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Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 28
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
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Anmerkungen.

Einleitung.

V. 8. Dem Widder. Tyrwhitt glaubt dem Dichter ein astronomisches Versehen nachweisen zu müssen, da das Zeichen des Widders dem Frühlingsäquinoctium gehöre, dieses aber zu Chaucer's Zeit nach seinem eigenen Bericht in dem Aufsatz über das Astrolabium auf den 12. März gefallen sei. Sonach müsse die Sonne am Ende des April schon weit im Stier vorgerückt gewesen sein, zumal da es sich nach V. 4425 wirklich um die letzten Tage dieses Monats handle. Denn als Tag der Abreise wird dort der 28. April angegeben; der Tag vorher mußte also der 27. gewesen sein. Tyrwhitt konjicirt daher statt Ram im Original Bolle zu lesen. Ich will mich nicht bei dem doppelten Irrthum aufhalten, in welchen der verdienstvolle Herausgeber Chaucer's sich hier verwickelt hat, wiewohl Fiedler ihm blindlings folgt. Es genüge zur Rechtfertigung unsers Dichters die Bemerkung, daß Chaucer nicht das Zeichen des Widders gemeint hat, sondern das Sternbild. Jenes (das Zeichen) haftet fest an dem Aequinoctium (auf welchen Kalendertag dasselbe immer falle) und ist mit dem Zurückweichen der Aequinoctialpunkte gegenwärtig sogar bis in den Anfang der Fische gerückt. Das Sternbild des Widders theilt sich dagegen ungefähr gleich zwischen dem Monat April und Mai, und Chaucer's Zeitbestimmung ist daher so genau wie möglich. Der Unterschied der 500 Jahre zwischen seinem und unserm Zeitalter ist in dieser Beziehung ein völlig unerheblicher, da der Fehler des Julianischen Kalenders und die weiterschreitende Veränderung des Aequinoctialpunktes im entgegengesetzten Sinne wirken und sich nahezu ausgleichen.

V. 14. Nach der Lesart: ferne halwes (T. serve h.), die der Cod. Harl. in Wright's Ausgabe, übereinstimmend mit dem Cod. Par. (s. Gesenius in Herrig's und Viehoff's Archiv 1849, S. 1 ff.) bietet.

V. 17. Der heil'ge Märtyrer: Thomas a Becket.

V. 20. Der Heroldsrock ( Tabard) bestand als Wirthshaus in Southwark noch Ende des 16. Jahrhunderts. Ob das zu Tyrwhitt's Zeit Talbot (Hühnerhund) genannte Haus, das sich durch eine neuere Inschrift rühmte, die Pilger der Canterbury-Tales beherbergt zu haben, wirklich dasselbe ist, oder sich nur, auf die Namensähnlichkeit gestützt, diese Ehre angemaßt habe, lassen wir dahingestellt. Dieses Haus liegt jetzt 75 Borough, Highstreet, London. (S. Neigebauer, London, S. 413.)

V. 51-58. Alexandria, im Jahr 1365 von dem König Cyperns, Peter von Lusignan, erobert. Derselbe nahm Layas, genauer L'Ayas, jetzt Ayas-Kata, das alte Aigai (im Text Leyes) in Armenien, 1367 und Satalia (das alte Attalia) in Pamphylien in Kleinasien 1352 den Ungläubigen ab. Algesira ward den Mauren im Jahre 1344 entrissen. Belmaria, wahrscheinlich korrumpirter Name einer Marokkanischen Landschaft, die dem Stamme der Beni-Marin angehörte. Eine Niederlage ihres Königs Albohacen wird von spanischen Autoren erwähnt und auf sie die Schlachten von Benamarin gedeutet, deren der Grabstein eines englischen Ritters Sir M. Gourney gedenkt.

V. 52 ff. Ueber die Beziehungen Englands zum deutschen Orden in Preußen s. Pauli, Bilder aus Alt-England, S. 107 ff. Es ist überaus wahrscheinlich, daß der Dichter hier auf jenen Heereszug anspielt, welchen der Sohn seines Gönners John von Lancaster, Heinrich Bolingbroke (nachmals Heinrich IV.), im Jahre 1390 in Gemeinschaft mit dem Orden gegen die Litthauer unternahm.

V. 54. Gereist, im mittelalterlichen Sinne der Heerfahrt.

V. 59. Im Großen Meere. Antike und mittelalterliche Bezeichnung des Mittelländischen Meeres (s. Maundeville, Voiage and Travaile, p. 259, Halliw.).

V. 62. Tramissene (Tremesen), eine maurische Stadt und Herrschaft im Gebiet des heutigen Marokko (Oran). Bei dem chevaleresken Verkehr zwischen christlichen und maurischen Rittern in den westlichen saracenischen Reichen darf es nicht Wunder nehmen, daß unser Ritter sich in einem Turnier zu Ehren seiner Glaubens- und Heeresgenossen mit den Mauren gemessen hatte. Noch weniger wählerisch erscheint seine Abenteuerlust in den folgenden Versen.

V. 63-65. Pallatia oder Pallatscha, eine türkische Stadt auf ansehnlichen antiken Trümmern aufgebaut (daher ihr Name), die früher für die Ruinen des alten Milet gehalten, neuerdings als die Reste des alten Myus erkannt sind (s. Leake, Asia Min., p. 239; Forbiger, Handbuch der alten Geographie II, S. 214), war eine der kleinen Vasallenherrschaften, welche den Osmanen in Vorderasien tributpflichtig waren. Nach Froissart (III, c. 22) sollte es scheinen, daß diese Vasallen bei ihrem christlichen Glauben gelassen wurden. Chaucer aber nimmt offenbar an (V. 66), daß der Herr von Palatia ein Muselmann (Heide) war, unser Ritter also keinen Anstand nahm, seine Kampfeslust im Gefolge eines Ungläubigen zu befriedigen. Immerhin wurde doch dem Heidenthum im Ganzen dadurch Abbruch gethan.

V. 75. Das Waffenkleid ( gipoun) ist nicht etwa der leichte, oft aus kostbaren Stoffen gewebte Ueberwurf, der über dem Maschenpanzer getragen wurde; vielmehr ein dicker Stepprock, der zum Schutz gegen den Druck der Stahlmaschen unter der Halsberge angelegt wurde. Es ist ein Zeichen äußerster Einfachheit, daß der Ritter auf seiner Wallfahrt nur dies grobe Unterkleid trägt, das die rostigen Spuren von den Panzerringen noch an sich hat. S. Regis Gloss. zu Bojardo, S. 461.

V. 79. Junker, Squiere. S. Einl. des Uebersetzers, S. 26.

V. 89. Ich habe nicht die Interpunktion Tyrwhitt's, der auch Wright folgt, angenommen, theils weil sie den Vers zerstückelt, theils weil unmöglich von einem Menschen gesagt werden kann, er sei roth und weiß gestickt. Ich habe daher allerdings auch dem Texteswort embrowded (= embroidered) eine weitere Bedeutung eingeräumt, die, wenn sie sich nicht durch Beispiele belegen lassen sollte, doch als freie Metapher des Dichters vollständig gerechtfertigt ist.

V. 101. Lehnsmann. S. Einl., S. 26. Offenbar bezieht sich das sein noch auf den Ritter.

V. 115. Der heilige Christoph ist auf einer Brosche dargestellt, wie sie in allen Ständen theils als Schmuck, theils als Amulett getragen wurden. Wright weist auf eine interessante Abhandlung über diesen Gegenstand von C. Roach Smith in dem Journal of the British Archaeological Association, Vol I, p. 200, hin.

V. 120. Ste Loy (T. St. Eloy). So alle Handschriften. Allerdings ist die Namensform für Ludwig sonst altfranz. Loys (engl. Lowys), aber die Abschleifung des s im Reime wird dem Dichter gestattet gewesen sein. Lowy findet sich unter andern Namensformen bei Roquefort, Glossaire de la langue Romaine, Paris 1808, Tom. II, pag. 100. Der Eid bei St. Ludwig, einem ziemlich neu kreirten Heiligen, muß als besonders harmlos gelten.

V. 125. Stratford at the Bow, dicht bei London und gegenwärtig mit der Riesenstadt in Eins zusammengewachsen. Ueber das in England allmählich verkümmernde Französisch siehe die Einleitung des Uebers., S. 17.

V. 164. Die Lesart aller Handschriften: That was her chapellein, and preestes thre steht nicht nur in direktem Widerspruch zu der Angabe Chaucer's über die Personenzahl der Reisegesellschaft (in V. 24), sondern enthält auch eine thatsächliche Unmöglichkeit. Es hat in der katholischen Kirche niemals Kapellaninnen gegeben und kann keine geben, da ein Weib nicht die Priesterweihen empfangen kann. Ebendarum bedarf aber auch jedes Nonnenkloster, mit dem eine Kirche verbunden ist (und in Chaucer's Zeit war das wohl ohne Ausnahme der Fall), eines ministrirenden Kapellans, eines Nonnes-preest, wie er wirklich in unsrer Wallfahrtsgesellschaft mit auftritt (V. 14,815 f.). Ich schreibe daher, so nahe wie möglich an die Spuren der Hschr. mich anschließend: That was her chapellein, a preest, thes thre.

V. 165. Für die Uebersetzung entspringt eine Schwierigkeit aus der scharfen Sonderung, in welcher Chaucer und sein Zeitalter die beiden Klassen der in dem Wallfahrtszuge repräsentirten Mönche hält, die in ihrem kirchlichen sowohl, wie in ihrem gesellschaftlichen Charakter schroffe Gegensätze bilden und wirklich auch in bitterer Feindschaft gegen einander standen. Chaucer versteht unter Mönch ( Monk) stets nur die Mitglieder der alten Orden oder richtiger Kongregationen (s. Leo's Universalgeschichte II, S. 206), welchen im wesentlichen die Regel des h. Benedikt zu Grunde lag. Die Mönche der neuen, seit dem Anfang des 13. Jahrhunderts gegründeten Bettel- und Prediger-Orden nennt er niemals Monks, sondern stets Freres ( friar, frater, V. 16,307 sogar in direktem Gegensatz monk or frere). Jene, die durch reichen Besitz (s. V. 7508), weltmännisches Wesen und oft gelehrte Bildung sich auszeichneten, werden immer von ihm mit Achtung genannt. Bekanntlich heißen die Vorsteher ihrer Klöster Aebte (7302), der nächste Stellvertreter des Abtes Prior, während die der Bettelmönchskonvente bescheidenere Titel führen ( Minister Guardiaus, Prior, Superior etc.). Den Charakter der Bettelmönche schildert Chaucer an verschiedenen Stellen so, daß er keines Kommentars bedarf, vielmehr selbst den lebendigsten Kommentar für die Auffassung dieses interessanten und wichtigen Elements der mittelalterlichen Gesellschaft bietet.

V. 171. 172. Bisher unverstandene Stelle. Daß der Mönch nicht Aufseher ( Keeper) der Klosterzellen seiner Abtei gewesen, erhellt aus dem Singular. Es läge daher nahe, an die klassische Bedeutung von cella (= Keller) zu denken, was mit den kulinarischen Neigungen dieses Klosterherrn sehr wohl stimmen würde und worauf auch vielleicht V. 13,942 führen könnte. Dagegen ist aber außer anderem (namentlich der Erwähnung der Kapelle statt Kirche) auch dies einzuwenden, daß sich englisch schwerlich celle für cellar gebraucht nachweisen lassen dürfte. Anderseits versteht man aber unter Cella im ganzen Mittelalter ein Vorwerk und Filial eines größern Klosters ( Obedientia, Abbatiola), dessen Aufsicht einem Mönche des Hauptordenshauses anvertraut war. Dieser hatte nicht nur die Verwaltung der Einkünfte zu besorgen, sondern war auch Vorgesetzter der Novizen und Laien, die zumeist in diesen Zellen Unterkommen fanden. S. Du Fresne, Gloss. med. et inf. Lat. s. v. Aehnliche Dependenzen größerer Abteien werden erwähnt: Erzählung des Schiffers, V. 13,203 ff., des Müllers, V. 3668. Vergl. auch über die Licenz, die den Mönchen vom Abt ertheilt wurde, außerhalb des Klosters Geschäften nachzugehen, V. 12,992; 13,978. Hiermit stimmt denn vortrefflich die selbständige Stellung des Mönches, den Chaucer nicht ohne Nachdruck Herr ( lord) nennt, der sich in seinem Stalle eigene Pferde hält und sich um Regelbuch und Text der Kirchenväter nicht kümmert. Es wird aber auch der Einfall, den Klang seines schellenbesetzten Zügels mit dem Kapellenglöckchen zu vergleichen, dadurch natürlicher und in der That scharf bezeichnend. Denn Kapelle im eigentlichen Sinne ist eben ein kleineres kirchliches Gebäude (ein Oratorium ohne Baptisterium), das keinen selbständigen Priester zum Vorstand hat, sondern Dependenz einer Hauptkirche ist. S. Du Fresne, s. v. Capella und a. a. O.

Genau wie unser Mönch wird ein Robert Hermodesworth, Mönch von Westminster-Abtei, Keeper of the chapel of the blessed Mary of Westminster genannt. Er disponirt unter Genehmigung des Abts und Kapitels über die zu der Kapelle gehörigen Grundstücke und vermiethet z. B. ein im Garten der genannten Kapelle gelegenes Wohnhaus an unsern Dichter. S. Godwin, Life of Chaucer, vol. IV, p. 365. H. Nicolas, I, p. 56.

V. 173. Benedikt von Nursia (geb. 480) ist direkt oder indirekt als der Begründer des gesammten römisch-katholischen Mönchswesens zu betrachten, da seine Regel nicht nur allen neuen Stiftungen bis zum 13. Jahrhundert zu Grunde gelegt, sondern auch allmählich den schon bestehenden, weniger geordneten Cönobien ertheilt und respektive aufgedrungen wurde. S. Leo a. a. O. – St. Maur war unmittelbarer Schüler des Benedikt, Gründer der Abtei Glanfeuil und nach Einigen einer weitverbreiteten Kongregation dieses Ordens. S. über ihn: Hippolyte Helyot, Geschichte der geistlichen Orden, deutsch, L. 1753, Thl. V, 17, 68 ff. Daß seine Regel keine andre als die des h. Benedikt selbst gewesen, geht daraus hervor, daß der h. Maur »die eigenhändige Urschrift dieses heiligen Stifters bei seiner Abreise von Monte Cassino nebst einem Gewichte und Maße erhalten hatte, um dasjenige desto besser zu beobachten, was er wegen des Brodes und Weines bei ihren Mahlzeiten vorgeschrieben.« Helyot a. a. O., S. 71.

V. 179. Die Uebersetzung giebt die Tyrwhitt'sche Interpretation der Stelle wieder, welche durch den Zusammenhang geboten scheint, wiewohl die handschriftliche Lesart rekkeles schwerlich diese Deutung zuläßt und die Konjektur reghel-les (obschon an sich geistvoll und unter andern Umständen überzeugend) auf eine zu alterthümliche Sprachquelle zurückgreift (die Evangelienharmonie Ormulum hat reghel-book), als daß ihre Anwendung auf Chaucer's Sprache nicht bedenklich sein sollte. Dagegen halte ich es für durchaus nicht unmöglich, daß bei dem oft wiederholten Ausspruch des Gratian: Sicut piscis sine aqua caret vita, ita sine monasterio monachus ( Decret., P. II, Can. XVI, Q. L., c. VIII. S. außer der von Tyrwhitt citirten Stelle: Pierce Ploughman auch noch Guigo de quadripartito officio cellae bei Du Fresne a. a. O. v. Cella) unserm Dichter irgend eine im Semi-Saxon verfaßte Homilie vorschwebte, die wirklich das Wort reghelles hatte. Die von Wright befolgte Lesart des Cod. Harl. cloisterles enthält eine unerträgliche Tautologie (s. V. 179). Ihre Entstehung von der Hand eines gedankenlosen Abschreibers erklärt sich ebenso leicht, als die Paraphrase in V. 179 an Nachdruck und Bedeutsamkeit gewinnt, wenn wirklich V. 177 ein veraltetes und nicht Jedermann verständliches Wort enthielt.

V. 197. Der Liebesknoten, eine künstlich und rosettenartig verschlungene Bandschleife, als koketter Schmuck feiner Leute beiderlei Geschlechts, ist dem Leser aus Shakespeare bekannt und beim englischen Landvolk noch jetzt nicht ganz abgekommen.

V. 202. Backhaus, im Text steht Bleiofen, der aber dem modernen Leser kein geläufiges Bild gegeben hätte.

V. 208. Bettelmönch. S. z. V. 165.

V. 214. Vier Orden. Zu den beiden berühmten Bettelorden der Franciskaner und Dominikaner kamen im Laufe des 13. Jahrhunderts auch noch die Karmeliter und Augustiner-Eremiten hinzu. Allerdings hatten dieselben als ungeordnete Anachoreten-Verbindungen schon früher bestanden. Die aus dem Orient stammenden Karmeliter führten sogar ihre Einsetzung alles Ernstes auf die Propheten Elias und Elisa zurück (s. V. 7698) und geriethen darüber später mit den Jesuiten in die absurdesten, aber mit der größten Erbitterung geführten Streitigkeiten, die endlich durch eine päpstliche Bulle vom Jahre 1698 unterdrückt wurden. In der That jedoch ist ihre Regel erst von Papst Honorius III. im Jahre 1224 definitiv bestätigt worden. Die Augustiner-Eremiten aber wurden von Alexander IV. im Jahre 1256 zu einem Orden vereinigt. S. Helyot a. a. O., Thl. I, S. 348, 367, 374, III, S. 16.

V. 219. Der Vikar. Im Original Curat. Dies letzte Wort hat im Englischen so oft seine Bedeutung gewechselt, daß es mir sicherer schien, dafür eine auch in Deutschland geläufige Bezeichnung zu substituiren, die im wesentlichen die Sache trifft. – Der Hauptgrund des Hasses zwischen dem Bettelorden und der Weltgeistlichkeit lag in der den Brüdern eingeräumten Erlaubniß, in jeder Gemeinde und Kirche die Amtshandlungen der Ortspfarrer vorzunehmen, denen sie durch ihren intimen Verkehr mit den untern Volksschichten an populärer Beredtsamkeit überlegen sein mußten. Jener Haß setzt sich dann natürlich auch bis zu den niedern Kirchenbeamten fort und der ergötzliche Zank zwischen dem Diakonatsbüttel und dem Frater, der in den beiden meisterhaften Erzählungen dieser drastischen Personen gipfelt, findet darin seinen Ausgangspunkt und seine Erklärung. S. V. 6847 ff., 247 ff.

V. 233. Sein Kragen; die Kaputze nämlich, da die Bettelmönche keine Taschen an ihren Röcken haben dürfen.

V. 253. Wie sich diese interessante Notiz mit der angeblichen persönlichen Armuth und Besitzlosigkeit der Fratres verträgt, ist allerdings nicht abzusehen. Dennoch halte ich die Verse, die in den von Wright verglichenen Handschriften fehlen, entschieden für echt. Die Mönche wußten manches Unmögliche möglich zu machen und in der That erhält so erst V. 257 seine klare von mir in der Übersetzung ausgedrückte Bedeutung.

V. 255. Not o shoo (nach C. Par. st. but a sho). Denn es wäre in der That eine zu verschrobene Ausdrucksweise, von Jemandem zur Bezeichnung seiner äußersten Dürftigkeit zu sagen, daß er nur einen Schuh habe. Vielleicht steckt jedoch die Korruptel der Handschrift noch tiefer. Ich vermuthe fast not a so (d. i. sol = sou) wiewohl ich die von Chaucer namentlich im Reime sonst nicht verschmähte Abkürzung ( tho = those; mo = more) für dieses Wort nicht nachweisen kann.

V. 256. Die Bedeutung dieser Phrase ist noch keineswegs durch den Hinweis auf die Anfangsworte der Genesis und des Evangelium Johannis aufgeklärt. Man begreift nicht, wie diese Worte gerade das Herz der Zuhörer so zur Mildthätigkeit rühren sollten. Erklärlicher wäre es, wenn die Worte In principio den Schluß des Meßgesanges bezeichneten, wofür Tyrwhitt allerdings einen Beleg aus der französischen Romanze L'histoire des trois Maries beibringt. Dann dürfte man sich die Wirkung des Gesanges ähnlich derjenigen denken, welche von des Ablaßkrämers (V. 712) Offertorien gerühmt wird. Auf keinen Fall ist V. 15,169 zur Erklärung heranzuziehen, denn dort ist offenbar die Bibel selbst oder wenigstens das Evangelium gemeint.

V. 279. Oriwell, Hafenstadt in Essex am Ausfluß der Ore, zu Chaucer's Zeit berühmt als der Ausgangspunkt der glorreichen Expedition Eduards III. nach Sluys, von den heutigen Karten, wie es scheint, verschwunden. Die Forderung des Kaufmanns ist nicht unbillig. Denn die alte Abgabe der Tonnage und Poundage war zu dem ausdrücklichen Zweck bewilligt » pur la saufgarde et custodie del mer.« 12. E. IV, c. 3. S. Tyrwhitt.

V. 311 ff. Justitiarius (Orig. Sergeant of the Lawe). Sergeant at the Law bezeichnet im 14. und 15. Jahrhundert eine durch königl. Patent ( Writ) ertheilte juristische Würde, die dem Stande eines Doktors der Rechte gleich kam. Nur aus den Sergeants (die zuvor 16 Jahre Jura studirt haben mußten) wurden die Richter der obersten königlichen Höfe genommen. Ihre sonstige Thätigkeit bei den Dikasterien, wenn sie nicht in einem bestimmten Falle, wie hier, zu Vorsitzenden der Schwurgerichte oder dergl. ernannt waren, scheint sich auf Beirath, Protokollführung (V. 327) und Relationen beschränkt zu haben. Siehe G. Crabbe's Geschichte des englischen Rechtes, K. XXVII, S. 431 der deutschen Uebersetzung. Daß er schon als präsidirender Richter bei den Assisen ( justice, V. 316) zugleich Justitiarius eines königlichen Hofes sein mußte, geht aus den betreffenden Statuten Heinrichs II. hervor. S. Crabbe a. a. O., S. 96.

V. 312. Vor den Kirchenthüren. Engl. at the parvis. So nämlich, d. h. Paradies, wurde die äußere Halle vor der Kirche genannt (Du Fresne, Gloss. v. Paradisus). Diese Hallen pflegten zu Ambulationen benutzt zu werden. In Paris standen auf dem parvis devant Notre Dame Buchhändler mit ihren Waaren aus (Rom. Ros. 7158, Origin. 12,530). In London pflegten sich die Sergeants at Law daselbst zu ergehen. Fortescue, de laud. leg. Ang., c. 51: Post meridiem curiae non tenentur, sed placitantes (die Parteien und ihre Advokaten) tunc se divertunt ad Pervisum et alibi consulentes cum servientibus ad Legem et aliis consiliariis suis. Tyrwhitt im Gloss. 320 f. Der Sinn dieser ironischen Anspielung ist offenbar der: Der Rechtsgelehrte kaufte vielerlei und billig – weil er sich den Besitztitel des Verkäufers auf seine Waaren nicht genau ansah (also auch wohl geliehene, versetzte und gestohlene Sachen). Da er sie jedoch bona fide als eine Waare ansah (oder anzusehen sich stellte), auf die kein Dritter Anspruch habe, so konnte man ihn nicht wohl deßwegen verdächtigen. Der Scherz dreht sich um die Bedeutung des Wortes fee simple, welche durch Freigut nur annähernd wiedergegeben wird. Da nämlich seit der Veräußerlichkeit der Kronlehen ( tenimenta in capite, fee simple) diese tatsächlich zu Allodialgütern geworden waren (s. z. V. 333), ja im Grunde genommen von allem ländlichen Grundbesitz die einzigen wahren Freigüter waren, an die kein Dritter Anspruch zu erheben hatte, so gewinnt dasselbe Wort, welches auf dem Kontinent die strengste feudale Abhängigkeit des Majorates bezeichnen würde, die Bedeutung des Allodiums. Ob außerdem Chaucer mit dem Ausdruck noch eine andere kleine Malice bezwecke, lasse ich dahingestellt. Es liegt nahe, zugleich an fee im Sinne von Honorar zu denken, da die Sergeants at Law, wenn sie nicht grade als Richter fungirten (und wer weiß, ob nicht selbst dann?), auch als Rechtskonsulenten auftraten (s. Anmerk. z. V. 312 und Vision of Pierce Pl. b. Warton II, S. 64), dasselbe Wort fee bereits im V. 319 vorkommt, und purchase möglicherweise nicht nur Kauf, sondern Erwerb jeder Art heißen kann. Ich gestehe jedoch selbst, die Beziehungen nicht herauszufinden, wodurch diese Gegensätze sich zur Pointe eines treffenden Wortspiels zuspitzen würden.

V. 333. Gutsherr. Auch hier hat der specifische Begriff, den der alt-englische Name des Frankelein einschließt, nicht genau in der Uebersetzung wiedergegeben werden können. Der Ausdruck Freisaß käme zwar etymologisch und dem Wortklang nach näher, war aber, da er sich in dieser Beziehung ebenso sehr und dem Begriff nach noch viel genauer mit freeholder deckt, an dieser Stelle wenigstens, wo es sich um eine bestimmte Klasse der freeholders handelt, entschieden zu vermeiden. Es hatte nämlich neben der normännischen Lehnsverfassung, durch wiederholte Statute aufrecht erhalten, die auf freien Grundbesitz basirte angelsächsische Gemeinde- und Grafschaftsverfassung in ihren wesentlichen Grundzügen stets fortbestanden, zwar in den ersten Jahrhunderten durch das Ueberwiegen der militärischen Interessen unter der Oberfläche der feudalen Strömung sich den Blicken entziehend, später aber, und namentlich unter den drei Eduards um so unwiderstehlicher hervortauchend, als sie jetzt selbst jenen militärischen Interessen unter veränderten Zeitverhältnissen besser zu dienen schien, als die ritterliche Gliederung des Heerwesens »Ueberall aber erscheint der Fußsoldat, den die Lehensmiliz nur als Knecht zu verwenden wußte, als gesonderte Waffe und das Verhältniß des Leicht- und Schwerbewaffneten, des Reiters und des Fußmanns nicht mehr als das Verhältniß des Herrn zum Diener, sondern des Offiziers zum Soldaten.« Gneist, Geschichte des Selfgovernment, S. 158. In derselben Zeit, in welcher auf dem Kontinent das alte Lehnssoldaten- und Kriegsministerialenthum sich zu einem erblichen Stande abschloß, bildeten sich aus dieser gemischten Heeresverfassung in England die Standesverhältnisse der gentry. Das., S. 159.. In den verwaltenden und rechtssprechenden Versammlungen der Gemeinde und der Grafschaft waren nicht allein die unmittelbaren Kronvasallen ( Tenentes in capite) und die normännischen Inhaber von Ritterlehen vertreten (s. Gneist, Adel und Ritterschaft in England, S. 89, Note 26). Vielmehr blieb der Anspruch der letzteren, sich zu einem besondern Stand abzugränzen, erfolglos. Die Würde des Ritters war und blieb eine persönlich verliehene (Gneist a. a. O., S. 78, Note 22). Die Söhne der Ritter betrachteten sich allerdings als vorzugsweise zum Schild geborene Männer ( scuyeres-squieres, s. d. Einl. des Uebers., S. 26) und behielten diesen Namen bei, wenn ihnen nicht persönlich der Ritterschlag ertheilt war. Aber neben ihnen saßen und stimmten in den Grafschaftsgerichten und Wahlversammlungen auch Aftervasallen ( vavassours = valvassores, s. Du Fresne, Gloss. s. v.), zu welchem Stand selbst die bedeutenderen angelsächsischen Grundbesitzer fast in ihrer Gesammtheit hinaufgerückt waren Unter der ursprünglichen Zahl der barones minores sind die meisten unzweifelhaft normännische Ritter. Nur bei wenigen deuten Namen wie Oswald, Eldred u. s. w. auf Sachsen. Gneist, Selfgovernment, S. 122.. Allerdings beschränkt sich die Theilnahme an diesem Gemeindeleben allmählich nur auf die notableren Mitglieder der letzteren Klasse, da die geringeren ( vassalet, valecti = yeomen, s. die Einl. des Uebers., S. 25) theils von selbst wegblieben, theils, als einzelne Versammlungen zu stürmisch und ungeregelt geworden waren, durch einen mäßigen Census ausgeschlossen wurden (s. Gneist, Adel und Ritterthum, S. 89, 90). Solch ein notabler Gutsherr ist der hier geschilderte Frankelein Chaucer's. Damit stimmt genau die Klassifikation bei Fortescue ( De L. L. Angl., c. 29), der ihn neben, aber nach dem Miles (knight) und Armiger (squire), aber vor den libere tenentes (freeholders) und valecti (yeomen) nennt, an welchen letzteren Namen sich immer der Begriff des persönlichen Dienstes knüpft. Der Name Frankelein, durch welchen sich diese bestimmte Klasse von den übrigen freeholders aussondert, scheint mir sich mit den liberi homines ad nullam firmam pertinentes des Domesdaybooks zu decken, »alte Allodbauern, denen zunächst nichts anzuhaben war und die erst allmählich durch die Gerichts- und Finanzpraxis unter das Feudalsystem gebeugt wurden« (Gneist, Selfgov., S. 129, 3). Auch die Wahl des Frankelein zum Grafschaftsdeputirten für das Parlament (V. 358), die Tyrwhitt und Fiedler unerklärlich finden, hat nichts Auffallendes. Es wird bei dieser Wahl allerdings staatsrechtlich vorausgesetzt, daß sie nur einen Ritter treffen kann (Gneist a. a. O., S. 89, 90) und es hieß darum und heißt noch jetzt, sowie in der vorliegenden Stelle unsers Dichters, der Grafschaftsrepräsentant im Unterhause: knight of the shire und wird in alterthümlicher Weise nach der Wahl mit Schwert und Sporn geschmückt. Aber es war durchaus nicht nöthig, daß er jemals den Ritterschlag empfangen hatte. Denn je mehr man anfing, sich dieser lästigen Ceremonie zu entziehen (Gneist a. a. O., S. 84), desto geringer wurde die Anzahl der wirklichen Ritter im Unterhause (das., S. 89), daß aber schon zu Chaucer's Zeit nicht nur »von Ritter Art Geborene«, sondern auch Inhaber größerer Bauerngüter (um nach kontinentalen Begriffen zu unterscheiden) gar nicht ungewöhnlich zu Grafschaftsdeputirten gewählt wurden, würde (auch wenn diese Stelle Chaucer's nicht vorläge) schon aus zwei Umständen mit der größten Wahrscheinlichkeit sich schließen lassen: erstens aus dem freien Veräußerungsrecht der Ritterlehen, die im Laufe der letzten Jahrhunderte eine große Menge adliger Grundstücke aus den Händen chevaleresker Abenteurer und verschwenderischer Hofleute in die der sparsamen, wirthschaftlichen und klugen Nachkommen sächsischer Thane gebracht haben mußte (vergl. Gneist in Ersch und Gruber Enc., Sect. I, 58, S. 322, 1); zweitens aus dem von Tyrwhitt selbst angezogenen Statut 46 Eduards III., wonach von jener Zeit an der Titel squire promiscue und ohne alle Rücksicht auf das Lehnsverhältniß jedem größeren Grundbesitzer zugestanden wurde. Ja, das neu erwachsene Uebergewicht der angelsächsischen Gemeindeverfassung über das Lehnssystem war im Grunde schon durch die früheren Verordnungen Heinrichs III. und Eduards I. implicite anerkannt, wonach alle Lehnsleute von mehr als 20 L. jährlichen Einkommens sich zum Ritterschlag dem König zu stellen hatten (Gneist, Gesch. des Selfgov., S. 225, 213). Von da ab entschied der Census über die generositas und ein frankelein stand, seinen politischen Rechten nach, auf gleicher Linie mit den squires und knights. Und auch für die Parlamentswahlen erhält dies faktische Verhältniß eine rechtliche Anerkennung durch das st. 23, Henr. VI., c. 15, wonach nur Ritter oder 40 L. freeholders, also Gutsbesitzer, deren Grundstücke das Minimum des Werthes eines Rittergutes erreichten, als Grafschaftsabgeordnete gewählt werden sollen. Siehe Gneist, Geschichte der engl. Kommunalverf., S. 218 und in Ersch und Gruber Enc. I, Sect. 58, S. 320 ff., Art. Gentleman.

V. 342. St. Julian, der Heilige und Beschützer der Gastfreundschaft. Nach der legenda aurea (Fol. 90, ed. 1493, Caxt.) und den Gesta Rom. XVIII.

V. 348. Die pariser Handschr. hat die bemerkenswerthe Variante: That the dishes were filled to the brinke. – «Die Schüsseln waren voll bis an den Rand«, die vielleicht den Vorzug vor der im Text gewählten Lesart verdient.

V. 357. Die Session der Friedensrichter, die jetzt alle Vierteljahr abgehalten wird ( Quarter-Session).

V. 358. S. oben zu V. 333.

V. 361. Sherif. Der vom König ernannte oberste Verwaltungs- und Polizeibeamte der Grafschaft. Durch Landvoigt habe ich die von den früheren Erklärern nicht verstandene Benennung countour wiederzugeben gesucht. Countours (narratores bancae) scheinen eine Unterart der Sergeants (z. 311) gewesen zu sein, welche die Relationen abzustatten hatten, die als Grundlage der weiteren gerichtlichen Verhandlungen dienten. So Crabbe, Gesch. des engl. Rechtes, K. XIV, S. 180. Dies würde nun aber sicher nicht auf unsern unstudirten Frankelein passen, der auf keinen Fall die juristische Carriere eines Sergeants durchgemacht hatte. Ebenso wenig die Bedeutung Advokat, die sich aus der oberflächlichen Betrachtung der von Du Fresne s. v. Narrator angezogenen Stellen zu ergeben scheint, aber wiederum nicht mit andern Angaben über sein Amt stimmt. Denn daß er auf jeden Fall ein königlicher Beamter war, erhellt aus Crabbe's Zusammenstellungen (a. a. O., vergl. mit S. 431) mit Sicherheit. Kombinirt man dagegen diese beiden Thatsachen, so ergiebt sich daraus eine Funktion, die ebenso gut für den Sherif paßt, wie der Name countour, narrator für das Amt. Wenn er nämlich, als Nachfolger des normännischen Vicecomes und des sächsischen Ealderman in den Grafschaftsgerichten als Justizbeamter im Namen des Königs auftritt (eine Funktion des Sherifs, die neben seiner verwaltenden Thätigkeit immer mehr zurücktritt und daher eben besonders erwähnt wird), so kann er sehr wohl als advocatus regius gefaßt werden. S. Crabbe a. a. O., S. 23. » Staatsanwalt« würde zuviel sagen, und moderne Anschauungen einmischen. Landvoigt oder Fiskal sind dagegen Bezeichnungen, die theils durch den Klang schon eine frühere Zeit zurückrufen, theils aber durch die Wandelbarkeit des damit verknüpften Begriffs in verschiedenen deutschen Territorien und zu verschiedenen Zeiten denjenigen Spielraum für die Auffassung geben, in welchem auch das fremde Institut Platz hat.

V. 365. Brüderschaft, eine kirchliche Verbindung von Laien, namentlich des Handwerkstandes, wie deren noch in katholischen Ländern bestehen.

V. 378. Madam, schon damals der Titel der Frauen von der Gentry, zu welcher die Aldermen, die sogar sich in den Akten barones nennen, ebenfalls gehören. S. Pauli, Bilder aus Alt-England XII, S. 375.

V. 401, 402. Völlig unverständliche Verse, die, wenn sie sich nicht durch einen unerklärlichen Zufall hieher verloren haben, auf eine vorhergehende Lücke in den Handschr. schließen lassen.

V. 431-36. Die Reihe berühmter Aerzte des Alterthums und Mittelalters wird durch den Gott der Heilkunde selbst eröffnet. Da an die hinterlassenen Schriften des Gottes wohl selbst Chaucer's Romantik nicht gedacht haben kann, so ist die Ironie klar genug. Gallien ist eine den mittelalterlichen Abschreibern wie Autoren geläufige Corruption für Galenus.

V. 446. Gold, ein Specificum in der Pharmacopoe der damaligen und noch späteren Zeit.

V. 456. Ten pounde nach Cod. h.

V. 462. In der Halle vor der Kirchthür wurden früher viele Ceremonien des Trauungsritus (namentlich das Verbinden der Hände) vorgenommen. Warton, Gesch. d. Engl. Poes. II, 201.

V. 470. Leckerhaft (Text gat-tothed), stets bei Chaucer geschlechtliche Lüsternheit bezeichnend.

V. 550. Der Hammel, gewöhnlicher Preis bei ländlichen Kampfspielen und Wetten. Da er als solcher auch noch jetzt bei den Kegelpartien unsrer Dorfgranden vorkommt, so habe ich ihn hier und V. 13,671 seinem männlicheren Verwandten, dem Widder, vorgezogen, den das Original giebt.

V. 552. Harre (Cod. Harl.) statt barre. Nach dem Nomenklator von 1580 der senkrechte Balken an der hintern Thürseite, vermittelst dessen dieselbe am Thürpsosten befestigt ist ( Halliw.). Verständlicher ist die Erklärung des identischen Wortes herre im Prompt. Parv. hinge, Haspe. Für die Uebersetzung kommt es auf eins heraus.

V. 565. Sprüchwörtliche Redensart: »Jeder ehrliche Müller hat einen goldnen Daum.«

V. 569. Der Tempel. Nach Aufhebung des Templerordens (1312) wurde das ihm in London gehörige Ordenshaus zu einem Konvikt für junge Juristen eingerichtet, der noch heute besteht. Der hier erwähnte Schaffner oder Faktor ( maunciple) ist ein Oekonom, der einen Theil der jungen Leute zu bedienen und für ihre Mahlzeiten zu sorgen hatte. Die Art, wie er sich seiner Funktionen entledigte, erhellt genugsam aus dieser Stelle selbst.

V. 625. Der Büttel oder Weibel beim Diakonatsgerichte ist der Exekutor dieser geistlichen Behörde, die im Namen des Bischofs Kirchenstrafen erkannte. Von allen Uebertretungen, die in das Bereich ihrer Strafgewalt fielen, war keine Art für obere wie untere Beamte einträglicher als die der geschlechtlichen Vergehungen. Allerdings hätten dieselben ordentlicher Weise durch Kirchenbußen gesühnt werden sollen; an die Stelle derselben aber waren längst Geldbrüchen getreten.

V. 648. Quaestio, quid juris; die am häufigsten in den Gerichten gehörte Phrase, daher dem Büttel die geläufigste.

V. 660. Der Archidiakonus, der nicht nothwendig Priester sein durfte, war dennoch der erste Vertreter des Bischofs in seiner Stellung als Richter in Kirchen-Disciplinsachen. Ja, sie haben, wenigstens in England, bald die Handhabung des Kirchenrechtes ganz als ihr ausschließliches Amt und Privilegium an sich gerissen. Welchen Gebrauch sie davon machten, erhellt genugsam aus dieser Stelle, die Bestätigung findet in den bittern Klagen des Johannes von Salesbury, Epist. 156. S. Du Fresne, Gloss. s. v. Vgl. V. 6899.

V. 664. Significavit, der Verhaftsbefehl gegen einen Exkommunicirten von den Anfangsworten: Significavit nobis venerabilis pater, H. L,. Episcopus. caet. T.

V. 672. Tyrwhitt's auf den ersten Blick sehr natürliches Bedenken gegen die Annahme, daß hier das spanische Ronceval in den Pyrenäen gemeint sei, findet dadurch seine Erledigung, daß das an jenem Orte ursprünglich für die Pilger von St. Jago vom Bischof Sanchez im Jahre 1131 gestiftete Hospital weite Verzweigungen und ansehnliche Güter und Kirchen in Frankreich und England besaß. (S. H. Helyot's Gesch. der geistl. Orden, Bd. II, C. 28, S. 219). Zu diesen Dependenzen gehörten ohne Zweifel das von Tyrwhitt nachgewiesene Hospital Beatae Mariae in Rouncyvalle, Charing, London und die Runceval-Halle zu Oxford. – Schon im 12. und 13. Jahrhundert wurde durch Konventualen und Laienbrüder von Ronceval aus ein ergiebiger Ablaßkram getrieben, und wenn man die Schilderung dieses Unfugs im Libro de los Gatos liest (s. Knust im Jahrb. für Roman, und Engl. Lit. VI, 2, S. 122), so sollte man fast meinen, Chaucer verdanke einige Farben zu seiner Charakteristik diesem spanischen Gewährsmann. »So gab es auch Almosensammler von Roncesvalles (sagt Knust a. a. O.), die, spanische Tetzel, durch das Land zogen und gutmüthige Leute um ihr Geld prellten, unter dem Vorwande, die Seelen ihrer Eltern aus der Hölle zu erlösen, so wie eintretenden Falles auch die frommen Geber selbst, welche es gerathen finden sollten, schon bei ihren Lebzeiten sich einen Paß durch die Hölle zu erkaufen. Hatten sie das Geld erhalten, so eilten sie davon, um das Eingesammelte den Abend lustig durchzubringen ( Libr. de l. Gastos, c. 45)«. – Daß der römische Stuhl diese in ihrer Branche routinirten Geschäftsleute, die ursprünglich wohl nur im Auftrag und für Rechnung ihres Ordenshauses reisten, gleichfalls als Commis voyageurs benutzte, kann nicht wundernehmen. Ob aber unser Ablaßkrämer, der so zungengeläufig mit den Engländern verkehrt, selbst ein entarteter Sohn Albions oder ein englisirter Welscher sei, bleibt dahingestellt. Aus V. 693 möchte ich das letztere schließen, da kaum anzunehmen ist, daß ein Engländer sich zu so tief einschneidender Akkommodation an südliche Gebräuche herbeigelassen haben würde, wie sie dort angedeutet wird.

V. 683. Die Schaube, eine Kaputze, die damals Laien, wie Geistliche beiderlei Geschlechts an ihren Reisekleidern trugen. Die Männer setzten den Hut noch über die Schaube, wie es u. a. eine Darstellung unsrer Canterbury-Pilger im Cod. Reg. 18. D. II zeigt, mit der das erste Blatt von Wright's Ausgabe geschmückt ist. Vergl. z. V. 16,039.

V. 695. Berwick und Ware, der nördlichste und ein südlicher Ort Englands, zur Bezeichnung des ganzen Landes.

V. 710. Daß dieser lüderliche Bursch als schnödester Vertreter des schnödesten Gewerbes, welches römische Frechheit je betrieben hat, nicht ein Geistlicher sein konnte, wie Tyrwhitt das ecclesiast des engl. Textes faßt, ist wohl aus allem vorher und nachher über ihn Gesagten klar genug. In der That stellt er sich zu den Geistlichen ( clarkes und preestes) V. 12,273 und 12,305 in Gegensatz und noch deutlicher 12,325. Um so empörender erscheint es, daß solchem Gesindel die Kanzeln eines christlichen Landes zur Disposition gestellt waren. S. auch 12263 ff. Ich glaube daher ecclesiast in seinem eigentlichen und ursprünglichen Sinne als Prediger fassen zu müssen; womit nicht im Widerspruch steht, daß der Ablaßkrämer am liebsten Offertorien, d. h. Meßgesänge sang (712); denn damit ist noch nicht gesagt, daß er selbst das Sakrament administrirte; vielmehr eher das Gegentheil, da das Offertorium der Regel nach von einem Chor gesungen wurde, während der Priester das Hochamt verwaltete. S. Hildebertus Cenoman. u. a. b. Du Fresne s. v.

V. 743. »Das Citat aus Plato ist wahrscheinlich dem Boethius ( III, Pr. 12) entnommen.« T. Daß Chaucer, was freilich sich von selbst versteht, nicht aus direkter Quelle geschöpft habe, scheint sein eigener Zusatz andeuten zu sollen.

V. 756. Chepe (jetzt Cheapside), der Theil von London, der als ältester Sitz des Handels (wovon sein Name) und des regsten Verkehrs (s. auch V. 4375) zugleich die reichsten und ansehnlichsten Bürger zählte.

V. 772. S. zu V. 17.

V. 828. St. Thomas' Badeort, » The watering of St. Thomas war am zweiten Meilenstein an der alten Landstraße nach Canterbury. Es wird nicht selten von den älteren Dramatikern erwähnt.« Wright. Ob watering demnach eine Schwemme oder Tränke für Pferde, wie frühere Interpreten meinen, oder, wie es um des Heiligen-Namens willen wahrscheinlicher, ein Bad oder Brunnenort für Menschen gewesen, lernen wir allerdings aus dieser Notiz nicht.

Die Erzählung des Ritters.

Den Stoff zu dieser Erzählung hat der Dichter nicht, wie man aus seinem eigenen Citate (V. 2296) schließen sollte und Warton wirklich schließt, direkt aus Statius entnommen (bei welchem in der That gerade von den Dingen, für die Chaucer auf ihn verweist, nichts zu finden ist), sondern aus der Teseide von Boccaccio. Auch Boccaccio hat keineswegs die Thatsachen der Erzählung aus Statius' Thebaïs entnommen, sondern mit Ausnahme der für den Gang der Fabel ganz indifferenten Einleitung, den römischen Dichter nur als Muster für seinen Ausdruck und als Quelle für mancherlei Schmuck, den er in dem Detail der Beschreibungen entfaltet, benutzt. Solche Züge sind denn durch des Italieners Vermittelung auch in Chaucer's Darstellung übergegangen und darauf beschränken sich Warton's Nachweise. Chaucer hat übrigens die Teseide, die 12,000 Verse in 12 Büchern umfaßt, bedeutend (und zwar nicht zu ihrem Nachtheil) verkürzt. An einzelnen Stellen ist er ihr zwar genauer gefolgt, wie namentlich in der Beschreibung des Marstempels. Jedoch hat er nicht umhingekonnt, zu seiner eignen Erbauung den oft an Bombast streifenden Pomp seines Originals durch einige Humoresken zu würzen. So namentlich 2015-25 und in der Beschreibung der Turnierhelden, V 2130 ff. An andern Stellen hat er die Ueberschwänglichkeit des italienischen Vorbildes ermäßigt und endlich ist er in einigen wesentlichen Punkten in der Motivirung und Ausführung der Handlungen von ihm abgewichen, mit entschiedenem Takt und zum Vortheil für das Ganze, besonders in drei von Tyrwhitt mit Recht hervorgehobenen Umständen. 1) Indem er den Palamon zuerst Emilien erblicken läßt, giebt er ihm einen Vortheil über seinen Nebenbuhler, der die Katastrophe mehr mit der poetischen Gerechtigkeit in Einklang bringt. 2) Das Bild von den beiden jungen Rittern ist nach Boccaccio's Entwurf, wo sie, obgleich heftig in dieselbe Person verliebt, ohne Eifersucht und Neid gegeneinander erscheinen, – wenn nicht völlig widernatürlich, doch auf jeden Fall abgeschmackt und unpoetisch. 3) Bei Boccaccio sieht Emilie ebenfalls die Jünglinge gleich zum erstenmal, aber dies bleibt ohne allen weiteren Erfolg für den Roman. Deßhalb that Chaucer besser, diesen Zug wegzulassen.

Uebrigens hatte Chaucer dies sein Gedicht, bevor er es den Canterbury-Geschichten einverleibte, schon gesondert veröffentlicht, wie aus seiner »Legende von den guten Frauen« (4201) erhellt, wo der Geist Alceste's dem Liebesgotte eine Reihe von Werken unsers Dichters nennt und darunter auch »die ganze Liebe Arcits und Palamons von Theben.« Aber der Zusatz, »doch die Geschichte ist wenig nur bekannt«, scheint darauf hinzudeuten, daß das Gedicht nur wenig Theilnahme im Publikum fand. Chaucer selbst scheint besser davon gedacht zu haben, wie nicht nur ihre wiederholte Herausgabe an der Spitze dieser Sammlung, sondern namentlich auch das Urtheil in dem Prolog zur Erzählung des Müllers lehrt (3111 ff.):

»Und als der Ritter nun zu Ende war,
Erklärte Jung und Alt in unsrer Schaar,
Daß die Geschichte, die er uns beschert.
Vortrefflich sei und des Behaltens Werth.«

Der folgende Vers:

»Besonders lobten sie die feinern Leute«

ist wohl nicht ganz frei von Empfindlichkeit und scheint dem flachen Urtheil der großen Menge für die kühle Aufnahme der Romanze eine Spitze hinwerfen zu wollen. Daß der chevaleresken Sinnesweise des Dichters und seiner zwischen Romantik und Renaissance schwankenden Anschauung Stoff und Ausführung des Gedichtes gleich genehm sein mußte, wird der Leser sofort erkennen, aber nicht minder auch die Schwächen desselben: den Mangel des Maßhaltens in qualitativer wie in quantitativer Beziehung. Die Namen der Haupthelden Palamon und Arcite schließen sich mit geringer Modifikation an die italienischen Formen Palemone und Arcita, diese sind aber mit genauer Innehaltung der italienischen Lautbildungsgesetze aus dem griechischen Palämon und Archytas gebildet. So werden wir nach Griechenland, als dem ursprünglichen Entstehungsort der Fabel, gewiesen. Jedoch würde man sich vergeblich in den klassischen Mythen nach ihren Grundzügen umsehn. Auch zeigt der Name Emilia, den Boccaccio gewiß nicht selbst in so ungehörige Umgebung gebracht hat, daß die Sage entweder bereits eine lange Zeit in Italien von Mund zu Mund getragen, oder daß sie auf dem von romanischen Elementen schon vielfach getränkten Boden des Byzantinischen Reiches entstanden ist. Die Sage muß sich daselbst zu einem weiteren Kreis mit widersprechenden Versionen ausgebildet haben. Denn das epische Bruchstück: »Von Königin Annelida und dem falschen Arcit« fällt in seiner Einleitung im wesentlichen mit unsrer Erzählung zusammen (selbst Emilia taucht hier wieder auf), verfolgt aber später einen ganz andern Faden. Chaucer beruft sich aber in dem Prolog zu letzterem Gedicht theils auf Statius (dem er diesmal wirklich gefolgt ist), theils auf » Corinne«. Schwerlich wird Jemand in diesem Namen einen Nachhall der äolischen Dichterin Corinna (s. Erklärer zu Propert II, 3, 21) suchen, welche allerdings wirklich ein heroisches oder erotisches Gedicht, bald Jolans, bald »die Sieben gegen Theben« genannt, verfaßt zu haben scheint. Vielmehr werden wir an den von Suidas citirten apokryphen Dichter Corinnus zu denken haben, der mit den im Mittelalter so viel gelesenen Fabulatoren Diktys, Dares und Kallisthenes in eine Kategorie gehört zu haben scheint. S. Fabricius, Bibl. Gr. I, p. 16, 17. Bähr in Pauli's R. E. II, S. 642.

Es leuchtet übrigens ein, daß der feudale Apparat der Erzählung, der hier mit dem klassischen Boden Athens einen so seltsamen Kontrast macht, vom Herzog Theseus bis zu der ritterlichen Etikette des Turniers, einen Anhaltspunkt in der Gründung des lateinischen Kaiserthums im Orient und den fränkischen Vasallenherrschaften in Griechenland fand; ebenso, daß Shakespeare das Kolorit seiner Scenerien im Sommernachtstraum unserm Dichter verdankt.

V. 886. Die meisten Handschriften und alle Ausgaben lesen statt templetempest (Unwetter). Ich kann jedoch nur der Begründung der aufgenommenen Lesart durch Tyrwhitt beitreten, da die Teseide des Boccaccio von keinem Sturm etwas weiß und Chaucer auf diese Dinge doch offenbar ganz unbefangen so hinweist, daß man schließen muß, er habe sie irgendwo als Thatsachen berichtet gelesen.

V. 1049. Die Maifeier, in der ritterlichen Zeit im ganzen westlichen Europa hochgehalten und in England jetzt noch nicht völlig außer Gebrauch, ist selbstverständlich ein moderner Zug, den Chaucer in die Sage, wie hundert andre einträgt.

V. 1165. Jenes Alten: des Boethius, L. III, Met. 12. T.

V. 1378. Die Eintheilung des Gehirnes in Zellen nach den verschiedenen sensitiven Fähigkeiten, ist sehr alt und findet sich in mittelalterlichen Manuskripten abgebildet. Sie war eine Vorläuferin der Phrenologie. Die »phantastische Zelle« ( fantasia) war im Vorderkopf. Wright, nach einer Notiz aus dem liber Thesauri Occulti im Ms. Harl., Nr. 4025.

V. 1441. So ner statt of ner. Letztes wohl ein Druckfehler bei T.

V. 1787. Benedicite. Ein sehr häufiger Ausruf, dem εὐφημεῖτε oder bona verba der Alten entsprechend, bei jeder großen und unerwarteten Erscheinung freudiger oder furchterregender Art, um den Schutz der Heiligen gegen Unglück oder Selbstüberhebung anzusprechen.

V. 1938. Cythere, der Inselsitz der Liebesgöttin, wird in Folge der bodenlosen mittelalterlichen Orthographie von allen Dichtern jener Zeit sehr häufig mit dem Berg Cithäron in Böotien verwechselt. Gerade wie hier bei Gottfried von Straßburg. Trist. I. 4987 (v. d. h.) W. Wackernagels Lesebuch I, S. 446.

dâ her von Citerône
dâ diu gotinne Minne
gebiutet ûf und inne.

S. auch unten: 2225, wo bereits Boccaccio in der Teseide mit dieser Verwechselung vorangegangen ist.

O bella dea del bon Vulcano sposa
Per cui s'aliegra il monte Citerone.

V. 1987. Prise ( i. e. prese, wie denn freilich auch wohl zu schreiben wäre) = press, nach Cod H. statt vise.

V. 2027. Trotzdem, daß auch Barbier und Fleischer, wie Wright nachweist, im Patronat des Mars stehen, habe ich mit Tyrwhitt die Lesart der meisten Handschriften ( barbour und bocher) gegen die in der Uebersetzung ausgedrückte verworfen, da ich Chaucer nicht zutraue, daß er jene niedern Gewerbe an der Spitze seiner Schilderung als Hauptrepräsentanten des Mars-Gefolges genannt haben sollte. Für takt- und geistlose Abschreiber lag es freilich nahe genug, die ihnen geläufigeren Wörter statt der seltner genannten ( bowyer und armourer) zu substituiren.

V. 2047. Puella und Rubeus, die Namen zweier Gestalten der Geomantie, welche zwei Konstellationen darstellen. Puella bezeichnet den rückläufigen, Rubeus den rechtläufigen Mars. S. Speght im Gloss.

V. 2064. Dane, natürlich Daphne. Da der Dichter diesen Namen nur aus seiner italienischen Quelle kennt, so glaubt er seinen Lesern diese uns freilich ziemlich spaßhaft klingende Exposition schuldig zu sein. An andern Stellen, wo er aus lateinischen Schriftstellern schöpft, schreibt er richtig: Daphne.

V. 2086. Diana, als Schutzgöttin der Kreißenden: Lucina.

V. 2162. Das Tuch soll nicht den Namen von Tarsus in Cilicien haben, sondern – durch eine Korruption von Tartarin oder Tartarium – einen tartarischen Stoff bezeichnen. S. Tyrwhitt zu d. St. und Warton, H. of Engl. Lit., T. II, S. 146, Note x. – Da in allen den von ihnen angeführten Stellen vermittelnde Uebergangsformen fehlen, so lasse ich die Richtigkeit dieser Hypothese dahin gestellt sein.

V. 2191. Primezeit. Die kirchliche Eintheilung des Tages nach den durch den Messedienst ( Horae) bezeichneten Abschnitten scheint in England viel populärer geworden zu sein als auf dem Kontinent. Dadurch sind aber die Benennungen für diese Abschnitte mit in die fortschreitende Entwicklung des allgemeinen Sprachgebrauchs gezogen und ihre Bedeutung hat sich diejenigen Modifikationen gefallen lassen müssen, die das Bedürfniß des bürgerlichen Lebens ihnen aufnöthigte. Die Erklärung dieser Umwandlungen (die zu Chaucer's Zeit mitten im Gange waren) bietet manche Schwierigkeiten und es erscheint daher angemessen, diese Frage, welche für das Verständniß vieler Stellen unsers Dichters (3904, 10,387, 10,674, 8136, 15,228, 3645, 3655, 9767 Troil. and Cr. II, 1095. V, 1114, 1122, 1130. Conf. Am. 103b. T.) von Wichtigkeit ist, hier im Zusammenhange zu behandeln.

Nach Alfric's Hirtenbrief an den Klerus, § XXXI, A. L. L. ed Thorpe, p. 457 (vgl. Bouterweck, Caedmon, T. I, p. CLXXIX und Du Fresne, Gloss. v. Hora), begann der Tag mit dem Matutinum (Mette, Uchtsang) um 3 Uhr Morgens, d. h. an einem Aequinoktialtage, da die kirchlichen Stunden 1/12 des natürlichen Tags und der natürlichen Nacht (s. z. V. 4422), von Sonnenaufgang und Untergang und umgekehrt, also zu den verschiedenen Jahreszeiten ungleiche Zeiträume umfassen. Es folgt die Prima um 6 Uhr Morgens, die Tertia ( Undernsang) um 9 Uhr; die Sexta ( Middaegsang) um 12 Uhr Mittags, die Nona ( Noon) um 3 Uhr Nachmittags, die Vesper ( Aeftonsang) um 6 Uhr Abends, der Nihtsang 9 Uhr Abends, der mit der Curfew-time zusammengefallen zu sein scheint. – Zunächst ist es nun auffallend, daß derselbe Alfric im Colloquium Uchtsang von Mette unterscheidet und letztere ( daegredlice lof-sanges in der Interlinearübersetzung: matutinales laudes) zwischen erstere und die Prima einschiebt. S. dens. bei Wright, Bibliogr. Brit. I, 500, und Behnsch, Gesch. der engl. Spr., S. 97.

Sodann ist es sicher, daß man zunächst die genannten Namen auf die je dreistündigen Zeitabschnitte ausdehnte, die hinter jede Messe fielen, so daß Prima die Zeit von 6-9 Uhr, Underne die Zeit von 9-12 Uhr M. bedeutete. Für die Prima weist dies Tyrwhitt zu 3904 nach; für die underne erhellt dasselbe aus dem Stadtbuch des Magistrats von Stanford (28, C. IV, von Tyrwhitt citirt zu 8136), wo den Marktverkäufern untersagt wird, ihre Getreidesäcke zum Verkauf zu öffnen vor 10 Uhr nach der Thurmuhr, es sei denn, daß die Undernone-Glocke geläutet sei ( afore hour of ten of the Bell or els the Undernone Bell be rongyn). Darum durfte also Tyrwhitt a. a. O. nicht annehmen, daß die Hauptmahlzeit ( dinner) um 9 Uhr eingenommen sei. Weiter fällt auf, daß die Sexta (12 Uhr M.) gar nicht zu einer populären Bezeichnung wird, sondern daß statt dessen eine umgekehrte Richtung in der Ausdehnung der Meßzeiten auf die durch sie begränzten Zeiträume stattgefunden hat. Wie ich diese Erscheinung erklären soll, weiß ich allerdings nicht. Sicher ist es aber, daß noon, welches im Englischen die Mittagsstunde bezeichnet, diese Bedeutung wirklich schon zu Chaucer's Zeit hatte, ja damals nicht nur für den Mittagspunkt (12 Uhr), sondern selbst für die Zeit von 11 Uhr M. bis 1 Uhr N. gebraucht wurde. Letzteres sagt Chaucer selbst im Aufsatz über das Astrolabium, S. 443 Urry. Ersteres ebendaselbst mit nicht wegdemonstrirbarer Deutlichkeit. S. 449: The veray middage that we clepe None. Deßhalb ist es also entschieden falsch, wenn Tyrwhitt (im Glossar) None (9759 und 9767 und Troil. V, 1114, 22 und 33) für die 9. Stunde des bürgerlichen Tages, also 9 Uhr M. erklärt, wieder mit Berufung auf die von ihm angenommene Zeit des Hauptmahles. Vielmehr weisen beide angezogene Stellen auf die authentische Erklärung Chaucer's hin. Eine interessante Bestätigung gewinnt diese Erklärung durch das Dokument bei Nicolas, History of the Royal Navy II, 48, über die Seeschlacht bei Sluys, die bien après houre de nonne à la tyde stattfand. Am 24. Juni 1340 war aber nach demselben Nicolas die Flut um 11 Uhr 23 Minuten. S. Pauli, Gesch. Engl. III, 372, der jedoch selbst die wirkliche None (um die Jahreszeit circa 4½ Uhr Nm.) wie schon vor ihm Hemingb. versteht, während Froissart dieselbe Stunde als 9 Uhr Morgens gedeutet zu haben scheint, da nach ihm die Schlacht währt de l'heure de prime jusqu'à haute nonne. Zweifelhaft bleibt mir, was Undermele (6457) ursprünglich bedeutete, ob Nachmittag, nach dem Mahle, oder, was wahrscheinlicher ist, die Zeit des Frühstücks (= underne-mele), wobei man dann nach dem oben Gesagten doch nicht grade nothwendig bis zu 9 Uhr Morgens zurückzugehen brauchte. Tyrwhitt und Halliwell entschieden sich indeß für Jenes. In der Voluspa, N. 6 (s. Simrock, S. 385) ist Under Nachmittag. So Underzech im Volksbuch von Faust, 1592, S. 216.

V. 2219. Die einzelnen Tagesstunden (in dem zu V. 2191 angegebenen Sinne von Zwölfteln der natürlichen Nacht und des natürlichen Tages) waren nach der Vorstellung der Astrologen von bestimmten Planeten beherrscht, und zwar in der Weise, daß die erste Stunde nach Sonnenaufgang unter demjenigen Planeten stand, von dem der Tag den Namen führte und diesem die übrigen nach folgendem Cyklus sich anreihten: Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond. – War also, wie in dem vorliegenden Falle, der Tag ein Sonntag, so war die erste Stunde der Sonne, dem Planeten des Tages, heilig, die zweite der Venus, die dritte dem Merkur und so fort, durch den Mond wieder zum Saturn zurück, wodurch wir – bei steter Wiederholung dieses Kreislaufes bis zur letzten Stunde der Nacht – für die dreiundzwanzigste auf Venus kommen; und so sagt denn Chaucer ganz mit Recht, daß Venus' Stunde – zwei Stunden vor Sonnenaufgang gewesen sei. Demgemäß wird uns weiter im V. 2273 gemeldet, daß in der dritten Stunde, nachdem Palamon sich zum Tempel der Venus verfügte, die Sonne aufging, und Emilie sich anschickte, zum Dianentempel zu gehn. Es wird nicht dabei gesagt, daß dies die Stunde der Diana (der Mondgöttin) war; aber sie war es wirklich – nämlich als erste Stunde des Montags, dessen herrschender Planet Luna = Diana ist.

Ferner geht Arcitas V. 2369 zum Tempel des Mars » in Mars' nächster Stunde«, das ist, in der vierten Stunde des Tages (nach der obigen Reihenfolge: Mond, Saturn, Jupiter, Mars). Es sind nämlich, worauf Tyrwhitt mit Recht aufmerksam macht, die Worte the next hour of Mars so zusammen zu fassen, wie es in unsrer Uebersetzung geschehen ist. Denn die nächste Stunde allein genommen, würde die zweite Stunde des Tages bezeichnen; diese aber gehörte nach dem obigen Cyklus dem Saturn. Die vierte war die nächste Stunde des Mars, welche nach der zuletzt erwähnten Stunde (in welcher Emilie betete) eintrat. Trotz dieser durchaus einleuchtenden Auseinandersetzung, in der wir wesentlich Tyrwhitt gefolgt sind, glaubt dennoch Fiedler den Dichter eines Versehens zeihen zu müssen. Hierzu war es denn freilich nöthig, daß er erst den V. 1363 falsch übersetzte:

» Die nächste Stunde ist dem Mars geweiht«,

und dann den so gewonnenen Irrthum gründlich widerlegte.

V. 2271. S. zu 2219. Im Text steht »ungleiche« Stunde, was sich nach dem oben Gesagten von selbst versteht.

B. 2296. Bei Statius ist darüber kein Wort zu finden. S. die einleitende Anmerkung zu dieser Erzählung.

V. 2629. Der Vers ist in den Handschr. corrupt. Galaphey ist eine Vermuthung Tyrwhitt's, da Galapha als eine Stadt Mauretaniens genannt wird.

V. 2632. Belmaria. S. z. V. 57.

V. 2735. To gree statt The gree. Die Erklärung Tyrwhitt's für die Lesart der Handschr. ergiebt keine brauchbare Konstruktion.

V. 2814. Aus keiner Stelle leuchtet die Ironie, mit welcher Chaucer seine poetischen Quellen behandelt, klarer hervor als aus dieser. Denn grade Boccaccio, dem er im Uebrigen ja vielfach wörtlich gefolgt ist, hat hier eine ausführliche Beschreibung der Himmelfahrt des Arcitas, und noch mehr, Chaucer hat diese Beschreibung an einer andern Stelle (Troil. I, 1806 ff.) selbst benutzt.

V. 2925. Was für eine Holzart mit whipultree gemeint sei, gestehe ich nicht zu wissen. Offenbar eine sehr zähe. Denn jetzt kommt das Wort nur in der Bedeutung des Querschwengels vor, an welchen die Stränge des Pferdegeschirrs befestigt werden. Es dient dazu meist eine zähe Eschenart.

B. 2993. Nach Boeth. Consol. Phil. II, met. 8:

»Denn die Kette der Wesen knüpft
Amor, Herrscher von Meer und Land,
Ja des Himmels Gebieter selbst.«

Prolog zur Erzählung des Müllers.

V. 3126. Pilatus' Stimme – so wie Pilatus in den alten Mysterien und Mirakeln, den Vorläufern des geregelten Dramas, zu sprechen pflegte (s. zu V. 3384). Pilatus, als ein gehässiger Charakter, sprach wahrscheinlich mit harscher und kreischender Stimme.

V. 3166. Im Cod. h. folgen hier die zwei Verse:

»Ja unter Tausend ist kaum eine schlecht,
Das weißt du selber, überlegst du's recht.«

Diese Schmeichelei gegen das weibliche Geschlecht erschien mir aber im Munde des Müllers nach der sonstigen Charakterzeichnung desselben zu stark, als daß ich sie auf die Autorität einer Handschr. hin in den Text aufzunehmen gewagt hatte.

Die Erzählung des Müllers.

Chaucer's Quelle für diese Erzählung ist bis jetzt nicht nachgewiesen. Hippisley ( E. E. L., p. 176) will dieselbe Geschichte auch bei dem italienischen Novellisten Masuccio gefunden haben. Uebrigens ist diese Frage hier von um so weniger Bedeutung, da die vollkommen originelle mit schärfster Lokalfärbung durchgeführte Behandlung des Stoffes, die wirklich dramatisch geschürzte Intrigue sammt der hochkomischen Katastrophe so wie die wunderbare Anschaulichkeit der Charakteristiken, die, weit entfernt, den Gang der Handlung aufzuhalten, sie vielmehr überall motiviren und fördern und in munterster Lebendigkeit den Faden fortspinnen helfen – da, sage ich, diese Vorzüge alle Chaucer's freistes Eigenthum sind und diese Erzählung trotz ihrer eulenspiegelhaft schmutzigen Grundlage vielleicht zu der besten und vollendetsten der ganzen Sammlung machen. In der That wird der unsittliche Keim der Handlung so sehr bloß zum Ausgangspunkt für die erfindungsreichen Listen des Studenten, die Darstellung des Sieges der Schlauheit über die dumme Ehrlichkeit so sehr zur Hauptsache gemacht, daß der Triumph selbst nur wie beiläufig erwähnt wird, und dabei jeder Gedanke an Lüsternheit schwindet. Ebenso erscheint die massive und schmutzige Zote – wahrscheinlich der älteste Zug des volksthümlichen Schwankes, so wie derjenige, welchen die Tradition der Gassenhauer noch bis zum heutigen Tage erhalten hat – bei Chaucer nur als ein Mittel, den kolossalen Kontrast zwischen der verhimmelnden Liebessehnsucht des Küsters, hinter der sich doch nur ein feinerer Sinnenkitzel versteckt, und der derben animalischen Geschlechtslust des verkühlten jungen Paares auf die Spitze zu treiben. Das Alles ist nun zwar sehr grob und schamlos und wir würden es einem modernen Dichter nicht verzeihen, wenn er sich diesen Stoff zu seinen eigenen Produktionen wählte, zumal wenn er, wie Langbein es gethan, mit rechtem Wohlgefallen in dem Schmutz und der Gemeinheit umherwühlte; für einen Poeten in Chaucer's Zeitalter dagegen, in welchem solche Kontraste auf der Oberfläche des wirklichen Lebens vor allen Augen dalagen, konnte ihre Darstellung nichts Verfängliches haben. Der Historiker wird sie als einen der schätzbarsten Beiträge zur Sittengeschichte des englischen Mittelalters würdigen und der Aesthetiker vom Standpunkt der komischen Technik sie als ein kleines Meisterwerk anerkennen müssen.

V. 3187. Oxenford, die alte Namensform der bekannten Universitätsstadt.

V. 3188. Die Uebersetzung zeigt hinlänglich, wie hier gestes und 3203 hostelrie zu verstehen sei. Ueber die hospitia, welche in den beiden Universitätsstädten vor der Errichtung der Kollegien den Studenten Unterkommen gewährten, s. Tyrwhitt z. d. St. und Warton, Gesch. d. Engl. Lit. II, S. 191. In dieser wie in mancher andern Beziehung glich das englische Leben des vierzehnten Jahrhunderts bei weitem mehr der deutschen Art und Gewohnheit, als das jetzige.

V. 3208. Almagest. Das bekannte astronomische Werk des Ptolemäus μεγάλη σύνταξις das durch Vermittelung der Araber dem Occident zugekommen war (daher der arabische Name).

V. 3210. Ehe das arabische Ziffersystem sich im Abendland eingebürgert hatte, war der Gebrauch von Rechentafeln ( abaci) mit Steinen, wie man ihn aus dem klassischen Alterthum überkommen hatte, bei jeder umfänglichen Rechnung unentbehrlich.

V. 3216. Der Angelus ad Virginem ist ein Kirchengesang, die Königsweise ( Chant royal) nach Pasquier ein Gesang zu Ehren Gottes, der heiligen Jungfrau oder von irgend einem andern würdigen Inhalt, besonders wenn er im klagenden Ton gehalten war. Das Versmaß waren Stanzen, welche mit einem Envoy schlossen, einer rekapitulirenden Stanze, oder einer Dedikation. S. Warton a. a. O., II, S. 221.

V. 3227. Cato. Unter diesem Namen geht eine Sammlung von Distichen moralischen Inhalts, die im Mittelalter sehr verbreitet war. Der vorliegende Spruch findet sich allerdings nicht darin, wohl aber in einem ebenfalls viel gelesenen lateinischen Spruchbuche, dem Facetus. Uebrigens kann er auch auf anderm Wege zu Chaucer gedrungen sein, da seine ursprüngliche Quelle ein bekanntes Epigramm des Kallimachus ist.

V. 3255. Rosenobel, auch Nobel schlechthin, bekannte Goldmünze, die im Tower von London geschlagen wurde, worauf das Original anspielt.

V. 3273. Oseney, eine Abtei in der Vorstadt von Oxford.

V. 3291. Thomas von Kent. Thomas a Becket.

V. 3299. Lies wile statt while.

V. 3318. Die Übersetzung verdeutlicht schon, was der Text unter Poules windowes meint. Die bekannten Schnabelschuhe der mittelalterlichen Stutzer waren in Quarrées gemustert, die ihnen ein ähnliches Ansehen gaben wie gothische Spitzbogenfenster. Von diesen calcei fenestrati (über diese s. Tyrwhitt z. d. St. und Warton a. a. O., S. 194, Anmerk. 9) giebt Wright z. d. St. ein paar veranschaulichende Abbildungen in Holzschnitt nach den in Mr. C. Roach Smiths interessantem Museum aufbewahrten Exemplaren.

V. 3322. Der Cod. Harl., hat die Variante: shapen with gores in the newe get. »Mit Zwickeln nach dem neusten Schnitt und Bau.« Die Wahl ist in der That schwer. Eine der Lesarten muß einem nicht ungeschickten Abschreiber zu verdanken sein, der eine in seiner Zeit aufgetauchte neue Mode ironisch verewigen wollte.

V. 3359. Im Original: Shot window. Wright quält sich vergeblich mit gelehrten Konjekturen über Schießscharten-Fenster u. dergl. Shot window ist einfach ein Fenster mit einer Ziehklappe, das jetzige Sash-window, welches in England mehr und mehr das früher gebräuchlichere lattice-window, unserm deutschen Fenster entsprechend, verdrängt hat. Schott (Schoß) bezeichnet noch jetzt im Nordd. eine auf- und zuzuschiebende Klappe. Daß unser Dichter, und wozu er ein solches leichter zu öffnendes Fenster gebraucht, wird aus dem Verlauf der Erzählung klar werden.

V. 3378. pyment statt pinnes, nach Cod. Harl.

V. 3384. In den geistlichen Spielen (s. z. B. 3126), zu denen Gerüste auf dem Markte, auf den Kirchhöfen, oder selbst in der Kirche aufgeschlagen wurden (s. Warton a. a. O. II, S. 18 ff.), war die Rolle des Herodes eine der hervorragendsten und beliebtesten und ihre Erwähnung wird jedem Leser Shakespeare's die berühmte Wendung in Hamlet von dem »überherodischen Vortrag« ins Gedächtniß rufen, die damals auch bei dem größten Hörerkreis auf ein augenblickliches Verständniß rechnen konnte. Natürlich durfte der Küster bei diesen Darstellungen nicht fehlen und wurde ohne Zweifel mit einer hervorragenden Rolle bedacht.

V. 3387. Das Bockshorn blasen. Wright stellt die gelehrte Vermuthung auf, daß »wahrscheinlich dieser Dienst gewöhnlich nicht bezahlt zu werden pflegte.« Das sollte ich allerdings auch meinen; ebenso wenig wie der, »auf einem Epheublatt zu pfeifen«, durch welche Metapher V. 1840 das Fehlschlagen eines heiß erstrebten Wunsches bezeichnet wird. Dort hat die Uebersetzung eine entsprechende deutsche Phrase substituirt. Hier glaubte ich, daß auch die englische jedem Leser, der seine gesunden Sinne mitbringt, ohne weiteres verständlich sein werde.

V. 3449. Frideswide, Schutzpatronin einer bedeutenden Priorei in Oxford, und von hohem Ansehn in der ganzen Stadt. Tyrwhitt.

V. 3457. Jenem, Thales von Milet, den nach Plato im Theätet dieser Unfall betraf. Natürlich hat Chaucer die Anekdote nur aus einer abgeleiteten Quelle, wahrscheinlich dem Cento novelle antiche, N. 36, geschöpft.

V. 3483 ff. Holpriger Vers und schlechter Reim, so wie der liebliche Unsinn des Inhaltes bezeugen die Echtheit dieser Zauberformel oder das Geschick des Dichters, seiner Diktion den Anschein volksthümlicher Ueberlieferung zu verleihen. Denn dem Aberglauben gilt die Unverständlichkeit als mystische Tiefe und die halbrohe Form erhöht die magische Wirkung durch den Schein ehrfurchtgebietender Alterthümlichkeit. Es ist daher fast komisch anzusehn, wie die gelehrten Erklärer sich um das weiße Paternoster und die ihnen gänzlich unbekannte Schwester des heiligen Petrus abmühen, ja die Echtheit der letzteren durch den unreinen Reim für mehr als verdächtig halten.

V. 3516. Da offenbar eine genauere Bezeichnung der Nacht stunde, nicht der Jahreszeit zu erwarten ist, so kann ich nicht glauben, daß quarter night nach der Analogie von quarter day als Quatembernacht zu deuten ist. Ich habe daher mit Berücksichtigung von V. 3553 und 3655 die Zeitangabe, die in jenem Ausdruck enthalten sein mag, annähernd auf 10 Uhr Abends fixiren zu dürfen geglaubt.

V. 3542. All seine schwarzen Hammel. Man würde sich allerdings vergeblich in der Genesis nach diesen Thatsachen umsehn. Vielmehr verdanken sie der erfinderischen Phantasie derselben Mirakelspiele ihren Ursprung, deren wir schon einigemale gedacht haben. Und für den vorliegenden Fall sind wir so glücklich, sogar das specielle Mysterium nachweisen zu können, das aller Wahrscheinlichkeit nach Chaucer bei dieser Anspielung vorgeschwebt hat. Es ist das dritte unter den Spielen zur Pfingstfeier in Chester, welches von der Kompagnie der Wasserträger aufgeführt wurde (aus M. Harl., N. 2013, abgedruckt, London 1818) und den Titel führte de diluvio Noae. Es sei mir erlaubt, die betreffenden Stellen nach der Uebersetzung Fiedler's mitzutheilen, dessen natürliche Unbeholfenheit in der Kunst des Versbaues ihn vorzugsweise zur Uebertragung dieser Art von Poesien befähigt.

Noa sagt zu seiner Frau:

Weib, komm herein und sei gescheidt!
Hartnäckig bist du, bei meinem Eid!
Ich bitt' dich, komm! 's ist hohe Zeit;
Sonst wird die Flut uns fassen.

Die Frau antwortet:

Nein, Herr! geht ihr allein an Bord,
Setzt ein die Segel, rudert fort,
Denn darauf geb' ich euch mein Wort,
Daß ich die Stadt nicht will verlassen.
Nehmt meine Basen ihr nicht an,
Keinen Fuß breit geh' ich weiter dann.
Sie ertrinken nicht bei St. Johann,
Sie liebten alle sehr mich fast,
Drum ein sie in den Kasten laßt!
Sonst rudre ab, wenn Lust du hast,
Magst dir ein ander Weib erwerben.

Endlich bringt sie Sem mit dem Beistand seiner Brüder mit Gewalt in die Arche und sie giebt Noa, der sie bewillkommt, eine Ohrfeige statt der Antwort.

V. 3553. Im Text: curfew-time, die letzte Messezeit vor Mitternacht. S. z. 2192.

V. 3655. Ueber die Frühmette (laudes), eine Zeitbestimmung, die unter diesen Umständen nicht ohne Bosheit ist. S. z. V. 2192.

V. 3766. Benedicite. S. z. V. 1787.

V. 3768. very trot (statt Viretote), eine Konjektur, deren Bestätigung der Cod. Harl. (verytrot) bringt.

V. 3769. St. Neotus, Mönch in Glastonbury, später Eremit in Cornwall, † 877.

Prolog zur Erzählung des Verwalters.

V. 3886. Der Zahn des Füllens (vergl. V. 6184) ist ähnlich zu verstehen wie der Ziegen- (oder Katzen-) Zahn, V. 470, der zunächst die leckerhafte, dann die lüsterne Neigung in andrer Richtung bezeichnet.

V. 3904. Primzeit, S. 2191.

V. 3905. Was den Dichter zu diesem Ausfall auf die Bewohner Greenwichs veranlaßt, vermag ich nicht zu sagen.

Die Erzählung des Verwalters.

Vor Chaucer ist dieser Stoff behandelt von Jean da Boves (13. Jahrh.) in dem Fabliau: De Gombert et de deux clercs (in Barbazan's Sammlung der Fabliaux et Contes Par. 1808 III, 238-244; erste Ausgabe II, 115-124) und von Boccaccio im Dec. Giorn. IX, Nov. 6 – und von Späteren häufig nachgeahmt, aber von keinem mit der Genialität unsers Dichters, der in der selbständigen Durcharbeitung und Specialisirung mit ähnlichem Geschick verfährt, wie in der vorhergehenden Geschichte. Die Lokalfärbung erstreckt sich bis auf das Idiom der Studenten, die er im Yorkshire-Dialekt redend einführt, s. z. B. 4012. Das erste Beispiel von dem eigenthümlichen Zug der englischen Literatur, der sich durch Shakespeare's Dramen und Scott's Romane hindurch bis in die neueste Novellistik erhalten hat. Die deutsche Uebersetzung mußte ihn natürlich aufgeben. Uebrigens hat Fiedler es wahrscheinlich gemacht, daß Chaucer beide obengenannten Vorgänger benutzt hat und zwar in erster Linie Jean de Boves, Boccaccio in einigen Nebenzügen.

V. 3929. Ich habe buchstäblich nach dem etymologischen Zusammenhang der Wörter das Englische popper durch Puffer übersetzt, will aber damit nicht behaupten, daß die Anwendung des Schießpulvers auf kleine Gewehre schon zu Chaucer's Zeit verbreitet gewesen, was zu beweisen ich mich allerdings außer Stande sehe. Indessen ist die wahre Bedeutung des Wortes auch den englischen Erklärern unbekannt, und mit Hieb- und Stichwaffen sehen wir unsern Müller schon so vollständig ausgerüstet, daß wir uns nicht entschließen können, mittelst Speght's Erklärung ( bodkin, Dolch) ihm noch eine zuzulegen.

V. 3931. Sheffield, schon damals seiner Stahlmanufakturen und Messerschmieden wegen berühmt.

V. 3953. Hosen, könnten auch Strümpfe sein – oder richtiger beides zusammen zu einem Stück gewebt – auf jeden Fall aber gewebte Unterkleider; denn nur dies bezeichnet das englische Wort hose.

V. 3954. Madame. S. z. V. 378.

V. 3988. Söllerhalle. In Cambridge gab es schon zu Chaucer's Zeit sechs Kollegien (s. z. V. 3188), auch Hallen genannt. Nach einer Tradition (s. Cajus, Hist. Acad., p. 57, und Fuller, History of the Univ. of Cambr., S. 86, Ausg. v. 1840) soll unter der Söllerhalle, die sich durch einen Ueberbau von den andern kenntlich gemacht haben muß, die Clarehalle gemeint sein. Wright z. d. St.

V. 4013. Strother. Dies soll das Thal von Langstroth, oder Langstrothdale, der obere Theil von Wharfdale im West Riding von Yorkshire gewesen sein, nach Dr. Whitaker, Hist, of Craven., p. 493. Herr Dixon, dem Wright's Ausgabe III, S. 319 f. ein anmuthiges Phantasiebild aus dem Studentenleben Chaucer's und den reelleren Holzschnitt einer Ansicht des heutigen Langstrothdale verdankt, glaubt die Mundart dieses Bezirks in dem Dialekt der beiden Scholaren wiederzuerkennen.

V. 4113. Der durch Rinaldo's Streitroß berühmt gewordene Pferdename ist so alt, wie die französische Sprache. Er bezeichnet eigentlich nur die Farbe: Rothbraun (Badius, Varro b. Non. 80, 2). Wie sehr aber die Stelle an witziger Bedeutung gewinnt, wenn wir das Wort nicht als Appellativ, sondern als Eigenname fassen, liegt auf der Hand. Ebenso sicher ist es, daß unserm Dichter nicht nur die uralte Karlssage, sondern auch speciell das französische Volksbuch Histoire de Maugis d'Aygremont et de Vivien son frère, das nebst andern Prosaromanen schon im Anfang des 13. Jahrhunderts aus noch älteren Chansons zusammengelesen war, recht wohl bekannt sein konnte. In diesem spielt aber Rinaldo's Roß schon eine hervorragende Rolle. Nicht minder in dem ebenso alten Roman: Quatre Fils Aymon. S. Regis, Glossar zu Bojardo, Art. Bayard, S. 377, und Malagis, S. 416.

V. 4125. Der heilige Cuthbert (starb 688), dessen Leben Beda beschrieben hat, nicht zu verwechseln mit dem berühmten Bischof von Hereford und späterm Erzbischof von Canterbury, der den letzteren Sitz im Jahr 740 bestieg.

V. 4153. Ein ostpreußischer Provinzialismus, der den Wortlaut der englischen Phrase ebenso genau wiedergiebt wie ihren Sinn.

V. 4284. Beim heil'gen Kreuz von Bromeholm. »Stücke vom wahren Kreuz Christi bildeten, nach der Sage, das Kreuz der Priorei von Bromeholm in Norfolk, das mit großer Ceremonie im Jahr 1223 nach England gebracht ward und ein sehr populäres Ziel für Pilgerschaften wurde. Beim Kreuz von Bromeholm scheint damals ein sehr gewöhnlicher Schwur gewesen zu sein, er findet sich bei Pierce Ploughman u. a.a.O.« – Wr.

Prolog zur Erzählung des Kochs.

V. 4345. Da Jack unter seinen unzähligen Bedeutungen auch die in der Uebersetzung gegebene – Hecht – hat, so wüßt' ich nicht, was derselben entgegenstände, bis man Jack of Dover als Benennung eines andern Küchenproduktes wird nachgewiesen haben. Daß der Vorwurf den Koch als eine Uebertretung der sprüchwörtlichen Regel: »Frische Fische, gute Fische« besonders hart treffen mußte, empfiehlt unsre Annahme nur. Freilich fehlt mir für die besondre Vortrefflichkeit der Dover-Hechte jeder Nachweis. Möglich, daß der Name nur die Art der Zubereitung bezeichnete.

V. 4355. Fläminge (Flamländer) waren im Laufe der beiden vorigen Jahrhunderte zu verschiednen Malen nach England, theils als Söldner, namentlich zur Besatzung der Grenzvesten gegen Wales, theils in nützlicherer Eigenschaft als Tuchweber in die nordwestlichen Distrikte gezogen worden. Sie hatten in London ansehnliche Kaufhäuser, und scheinen, da sie sich in zusammenhängenden Kolonien niederließen und durch Zuzüge aus ihrer Heimat verstärkten, ihr niederdeutsches Idiom lange bewahrt zu haben. S. z. V. 15,400.

Die Erzählung des Kochs.

Schon der Prolog dieser Erzählung, welche selbst nur ein Bruchstück geblieben ist, zeigt durch einen Vergleich mit dem zu der Erzählung des Stiftsschaffners, daß Chaucer den Plan zur Anlage der Canterbury-Geschichten wiederholt geändert hat und zu der Zeit, da er die Hand von dem Manuskript, wie es uns jetzt in seinen Kopien vorliegt, abzog, noch zu keinem definitiven Entschluß über seine letzte Gestaltung gekommen war. Denn die oben angezogene Stelle, welche die an den Koch gerichtete Aufforderung zu erzählen enthält, setzt klar voraus, daß derselbe noch keine Geschichte vorgetragen habe. Ob nun Chaucer jene Stelle oder diese nochmals in letzter Hand würde abgeändert haben, ob er diesen oder jenen Prolog zuerst geschrieben habe, das läßt sich allerdings jetzt ebenso wenig bestimmen, als sich die andre Frage lösen läßt, ob das hier dem Koch in den Mund gelegte Bruchstück schon früher begonnen, als der Dichter noch nicht an seine Einreihung in diesen Cyklus dachte und aus unbekannten Gründen vorläufig zurückgelegt sei, oder ob er dasselbe gleich für diesen Zusammenhang verfaßt und der Tod oder ein andrer Umstand ihn an der Vollendung gehindert habe. Uebrigens findet sich in mehreren Handschriften hinter V. 4420 ein Reimgedicht (die Geschichte von Gamelyn) angefügt, das sich durch Form und Inhalt sofort als ein dem Genius Chaucer's entschieden fremdartiges Produkt verräth und daher mit Recht von Tyrwhitt fortgelassen ist. Wright hat es aus dem Cod. Harl. von neuem abdrucken lassen. Auch ist es nicht ohne alles literarisches Interesse, da es die ersten rohen Grundlinien zu dem lieblichen Drama, »Wie es Euch gefällt«, bietet, obschon Shakespeare es erst durch Vermittelung von Euphues' »Goldnes Vermächtniß« gekannt zu haben scheint, welches letztere klärlich auf Gamelyn gebaut ist. S. Wright zu Gamelyn, S. 176. Die Einschiebung in die Handschriften erklärt sich leicht, wenn wir annehmen, daß der erste Abschreiber, der sie vornahm, in seinem Original eine Lücke gelassen fand, die er durch eine der Entstehung nach ziemlich gleichzeitige Erzählung auszufüllen für gut hielt.

V. 4375. Chepe (Cheapside), der damalige Mittelpunkt des geschäftlichen und bürgerlichen Lebens der Hauptstadt (V. 756) und daher natürlich der Schauplatz und Ausgangspunkt jedes Festgepränges und aller der öffentlichen Aufzüge, an denen das Mittelalter so reich war.

V. 4394 f. Geige und Laute accompagniren sich gegenseitig.

V. 4400. Newgate, bekanntes Polizeigefängniß in London.

Prolog zur Erzählung des Rechtsgelehrten.

V. 4422. Die früheren Erklärer (Tyrwhitt und Fiedler) werfen unserm Dichter trotz der anscheinenden Genauigkeit in der astronomischen Zeitbestimmung einen groben Rechnungsfehler vor. Wenn man aber den Ausdruck des Originals » artificial day« als mittlerer Tag, d. h. von 6 Uhr M. bis 6 Uhr A., so wie es in der Uebersetzung geschehen, versteht, und wie in der That Jedermann, der von den astrologischen Sonderbarkeiten abstrahirt, diesen Ausdruck verstehen muß, so stimmt, nach der Berechnung meines geehrten Freundes, des Prof. Scheck, das Resultat mit Chaucer's Angabe überraschend genau. Es würde nämlich für die londoner Polhöhe und den 5. Mai (= 28. April a. St. des J. 1360), die Sonnenhöhe um 9½ Uhr früh 43° 79', um 10 Uhr 47° 12' betragen. Es ist demnach die erste Bestimmung ¼ Tag, ½ Stunde und mehr, die der Dichter selbst giebt, so genau, wie ein Dichter, ohne auf Minuten und deren Bruchtheile einzugehn, nur sein kann, die zweite Bestimmung, die dem Wirth zugeschrieben wird, immer noch in Bausch und Bogen gerechnet, genau genug.

Allerdings darf ich nicht in Abrede stellen, daß Chaucer im »Astrolabium« (S. 444b Urry) den »künstlichen Tag« als die Zeit von dem Aufgang bis zum Untergang der Sonne (also grade was wir den natürlichen Tag nennen) definirt, den natürlichen dagegen als die Zeit einer ganzen Umdrehung der Sonne innerhalb vier und zwanzig Stunden: also den bürgerlichen Tag im Gegensatz zu dem astronomischen Tag Da die genannte Schrift seit Urry nicht wieder herausgegeben ist, so folge hier die ganze Stelle: But the daye naturell that is to sayne 24 hours, is the revolution of the equinoctiall with as moche partye of the zodiake as the sonne of his proper mowinge passeth in the mene while.. Hiemit übereinstimmend Canterb.-Gesch. 10,430. Dagegen erklärt er den gemeinen Tag ( day vulgare) beinahe gleichlautend mit dem künstlichen als die Zeit vom Anfange des Tages bis zur wirklichen Nacht Fro springe of the day unto the veray night. . Es ist möglich, daß er hier die Morgen- und Abenddämmerung mit einrechnet, dort nicht. Auf jeden Fall aber ist es am gerathensten, den wirklich mehrdeutigen Ausdruck in der dem Dichter günstigsten Weise zu interpretiren, statt ihm, der ein Liebhaber, und so weit die Kenntniß der Zeit überhaupt ging, ein Kenner der Astronomie war, einen von ihm selbst bei den Haaren herbeigezogenen Verstoß gegen seine Lieblingswissenschaft zuzumuthen.

V. 4467 ff. Diese Verse sind für die Chronologie von Chaucer's Schriften nicht unwichtig. Die Geschichte von Ceyx und Alcyone (der beiden zärtlich Liebenden, welche in Eisvögel verwandelt wurden) hat er nach der meisterhaften Erzählung Ovid's ( Metam. XI, V. 410 ff.) in der Einleitung zum Book of the Duchesse behandelt. Als zweites Werk nennt er Cupido's Heil'gen-Chronik, sonst als » die Legende von den guten Frauen« bekannt. Theils finden sich die hier aufgezählten Geschichten nun in der That in der uns überlieferten Redaktion. So die von Thisbe, Dido, Hypsipyle (der unglücklichen Geliebten des Jason), Medea, Lucretia, Ariadne, Phyllis (der Geliebten des Demophoon, die in einen Mandelbaum verwandelt wurde), Hypermnestra – sämmtlich, wenn wir den Literarhistorikern trauen dürften, aus Ovid's Heroiden geschöpft – denen sie aber in der That nur die Namen und einige Schlußwendungen verdanken, während sie das Material aus andern, zum Theil abgeleiteten Quellen entlehnen. So Lucretia aus Ov. Fast. II, 756 ff.; Thisbe und Philomela aus Met. IV, 50 ff. und VI, 455 ff.; Dido aus Virg. Aen. I und IV; andere, wie Hypermnestra, Hypsipyle und Medea (trotz V. 1455) aus zweiter Hand. Dagegen fehlen die Geschichten von Dejanira, Hero, Helena, Briseis, Laodameia, Penelope und Alcestis in der uns erhaltnen Sammlung. Es ist schwer zu sagen, ob wir annehmen sollen, daß sie verloren gegangen seien, oder ob Chaucer sie nur im Entwurf fertig hatte und sie noch vor Herausgabe der Canterbury-Geschichten seiner Legende hinzuzufügen gedachte. Letztere Ansicht wird allerdings durch die Einleitung jenes Gedichtes entschieden unterstützt. Denn sie läßt dem Dichter die Legende als ein offenes Buch erscheinen, zu dessen allmählicher Ausfüllung er auf das Gebot seines als Maßlieb ( dayesye) erscheinenden Ideals der Weiblichkeit (das sich ihm später als Alcestis selbst enthüllt) sein ganzes Leben anwenden soll (V. 437-440). Das Buch scheint ursprünglich auf zwanzig weibliche Namen berechnet zu sein. (V. 283, vergl. mit 301 und 554-557 und Court of Love 108, Lydgate [und nach ihm Tyrwhitt] im Prolog zur Uebersetzung von Boccaccio's »Fall der Fürsten« (bei H. Nicolas Life Chauc., p. 101), der von 19 spricht, hatte Alceste selbst übersehen.) Cleopatra sollte den ersten (V. 566), Alcestis den letzten Platz einnehmen (V. 550). Ersteres ist geschehen. Aber nur 10 Frauen sind in 9 Erzählungen aufgeführt (Medea und Hypsipyle zusammen). Von den hier nicht genannten Cleopatra und Philomela. Uebrigens hat Lydgate selbst, der in der nächsten Generation nach Chaucer lebte, nicht die Zahl 19 ausgefüllt gesehen. Er erklärt den Mangel aus der Unmöglichkeit, so viele Beispiele vollendeter weiblicher Tugend aufzufinden (a. a. O., S. 101, N. 4).

V. 4488. Das dürre Eiland, entweder auf Lemnos oder auf Naxos zu beziehen. Dort wurde Hypsipyle von Jason, hier Ariadne von Theseus verlassen.

V. 4497. Canace, eine ebenfalls von Ovid in den Episteln behandelte Erzählung (Heroid. XI).

V. 4501. Die längste und am besten erzählte Geschichte in den Gesta. Romanorum (N. 153 in Gräße's Uebersetzung von 1842; Warton, H. E. P. I, p. CLXXXII f.), in welche sie unmittelbar aus einer sehr alten griechischen Quelle oder deren Uebersetzung Aufnahme gefunden haben muß. Sie ist entweder noch in heidnischer Zeit oder doch in einer Periode geschrieben, wo die antiken Reminiscenzen noch frisch und allgemein verständlich waren. Die wenigen Anspielungen auf das Christenthum liegen so locker und unverarbeitet darin, daß man sie durch Klammern ausscheiden kann, ohne die Erzählung selbst zu berühren. Es geht daraus hervor, daß sie nicht im Volksmund hin- und hergetragen sein kann, ehe sie in jene mittelalterliche Sammlung eingefügt wurde. Sie würde sich sonst den umwandelnden Einflüssen der mittelalterlichen Denk- und Anschauungsweise nicht haben entziehen können. Ein äußeres Zeugniß für ihr Alterthum ist ihre Uebertragung in das Angelsächsische. S. die Anm. zu Warton a. a. O., II, S. 133; Gräße, Allg. Lit.-Gesch. III, 1, S. 437; Leo, Angelsächs. Sprachpr., Halle 1838, S. 32. Doch glaube ich, daß selbst Barth ( Advers. LVIII, c. 1) ihre Entstehungszeit, wenn er das 9. Jahrhundert dafür angiebt, noch zu tief herabdrückt. Denn Erfindung und Anordnung des Stoffes erinnern auf das entschiedenste an die romanhaften Erzählungen des Heliodor und Achilles Tatius, und die eigentümliche Geschmacksrichtung der betreffenden Periode ist allen diesen Erzeugnissen so scharf und unverkennbar gleichmäßig aufgeprägt, daß man wenig fehl gehen wird, wenn man auch der fraglichen Geschichte das vierte oder fünfte Jahrhundert unsrer Zeitrechnung anweist. Die neugriechische Version ist eine Rückübersetzung aus dem Lateinischen vom Jahre 1500. S. Warton a. a. O., S. 133; Anmerk. zu Gräße a. a. O., S. 460. Uebrigens bemerkt Tyrwhitt ( Introd. Disc. § XIV, p. LVIII. und N. 15) und nach ihm Fiedler ganz mit Recht, daß in den Versen 4497-4508 ein unverkennbarer Ausfall auf Gower enthalten sei, der sowohl die Geschichte der Canace als des Apollonius in seiner Confessio Amantis behandelt hatte. Letztere nach einer Quelle, die er selbst Pantheon nennt ( C. A., p. 284, ed. Pauli), aber in fast wörtlicher Uebereinstimmung mit den Gesten. Es müsse daher das freundschaftliche Verhältniß, das früher zwischen beiden Dichtern bestanden, und welches einen so reinen Ausdruck sowohl am Schlusse des oben angeführten Gower'schen Werkes als in Chaucer's Dedikation seines »Troilus und Cressida« gefunden hatte, inzwischen eine Trübung erlitten haben. Wright (z. d. St.) und Sir H. Nicolas (a. a. O., S. 39) halten dies zwar für unerwiesen. Das ist aber zweifellos, daß unser Dichter, welcher Gower's Werk durch und durch kannte und selbst noch in der vorliegenden Erzählung allem Anschein nach stark benutzte, kein »Pfui« über die von seinem früheren Freunde bearbeiteten Stoffe ausrufen und seinen Ekel und Abscheu vor denselben in so energischer Weise, wie es hier geschieht, aussprechen konnte, ohne sich einer argen Beleidigung gegen ihn schuldig zu machen. Wie man diese Beleidigung mit einem noch fortbestehenden freundschaftlichen Verhältniß reimen wolle, bleibt uns bei aller Derbheit mittelalterlicher Gesellschaftsformen unerklärlich. Auch ist die weitere Bemerkung Tyrwhitt's nicht ohne Belang, daß eine ähnliche Erkältung Gower's gegen Chaucer in den letzten Lebensjahren beider Dichter aus dem Umstand zu schließen sei, daß Gower jene freundlichen Schlußworte in der 2. Ausgabe seiner Confessio Amantis fortgelassen habe. Ritson sucht zwar mit seiner gewohnten boshaften Polemik diese Folgerung durch den Einwurf lächerlich zu machen, daß die zweite ( gedruckte) Ausgabe der Conf. Am. erst gute hundert Jahre nach dem Tode beider Dichter erschienen sei, Gower also unmöglich dafür verantwortlich gemacht werden könnte (s. Park. zu Warton a. a. O. II, S. 226). Eine solche Verkehrtheit ist Tyrwhitt aber gar nicht in den Sinn gekommen. Er spricht vielmehr ausdrücklich von der durch Gower selbst, wie man früher annahm, nach dem Regierungsantritt Heinrichs IV., wie aber Pauli nachweist ( Introd. Essay, p. XXX) noch bei Lebzeiten Richards II. veröffentlichten (selbstverständlich geschriebenen) 2. Ausgabe und citirt dafür Cod. Harl. 3869. Schließlich darf es unter diesen Umständen als beachtenswerth gelten, daß Chaucer, der, wie erwähnt, die vorliegende Erzählung fast ganz aus Gower geschöpft hat, nicht nur seinen Vorgänger unerwähnt läßt und statt seiner andre Quellen citirt, die er wahrscheinlich nicht benutzt hat (s. z. V. 5547), sondern, daß er gegen die Gower'sche Version oder Sage eine nichts weniger als freundschaftliche Kritik übt, zwar ohne den Angegriffenen zu nennen, aber für Jeden, der die Conf. Am. gelesen hatte, verständlich genug. V. 5506.

V. 4511-12. Sonderbarer Weise nennt Ovid, auf den sich Chaucer hier beruft, die Musen nicht Pieriden. Vielmehr erzählt er ( Metam., V. 670 ff.) die Bestrafung der Pierus-Töchter durch die Musen, mit denen sie sich im Gesange hatten messen wollen. Es ist aber möglich, daß Chaucer auf die im Alterthum ziemlich verbreitete Erklärung (s. Anton. Liber. 9) habe anspielen wollen, daß die Musen eben von jenem Siege über die Pieriden und zum Andenken daran, den letzteren Namen sich zugelegt haben. Dann ist der Sinn dieser Stelle: Ich will mich nicht mit den Musen vergleichen, damit ich nicht ähnlich wie die Pieriden bestraft werde, die ihren Namen an die Göttinnen verloren und in Waldvögel verwandelt wurden, wie Ovid es erzählt. Was die Namensform Metamorphoseos betrifft, so glaube ich zwar nicht, daß Chaucer sich darunter einen Menschen vorgestellt habe (er spricht öfters von Büchern in der bekannten Figur wie von Personen, s. 14,574, 15,365). Sie mag aber bezeugen, daß er vom Griechischen nicht mehr verstand, als die meisten unsrer Buchbinder.

Die Erzählung des Rechtsgelehrten.

Die siebenzeilige Stanze, in welcher dies Gedicht geschrieben ist und welche Chaucer mit Vorliebe für ernstere Stoffe in Anwendung gebracht hat (in den Canterbury-Geschichten noch in der Erzählung des Studenten 7933 ff., der Priorin und der zweiten Nonne), ist den provenzalischen Dichtern entlehnt. Sie findet sich mit einer geringen Modifikation in der Reimstellung bei Thibaut ( Poesies du roi de Navarre, chans. XVI, XVIII, XXVII, XXXIII, LVIII). Ein Stück von Folket de Marseilles (starb 1213) ist genau wie die Chaucer'sche gebildet (s. Tyrwhitt, Essay on the Lang. and Vers. of Chaucer, p. XL und 65). Chaucer scheint sie zuerst in England eingeführt zu haben, wo sie sehr beliebt wurde und zu Gascoigne's Zeit den Namen rithme royall führte. »Und sicher«, sagt dieser, »ist es eine königliche Versart, die am besten sich für ernste Darstellungen eignet.« Unser Dichter hat in Troilus und Cressida die Ottava Rima, die er in seinem italienischen Original, dem Filostrato des Boccaccio vorfand, mit dieser Stanze vertauscht.

Die Erzählung stimmt im Wesentlichen mit Gower's Conf. Amantis, Bd. II, T. I, p. 179 ff. ed. Pauli (s. oben z. B. 4501 gegen das Ende). Gower selbst hat natürlich ältere Quellen vor sich gehabt, die bisher noch nicht ermittelt sind. Denn das englische Reimgedicht vom Grafen Emare, das Tyrwhitt mit Recht zum Vergleich herbeizieht, weil es einen sehr ähnlichen Stoff behandelt und ähnliche Situationen bietet, ist doch keineswegs als Quelle Gower's zu nennen. Noch viel weniger die von Occleve bearbeitete Erzählung der englischen Gesta Romanorum (ausgezogen in Douce Illustr. of Shakesp. II, p. 416, und vollständig bei Swan, Gest. Rom. I, p. CXIV), die sich in der von Grimm aufgefundenen altdeutschen Handschrift von 63 Geschichten der Gesta (bei Gräße VIII, S. 152 ff.) wiederfindet. Noch verkehrter ist es, diese Erzählung zu Chaucer's Quelle machen zu wollen, wie es Warton (a. a. O. I, S. CXCVIII) und Gräße thun (A. L. G. II, 2, S. 1032); denn in der That findet sich dort nur der eine Zug von der Ermordung der Frau Hermegild wieder, aber auch dieser mit wesentlich verschiedenen Umständen und Folgen, abgesehen auch von der völligen Verschiedenheit der Namen und Lokalitäten. Chaucer's eigene Berufung auf die Gesta (V. 5547) ist aber für diese Frage völlig ohne Bedeutung. S. z. d. a. St. Nach Wright scheint Gower's Version der Sage der französischen Chronik des Nicolas Trivet ( Ms. Arundel, No. 56, Fol. 45, V0.) entnommen zu sein. Aber man wird gut thun, auf solche Versicherungen ohne Nachweis wenig zu geben; daß Gower und nach ihm Chaucer aus einer verhältnißmäßig alten Quelle geschöpft, ersieht man aus V. 4939.

V. 4533. Des Weisen, Salomo's.

V. 4544-45. Eins und Eins, Fünf und Sechs (im Original ambes as, sis cink), vom Würfelspiel entnommene Metapher. Ich weiß nicht, ob ich den letzten Theil genau durch die Uebersetzung getroffen habe, da möglicher Weise in six cinq ein Spiel-Terminus steckt, den ich nicht kenne.

V. 4644. uns. Dies Hineinschweifen der indirekten Rede in die direkte ist dem Original nachgeahmt.

V. 4722 ff. Zur Erläuterung der astrologischen Anspielungen in diesen Versen diene eine Stelle aus Chaucer's Abhandlung über das Astrolabium. S. 443b. Urry. – »Der Aufgang ( ascendant, vergl. V. 6195) ist derjenige Grad, der an dem östlichen Horizont sich erhebt. Deßhalb, wenn ein Planet zu derselbigen Zeit in dem besagten selbigen Grad seiner Länge aufsteigt, sagt man, dieser Planet sei im Horoskop. Aber in Wahrheit ist das Haus des Aufgangs, das heißt, das erste Haus oder der Ostwinkel, ein breiterer und größerer Raum. Denn nach den Grundsätzen der Astrologen ist jeder Himmelskörper, welcher 5 Grad über demjenigen Grad steht, welcher sich über den Horizont erhebt (oder innerhalb dieser Zahl) und zwar neben dem Grad, welcher sich erhebt, in einem Abstand von [höchstens] 15 Graden, wie sie sagen, gleich dem zu achten, welcher [in] dem Hause des Aufgangs steht. Doch in der That, wenn er die Gränzen der vorher genannten Räume überschreitet, oberhalb oder unterhalb, so sagen sie, daß solcher Planet aus dem Aufgang herausfällt.«

V. 4724. Der Herr – ist derjenige Planet, welcher nach der zu V. 2219 angegebenen Reihenfolge die Herrschaft der verschiedenen Tagesstunden übt. Vergl. Henr. a Lindhorst Introductio in Physicam Judiciariam, Hamb. 1597, p. 77.

V. 4725. Atyzar, von allen den wunderlichen Lesarten der Handschriften diejenige, welche den menschlichsten Klang hat und von Tyrwhitt gewählt ist. Was ihre genaue Bedeutung ist, gestehe ich ebenso wenig zu wissen, wie die früheren Erklärer.

V. 4731. »Alle stimmen darin überein, daß die Wahl der Stunden ( electiones) schwach ist, außer bei reichen Leuten. Denn diese haben, wenn auch ihre Wahl geschwächt wird, doch die Wurzel ( radix), d. h. die Nativitätsbestimmung, welche jeden Planeten, der schwach auf der Reise ist, stärkt.« So eine Marginal-Glosse, die aus dem Liber Electionum des Zahel entlehnt ist, nach Tyrwhitt und Wright.

V. 4821. Wieder einmal ein falsches Citat. Lucan hat in seinem unvollendeten Werke Pharsalia, das mit dem zehnten Buche mitten in der Bedrängniß Cäsar's zu Alexandrien ( J. R. 706) abbricht, nicht den Triumph des großen Diktators beschrieben, noch beschreiben können, da dieser erst zwei Jahre später gefeiert wurde.

V. 4880. Ich glaube, die schwierige Stelle durch Interpunktion (das Komma nach Flemmer of fendes zu streichen) und durch Herstellung der ursprünglichen Orthographie ( her statt here) verständlich gemacht zu haben.

V. 4939. Ein verdorbenes Latein. Ein Zeugniß für das verhaltnißmäßig hohe Alter der Ueberlieferung dieser Sage in der vorliegenden Gestalt, eine Zeit nämlich, in welcher das Italienische ( lingua volgare) nur als ein verdorbenes Latein angesehen und von anderen Latein Redenden verstanden werden konnte.

V. 5506. Nun sagt man wohl –; nämlich Gower Conf. Am. II, T. I, p. 209, v. 7 ff. im ed. Pauli. S. d. Prolog z. d. E.

V. 5547. Römer-Gesten. Unter dem in diesen Anmerkungen öfters erwähnten Namen der Gesta Romanorum wird im ausgehenden Mittelalter eine Sammlung von Erzählungen verstanden, deren Inhalt sehr wenig dem Titel entspricht. Es sind wunderbare und abenteuerliche Geschichten aus allen Zeitaltern und Ländern zusammengetragen, zum Theil an historische Thatsachen sich anschließend. Ursprünglich haben sie als ein Promptuarium für Prediger gedient, die es in jenen Jahrhunderten nicht scheuten, ihren Vortrag durch profane Erzählungen aller Art zu würzen. S. Warton, H. E. L. I, p. CCVI. Gräße hinter seiner Uebers. der G. R., S. 288 ff. und was der Ablaßkrämer (V. 12,369 f.) von sich selbst erzählt. Sie sind zu diesem Zweck gleich mit sogenannten Moralisationen versehen und dadurch zum unmittelbaren Gebrauch fertig gemacht. Uebrigens weichen die zahlreichen Handschriften so außerordentlich, nicht nur in der Form, sondern auch in der Zahl und im Inhalt der Erzählungen, von einander ab, daß man sie keineswegs sämmtlich als Kopien eines und desselben ursprünglichen Werkes ansehen kann, vielmehr richtiger von verschiednen Sammlungen desselben Namens reden sollte. Schon deshalb ist denn auch die Frage nach dem Verfasser oder selbst nach dem Sammler eine müßige. Gleichwohl ist sie eingehend erörtert von Warton H. E. L., P. I, p. CXCIX ff. und in breiter, aber ziemlich resultatloser Polemik von Gräße (hinter seiner deutschen Uebersetzung der Gesta Rom., S. 205-303) ausgesponnen. Uebrigens ist selbst der Titel, unter welchem jetzt allerdings diese Sammlungen allgemein gehen, für die ältere Zeit mehr als zweifelhaft. Denn in den meisten Handschriften und in den ältesten Drucken lautet derselbe keineswegs Gesta Romanorum, sondern: Ex gestis Romanorum historiae nobiles. So ed. Colon. 1472. Aehnlich ed. Louvan 1480. Die Utrechter Ausgabe von 1473 hat sogar die Ueberschrift: Incipiunt historiae notabiles atque magis principales ex gestis caet. Erst der zweite Kölner Druck ( s. l. et a., S. 305, bei Gräße) hat den anspruchsvolleren Titel Gesta Romanorum, der dann bis zum Ende des Jahrhunderts immer allgemeiner wird. Hiemit stimmt nun überein, daß in diesen sogenannten Gest. Rom. die Gesta Romanorum als Quelle citirt werden, so daß also die Sammler selbst unter diesem Namen etwas Anderes verstanden haben müssen, als dieses ihr Buch (s. Warton a.a.O., p. CXLIII). Und jenes Andre ist nun in der That nichts weiter als was der Name wirklich besagt, nämlich die römische Geschichte; nicht dieses oder jenes bestimmte Buch eines Historikers, sondern irgend ein Buch, das sie mit Recht oder Unrecht für eine römische Geschichtsquelle ansahen. So wird in dem Titel von St. Alban's Chronicle, 1483, von Caxton gedruckt, Titus Livius de gestis Romanorum citirt (Warton a. a. O. und II, S. 236 N. z.). Nach Servius (zu Aen. VII, 752) wurde die Aeneide gesta populi Romani genannt und Chaucer selbst nennt V. 6225 die Romaine gestes, wo er offenbar Valerius Maximus meint. S. z. d. St. Daher denn auch für V. 10,158 diese Erklärung ausreicht. Ebenso werden neben den G. R. citirt Gesta Alexandri (Gower III, 61, ed. Col., bei Warton a.a.O., II, S. 236 N. a), Gesta Trevirorum (s. Gräße, A.L.G. II, 3, S. 1132), Gesta Longobardorum (Warton I, S. CLI), ja sogar Gesta Passionis et Resurrectionis Christi, Warton I, S. 69, N. 7. Ja, der Name Gesta für Geschichte oder Geschichten (was in einer naiven und sagenbildenden Zeit in der That Synonyma sind) ist vom zwölften bis vierzehnten Jahrhundert so allgemein im Gebrauch, daß daher die Erzähler und Balladensänger an den ritterlichen Hofhaltungen selbst Gesteours ( jesters) genannt werden (Warton a. a. O.) und daß, seitdem ihre Darstellungen mit der Sitte selbst in Verfall und Mißkredit gekommen waren, das Wort jest allmählich zu der Bedeutung herabsank, die es noch jetzt im Englischen und bei uns im südlichen Deutschland hat. (»Was falle dir für Jeste bi.« Hebel.) Unter diesen Umständen ist der Schluß, daß Chaucer nach dem Zeugniß des vorliegenden Verses seine Erzählung aus den sog. Gesta Romanorum geschöpft habe, durchaus hinfällig und ebenso der weitere, daß er eine vollständigere Ausgabe als die jetzt zugänglichen vor sich gehabt haben müsse, da in den letzteren eben die Geschichte vom Kaiser Mauritius fehle. Chaucer will nichts weiter sagen als »Lest darüber die römische Geschichte nach.« Genau so erklärt Ritson mit Recht eine ähnliche Citation bei Gower (s. Warton II, S. 235, Not. t. Vgl. Warton selbst I, S. CXLIII); und ich glaube, daß bis zum 15. Jahrhundert kein Citat dieser Art anders zu fassen ist – wobei natürlich die jetzt so genannten G. R. immer ebenfalls als Geschichtsquelle mit betrachtet sein können. Daß aber selbst, wenn Chaucer diese speciell hier gemeint hätte, auf sein Citat wenig Gewicht zu legen sei, ist Jedem klar, der sich der Leichtfertigkeit unsers Dichters in seinen Berufungen erinnert. S. d. Einl. d. Uebers. S. 42, Anm. 67.

Prolog zur Erzählung des Weibes von Bath.

Daß vor diesem Prolog, welcher, wie Wright richtig bemerkt, eine Art selbständigen Traktat bildet, der sonst nie fehlende vermittelnde Dialog zwischen dem Wirth und den andern Wallfahrern von Chaucer selbst noch nicht entworfen war, geht aus dem von wenig späterer, aber höchst ungeschickter Hand gemachten Versuch hervor, die Lücke in Chaucer's Versen auszufüllen. Die Verse sind so plump und unbeholfen, daß sie nicht der Uebersetzung werth sind. Anders verhält es sich mit einigen Zeilen, die sich nach V. 5626 in mehreren Handschriften finden und so ganz in Chaucer's Geist und eleganter Sicherheit der Form gehalten sind, daß sie wohl die Aufnahme verdient hätten, zumal die absichtliche Interpolation derselben viel schwerer zu erklären wäre, als das zufällige Versehen eines Abschreibers, dessen Augen vom fünften Ehemann sogleich zum sechsten herabglitten. Sie lauten so:

Das Beste sackt' ich mir von ihnen ein,
Was sie im Beutel hatten und im Schrein.
Gelehrte müssen durch viel Schulen gehn,
Gesellen erst in mancher Werkstatt stehn,
Eh' sie vollkommen werden; das ist klar:
So lernt' ich bei fünf Männern als Scholar.

(Im 4. Verse lese man: Diverse practykes in sondry werkes.)

V. 5764. Die Citate des Weibes von Bath aus Ptolemäus, hier und V. 5906, finden sich nicht in der Almagest (über welche s. z. V. 3208). »Sie scheint den Ptolemäus zu citiren, wenn sie für ihre Aussprüche keinen andern Gewährsmann finden kann.« Wr.

V. 5800. Donmow, jetzt Dunmow in Essex, ist wegen einer alten Stiftung berühmt, der gemäß jedes Ehepaar, das ein Jahr lang ohne Streit und Zank gelebt hat, unter allerlei heitern Ceremonien eine Speckseite oder einen Schinken ( flitch of bacon) eingehändigt bekommt. Diese humoristische Institution, auf welche oft in der englischen Literatur angespielt wird, hat neuerdings sogar das Motiv einer Novelle hergeben müssen.

V. 5814. »Der Hecht ist blau.« Ich habe die durch Gellert im Deutschen fast sprüchwörtlich gewordene Wendung der den Engländern selbst nicht mehr verständlichen des Originals: »Die Kuh ist toll« substituirt. Auch letztere basirt wahrscheinlich auf einem, jetzt verloren gegangenen Schwank, in welchem weibliche Hartnäckigkeit bei einer falschen Behauptung den Sieg davon trug.

V. 5817. Es würde eine endlose und für den Leser wenig Interesse gewährende Arbeit sein, den Quellen der in der folgenden Expektoration gehäuften Sprüche nachzuspüren. Für den Anfang weist Tyrwhitt ein Fragment des Theophrast nach, von Hieronymus ( c. Jovinian. C. I) und Johannes Sarisburgensis ( Polycrat. VIII, 11) citirt, und gleichfalls im Rom. de la Rose, V. 8967, benutzt.

V. 5828. Betrunken wie'ne Maus. Wie die Maus zu der Ehre kommt, als Metapher für einen Betrunkenen zu dienen, ist schwer abzusehn. Aber die Redeweise war, wie Wright an zwei weiteren Beispielen zeigt, sprüchwörtlich.

V. 6042. Metellius. Plinius ( Nat. Hist. XIV, 13) und Tertullian ( Apolog. 6) erzählen diese Geschichte von Egnatius Mecenius. Es ist aber wahrscheinlicher, daß die obige Namensform aus Metellus corrumpirt ist. Denn diesem schreibt der im Mittelalter viel gelesene Valerius Maximus (VI, 3) die erwähnte That zu.

V. 6065. St. Jobst. Jodocus, ein französischer Heiliger von Ponthieu.

V. 6184. Wie ein Fohlen. S. z. V. 3886.

V. 6195. Ascendent. S. z. V. 4722.

V. 6223. Die Römer-Gesten. S. z. V. 5546. Die Geschichte steht bei Valerius Maximus, VI, 3.

V. 6256 ff. Der Kirchenvater Hieronymus (St. Jerome, V. 6256) hat in seinem Traktat contra Jovinianum zur Empfehlung des Cölibats mit großer Gelehrsamkeit Alles gesammelt, was er irgendwo zum Nachtheil des weiblichen Geschlechts geschrieben fand. Unter andern hat er eine Uebersetzung eines langen Auszuges von einem Buche in die Abhandlung eingefügt, welches er das »goldene Büchlein des Theophrast über den Ehestand« ( liber aureus Theophrasti de nuptiis) nennt. Gewöhnlich unter Hieronymus' Werken und unter seinem Namen mitgedruckt findet sich die Schrift des Walter Mapes (nach Wright): Epistola Valerii ad Rufinum de non ducenda uxore. Dies sind offenbar die beiden hier von Chaucer erwähnten Schriftstücke. Bekannt sind die Briefe Abälard's und Heloisens, sowie Ovid's »Kunst zu lieben.« Trotula schrieb ein von Tyrwhitt citirtes Buch Curandarum aegritudinum muliebrium ante, in et post partum. Ob darin oder in einem andern Buche desselben Verfassers (oder Verfasserin?) Jenkin etwas für seine Lektionen Brauchbares finden konnte, weiß ich nicht, da mir der genauere Inhalt jenes Buches (gedruckt in einer Sammlung der alten Aerzte, Venet. 1547) nicht bekannt ist. Nach Gräße (A. L. G. II, S. 572) ist es fälschlich der Trotula, einer Hebamme zu Salerno, zugeschrieben, und sein wahrer Verfasser Eros, ein salernitanischer Arzt des 13. Jahrhunderts. Wie Chrysippus (der Stoiker?) in die Reihe dieser Autoren sich verirrt haben könne, oder wer unter seiner Maske stecke, weiß ich ebenso wenig, wie die früheren Interpreten.

V. 6285. Nach der Ansicht der Astrologen hat jeder Planet eine bestimmte Stelle im Thierkreise, in welcher seine Wirksamkeit am stärksten ist. Diese, welche übrigens nichts mit der astronomischen Kulmination zu thun hat, heißt seine Erhöhung ( Exaltation), die entgegengesetzte Stellung seine Erniedrigung ( Dejektion). So hat die Sonne im Widder, der Mond im Stier, Mars im Steinbock, Jupiter im Krebs, Saturn in der Wage, Venus in den Fischen, Merkur in der Jungfrau seine Exaltation. Jungfrau und Fische stehen sich aber im Thierkreis gegenüber. S. Henr. a. Lindhout Introductio in Physicam Judiciariam, Hamb. 1597, p. 75 sq. S. V. 10,098, 10,587.

V. 6329. Lies Luna statt Lima. Die Erzählung nach Valerius, Epistola ad Rufum. Ebendaher (V. 6339) die von Latumius und Arius, die ursprünglich aus der bekannten Stelle des Cicero ( de Orat. II, 69) stammt. Durch welche Kanäle der berühmte Ausspruch Herodots ( I, p. 5, Wessel.) in V. 6364 ff. unserm Dichter zugeflossen sein mag, läßt sich schwerlich ermitteln.

V. 6429. Sidenborn (Sidingborn). »Sittingbourne auf der Hälfte Wegs zwischen Rochester und Canterbury.« Wright.

Die Erzählung des Weibes von Bath.

Die Quelle dieser ausgezeichnet angelegten und fein durchgeführten Erzählung ist wahrscheinlich ein nordfranzösisches Fabliau, das seinerseits aus bretagnischen Quellen geschöpft war (vergl. zur Erzähl. des Gutsherrn). Die Bearbeitungen ähnlicher Stoffe von Gower ( Story of Florent im ersten Buch der Conf. Am.) und in der Marriage of Sir Gowaine b. Percy III, p. 11, stehen weit hinter unsrer Version zurück.

V. 6457. S. z. V. 2191.

V. 6462. Der Incubus ist von allen Elfen und Kobolden der unheimlichste, der Alp oder die Nachtmahre. Sein Name drückt die Art seiner Funktionen deutlich genug aus und endet die feine spielende Ironie der vorhergehenden Verse nach Chaucer's Weise mit einem derben Rippenstoß.

V. 6473. Lies be statt he.

V. 6708. Dante im »Fegfeuer« VII, 121:

Rade volte risurge per li rami
L'umana probitate: e questo vuole
Quei che la da, perche da se si chiami.

»Selten entsproßt der menschliche Adel aus dem Stammbaume ( rami). Er, der ihn verleiht, will, daß man ihn von Ihm fordere.« Diese Stelle lehrt gerade durch den verzeihlichen Fehlgriff in der Uebersetzung von rami (eigentlich Zweige), daß Chaucer den Dante im italienischen Original las, er demnach so viel Kenntniß der Sprache besaß, um direkt aus den Italienern Stoffe für seine Dichtungen schöpfen zu können.

V. 6774. Juvenal Sat. X, 22.

V. 6831. Den Vorhang. Die alten Ehebetten waren durch einen Vorhang ( traverse) in der Mitte getheilt. S. V. 9691, Troil. III, 674.

Prolog zur Erzählung des Ordensbruders.

V. 6849. Ueber die tiefer liegenden Gründe des gegenseitigen Hasses zwischen dem Bettelmönch und dem Diakonats-Büttel s. z. V. 219.

V. 6866. S. zu 625.

Die Erzählung des Ordensbruders.

Die Quelle dieser Erzählung ist bis jetzt nicht aufgefunden. Die Charakterschilderung ist aber so sehr Hauptsache darin, das Material der Fabel an sich von so geringem Umfange, daß Chaucer den Stoff wohl aus mündlicher Ueberlieferung aufgenommen haben mag. Wright vermuthet, daß sie aus einem verloren gegangenen älteren Fabliau geschöpft sei, dessen lateinischen Auszug er unter dem Titel: De Advocato et Diabolo in dem Promptuarium Exemplorum (einer Kompilation des 15. Jahrhunderts) wiedergefunden zu haben glaubt. Er hat denselben in seiner Selection of Latin Stories, p. 70, abdrucken lassen.

V. 6899. Ueber das Verhältniß des Archidiakonen zum Bischof in Bezug auf die Gerichtsbarkeit s. zu V. 660. Daß ein zeitiges Einschreiten des Bischofs den Inkulpaten noch hätte retten können, zeigt, daß die Jurisdiktion des Archidiakonus noch nicht völlig zu einem Realrecht geworden, aber doch auf dem besten Wege dazu war.

V. 6990. Lies vermin statt venime.

V. 7058. Primzeit. S. z. V. 2191.

V. 7092. Die Pythierin, die Hexe von Endor ist gemeint. S. Samuel I, 28, 7 ff.

Prolog zur Erzählung des Büttels.

V. 7258. Eine ähnliche Fiktion findet sich in einer Legende, die Matthäus von Paris im Zeitalter König Johanns erzählt und die ohne Zweifel Chaucer hier vorgeschwebt hat. Die Seele eines gewissen Turkhill, von Tidstude in Essex gebürtig, wird während des Schlafes vom heiligen Julian in die Hölle und den Himmel entführt. In der Hölle sieht er die Qualen der Verdammten, die ihm unter dem Namen und der Gestalt von Schauspielen vorgeführt werden und ähnlichen Schilderungen im 8. Kapitel des Shepherd's Calendar gleichen. Unter anderm sieht er auch einen Priester, der niemals Messe gelesen hatte. Später führt St. Julian die Seele Turkhill's wieder in ihren Körper zurück und letzterer erzählt die Vision seinem Pfarrer, Matth. Par. Hist., p. 206, sq. Warton, H. E. L. II, p. 387 f. u. n. f., wo noch ähnlicher Erzählungen gedacht wird.

Die Erzählung des Büttels.

Die Quelle ist ebenfalls unbekannt, auch in der That für die Beurtheilung von Chaucer's Erfindungskraft sehr gleichgültig, da das in Bezug auf die vorige Erzählung Gesagte in noch vorzüglicherem Maße von der vorliegenden gilt, die an feiner und pikanter Charakterzeichnung von keiner in der ganzen Sammlung übertroffen und von wenigen erreicht wird.

V. 7302. Anspielung auf die alten Orden über deren Gegensatz zu den Prediger- und Bettelorden, s. z. V. 165.

V. 7306. Tagesmessen ( trentals), eine Reihe von 30 Seelenmessen, die eigentlich Tag für Tag hinter einander gesungen werden sollten (s. Du Fresne s. v. Trentale), aber von den im kirchlichen Mechanismus fortgeschrittenen Fratres, wie es scheint, hinter einander abgehaspelt wurden. Sie wurden natürlich en bloc bezahlt.

V. 7316. Qui cum patre , »die Schlußformel der letzten Segenertheilung.« Wright. Vielmehr der Anfang. Die ganze Formel, die sich an den Namen Christi anschloß, lautete: Qui cum patre Deo et Spirito sancto vivis et regnas Deus per omnia saecula. Amen. S. das Nachwort zu des Pfarrers Erzählung. Anm.

V. 7329. Ein Herrgottsküchlein, wie

V. 7331. Gottesheller. Die Zusammensetzung mit Gott scheint mir eben nur eine Gabe zu bezeichnen, die ärmere Leute zu gottesdienstlichen Opfern bestimmt haben. Die Erklärung Speght's, der Pathengeschenke ( Godfathersgifts to their Godchildren) darunter versteht, dürfte ebenso unbegründet sein, wie die Tyrwhitt's, der den Sprachgebrauch aus dem Französischen ableitet mit Berufung auf de la Monnoye's Note zu Contes de R. D. Perier II, p. 107. Belle serrure de Dieu, Expression du petit peuple, qui raporte pieusement tout à Dieu. Rien n'est plus commun dans la bouche des bonnes vieilles que ces espèces d'Hebraismes: Il m'en coute un bel écu de Dieu, Il ne me reste que ce pauvre enfant de Dieu; Donnez moi une benite aumône de Dieu.

V. 7352. Deus hic. »Gott sei hier!« Der gewöhnliche Segensspruch beim Eintritt in ein Haus. Wright.

V. 7443. Ueber die Privilegien der Jubilare in den Klöstern s. Du Fresne v. Sempestae.

V. 7508. Die im Besitzthum prassen: die Benediktiner.

V. 7511. Jovinian, entweder der, gegen welchen Hieronymus seinen Traktat schrieb (s. z. 6253) oder der angebliche Kaiser Jovinian in den Gesta Romanorum, c. LIX. S. Warton a. a. O. I, S. 193, Zusatz.

V. 7525. Der heilige Ivo. – Die katholische Kirche hat zwei Heilige dieses Namens, Ivo Presbyter (starb 1303) und Bischof Ivo (im 7. Jahrhundert). S. A. A. S. S. Bolland. 10. Juni.

V. 7561. Thomas Indus. »Ich finde nichts der Art im Leben des h. Thomas. Der Bettelmönch citirt wahrscheinlich in den Tag hinein, da er sich auf die Unwissenheit seines Zuhörers verlassen darf.« Wright.

Nach V. 7586, 7594, 7630 sind im Cod. Harl. je zwei Verse hinzugefügt. Das erste Einschiebsel ist ganz mal à propos; die beiden andern geben nichts Neues, sondern treten nur die betreffenden Sentenzen breiter aus. Alle drei scheinen Stilübungen eines Abschreibers zu sein. Merkwürdiger Weise behauptet übrigens Wright, daß auch V. 17,612 f. bei Tyrwhitt fehle.

V. 7599. Seneca. De Ira I, 16.

V. 7601. Lies let statt out.

V. 7625. Ebenfalls nach Seneca a. a. O., Cap. 14.

V. 7657. Placebo. »Anspielung auf einen Hymnus der römischen Kirche, von Psalm XVI, 9, wo die Worte in der Vulgata lauten: » Placebo Domine in regione virorum.« Tyrwhitt.

V. 7661. Ebenfalls nach Seneca a. a. O., Cap. 21. Der Name des Flusses ist bei Chaucer etwas stark (in Gisen) korrumpirt.

V. 7699. Zu Elias' und Elisa's Zeit. S. z. V. 214.

V. 7710. Laien, die sich sehr verdient um ein Kloster gemacht hatten, wurden oft als Ehrenbrüder darin aufgenommen. Tyrwhitt theilt ein Beispiel eines in diesem Sinne ausgestellten Patentes mit.

V. 7759, 7762. Die Ausdrücke Stadt und Dorf wechseln im Original. In England hat mit Ausnahme der Bischofssitze und weniger merkantil bedeutender Orte der Gegensatz zwischen Stadt und Land sich niemals so scharf wie auf dem Kontinent ausgebildet.

V. 7841. »Die regelmäßige Zahl der Mönche in einem Kloster war mit dem Abt oder Superior auf 13 bestimmt, um, wie man annimmt, die Zahl der Apostel und ihres göttlichen Meisters wiederzugeben. Die größeren Ordenshäuser wurden betrachtet, als beständen sie aus einer Mehrzahl von Konventen. So sagt Torn, wo er von dem Abt zu St. Augustin in Canterbury spricht: »Im Jahre des Herrn 1146 stellte Hugo die alte Zahl der Mönche jenes Klosters wieder her und es waren sechzig Mönche, die ihr Gelübde abgelegt hatten außer dem Abte, d. i. fünf Konvente im Ganzen. Decem Scriptores, Col. 1807.« Wright.

Prolog zur Erzählung des Studenten.

V. 7902 ff. Die Angabe des Studenten kann ohne hinzutretende äußere Momente nur als eine geschickte Einkleidung der Thatsache betrachtet werden, daß Chaucer seine Erzählung aus Petrarcha's lateinischer Version derselben ( de obedientia et fide uxoria Mythologia) geschöpft habe. Daß der Dichter selbst in Padua gewesen und persönlich von Petrarcha darauf aufmerksam gemacht sei, folgt keineswegs aus dieser Stelle (s. die Einleitung des Uebers., Not. 69). Die Quellenangabe ist aber diesmal richtig. Die Geschichte schließt sich genau an Petrarcha's Darstellung an und giebt daraus Thatsachen, die sich in Boccaccio's berühmter Behandlung desselben Stoffes (Decamer. X, 10) nicht finden. Uebrigens macht Tyrwhitt mit Recht darauf aufmerksam, daß Petrarcha zwar im wesentlichen auf Boccaccio's Erzählung fuße, jedoch sie bereits früher in einer älteren Fassung gekannt habe, die denn wahrscheinlich auch Boccaccio's Quelle gewesen. Den Beweis dafür giebt das Dedikationsschreiben Petrarcha's an Boccaccio.

V. 7910. Lignanus (Orig. Linian), ein berühmter Rechtsgelehrter und Philosoph, starb im Jahre 1378; Petrarcha's Todesjahr ist 1374.

V. 7917. Der hohe Stil bedeutet hier und, wenn ich nicht irre, auch V. 7893 nur die lateinische Sprache im Gegensatz zum stilus vulgaris, womit Petrarcha im angeführten Dedikationsbriefe die italienische Sprache, deren Boccaccio sich zu seiner Darstellung bediente, natürlich ohne alle herabsetzende Nebenbedeutung, bezeichnet.

V. 7926. Aemilia, die von der alten Via Aemilia genannte Provinz Italiens, deren auch neuerdings vielfach gedacht ist. Sie erstreckt sich von den Seealpen, dem südlichen Ufer des Po entlang, bis zur Mark Ferrara, und wird selbst im Süden von den Apenninen begränzt.

Die Erzählung des Studenten.

Ueber das Versmaß s. zur Gesch. des Rechtsgelehrten.

V. 8466. Lies Panic statt Pavie.

V. 8483. Lies nor statt for.

V. 8615. Lies bulles statt billes. Petrarcha: Nuncios Romam misit, qui simulatas inde apostolicas litteras referrent.

V. 8915. Wiewohl die Wortkritik diesen Anmerkungen fern liegt, kann ich doch nicht umhin, mein Erstaunen darüber auszusprechen, daß ein Engländer und Philolog wie Wright, der sich an einer andern Stelle so wegwerfend über Tyrwhitt's Mangel an Sprachkenntniß ergeht, hier einer Erklärung des letzteren beipflichtet, die man allenfalls der Kritiklosigkeit des vorigen Jahrhunderts zu gut halten kann. Chaucer soll um des Reimes willen mo statt me gesetzt haben, was allerdings eine ebenso ungeheuerliche Willkür, wie ein Zeichen von höchstem technischen Ungeschick in der Versbildung wäre; mo ist aber in der That nur die kürzere und sehr häufig vorkommende Nebenform von more, und verhält sich dazu genau wie das mittelhochdeutsche zu mêr. Die Konstruktion ist die noch im heutigen Englisch gebräuchliche: as ye han do mo – ( as you have done more), »wie ihr schon früher (oder: wie ihr Andern) gethan habt.« Bedürfte es noch eines weiteren Beweises, so gäbe ihn Petrarcha's Text, dem hier, wie meist, Chaucer wörtlich gefolgt ist (ed. Venet. 1501, p. 802): ac mones ne hanc illis aculeis agites, quibus alteram (nicht me) agitasti.

V. 9053. Die sehr künstliche Reimbildung des Schlußgesanges ist wahrscheinlich den provenzalischen Dichtern nachgeahmt. Ich finde zwar kein Beispiel, das mit dem vorliegenden gänzlich übereinstimmt, wohl aber sehr ähnliche, ebenfalls in sechszeiligen Stanzen mit durchgehenden Reimen von Bertran de Born (Brinkmeier, Blumenlese der Troubadours, S. 108) und Peyrol's (das. 103) und in siebenzeiligen von Guillem de Cabestaing (S. 96).

V. 9064. Nach einem Volksmärchen (wahrscheinlich französischen Ursprungs) war Chichevache ein Ungeheuer, welches sich nur von guten Frauen nährte. Bei der Seltenheit dieser Speise magerte es aber fürchterlich ab, während sein (wie es scheint, erst nach Chaucer's Zeit hinzuerfundenes) Pendant Bycorn, welches nur schlechte Frauen fraß, dick und fett wurde. Näheres darüber geben Tyrwhitt und Wright z. d. St.

Prolog zur Erzählung des Kaufmanns.

Der Prolog schließt sich durch seine ersten Worte mit innerer Nothwendigkeit an die Schlußverse des Studenten an, und mit dieser Anordnung stimmen auch die ältesten Drucke überein. Doch findet sich in mehreren guten Handschriften zwischen beiden noch folgende Stanze eingeschoben, die ganz in Chaucer's Stil und Art gehalten ist.

Als nun der würdige Scholast zu Ende,
Sprach unser Wirth und schwor: »Potz Blitz und Daus!
Mit Freuden gäb' ich ein Faß Bier zur Spende,
Hätte die Mär gehört mein Weib zu Haus.
Mir paßte die Geschichte überaus
Zu meinem Zweck, wüßtet ihr, was ich will;
Doch kann's nicht sein; drum schweig' ich lieber still.«

Tyrwhitt vermuthet mit großer Wahrscheinlichkeit, daß die Stanze das Fragment eines unvollendeten Prologs sei, welchen Chaucer früher einmal zur Verbindung dieser beiden Erzählungen bestimmt gehabt habe. Den Gedanken und einige Zeilen der Stanze habe er dann später zur Anknüpfung der Erzählung von Meliböus an die des Mönches benutzt. S. unten V. 13,895 ff.–Zwei weitere Stanzen, welche mit der Absicht zusammengestellt sind, die Erzählung des Gutsbesitzers an die des Studenten anzuschließen, hält Tyrwhitt mit Recht für untergeschoben. Weiter auf diese Frage einzugehn, liegt außer dem Zweck dieser Anmerkungen.

Die Erzählung des Kaufmanns.

Die Geschichte ist, wie Wright vermuthet, nach einem verloren gegangenen französischen Fabliau bearbeitet, wobei dann freilich auffällt, daß Chaucer die Scene nach Italien verlegt. Der wesentliche Stoff findet sich zuerst in den lateinischen Fabeln des Adolphus, die (nach Tyrwhitt Introductory Discourse to the C. T, p. LXI) im Jahre 1315 in elegischen Distichen geschrieben sind. Verse und Sprache tragen eine gezierte Eleganz zur Schau, welche sehr wenig zu ihrem derben Inhalt paßt. Lokale Färbung haben sie gar nicht, lassen auch die handelnden Personen ohne Namen, und es ist bei alledem nicht unmöglich, daß Chaucer wirklich das Skelett seiner Erzählung aus ihnen entnommen und nach seiner Art individualisirt hat. Seine eigenen symbolischen Personennamen würden vielleicht auch dadurch erklärt, daß er in seiner Quelle gar keine vorfand. Die dramatische Anlage des Ganzen wäre dann Chaucer's eigne Erfindung, ebenso die Motivirung in der Unterwelt. Für beides lag ein sehr ernstes, aber auch sehr zugängliches Muster vor. Denn man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß dieser Schwank eine Art farcenhaftes Satyrspiel zum Hiob bildet. Wieland hat bekanntlich im Oberon diese Erzählung mit geschickter Hand als Episode eingeflochten und sie zugleich als Motiv in der romantischen Maschinerie seiner Feeenwelt benutzt.

V. 9170. Theophrast. S. z. V. 6256.

V. 9181. Es folgen hier in mehreren Handschriften, aber mit den stärksten Varianten, zwei Verse, die in keiner ihrer Fassungen Chaucer's werth oder in den Zusammenhang passend erscheinen.

V. 9250. Ich habe die Stelle bei Seneca nicht finden können, wiewohl eine Marginalglosse bei Tyrwhitt ihre lateinische Fassung giebt. Wahrscheinlich ist sie einer jener Sammlungen entnommen, die unter dem Namen Excerpta Senecae ein Konglomerat von allerwärts her zusammengelesenen Gemeinplätzen bilden und im Mittelalter als moralische Promptuarien vielfach im Gange waren.

V. 9252. Cato, Distich. III, 25.

V. 9328. »Die Volkssage von Wades Boot, wiewohl noch im sechszehnten Jahrhundert wohlbekannt, ist jetzt unglücklicher Weise verloren, so daß wir die Bedeutung von Chaucer's Anspielung nicht vollständig verstehen können. Wade war einer der Helden des nordischen Mythus, und, wie viele desselben, ward er später der Held einer mittelalterlichen Romanze von der Klasse wie Child-Horn und Havelock. Fr. Michel hat fast alle Stellen alter Autoren, die jetzt aufgefunden werden können und sich auf diesen Namen beziehen, in einem französischen Aufsatz sur Vade gesammelt. Die mittelalterliche Romanze scheint eine lange Reihe phantastischer Abenteuer erzählt zu haben, denen Wade in seinem Boot Guingelot begegnete, und diese Abenteuer scheinen im Text als Beispiele von List und Schlauheit angeführt zu sein. Im Troilus (III, 615) werden sie als Beispiele romantischer und müßiger Märchen erwähnt.« Wright.

V. 9559. Ein auffallendes Beispiel von Zerstreutheit unsers Dichters, da diese Beziehung auf die Erzählung des Weibes von Bath unmöglich in den Mund des Justin paßt. Eine sehr leichte Aenderung hätte sie dem erzählenden Kaufmann in den Mund legen lassen. Wie sie hier steht, dient sie als weiteres Zeugniß, daß die Canterbury-Geschichten auch im Einzelnen noch der Ueberarbeitung letzter Hand entbehrt haben.

V. 9595. Die uns erhaltenen griechischen Sagen kennen nur den Dryoper Theodamas, den Vater des Hylas. Aber auch an einer andern Stelle ( House of Fame III, 156) erwähnt Chaucer des Theodamas als eines berühmten Zinkenbläsers, so daß wir wohl annehmen müssen, es sei sein Name aus irgend einer jetzt verschollenen antiken Thebaïs noch bis zu Chaucer's Zeit hinabgedrungen.

V. 9606. Marcian. Marcianus Capella, der Verfasser des bekannten und im Mittelalter viel gelesenen allegorischen Romans: De nuptiis Mercurii et Philologiae.

V. 9659. Lies false homly hewe – (statt false of holy h.) und 9660 sleighe statt slie. S. Wright z. d. St.

V. 9681. Hippokras, ein bekannter mittelalterlicher Würzwein, nach dem großen Arzt benannt.

V. 9684. Dan (nicht Dom) altenglischer Titel »Herr«, vorzugsweise den Namen der Mönche vorgesetzt. Constantinus (schon 435 erwähnt), mit dem Beinamen Afer, war ein Mönch von Monte Cassino, einer der sarazenischen Aerzte, welche die Medicin nach Europa brachten und die salernitanische Schule bildeten. Er schrieb um 1080. Das erwähnte Buch findet sich in der baseler Sammlung von 1536. Siehe Warton, a. a. O. II, 204. Fabric. Bibl. Med. Act. I, p. 423. Tyrwhitt z. d. St.

V. 9691. Hier zeigt sich die Zweckmäßigkeit des V. 6831 erwähnten Vorhangs. Ohne ihn hätte die Einsegnung des Bettes nicht wohl mit Anstand vollzogen werden können.

V. 9759. S. z. V. 2191.

V. 9760. Zehn des Stiers: der zehnte Grad des Stiers nach Tyrwhitt's Konjektur. Denn die Handschriften haben sämmtlich zwei, oder deuten wenigstens auf diese Zahl hin ( two, tuo, too, to). Die Emendation ist aber bei den ewigen Irrthümern der Abschreiber in Zahlen eine leichte zu nennen und dem Sinn nach nothwendig. Denn vier volle Tage sind nicht ausreichend für die Bewegung des Mondes vom zweiten Grad des Stiers bis zum Krebs. Denn die tägliche Bewegung dieses Himmelskörpers beträgt 13° 10' 35?; in vier Tagen also nicht volle 53°. Jedes Sternbild des Thierkreises nimmt 30° ein. Sonach würde der Mond um die angegebene Zeit erst im 22° der Zwillinge haben anlangen können. Setzt man dagegen als Ausgangspunkt den 10° des Stiers, so kommt die Rechnung bequem aus.

V. 9840. Die Zeitbestimmungen von Vers 9759 an bis hieher bestätigen das zu V. 2191 über die Bedeutung von none Gesagte. Januar ist um 12 Uhr zur Messe gegangen, hat dann zu Mittag gegessen, dann ist seine Frau zu Damian gegangen und nach der Unterhaltung mit ihrem Mann, den sie vom Mittagsschlaf weckt, um 6 Uhr Abends aufgestanden.

V. 9905. Von der Rose das Gedicht. – Der Roman de la Rose, von Wilhelm de Lorris begonnen und von Johann Méun beendigt (1310) und von Chaucer zum Theil übersetzt, beginnt mit der Schilderung eines paradiesischen Gartens, in der die Rose, das Symbol der Liebe, von allegorischen Hütern bewacht wird.

V. 10098. Der Krebs, die Exaltation Jupiters. S. zu V. 6285.

V. 10106. Claudian de raptu Proserpinae, lib. II.

V. 10158. Die Römergesten. S. z. 5546.

Die Erzählung des Junkers.

In der ganzen abendländischen Literatur vor Chaucer findet sich keine Spur von dieser Erzählung. Chaucer selbst muß den Stoff ziemlich unmittelbar aus seiner orientalischen Quelle geschöpft haben, da die Namen, mit Ausnahme Canace's (den er dem ihm wohl bekannten griechischen assimilirt hat – s. V. 4498), durchaus noch ihr ursprüngliches Gepräge tragen. Im Cambuscan ist die Schlußsylbe ohne Zweifel der tartarische Fürstentitel Khan. Der Name selbst lautet in den Handschriften Cambynscan. Diese Form ist nicht allzuweit entfernt von Changuys-Can, unter welchem Namen Sir J. Maundeville ( Voiage and Travaile, p. 224, ed. Halliw.) den Dschingis-Khan einführt. Ich habe dennoch geglaubt, die für den Vers flüssigere und durch die gedruckten Ausgaben und Milton's Erwähnung (im Penseroso) geläufig gewordene Form in die Uebersetzung herübernehmen zu dürfen. Cambalo – oder Cambalus klingt ebenfalls nahe an bekannte tartarische Namen an. Cambalù heißt bei Marco Polo die Hauptstadt von Cathay. S. Regis Gloss. zu Bojardo, S. 403. Auch die Geburtstagsfeier des Chans dürfte auf echte Quellen zurückweisen. Denn sie gilt nach Maundeville ( L. XXII, p. 232) als das höchste Landesfest des Tartarenreiches. Die Geschichte von dem ehernen Roß findet sich mit ziemlich genauer Uebereinstimmung des Details in den Erzählungen der 1001 Nacht (N. 506 bis 527, Thl. XIV, S. 84 ff. der deutschen Uebersetzung von König, Leipzig 1841). Aber von dort hat sie Chaucer nicht entnommen. Denn die Namen, die er selbst natürlich nicht so erfinden konnte, sind in 1001 Nacht andre und die ganze Erzählung so verflacht, daß mir die arabische Version weiter von der ursprünglichen hochasiatischen Quelle abgewichen zu sein scheint, als die vorliegende. Diese hängt, wie ich vermuthe, mit ursprünglichen Stammsagen der Mongolen selbst zusammen. Nach ihnen hatte Dschingis (Temudschin) seinen Namen und Herrscherruf durch einen nackten Propheten empfangen, der sich auf einem weißen Roß zum Himmel erheben konnte (S. Gibbon, S. 2380 in Sporschills Uebersetzung), womit auch die Erzählung bei Maundeville a. a. O. S. 324 übereinstimmt.

Bekanntlich hat Platen die arabische Erzählung in seine Abassiden verwebt. Es ist sehr zu beklagen, daß Chaucer nach dem vielversprechenden und ausgezeichnet erzählten ersten Theil sich in die seltsame und nichts weniger als anziehende Liebesgeschichte von den beiden Falken verloren hat. Denn die Vermuthung liegt nahe, daß der Dichter den zu lang gesponnenen Faden eben deßwegen abriß und vorläufig fallen ließ, ohne hernach Zeit zu gewinnen, ihn wieder anzuknüpfen. Als ein interessantes Beispiel von der Unbefangenheit, mit welcher ein vielgenannter Literarhistoriker über Schriften Auskunft giebt, die er nie gelesen hat, mag schließlich hier die Inhaltsangabe Gräße's (A. L. G. II, 2, S. 1034) von der vorliegenden Erzählung Platz finden: »Die Erzählung des Junkers ist von Chaucer selbst erfunden und ein Bild der jungen Edelleute seiner Zeit.«

V. 10,323. Sarray statt Sarra nach Cod. Harl..

Wenn Chaucer, wie wir durchaus annehmen müssen, die Völkerlage des 14. Jahrhunderts bei seiner Darstellung vor Augen hatte, so kann er unter Tartarei nur das Land der Goldenen Horde von Kaptschak verstehen. Denn diese ist damals der einzige Gränznachbar Rußlands gegen Osten. Die Hauptstadt dieses Reiches ist im 14. Jahrhundert wirklich das von Batu Khan gegründete Serai oder Sarai an der untern Wolga (s. Spruner's Atl., N. 48): ein Beleg mehr, daß Chaucer gut und anscheinend aus direkter Quelle informirt war. Sir John Maundeville selbst, der im Jahre 1340 den Groß-Chan in Kathay besuchte und 15 Monate in seinem Heere diente (s. S. 220 der Ausg. Halliwell's), würde der Zeit nach sehr gut unter den alten Rittern mit einverstanden werden können, die V. 10,383 als Autorität für das mysteriöse Gericht angeführt werden. (S. 250: »Und die reichen Leute trinken Milch von Stuten oder Kamelen, oder von Eseln und andern Thieren«.) Aber Maundeville, der seinen Weg durch Persien und Chowaresmien nahm, ist gerade über die nordwestlichen Theile des Tartarenreichs unklar orientirt (S. 257 u. a. O.). Er nennt die Hauptstadt Sarak; das Kaptschak selbst aber Comenye. Die eingestreuten Brocken klassischer Gelehrsamkeit sind natürlich Chaucer's eigene Erfindung, der sich ein Heidenvolk eben nicht anders denken konnte, als das ihm aus seiner altlateinischen Lektüre allein bekannte römische.

V. 10,362. Außer der Erhebung ( exaltatio, s. z. 6285) haben die Planeten noch in besondern Häusern, d. h. Zeichen des Thierkreises, Herrschaft ( dominatio). So ist Mars' Haus der Widder; aber er steht diesen Augenblick nicht darin, sondern im gerade entgegengesetzten Zeichen (der Wage), also im Gegenschein der Sonne, die eben in den Widder eingetreten ist und somit in ihrer Exaltation steht. S. a. a. O. und Henr. a Lindhout, Introductio in Physic. judic., p. 74, Tab. 77. Tyrwhitt z. d. St.

V. 10387. Primzeit, s. z. V. 2191.

V. 10409. Gawein, der bekannte Ritter von Arturs Tafelrunde.

B. 10430. S. z. 4422.

V. 10436. Lies Or statt 0f.

V. 10445. Band und Siegel – Zauberknoten und Salomonis Wundersiegel.

V. 10523. » Des Griechen Sinon Pferd.« Ich weiß nicht, ob ich völlig berechtigt gewesen bin, nach Tyrwhitt's und Wright's Vorgang, die sonderbaren Worte the Grekes (oder gar Grekisch) horse Sinon so, wie geschehen, zu übersetzen. Denn auch so bleibt noch ein Flüchtigkeitsfehler Chaucer's stehen, insofern nicht Sinon (wie Wright meint), sondern Epeus das trojanische Pferd gebaut hatte, Sinon vielmehr nur die Trojaner über den Zweck des Pferdes belog, was Keiner, der das zweite Buch von Virgils Aeneide gelesen hat, billiger Weise sollte vergessen können und was Chaucer selbst, wenigstens zu der Zeit, als er die Geschichte Dido's in der »Legende von den guten Frauen« schrieb, ebenfalls recht gut wußte. (S. L. G. W. 931. Ebenso House of Fame, V. 152 ff.) Hatte daher Chaucer im Sinn, nur das abgeschmackte Geschwätz des großen Haufens zu schildern, der diese und jene gelehrte Reminiscenz, die er irgendwo aufgeschnappt hat, an den Mann bringen will, so wäre es vielleicht richtiger gewesen, noch einen Schritt weiter zu gehn und anzunehmen, der Schwätzer habe Sinon für den Namen des Pferdes selbst gehalten.

V. 10546. »Alhazens und Vitellio's Bücher über die Optik sind erhalten und zu Basel 1572 gedruckt. Nach der Meinung des Herausgebers soll der erstere um 1100 n. Chr., der letztere um 1270 gelebt haben.« Tyrwhitt.

V. 10548. Perspektiven. Keineswegs Fernröhre, sondern magische Spielzeuge, zu optischen Täuschungen konstruirt, wie Shakespeare sie in Richard II. (s. Henley zu Akt II, Not. 29) beschreibt.

V. 10552. Telephus. Auf ihrem Zuge nach Troja kamen die Griechen bei Nachtzeit an die Küste, wo der ihnen befreundete König der Myser, Telephus, herrschte. Da sie die Landung ertrotzen wollten, kam es im Dunkel zu einem Gefecht, in welchem Achilles den Telephus tödtlich verwundete. Als am Morgen der Irrthum entdeckt wurde, heilte Telephus, einem Orakel folgend, die Wunde durch Rost, von demselben Speere entnommen, der sie ihm beigebracht hatte.

V. 10579. Mitte März, wenn die Sonne im Widder die Mittagslinie überschritten hat, der Löwe im Osten aufgeht – allerdings das Zeichen des Löwen, nicht sein Sternbild. Hier hat sich der Dichter also wirklich eine Verwechselung zu Schulden kommen lassen, was aber auch Solchen begegnet ist, die sich viel klüger dünken als er. Daß Chaucer das Bild meint, geht aus der Erwähnung des Aldrian hervor, eines hellen Sternes, am Halse des Löwen.

V. 10587. S. z. V. 6285.

V. 10,601. Lanzelot, nächst Artur selbst der berühmteste Ritter der Tafelrunde.

V. 10,666. Nach den alten Aerzten herrschte das Blut im Körper in den letzten Stunden der Nacht und den ersten des Tages. S. Tyrwhitt z. d. St.

V. 10,674. S. z. 2191.

V. 10,742. Pilgerfalke, eine besonders geschätzte Art ( pelerin), deren Beschreibung Tyrwhitt z. d. St. nach mittelalterlichen Autoritäten giebt.

V. 10,921. Boethius III, met. 2.

V. 10,933. Non leveres statt noveltes, nach Cod. Lansd.

V. 10,963, 64, sowie 77, 78, sind nach Tyrwhitt's Anordnung gestellt, da nur auf diese Weise Sinn und Zusammenhang in den Text zu bringen war.

V. 10,981. Ms. A. hat Caballo. Aber dies ist nicht der einzige Grund, welcher mich einen Mißgriff in dem Namen vermuthen läßt. Es scheint aus dem Zusammenhang klar, daß die hier gemeinte Person nicht ein Bruder, sondern ein Liebhaber Canace's ist, »der die zwei Brüder erst im Lanzenbrechen besiegte, eh' er Canace gewann.« Die zwei Brüder sind handgreiflich die beiden Brüder Canace's, die oben erwähnt sind, Algarsif und Camballo. In den Mss. Ask. 1, 2, steht – his brethren two; was die Sache sofort außer Zweifel setzen würde. Camballo konnte nicht mit sich selbst kämpfen. Ferner, wenn man annimmt, daß dieser Camballo der Bruder Canace's ist und für sie gegen irgend ein ungenanntes Brüderpaar kämpft, die möglicherweise ihre Bewerber waren (ähnlich wie bei Spenser), so könnte es doch wohl nicht von ihm heißen, »er gewann« seine Schwester, da er nur Andre abhielt, sie zu gewinnen.

So scheint mir denn der Entwurf für den unvollendeten Theil dieser Erzählung folgender gewesen zu sein: Zuerst der Schluß der Erzählung von dem Falken durch Vermittelung des Camballus mit Hülfe des Ringes; die Eroberungszüge des Cambuscan, die Gewinnung Theodora's durch Algarsif, mit Hülfe des ehernen Rosses, und die Verheiratung Canace's an irgend einen Ritter, der zuvor um sie mit ihren beiden Brüdern kämpfen mußte, eine Art der Brautwerbung, die mit den Anschauungen des alten Ritterthums sehr wohl in Einklang steht.« Tyrwhitt.

Prolog zur Erzählung des Gutsherrn.

V. 11,021. Die meisten altbritischen Sagen kamen der englischen Poesie nicht direkt durch die celtischen Reste der Urbevölkerung auf ihrer eignen Insel zu, mit denen die Angelsachsen und späteren Engländer kaum einen andern Verkehr, als Schwert gegen Schwert gehabt zu haben scheinen, sondern auf dem Umweg über die Bretagne (Armorica). Hier schöpften Franzosen und französische Normannen vielfach ihre Balladenstoffe aus den heimischen Liedern bretonischer Barden, welche dieselben zur Harfe vortrugen. Diese französischen Uebersetzungen bretonischer Gesänge werden vorzugsweise mit dem Namen lais (aus dem deutschen Leich, Gesang) bezeichnet und haben ihrerseits den altenglischen Romanzendichtern vielfachen Stoff zur Bearbeitung und Nachahmung geboten. Die reichste und berühmteste Sammlung solcher Lais ist die der Marie de France, einer aus der Bretagne gebürtigen, aber in England (am Hofe Heinrichs III.) eingebürgerten Französin. S. Price, Not. B. zu Warton, H. E. L. I, p. LVII. Das., Th. II, S. 223, Not. A. Gräße, A. L. G. II, 2, S. 1109. Tyrwh. z. d. St. und Introduct. Discourse, p. LXIII f., Not. 24.

Die folgende Erzählung ist nicht aus einem der erhaltenen Lais geschöpft, aber schon vor Chaucer vielleicht nach einer ähnlichen Quelle, aber mit freier Veränderung der Lokalitäten und Namen von Boccaccio im Decameron (X, 5) und im Philocopo behandelt.

V. 11,034. Wright nimmt den nach der Weise faselnder und unwissender Abschreiber corrumpirten Namen: Marcus Tullius ne Cithero aus der Lansdowne-Handschrift gegen Vers und Sinn auf, weil er geneigt sei, zu glauben, Chaucer habe dadurch die Unwissenheit des Frankeleins charakterisiren wollen. Aber ein Blick auf die behagliche Lebensweise, gute Sitte und Bescheidenheit dieses in seiner Grafschaft hochgeehrten Mannes (s. Prolog, V. 333-362 und Anm.), so wie die feine Ironie der folgenden Verse und die Achtung für höhere Bildung, die sich in den vorangehenden ausspricht, zeigen deutlich genug, daß wir es nicht mit einem Bauertölpel zu thun haben und daß die Entschuldigung (11,028 f.), welche ihre Widerlegung in sich selbst trägt, nur eine ihm wohlanstehende Form jener Höflichkeit ist, mit der auch jetzt ein gebildeter Landmann im Verkehr mit besonders feinen oder gelehrten Leuten sich einen schlichten Bauer nennt.

Die Erzählung des Gutsherrn.

Ueber die Quelle der Sage siehe zu V. 11,021.

V. 11,113. Penmark an der Westküste der Bretagne zwischen Brest und Port L'Orient.

V. 11,120. Cairrud, nach Tyrwhitt ein echt britischer Name, »die rothe Stadt« bedeutend.

V. 11,260. Leysen (Laisen), die durch das französische Lais hindurchgegangene und wieder in das Deutsche zurück aufgenommene Form für das ursprüngliche Leich = Gesang.

V. 11,263. Die Liebe der Echo zum Narcissus behandelt Ovid, Met. III, 342 ff.

V. 11,422. Pamphilus für Galatee. Anspielung auf ein zu Chaucer's Zeit sehr viel gelesenes lateinisches Gedicht, dessen Anfangsverse Tyrwh. zu dieser Stelle aus einer Handschrift mittheilt.

Buch des Pamphilus.

Wund im Herzen verberg' ich den Pfeil im schweigenden Busen,
Während die Wund' und der Schmerz immer und immer nur wächst.
Ja, nicht wag' ich einmal der Verwundeten Namen zu nennen,
Selbst ihr ins Auge zu schaun, läßt die Verwundung nicht zu.

V. 11,430. »In Orleans war eine berühmte und sehr alte Universität, deren Ruf verfiel, seit die Pariser Universität berühmt wurde, und die Rivalität führte wahrscheinlich zu dem Vorwurf, daß die geheimen Wissenschaften zu Orleans getrieben wurden.« Wright. – Dies ist Schwindel – Vordersatz wie Nachsatz. Die Stiftung der Pariser Universität, welche aus der Vereinigung der dortigen reich dotirten und längst berühmten Schulen entstand, fällt in das Ende des 13., vielleicht Anfang des 14. Jahrhunderts (s. die Beweisstellen bei Gräße, A. L. G., Th. II, 2, S. 918 f.). In Orleans, wo allerdings schon die Schulen seit 1234 in bedeutendem Flor gewesen sein müssen, kann vor 1312 an eine Universitas sicher nicht gedacht sein (Gräße a. a. O.). Chaucer spricht übrigens auch hier gar nicht von einer solchen im eigentlichen Sinne des Wortes und seine Chronologie ist eine durchaus phantastische. Seine Erzählung denkt er sich in ein vorchristliches Zeitalter fallend.

V. 11,585 ff. Die Tafeln von Toledo. Die astronomischen Tafeln, auf Befehl Alphonso's X., Königs von Kastilien, um die Mitte des 13. Jahrhunderts zusammengestellt, wurden zuweilen toledanische Tafeln genannt, da sie nach Meridian und Polhöhe von Toledo berechnet waren. Der Dichter beschreibt dieselben nach den verschiedenen Theilen, in welchen sich die technischen Ausdrücke wiederfinden, welcher die ältern Astronomen sich nach dem Vorgang dieser Tafeln bedienten. Eine Wurzel ( Radix) ist jedwede, willkürlich angenommene Zeit, von welcher aus man die verschiedenen Konstellationen berechnet. Die übrigen Ausdrücke sind durch die Uebersetzung schon soweit verdeutlicht, als es für den Leser, der nicht gerade ein Studium aus der Astrologie machen will, ausreicht. S. Tyrwh. z. d. St. Urry und Chambers im Gloss. Wie übrigens Alnath (nach Speght der erste Stern in den Hörnern des Widders, von welchem das erste Haus des Mondes seinen Namen hat) sich von den Hörnern seines eigenen Sternbildes vorschieben könne, gestehe ich nicht zu begreifen.

V. 11,680. »Die folgenden Beispiele sind sämmtlich aus Hieronymus gegen Jovinian ( I, c. 39) entnommen.« Tyrwh. S. darüber z. V. 6256 ff.

V. 11,699 ff. Ich habe Quantität und Form dieser sonst wenig genannten Namen gelassen, wie ich sie bei Chaucer fand, wiewohl die griechische Analogie für den Namen des Tyrannen Aristoclîdes, für den des Mädchens Stymph?lis verlangt. Aristoclîdes war Tyrann des arkadischen Orchomenos. Er hatte, um sein Gelüst zu befriedigen, den Vater der Stymphãlis ermordet.

V. 11,721 f. Das Ereigniß fällt in die Zeit der Plünderung Milets durch gallische Schwärme, ca. 276 vor Chr. Geb. Es ist durch ein Epigramm der Mitylenäerin Anyte (in der Palatinischen Anthologie VII, 492) verherrlicht, die aber nur von drei Jungfrauen weiß.

Theuere Heimat Milet, wir scheiden von dir, um der ruchlos
Frevelnden Schmach zu entgehn, die uns der Gallier bot:
Drei Jungfrauen der Stadt von edler Geburt, die der Kelter
Dräuender Kriegsgott zwang, gleichem Geschick sich zu weihn,
Denn nicht erwarteten wir sündvolles Umarmen noch Brautkleid;
Hades allein nahm uns schützend als Bräutigam auf.

V. 11,726. Abradates, König von Susiana, Bundesgenosse der Assyrer im Kampfe gegen Cyrus. Seine Gemahlin Panthea entleibte sich auf seinem Grabhügel. Hieronymus hat die Erzählung aus Xenophon's Cyropädie (VII, 3, 2 f.) entlehnt.

V. 11,738. Demotions, des Areopagiten Tochter, war mit Leosthenes, dem Redner und Feldherrn, verlobt, der als Anführer der Athenienser im lamischen Krieg fiel (324 v. Chr.). Sie tödtete sich selbst, um sich keinem Andern vermählen zu müssen.

V. 11,740. Sedasus' Töchter (im böotischen Leuctra) hatten in Abwesenheit ihres Vaters zwei Jünglinge, Gastfreunde des Hauses, aufgenommen. Von diesen war ihnen Schmach angethan. Die Jungfrauen wollten ihre Schande nicht überleben und tödteten sich gegenseitig. Etwas abweichend wird die Geschichte von Plutarch erzählt.

V. 11,745. Nikanor, Feldherr Alexanders, wollte nach der Eroberung Thebens eine gefangene Jungfrau zur Ehe mit ihm zwingen. Sie zog den Tod vor.

V. 11,749. Nicerâtos (ebenfalls falsche Quantität im Original, lies Nicçr?tos), Sohn des athenischen Feldherrn Nicias, von den dreißig Tyrannen getödtet. Seine Frau nahm sich das Leben aus Schmerz über seine Hinrichtung.

V. 11,751. Alcibiades' Geliebte, Timandra oder Theodota, begrub seine verstümmelte Leiche, obwohl Pharnabazus Todesstrafe darauf gesetzt hatte.

V. 11,757. Laodamia, des Protesilaos Gemahlin, der als der Erste vor Troja fiel.

V. 11,764. Artemisia, Königin von Karien, die ihrem Gemahl Mausolus das berühmte Denkmal zu Halikarnassos stiftete.

V. 11,765. Teuta, Königin von Illyrien, Wittwe des Agron zur Zeit der Einnahme des Landes durch die Römer.

V. 11,802. »Nach diesem Verse hat die zweite Caxton'sche Ausgabe noch folgende sechs:

Nun sagt wohl Mancher hier von eurer Schaar,
Daß es von ihm recht niederträchtig war,
Sein Weib durch solch entsetzlich Spiel zu quälen.
Eh' ihr ihn schmäht, laßt mich erst auserzählen.
Viel besser, als ihr denkt, kann Alles kommen:
Drum urtheilt erst, wenn ihr die Mär vernommen.

Sie sind viel mehr im Stil und Geist Chaucer's als die gewöhnlichen Interpolationen. Aber da sie in keiner Handschrift stehen, konnte ich sie nicht in den Text aufnehmen. Außerdem denke ich, daß, wenn sie von ihm geschrieben sind, er sie bei reiferer Ueberlegung unterdrückt haben dürfte, da sie unnützerweise die Katastrophe der Erzählung vorweg verrathen.« Tyrwhitt.

Prolog zur Erzählung des Doctors.

Die ältern Drucke und mehrere Handschriften lassen hier die Erzählung der zweiten Nonne und des Dienstmannes des Stiftsherrn folgen. Ich bin auch hier Tyrwhitt's Anordnung gefolgt, dessen Argumente dafür mir unwiderleglich erscheinen. Man darf allerdings annehmen, daß an dieser Stelle der von Chaucer selbst hinterlassenen Handschrift die Erzählungen und Prologe noch ungeordnet durch einanderlagen, weil der Dichter selbst sich noch nicht für eine definitive Redaktion bestimmt hatte. Gewiß ist es, daß der Prolog zur Erzählung der zweiten Nonne gänzlich fehlt, und daß der zur Erzählung des Doctors, wenn er wirklich von Chaucer stammt und nicht ein etwas geschickterer Lückenbüßer eines ergänzenden Abschreibers ist, als die sonst in den Handschriften hier und dort auftauchenden, dem Dichter selbst nicht bei der Herausgabe des Ganzen genügt haben würde. Er scheint eine Art Interimisticum gewesen zu sein, um dadurch die Ordnung der Geschichten vorläufig skizzenhaft zu fixiren. Im Uebrigen ist Tyrwhitt's Schlußfolgerung zwingend. Da der Mönch aufgefordert wird zu erzählen (vergl. 13932), ist die Gesellschaft bei Rochester; als sie der Stiftsherr überholt, sind sie bei Boughton under Blee (V. 16024), zwanzig Meilen jenseits Rochester, so daß die Erzählung des Dienstmannes und die der Nonne, an welche jene durch ihren Prolog untrennbar gebunden ist, nothwendig erst nach derjenigen des Mönches eintreten kann und folglich auch erst nach der des Nonnenpriesters, weil letzterer wiederum an die des Mönches gekettet ist. Stellen wir nun die Geschichten der Nonne und des Dienstmannes zurück, so kommt die des Doctors zunächst der des Gutsherrn zu stehen.

Die Erzählung des Doctors.

Daß Chaucer trotz seines eignen Citates (V. 11935) den Stoff nicht direkt aus Livius geschöpft, ja daß er nicht einmal das zweite Buch des Historikers vor Augen gehabt hat, glaube ich den frühern Erklärern gegenüber mit größter Entschiedenheit behaupten zu dürfen. – Wenn man sieht, wie er in der Erzählung von der Lucretia ( Leg. of g. W.), wo er übrigens auch den Livius nebenbei als Gewährsmann nennt, Ovid's Fasten (II, 742 ff., aus denen er dort wirklich geschöpft hat) in allen feinen und feinsten Zügen des Details fast mit Uebersetzertreue folgt, so ist es geradezu unmöglich, zu denken, daß er sich die hochpoetischen und wahrhaft erschütternden Motive der livianischen Erzählung hier vollständig hätte entgehen lassen sollen, und daß er an ihre Stelle eine verblaßte Handlung, breite Gemeinplätze und an den Schluß die widerwärtige, barbarische Kopfabschneiderei (12189) gesetzt hätte, die in so grellem Kontrast zu Virginius' Charakter und Worten steht. – Livius' Werk ist in sehr zerstückelter Form durch das Mittelalter gegangen. Selbst die jetzt uns erhaltenen Bücher finden sich in keiner Handschrift vollständig (s. Bernhardy, Gesch. d. röm. Lit., S. 610, N. 499). Wie selten es zur Zeit der Wiederherstellung in Italien war, erhellt aus der bekannten Erzählung von Poggio. Es ist an sich (namentlich aber, wenn man die oben angezogene Stelle aus der L. g. W. erwägt) viel wahrscheinlicher, daß Chaucer kein Exemplar davon zugänglich war, als das Gegentheil. Dagegen mochte er sehr wohl im Besitz der vielfach abgeschriebenen und gelesenen Auszüge des angeblichen Florus ( Epitomae oder Periochae Livii) sein. Dies konnte ihm genügen, um sich auf Livius, als seinen Gewährsmann, zu berufen. Aber wir bedürfen nicht einmal dieser Annahme. Wir wissen bereits aus andern Beispielen, wie Chaucer citirt. S.V. 5546, 4820, Prolog zur Erzählung des Ritters und zu V. 2295, 3227. Es war genug für ihn, zu wissen, daß Livius eine berühmte Quelle »römischer Gesten« sei, um diese Erzählung aus den Händen eines wenig zuverlässigen Mittelmannes auf guten Glauben, als von Livius stammend, hinzunehmen. Daß er sich dafür an Gower Confess. Am. L. VII) wandte, ist wahrscheinlich, daß er in einigen Stellen den Roman de la Rose benutzte, ist sogar gewiß (s. R.R. II, p. 74 ff. Méon. Vgl. V. 11,950 mit R.R. III, p. 102, 103, und vor allem 1216, 12,199 und R.R. II, p. 77 nach Wright). Nach andern Quellen lohnt es unter diesen Umständen kaum sich umzusehen.

V. 12,051. Der Doctor. Eine Marginalglosse der Handschrift C.1 bei Tyrwh. lautet: Augustinus. Aber wenn schon kaum glaublich wäre, daß Chaucer den h. Augustin zum Doctor der Theologie gemacht haben sollte, so ist es geradezu unmöglich, daß er unter dem ganz ex abrupto gebrauchten Titel ohne Weiteres den Kirchenvater verstanden wissen wollte. Der Doctor kann nur der Doctor sein, von dem zuletzt die Rede gewesen ist, nämlich der Doctor der Medicin, der diese Geschichte erzählt. Das ist nun allerdings ein Mißgriff Chaucer's und eine arge Störung der Illusion. Aber weder die einzige in diesen unvollendeten Erzählungen, noch die schlimmste. S. z. 9559.

V. 12,074. Kerl. Es ist nicht nöthig, nachzuweisen, daß Cherl ( Churl) schon bei Chaucer öfters diese Bedeutung hat. Deßhalb sind die diplomatischen und historischen Bedenken Wright's überflüssig, um so mehr, als die politische Bedeutung des cherl (anstatt ceorl) gar nicht so unähnlich der des cliens ( cluens, Hörige) in der ältesten römischen Zeit ist.

Prolog zur Erzählung des Ablaßkrämers.

V. 12,238 und 40. Die Abwechselung zwischen du und ihr in der Anrede ist hier, wie an andern Stellen, dem Original nachgebildet.

V. 12,240 Hippokras = Hippokrates. S. V. 433.

V. 12,259 ff. Nach Cod. Harl.

Tell us som moral thing that we may lere.
gladly, quod he, and saide as you shall here.
But in the cuppe will I me bethinke.

Die Erzählung des Ablaßkrämers.

Die Quelle ist unbekannt. Ihre Umrisse finden sich gleichfalls in den Cento Novelle antiche, N. LXXXII. Daß Chaucer einer italienischen Erzählung folgte, wird einigermaßen wahrscheinlich durch die öftere Nennung der Florenen als Goldmünze (V. 12703. 8. 73). Doch entscheidend ist dies Argument nicht, da der Name sich im 15. Jahrhundert rasch durch Italien und auch nach Frankreich und Belgien verbreitete. S. Du Cange s. v. Floreni und Moneta. Die Präambel bis V. 12396 wäre vielleicht besser, wie es in den meisten Handschriften geschehen, zum Prolog zu schlagen.

V. 12;268. Radix etc. »Die Wurzel der Uebel ist Begehrlichkeit.«

V. 12,340. In die Fichten (die Brüche) gehn, scheint mir der Bedeutung der englischen Phrase (in die Brombeeren gehn) am nächsten zu kommen. Allerdings ist damit das Participium (wo man den Infinitiv oder das Gerundium erwarten sollte) nicht erklärt. Dies geschieht aber ebensowenig durch die Interpretation Skinner's (bei Halliwell s. v.) blacke-buried = black-buried, in infernum missus, gewissermaßen »schwarz begraben«. Außerdem widerspricht dieselbe dem metrischen Gebrauche Chaucer's, der zwar sehr viel reiche Reime hat, niemals aber dasselbe Wort in derselben Bedeutung zweimal als Reim setzt.

V. 12,408. Die gewöhnlichen Eidschwüre dieser Zeit, wie schon genugsam aus den Canterbury-Geschichten erhellt, waren bei einzelnen Körpertheilen des Erlösers.

V. 12,426. Seneca. Epist. 83.

V. 12,463. Der Apostel. Philipp, III, 18.

V. 12,497. Lepe, nicht weit von Cadix, also starker spanischer Wein, der damals, als die weinreichen Loire-Gegenden noch den englischen Königen unterthan waren, wenig in England getrunken wurde.

V. 12,498. Fishstreet ist der Lesart Fleetstreet, im Cod. Harl. vorzuziehen, da letztere Straße, jetzt allerdings im regsten Verkehr des londoner commerciellen Lebens gelegen, damals noch zu einer schwach angebauten Vorstadt gehörte. Ueber Chepe, jetzt Cheapside, s. zu V. 756.

V. 12,500. Es ist wohl gemeint, daß der spanische Wein, mit anderm zusammengetrunken, diesem von seiner berauschenden Kraft mittheile.

V. 12,520. Die Bibel. Sprüchw. Sal. XXXI, 4.

V. 12,539. Lacedomie statt Caledonie. Johannes Saris burensis, von dem der Dichter wahrscheinlich diese und die folgende Geschichte entnommen hat, nennt ihn (den Stilbon) – Chilon.

V. 12,542. In playing statt Y-playing

V. 12,557. Demetrius Nikator († 126 v. Chr.), s. Justin. XXXVI, 1.

V. 12,563. Othes statt Others.

V. 12,580. Thus statt This.

V. 12,585. Gottes Nägeln – mit denen er ans Kreuz geschlagen ward; denn Gott ist in diesen Schwüren auch sonst oft bei Chaucer ohne Beschränkung für Christus gesetzt.

V. 12,586. Die Abtei Hailes in Glocestershire ward durch Richard (von Cornwall, den römisch-deutschen König) gegründet. Diese kostbare Reliquie, »das Blut von Hailes«, ward aus Deutschland durch Richard's Sohn, Edmund, gebracht, der den dritten Theil davon der Gründung seines Vaters zu Hailes vermachte, und später die andern zwei Drittel der von ihm selbst gestifteten Abtei Ashrug bei Berkhamsted schenkte. S. Tyrwh. z. d. St.

V. 12,596. Prim. S. z. 2191.

V. 12,638. Wright will statt boren nach Cod. Harl. sworen, was hier mit Berücksichtigung von 12,631, 37, und 12,742 geradezu Unsinn wäre. Sie schwören ja eben Brüderschaft, um so fest, als wären sie geborene Brüder, zusammenzuhalten.

V. 12,823. Avicenna, s. V. 434.

Prolog zur Erzählung des Schiffers.

Dieser Prolog ist in den Handschriften an verschiedenen Stellen umhergeirrt; in den meisten der Erzählung des Junkers vorgesetzt, so daß letztere mit zwei Prologen versehen, die des Schiffers dagegen ohne Prolog geblieben ist, in Folge dessen dann wieder eine andere ungeschickte Hand die Lücke mit plumpen Versen ausgefüllt hat, über deren Unechtheit kein Zweifel sein kann. Tyrwhitt hat nach einer Handschrift (B. d.), aber aus Gründen, die für jeden Leser dieses Prologs sofort auf der Hand liegen, ihm die jetzige Stelle angewiesen. Er schließt aber aus den oben angeführten Thatsachen mit Recht, daß diese Zeilen, obschon ohne allen Zweifel von Chaucer verfaßt, doch von ihm noch keinen festen Platz in seinem Werke erhalten haben müßten, daß sie daher in den ersten Abschriften ausgelassen und später urtheilslos der Erzählung des Junkers vorgesetzt seien, nachdem der wahre Prolog zu der letztern Erzählung nach der Versetzung derselben an eine andere Stelle unpassend geworden sei.

V. 12,914. Die Sekte der Lollharde, Vorläufer der Reformation, um 1300 im südlichen Deutschland und in den Niederlanden verbreitet, verschmolz in England alsbald mit den Wiclifiten, und ihr Name, dessen Ursprung unklar ist, ward im Munde der verweltlichten Geistlichkeit, der Höflinge und der indifferenten Klassen ein Schimpfwort, durch das sie Fromme und Frömmler frühzeitig als »Mucker« kennzeichneten. Das Charakteristische dieser Stelle wird einleuchtend durch Vergleichung eines von Tyrwhitt aus einer Handschrift ( Harl. Catal., n. 1666) mitgetheilten religiösen Traktätchens. Es heißt darin: »In England gilt es jetzt als ein gemeiner Schutz gegen Verfolgung, wenn ein Mann die Gewohnheit hat, nutzlos, falsch und unbedacht zu schwören bei den Gebeinen, den Nägeln und den Seiten und andern Gliedern Christi. Sich aber zu enthalten von nutzlosen und strafbaren Schwüren und Sünde im freundlichen Geiste zu tadeln, ist jetzt Grund und Ursach genug, weßhalb Prälaten und einige hohe Herrn die Leute verhöhnen und sie Lollarde, Ketzer u. s. w. nennen.« S. z. V. 17354.

V. 12,923. Raden, vielleicht Anspielung auf den Namen der Lollharde, den man in England von lolium abzuleiten pflegte.

Die Erzählung des Schiffers.

Die bis jetzt noch nicht nachgewiesene Quelle der Erzählung ist ohne allen Zweifel, wie ihr Schauplatz mit allen seinen Details, in Frankreich zu suchen. Die Grundzüge derselben sind von Boccaccio in die Geschichte des Gulfaldo (Decameron VIII, N. 1) verwebt. Dort ist der Liebhaber jedoch kein Mönch, sondern ein deutscher Soldat, und die Scene Mailand. Nach Gräße (A. L. G. 1034) ist unsere Erzählung »offenbar« eine Nachahmung des Fabliaus » du bouchier d'Abbeville« des Eustace d'Amiens bei Babazan Fabliaux T. IV, p. 1 (ausgezogen bei Le Gran T. III, p. 288). Das betreffende Fabliau ist mir nicht zugänglich. Aber schon nach dem Titel können die beiden Geschichten nur eine sehr entfernte Aehnlichkeit besitzen; und da Gräße »offenbar« die Canterbury-Tales nur zum kleinsten Theil gelesen hat, so möchte ich die Nachahmung der Version des Eustace durch Chaucer in Zweifel ziehn.

V. 12,937. Uns. Es ist aus diesem Pronomen, sowie aus 12,942-49 klar, daß die Erzählung ursprünglich bestimmt war, einer Frau in den Mund gelegt zu werden.

V. 13,018. Primzeit. S. z. V. 2191.

V. 13,124. Der böse Ganelon, der Judas unter den Pairs Karls des Großen, verrieth Roland in der Roncevaler Schlacht und ward zum Lohn dafür auf des Kaisers Befehl von Pferden zerrissen.

V. 13,136. S. z. V. 2191. Natürlich ist hier das Ende der Primzeit zu verstehen, also, wenn wir als Jahreszeit die Mitte des Mai annehmen, etwa 8 ½ früh. Da die kirchlichen Stunden mit den Jahreszeiten wechseln, so müssen diejenigen, die, wie unser Mönch, ein besonderes Interesse daran haben, einen Kalender bei sich führen, um sich jederzeit darüber unterrichten zu können. Uebrigens ist die Ordnung der Mahlzeiten in dem bürgerlichen Haushalt des Kaufmanns eine andre, als in dem vornehmen Hause des Ritters (Erzählung des Kaufmanns, 9768 ff.). Die Hauptmahlzeit ( dinner) ist hier wirklich das Frühstück. Der Kaufmann hatte von Sonnenaufgang an in seinem Kontor gearbeitet. Er und alle Hausbewohner waren noch nüchtern. Gegen Ende der Primzeit klopft ihn seine Frau heraus. Es wird Messe gehört (offenbar die Underne oder Tertie) und dann gegessen. Uebrigens ist man, wie aus V. 13,181 deutlich erhellt, nicht erst in die Kirche gegangen. Daß der Kaufmann (wie es allerdings mitunter selbst in bürgerlichen Familien der Fall war) sich einen Hauskaplan für solche Funktionen gehalten haben sollte, ist nicht wahrscheinlich. Auch der Mönch kann unmöglich die Monstranz auf seinen Geschäftsausflügen mit sich geschleppt haben. Wir müssen daher die » Messe« hier nur als ein Tischgebet auffassen, das, sobald von den Kirchthüren das Zeichen mit der Glocke gegeben war, mit den üblichen und bekannten Worten des Messedienstes, hier aller Wahrscheinlichkeit nach von dem Mönche gesprochen ward – das » Dignare domine«, von dem vielleicht das Diner selbst den Namen hat. S. Diez' Wörterbuch d. R. Spr., S. 122.

V. 13,289. Sichre Marken, dergleichen zu allen Zeiten in England von Handels- und Fabrikhäusern an Geldesstatt ausgegeben wurden. Sie entsprechen demnach unsern Privat-Bankscheinen. Offenbar müssen sie für den Fall des Verlierens oder einer Fälschung Nummern gehabt haben, die vorsichtige Geschäftsleute sich notirten.

Die Erzählung der Priorin.

Aehnliche Geschichten, erfunden, um die Judenverfolgungen in den dunkeln Jahrhunderten zu entschuldigen oder gar dazu aufzureizen, finden sich in mannigfachen Versionen vor. Eine der bekanntesten ist die von Herder übersetzte schottische Ballade (bei Percy Rel. I, p. 32). Chaucer's Quelle ist noch nicht ermittelt. Tyrwhitt glaubt ihr deßhalb ein verhältnißmäßig höheres Alterthum zuschreiben zu müssen, weil ihr Schauplatz Asien sei. Es ist mir aber nicht bekannt, daß die Judenverfolgungen (und mit ihnen diese gehässigen Erfindungen) ihren Weg von Asien nach dem westlichen Europa genommen hätten. Vielmehr hat derselbe Geist, welcher die Kreuzzüge hervorrief, in seiner Ausartung die Lust zu diesen Frevelthaten des Fanatismus geweckt. Daher ist Frankreich und das linke Rheinufer denn auch ihr Ausgangspunkt. Daß übrigens die Legende, aus welcher Chaucer schöpfte, etwa hundert Jahre vor seiner Zeit aufgezeichnet sein mußte, geht aus der letzten Stanze (V. 13,616) hervor, da die angebliche Ermordung des jungen Hugh von Lincoln durch die Juden von Matthäus Paris ins Jahr 1255 gesetzt wird. S. Tyrwh., Introd. Disc., p. LXV, §. XXXII.

V. 13,444. Ueber die höchst bemerkenswerthe Frömmigkeit des h. Nicolaus berichtet das Breviar. Rom. VI, Decemb.: »Wie groß dieses Mannes Heiligkeit einst werden würde, zeigte sich schon in der Wiege. Denn während das Kindlein an den übrigen Tagen häufig die Milch seiner Amme trank, enthielt es sich Dienstags und Freitags des Saugens, und sog nur einmal, nämlich des Abends.«

Prolog zum Reimgedicht vom Herrn Thopas.

V. 13,630. Die Ironie ist klar genug. Denn daß der Wirth Harry Bailey als eine stattliche und korpulente Figur zu denken sei, leuchtet wohl jedem Leser aus der ganzen Haltung und Beschreibung des Mannes ein. S. V. 753-58. Fraglich dagegen ist zunächst, ob der Humor nur nach einer Seite schlägt, oder nach beiden; ob der Wirth in gemüthlicher Selbstironie sich mit einem wirklich schmächtigen Manne vergleicht, oder ob er diese Schmächtigkeit nach seinem eignen Schmeerbauch mißt. Das glücklich erhaltene Portrait Chaucer's von Occleve entscheidet für die letzte Alternative und ein behagliches Embonpoint des Dichters.

V. 13,633. Elfisch. Es ist jetzt wohl bekannt genug, daß dieses Wort, welches die deutsche Sprache mit der englischen theilt, nicht mit der Zahl elf und dem elften Lebensjahre zusammenhängt, in welchem die koboldhaften Unarten unserer Knaben allerdings meistens zum Durchbruch kommen, sondern daß es von den neckischen Elementargeistern selbst stammt, die das Gemüth von Kindern sowohl, als von Erwachsenen besessen halten. Nach der wechselnden Natur jener luftigen Wesen kann nun das Wort elfisch bald als phantastisch-träumerisch, bald tückisch-boshaft (so 4, 16219, 16310) aufgefaßt werden. Wir werden uns keinen Augenblick besinnen, es hier in der ersten Bedeutung zu nehmen.

Das Reimgedicht vom Herrn Thopas.

Ueber dies Meisterstück parodischer Dichtkunst, welches für das Verständniß von Chaucer's Stellung zu der ihm zunächst vorangehenden Entwickelungsstufe der englischen Poesie von der äußersten Wichtigkeit ist, ist das Allgemeinere schon in der Einleitung des Uebersetzers beigebracht. Könnten noch Zweifel über die ironische Natur des Gedichtes übrig bleiben, so müssen sie bei der Betrachtung der Einzelheiten verschwinden. Die in die Hände der Bauern gefallene, excentrisch, rüpelhaft und albern gewordene Ritterromanze wird hier, der Form wie dem Inhalt nach, in anmuthigster Weise persiflirt. Zunächst die Form. Die sechszeilige Stanze der französischen Minstrels mit den, wenn sie normal gehalten ist, gleich reimenden vier längern Versen findet sich schon in den ältesten englischen Nachbildungen wieder. So in Hornchilde. Aber schon hier gehen dem Dichter aus technischer Ungeschicklichkeit die gleichen Reime in dem zweiten Paar der zusammengehörigen Verse aus, eine Ungeschicklichkeit, die von Chaucer (aber erst von V. 13790) treulich »nachgeähnlicht« wird. Man vergleiche Hornchilde (nach Wright's Essays I, p. 99, 14, bei Behnsch, S. 175).

Sie huben an bei Morgengraun,
Und ruhten nicht von Stechen und Haun,
Den Feind ins Gras zu strecken.
Sie färbten manchen blau und braun,
Der einst wie Schwanenfedern zu schaun,
Das mühte baß die Recken.

Und als nun schien das Abendroth,
Da lagen die Dänen alle todt;
Es schwand des Tages Helle.
Und die des Weges reiten und gehn,
Können noch die Gebeine liegen sehn
Bei St. Sibylla's Kapelle.

Dasselbe Versmaß ist übrigens in der zu V. 13828 noch zu besprechenden Romanze von Libeaux Desconnu, in dem sogleich weiter zu erwähnenden »König von Tars« und in den metrischen Heiligenlegenden angewendet, aus denen Warton zahlreiche Auszüge (Th. I, p. CXLVI, CLXVI f., CLXXl f., CXXV) giebt. Hier finden sich nun auch die übrigen Verstöße, das plötzliche Abspringen von der Strophe gewissermaßen in eine andere Tonart, die Verlängerung und Verkürzung der Verse wieder. Alle diese Verstöße zeigen sich nun auch in unsrer Parodie, aber von jener leichten und graziösen Komik umschwebt, die, indem sie das Häßliche vernichtet, es noch im Untergange verschönt und die von der hohen Meisterschaft Zeugniß giebt, mit der Chaucer seine sprachlichen Mittel zu handhaben weiß. Dies gilt nun auch von den Redeblumen, den absurden Metaphern und – was schon näher an den Inhalt herantritt – von den Ermunterungen zur Aufmerksamkeit und den Anpreisungen des eignen Liedes. Diese sind in der That für den Standpunkt der zu einer bloßen Spaßmacherklasse herabgesunkenen Minstrelbrüderschaft höchst charakteristisch. Sie versprechen einen grauenvollen und möglichst erhabenen Gegenstand zu behandeln und nennen in demselben Oden, oder vielleicht eben darum ihr Lied »lust'ger als die Nachtigall« (V. 13,763; genau so in der Romanze von Sir Bevis. Percy, Essay on the ancient metrical Romance, p. 198, 6), sie nennen es ein Lied »von Kurzweil und von Spaß« (V. 13,644). Sie machen sich von den nie gesehenen Hofhaltungen der Könige und Herrn dieser Welt, wo bei den Festschmäusen Pfeffernüsse, Lakrizensaft und Kümmel als die Summa irdischer Genüsse erscheinen, ein Ideal zurecht, das an die Anekdote von Friedrich dem Großen und dem Postillon ( auch einem Minstrel) erinnert.

Es ist nun zwar nicht unmöglich, daß Chaucer bei seiner Parodie ein schon vorhandenes Gedicht benutzte, das er dann mit einigen kecken Pinselstrichen zu der ergötzlichen Karrikatur umbildete, die uns vorliegt. Aber erwiesen ist es nicht. Hurd spricht zwar von einem Buche »vom Riesen Olyphaunt und Childe Topas«, als habe er es in den Händen gehabt ( Letters on Chiraley and Romance Dialogues etc. III, 218, ed. 1765). Aber Tyrwhitt bemerkt dagegen, daß er nicht so glücklich gewesen, irgend welchen Spuren einer solchen Geschichte von früherm Datum als dem der Canterbury-Tales zu begegnen – und Ritson in seiner (wie Price sagt) ebenso eleganten wie nachdrucksvollen Sprache hat die ganze Behauptung eine Lüge genannt. (Price zu Warton II, S. 196.) – Gar nicht daran zu denken aber ist, daß dies ganze Gedicht, wie es vorliegt, eine wirkliche, naturwüchsige Romanze sei, die Chaucer, nur um sie zu verhöhnen, in die Sammlung hineingezogen. Dazu sind theils die Verse viel zu gut, theils die Abenteuerlichkeiten zu grotesk, die Absurditäten zu kolossal, und das Ganze doch nicht im Mindesten langweilig. Man könnte ebenso gut meinen, daß Vischer's Mordgeschichte von der »gebornen Lerche« und der »mütterlichen Trunkenboldigkeit« ein naturwüchsiges Jahrmarktslied sei. Aber es ist förmlich ärgerlich, eine so völlig bodenlose Ansicht bekämpfen zu müssen, nur weil sie durch den Namen eines Mannes, wie Wright, geschützt wird. Ein unbefangner und geschmackvoller Leser könnte auf solchen Einfall gar nicht gerathen. Vgl. übrigens die Bemerkungen zu V. 13650, 60, 90, 97; 13732, 82, 90; 13801, und die einleitenden Anmerkungen zur Erzählung des Meliböus.

Sehen wir uns aber nach Analogien in der Romanzenliteratur, die hier persiflirt ist, um, so finden wir allerorten Anklänge, die hier nur, wie recht und natürlich, auf die Spitze getrieben sind. Der Vers aus Bevis ist schon angezogen. Nirgend aber drängen sich vielleicht mehr Beziehungen auf einen Raum zusammen, als in den Bruchstücken vom »König von Tars«, die Warton I, 188 ff. giebt. Da heißt es gleich im Anfang:

Alt und Jung, leiht mir das Ohr,
Ein süßes Ding trag' ich euch vor,
Wie ein Krieg begann u. s. w.

Und von der Königstochter:

»Schön war sie, keusch von Gemüthe,
Von Farbe roth, wie Brombeerblüthe.«

Womit die vortreffliche, wenn auch boshafte Verdrehung in V. 13675 zu vergleichen. – Und wörtlich wie bei Chaucer (13833) S. 192:

Als er auf seinem Roß sich fand,
Sprang er wie Funken aus dem Brand.

Andrer schwächerer und vielleicht mehr zufälliger Aehnlichkeiten nicht zu gedenken. Siehe jedoch zu V. 13720 und 13741.

V. 13,650. Popering, wirklich ein Ort in der Nähe von Cailas. Der unharmonische und wenig romantisch klingende Name eines Ortes in einer an sich ziemlich trivialen Lokalität sicher mit Absicht gewählt.

V. 13,660. Saffran – das semmelfuchsige ( sandy) Haar ist den Engländern das allerunangenehmste und ein beständiger Stoff zur Verspottung der Hochschotten.

V. 13,663. Die Hosen. Das gleichlautende englische Wort bezeichnet schon an sich gewirkte Hosen (nebst Strümpfen). Sie werden demnach von Seide gewesen sein. Denn Brügge war der Hauptstapelplatz für gewirkte Seidenwaaren, die aus Italien eingeführt wurden. Im Jahre 1318 kamen fünf venetianische Galeassen mit italienischen Gütern in dieser Stadt an, um ihre Ladung auf die dortige Messe zu bringen. S. Warton a. a. O., Th. I, S. 177, Anm.

V. 13,664. Drap d'or. Im Original cyclatoun. Das Wort bedeutet ursprünglich ein Kleid von rundem Schnitt: cyclas. S. die Anm. zu Propert. El. IV, 7, 40. – Da diese Art Kleider aber schon im klassischen Alterthum aus reichen golddurchwirkten Stoffen bestanden (schon bei Prop. a. a. O. aurea c.), so geht das Wort in die Bedeutung Goldstoff über. So findet sich Cyclaten vielfach bei unsern mittelalterlichen Dichtern. Mehr bei Du Cange u. d. W.

V. 13,670. Es ist wiederum sehr charakteristisch, daß ein so plebejischer Sport, wie das Ringen um einen Hammel, das wohl für einen plumpen Müller, aber nicht für einen Ritter paßt, als eine rühmliche Kunstfertigkeit des Herrn Thopas gepriesen wird. Etwas ganz Anderes ist es in der Erzählung von Gamelyn, aus welcher Shakespeare den Charakter Rolands in »Wie es euch gefällt« entnahm. Hier ist der seines Erbtheils beraubte und aus der standesmäßigen Gesellschaft seines Hauses verstoßene Jüngling gezwungen, seine körperliche Gewandtheit und Kraft in niedrigen Umgangskreisen zu entfalten.

V. 13,672 ff. S. oben die einleitenden Bemerkungen. Die liebenswürdige Rücksicht für die Gesundheit der seufzenden Damen ist ebenso gutmüthig, wie prosaisch.

V. 13,690. Wer diese Stanze auch noch für bittern Ernst halten kann, der muß entweder den supponirten Minstrel für verrückt erklären, oder –.

V. 13,697. Papagei. Diesen exotischen Vogel hat allerdings erst der Uebersetzer nach Analogie der Gewürznelken und Muskatnüsse in der vorigen Stanze, eingeführt. Das englische Wort popingay bedeutet in der ältern Sprache noch den Grünspecht. Jedoch gebraucht Maundeville (p. 238, ed. Halliw.) den Namen schon unzweifelhaft in der von uns wiedergegebenen Bedeutung.

V. 13,705. Die Uebersetzung kommt hier der komischen Kraft des Originals nicht gleich. – Es heißt dort: Das Pferd schwitzt so, daß man es hätte ausringen mögen.

V. 13,714. Benedicite, S. 1757.

V. 13,720. Dieser plötzliche Liebesraptus, der den Helden überkommt, ohne daß er nur die Geliebte jemals gesehen hat, findet sich genau so beim Sultan Damas im »König von Tars« wieder. Warton a. a. O., S. 159.

V. 13,732. »Mit seinem Mund« – natürlich des Reimes wegen; aber genau so im Original. Wright beraubt das Gedicht um diesen köstlichen Zug fingirter Plumpheit, weil einige der bessern Handschriften hier eine Lücke haben.

V. 13,739. Oliphant ist die altenglische Form für Elephant – ein vom parodischen Standpunkt gewiß doppelt passender Name für den Riesen.

V. 13,741. Termagant wird als der furchtbarste Götze der Heiden (d. h. der Sarazenen) im »König von Tars« geschildert (Warton a. a. O., S. 194), aber auch sonst oft genug erwähnt.

V. 13,777. Königsgeschichten, ohne Zweifel die aus Frankreich stammenden Lieder und Erzählungen aus dem Sagenkreise Karls des Großen, die in Italien unter dem Namen Reali di Francia in ein Kompendium zusammengefaßt wurden. S. darüber Regis zur Uebersetzung des Bojardo, S. 424 ff.

V. 13,782. Wright befolgt die Lesart des Cod. Harl., wodurch der Meth aus dieser Stelle verdrängt wird, und bemerkt dazu: »Ich ziehe die Lesart der Handschrift bei weitem vor, da Meth nicht ein sehr romantischer Trank war, um einem abenteuernden Ritter vorgesetzt zu werden.« – Aber Honigkuchen und Lakrizen eine sehr romantische Speise?! Es sieht wirklich aus, als ob diese Kritik mit verbundenen Augen und schlaftrunken in dem Gedichte umhertaumelte und nur, wo sie mit dem Kopf an eine Variante im Codex stößt, für einen Augenblick erwachte, um eine absurde Bemerkung zu machen.

V. 13,786. Die Ankleidescene ist beinahe eine wörtliche Parodie einer ähnlichen Stelle in Libeaux Desconnu:

Ein seidnes Hemd zog man ihm an,
Ein milchweiß Steppröcklein alsdann
In diesem schönen Saal,
'nen Panzer drauf von hellem Schein,
Der war gewoben reich und fein
Aus Maschen dick und schmal.

Nur die doppelte Rüstung fehlt, wovon s. z. V. 13,790.

V. 13,790. Die Unbekanntschaft des bäurischen Sängers mit » riterlicher ê« tritt im Original schärfer hervor, als in der Uebersetzung. Daß ein Plattenharnisch noch über einem Maschenpanzer getragen wurde, kam – im spätern Mittelalter wenigstens – wohl vor. Der Minstrel gebraucht aber an beiden Stellen nur zwei verschiedene Formen desselben Wortes: hauberk und habergeon , das deutsche »Halsberge« (ital. usbergo), welches den Maschenpanzer bezeichnet.

V. 13,792. Ich habe, ohne im mindesten von dem Wortlaute des Originals abzuweichen, doch mich zugleich an eine ähnliche Beschreibung im Wigalois des Wirnt von Gravenberg (V. 7370 ff. bei Benecke, Berl. 1819) anschließen können.

»Ein brunne hat er angeleit
lieber einen wizzen Halsperch.
Daz was heidnischez werch
Von breiten blechen hurnin.«

Diese Stelle zeigt zugleich, wie das »jüdische Geschmeide« bei Chaucer zu verstehen sei. Die Sarazenen (Heiden) zeichnen sich überall (in Damaskus wie in Toledo) als vortreffliche Waffenschmiede aus. Ihre Panzer waren so fein und undurchdringlich, daß der Gedanke, sie seien gefeyt (das bedeutet hurnîn im Mhd.), um so näher lag, als man den Sarazenen Zauberkünste gern zutraute. Dasselbe galt natürlich in mindestens ebenso hohem Grade von den Juden, die im spanischen Kalifat der ungestörten Ausübung aller bürgerlichen Gewerbe sich erfreuten und in Kunstübung mit dem herrschenden Stamme wetteiferten – natürlich auch im Verdacht der Magie. Tyrwhitt, der zur Erklärung dieser von keinem Interpreten völlig verstandenen Stelle wenigstens auf den letzten Punkt mit Recht hinwies, wird von Wright mit vornehmem Achselzucken abgefertigt.

V. 13,797. Debattiren. Der Minstrel hat ein feines Wort aufgeschnappt und bringt es sofort auf ergötzlich linkische Weise an. ( Debate wird zwar von Halliwell einfach als fight erklärt, aber ohne Autorität, und ich glaube nicht, daß dies Wort [auch nicht debattre im Altfr.] sich jemals in der sinnlichen Bedeutung fechten findet). So versprechen die Rüpel in Shakespeare's Sommernachtstraum ihr Stück höchst »obscönlich« zu tragieren; so wird Bottom in einen Esel »transferiret«.

V. 13,801. Bei Bier und Brod. Dieser Spaß ist allerdings sehr frivol, aber wäre schon allein hinreichend, die parodische Natur des Gedichtes festzustellen. Der Schwur ist beim Sakrament des Abendmahls ( Wein und Brod) gemeint und als solcher häufig vorkommend; aber der tölpelhafte Minstrel setzt statt Wein das ihm näherliegende Bier.

V. 13,807. Der Pracht des Originals ist sicher durch die Uebersetzung nicht Genüge gethan. Horn war ein zu vulgärer Stoff für den Sattel. Er war in der That aus rewel-bone, – aber kein Mensch weiß, was das ist. Doch wird in einer andern Romanze (bei Halliw.) ebenfalls ein Sattel aus diesem mysteriösen Stoff erwähnt, in einer dritten (ebendas.) ist sogar eine Mauer damit verkappt. Ein bescheidenerer Gebrauch ist im »Tournier von Tottenham« davon gemacht, wo nur ein Kranz aus ruell-bones (V. 75) zusammengesetzt ist. Sollte vielleicht Wallroßzahn dahinter stecken? In der an zweiter Stelle erwähnten Romanze ( Rembrun, S. 458, bei Halliw. Dict., S. 697) findet sich das Wort Ruwal geschrieben.

V. 13,816. Abschnitt. Die längern Romanzen zerfielen in Abschnitte ( fittes), welche einzelne Abenteuer umschlossen. Diese Stelle ist insofern von literarischem Interesse, als wir daraus ersehen, daß auch die größeren Romanzen zum freien mündlichen Vortrag bestimmt waren und daß in der Regel nur ein einzelnes Abenteuer ( fit) dazu herausgehoben wurde. Hiemit fällt die von Percy u. a. ziemlich willkürlich gezogene Gränze zwischen der ältern Romanzen- und der Balladen-Poesie eigentlich ganz fort und es handelt sich nur um ein schwächeres oder stärkeres Anziehen des gemeinsamen Bandes, welches eine Reihe auf demselben Sagengebiet sich bewegender Balladen umfaßt, um sie zu einer Romanze zu machen.

V. 13,825-28. Es folgen hier eine Reihe von Romanzenstoffen, die zu Chaucer's Zeit besonders en vogue gewesen sein müssen. Ob von allen schon damals englische Bearbeitungen existirten, steht dahin, ist aber theils aus der Analogie der vorhandenen, theils daraus zu schließen, daß unser fingirter Romancier sie als Rivalen seines unübertroffenen Sir Thopas nennt. Die Sage von Bevis von Hampton (Southampton; im Franz. Beuves de Hanton) ist von verhältnißmäßig jungem Datum. Ihre Entstehungszeit fällt nach der Normanneneroberung, an welche ihre Erzählung sich anlehnt. Sir Bevis ist ein Sachsenheld, der die Südküste gegen die Eroberer vertheidigt. Warton, Th. I, S. 143. Die französische Romanze muß schon im 13. Jahrhundert verbreitet gewesen sein, da im Anfang des folgenden die Reali di Francia sie bereits in die Rolandssage hineingezogen haben, und noch vor der Mitte desselben Jahrhunderts das italienische Heldengedicht Buovo d'Antona aus dieser Quelle geschöpft ist. S. Regis zu Bojardo, S. 403. Die vorhandene englische Bearbeitung ist in ihrer jetzigen Gestalt wohl nicht viel älter, als der Druck, durch den sie veröffentlicht ist, d. h. aus dem 15. Jahrhundert, lehnt sich aber ohne Zweifel an eine frühere und einfachere Version an. S. Warton a. a. O., Th. II, S. 128. Junker Horn, d. i. Childe Horn, oder Hornchild ( Child = Squiere) ist schon oben besprochen. Von Ipotis oder Ypotis handelt ein altes englisches Gedicht, das in verschiedenen Handschriften erhalten, und von dem ein kurzes Specimen bei Warton a. a. O. I, S. 202 mitgetheilt ist. Es ist alt genug, um das hier von Chaucer erwähnte sein zu können; es ist jedoch keine Ritterromanze, sondern eine Heiligenlegende.

Sir Guy von Warwick, der Held einer englischen Romanze, die in ihrer jetzigen Gestalt (Inkorrektheiten der Schreiber und des Drucks abgerechnet) aus der Zeit der Kreuzzüge stammen mag (ein umfangreiches Bruchstück mitgetheilt von Warton, Th. I, S. 170 ff.). Aber auch ihr liegt, wie schon aus den Namensformen zu ersehen, eine ältere französische Bearbeitung zu Grunde (s. die Zusätze zu Warton I, 144, Note p). Ob Guy ursprünglich ein altsächsischer Nationalheld aus Athelstan's Zeit und nur durch die Einwirkung des spätern Geistes der Romantik in den abenteuernden Ritter der vorhandenen Romanze verwandelt sei (wie Ellis meint, vgl. die Ballade bei Percy, Reliques, p. 220), bleibt unermittelt. Vgl. übrigens außer der angeführten Stelle über ihn noch I, p. XXX, II, S. 261 f., I., c. LXXXIX, 80, 82, 144, 146, 205, III, 128.

LebeauxLibius Disconius, d. i. Li Beaus Desconnus (der schöne Unbekannte), oben schon citirt, dem Artuskreise angehörig, von Ritson in seine Sammlung metrischer Romanzen aufgenommen und von Percy ( Essay on ancient metr. Rom., p. 17; Reliques ed. 1845, p. 191 ff.) ausführlich analysirt. Vgl. Warton I, p. CLXXI.

Pleindamour ist sonst nicht nachweisbar.

V. 13,844. Die Sage von Parcival und dem Graal ist durch Chretien von Troyes' metrische Romanze seit dem Ende des 12. Jahrhunderts in Frankreich und England verbreitet gewesen.

V. 13,845. »So stattlich im Gewande« ist ein bei den englischen Romanciers überaus häufig vorkommender Verslückenbüßer; ähnliche wird der Leser in diesem Fragmente schon mehr bemerkt haben. Außerordentlich reich daran ist der angeblich von Thomas von Erceldoun verfaßte Sir Tristan, der von Scott herausgegeben und von van der Hagen seiner Ausgabe von Gotfrieds Tristan hinzugefügt ist.

Prolog zur Erzählung von Meliböus.

Chaucer hat in den Canterbury-Geschichten nicht nur die verschiedenen Anschauungsweisen aller Stände und Schichten der englischen Gesellschaft abspiegeln, sondern ohne Zweifel auch Proben von sämmtlichen literarischen Stilarten geben wollen, die damals bei seinem Publikum im Schwange und mehr oder weniger beliebt waren. Er hat daher auch diejenigen nicht ausgeschlossen, die er selbst als geschmacklos verwerfen mußte. Aber er hat, wie wir bei Herrn Thopas gezeigt, sich selbst und dem feinern Theil seiner Leser durch die muthwilligste und anmuthigste Parodie den Verdruß an den Stümpereien Anderer in einen Genuß verwandelt, wie ihn nur die spielende Gewandtheit eines überlegenen Genies bieten kann. Es ist dabei auch dies ein feiner und charakteristischer Zug, daß er die schlechtesten Geschichten auf sich selbst nimmt. Denn er kann eben das Amt der Persiflage keinem Andern übertragen. So übernimmt der alte Komödienschreiber vor allen Rollen grade die, in welcher die Absurdität, die er vernichten will, am höchsten gipfelt. Wo die Tollheit sich überschlägt, führt sie von selbst zur Wahrheit. Der widerwärtige Jude (bei Platen) wirst die Maske ab – und ist der Chorus. Bis zum Demaskiren kann es Chaucer nun allerdings nicht bringen. Das leidet weder die Anlage des Gedichts, noch des Dichters eignes Temperament. Aber wer seine Andeutungen versteht, der wird noch mehr daraus ersehen, als daß Sir Thopas eine Parodie war. Er wird erkennen, daß solche Heiligenlegenden, wie die von der Priorin erzählte und wie er sie selbst in den früheren Jahren seiner unvollendeten Geschmacksbildung selbst verfassen mochte (s. Prolog zur Erzählung der zweiten Nonne), jetzt von ihm mit zweideutigen Blicken angesehen werden. Wie sollte man die schweigsame Ehrbarkeit, die sich das Lachen verbeißt, in den Uebergangsversen zu Thopas' Reimgedicht verkennen:

»Als dies Mirakel nun zu Ende war,
Sah zum Verwundern ernst aus Jedermann.
Es war der Wirth der erste von der Schaar,
Der sich erholte

Und ebenso wird man, wenn der Dichter mit recht muthwilliger Störung der Illusion in Versen ausspricht, daß er keine Verse machen könne, und nun wirklich eine Prosa-Erzählung giebt – man wird, sage ich, keinen Augenblick zweifeln können, daß diese Prosa-Erzählung ihm mit nichten als ein mustergültiges Produkt ans Herz gewachsen ist. Es ist zwar keine Karrikatur, wie Sir Thopas, aber die liebe Langeweile, welche der Hauptcharakterzug dieser moralischen Allegorien ist, läßt sich eben nicht parodiren – weil sie dann aufhören würde, langweilig zu sein. Aber dennoch wollte der Dichter, nach seinem oben dargelegten Prinzip, seinen Lesern die Probe einer Gattung nicht vorenthalten, die nun einmal in manchen Kreisen ihre Liebhaber hatte. Es blieb ihm nichts übrig – wenn er nicht geradezu ein Plagiat an einem englischen Autor begehen wollte, als das zu thun, was er gethan hat, nämlich die wörtliche Uebersetzung einer französischen Geschichte zu geben, die uns zufällig noch in mehreren Handschriften erhalten ist. S. Tyrwhitt, Introd. Disc., p. LXVI, p. 28, und von der nach Chaucer's ausdrücklicher Erwähnung (13,870 ff.) mannigfache Versionen in England selbst landläufig waren. Der Leser, hoffen wir, wird es uns danken, daß wir ihn mit einer vollständigen Uebersetzung dieses Schriftstücks verschont und uns mit einem Auszuge begnügt haben, der ihn hinlänglich über den Inhalt orientiren kann.

Prolog zur Erzählung des Mönches.

V. 13,898. Madrian, nach Urry eine Korruption für den Namen des h. Maternus. Die katholische Kirche kennt zwei Heilige dieses Namens, einen Bischof von Mailand ( sec. IV) und von Trier (ebenfalls sec. IV). Siehe über beide A.A. S.S. Boll. 18 Jul. IV, p. 364 ff. Doch scheint der korrumpirten Namensform näher zu liegen: Maternian, der ein Bischof von Rheims ( sec. IV) war, und über welchen s. A.A. SS. Boll. 30 April. III, p. 759-762.

V. 13,935. Dan, aus Dominus korrumpirte Anrede statt Herr, namentlich bei Geistlichen in Gebrauch.

V. 13,968. Luxemburger Thaler, eine damals in England verbreitete zu leichte, oder auch falsche Münzsorte. S. Tyrwh. z. d. St.

V. 13,979. Es wäre interessant, wenn sich ermitteln ließe, woher der Mönch oder Chaucer seine Theorie von der Tragödie geschöpft hat. Einen Theil des Unheils hat wohl Isidor's Definition angestiftet: Orig. XVIII, 45: Tragoedi sunt qui antiqua gesta atque facinora sceleratorum regum luctuoso carmine concinebant. Dante's Verwendung des Schwesterbegriffs Komödie wird auch nicht dazu beigetragen haben, ihn über die Bedeutung des antiken Wortes aufzuklären. Lydgate, Chaucer's Verehrer, ist ihm auch hierin nachgefolgt und hat nach demselben Buche, aus welchem Chaucer die meisten der folgenden Bilder entnommen (Boccaccio's lateinisches Werk: De Casibus virorum et feminarum illustrium), seine Tragedies gathered by John Bochas geschrieben.

Die Erzählung des Mönches.

Ich habe nicht ermitteln können, woher Chaucer die künstliche achtzeilige Stanze entlehnt habe. Es mag daher wohl seine eigne Erfindung sein. Tyrwhitt bemerkt mit Recht, daß sie durch Hinzufügung eines sechsfüßigen Verses (der sich alsdann auf den nächstvorhergehenden reimen müßte) zur Spenser-Stanze wird.

V. 14,002. The cours of her whiel holde – nach dem Cod. Harl.

V. 14,060. Neither siser, nach Cod. Harl.

V. 14,101. Hercules. In dieser Erzählung hat Chaucer augenscheinlich Boeth. IV, Met. 7 kopirt. Mancher von den Ausdrücken hat er sich schon vorher in der Prosa-Uebersetzung jenes Schriftstellers bedient.

V. 14,124. As statt saith, letzteres offenbar durch einen Abschreiber entstanden, der Trophee für einen Autor hielt und dadurch alle Herausgeber geneckt hat.

V. 14,253. Zenobia. »Ihre Geschichte ist von Boccaccio a. a. O. erzählt ( III, c. 7), aber ausführlicher in seinem Buch De claris mulieribus, aus dem unser Dichter fast jeden Umstand entnommen hat.« Tyrwh. – Und doch citirt er dafür V. 14,331. Petrarcha. S. d. Einl. d. Ueb., S. 44, Not. 71.

V. 14,295. Offenbar nach dem Kindbett.

V. 14,314. Lies: Whan she had leiser and might therto entend.

V. 14,378. Ich vermuthe in dem unverständlichen Worte vitremite, vitryte, wyntermyte – irgend eine Verdrehung von mitra , dem Kopfband alter Frauen im klassischen Sinn.

V. 14,383. Trotz des Citates schwerlich aus Sueton, sondern wiederum aus Boeth. II, Met. 6 entnommen, den er 14,407 wörtlich wiedergiebt, mit denselben Ausdrücken wie in seiner Uebersetzung.

V. 14,412. d. wol it in venime w.

V. 14,484. Judith IV. Eliachim nach der Vulgata. Luther's Uebersetzung hat Jojakim.

V. 14,493. Nach Makkab. II, 9.

V. 14,579. Metapher vom Würfelspiel.

V. 14,637. Daß die Beziehung auf Lucanus wieder irrig sei, bedarf nach dem zu V. 4820 Bemerkten keiner Auseinandersetzung.

V. 14,645. Die einleitenden Worte dieser Erzählung sind des Dichters eigener Uebersetzung des Boethius entnommen, II, pro. 2; das Uebrige größtentheils aus dem Roman de la Rose, V. 6847-6912. S. Tyrwh.

V. 14,685. Pedro der Grausame von Castilien, von seinen eignen Unterthanen und seinem Bruder Enrique vertrieben, wurde durch die Engländer, unter Führung des Schwarzen Prinzen, im J. 1367 wieder in sein Reich eingesetzt. Nach dem Abzug der Engländer eroberte Enrique mit du Guesclin's Beistand rasch das Land wieder. Pedro, vor den Sieger geführt, gerieth mit ihm in heftigen Wortwechsel. Zuletzt faßten die Brüder sich und Enrique erstach den Pedro. Die Anspielungen der zweiten Stanze sind sehr unverständlich.

V. 14,697. Carl's Olivier nicht, d. h. nicht der treue Pair und Vasall Carl's des Großen, sondern ein Olivier von der Bretagne, ein zweiter Ganelon. S. V. 13,124, 15,233. – »Wer aber dieser Olivier von Bretagne war, den der Dichter als Urheber der Ermordung des Königs Pedro brandmarkt, ist nicht so klar. Nach Mariana (XVII, 13) könnte diese Anklage am natürlichsten Bertrand du Guesclin treffen, der wirklich ein Bretone war (nachmals Connetable von Frankreich), da, in Folge eines geheimen Vertrages mit ihm, Pedro in seines Bruders Zelt kam, wo er ermordet ward, zum Theil, wie einige sagten, con ayuda de Beltran. Aber wie er Olivier genannt werden könne, vermag ich nicht zu sagen. Es sei denn, daß Chaucer ihn mit Olivier de Clisson verwechselte, einem andern berühmten Bretonen seiner Zeit, der ebenfalls ( nach Bertrand) Connetable von Frankreich war. Froissart erwähnt eines Olivier de Manny, eines Neffen Bertrands du Guesclin, der eine reiche Belohnung von König Enrique empfing ( vol. I, ch. 245), aber er sagt nicht, daß er besonders in die Ermordung Pedro's implicirt gewesen.

Wen Chaucer meinte, war für seine Zeitgenossen ohne Zweifel klar genug durch die Beschreibung des Wappens in V. 14,693 angedeutet.« Tyrwh.

V. 14,701. Pedro von Cypern. Peter von Lusignan, der Alexandria 1365 einnahm (s. z. V. 51). Er ward 1369 ermordet.

V. 14,709. Barnaba Visconti, Herzog von Mailand, ward von seinem Neffen Johann Galeazzo entthront und ins Gefängniß gesetzt, wo er 1385 starb: das letzte historische Datum der Canterbury-Geschichten.

V. 14,717. Ugolino – aus der bekannten Stelle Dante's ( Inferno XXXIII) entnommen, auf die Chaucer sich selbst bezieht. V. 14,771.

Prolog zur Erzählung des Nonnenpriesters.

V. 14,788. Was clipped statt covered, nach Cod. Harl.

Die Erzählung des Nonnenpriesters.

Die Grundzüge der Erzählung finden sich bereits im altfranzösischen Roman de Renart ( éd. Méon, t. I, p. 49) und bei Marie de France ( t. II, p. 240, Roquefort). Chaucer hat sich, wie die aus der Thiersage entnommenen Eigennamen bezeugen, an diese, nicht an die Fabel Marie's gehalten, übrigens den Stoff durchaus frei behandelt.

V. 14,946. Cato. Distich. II, 32.

V. 14,970. Elderberry statt ellebore, nach Cod. Harl.

V. 14,990. Bei einem hoch berühmten Autor: Cicero, Divin. I, 27.

V. 15,070, 71. Hierin ist ein kleines Versehen. Die Geschichte steht in demselben Kapitel und zwar vorher. Aber Chaucer erzählt aus dem Gedächtniß oder hat das Citat vielleicht aus zweiter Hand.

V. 15,116. » Kenelm folgte seinem Vater auf dem Thron von Mercia (821) im Alter von sieben Jahren, und wurde auf Befehl seiner Tante Quenedreda ermordet. Er wurde später heilig gesprochen. Seine Legende ist bei Capgrave und in der Legenda Aurea nachzulesen.« Wright, 15,144 d. z. 14,645 ff.

V. 15,147. Nicht nach Homer, sondern nach dem Fabler Dares Phrygius, der mittelalterlichen Hauptquelle über den Trojanerkrieg, erzählt ( c. XXIV).

V. 15,169. S. zu V. 256. Der folgende Spruch: »Das Weib ist des Mannes Verderben« ist dem Gespräch zwischen dem Kaiser Hadrian und dem Philosophen Secundus (bei Vicentius Bellovacensis Specul. histor. X, 71) entnommen. Tyrwh. z. d. St. und V. 6777.

V. 15,196. Sin March began tway months and dayes two. Cod. Harl. Die Rechnung ist auch so richtig, ohne Tyrwhitt's Korrektur; wenn man nur mit ihm die auch von Handschriften geschützten 21 Grade in V. 15,201 festhält.

V. 15,233. Ganelon. S. 13,124.

V. 15,248. Thomas Bradwardin, Erzbischof von Canterbury († 1349). Die betreffende Frage ist in seinem Traktat De causa Dei ( III, c. 2) im Sinne der strengsten Prädestinationslehre erörtert. S. Gieseler's K. G. II, 3, S. 223.

V. 15,277. Physiologus. Entweder ein gewisser Theobaldus, der ein Werk in lateinischen Hexametern: Physiologus de naturis XII animalium schrieb (so Tyrwh. z. d. St.), oder Florinus, mit demselben Beinamen, der ein Buch über denselben Gegenstand verfaßte und von Eberhard Bethuniensis (um 1212) als ein zu seiner Zeit als klassisch betrachteter Autor citirt wird. Warton II, S. 363, N. 6 z. Ende.

V. 15,290. Why wol ye gon, nach Cod. Harl.

V. 15,300. Boethius hat unter andern auch fünf Bücher de Musica geschrieben.

V. 15,318 f. Burnel's des Esels Buch. Die Geschichte steht in einem Gedicht von Nigel Wireker, Burnellus seu speculum stultorum, aus der Zeit Richards I. Eines Priesters Sohn hatte, als er ordinirt werden sollte, seinen Diener angewiesen, ihn beim Hahnenschrei zu wecken. Der Hahn, dessen Bein jener früher zerbrochen hatte, hatte den Befehl mit angehört, und unterließ daher, zur rechten Zeit zu krähen. In Folge dieser List schlief der Kandidat bis die Ordination vorüber war. Burnell wird als Spitzname für den Esel in den Chester-Pfingstspielen gebraucht. Tyrwhitt schließt daraus, daß der eigentliche Name Brunell von seiner braunen (?) Farbe gewesen sei, so wie der Fuchs Russell von der rothen hieß. Tyrwh. z. d. St. und Urry im Gloss.

V. 15,353. Er spielt auf eine Stelle des Galfried von Winsauf in der Nova Poetria an, einem bald nach dem Tode Richards I. veröffentlichten Buche. Der Verfasser hat darin nicht nur Anweisungen zu den verschiedenen poetischen Stilen gegeben, sondern auch Beispiele. Die von Tyrwhitt daraus mitgetheilten lamentablen Hexameter über König Richards Tod sind genug, um den Humor Chaucer's zu rechtfertigen.

V. 15,365. Aeneide II, 505 ff.

V. 15,400. Der Aufstand der englischen Leibeignen, der als Vorspiel der Bauernkriege des Kontinents und namentlich in Deutschland, dort ebenso (als eine schiefe, aber sehr erklärliche Konsequenz) die religiösen Bewegungen Wiclif's begleitete, wie diese Luther's Reformation, zählte unter ihren Führern, neben Wat Tyler, als einen der rasendsten Jacke Straw. Am Tag nach Frohnleichnam 1381, da sie nach furchtbaren Excessen unbedingte Herren der Stadt geworden waren, und den ersten Würdenträgern des Staates die Häupter abgeschlagen hatten, »warf sich ihre Wuth vor allem auf die flandrischen Kaufleute, die vergebens bei den Franziskanern und in andern Heiligthümern ein Asyl suchten. Eine große Menge wurde hervorgezogen und auf offner Straße hingeschlachtet.« Pauli, Gesch. von England, IV, S. 531.

V. 15,451. Der Herr. »Zu diesem Verse hat Ms. c. 1 die Marginalglosse: Kantuar, was, wie ich glaube, bedeuten soll, daß ein Erzbischof von Canterbury citirt sei.« Tyrwhitt. Erscheint doch sehr fraglich.

V. 15,453 ff. »Die folgenden sechszehn Verse können vielleicht angemessener als der Anfang zum Prolog der folgenden Erzählung betrachtet werden, wenn es sicher wäre, welche Erzählung nach der Absicht des Dichters hätte folgen sollen. In beiden Mss. des Dr. Askew lautet der Schluß:

Drauf wandt' er sich mit heiterm Angesichte
Der Nonne zu, wie ich sogleich berichte –

und es folgen dann noch sechs Zeilen, um ihre Erzählung einzuleiten. Da aber diese sechs Verse handgreiflich gefälscht sind, um diese Verbindung herzustellen, so habe ich es vorgezogen, mich den andern Handschriften anzuschließen, welche sich offen als lückenhaft darstellen, und uns die Erzählung der Nonne, wie ich gethan habe, ohne einen Prolog geben. Ich denke, es ist sehr wahrscheinlich, daß Chaucer sich nicht entschieden hatte, ob er die Erzählung der Nonne mit der des Nonnenpriesters verknüpfen, oder ob er eine oder mehrere Geschichten dazwischen einschieben sollte.« Tyrwhitt. Ich habe mich dieser besonnenen und sachgemäßen Kritik nur anschließen können.

Erzählung der zweiten Nonne.

Die Erzählung ist von Chaucer mit unwesentlichen Modifikationen der in der Legenda Aurea des Jakobus de Voragine (um 1290 Erzbischof von Genua) mitgetheilten Geschichte der St. Cäcilie nachgebildet. Die Erzählung muß aber in nahezu derselben Form schon in sehr viel älterer Zeit, und zwar noch während des bestehenden römischen Kaiserreiches aufgezeichnet sein. Dafür zeugt die Kenntniß der römischen Lokalitäten – (V. 15,640) und die Erwähnung von (selbst untergeordneten) Staatsämtern, die mit dem Kaiserthum erloschen (s. V. 15,837). Wirklich geben die Acta S.S. der Bollandisten einen im ersten Theil ziemlich vollständigen Auszug aus den acta S. Valeriani et Caeciliae Virginis, aus einer, wie die Verfasser sagen, sehr alten Handschrift ( A.A. S.S., 14. April II, p. 204-208), die Jacobus Januensis wörtlich ausgeschrieben haben muß. Denn es finden sich in ihr dieselben Ausdrücke und Wendungen, die noch in der Bearbeitung Chaucer's zu verfolgen sind. So Cap. 2. Tunc omni alacrite Tiburtius ait: Qui ita non credit, pecus est, s. V. 15,756. Am merkwürdigsten aber die ganze Auseinandersetzung über die Trinität. V. 15,806 ff. – Des Verhältnisses zu seiner Quelle hat Chaucer selbst kein Hehl (15,493). Er hat das Gedicht übrigens schon früher, ehe er an die Einfügung in die Canterbury-Geschichten dachte, verfaßt und veröffentlicht (unter dem Namen des »Lebens der h. Cäcilie«, Legende of good wom., V. 426) und wahrscheinlich in derselben Gestalt, wie es uns vorliegt. Denn es sind nicht einmal diejenigen Veränderungen damit vorgenommen, welche durch den Zusammenhang, in dem es hier steht, nothwendig geworden waren. Die Nonne sagt V. 15,546: »Doch euch, die ihr dies leset, bitt' ich jetzt.« (im Original noch stärker: Die ihr leset, was ich schreibe) und V. 15,530 nennt sie sich sogar »Eva's Sohn.« Der hienach nahe liegende Schluß jedoch, daß diese Geschichte sich aus dem übrigen Nachlaß des Dichters nur durch Zufall in die Canterbury-Tales verirrt habe, wäre übereilt. Denn der Anfang des Prologs zur Erzählung des Dienstmannes des Stiftsherrn erwähnt ihrer ausdrücklich als Theiles dieser unsrer Sammlung.

V. 15,566. Wie Lia dazu kommen solle, stete Thätigkeit zu bedeuten, verstehe ich nicht.

V. 15,568. Der Blindheit Mangel – wahrscheinlich durch ein etwas kühn hinten angehängtes ? privativum zu verstehen.

V. 15,837. Cornicular – ohne Zweifel ursprünglich eine militärische Würde, deren Name wohl auf die Auszeichnung verdienter Soldaten durch Hörnchen ( corniculi) an ihren Helmen zurückzuführen ist (Liv. X, 44, und die Interpreten daselbst). Seitdem aber unter den Kaisern die Militärdespotie immer mehr in das Gebiet der Civiladministration und der Rechtspflege sich eindrängte, und der Präfektus Prätorio zu einer Art Großvezier ward, traten auch die untergeordneten Militärbeamten in ähnliche Stellungen. Das erste Beispiel, daß ein Cornicularius als Civilbeamter erwähnt wird, scheint Sueton. Domit. 17, zu sein. Später waren sie Protokollführer bei den Präfekturgerichten oder bei denen des Sekretarius, s. Du Fresne s. v. Es ist nach dem Obigen nicht nöthig, mit dem letztgenannten gelehrten und geistreichen Autor deßhalb den Namen dieses Würdenträgers von corniculum = »Tintenfaß« abzuleiten. – Das Pontifikat Urban's I. (V. 15,773 u. s. w.) fällt bekanntlich in die Jahre 226-230. Das Martyrium der Cäcilia wird von den Bollandisten a. a. O. in das Jahr 229 verlegt, in das 8. Regierungsjahr des K. Alexander Severus.

Prolog zur Erzählung des Dienstmannes des Stiftsherrn.

V. 16,025. Boughton an der Heide, » Boughton under blee«, ein Flecken, 5 englische Meilen von Canterbury, auf dem Weg nach London. Tyrwhitt schließt hieraus und aus der im vorhergehenden Verse unterlassenen Ortsangabe, von wo die fünf Meilen zu rechnen seien, daß die vorliegende Erzählung ursprünglich vom Dichter für die Rückreise der Pilger von Canterbury bestimmt gewesen. Diese Vermuthung hat auch noch das für sich, daß es dem Stiftsherrn, der die Gesellschaft schon am Morgen in dem Wirthshaus bemerkt hatte (S. 16,056), doch nicht erst gegen Abend eingefallen sein kann, ihr nachzugallopiren. Dagegen spricht allerdings entschieden V. 1692.

V. 16,039. Die Schaube. S. z. V. 682. Bei der Geistlichkeit war die Schaube entweder aus einem Stück mit dem Rock oder doch untrennbar befestigt. Da nun der neue Ankömmling keine Ordenstracht hatte, auch schwerlich das Ansehn eines bescheidnen Landgeistlichen, so war die Konjektur Chaucer's gerechtfertigt.

V. 16,041. Stiftsherrn (Chorherrn, Canonici, Knönche) sind die Geistlichen einer größeren Kirche, die ähnlich, wie die Domherrn an einer Kathedrale, eine geschlossene Korporation bilden. Sind sie nach Art eines Klosters unter einer Ordensregel zu gemeinsamem Gottesdienst und häuslichem Zusammenleben verbunden, so heißen sie Canonici regulares. Dies ist aber bei dem uns vorgeführten Canonicus keineswegs der Fall, der vielmehr in äußerster Ungebundenheit lebt und mit seiner Kirche kaum einen weitern Zusammenhang zu haben scheint, als daß er ihre Pfründe verzehrt.

V. 16,137. S. z. 16,303.

V. 16,156. Cato, Distich. I, 17.

V. 16,178. Lies For it is e. t. m. by my faith.

V. 16,260. Descensorien, Destillirkolben.

V. 16,262. Lies Cucurbites.

V. 16,281. Rosalgar, rothes Arsenik.

V. 16,284. Citrination. Nach Arnoldus im Rosarium Citrinacio nihil aliud est quam completa albedinis digestio, nec albedo nihil aliud est quam albedinis ablatio. Woraus der geehrte Leser selbst klug zu werden versuchen mag.

V. 16,303. Multipliciren. Alchymistischer Ausdruck für die angebliche Kunst, aus einem kleinen Theile edeln Metalles eine größere Masse desselben zu bilden.

V. 16,331. Den Elixir; denn es ist ein Stein, der durch seinen Besitz sowohl die Kunst des Goldmachens, als das Leben beliebig zu verlängern, verleiht. Ich glaube mich übrigens der Mühe, die Einzelheiten der alchymistischen Technologie zu erläutern, um so mehr überheben zu müssen, da es mir bei dem Studium der einschlagenden Schriften ganz ähnlich wie dem Yeoman des Kanonikus ergangen ist – daß ich nicht um ein Haar klüger dadurch geworden bin. Denn in der That scheinen fast alle Definitionen dieser Afterwissenschaft darauf angelegt zu sein, durch Verweisung auf andere den Lesenden im Kreise herumzuführen und zu äffen. Wer jedoch durch eigne Bemühung diese Ueberzeugung zu gewinnen wünscht, der findet sämmtliche alchymistische Schriften von Hermes Trismegistus bis zum »hochwürdigsten Orden der Rosenkreuzer zusammengestellt im »Hermetischen« ABC derer ächten Weisen alter und neuer Zeiten vom Stein der Weisen«, Berlin 1778-79, 4 Bde., 8.

Die Erzählung des Dienstmannes des Stiftsherrn.

Wenn die Erzählung des Verwalters an satirischen Zügen gegen die Sterndeuterei reich war und die des Nonnenpriesters sich gegen den Aberglauben der Traumdeuter richtete, so konnte Chaucer kaum eine dritte Afterwissenschaft seiner Zeit ungegeißelt ziehen lassen, die solche Dimensionen angenommen hatte und so ansteckend geworden war, daß bald darauf selbst die Gesetzgebung dem Unfug steuern zu müssen glaubte. Tyrwhitt citirt eine Parliamentsakte ( 5 Henr. IV, c. IV), wonach es für Felonie erklärt ward, »Gold oder Silber zu multipliciren oder die Kunst der Multiplikation zu üben.« Zu der Erzählung selbst mag dem Dichter eine aus dem Leben geschöpfte Anekdote den Stoff geboten haben.

V. 16,480. Annualarier waren Geistliche, die nur für den Dienst von Seelenmessen (die jährlich am Sterbetage gelesen wurden, annualia), nicht für Seelsorge in ihrer Parochie angestellt waren. Tyrwh. z. d. St.

V. 16,822. Knönch, am Rhein noch allgemein übliche Form für Kanonikus, nach der Analogie von Mönch gebildet. S. z. 16,041.

V. 16,881. Bajard. Daß hier nicht Rinaldo's Wunderpferd gemeint sein kann (s. z. V. 4113), versteht sich schon deßhalb, weil dieser nie blind ward, vielmehr nach der Sage, vom Wassertod gerettet, noch jetzt in den Wäldern fortlebt, und wenn es Menschen sieht, den undankbaren entflieht (s. Regis' Gloss. zu Bojardo S. 377). Der hier gemeinte Bajard muß einer alten Fabel angehören, aus der er schon sehr frühzeitig sprüchwörtlich in England geworden ist; worüber siehe eine große Anzahl Belegstellen bei Halliwell, Gloss, p. 152.

V. 16,896. Arnoldus. Arnoldus Villanovanus (von Villeneuve in der Provence, nach Andern aus Villanova in Catalonien), ein berühmter Arzt und Alchymist, vor der Mitte des 13. Jahrhunderts geboren († 1313); schrieb unter anderm Rosarius Philosophorum, ein von den Alchymisten hochgeschätztes und viel gelesenes Buch; wiewohl Arnoldus selbst nicht viel auf die Kunst gab. S. Gräße, A. L. G. II, 1, S. 534 und 637.

V. 16,915. Anspielung auf die angeblich von Aristoteles an Alexander gerichteten Secreta Secretorum, ein ebenfalls viel gelesenes Buch desselben Schlages.

V. 16,918. Senior, »ein Buch, abgedruckt im Theatrum Chemicum, vol. V, p. 219, unter dem Titel Senioris Zadith fil. Hamuelis tabula chymica. Das Citat ist richtig, nur daß die Geschichte in dem genannten Buch nicht von Plato, sondern von Salomo erzählt wird.

Prolog zur Erzählung des Konviktschaffners.

V. 16,951. » Hops auf und nieder.« Im Original: Bob up and down. Ein Städtchen dieses Namens findet sich nicht auf den Landkarten – und das ist eben kein Wunder. Denn die Geographie ist nicht humoristisch genug, um sich mit so burlesken Namen zu belassen. Es ist daher nur zweierlei anzunehmen. Entweder liegt ein alter Schreibfehler vor, und ich habe daher lange vermuthet, es sei » Bob upon down« – »Bob auf der Düne« zu lesen, eine Lokalbezeichnung, wie sie in England überaus natürlich wäre, da Düne ( down) dort ein undulirendes Terrain bezeichnet, wie es in den südöstlichen Küstenstrichen sich fast überall findet. Die vielen auf down endenden Ortsnamen weisen selbst darauf hin. Aber freilich findet sich auch kein Ortsname Bob.

Man könnte nun zwar annehmen, der Ort sei zu klein gewesen, um auf ältern ungenaueren Karten verzeichnet zu werden, und sei später durch Aufnahme in andre Gemeinden verschwunden. Aber ich gestehe die Unsicherheit der Konjektur ein und entscheide mich, bis Genaueres ermittelt wird, mit Beibehaltung der handschriftlichen Lesart für die zweite Alternative, daß »Hops auf und nieder« ein Spitzname für einen Ort gewesen sei, der auf einem coupirten und rasch wechselnden Terrain den Blicken der sich ihm nähernden Reisenden bald entschwand, bald wieder vor ihnen auftauchte – oder auch selbst auf so unebnem Grunde lag, daß Straßen und Häuser darin solche Sprünge auf und ab machten. Wright vermuthet aus ähnlichen Gründen, es sei der jetzt Harbledown genannte Ort gewesen, wofür jedoch sein aus Erasmus' Reisen entnommenes Citat wenig spricht.

V. 16,965. »Am frühen Tag« ( morwe) ist nicht so genau zu nehmen, da es stark auf den Abend geht (V. 17,316), vielmehr eine Uebertreibung, wie sie auch uns in populärer Rede geläufig ist. Uebrigens zeigt die Aufforderung an den Koch, zu erzählen, entweder, daß dieser Theil des Dialogs früher geschrieben war, ehe der Dichter daran gedacht hatte, dem Koch die V. 4323 begonnene, aber unvollendet gebliebene Geschichte zuzutheilen – oder auch, daß er den frühern Plan geändert und nur vorläufig jenes Fragment stehen gelassen hat.

V. 16,973. Chepe. S. z. V. 756. 4375.

V. 16,993. Affenwein. Nach einer rabbinistischen Tradition hatte Satanas, als Noa die Reben pflanzte, daneben ein Schaf, einen Löwen, einen Affen und ein Schwein geschlachtet und dadurch die Wirkungen bezeichnet, die der Weintrunk in seinen verschiedenen Stadien auf den Menschen übte. Der dritte Wein, der Affenwein, läßt ihn tanzen, springen und Gesichter schneiden wie einen Affen. Etwas anders, doch im Wesentlichen übereinstimmend deuten spätere Physiologen die Namen. S. die Belegstellen bei Tyrwhitt.

V. 16,994. Das Spiel mit Stroh. Anspielung auf die sprüchwörtliche (englische) Redensart »Seine Augen ziehen Stroh« – d. i. »Der Sandmann kommt« – von schläfrigen Menschen.

Die Erzählung des Konviktschaffners.

Die Grundzüge der Erzählung, die Liebe des Apollo zur Koronis, der Ehebruch der letzteren, der Verrath des Vogels und die Verwandlung seines Gefieders durch den zürnenden Gott sind natürlich antik und werden von Apollodor (III, 105) und Ovid (Metam. II, 542) übereinstimmend gegeben. Aber Chaucer hat aus keinem von beiden direkt geschöpft. Denn dort ist der verrätherische Vogel ein Rabe, hier eine Krähe (dies ist deßhalb nicht so irrelevant, weil grade an der betreffenden Stelle Ovid's der Rabe die Krähe vor seinem Schicksal warnt, und von dieser eine andre Geschichte erzählt wird), ferner ist bei Ovid der Verführer ein thessalischer Jüngling von ausnehmender Schönheit, hier (was offenbar ein verbessernder Zug ist) ein lüsterner und häßlicher Satyr. Es ist klar, daß in der berühmten Stelle in Shakespeare's Hamlet (I, 2) der sarkastische Vergleich: » Hyperion und ein Satyr« auf diese Version der Fabel sich bezieht.

V. 17,136. Die Ironie ist handgreiflich, da die schlagendsten Beweise von weiblichen Thieren entlehnt sind, und ihre Anwendung grade wieder auf ein Weib gemacht wird.

V. 17,156. Ob und wo Plato dies sagt, habe ich nicht ermitteln können. Unmittelbar aus ihm hat Chaucer natürlich nicht geschöpft. Aber auch die vermittelnde Quelle kann ich nicht nachweisen, wiewohl die Lehrer der Beredtsamkeit die Proprietät des Ausdrucks vielfach empfehlen. S. Quintilian, Inst. VIII, prooem. 2. Cic. Orat. 21.

V. 17,298. Der Flämming. S. z. V. 4345.

Prolog zur Erzählung des Pfarrers.

V. 17,313 ff. Die Rechnung ist ganz richtig, wiewohl in V. 17,316 die Handschriften, wie bei Zahlen gewöhnlich, in der Angabe der Tagesstunde differiren. Tyrwhitt hat mit verständiger Kritik aus denjenigen Mss., die er selbst für die besten erklärt, die Zahl entnommen, die allein paßt. Wright sagt, daß auf Tyrwhitt's Urtheil über den Werth der Handschriften nichts zu geben sei, und läßt aus Liebe zu den Schreibfehlern des Harlejanus die Sonne noch um 10 Uhr Abends am Himmel stehn. Wenn Wright ( Introd., p. XXXVI) seine Handschrift an den Stellen korrigirt zu haben versichert, wo es absolut nöthig erschien, so hätte er das hier nicht vergessen sollen. Denn eine der Korrektur absolut bedürftigere Stelle als diese konnte es nicht geben.

V. 17,321. Ascension. Im Original steht Exaltation. Aber Tyrwhitt bemerkt ganz mit Recht, daß dies Wort nicht als terminus technicus (in der von uns zu V. 6285 erläuterten Bedeutung), sondern schlechthin als Aufsteigung (Ascension, nicht Rektascension) zu fassen sei. Denn die Exaltation des Mondes in jenem Sinne ist nicht in der Wage, sondern im Stier, in welchem Zeichen gerade die Sonne im April steht (s. z. V. 8 u. 4421). In der allgemeineren Bedeutung dagegen stimmt die Beschreibung ganz genau. Denn wenn der Mond dermalen in der Wage stand, so mußte er genau aufgehen, wenn der Widder unterging; der Widder ging aber unter, wenn der Stier 29-30° über dem Horizont stand – überall die Mittelpunkte der Zeichen ins Auge gefaßt. Da Chaucer stets in diesen Erzählungen bemüht ist, die Zeit der Ereignisse durch astronomische Konstellationen zu fixiren, und seine Angaben, so weit sie diesem Zweck dienen, sich immer als genau zutreffend erwiesen haben, so sind wir vollkommen berechtigt, auch in dieser Erwähnung des Mondaufganges, die nach dem Zusammenhange gar keinen andern denkbaren Zweck haben kann, ein Mittel zu erkennen, wodurch der Dichter den Kundigen die Zeit genau bezeichnen wollte, in welche er sich die Canterbury-Fahrt verlegt dachte, und haben keinen Grund, an der Genauigkeit der Beobachtung zu zweifeln. Es ist vielmehr unserm Dichter gegenüber eine Art Pietätspflicht, zu ermitteln, an welchem Zeitpunkt in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts die im Text beschriebene Stellung der Gestirne eintreten mußte. Mein verehrter Freund, Professor Scherk, theilt mir darüber Folgendes mit:

»Der 28. April alten Stiles entspricht am Ende des 14. Jahrhunderts dem 6. Mai neuen Stiles. Ist also die Frühlingsnachtgleiche am 21. März eingetreten, so sind 46 Tage seitdem verflossen, in denen die Sonne 46 (0°,98565) = 45°,34 zurückgelegt hat, also in 15°,34 des Zeichens des Stieres steht. Der Mond stehe in der Mitte des Zeichens der Wage, folglich 150° von der Sonne entfernt. Hat also die Sonne seit dem letzten Neumond den Bogen x zurückgelegt, so hat der Mond 150° + x durchlaufen, und da die tägliche mittlere Bewegung des Mondes 13°,1764 ist, so verhält sich 150° + x: x = 13,17640: 0,98565, woraus x = 12°,1 folgt. Also hat der Mond seit dem Neumonde 162°,1 zurückgelegt, wozu er 12,3 Tage gebraucht; folglich trat der Neumond am 28 – 12 = 16. April a. St. = 24. April n. St. ein. Die Unsicherheit dieses Resultates beträgt etwa ±1 Tag, welche vorzüglich daher rührt, daß der Mond am Anfangspunkt oder am Endpunkt des Zeichens der Wage stehen kann, welches er in 2¼ Tag durchläuft. – Im Jahre 1864 traf der Neumond auf den 6. April, also 18 Tage früher. Versucht man nun zuerst, ob das Jahr des fraglichen Ereignisses 1400 ist, so ergiebt sich für die Zeit vom 24. April 1400 bis 6. April 1864 keine ganze Anzahl synodischer Monate, sondern es bleiben circa 11 Tage übrig. Dies führt darauf, 7 Jahre zurückzugehen, da in denselben jährlich 11 Tage, also mit jenen überzähligen 11 Tagen im Ganzen 88 Tage übrig bleiben, was ziemlich nahe 3 synodischen Monaten gleich ist. In der That findet man nun, daß die 471 Jahre von 1393-1864, da die Länge des tropischen Jahres nach Bessel (Schumacher's Astronom. Nachrichten, 1828, N. 133) 365T 5St 48' 47?,9 = 365T,24221 ist, 172029,08 Tage betragen. Von diesen gehen, wenn man vom Neumonde am 6. April 1864 rechnet, die obigen 18 Tage ab, also bleiben 172011,08, welche, da die Länge des synodischen Monats 29T 12St 44' 2?,87 = 29T,53 beträgt, 5828 synodischen Monaten gleich sind, wobei der Ueberschutz von 117/2953 Monat = 1? Tag innerhalb der Gränzen der Unsicherheit des Mondortes liegt. Also hat das fragliche Ereigniß am 28. April 1393 stattgefunden.«

V. 17,354. Rum, Ram, Ruf: Anspielung auf die alliterirende Poesie, die, ursprünglich altgermanisch und angelsächsisch, sich in dem seine Stammeseigenthümlichkeiten treuer bewahrenden Norden länger erhalten hatte und neuerdings durch die unter Pierce Ploughman's Namen gehenden religiös informatorischen Dichtungen auch im übrigen England wieder zu Ehren kommen zu wollen schien. Der Pfarrer (und mit ihm vielleicht auch Chaucer selbst) scheint sich dadurch zugleich gegen den Verdacht verwahren zu wollen, als begünstige er die schwärmerische Richtung dieser Poesien, die sich so leicht zu agitatorischen Zwecken in socialistischem und kommunistischem Sinne ausbeuten ließ, wie denn dies in den aufwieglerischen Briefen Jacke Straw's thatsächlich geschehen war (s. Pauli, G. E. IV, S. 764). Solche Vorsicht war aber um so mehr an ihrem Ort, als unser Pfarrer, den Chaucer durch seine warme und herzliche Charakteristik im Prolog zugleich als sein Ideal eines rechten Geistlichen hinstellt, wirklich ein Mann Gottes nach dem Herzen Wiclifs war (s. die Schilderung der wiclifitischen Prediger bei Pauli: Bilder aus Alt-England, S. 243. Vgl. mit Einl. der C.-T., V. 480 ff.), als Pierce Ploughman's Visionen im wesentlichen mit den Ideen Wiclifs von der Reformirung des Kirchenregiments zusammenstimmen (Pauli G. E. a. a. O.), als das später erschienene, in Form und Ton den Visionen nachgebildete Credo in der That eine wiclifitische Tendenzschrift ist, und als endlich die gegen die Reformatoren losgelassene Meute der Ketzerrichter bereits Wiclifiten, Lollharde und kommunistische Aufwiegler in einen Haufen zusammenzuwerfen und zu identificiren bemüht war (Pauli, B. a. A. E., S. 245). Wir haben gesehen, daß dies Bemühen nicht erfolglos blieb. Denn unser frivoler Wirth witterte bereits oben in dem Pfarrer einen Lollhard (s. z. V. 12,914).

V. 17,380 u. 81. Ich bin sehr geneigt, anzunehmen, daß die richtige Stelle dieser beiden Verse hinter den 4 folgenden und am Schluß des Prologs ist. Die Gründe sind theils an sich augenfällig, theils werden sie noch verstärkt durch die Beobachtung, daß Chaucer genau diese Wendung beim Uebergang zu einem neuen Abschnitt liebt ( saide in this manere). So V. 860 (vor der Erzählung des Ritters), V. 7290 (vor der Erzählung des Büttels), V. 9052 (vor dem Schlußgesang des Studenten), V. 13,382 (vor der Erzählung der Priorin; nach Cod. Harl.). Ein Reim auf -ere findet sich merkwürdigerweise unter den 22 betreffenden Stellen 11mal. Da ich jedoch sehe, daß sich auch gegen diese Umstellung einiges einwenden lasse, so habe ich nicht gegen die Handschriften eine Aenderung eintreten lassen wollen.

Die Erzählung des Pfarrers.

Dies Schriftstück ist nicht, was die Ueberschrift verspricht, eine Erzählung, auch keine Predigt, sondern ein religiöser Traktat über Sünde und Buße. Es hat daher weder eine poetische noch oratorische, somit überhaupt keine ästhetische Bedeutung. Selbst das allgemeine historische Interesse daran kann nur gering sein, da es keine Gedanken und Ansichten enthält, die nicht in hundert ähnlichen Abhandlungen jener Zeit sich wiederfänden. Der Werth, den es für das Verständniß von Chaucer's persönlichem Charakter oder des Gesammtplanes der Canterbury-Geschichten hat, ist in der That nur ein negativer. Somit hätte der Uebersetzer es nicht rechtfertigen können, durch Mittheilung der sehr umfangreichen Schrift (42 Seiten in Wright's Ausg.) die Geduld des Lesers auf die Probe zu stellen. Selbst eine Analyse des äußerst subtil und übersichtlich schematisirten Aufsatzes lohnt nicht. Dagegen trägt derselbe uns einige Probleme entgegen, deren Lösung, so weit sie in seinen Kräften steht, der Uebersetzer sich nicht entziehen darf, da sie bei einer oberflächlichen Betrachtung leicht zu schiefen und für die Beurtheilung Chaucer's als Dichters und Menschen gefährlichen Folgerungen führen können und in der That geführt haben.

Der Traktat enthält nichts, was irgendwie gegen den römisch-katholischen Kirchenglauben verstieße. Vielmehr treten uns höchst wesentliche Züge aus den charakteristischen Dogmen dieser Kirche entgegen: Die Anerkennung der Messe als eines Sakraments und Heilsmittels ( p. 154, col. 2 gegen Ende bei Tyrwhitt), die Heiligkeit der Werke, sowohl des Almosengebens als auch der Fasten und Kasteiungen ( p. 171, b) – und vor allem der Werth, der auf die Ohrenbeichte von Anfang bis zu Ende des Traktates gelegt wird.

Anderseits könnte derselbe aber ebenso gut von einem gemäßigten Anhänger Wiclifs geschrieben sein. Denn in der That ist darin keiner der Kontroverspunkte zwischen den Hauptthesen des Reformators und der Verfassung und Doctrin der römischen Kirche berührt – weder die Mönchsgelübde, noch die Abendmahlslehre, noch die Suprematie des Papstes. In Bezug auf den zweiten Punkt darf die Heilighaltung der Messe nicht als Einwand gelten. Denn es ist bekannt, daß Wiclif selbst in dieser Beziehung die Konsequenz seiner Theorie nicht gezogen, vielmehr bis an sein Lebensende dem Messedienst andächtig beigewohnt hat (s. Pauli, John Wiclif in den Bildern aus Alt-England, S. 250). Es läßt sich somit aus dieser Abhandlung durchaus kein Schluß auf Chaucer's Stellung zu der wiclifitischen Bewegung ziehen – wohl aber muß aus dem Umstande, daß er sie dem vortrefflichen Landpfarrer in den Mund legt (s. die Anm. z. 17,354), gefolgert werden, daß er selbst in sehr wesentlichen Punkten ein gläubiger und orthodoxer Katholik war.

Was die Form des Traktats betrifft, so ist schon erwähnt, daß er sehr scharf und übersichtlich gegliedert ist. Er ist überaus reich an Citaten aus der Heiligen Schrift A. u. N. T.s, aus den Patres und andern Kirchenskribenten. Zweimal ist auch Seneca angezogen. Auf jeden Fall zeugt er von einer so eingehenden und sorgfältigen, ja gelehrten Beschäftigung des Verfassers mit dem Gegenstand, wie sie bei Chaucer's sonstigem Bildungsgang ihm selbst kaum zuzutrauen ist. Da letzterer nun unmöglich eine fremde englische Schrift seiner eigenen hätte einverleiben können, ohne einen Diebstahl zu begehn, so werden wir zu dem Schluß gedrängt, daß er hier ebenso verfahren sei, wie bei der Erzählung des Meliböus, für die freilich der Nachweis, daß sie eine Uebersetzung sei, direkt durch das erhaltene Original geführt werden konnte. Aber auch hier fehlt derselben Annahme, die schon von Tyrwhitt ( Introd. D., p. XLIX) aufgestellt ist, nur wenig zur Evidenz. Natürlich müssen wir ein lateinisches Original voraussetzen. Dafür spricht denn auch auf das entschiedenste eine Stelle des Aufsatzes ( p. 166, col. 2, alin. 4, T.), wo Chaucer die jungfräuliche Keuschheit die hundertste Frucht genannt hat und dann hinzufügt: »Ich kann es nicht anders auf Englisch sagen, aber im Lateinischen heißt es: Centesimus fructus

Aber mag nun Chaucer der Uebersetzer, oder mag er trotz jener Gegengründe der Verfasser des Traktats sein, auf keinen Fall hat er ihn in der vorliegenden Form gleich mit der Absicht geschrieben, ihn dem Pfarrer in den Mund zu legen. Vielmehr gehört dieses Schriftstück in eine Reihe mit den Erzählungen, die er bereits fertig liegen hatte, als er den Plan zu den Canterbury-Tales faßte und sie dann denjenigen unter den Pilgern zutheilte, für deren Charakter sie am besten paßten (s. Anm. zur Erzählung des Ritters, Prol.; Erzählung des Kaufmanns, V. 12,942; der zweiten Nonne, V. 15,550).

Denn Der, welcher in der ersten Person als Verfasser des Traktats redet, ist kein Geistlicher. Er sagt ( p. 169, col. 1, alin. 4, Tyrwhitt): »Jetzt möchte ich euch auch wohl die Zehn Gebote erklären; aber eine so hohe Doctrin überlasse ich den Geistlichen ( divines)« – und p. 171, col. 1, alin. 3: »Die Auseinandersetzung dieses heiligen Gebetes überlasse ich den Lehrern der Gottesgelahrtheit ( maisters of theologie).« Diese Thatsache ist als besonders wichtig für die Beurtheilung des seltsamen Nachwortes zu betrachten, welches sich in allen vollständigen Manuskripten der Canterbury-Tales hinter dem Schluß-Amen des Traktates angehängt findet und welches also lautet:

»Nun bitte ich diejenigen Alle, welche diesen kleinen Traktat hören oder lesen, daß sie dafür unserm Herrn Jesus Christus danken, von dem alle Weisheit und alle Güte ausgehet, und wenn irgend etwas darin ist, das ihnen mißfällt, daß sie es dem Fehler meines Ungeschicks und nicht meinem Willen zurechnen, der ich es gern besser gesagt haben würde, wenn ich es gekonnt hätte. Denn unser Buch sagt: Alles, das geschrieben ist, ist geschrieben zu unserer Belehrung, und solches ist meine Absicht. Darum bitte ich euch demüthig um Gottes willen, daß ihr für mich betet, daß Christus mir Gnade schenke und mir meine Schulden vergebe, und namentlich meine Uebersetzungen und Dichtungen von weltlicher Eitelkeit, welche ich in meinen Retractionen (sic) widerrufe, als da ist das Buch von Troilus, das Buch vom Ruhme, das Buch von den 25 Damen, das Buch von der Herzogin, das Buch vom St. Valentins-Tag, vom Parlament der Vögel, die Canterbury-Geschichten, die nämlich nach Sünde schmecken, das Buch vom Löwen, und manches andre Buch, wenn es in meinem Gedächtniß wäre, und manchen Gesang und manches lüsterne Lied; Christus um seiner großen Gnade willen vergebe mir die Sünde. Aber wegen der Uebersetzung des Boethius vom Trost und anderer Bücher von Legenden der Heiligen und Homilien und Moral und Andacht, da danke ich unserm Herrn Jesus Christ und seiner segensreichen Mutter und allen Heiligen im Himmel, sie bittend, daß sie mir von jetzt ab bis zu meines Lebens Ende Gnade senden wollen, meine Schuld zu bejammern und mich um Erlösung meiner Seele zu bemühen, und mir die Gnade der wahren Buße leihen, Bekenntniß und Genugthuung zu geben in diesem Leben, durch die freundliche Gnade dessen, der da ist der König der Könige und der Priester der Priester, der uns Alle erkauft hat mit seinem köstlichen Herzblut, so daß ich am jüngsten Tage des Gerichts einer von denen sein möge, die erlöst werden sollen; qui cum Deo patre et Spiritu sancto vivis et regnas Deus per omnia secula. Amen.

Daß in diesem sonderbaren Widerruf Stücke enthalten sind, die nicht von Chaucer herrühren können, hat schon Tyrwhitt nachgewiesen. Chaucer konnte unter keinen Umständen die Legende von den guten Frauen als »das Buch von den fünf und zwanzig Damen« bezeichnen. S. Anm. z. V. 4481. Er konnte ebenso wenig, da er so harmlose Schriften, wie das Buch vom Ruhm und von der Herzogin verdammte, die Uebersetzung des zweideutigsten aller Bücher des Mittelalters, des Romans von der Rose, auslassen. Der vortreffliche und sonst so nüchterne Sir Niclas meint allerdings, Chaucer habe dies Werk wohl nur vergessen, »wie es denn wohl vorkäme, daß Autoren, die viel geschrieben hätten, nicht nur den Titel, sondern auch die Autorschaft einzelner ihrer Bücher vergäßen« ( Life of Ch., p. 86). Das wäre denn doch aber bei einem poetischen Werke, welches in dem uns hinterlassenen Bruchstück noch 7700 Verse umfaßt, das zuerst Chaucer's Dichterruhm begründete und denselben sogar über das Meer nach Frankreich trug, ein Stück Gedächtnißschwäche, welches nahezu an Blödsinn gränzte und unserm Dichter für Bedlam und dann freilich auch für diesen Zusatz an dieser Stelle reif gemacht haben würde. Denn es handelt sich ja nicht etwa um die rasch zu gebende Antwort auf eine plötzlich gestellte Frage, wobei möglicher – aber immer noch unwahrscheinlicher Weise ein solcher coup de sens eintreten könnte, sondern um einen mit ernsthafter Ueberlegung geschriebenen Inder seiner hauptsächlichen Schriften.

Aber auch Tyrwhitt tritt viel zu behutsam auf, wenn er nur Interpolationen in dem übrigens auch stilistisch jammervollen Lappen entdecken mag. Denn das Verhältniß ist klar genug dieses: der Traktat selbst ist, wie gezeigt, vor dem Entwurf der Canterbury-Geschichten geschrieben; das angeflickte Stück natürlich nach deren Vollendung – oder richtiger, nachdem sie so weit vorlagen, wie sie uns eben erhalten sind. Dann kann aber das Verdammungsurtheil gegen dieselben Erzählungen nicht etwa mit andern Versehen und Widersprüchen des Dichters in eine Reihe gesetzt werden, die in Zerstreutheit und Uebereilung ihre Entschuldigung finden. Vielmehr wäre dies eine Verkehrung aller Gesetze der Logik und ein Zeugniß von völliger Lahmlegung des Denkvermögens, wenn Chaucer zum Epilog, durch den er diese Sammlung schließen und in das Publikum einzuführen gedachte, ein Verdammungsurtheil eben dieser Schriften machte, von denen der Epilog einen Theil bildet. Wäre es nicht ruchloser Wahnwitz, dieselben Gedichte, deren Sündhaftigkeit er einsieht und tief bereut, für die er Christus und alle Heiligen jammernd um Verzeihung und Gnade bittet, sammt diesem Schuld- und Reuebekenntniß in die Welt zu schleudern und dadurch die Sünde, die vor Veröffentlichung derselben nur halb begangen war, erst zu vollenden? – Oder wäre es auch hier erlaubt, an die Chaucer'sche Selbstironie zu denken? – anzunehmen, daß er das ganze Sündenbekenntniß absichtlich habe lächerlich machen wollen? – Nun solche Selbstironie, ein wie hervorstehender Charakterzug Chaucer's sie auch ist, hat, wie aller Spaß, doch seine Gränze. Hier bei der ernsten und zerknirschten Haltung des ganzen Widerrufs wäre sie eine Blasphemie, die seinem ganzen Wesen zuwiderläuft.

So bleibt denn in der That nichts übrig, als den ganzen Zusatz nach dem ersten Amen für das Machwerk eines wohlmeinenden, aber ungeschickten Eiferers zu erkennen, dem die Erbschaft des Chaucer'schen Autographons und die Pflicht der ersten Veröffentlichung dieses immer noch unvollendeten Werkes zufiel, der zu viel Pietät für seinen sonst bewunderten Autor hatte, um die anstößigen Stellen und Stücke daraus zu entfernen, der auch vielleicht, da Einzelnes ohnehin ins Publikum gedrungen sein mochte, eine Unterdrückung der verdammlichen Partien für erfolglos hielt. Dieser – nicht Chaucer selbst – konnte auf den Gedanken kommen, »das Gift mit dem Gegengift« zugleich in Cours zu setzen. In einen schiefen und beschränkten Gedankengang, wie diesen, kann man sich allenfalls hineindenken –; er ist nur Verirrung, aber nicht geradezu Blödsinn: »Ihr tadelt meine Bewunderung für den verstorbenen Dichter, weil er ja so viel Verdammliches geschrieben habe? – Beruhigt euch; er hat es selbst eingesehen und tief bereut. Seht da, sein Bekenntnis!« – Er mochte dafür einen Anhaltspunkt und eine weitere Berechtigung in dem Umstand finden, daß Chaucer wirklich gegen sein Lebensende einen Widerruf ( retraction) aufgesetzt hatte und daß dieser möglicher Weise in ähnliche Schlußworte auslief, wie der hier gegebene.

Oder giebt es nicht noch eine Auskunft? Vielleicht hat der ganze Tractatus de poenitentia nichts mit den Canterbury-Tales zu thun – also auch nicht sein Nachwort? Er wurde in dem literarischen Nachlaß des Dichters gefunden, zugleich aber auch die Canterbury-Geschichten. Diese brachen gerade bei dem Prolog des Pfarrers ab. Es lag nahe, die Lücke mit dieser religiösen Betrachtung auszufüllen und dadurch dem unvollendeten Manuskript einen äußerlichen Schluß zu geben. – Die Möglichkeit muß zugegeben werden; aber plausibel ist diese Konjektur schon deßhalb nicht, weil ohne das Nachwort, das sich ja schon durch das Amen scharf von dem eigentlichen Aufsatz abhebt, Niemand auf den Gedanken kommen könnte, daß letzterer nicht an seinem rechten Platze stünde.

*

Nachträge.

Zu S. 599. Ueber das Wort Underne gehen mir durch meinen Freund Dr. Hugo Meyer folgende Notizen zu: Underne, goth. undaurns m., ahd. untarn, untorn, ags. undern, mhd. undern, st. fem., ursprünglich Mittag, dann Nachmittag, auch eine Zwischenmahlzeit, besonders Vesperbrod. In letzter Bedeutung kommt Untern oder Unnern noch jetzt in Baiern, Schwaben, Thüringen und Hessen vor. (S. Frommann, deutsche Mundarten, 3, 338.) Nach Grimm (Gram. 2, 337) etwa von der Partikel und, ahd. unt (vielleicht Zwischenzeit?). Also und Stamm, aurn, arn etc. Ableitung, vgl. eis-arn.

Zu S. 631. Der Güte des Herrn Dr. Bastian verdanke ich eine Reihe höchst schätzbarer Notizen über die Namensformen in der Erzählung des Junkers und ihre wahrscheinlich directe Beziehung zu einer tatarischen Quelle. Leider muß ich mich des Raums wegen hier auf folgende daraus entnommene Bemerkungen beschränken. – In Cambuscan bezieht sich die erste Silbe wahrscheinlich auf den Volksnamen Kam, die zweite Silbe ( bhû) bedeutet Land, die dritte ( Chan) ist der Königstitel. Sehr passend heißt der Sohn Cambalo, da bâla im Sanskrit Jüngling bedeutet; folglich: der Sohn des Königs ( Chanbalo). Canace erinnert unmittelbar an Kanaka, das in Kanaka-Muni dem zweiten Buddha seinen Namen giebt und für eine Königstochter keine unpassende Benennung ( die Goldne) wäre. Die Stadt Saray steht im 13. und 14. Jahrhundert in den mannigfachsten Beziehungen zum Abendlande. Im Jahre 1260 wurde daselbst eine Franziskaner-Mission gegründet. Die Geburtstagsfeier des Chan im März fällt mit dem beweglichen Frühlingsfest der jetzt dieselben Gebiete bewohnenden Kalmücken zusammen. Auch der in der Erzählung erwähnte magische Spiegel findet seine Analogie in orientalischen Quellen, namentlich in dem während des Mittelalters (nach Albericus seit 1165) vielfach in Europa circulirenden Briefe des vermeintlichen Johannes Presbyter an Kaiser Emanuel von Constantinopel.

Demselben berühmten Reisenden und ausgezeichneten Kenner orientalischer Geschichts- und Literaturquellen schulde ich folgende Berichtigung der Note Wrights zu V. 7561. »In den Acta s. Thomae apostoli wird erzählt, daß der indische König Gundaphorus den Kaufmann Abbanes nach Jerusalem schickte, um einen kunstfertigen Baumeister zu suchen und daß Christus ihm den Thomas als Sclaven für diesen Zweck verkauft. Thomas gilt im ganzen Orient für den Apostel Indiens, und seine prachtvollen, profane wie kirchliche, Bauwerke werden von verschiedenen Zungen gerühmt. So in dem schon erwähnten Briefe des Joh. Presbyter an Kaiser Manuel. Sein Grab wird noch heute zu Meliapur bei Madras gezeigt und soll schon von dem Gesandten König Alfreds besucht worden sein.«

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