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Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 7
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
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Die Erzählung des Verwalters.

Prolog.

Als man genug nun über diesen Spaß
Gelacht von Absalon und Nicolas,
Hörte verschieden man ihn zwar betrachten
Von Dem und Jenem; doch die Meisten lachten.
Gekränkt erschien mir Keiner in der Schaar,
Wenn es nicht Oswald, der Verwalter, war.
Da er ein Zimmermann von Profession,
Traf es im Herzen etwas ihn wie Hohn. [3860]
Er fing den Schwank ein wenig an zu schelten:
»So wahr ich leb', ich könnt' es ihm vergelten,
Und von dem stolzen Müller euch berichten,
Der dennoch blind war, – liebt' ich Schmutzgeschichten.
Doch ich bin alt; mit Spaßen ist es aus,
Die Graszeit ist vorbei; Heu ist mein Schmaus.
Der weiße Kopf hier zeugt von meinen Jahren;
Mein Herz ist auch vermorscht, gleich meinen Haaren,
Wenn's nicht mit mir wie mit der Mispel ist,
Die auch nicht besser wird in langer Frist, [3870]
Bis sie verfault in Kehricht oder Stroh.
Ich fürchte, mit uns Alten ist es so:
Wir können nicht, bis wir verfault sind, reifen,
Wir tanzen stets, so lang die Andern pfeifen.
In unsrer Lust steckt immer noch ein Nagel.
Der Kopf ist grau; doch grün soll sein der Zagel,
So wie beim Lauch. Ist auch die Kraft dahin,
Steht uns nach jeder Thorheit doch der Sinn.
Geht's mit der That nicht, geht's doch mit dem Wort.
Das Feuer glimmt in kalter Asche fort. [3880]

Wir haben noch der Gluten viererlei:
Begehrlichkeit, Zorn, Lügen, Prahlerei.
Diese vier Funken sind von langer Dauer.
Wird's mit den alten Gliedern uns auch sauer,
So fehlt's uns doch wahrhaftig nie am Willen.
Noch hab' ich einen Zahn stets wie ein Füllen,
Sind auch der Jahre viele schon von hinnen,
Seitdem mein Lebensfaß begann zu rinnen.
Denn gleich, als ich geboren, zog Freund Hein
Den Lebenszapfen aus; hin rann der Wein. [3890]
Seitdem hat stets der Zapfen fortgeronnen,
Bis daß beinahe nichts mehr in der Tonnen.
Der Lebensstrom tropft nur noch an der Kimme.
Es läute immerhin des Thoren Stimme
Von Sünden aus der längst vergangnen Zeit:
Dem alten Volk bleibt nichts als Albernheit.«

Der Wirth hört ruhig diese Predigt an,
Worauf recht königlich er so begann:
»Wozu soll all die Weisheit? Nicht begehren
Den ganzen Tag die Bibel wir zu hören. [3900]
Der Teufel hat aus Oekonomen Pfaffen,
Aus Schustern Aerzt' und Schiffervolk erschaffen.
Sag' deine Mär' und laß die Trödelei!
Sieh da Deptford! Primzeit ist halb vorbei.
Sieh Greenwich dort! da giebt's manch arge Wichte.
Zeit wär's, du fingst nun an mit der Geschichte.«

»Ihr Herrn«, sprach Oswald, der Verwalter, jetzt,
»Ich bitt' euch Alle, fühlt euch nicht verletzt,
Wenn ich ihm nicht die Antwort schuldig bleibe,
Und wenn Gewalt ich mit Gewalt vertreibe. [3910]
Vom trunknen Müller haben wir gehört,
Wie daß ein Zimmermann einst ward bethört.
Das galt wohl mir, dem Zimmermann, zum Hohn.
Wenn ihr's erlaubt, geb' ich ihm jetzt den Lohn.
Ich will in seinen Tölpelworten sprechen
Und will Gott bitten, ihm den Hals zu brechen.
Den Splitter sieht in meinem Aug' er stecken
Und kann bei sich den Balken nicht entdecken.

Die Erzählung des Verwalters.

Zu Trompington bei Cambridge führt ein Weg
An einen Bach; darüber geht ein Steg, [3920]
Und eine Mühle steht an selb'gem Ort.
Was ich erzähl', ist Wahrheit Wort für Wort.
Es wohnte dort ein Müller manches Jahr,
Der wie ein Pfau so stolz und eitel war.
Er konnte pfeifen, fischen, Netze schürzen,
Vortrefflich ringen, schießen, Becher stürzen.
Mit einem Stoßrapier war stets bewehrt
Sein Gurt; daneben hing ein scharfes Schwert.
Auch thät er einen Puffer bei sich führen
Im Sack; es wagt' ihn Niemand anzurühren. [3930]
Ein Sheffieldmesser saß im Hosenbund;
Ramsnäsig war er und sein Antlitz rund.
Den Schädel trug er wie ein Affe glatt.
Er war der erste Raufbold in der Stadt.
Sollt' Einer Hand an ihn zu legen wagen,
So schwor er, ihm die Knochen zu zerschlagen.

Er war gewohnt, vom Korn und Mehl zu stehlen,
War schlau dabei und wußt' es zu verhehlen.
Der grobe Simekin ward er genannt.
Vornehmen Leuten war sein Weib verwandt, [3940]
Sie war des Herrn Stadtpfarrers eignes Blut.
Zur Mitgift gab er ihr viel Messinggut,
Wodurch zur Heirath Simkin er bewogen.
Sie war in einem Nonnenstift erzogen.
Denn Simkin sprach: Soll je ein Weib ich frein,
Muß sie gebildet und noch Jungfer sein,
Um Ehre bei den Bauern einzulegen.
Keck wie 'ne Elster war sie und verwegen.
's war eine Lust, die beiden anzusehn.
Er pflegte Sonntags vor ihr herzugehn, [3950]
Den Kopf umragt vom Kragen hoch und breit;
Sie ging ihm nach in einem rothen Kleid,
Und eben solche Hosen trug ihr Mann.
Madame ward sie genannt von Jedermann,
Und Niemand wagte Spaß und Schäkerei
Mit ihr zu treiben, ging er just vorbei.
Denn Simkin hätte Jedem, der's gewagt,
Dolch, Messer, Hieber durch den Leib gejagt.
Denn eifersücht'gem Volk ist nicht zu traun,
Sehn sie auch Eifersucht gern bei den Fraun. [3960]
Sie selbst – etwas verschmuddelt – regte sich
Wie ein Mühlgraben ernst und feierlich,
Voll Anmaßung in Wort und in Geberden.
Sie maß sich stolz mit jeder Dam' auf Erden
Ihrer Verwandtschaft und der Bildung wegen,
Der sie mit Fleiß im Kloster obgelegen.
Sie hatten eine Tochter – zwanzig Jahr –
Die lang das einz'ge Kind gewesen war,
Und in der Wiege noch 'nen netten Jungen,
Erst vor sechs Wochen ihrer Eh' entsprungen. [3970]
Die Dirne war von tücht'gem hohen Bau,
Die Nase stumpf, wie Glas die Augen grau,
Die Brüste hoch und voll, die Hüften mächtig
Und, nicht zu lügen, ihre Haare prächtig.
Der Pfarrer war von ihr so sehr ergetzt,
Daß er sie schon zur Erbin eingesetzt,
Fahrende Hab' und Landgut ihr vermacht
Und einen Heirathsplan für sie erdacht.
Sein Vorsatz ging mit ihr gar hoch hinaus,
Sie zu vermählen in ein edles Haus. [3980]
An die muß heil'ges Kirchengut auch fließen,
Die aus der heil'gen Kirche Blut entsprießen.
Um sicher drum sein heil'ges Blut zu ehren,
Wollt' er die heil'ge Kirche selbst verzehren.

Der Müller machte ringsum jedenfalls
Ein gut Geschäft mit Weizen und mit Malz;
Und namentlich ein großes Stift (es hieß
In Cambridge nur die Söllerhalle) ließ
Getreid' und Malz dorthin zum Mahlen senden.
Da wollt' es einst der Zufall also wenden: [3990]
Der Schaffner war von Krankheit schwer befallen,
Sein naher Tod schien unvermeidlich Allen.
Daher denn unser Müller hundertmal
So viel von Korn und Mehl als früher stahl;
Denn hatt' er früher höflich nur gestohlen,
War er ein Dieb jetzt grob und unverhohlen.
Zwar der Dekan ward ärgerlich und kraus,
Doch macht' der Müller sich den Teufel draus;
Er lärmt' und pocht' und schwor, es sei nicht wahr.

Nun wohnt' in dem Konvikt ein Schülerpaar; [4000]
Die waren arm, doch jung und rasch von Blut,
Zu Tollheit aufgelegt und Uebermuth;
Und nur weil sie nach Witz und Spaß verlangen,
Sind den Dekan sie eifrig angegangen,
Ob sie nicht dürften nach der Mühle gehn
Auf kurze Zeit, dem Mahlen zuzusehn.
Sie wollten ihren Kopf zum Pfande setzen,
Der Müller solle sie nicht um die Metzen
Mit List bemausen oder gar berauben;
Und der Dekan mußt' es zuletzt erlauben. [4010]
Alan und John, so hießen die Scholaren,
Die beid' aus einer Stadt im Norden waren,
Aus Strother; Näh'res ist mir nicht bekannt.

Alan hat sein Gepäck sofort zur Hand,
Wirft auf ein Pferd den Sack und macht mit John,
Dem anderen Studenten, sich davon –
Ein gutes Schwert und Schild an ihrer Seite.
John, dem der Weg bekannt, nimmt das Geleite
Und legt den Sack ab vor dem Mühlenthor.
Alan sprach: »Simon, Gottes Gruß zuvor! [4020]
Was macht dein Weib? dein schönes Töchterlein?«

»Ei schön willkommen«, sprach Simkin darein,
»Alan und John! doch sagt, was sucht ihr hier?«
»Ja, Simon, Noth kennt kein Gebot, wißt ihr.
Wer keinen Boten hat, und selbst nicht rennt,
Wenn's Noth thut, ist ein Narr,« spricht der Student.
»Unser Faktor wird jetzt wohl todt schon sein;
So schaffen ihm die Backenknochen Pein.
Drum macht' ich mit Alan mich auf die Sohlen,
Das Korn zu mahlen und es heim zu holen. [4030]
Doch bitte, eilt; wir möchten gern bald gehn.«
»Bei Gott«, sprach Simkin, »das soll gleich geschehn.
Wie wollt ihr euch derweil die Zeit vertreiben?«

»Ich werde bei dem Trichter stehen bleiben«,
Sprach John, »und sehn, wie er das Korn verspeist.
Ich sah noch nie, bei meines Vaters Geist,
Wie solch ein Trichter seine Sprünge macht.«

»John«, sprach Alan, »das hast du gut erdacht.
Bei meinem Kopf! Ich will dann unten stehn
Und will das Mehl hinunterfallen sehn [4040]
Bis in den Trog; das ist denn mein Plaisir.
Denn, John, mir geht es ebenso wie dir;
Ich bin kein beßrer Müller, um kein Haar.«

Der Müller lächelt ob der Einfalt zwar;
Doch denkt er: »Alles das geschieht aus List.
Sie meinen wohl, daß keiner klüger ist;
Und doch, ich überlist' und blende sie
Trotz ihrer Weisheit und Philosophie.
Je mehr sie sich bemühn mit schlauen Kniffen,
Je mehr bestehl' ich sie mit sichern Griffen. [4050]
Ich schütte Kleie noch statt Mehl euch ein!
Gelehrtsein ist nicht immer weise sein,
So sprach zum Wolf einmal das Mutterpferd.
Kein taubes Korn ist eure Kunst mir werth.«

So hat er insgeheim sich und ganz sacht,
Als es ihm Zeit schien, aus der Thür gemacht,
Und umgespäht, bis er das Pferd gefunden
Der beiden Schüler. Es stand angebunden
Hinter der Mühle unter einem Busch.
Er geht zum Pferd, ersieht sich seinen Husch [4060]
Und streift ihm unverweilt den Zügel ab.
Als es sich los fühlt, setzt es sich in Trab,
Wihi! durch Dick und Dünn bis zu dem Rasen
Im Moorgrund, wo die wilden Stuten grasen.
Der Müller geht zurück, arbeitet fort,
Spaßt mit den Schülern und sagt sonst kein Wort,
Bis er das Korn gemahlen schön und klar.
Als nun der Mehlsack zugebunden war,
Geht John hinaus und sieht das Pferd entflohn.
Und er beginnt zu schrein und zu hallohn: [4070]
»Das Pferd ist fort! Bei Gottes Leib, Alan,
Mach auf die Beine dich, komm, eile, Mann!
Der Zelter unsers Herrn Dekans ist fort.«

Alan vergaß Getreid' und Mehl sofort;
Die ganze Wirtschaft kam ihm aus dem Sinn.
»Was«, schrie er auf, »wohin? wo ist er hin?«

Mit raschem Satze kam die Frau darauf:
»So eben rennt das Roß im vollsten Lauf
Zum Moor mit wilden Stuten, was es kann«,
Rief sie. »Verdammt die Hand, die es band an, [4080]
Und wer so schlecht den Zügel umgebunden.«

»Ach«, sagte John, »Alan, bei Christi Wunden
Leg' ab dein Schwert; ich leg' auch ab das meine;
Weiß Gott, ein Reh hat kaum so flinke Beine
Als ich. Bei Gott, es soll uns nicht entkommen.
Was hast du's auch nicht in den Stall genommen?
Daß dich! Alan, bei Gott, du bist ein Thor.«

So liefen sie in voller Hast zum Moor,
Die thörichten Gesell'n, Alan und John.
Und als der Müller sah, daß sie davon, [4090]
Nahm er von ihrem Mehl acht Metzen ab,
Das er der Frau zum Kuchenkneten gab,
Und sprach: »Hei, wie erschraken doch die Tröpfe!
Ein Müller dreht noch zehn Studenten Zöpfe,
Trotz ihrer Kunst. Da sieh nur, wie sie traben!
Laß sie nur gehn; ein Kind muß Spielzeug haben.
Bei Gott, sie kriegen ihn so leicht nicht wieder.«

Und die Studenten rannten auf und nieder
Mit: »Halt ihn, halt! steh, steh! brr, brr! Hollah!
Geh, pfeif du hier, so fass' ich ihn von da.« [4100]
Und kurz, sie konnten nicht mit aller Macht
Den Gaul erhaschen, bis tief in die Nacht;
So rasch lief er vor ihnen her; doch haben
Zuletzt sie ihn gepackt in einem Graben.

Und müd' und naß kommt wie die Katz' im Regen
Alan dem John, John dem Alan entgegen.
»O weh«, rief John, »dem Tag, der mich geboren!
Zu Schimpf und Schande sind wir auserkoren,
Ums Korn geprellt, mit Hohn und Spott beladen
Vom Herrn Dekan und sämmtlichen Kamraden, [4110]
Und namentlich vom Müller – Je, o Je!«
So klagte John den ganzen Weg sein Weh
Bis zu der Mühle, Bayard an der Hand.
Den Müller, den am Herd man sitzend fand,
– Heut ging's nicht weiter; dunkel war es schon –
Ihn baten jetzo sie um Gottes Lohn
Und für ihr Geld um Kost und Nachtquartier.

»Nun«, sprach der Müller, »wie ihr's findet hier,
So nehmt's; sein Theil wird Jeglichem beschert.
Mein Haus ist eng; doch seid ihr ja gelehrt, [4120]
Und macht durch Argumente einen Raum
Wohl meilenbreit, mißt zwanzig Fuß er kaum.
Seht zu, ob dieser Platz hier für euch reicht;
Sonst macht durch Red' ihn weit; euch ist das leicht.«
»Bei St. Cuthberd,« sprach John, »der lust'ge Muth
Verläßt den Simon nie; das Wort war gut.
Man muß sich gnügen lassen mit den Dingen,
Wie man sie findet, oder beßre bringen!
So hört' ich; doch, Herr Wirth, jetzt bitt' ich fein,
Schafft Speis' und Trank und laßt uns lustig sein, [4130]
Wir zahlen Alles bis zum letzten Brocken.
Kein Habicht läßt mit leerer Hand sich locken.
Sieh hier das Silber; das verjubeln wir.«

Der Müller schickt die Tochter gleich nach Bier
Und Brod zur Stadt; briet eine Gans alsdann,
Band fest das Roß, das nun nicht mehr entrann.
Und hieß sofort ein Bett für sie bereiten
Und Deck' und Laken fein darüber breiten,
Zehn Fuß mocht' es von seinem eignen sein.
Die Tochter hatt' ein Bett für sich allein, [4140]
Wiewohl es in demselben Zimmer war.
Es ging nicht anders und der Grund war klar:
Es war kein andrer Platz im ganzen Hause.
Nun aßen sie und spaßten viel beim Schmause
Und tranken tüchtig starkes Bier dazu,
Und gingen dann um Mitternacht zur Ruh.

Der Müller hatte tüchtig sich bepicht,
Sackvoll; ganz bleich, nicht roth war sein Gesicht.
Er schluchzt und röchelt und beim Sprechen schnaubt
Er durch die Nas', als wär' er schier verstaupt. [4150]
Er geht und mit ihm geht sein Weib zu Bett.
Leicht wie ein Häher war sie, drall und nett,
So hatte sie die Schnarre sich gewetzt.
Die Wiege war nah an ihr Bett gesetzt,
Da sie das Kindchen schaukelt und selbst tränkt.
Als man die Kruke völlig ausgeschenkt.
Steigt in ihr Bett die Tochter erst; alsdann
Gehn in das ihrige John und Alan.
Aus war der Schmaus, kein Schlaftrunk nöthig hier.
Der Müller hatte so gezecht im Bier, [4160]
Daß er im Schlafe schnarchte wie ein Pferd,
Und wenig um sein Hintertheil sich kehrt.
Den Grundbaß thät dazu die Wirthin knurren,
Man hört auf hundert Schritte noch ihr Schnurren.

Die Dirne schnarcht gleichfalls par compagnie.
Alan, der Schüler, hört die Melodie,
Er stößt John an und spricht: »John, schläfst du schon?
Hörtest du je ein Lied aus solchem Ton?
Horch, welch ein Nachtgesang! Ich wünschte Allen,
Das heil'ge Feuer möchte sie befallen. [4170]
Wer hörte je so schreckliches Gebahren?
Doch denk' ich schlimm mit ihnen abzufahren;
Schlaf find' ich so nicht diese lange Nacht.
Doch nicht Gewalt; Alles wird fein gemacht.
Denn John – soll je mir 'was im Leben glücken,
Will ich die dicke Dirne heut berücken.
Ein Trost liegt im Gesetz, der mir behagt;
Denn John, du weißt, was das Gesetz besagt:
Wenn du in einem Punkte wirst verletzt,
Wird es in einem andern dir ersetzt. [4180]
Das Korn ist uns gestohlen ohne Frage,
Und schlimm erging's uns sonst noch heut am Tage.
Da Niemand den Verlust mir wird ersetzen,
Will ich an etwas Anderm mich ergetzen.
Bei Gott, ich sage dir, das wird gemacht.«

Und John antwortete: »Nimm dich in Acht,
Der Müller ist ein sehr ergrimmter Mann;
Er thut uns sicher eine Bosheit an,
Wenn er vom Schlaf erwacht.« – Doch Jener spricht:
»Nicht einer Fliege werth acht' ich den Wicht«, [4190]
Springt auf, sich zu der Dirne Bett zu drücken,
Die fest im Schlaf dalag und auf dem Rücken,
Und ist so nah gleich, eh sie's wird gewahr,
Daß es zu spät bereits zum Schreien war.
Sie wurden eins; das ist der Schluß davon.

Mach's gut, Alan; ich spreche jetzt von John.
Ein Viertelstündchen lag der still allein
Und machte selber Aerger sich und Pein:
»Verdammter Spaß, pfui«, sprach er, »jeder Laffe
Sagt nun mit Recht von mir, ich war ein Affe; [4200]
Mein Kamrad hat doch was von seinem Harm,
Er hält des Müllers Töchterlein im Arm.
Er hat's gewagt und schwelgt in seinem Glücke,
Indeß mein Bett ich wie ein Strohsack drücke.
Und wird der Spaß gar weiter noch bekannt,
Gelt' ich als Gauch und Pinsel rings im Land.
Ich stehe auf, bei Gott, es sei gewagt!
Denn wer nicht wagt, gewinnt nicht, wie man sagt.«

Auf steht er und sucht leise mit der Hand
Rings nach der Wiege, die er richtig fand [4210]
Und an sein eignes Bett trug sacht und fein.
Das Weib ließ bald darauf ihr Schnarchen sein,
Erwachte dann und ging hinaus und – –
Doch als hernach die Wiege sie vermißte,
Und hier- und dorthin tappend keine fand,
Sprach sie: »O Weh, bald hätt' ich mich verrannt.
Ich kam beinah ins Bette des Scholaren.
Hilf Gott, da hätt' ich schändlich mich verfahren«,
Ging weiter dann, bis sie die Wiege fand.
Und immer weiter tappt sie mit der Hand, [4220]
Findet das Bett und denkt: »Der Paß ist frei«,
Denn diesmal stand die Wiege nebenbei.
Sie konnt' im Finstern weiter nichts gewahren,
Und richtig, kroch ins Bett zu dem Scholaren;
Lag still und war fast schon vom Schlaf bezwungen,
Da ist John, der Student, emporgesprungen
Und hat der guten Frau scharf zugesetzt;
Seit Jahren hat sie's nicht wie heut ergetzt.
– – – – – – – – –
So hatten die Studenten gute Zeit, [4230]
Bis daß der dritte Hahnenschrei erklungen;
Da ward Alan von Müdigkeit bezwungen,
– – – – – – – – – –
Und sprach: »Leb' wohl, mein Malchen, süße Maid,
Der Tag graut; er verbeut, daß ich noch weile;
Doch bleib' ich ewig dir bei meinem Heile
Getreu zu Fuß und Roß an jedem Platz.«
»So leb' denn wohl«, sprach sie, »mein theurer Schatz.
Doch eh du gehst, will ich dir Eins noch sagen:
Du mußt den Heimweg um die Mühl' einschlagen. [4240]
Wirst du am hintern Eingang rechts dann suchen,
So findst du einen halben Scheffel Kuchen,
Der ist aus deinem eignen Mehl gebacken;
Ich stand dem Vater bei, es auszusacken.
Nun schütze Gott dich, bester, liebster Mann.«
Und dabei fing sie fast zu weinen an.
Alan steht auf. »Bis daß es Tag wird sein«,
Denkt er, »kriech' ich zu John ins Bett hinein«,
Und fühlt die Wiege gleich an seiner Hand.
»Bei Gott«, denkt er, »ich habe mich verrannt; [4250]
Mein Kopf ist von der Nachtarbeit ganz wirre
Und macht, daß ich vom Wege mich verirre.
Ich bin hier falsch; das zeigt die Wiege mir;
Der Müller liegt mit seinem Weibe hier.
Und so in des drei Teufels Namen kriecht
Er zu dem Bett hin, wo der Müller liegt.
Er denkt, er ist bei seinem Freunde John,
Und fängt, eh' er etwas bemerkt davon,
Ihn derb zu schütteln an, packt ihn beim Schopf
Und ruft: »Du, John, wach auf, du Schweinekopf. [4260]
Ein prächt'ger Spaß war das, bei Christi Geist!
So wahr mein Schutzpatron St. Jakob heißt,
Hab' ich dreimal in dieser kurzen Nacht
Des Müllers Tochter an die Kost gebracht;
Und du Maulaffe, wie 'ne Memme lagst du.«

»He«, schrie der Müller, »falscher Schuft, was sagst du?
Falscher Verräther, schurkischer Student,
Ich schlag' dich todt, bei Gottes Sakrament!
Der du mein Kind zu schänden dich erfrecht,
Die da entstammt so vornehmem Geschlecht.« [4270]
Und bei der Kehle packt er den Alan.
Der faßt nicht sanfter seinen Gegner an
Und haut ihm auf die Nase mit der Faust,
Daß auf die Brust das Blut hinuntersaust,
Und mit zerschlagnen Mäulern sie und Nasen
Wie Schwein' im Sack umher am Boden rasen.
Bald auf, bald ab, bald wieder auf die Beine.
Da stieß der Müller sich an einem Steine
Und fiel rückwärts auf seines Weibes Brust,
Die von dem tollen Kampf noch nichts gewußt, [4280]
Da sie erst kürzlich (sie und der Scholar,
Der lang gewacht) in Schlaf gefallen war.
Doch bei dem Fall schrie sie empor im Bette
Und rief: »Hilf, heil'ges Kreuz von Bromeholm, rette!
In manus tuas! Herr, ich rufe dich!
Simon, wach auf, der Satan fiel auf mich!
Ich sterbe, helft! mein Herz ist mir zerknickt.
Da liegt Wer, der mir Bauch und Kopf zerdrückt.
Rette mich von dem schändlichen Scholaren!«

John war, so rasch er konnte, aufgefahren [4290]
Und suchte auf und nieder an der Wand
Nach einem Stock. Sie, als sie sich ermannt,
Sprang auch empor; sie kannte rings den Ort
Besser als John, sucht' einen Stock sofort
Und sah bald vor sich einen matten Schimmer
(Es strahlte durch ein Loch des Mondes Glimmer)
Und bei dem Lichtschein sah sie auch die beiden;
Doch konnte sie nicht recht sie unterscheiden.
Ein weißes Ding erblickt sie sicherlich;
Und wie das Ding sie sieht, so denkt sie sich, [4300]
Es sei die Zipfelmütze des Scholaren,
Thät mit dem Stocke nah und näher fahren,
Meint jetzt, sie trifft Alan derb über'n Schopf
Und haut den Müller auf den platten Kopf.
Plumps, stürzt er hin und schreit: »Ich sterbe, Ach!«
Sie ließen durchgewalkt ihn, wo er lag,
Machten sich fertig, nahmen rasch ihr Roß
Und auch ihr Mehl; fort zog des Wegs der Troß,
Nicht ohn' am Thor den Kuchen einzupacken
Von einem halben Scheffel, gut gebacken. [4310]

So ward der stolze Müller durchgedroschen,
Erhielt von seinem Mahlgeld keinen Groschen,
Hat übers Abendbrod auch voll quittirt,
Da ihn Alan und John derb ausgeschmiert,
Sein Weib schimpfiert, sein Töchterlein desgleichen.
So lohnt man eines Müllers Schelmenstreichen.
Drum wird denn ewig wahr das Sprüchwort sein:
Wer Andern Gruben gräbt, fällt selbst hinein.
Wer trügt, der wird betrogen jederzeit,
Und Gott, der thront in hoher Herrlichkeit, [4320]
Verleih' uns Allen, Groß und Klein, sein Heil.
Die Mär' ist aus; der Müller hat sein Theil.

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