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Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
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Die Erzählung des Müllers.

Prolog.

Und als der Ritter nun zu Ende war,
Erklärte Jung und Alt in unsrer Schaar,
Daß die Geschichte, die er uns beschert,
Vortrefflich sei und des Behaltens Werth.
Besonders lobten sie die feinern Leute.
Der Wirth schwur lachend: »Meiner Treu, wie heute
Das gut geht! Unser Ränzel ist nun auf.
Laßt sehn, wer setzt die zweite Märe drauf;
Wahrhaftig, unser Spiel hat gut begonnen.
Herr Mönch, jetzt mögt ihr, wenn ihr euch besonnen, [3120]
Erzählen, daß die Rechnung werde gleich.

Der Müller, schwer betrunken und ganz bleich,
Hielt sich mit Noth auf seines Kleppers Rücken.
Er wollte weder Hut noch Mütze rücken,
Noch gönnt' er Andern höflich erst das Wort,
Nein, mit Pilatus' Stimme schrie sofort
Er laut, und schwur bei Arm und Blut und Bein:
»Ich geb' euch eine Prachtgeschichte drein,
Die weicht des Ritters Märchen um kein Haar!«

Der Wirth, der sah, wie er betrunken war, [3130]
Sprach: »Robin, lieber Bruder, halt dich an;
Vor dir erzählt erst noch ein beßrer Mann.
Halt an, laß sparsam uns das Werk betreiben.«

»Bei Gottes Seele, nein, das lass' ich bleiben!
Ich geh' davon, komm' ich nicht gleich daran!«

Da sprach der Wirth: »Zum Teufel denn, fang an.
Du bist ein Narr und hast den Witz verloren.«

Der Müller sprach: »Nun leiht mir eure Ohren;
Doch lass' ich euch zuvörderst hiedurch wissen:
Ich merk's beim Sprechen, ich bin angerissen. [3140]
Drum sollt' ich etwas Ungeschicktes sagen,
Mögt ihr das Southwark-Ale darum verklagen.
Denn eine Sage will ich euch vertrauen
Von einem Zimmermann und seiner Frauen,
Wie ein Student ihm Hörner aufgesetzt.«

Und der Verwalter sagte: »Schweige jetzt,
Laß die betrunkne Zotenreißerei;
Denn sündhaft ist's und große Narrethei,
Andre zu schänden mit so schlimmen Dingen
Und Weiber auch in schlechten Ruf zu bringen. [3150]
Es fehlt ja sonst an Stoff zum Reden nicht.«

Worauf sofort der trunkne Müller spricht:
»Mein lieber Bruder Oswald, glaub bestimmt,
Kein Hahnrei wird, wer keine Frau sich nimmt.
Doch hab' ich dich nicht Hahnrei drum genannt.
Noch sind der guten Frauen viel im Land.
Was ficht dich also mein Geschichtchen an?
Ich bin so gut wie du ein Ehemann.
Doch wollt' ich meine Ochsen sammt dem Pflug
Verwetten: immer finden sich genug, [3160]
Die von mir selber denken, ich sei einer;
Ich aber glaube dennoch: Ich bin keiner.
Ein Eh'mann forsche niemals zu genau
Nach Gottes Heimlichkeit und seiner Frau,
So wird ihm Gottes Segen nie versagen
Und nach dem Andern nützt es nicht zu fragen.«

Was soll ich noch von diesem Müller sagen:
Er wollte seiner Mär' sich nicht entschlagen
Und trug sie in der gröblichen Manier
Auch vor, wie ich sie wiederhole hier. [3170]
Und jeden feinen Mann bitt' ich deßwegen,
Mir's nicht als bösen Willen auszulegen,
Bei Leibe nicht! geb' ich nach Fug und Recht
Jede Geschichte, ob sie gut, ob schlecht
Ohn' alle Fälschung, wie sie sich verhält.
Und Jeder mag sie, dem sie nicht gefällt,
Umschlagen und sich eine andre wählen.
Es soll an großen nicht und kleinen fehlen,
Geschichtliches, darin von Höflichkeit
Gehandelt wird, Moral und Heiligkeit. [3180]
Wählt ihr nicht recht, so dürft ihr mich nicht tadeln.
Plump ist der Müller; ich kann ihn nicht adeln.
So der Verwalter und noch andre mehr.
Zoten erzählte dieser so wie der.
Rathet euch selbst; laßt mich nicht drunter leiden;
Denn Spaß und Ernst muß Jeder unterscheiden.

Die Erzählung des Müllers.

Vor Zeiten war einmal zu Oxenford
Ein reicher Kauz, der hielt Kostgänger dort –
Und war ein Zimmermann von Profession.
Es wohnte auch ein armer Musensohn [3190]
Bei ihm, gar hochgelahrt, deß Phantasie
Sich ganz gewendet auf Astrologie,
Der nach bestimmten Schlüssen auf Befragen
Sichern Bericht und Antwort konnte sagen,
Hielt man dabei die rechten Stunden ein –
Wann Regen käme und wann Sonnenschein
Oder wie dies und das sich würde wenden.
Erzählt' ich Alles, könnt' ich heut nicht enden.
Man nannt' ihn nur den feinen Nicolas.
Auf Liebesheimlichkeit und andern Spaß [3200]
Verstand er sich, war schlau und konnte schweigen
Und sich verschämt wie eine Jungfer zeigen.
Er hatt' in diesem Haus ein Kämmerlein
Ohne Kam'raden ganz für sich allein,
Mit duft'gen Kräutern säuberlich geziert.
Er selber war so süß und parfumirt
Wie Baldrian und wie Lakrizensaft.
Die Almagest und was zur Wissenschaft
Gehört, es lagen Bücher, groß und kleine,
Sein Astrolabium und die Rechensteine [3210]
Oben am Bett in des Regales Reih'n.
Mit rothem Vorhang war bedeckt sein Schrein.
Es lag darauf ein muntres Saitenspiel.
Mit diesem musicirt' er nachts so viel
Und lieblich, daß sein ganzes Zimmer klang,
Wenn: » Angelus ad virginem« er sang.
Die Königsweise sang er hinterdrein.
Sehr pries man seine lust'gen Melodei'n.
Also vertrieb sich der Student, so weit
Stipendium und Wechsel reicht, die Zeit. [3220]

Der Zimmermann war nur vermählt so eben;
Er liebte seine Frau mehr als sein Leben.
Vermuth' ich recht, war sie erst achtzehn Jahr.
Er hielt sie, da er eifersüchtig war,
In enger Haft. Jung war und wild die Dirne,
Er alt; drum spürt' er Hörner an der Stirne.
Er war zu roh; nicht kannt' er Cato's Lehre,
Daß seines Gleichen man beim Frei'n begehre.
Man sollte nach Verhältniß immer frein,
Da Jugend sich und Alter oft entzwein. [3230]
Doch da er in die Band' einmal geschlagen,
Mußt' er sein Kreuz so gut wie Andre tragen.

Sie war in jedem Stück ein nettes Weib,
Und wie ein Wiesel schlank und schmuck ihr Leib.
Mit seidnen Streifen war ihr Gurt geputzt,
Die Schürze, reich mit Zwickeln aufgestutzt,
Saß um den Leib wie frische Milch so rein.
Weiß war ihr Hemd auch, und mit Stickerein
Von schwarzer Seid' am Kragen rings verziert,
Hinten und vorn und um und um garniert. [3240]
Und ebenso wie ihres Kragens Ränder
Waren geschmückt der weißen Haube Bänder.
Das Kopfband war von Seide, hoch und breit,
Und ihre Augen voller Lüsternheit.
Die Augenbrauen waren schmal gezogen,
Wie Schleeenbeeren schwarz und fein gebogen;
Ihr Anblick war Erquickung dem Gemüthe
Mehr als ein junger Birnbaum in der Blüthe.
So sanft wie sie war keines Widders Wolle.
Mit Messingperlen und mit seid'ner Tolle [3250]
Ein Ledertäschchen hing am Gurt herab.
So klug ist keiner, ob er auf und ab
Die weite Welt durchsucht nach jedem Ende,
Daß er solch lustig Ding, solch Püppchen fände.
Ein Rosenobel, neu geprägt, war nicht
So glänzend als ihr strahlend Angesicht.
Und hell und laut war ihres Liedes Klang
Wie auf dem Scheunendach der Schwalbe Sang;
Sie hüpft' und tanzt' und war stets guter Dinge,
Kein Kalb und Zicklein macht so muntre Sprünge. [3260]
Süß war ihr Mund wie Meth und Würzgebräu,
Wie Aepfel, eingelegt in Haid' und Heu;
Keck wie ein Fohlen schlug sie aus, war lang
Gleich einem Mast und bolzengrad im Gang.
Und eine Brosche pflegte sie am Kragen
Wie eines Schildes Buckel groß zu tragen.
Hoch saßen ihr am Bein der Schuhe Riemchen,
Sie war ein Primelchen, ein Gänseblümchen,
Werth, Bettgenossin eines Lords zu sein
Oder den besten Dienstmann einst zu frein. [3270]

Und nun, ihr werthen Herrn, also geschah's,
Daß eines Tages der feine Nicolas
Mit diesem Weibchen, da in Oseney
Ihr Mann war, Jocus trieb und Schäkerei;
Und wie denn ein Student ein schlauer Gast,
Hat zärtlich er und heimlich sie umfaßt
Und ihr gesagt: »Laß meine Lust mich büßen,
Sonst sterb' ich, Schatz, vor Liebe dir zu Füßen.«
Und hielt sie um die Hüften fest umfangen
Und sprach: »O Liebchen, stille mein Verlangen – [3280]
So wahr Gott lebt, sonst stürz' ich todt zur Erde.«

Sie sprang empor gleich einem jungen Pferde
Im Nothstall, drehte von ihm das Gesicht
Und rief: »Bei meiner Treu', das thu' ich nicht.
Laß sein, ach! Nicolas«, sprach sie, »laß sein,
Sonst muß ich Mordio und Zeter schrein.
Ich bitte höflichst, nimm die Hände fort.«
Und Niclas gab so manches gute Wort
Und fleht' um Gnad' und ließ so gar nicht nach,
Daß sie zuletzt ihm ihre Gunst versprach [3290]
Und schwor 'nen Eid bei St. Thomas von Kent,
Wenn sie erspäht den richtigen Moment,
So wolle sie erfüllen sein Verlangen.
»Mein Mann ist so von Eifersucht befangen;
Hältst du nicht stille dich und wartest fein,
So werd' ich sicherlich des Todes sein.
Drum halte diese Sache ganz verborgen.«

Und Niclas sprach: »Darum sei außer Sorgen,
Einem Studenten müßt' es sehr mißglücken,
Sollt' er nicht einen Zimmermann berücken. [3300]
Und sie versprachen sich's mit manchem Eid
Noch, wie gesagt, zu warten ein'ge Zeit.
So machte Nicolas denn Alles richtig.
Er klopft' ihr dann noch auf die Hüften tüchtig,
Küßte sie süß, nahm die Guitarre drauf
Und spielt' ihr munter noch manch Stückchen auf.
Und es begab sich einst nach den Geschichten,
Daß sie, um Christi Werke zu verrichten,
An einem Festtag in der Kirche war.
Ihr Antlitz glänzte wie der Tag so klar; [3310]
So wusch sie sich, sobald ihr Werk gethan.

Nun war bei dieser Kirch' ein Sakristan;
Derselbige ward Absalon genannt:
Goldglänzend war sein Haar, kraus wie gebrannt,
Breit wie ein Fächer stand es um den Kopf
Und glatt und eben saß sein voller Schopf.
Frisch sein Gesicht, die Augen grau meliert,
Mit Kirchenfenstern seine Schuh' carriert.
In rothen Strümpfen pflegt' er sich zu zeigen,
Die Kleider saßen ihm höchst knapp und eigen. [3320]
Er trug ein Unterkleid von lichtem Blau,
Die Knöpfe standen dicht und sehr genau;
Darüber lag ein Chorrock dann, so weiß
Und sauber wie ein frisches Blüthenreis.

Er war ein lust'ger Bursch, das muß man sagen,
Rasiren konnt' er, schröpfen, Ader schlagen,
Quittungen schreiben, Land- und Miethskontrakte,
Auf zwanzig Arten tanzen nach dem Takte
– Nach der Oxforder Schule Sitt' und Weise –
Die Beine werfen und sich drehn im Kreise. [3330]
Oft geigt' er wohl auf einer kleinen Fiedel
Und sang mit lautem Ton dazu ein Liedel.
Auch konnt' er trefflich die Guitarre schlagen.
Ihr mögt in Schenken und Brauhäusern fragen
Im ganzen Ort: ist nur die Kellnerin
Recht schmuck, so wett' ich, war er schon darin.
Doch stand in einem Ding es mit ihm faul: –
Er stank fatal und hatt' ein böses Maul.

Der Absalon nun trat mit munterm Sinn
An jenem Festtag mit dem Rauchfaß hin, [3340]
Räucherte tüchtig rings des Kirchspiels Frauen
Und thät auf sie verliebten Blickes schauen,
Vor allem auf des Zimmermannes Weib.
Ihr Anblick war sein schönster Zeitvertreib.
Sie sah so reinlich, süß und lecker aus:
Ich mag wohl sagen, wär' sie eine Maus
Und er ein Kater, würd' er gleich sie fangen.
Und es erfaßt solch liebendes Verlangen
Den Küster Absalon, den netten Knaben,
Er nahm von keiner Frau die Opfergaben; [3350]
Er sprach: aus Höflichkeit nähm' er sie nicht.

Und nachts schien hell und klar des Mondes Licht,
Da sah man Absalon zur Zither greifen,
Auf Minnedienst wachsam umherzustreifen.
So ging er lustig und verliebt denn aus
Und kam bald zu des Zimmermannes Haus,
Als kaum der erste Hahnenschrei vorüber.
Er setzt des Zimmermannes Wand genüber
Vor einem Fenster sich in Positur
Und singt allda – doch sanft und leise nur: [3360]
»O Holde mein! – ist es der Wille dein,
So bitt' ich fein – erbarm dich meiner Pein!«
Wozu harmonisch denn die Zither klang.

Der Zimmermann erwacht, hört den Gesang
Und spricht zu seinem Weib: »Was, Alison,
Hörst du denn nicht? Hörst du den Absalon
Nicht unter unsers Zimmers Wänden plärren?«

Und sie antwortet ihrem Eheherren:
»Ja, John, weiß Gott, ich hör' ihn auch ganz klar.«

So ging das fort und gut genug fürwahr. [3370]
Von Tag zu Tag wird unser Absalon
Stets mehr verliebt; ihm ist ganz weh davon.
Er wacht die Nacht, er wacht Tag ein, Tag aus,
Er kämmt die Locken, putzt sich schmuck heraus.
Geht sie durch Kuppler an und zahlt Courtage,
Schwört ihr als Knecht zu dienen und als Page,
Er trillert trotz den schönsten Nachtigallen,
Schickt Glühwein, Würzbier, Meth, ihr zu gefallen.
Schickt Waffeln, frisch vom Feuer, knisternd heiß,
Und seht – sie war ein Stadtkind – einen Preis. [3380]
Denn Manche kann man nur mit Geld bewegen,
Mit Zartsinn Andre, Manche nur mit Schlägen.
Auch pflegt' er, um sein Kunstgeschick zu zeigen,
Die Bühne als Herodes zu besteigen.
Allein was hilft ihm diesmal alle das?
Sie liebt so sehr den feinen Nicolas,
Daß Absalon das Bockshorn blasen kann,
Da er nur Hohn für seine Mühn gewann.
Sie macht den Absalon zu ihrem Affen,
Sein Ernst muß ihr nur Stoff zum Lachen schaffen. [3390]
Das Sprüchwort lügt nicht, nein, es sagt genau
So wie es ist: Wer nahe ist und schlau,
Kann ferne Liebe leicht in Haß vergällen.
Mag Absolon sich wild und wüthig stellen:
Da er entfernt von ihrem Angesicht,
Stand Nicolas, der nah' war, ihm im Licht.

Nun, feiner Niclas, laß dir's gut gelingen,
Denn Absalon muß Ach und Wehe singen.

An einem Samstag, als der Zimmermann
Nach Oseney gegangen war, besann [3400]
Sich Elschen mit dem feinen Nicolas
Auf einen Plan, durch einen schlauen Spaß
Den eifersücht'gen Ehmann zu berücken,
Wenn diese List dem Niclas sollte glücken.
Und hätten sie das Ding zurecht gebracht,
Dann wollt' in seinem Arm die ganze Nacht
Sie schlafen; denn das wünschte sie wie er.
Und Nicolas – was soll's der Worte mehr? –
War länger noch zu warten nicht gewillt.
Stillschweigend hat das Zimmer er gefüllt [3410]
Mit Trank und Speisen, etwa für zwei Tage.
Dann bat er sie, daß ihrem Mann sie sage,
Fragt' er etwa, wo Nicolas doch wäre,
Sie wüßt' es nicht, da sie bei ihrer Ehre
Den Tag lang ihn mit Augen nicht geschaut.
Er müsse krank wohl sein; es hab' ihn laut
An seiner Thür gerufen ihre Magd,
Doch hab' er keine Antwort ihr gesagt.

So ging Sonnabends hin der ganze Tag,
Daß Niclas still in seiner Kammer lag [3420]
Und aß und trank und nach Belieben that,
Bis Sonntags auch der Abend sich genaht.

Der dumme Zimmermann quält sich mit großen
Bedenken, was dem Niclas zugestoßen
Und spricht: »Beim heil'gen Thomas, mir ist bange,
Mit Niclas ist etwas nicht recht im Gange.
Gott schütz' ihn, daß er nicht gestorben ist.
Sehr wacklig ist die Welt zu dieser Frist.
Ich sah 'ne Leiche heut zur Kirche tragen,
Und sah den Mann arbeiten vor acht Tagen.« [3430]
»Geh' gleich hinauf«, sprach er zum Buben sein,
»Ruf' an der Thüre, klopf' mit einem Stein.
Sieh, wie es steht, und sag' mir's sonder Weile.«

Der Bube geht hinauf in voller Eile
Und wie er an der Kammerthüre stand,
Klopft' er und schrie, als wär' er hirnverbrannt:
»He! ho! Was macht ihr, Meister Nicolaus?
Wie mögt ihr schlafen doch Tag ein, Tag aus?«
Doch half ihm nichts; es kam kein Wort herfür.
Da fand ein Loch er unten an der Thür, [3440]
Wo öfters wohl hindurch die Katze kroch.
Er bückt sich tief, schaut durch besagtes Loch
Und endlich kommt ihm Niclas zu Gesicht.
Da sitzt er aufrecht, gafft und rührt sich nicht,
Als guckte er den neuen Mond sich an.
Er geht hinab und sagt's dem Meister an,
Wie seinem Blick der Mann dort sei begegnet;
Worauf der Zimmermann sich kreuzt und segnet
Und fleht zu seiner Heil'gen, Friedeswiden:
»Wie wenig weiß der Mensch, was ihm beschieden! [3450]
Der Mann hier ist durch die Sternseherei
In Wuth verfallen oder Raserei.
Ich dacht' es immer, ob das gut wird gehn.
Man soll nach Gottes Heimlichkeit nicht spähn.
Ich lobe ewig mir den schlichten Mann,
Der weiter nichts als seinen Glauben kann.
So ging es Jenem auch mit Sternesehn.
Der pflegte auf das Feld hinauszugehn
Und sagte Jedem aus den Sternen wahr,
Bis in ein Kalkloch er gefallen war: [3460]
Das sah er nicht. Doch, bei St. Toms, mir thut
Der Nicolas sehr leid, das junge Blut.
Aufwachen soll er aus der Träumerei,
Steht mir der Himmelskönig Jesus bei.«

»Gieb mir 'nen Stock; ich setz' ihn unter eben;
Dann, Robin, mußt die Thür du oben heben.
Er soll aus seinem Traume sicherlich.«
Und an die Kammerthüre macht' er sich;
Ein starker, tücht'ger Kerl war sein Geselle,
Er hob sie aus den Hespen auf der Stelle [3470]
Und auf den Estrich fiel die Thür hinein.

Doch Nicolas hat stille wie ein Stein
Aufwärts ins Blaue gaffend dagesessen.

Jetzt hält der Zimmermann ihn für besessen.
Er packt ihn fest bei beiden Schultern an,
Schreit ärgerlich und schüttelt was er kann:
»He! Niclas! Mann! Was? Laß das Stieren sein.
Wach' auf und denk' an Christi Kreuz und Pein.
Hebe dich fort, Kobold und Wichtelmann!«
Und sprach darauf den Nachtgespenster-Bann [3480]
Rings an des Hauses Wänden an vier Stellen
Und dann noch draußen an der Thüre Schwellen:

»Jesus Christ und St. Benedikt
Gegen den Kobold Hülfe schickt!
Und gegen die Nachtmahre – Paternoster;
Wo wohnest du, St. Petri Schwester?«

Und endlich seufzt der feine Niclas auf
Mit tiefem Schmerzenslaut – und sagt darauf:
»Weh! ist der Untergang der Welt so nah?«
Der Zimmermann versetzt: »Was redst du da? [3490]
Sei, wie wir Arbeitsleute, Gott ergeben.«
Und Niclas sprach: »Laß mir zu trinken geben.
Dann will ich dir – doch gilt's Verschwiegenheit –
Etwas vertraun von größter Wichtigkeit
Für mich und dich, das Niemand sonst erfährt.«

Der läuft hinab, ist bald zurückgekehrt,
Und bringt von starkem Bier ein reichlich Quart,
Das auch von Beiden ausgetrunken ward.
Die Thür schließt Nicolas fest zu alsdann,
Zieht zu sich auf den Sitz den Zimmermann [3500]
Und sagt: »Johann, mein Hauswirth lieb und werth,
Zuerst verlang' ich, daß ihr heilig schwört,
Ihr wollt Niemanden meinen Plan verrathen;
Denn Christus selber hat ihn mir gerathen.
Erzählt ihr Einem ihn, seid ihr verloren.
Denn diese Rache ist euch zugeschworen,
Daß ihr in Wahnsinn dann verfallt und Wuth.«
»Bewahre, nein, bei Christi heil'gem Blut!
Ich bin nicht einer von den Plaudermatzen«,,
So sprach der Thor, »ich bin kein Freund vom Schwatzen, [3510]
Was du mir sagst, bleibt stets geheim bewahrt
Vor Weib und Kind, bei Christi Höllenfahrt.«

»Nun, John«, sprach Niclas, »sei dir's denn bekannt,
Daß ich es in der Sternenkunde fand,
Wie ich im hellen Mond es selbst gesehn,
Am nächsten Montag soll nachts gegen zehn
Ein Regen fallen und mit solcher Wuth,
Daß halb so groß nicht war des Noa Flut.
In weniger als einer Stunde Dauer
Ersäuft die Welt; so schrecklich wird das Schauer. [3520]
Die ganze Menschheit muß ertrinken dann.«

»Mein armes Weib!« rief da der Zimmermann,
»Ertrinkt auch sie? Ach, armes Elschen mein!«
Fast fiel zu Boden er vor Sorg' und Pein
Und sprach: »Und ist da keine Rettung, keine?«
»Ei ja, bei Gott!« sprach Nicolas, der feine.
»Nur mußt du hübsch nach Rath und Lehre wandeln
Und nicht nach deinem eignen Kopfe handeln.
Wahr ist, was Salomon der Weise spricht:
Was du nach gutem Rath thust, reut dich nicht. [3530]
Drum, folgst du gutem Rath auch hier als Regel,
Gedenk' ich ohne Mast und ohne Segel,
Ich selbst sammt dir und ihr davon zu kommen.
Hast du von Noä Rettung nicht vernommen,
Wie er des Herren Warnung erst empfing,
Bevor die Welt durch Wasser unterging?«

»Ja«, sprach der Zimmermann, »vor langen Jahren.«
»Hast du«, sprach Niclas, »ferner nicht erfahren
Von Noä und der Seinen großen Sorgen,
Bevor sein Weib im Schiffe war geborgen? [3540]
Er hätte damals gern (bei meinem Leben!)
All seine schwarzen Hammel drum gegeben,
Hätt' sie ein Schiff gehabt für sich allein.
Drum weißt du, was das Beste jetzt wird sein?
Doch das braucht Schnelligkeit und, muß man eilen,
Darf man sich nicht mit Predigen verweilen.
In aller Hast thu dich für uns darum
Nach drei Backtrögen oder Mulden um,
Eine für jeden, doch nimm groß' und starke.
Wir schwimmen dann darin, als wär's 'ne Barke, [3550]
Und nehmen Speise mit für einen Tag.
Im Uebrigen geschehe was da mag.
Denn um des nächsten Tages Morgenstunden
Sinkt schon die Flut und ist dann bald verschwunden.
Doch wird dem Robin nichts davon gesagt,
Noch kann ich Gille retten, deine Magd.
Frag' nicht, warum? Magst du mich noch so quälen,
Gottes Geheimniß werd' ich nicht erzählen.
Genüg' es dir, bist du nicht ganz von Sinnen,
Dieselbe Gnad' als Noa zu gewinnen. [3560]
Dein Weib, versteht sich, rett' ich sicherlich.
Nun mach dich auf den Weg und spute dich.
Doch hast du für uns Alle bis zur Nacht
Die drei Backtröge dann herbeigebracht,
Sollst du sie hoch aufhängen unterm Dach,
Daß Niemand unsern Plan erspähen mag.
Und hast du dann gethan nach meinem Rath
Und sicher eingepackt den Mundvorrath,
Nimm eine Axt, daß wir damit entzwei
Den Strick hau'n, wenn das Wasser kommt herbei, [3570]
Und brechen nach der Wasserseite, hoch
Ueber dem Stall im Giebel uns ein Loch.
Ist dann der große Regenguß vorbei,
So ziehn wir unsers Weges froh und frei.
Du schwimmst dann recht in deinem Elemente,
Wie nach dem weißen Erpel schwimmt die Ente.
Ich ruf' euch zu: He, John, he, Alison,
Seid lustig! He! Die Flut geht gleich davon.
»Gut'n Morgen, Meister Niclas«, sagst du dann;
»Ich seh' dich wohl, es bricht der Tag schon an.« [3580]
Und Herrn der Welt sind wir dann ohne Streit,
Wie Noa und sein Weib auf Lebenszeit.
Doch warn' ich dich, nimm Eines wohl in Acht
Und hüte dich, daß in der ganzen Nacht,
Wenn wir betreten unsers Schiffes Bord,
Nicht Einer von uns spricht ein einzig Wort,
Noch ruft noch schreit; wir sollen in der Stille
Nur beten. Dies ist Gottes heil'ger Wille.

Dein Weib und du, ihr müßt gesondert hangen,
Daß zwischen euch kein sündiges Verlangen [3590]
Sich rege, nicht in Thaten noch in Blicken,
So spricht der Herr. Geh', laß mit Gott dir's glücken.
Wir kriechen morgen Nacht, wenn Alle schlafen,
Jeder in seines Backtrogs sichern Hafen
Und warten dort in Gottergebenheit.
Jetzt mach dich fort; ich habe nicht mehr Zeit
Zu pred'gen und viel Worte zu verschwenden.
Den Weisen soll man ohne Auftrag senden.
Du bist so klug, dir thut nicht Lehre noth.
Drum bitt' ich nur, geh', rett' uns von dem Tod.« [3600]

Der dumme Zimmermann macht sich danach
Auf seinen Weg mit manchem Weh und Ach,
Hat sein Geheimniß auch der Frau vertraut,
Die gleich viel besser als er selbst durchschaut,
Was dieser schlaue Plan besagen wollte.
Sie that gleichwohl als ob sie sterben sollte,
Und sprach: »O weh! Ach, rasch und unverweilt
Hilf uns zur Flucht, eh uns der Tod ereilt.
Ich bin dein ehlich Weib, dir treu ergeben.
Ach, lieber Mann, geh, rette uns das Leben.« [3610]

Wie groß ist doch die Macht der Leidenschaft:
Manch Einer stirbt blos aus Einbildungskraft,
So tief kann uns ihr Eindruck oft erschüttern.
Der dumme Zimmermann begann zu zittern.
Ihm deucht, er sieht schon wirklich Noa's Flut
Herbei sich wälzen mit des Meeres Wuth,
Sein honigsüßes Elschen zu verderben.
Er weint und heult, macht ein Gesicht zum Sterben,
Seufzt laut und viel aus tiefster Herzenspein,
Und geht alsdann, kauft einen Backtrog ein, [3620]
Sucht außerdem sich einen Bottig aus
Und eine Muld' und schickt sie in sein Haus,
Und hängt sie heimlich auf unter dem Dach.
Drei Leitern macht er selbst zurecht darnach,
Um mittelst ihrer Sprossen oder Stufen
Zum Balken aufzuklimmen, zu den Kufen.
Und in den Trog, die Butt' und Mulde trug
Er Mundvorrath, Brod, Käs' und einen Krug
Voll guten Biers, genug für Tag und Nacht.
Doch eh' er sich an sein Geschäft gemacht, [3630]
Schickt er die Magd, ingleichen den Gesellen
Nach London, etwas für ihn zu bestellen.
Und Montags, als zu dunkeln es begann,
Schließt er die Thür, steckt keine Lichter an
Und setzt in Ordnung Alles Reih' bei Reih'.
Hinauf dann klommen eilig alle drei.
Ein Viertelstündchen saßen sie da stumm.
Und Nicolas sprach: » Pater noster – hum.«
Und »hum« sprach Alison und »hum« ihr Mann.
Den Abendsegen sagte John alsdann, [3640]
Sprach sein Gebet, saß ohne sich zu rühren,
Und horcht', ob noch vom Regen nichts zu spüren,
Bis er in einen Todtenschlaf zuletzt
Verfiel; so matt war er und abgehetzt,
Es mochte wenig erst nach achten sein.
Er ächzte schwer von tiefer Seelenpein
Und schnarchte dann; sein Kopf lag ihm verkehrt.
Mein Nicolas hinab die Leiter fährt,
Und Alison schlich sacht sich hinterdrein.
Stracks stiegen sie dann in das Bett hinein, [3650]
Wo sonst der Ruhe pflag der Zimmermann.
Da hob sich Lustbarkeit und Jubel an.
Und so lag Alison und Nicolas
Mit Schäkerein beschäftigt und mit Spaß,
Bis daß die Glocken zur Frühmette klangen
Und in dem Kirchenchor die Mönche sangen.

Und Absalon, der schmachtende Sigrist,
Der stets vor Liebe ganz verhimmelt ist,
War an dem Montag just in Oseney
Sich zu zerstreun in lust'ger Kompanei, [3660]
Und fragte da ganz im Geheimen an
Bei einem Mönch nach John, dem Zimmermann.
Der nahm ihn aus der Kirche auf die Seite
Und sprach: »Ich sah von Samstag ihn bis heute
Nicht bei der Arbeit. Er ist über Land
Gewiß nach Holz von unserm Abt gesandt.
Er geht nach Holz oft auf die Meierei
Und bleibt dann einen Tag dort oder zwei.
Wo nicht, muß er zu Haus in diesen Tagen
Gewesen sein; bestimmt kann ich's nicht sagen.« [3670]

Drob hat dem Absalon das Herz gelacht.
Er denkt: »Nun wach' ich diese ganze Nacht.
Seit Tagesanbruch hab' ich nicht gespürt,
Daß er von seiner Thüre sich gerührt.
Beim Hahnenschrei will ich, bei meinem Leben,
Durch Klopfen ihr ein heimlich Zeichen geben
Am Fenster, das ganz niedrig in der Wand.
Dann sag' ich Alison, wie heiß entbrannt
Von Lieb' ich sei, und sicherlich, es müßte
Schlecht gehn, wenn sie nicht wenigstens mich küßte. [3680]
Etwas Vergnügtes wird gewiß mir kund;
Den ganzen Tag hat mir gejuckt mein Mund.
Wer wüßte nicht, daß dies auf Küsse deute.
Auch träumte mir von einem Festmahl heute.
Drum will ich jetzt mich ein Paar Stündchen ruhn
Und nachts aufstehen und mir gütlich thun.«

Als kaum der erste Hahnenschrei erklungen,
War der verliebte Bursch schon aufgesprungen
Und kleidet schmuck sich an und superfein.
Doch kaut' er Süßholz und Gewürznäglein, [3690]
Um süß zu duften, eh' er sprach mit ihr.
Das Blümchen »Männertreu« trug er zur Zier
Im Mund; er meint', es nehme hübsch sich aus.
So kommt er zu des Zimmermannes Haus.
Er stellt sich still unter dem Fenster auf,
Bis an die Brust reicht' er daran hinauf;
So niedrig war's – und hustete ganz leise.
»Was machst du, süßes Elschen, kleine Meise?
Mein Honigseim, mein süßes Zuckerplätzchen,
Wach auf und sprich zu mir, mein holdes Schätzchen. [3700]
Gar wenig ahndest du mein Liebeswehe,
Wie ich vor Inbrunst schwitze, wo ich gehe.
Kein Wunder, daß ich also schmelz' und schwitze;
Ich schmachte wie das Lämmchen nach der Zitze.
So, Liebchen, zehrt an mir der Sehnsucht Plage,
Daß wie die treue Turteltaub' ich klage.
Ein Kind kann wen'ger nicht als ich verzehren.«

»Willst du, Hans Narr, dich gleich vom Fenster scheren!«
Sprach sie: »Bei Gott, es wird doch nichts, Kumpan.
Ich bin, Gottlob, 'nem Andern zugethan [3710]
Und mehr als dir, bei Jesus; geh', du Tropf,
Sonst werf' ich einen Stein dir an den Kopf!
Geh' in's drei Teufels Namen, laß mich ruhn!«

Und Absalon klagt' Ach und Wehe nun,
Wie schlecht man treuer Liebe lohnt auf Erden.
»Nur einen Kuß, soll mir nichts Beßres werden –
Laß mich um Christi Liebe denn erflehn!«
»Und willst du dann auch deiner Wege gehn?«
»Ja ganz gewiß, mein Herz«, sprach Absalon.
»So mach' dich denn bereit, ich komme schon.« [3720]
Sofort kniet Absalon am Fenster hin,
Ist Fürst und König schon in seinem Sinn
Und sagt: »Das ist der Anfang hoffentlich.
Schatz! süßes Vöglein! dir ergeb' ich mich.«
Das Fenster öffnet rasch das schöne Kind
Und ruft: »Komm, spute dich und mach's geschwind,
Daß unsern Nachbarn es nicht werde kund.«

Und Absalon wischt sauber sich den Mund.
Die Nacht war pechkohlfinster und voll Graus.
Sie sah zum Fenster – nicht von vorn – heraus. [3730]
Und Absalon – es war nun anders nicht –
Küßt mit dem Mund ihr hintres Angesicht
Mit rechtem Wohlschmack, eh' er's ward gewahr.
Er fuhr zurück; das Ding war ihm nicht klar.
Er wußte doch, ein Weib hat keinen Bart.
Er fühlt' ein Ding ganz rauh und lang behaart.
»Weh! was hab' ich gethan«, rief er, »pfui, puh!«
Sie lacht: »Hi hi« und wirft das Fenster zu.
Und Absalon zieht ab mit trübem Muth.
»Ein Bart! ein Bart! wahrhaftig, das geht gut, [3740]
Bei Gottes Korpus!« sagte Nicolas.

Der dumme Absalon hört Alles das
Und beißt vor Aerger auf die Lippen sich
Und spricht für sich: »Wart, ich bezahle dich!«
Wie reibt und wischt die Lippen seine Hand
Mit Tuch und Spänen, Stroh und Staub und Sand!
Wie konnte Absalon man ächzen hören!
»Ich will mich gleich dem Satanas verschwören,
Nehm' ich nicht lieber Rache für den Hohn«,
Sagt' er, »als diese ganze Stadt zum Lohn. [3750]
O weh, o weh! wie war ich doch verblendet!«

Die Glut erlosch, sein Sehnen war geendet;
Denn seit dem übel angebrachten Kuß
Gab er um Minne keine taube Nuß.
Er ist von seiner Krankheit nun genesen,
Schimpft weidlich auf das ganze Minnewesen,
Weint wie ein Kind, dem man die Ruthe gab
Und geht die Straße leisen Schritts hinab
Zu einem Schmied, Meister Gervais geheißen,
Der just dabei war, Pfluggeräth zu schweißen; [3760]
Pflugschar und Sechen schärft' er gar geschäftig.
Und Absalon klopft an, doch nicht zu heftig
Und spricht: »Mach auf, Gervais, doch spute dich.«
»Wer bist du denn? Was?« – »Absalon ist's; ich.«
»Wie? Absalon, ihr? Ei, Herr Jemine,
So früh auf heute? Benedicite!
Was fehlt euch? Eine Dirne setzt, weiß Gott,
Dich lockern Burschen wieder so in Trott;
Bei St. Neotus, ihr versteht mich schon.«
Nicht einer Bohne Werth hielt Absalon [3770]
Den Spaß, gab auch darauf nicht Widerrede;
Er hatt' auf seiner Spindel heut mehr Hede,
Als Gervais wußt', und sprach: »Gevatter werth,
Das heiße Sech dahier auf deinem Herd,
Ich könnt' es wohl gebrauchen, leih' es mir;
Ich bring' es auf der Stelle wieder dir.«

Und Gervais sprach: »Und wenn es Gold, auf Ehre –
Ein Sack voll ungezählter Nobel wäre,
Ich gäb' sie dir, so wahr ich bin ein Schmied.
Doch, Sapperlot, was wollt ihr denn damit?« [3780]
»Damit«, sprach Absalon, »sei's wie es mag,
Ich sag' es dir wohl einen andern Tag.«
Und nimmt das Sech auf bei dem kalten Stahl;
Worauf er sacht sich aus der Thüre stahl
Und hinschlich zu des Zimmermannes Wand.
Er hustet erst, dann klopft er mit der Hand
Am Fenster, ganz wie er gethan vorher.

Und Alison antwortet: »Ist da Wer?
Wer klopft da so? Ich wett', es ist ein Dieb.«
»Nein, nein«, sprach er, »weiß Gott, mein süßes Lieb, [3790]
Ich bin dein Absalon, der Liebste dein,
Ich bringe dir ein goldnes Ringelein.
Die Mutter gab es mir, es ist sehr fein,
Bei Gott, und schön gravirt noch obendrein.
Dies geb' ich dir, willst du mich dann auch küssen.«

Und Nicolas stand grade auf zu ...
Und dacht': Ich bringe jetzt den Spaß zum Schluß,
Er giebt auch meinem Steiß noch einen Kuß.
Und rasch hat er das Fenster aufgemacht,
Das Hintertheil herausgesteckt ganz sacht, [3800]
Den ganzen Steiß mitsammt dem Schinkenbein.
Der Küster sprach: »Mein süßes Vögelein,
Wo bist du? Würd'ge mich doch eines Worts.«
Und Nicolas ließ einen großen ...,
Der hat gleich einem Donnerkeil gekracht
Und Absalon beinahe blind gemacht;
Doch hielt das Eisen er, noch glühend heiß,
Und zog's dem Niclas mitten über'n Steiß.
Die Haut ging eine Handbreit vom Popo
Ihm ab, das heiße Sech verbrannt' ihn so, [3810]
Daß er vor Schmerzen gleich zu sterben meinte
Und wie verrückt vor Pein laut schrie und weinte:
»Helft! Wasser! Wasser! Helft bei Gott im Himmel!«

Der Zimmermann wacht auf bei dem Getümmel,
Hört Einen wie verrückt nach Wasser schrein
Und denkt: Weh, jetzt bricht Noä Flut herein!
Er springt auf seine Füße sonder Weile
Und mit der Axt haut er entzwei die Seile –:
Plumps! ging's herab, Brod, Bier, der ganze Kram,
Bis er herunter auf die Schwelle kam. [3820]
Da lag besinnungslos er auf der Flur.

Wie Niclas da empor und Elschen fuhr!
Wie Zetermordio durch die Nacht sie schrein!
Die Nachbarn rannten alle groß und klein
Herbei und starrten den betäubten Mann,
Der bleich und fahl noch dalag, staunend an.
Er halt' im Fall gebrochen seinen Arm.
Doch tragen mußt' er seinen eignen Harm.
Denn, als er sprechen wollte, schrien ihn wieder
Der feine Nicolas und Elschen nieder. [3830]
Sie sagten Jedermann, er sei verrückt,
Furcht vor der Sündflut hab' ihn so berückt
Mit Phantasien, daß er in seinem Wahn
Sich jüngst nach drei Backtrögen umgethan,
Die hab' er unterm Dach hoch aufgehängt
Und hab' um Gottes Willen sie bedrängt
Mit ihm zu sitzen dort par compagnie.
Die Leute lachten ob der Phantasie,
Gafften und guckten nach des Daches Sparren
Und hielten ihn mit seinem Schmerz zum Narren. [3840]
Was auch erwiderte der Zimmermann,
Es half ihm nichts, sie hörten ihn nicht an,
Da man mit Schwüren stets ihn niederdrückt.
Es hielt die ganze Stadt ihn für verrückt.
Denn die Studenten gingen Hand in Hand:
»Herr Bruder, glaubt's, der Kerl war hirnverbrannt«,
Sprach man, und lachte wie der Spaß geglückt.

So ward des Zimmermannes Weib berückt,
Trotz aller seiner Eifersucht und List.
Ihr untres Aug' hat Absalon geküßt [3850]
Und Niclas ist verbrüht im Hintertheil.

Die Mär' ist aus; Gott geb' uns Allen Heil.

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