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Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 26
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
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Die Erzählung des Konviktschaffners.

Prolog.

Ist Keiner, der das kleine Städtchen kennt, [16,950]
Das man bei uns »Hops auf und nieder« nennt
Unter der Haid' am Canterbury-Wege?
Da ward des Wirthes Spaß besonders rege.
Er rief: »He, Herrn! Nun steckt der Gaul im Drecke.
Ist Keiner hier, der den Gesellen wecke
Da hinter uns für Geld und gutes Wort?
Sonst bindet ihn ein Dieb und trägt ihn fort.
O seht ihn nur, Potz Wetter, seht ihn nicken,
Als fiel' er gleich von seines Kleppers Rücken.
Zum Teufel, will ein Londner Koch das sein? [16,960]
Laßt ihn hieher! – Er kennt schon seine Pein.
Er soll uns gleich erzählen eine Märe
Und wenn nicht werth ein Bündel Heu sie wäre.
Weckt mir den Koch!« rief er, »Gott soll dich strafen!
Was fällt dir ein, am frühen Tag zu schlafen?
Bist du im Rausch? Bist du von Flöhn gebissen
Die Nacht? Hat dich ein Weib herumgerissen,
Daß du nicht aufrecht halten kannst den Kopf?«

Der Koch (ganz farblos war der arme Tropf
Und bleich) versetzt: »Mag Gott mir gnädig sein, [16,970]
Solch eine Schwere liegt mir im Gebein
– Ich weiß nicht –, daß ich lieber schlafen möchte,
Als daß den besten Wein von Chepe ich zechte.«

»Nun«, sprach der Schaffner, »ist es dir bequem,
Herr Koch und Keinem sonst unangenehm,
Der hier mitreitet in der Kompanei
Und giebt der Wirth das Wort mir gütigst frei,
So lös' ich dich wohl ab mit der Geschichte.
Ganz bleich wahrhaftig bist du im Gesichte,
Die Augen starren dir, wie mich bedünkt, [16,980]
Und da dein Athem auch höchst sauer stinkt,
So scheinst du nicht gut disponirt zu sein.
Ich sage dir gewiß nicht Schmeichelein.
Seht, wie er gähnt, der trunkene Geselle,
Als wollt' er uns verschlingen auf der Stelle.
Halt's Maul zu, Mann, bei deines Vaters Stamme!
Der Teufel sitzt drin mit der Höllenflamme!
Vergiften wird uns dein verdammter Hauch!
Pfui, stinkend Schwein! Pfui dich, der Kuckuk auch!
Nehmt euch in Acht, Herrn, vor dem wilden Mann. [16,990]
Nun, süßer Herr, ihr laßt euch ja so an,
Als rittet ihr zu einem Ringelstechen.
So geht's, wenn Affenwein die Leute zechen.
Da seht ihr, wie das Spiel mit Stroh euch thut.«

Bei diesem Worte ging dem Koch vor Wuth
Die Sprache aus. Mit grimmiger Geberde
Droht' er dem Schaffner. Plumps, fiel er vom Pferde.
Da lag er, bis sie ihn vom Boden hoben.
Das nennt man eines Koches Reiterproben.
Ach, konnt' er sich nicht halten an der Kelle? [17,000]
Bis er im Sattel saß an seiner Stelle,
Hat's noch ein Schieben hin und her gegeben
Mit großer Müh' und Noth, ihn aufzuheben.
So plump stellt dieser bleiche Geist sich an,
Worauf zum Schaffner dann der Wirth begann:

»Der Trunk hat so in ihm die Oberhand,
Ich gebe meine Seligkeit zum Pfand,
Daß er sehr schlecht erzählen wird. Mag Wein,
Mag Bier – jung oder alt – die Ursach sein,
Kurz, er ist sehr verschnupft, und gar zu arg [17,010]
Macht er's mit Niesen, Näseln und Geschnarch.
Er hat vollauf zu thun, um sich zu schützen,
Daß ihn sein Klepper nicht bringt in die Pfützen.
Und sollt' er abermals vom Gaule fallen,
So macht er Müh und Noth genug uns Allen,
Den vollgetrunknen Leichnam aufzuheben.
Erzähle nur; auf ihn ist nichts zu geben.
Doch, Schaffner, traun, es ist sehr dumm von dir,
Daß du sein Laster ihm so offen hier
Vorwirfst. Es wird ihm einst vielleicht gelingen, [17,020]
Dich seinerseits dafür ans Brett zu bringen.
Ich mein', er wird an kleinen Rechnungssünden
Bei dir wohl hie und da zu zwacken finden.
Das wäre häßlich, käm' es an den Tag.«

»Fürwahr, das wär' ein großes Ungemach«,
Sprach er, »da hätt' er mich in seinen Netzen.
Ich möchte lieber ihm den Preis ersetzen
Für seinen Gaul als seine Feindschaft wecken.
So wahr ich leb', ich will ihn nicht mehr necken.
Was ich da sagte, waren Schäkerein. [17,030]
Doch wißt ihr was? Ich hab' ein Schlückchen Wein
Hier in der Flasche, von den besten Reben.
Ihr sollt gleich einen guten Spaß erleben.
Gebt Acht, der Koch soll trinken von dem Wein.
Ich wette meinen Kopf, er sagt nicht nein.«

Gewiß so war's. Der Koch hat ungelogen
Gehörig aus dem Buddel eins gezogen.
Doch ach, wozu? Er war ja so schon satt.
Und als er in das Horn gestoßen hat,
Giebt er die Flasche dem Faktor zurück. [17,040]
Der Trank behagt ihm so, daß für das Glück
Er dankt dem Schaffner, wie er immer kann.
Da hub gewaltig laut zu lachen an
Der Wirth und sprach: »Es wird nicht anders gehn,
Als daß wir uns mit gutem Trank versehn
Auf unserm Weg; der wandelt Zwist und Streit
In Lieb' und Eintracht und stillt manches Leid.
O Bacchus, Bacchus, deinem Namen Preis,
Der also Ernst in Scherz zu wandeln weiß,
Dank und Anbetung werden dir gebracht! [17,050]
Und nun sei dieses Stoffs nicht mehr gedacht.
Dich, Schaffner, bitt' ich jetzo vorzutragen.«

»Gut«, sprach er, »hört denn, was ich werde sagen.«

Die Erzählung des Konviktschaffners.

Als Phöbus, wie uns alte Bücher sagen,
Auf Erden seinen Wohnsitz aufgeschlagen,
War er der lebensfrohste junge Held
Und beste Bogenschütz der ganzen Welt;
Wie er den Drachen Pytho denn erlegte,
Als der im Sonnenschein des Schlafes pflegte.
Manch andrer hohen Thaten, die vollbracht [17,060]
Sein Pfeil, wird in den Büchern noch gedacht.

Die Saiteninstrumente spielt' er alle
Und sang, daß seiner klaren Stimme Schalle
Zu lauschen eine Wonne war von Klang.
Amphion, Thebens König, deß Gesang
Die Mauern seiner Stadt hat aufgebaut,
Sang wahrlich nicht mit halb so schönem Laut.
Dazu war er der bestgestalte Mann,
Der ist und war, seitdem die Welt begann.
Was nützt es, die Beschreibung euch zu geben, [17,070]
Da schöner er als Alle, die da leben!
War außerdem von feiner Lebensart,
Mit höchster Würd' und Ehrgefühl gepaart.
Der Phöbus nun, des jungen Adels Blüthe
In Ritterschaft sowohl als Herzensgüte,
Trug meistens, wie uns die Geschichten sagen,
Zum Zeichen, daß den Python er erschlagen,
In seiner Hand aus Kurzweil einen Bogen.
Nun hatt' er eine Krähe sich gezogen,
In einem Käfig sie zu Haus bewahrt [17,080]
Und sprechen sie gelehrt nach Elsternart.
Schneeweiß, dem Schwan gleich, war sie von Gefieder
Und eines Jeden Sprache gab sie wieder,
Wenn man sie zum Erzählen hingestellt.
Nicht eine Nachtigall war in der Welt,
Die nicht ihr wunderlieblicher Gesang
Im Wettstreit Hunderttausendmal bezwang.
Nun hatte dieser Phöbus auch ein Weib,
Die liebt' er herzlicher als Seel' und Leib,
Und Tag und Nacht war er ihr stets bereit [17,090]
Zum Dienst mit Ehrfurcht und Gefälligkeit.
Nur war er, wenn ich Wahrheit reden muß,
Voll Eifersucht. Gern hielt' er in Verschluß
Sie stets, aus Furcht, er würd' einmal geprellt.
So geht es Jedermann, der so gestellt.
Doch hilft's ihm nicht; es wird stets nutzlos sein.
Ein gutes Weib, von Seel' und Werken rein,
Sie darf man nie verschließen und bewachen.
Und unnütz ist's, die Mühe sich zu machen
Mit einer Bösen, die man doch nicht hält. [17,100]
Mir scheint's die größte Dummheit von der Welt,
Verliert man seine Müh' mit Hut der Weiber.
Das sagen schon die alten Chronikschreiber.
Doch zur Erzählung nun, die ich begann.

Der werthe Phöbus thut, was er nur kann,
Ihr zu gefallen. Dienstbeflissenheit,
Gutes Betragen, edle Männlichkeit,
Die, denkt er, solln ihm ihre Gunst bewahren.
Doch, Gott weiß, mag man wie man will verfahren,
Man wird nichts ändern, was der Kreatur [17,110]
Einmal ist eingepflanzt von der Natur.

Sperr' einen Vogel in den Käfig ein,
Du magst ihm jede Müh' und Sorgfalt weihn,
Magst noch so zärtlich speisen ihn und tränken
Mit Leckerein, wie du sie kannst erdenken;
Und wenn aufs reinlichste du auch ihn pflegst,
Mit goldner Pracht im Käfig ihn umhegst:
Der Vogel würde zwanzigtausendmal
So gern doch sein Gewürm und ekles Mahl
In seiner wilden, frost'gen Waldung fressen; [17,120]
Und nie wird er bestrebt zu sein vergessen,
Wenn er's vermag, dem Käfig zu entfliehn.
Nach seiner Freiheit wird es stets ihn ziehn.

Laß eine Katz' an Milch und Fleisch sich weiden,
Am zartsten Fleisch; mach ihr ein Bett von Seiden,
Und laß sie an der Wand ein Mäuschen sehn:
Gleich läßt sie Milch und Fleisch und Alles stehn,
Ja, jede Leckerei im ganzen Haus;
So reizt sie die Begierde nach der Maus.
Sieh, hier hat die Natur die Oberhand, [17,130]
Und die Begier bewältigt den Verstand.

So ist die Wölfin von gemeiner Art.
Dem schlechtsten Wolf, den immer sie gewahrt,
Dem unansehnlichsten giebt sie sich hin,
Wenn just nach einem Gatten steht ihr Sinn.

All die Exempel gehen nur den Mann,
Der untreu ist, und nicht die Frauen an.
Der Mann hat stets ein lüsternes Begehren,
An etwas Niedriger's den Sinn zu kehren
Als an sein Weib, ob noch so schön es sei [17,140]
Und noch so treu und anmuthsvoll dabei.
Fleisch ist so unstät – schändlich ist's zu sagen –,
Daß auf die Dauer nichts uns will behagen,
Das mit der Tugend nur zusammenhängt.

Phöbus, der an Betrug nicht einmal denkt,
Ward doch – wie nett er immer war – betrogen,
Da außer ihm sie Umgang noch gepflogen
Mit einem unansehnlichen Gesellen,
Mit Phöbus gar nicht in Vergleich zu stellen.
Um desto schlimmer, wie so oft es geht; [17,150]
Woraus viel Noth und Wehe dann entsteht.

Und so geschah's: War Phöbus nicht am Platz,
So sandte gleich sein Weib nach ihrem Schatz.
Nach ihrem Schatz? das klingt ja sehr gemein.
Ich bitt' euch auch darum, mir zu verzeihn.
Lest Plato nach: der Weise giebt den Rath:
Das Wort muß harmoniren mit der That.
Will eine Sache man genau erzählen,
Muß man das Wort verwandt der Handlung wählen.
Ich bin ein grober Bursch; ich muß gestehn: [17,160]
Ich kann fürwahr den Unterschied nicht sehn
Zwischen dem Weibe, das von hohem Stande,
Sobald sie ihren Leib preisgiebt der Schande,
Und einer armen Dirne, die der Ehre
Gleichfalls vergißt, wenn es nicht dieser wäre,
Daß die vornehme, die von höherm Stand,
Geliebte oder Dame wird genannt,
Da jene man als Schatz und Dirne blos
Bezeichnet, weil sie arm und mittellos.
Und doch, weiß Gott, mein lieber Freund, man setzt [17,170]
Nicht diese höher, als man jene schätzt.

So ist ein unrechtmäßiger Tyrann
Mit einem Strolch und Dieb in Acht und Bann
Nach meinem Sinn dieselbige Person –
Dies sagte man dem Alexander schon –;
Und nur weil ein Tyrann bei größrer Macht
Mit seiner Schaar dreinschlägt in offner Schlacht
Und sengt und brennt und Haus und Hof verheert,
Wird mit dem Namen Feldherr er beehrt.
Und weil ein Aechter mit nur kleiner Schaar [17,180]
Nicht so wie Jener Noth schafft und Gefahr
Und nicht ins Unglück stürzt ein ganzes Land,
Wird er ein Dieb und Vagabund genannt.
Doch da ich nicht geübt bin im Citiren,
Will ich mich in Citate nicht verlieren
Und fahre fort, wo die Erzählung stand.

Als Phöbus' Frau zu ihrem Schatz gesandt,
Und ihrer Sinnenlust sie nun genossen,
Da sah die weiße Krähe, die verschlossen
Im Käfig hing, es an und sprach kein Wort. [17,190]
Doch als Herr Phöbus heim kam, sang sofort
Die Krähe laut: Kuckuk, kuckuk, kuckuk!

»Was, Vogel«, rief er, »singst du da für Spuk?
War nicht so lieblich immer dein Gesang,
Daß sich mein Herz an deiner Stimme Klang
Ergetzte? Weh, was ist das für ein Schrei'n?«

»Bei Gott, ich singe ganz wie es muß sein«,
Sprach sie, »denn, Herr, trotz deiner Würdigkeit,
Trotz deiner Schönheit und Ergebenheit,
Trotz deines Singens, deiner Saitenkunst, [17,200]
Trotz deines Edelsinns ist dir doch Dunst
Gemacht von einem niedrigen Gesellen,
Der, will man in Vergleich ihn mit dir stellen,
Nicht eine Mücke werth ist. Sein Vergehn
Mit deinem Weib hab' ich selbst angesehn.«
Was wollt ihr mehr? Die Krähe zeigt sofort
Durch schlimme Zeichen und mit keckem Wort,
Wie er mit Schimpf und Schmach von seinem Weibe
Befleckt sei durch ihr lüsternes Getreibe,
Und sagt ihm oft, daß sie es selbst gesehn. [17,210]
Da sah man Phöbus sich zur Seite drehn;
Ihm war, als bräch' ihm gleich sein Herz vor Pein.
Er spannt den Bogen, setzt den Bolzen ein –
Und hat sein Weib in seinem Zorn erschlagen.
So war's, dazu läßt sich nichts weiter sagen.
Vor Schmerz schlug er sein Saitenspiel in Splitter,
Guitarre, Harfe, Mandolin' und Cither;
Worauf er Pfeil und Bogen noch zerbrach
Und zu der Krähe dann die Worte sprach:

»Ha, Scorpionenzunge, dein Verrath [17,220]
Verdirbt mich! Ach, daß ich zu solcher That
Geboren! Warum athmet meine Brust?
O theures Weib, o Perle süßer Lust,
Du warst so wahr, so treu in deiner Pflicht.
Nun liegst du da mit bleichem Angesicht,
Unschuldig! Ja, das wag' ich zu beschwören.
Vorschnelle Hand, wie ließt du dich bethören!
Ruchloser Zorn, verworrener Verstand,
Der blind die Unschuld in den Tod gesandt!
Mißtrauen, unbegründeter Verdacht! [17,230]
Was hat um Witz und Urtheil dich gebracht?
O gebt euch nie dem Unbedacht zum Raube.
Auf sicherm Zeugniß fuße euer Glaube!
Schlagt nicht zu rasch, bevor ihr wißt, warum,
Und seht nach Rath euch stets vorsichtig um,
Eh' euerm Zorn ihr folgt und auf Verdacht
Euch an des Strafurtheils Vollstreckung macht.
Ach, Tausende hat Zorn und Unbedacht
Vernichtet schon und in den Sumpf gebracht.
Aus Kummer nehm' ich selbst das Leben mir.« [17,240]

Dann sprach er zu der Krähe: »Falsches Thier,
Für die Verleumdung geb' ich dir den Lohn.
Du sangst bisher mit Nachtigallenton,
Du sollst jetzt, Diebin, all die süßen Lieder
Verlieren und dazu dein weiß Gefieder,
Und selbst nie mehr in deinem Leben sprechen.
So muß man sich an dem Verräther rächen.
Schwarz sollst du sammt den Deinen ewig sein,
Nicht fürder singen süße Melodein,
Nein, mit Gekrächz vor Sturm und Regen klagen, [17,250]
Zum Zeichen, daß mein Weib durch dich erschlagen.«

Und auf die Krähe stürzt' er bei dem Wort,
Riß ihr die weißen Federn aus sofort,
Gab schwarze ihr, trieb den Gesang ihr aus
Zusammt der Sprache, warf sie aus dem Haus
Zum Teufel – und der mag sie denn auch holen.
Darum sind alle Krähen schwarz wie Kohlen.

Herrschaften, nehmt dies Beispiel zu Gemüthe
Und hört mein Wort, auf daß sich Jeder hüte;
Erzählet nie im Leben einem Mann, [17,260]
Daß ihm sein Weib ein Andrer abgewann:
Tödtlichen Haß wird er dafür euch tragen.
Herr Salomo, wie die Gelehrten sagen,
Räth Jedem, gut die Zunge zu regieren;
Doch ich verstehe mich nicht aufs Citiren,
Wie schon gesagt. Nur sprach Frau Mutter immer:
»Mein Sohn, bei Gott, vergiß die Krähe nimmer.
Die Zunge wahren, heißt den Freund bewahren.
Die böse Zunge dräut dir mehr Gefahren
Als Satan selbst; denn den vertreibt ein Segen. [17,270]
Mein Sohn, Gott hat von höchster Güte wegen
Die Zung' in Zähn' und Lippen eingehegt,
Damit man, eh' man redet, überlegt.
Zu vieles Reden, wie die Weisen sagen,
Ist Manchem zum Verderben ausgeschlagen,
Da wen'ges Reden, doch wohl überdacht,
Im Allgemeinen Unheil nie gebracht.
Mein Sohn, halt deine Zunge jederzeit
Im Zaum, es sei denn, daß du sie geweiht
Der Red' und dem Gebet zu Gottes Ehre. [17,280]
Die Zunge zügeln (hör' auf meine Lehre!)
Und wohl bewahren ist die erste Tugend.
So lernt das Kind schon in der frühsten Jugend.
Mein Sohn, von langen Reden, schlecht berathen,
Wo wen'ger Worte schon dasselbe thaten,
Kommt Unheil oft. So gab man mir Bericht.
In langer Rede fehlt die Sünde nicht.
Sieh, welche Frucht vorwitz'ge Zungen tragen.
So wie ein Arm zerschellt wird und zerschlagen
Von einem Schwert, so hat die Zunge schon [17,290]
Manch Freundschaftsband zerhaun, mein lieber Sohn.
Als einen Graul sieht Gott den Schwätzer an.
Lies Salomo, den weisen Ehrenmann,
Lies Seneca, lies Davids Psalmenbuch.
Sprich nicht; nick mit dem Kopfe, stelle klug
Dich taub, hörst einen Schwätzer du, mein Kind,
Von Dingen reden, die gefährlich sind.
Der Flämming sagt, und merk' es, wenn's beliebt,
Daß wenig Schnacken viele Ruhe giebt.
Mein Sohn, ist dir kein böses Wort entfahren, [17,300]
So darfst du nimmer auch Verrath befahren.
Wer sich verredet, ruft in keiner Art
Das Wort zurück, das er so schlecht bewahrt.
Gesagtes ist gesagt und es ist fort,
Reut oder schmerzt ihn noch so sehr das Wort.
Sieh, wie die Rede schlimm sich an ihm rächt;
Wem er sie auch vertraut, er ist sein Knecht.
Verbreite nie zuerst ein neu Gerücht,
Mein Sohn, mag es nun wahr sein oder nicht.
Kommst du in Hoher oder Niedrer Nähe, [17,310]
Bewahr die Zunge wohl; denk' an die Krähe.«

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