der Ewge GOttesSohn wird heut erst Kind genennt /
Da Er doch tausend Jahr den Vatter schon gekennt;
Warumb? Er war nie Kind. Die Mutter machts allein
Daß Er warhafftiglich kan Kind gegrüsset seyn.

 
22. Das gröste Wunder.

O Wunder GOttes Sohn ist ewiglich gewesen /
Und seine Mutter ist doch heut erst sein genesen!

 
23. Die Geistliche Mutter GOttes.

Marien Demut wird von GOtt so werth geschätzt /
Daß Er auch selbst jhr Kind zu seyn sich hoch ergötzt:
Bistu demüttiglich wie eine Jungfrau rein;
So wird GOtt bald dein Kind / du seine Mutter seyn.

 
24. An das Kindlein JEsu.

Wie sol ich Dich mein Kind die kleine Liebe Nennen /
Dieweil wir deine Macht unendlich groß erkennen?
Und gleichwol bistu klein! ich sprech dann groß und klein /
Kind / Vatter / GOtt und Mensch / O Lieb' erbarm dich mein.

 
25. Ein Kind seyn ist am besten.

Weil man nunmehr GOtt selbst den grösten kleine findt /
So ist mein gröster Wuntsch zu werden wie ein Kind.

 
26. Der Mensch das würdigste.

GOtt weil Er wird ein Mensch / zeugt mir daß ich allein
Jhm mehr und wehrter bin als alle Geister seyn.

 
27. Der Nahme JEsus.

Der süsse JEsus Nahm' ist Hönig auf der Zung;
Im Ohr ein Brautgesang / im Hertz ein Freudensprung.

 
28. Der Kreiß im Puncte.

Als GOtt verborgen lag in eines Mägdleins Schoß /
Da war es / da der Punct den Kreiß in sich beschloß.

 
29. Das Grosse im Kleinen.

Du sprichst / das Grosse kan nicht in dem Kleinen seyn /
Den Himmel schleust man nicht ins Erdenstüpffchen ein.
Komb schau der Jungfraun Kind; so sihstu in der Wiegen /
Den Himmel und die Erd' / und hundert Welte liegen.

 
30. Auf die Krippe JEsu.

Hier liegt das wehrte Kind / der Jungfrau erste Blum /
Der Engel Freud und Lust / der Menschen Preiß und Ruhm.
Sol Er dein Heyland seyn / und dich zu GOtt erheben /
So mustu nicht sehr weit von seiner Krippe leben.

 
31. Dein Hertz wanns leer / ist besser.

Ach elend! Unser GOtt muß in dem Stalle seyn!
Räum auß mein Kind dein Hertz / und giebs Jhm eylends ein.

 
32. Der Himmel wird zur Erden.

Der Himmel senket sich / er kombt und wird zur Erden:
Wann steigt die Erd' empor / und wird zum Himmel werden?

 
33. Wann GOtt empfangen wird.

Als dann empfähstu GOtt / wann seines Geistes gütte /
Beschattet seine Magd die Jungfrau dein Gemütte.

 
34. Auf das Creutz unsers Erlösers.

Gewiß ist dieser Baum vom Lebens Baum gehägt /
Weil er solch' edle Frucht das Leben selber trägt.

 
35. Das allersüsseste.

Süß ist der Hönigseym / süß ist der Rebenmost /
Süß ist das Himmelbrod der Jsrelitten kost:
Süß ist was Seraphin von anbegin empfunden /
Noch süsser ist HErr Christ das süsse deiner Wunden.

 
36. Die übertreffliche Liebe.

Gantz unbegreiflich ist die Lieb' auß der sich GOtt
Jn eines Mägdlein Schoß zum Bräutgam mir entboth.
Doch gleichet diesem nichts daß er auch Leib und Leben /
Am Creutze wie ein Schelm für mich hat hin gegeben.

 
37. Der verliebte GOtt.

GOtt liebet mich allein / nach mir ist Jhm so bange /
Daß Er auch stirbt für Angst / weil ich Jhm nicht anhange.

 
38. Die heylsame Wunde.

Die Wunde die mein GOtt für mich ins Hertz empfängt /
Verursacht / daß Er mir sein Blut und Wasser schenkt:
Trink ich mich dessen Voll / so haben meine Wunden /
Jhr wahres Balsamöl / und besten Heiltrank funden.

 
39. Der beste Stand unter dem Creutze.

Das Blutt das unserm HERRN auß seiner Wunden fleust /
Jst seiner liebe Thau damit Er unß begeust:
Wiltu befeuchtet seyn / und Unverwelklich blühen /
So mustu nicht einmal von seinem Creutze fliehen.

 
40. Ans Creutze Christi.

Schau deine Sünden sinds die Christum unsern Gott
So unbarmhertziglich verdammen biß inn Tod.
Jedoch verzweiffle nicht; bistu nur Magdalen /
So kanstu seeliglich bey seinem Creutze stehn.

 
41. An den Creutzfliehenden.

Ach Kind ists dir denn auch zur Zeit noch nicht bewust
Daß man nicht jmmer liegt an unsers HErren Brust?
Wen Er am liebsten hat / der muß in Creutz und Pein /
Jn Marter / Angst und Tod der Nächste bey ihm seyn.

 
42. An den Sünder.

Wach auf du todter Christ / Schau unser Pelican /
Sprengt dich mit seinem Blutt und Hertzenwasser an.
Empfängstu dieses recht mit aufgethanem Mund /
So bistu Augenbliks Lebendig und Gesund.

 
43. Das Oster Lamb.

Der Juden Oster Lamb war Fleisch und Blutt vonn Thieren:
Und dennoch konte sie der Würger nicht berühren:
Ess' ich mein Oster Lamb / und zeichne mich mit Blut /
Das sein verwundter Leib für mich vergissen thut:
So ess' ich meinen HErrn / GOtt / Bruder / Bräutgam / Bürgen:
Wer ist dann nu der mich kan schlagen und erwürgen?

 
44. Auf das Grab JEsu.

Hier ligt der welcher ist / und war / eh Er geworden:
Ein Held / der seinen Feind mit Leyden kan ermorden.
Wiltu ihm werden gleich / und Uberwinder seyn /
So leyd / meid / fleuch und stirb / in Wolust und in Pein.
Weistu nicht wer Er ist? so merke diese Drey /
Daß er ein Mensch und GOtt / und dein Erlöser sey.

 
45. Grabschrifft der H. Mechtildis.

Hier ligt die Jungfrau Gotts / die blühende Mechtild,
Mit der er offt sein Hertz gekühlt hat und gestillt.

 
46. Eine andere.

Hier liget GOttes Braut Mechtild das liebe Kind /
Jn welches Vater / Sohn / und Geist verlibet sind.

 
47. Auf den Grabstein S. Francisci.

Hier ligt ein Seraphin / mich wundert wie der Stein /
Bey solchem Flammen-Feur noch gantz kan blieben seyn!

 
48. Der einige Tag.

Drey Tage weiß ich nur; als gestern / heut / und morgen:
Wenn aber gestern wird ins heut und Nun verborgen /
Und morgen außgelöscht: so leb ich jenen Tag /
Den ich / noch eh ich ward / in GOtt zu leben pflag.

 
49. Grabschrifft deß Gerechten.

Hier ist ein Mann gelegt der stäts im Durste lebte /
Und nach Gerechtigkeit bey Tag und Nachte strebte /
Und nie gesättigt ward. Nun ist ihm Allbereit /
Sein Durst gestillt mit GOtt der süssen Ewigkeit.

 
50. Das Grosse im Kleinen.

Mein Gott wie mag das seyn? mein Geist die nichtigkeit /
Sehnt zuverschlingen dich den Raum der Ewigkeit!

 
51. Braut und Bräutigam.

Ein Bräutgam seyn ist viel: noch mehr der Braut genissen /
Und jhren süssen Mund mit Hertzer-Liebe küssen:
Jch aber liebe mehr die Hochzeit / da ich Braut
GOtt meinem Bräutigam werd' innig eingetraut.

 
52. Grabschrifft der H. Jungfrauen Gertrudis.

Glaub hier in diesem Grab ligt nur ein blosser schein /
Es kan Gertrudis nicht wie man vermeinet seyn.
Wo sie nicht solt' jhr Grab im Hertzen JEsu haben /
So muste JEsus seyn auß jhrem ausgegraben.

 
53. Was GOtt am liebsten ist

Nichts ist das GOtt so sehr als eine Jungfrau liebt /
Daß er auch jhr sich selbst zur Frucht und Kind ergiebt:
Wilstu sein liebstes seyn noch hier auf dieser Erden /
So darffstu anders nichts als seine Jungfrau werden.

 
54. Auf das Bildnuß deß kleinen Johannes mit dem JEsus Kindlein.

Die grosse Lieblichkeit / mit welcher GOttes Kind /
Johannes / und das Lamb allhier gemahlet sind /
Macht daß ich jnniglich begehre gantz zuseyn /
Johannes / oder ja ein lautres Lämmelein.

 
55. An den Sünder.

O Sünder wann du wol bedächst das kurtze Nun /
Und dann die Ewigkeit / du würdst nichts böses thun.

 
56. Von dem GOttsbegierigen.

Dem GOttsbegierigen wird dieser Punct der Zeit
Viel länger als das seyn der gantzen Ewigkeit.

 
57. Des Christen Kriegens-Art.

Gewöhne dich mein Kind auf Christi Art zu kriegen /
So wirstu deinen Feind gar Ritterlich besiegen:
Wie da? mit Liebe streit / mit Sanfftmut und Geduld
Weich seinen streichen auß / und sey jhm gerne Huld.

 
58. Es muß gestritten seyn.

Freund wer den Himmel nicht erobert und bestürmt /
Der ist nicht wehrt daß jhn sein Oberster beschirmt.

 
59. Die Liebe zwinget GOtt.

Das Himmelreich wird leicht erobert / und sein Leben:
Belagre GOtt mit Lieb: Er muß dirs übergeben.

 
60. Majestät mit Liebe.

Wärs wahr daß Majestät nicht könte stehn mit Liebe;
So sage mir wie GOtt ein Ewger König bliebe?

 
61. Die Demut macht bestehn.

Mensch überheb dich nicht / die Demut ist dir noth:
Ein Thurn ohn rechten Grund fällt von sich selbst inn Koth.

 
62. Von S. Laurentius.

Verwundere dich nicht daß mitten auff der Glutt
St. Laurentz seinen Mund so unverzagt auffthut:
Die Flamme die jhm hat in jhm sein Hertz entzündt /
Macht daß er äuserlich das Kohl-Feur nicht empfindt.

 
63. An die H. Clara.

Wer dich genennet hat / hat dir den Nahmen geben /
Den du mit Wahrheit hast / hier und in jenem Leben.

 
64. An S. Augustin.

Die weil dein Hertz nach GOtt so lodert Augustin,
Nennt man dich billicher hinführo Seraphin.

 
65. Von Maria Magdalena.

Die Thränen welche du bey unsers HErren Füssen
Die nasse Magdalen so heuffig sihst vergissen /
Seind jhr zerschmoltznes Hertz: diß kränket sie allein /
Daß nicht jhr Seel und Leib gantz sollen Thränen seyn.

 
66. Von der Allerseeligsten Jungfrauen.

Der Jungfräuliche Leib / der unser Himmelbrodt
Jn sich beschlossen hilt / ist warlich nicht mehr Todt.
Es fault kein Cederbaum: so wär' es auch nicht fein /
Wann ausserm Tempel GOtts sein' Arche solte seyn.

 
67. An Sanct Bernhard.

Bernhard weil mit dem Mund dein Hertz stimmt überein /
So kan es anders nichts als lauter JEsus seyn.

 
68. Die Seeligkeit.

Was ist die Seeligkeit? Ein zufluß aller Freuden;
Ein stätes anschaun Gotts; Ein lieben ohn Verdruß;
Ein Leben ohne Tod; Ein süsser JEsus-Kuß:
Nicht einen Augenblik vom Bräutigam seyn gescheiden.

 
69. Deß heiligen Reichthumb.

Sey arm / der Heylige hat nichts in dieser Zeit /
Als was er ungern hat / den Leib der Sterblichkeit.

 
70. GOtt der freygebigste.

GOtt gibt sich ohne maß: Je mehr man jhn begehrt /
Je mehr und mehr Er sich erbietet und gewehrt.

 
71. Jrrdischer Seraphin.

Du bist ein Seraphin noch hier auf dieser Erden:
Wo du dein Hertze läst zu lauter Liebe werden.

 
72. Ewiges Leben in der Zeit.

Wer GOtt in allem Thun von Hertzen Loben kan /
Der hebt schon in der Zeit das Ewge leben an.

 
73. Von S. Bartholomi.

Sag ob auch jemand ist / der mehr verlassen kan /
Als S. Bartholomé zur Leydenszeit gethan?
Die andern liessen zwar dem Herrn zu Ehrn jhr Leben:
Er aber hat auch noch die Haut darzu gegeben.

 
74. Der Frommen und Bösen Eigenthum.

Die Fromen haben gar nichts Eignes in der Welt /
Und die Gottlosen nichts im Ewgen Himmels Zelt.

 
75. Das köstlichste Grab.

Kein Grab ist köstlicher biß heute zu gewesen /
Als was von Lazari deß armen wird gelesen:
Und doch verlang' ichs nicht: ich wünsche mir allein
Jn meines Heylands Schoß tief einversenkt zu seyn.

 
76. Die Seel ist GOttes bild.

Das Bildnüß GOttes ist der Seelen eingeprägt /
Wol dem der solche Müntz' in reiner Leinwand trägt.

 
77. Der Rosenobel.

Wie Thöricht ist der Mensch / der Gold für GOtt erkiest:
Und weiß daß seine Seel ein Rosenobel ist.

 
78. Die Geistliche Sulamith.

GOtt ist mein Salomon, ich seine Sulamith,
Wenn ich jhn hertzlich Lieb' / und Er sich mir entbiet.

 
79. Die geistliche Hochzeit.

Die Braut ist meine Seel; der Bräutgam GOttes-Sohn;
Der Priester Gottes Geist / und seiner Gottheit Thron
Jst der VermählungsOrt: der Wein der mich macht trunken /
Jst meines Bräutgams Blutt / die Speisen allzumal
Sind sein Vergöttet Fleisch / die Kammer und der Saal /
Und's Bett'/ ist's Vatters Schoß / in der wir seind versunken.

 
80. GOtt kan nicht alls Allein.

GOtt der die Welt gemacht und wider kan zunichten:
Kan nicht ohn meinen willn die Neugeburth ausrichten.

 
81. Der beste Wucherer.

Dem Wuchrer fall ich bey der jhm sovil erlauffen /
Daß er jhm kan ein Gutt im Himmelreich erkauffen.

 
82. Ein jeders von dem seinen.

Der Schiffmann redt vom Meer / der Jäger von den Hunden /
Der Geitzige von Gold / und ein Soldat von Wunden:
Mir weil ich bin Verliebt / wil anders nichts gebührn /
Als GOtt und seine Lieb im Munde stätts zuführn.

 
83. Der gröste Titel.

Wer meiner Seele wil den grösten Titel geben /
Der nenn sie GOttes Braut / sein Hertze / Schatz und Leben.

 
84. Von den Rosen.

Die Rosen seh ich gern: denn sie sind weiß und roth /
Und voller Dornen / wie mein Blutt-Bräutgam mein GOtt.

 
85. Du solt seyn Weiß und Roth.

Von Hertzen wünsch ich mir ein Hertze / HErr mein GOtt /
Jn deiner Unschuld weiß / von deinem Blutte roth.

 
86. Auch untern Dornen blühen.

Christ / so du Unverwelkt in Leyden Creutz und Pein /
Wie eine Rose blühst / wie seelig wirstu seyn!

 
87. Dich auffthun wie die Rose.

Dein Hertz empfähet GOtt mit alle seinem Gutt /
Wann es sich gegen jhm wie eine Ros' aufthut.

 
88. Es muß Gecreutzigt seyn.

Freund wer in jener Welt wil lauter Rosen brechen /
Den müssen vor allhier die Dornen gnugsam stechen.

 
89. Die Schönheit.

Die Schönheit lieb' ich sehr: doch nenn ich sie kaum schön /
Jm fall' ich sie nicht stätts seh' untern Dornen stehn.

 
90. Jetzt mustu blühen.

Blüh auf gefrorner Christ / der Mäy ist für der Thür:
Du bleibest ewig Todt / blühstu nicht jetzt und hier.

 
91. Die geheimbe Rose.

Die Ros' ist meine Seel / der Dorn deß Fleischeslust /
Der Frühling Gottes gunst / sein Zorn ist Kält und Frost:
Jhr blühn ist guttes thun / den Dorn jhr Fleisch nicht achten /
Mit Tugenden sich ziehrn / und nach dem Himmel trachten:
Nimmt sie die Zeit wol wahr / und blüht weils Frühling ist /
So wird sie ewiglich für GOttes Ros' erkiest.

 
92. Das edleste und schnödeste.

Nichts Edlers ist nach GOtt als meine Seel allein:
Wendt sie sich von jhm ab / so kan nichts schnöders seyn.

 
93. Das gröste Heiligthum.

Kein grösser Heiligthum kan man auf Erden finden /
Als einen keuschen Leib mit einer Seel ohn Sünden.

 
94. Das wehrteste.

Kein ding ist auf der Welt so hoch und wehrt zuachten /
Als Menschen die mit fleiß nach keiner Hochheit trachten.

 
95. Das Schädlichste.

Die Sünde weil sie GOtt erzörnt / und dich verletzt /
Wird billich schädlicher als Satan selbst geschätzt.

 
96. An den Sünder.

Der reichste Teuffel hat nicht einen Kieselstein:
Du bist des ärmbsten Sclav: kan auch was ärmers seyn?

 
97. Die glükseelige Sünden.

Glükseelig preiß ich dich und alle deine Sünden /
Wo sie nur endlich das / was Magdalene finden.

 
98. Sich nicht verstellen ist nicht sündigen.

Was ist nicht sündigen? du darffst nicht lange fragen:
Geh hin / es werdens dir die stummen Blumen sagen.

 
99. Ein reines Hertz schaut GOtt.

Der Adler siht getrost grad in die Sonn hinein:
Und du inn Ewgen blitz / im fall dein Hertz ist rein.

 
100. Die Sanfftmut besitzt das Erdreich.

Du strebst so embsiglich nach einem Fleklein Erden:
Durch Sanfftmut köntestu der gantzen Erbherr werden.
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