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Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 25
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
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Die Erzählung des Dienstmannes des Stiftsherrn.

Prolog.

Als wir gehört Cäcilia's Legende,
Eh noch die fünfte Meile war zu Ende,
Da holt' ein Mann bei Boughton an der Heide
Uns ein, der unter einem schwarzen Kleide
Ein weißes Chorhemd trug. Sein Apfelschecken
(Er war ein Miethsgaul) schwitzte zum Erschrecken;
Und Jedem, der ihn ansah, schien es klar,
Daß er drei Meilen scharf geritten war.
Der Klepper auch, auf dem sein Dienstmann ritt, [16,030]
War so in Schweiß: er konnte kaum noch mit.
Die Vordersielen starrten hoch bedeckt
Von Schaum, wie eine Elster bunt gefleckt.
Sein Mantelsack lag vor ihm umgeschlagen;
Er schien nicht viel Gepäck mit sich zu tragen.
Ganz sommerlich ritt dieser werthe Mann.
Darob im Herzen ich verwundert sann,
Weß Zeichens er wohl wäre, bis ich fand,
Die Schaube saß genäht ihm am Gewand.
Da fiel es mir nach längerm Sinnen ein, [16,040]
Es müßte wohl der Mann ein Stiftsherr sein.
Sein Hut hing hinten angeknüpft herab;
Denn er ritt nicht im Schritt etwa noch Trab:
Toll im Carriere kam er dahergefegt.
Unter die Kutte hatt' er sich gelegt
Ein Klettenblatt, daß er vor Schweiß sich schützte.
Es war 'ne Lust zu sehen, wie er schwitzte.
Die Stirne troff, wie eine Rinne tropft,
Wenn Hauslauch oder Wegrich sie verstopft.
Er rief uns zu, so wie er kam herbei: [16,050]
»Gott segne diese lust'ge Kompanei.
Ich habe scharf die Sporen in die Weichen
Dem Roß gesetzt, nur um euch zu erreichen,
Daß wir der muntern Schaar uns schlössen an.«

Sein Dienstmann war gleichfalls ein feiner Mann.
Er sprach: »Ich sah heut Morgen euch bei Zeiten,
Ihr werthen Herrn, aus euerm Gasthof reiten,
Und sagt' es meinem Meister hier und Herrn.
Gewiß, er ritte mit euch gar zu gern
Zur Unterhaltung; er liebt Schäkerei.« [16,060]

»Freund, stehe Gott für deinen Rath dir bei«,
Sprach unser Wirth; »denn nach dem Augenschein
Dünkt mich dein Herr von klugem Sinn zu sein.
Ich wette drauf, er ist ein heitrer Mann.
Ob er was Lust'ges auch erzählen kann?
Ein paar Geschichtchen, um uns zu vergnügen?«

»Wer, Herr? Mein Herr? Ja, Herr, ich will nicht lügen,
Er weiß von Späßen euch und von Plaisir
Die Hüll' und Füll', und dann, Herr, glaubt es mir,
Wär' er euch selbst so gut wie mir bekannt, [16,070]
Ihr würdet staunen, wie in allerhand
Kunststücken er gewandt ist und geschickt.
Es ist ihm schon manch großes Werk geglückt,
Was schwerlich wohl ein Anderer erreicht,
So viel hier sind, wenn er es nicht ihm zeigt.
So unscheinbar er unter euch zieht hin,
Wenn ihr ihn kenntet, wär's euch zum Gewinn.
Traun, ihr entsagtet seiner Connexion
Um vieles Geld nicht. Ja, ich böte schon
All meine Habe drum zur Wett' euch an: [16,080]
Mein Herr ist ein gar hochbegabter Mann,
Ein Mann, sag' ich, wie's keinen zweiten giebt.«

»Hm«, sprach der Wirth, »doch sagt mir, wenn's beliebt,
Ist ein Gelehrter er? Wo nicht, was dann?«
»Ho«, sprach der Andre, »ein viel größrer Mann
Als ein Gelehrter. Doch um's kurz zu fassen,
Will ich solch Stückchen Kunst euch sehen lassen.
Mein Herr ist so in seiner Kunst gewandt
(Zwar ist sie nicht vollständig mir bekannt;
Doch helf' ich etwas ihm dabei zu Zeiten) [16,090]
Daß er den ganzen Grund, auf dem wir reiten
Von hier an bis an Canterbury's Wälle
Umkehren könnte, und ihn auf der Stelle
Mit Gold und Silber pflastern statt mit Kies.«

Und als der Dienstmann unserm Wirthe dies
Erzählt, rief jener aus: »Ei Gott bewahr'!
Das scheint mir doch ausnehmend wunderbar,
Wenn euer Herr so hohe Dinge weiß,
Drob er verdient der höchsten Ehre Preis,
Daß er sich selbst daran so wenig kehrt. [16,100]
Sein Oberrock ist keinen Heller werth,
So wahr ich geh' und stehe, ganz beschmutzt,
Zerrissen obenein und abgenutzt.
Warum zieht sich dein Herr so schlumpig an,
Da er doch beßres Zeug sich kaufen kann,
Ist, was du von ihm sagtest, wirklich wahr?
Ich bitte dich, mach mir die Sache klar.«

»Warum? . Was fragt ihr mich?« fiel Jener ein,
»Bei Gott, dem wird's sein Lebtag nicht gedeihn –;
Doch freilich möcht' ich ihm das selbst nicht sagen; [16,110]
Drum bitt' ich, es nicht weiter auszutragen –;
Er ist zu klug, fürwahr, so will's mir scheinen,
Da Uebermaß, wie die Gelehrten meinen,
Ein Fehler ist und nimmer Gutes schafft.
In dem Stück ist er dumm und tölpelhaft.
Oft hat ein Mann, der zu sehr mit Verstand
Begabt war, ihn nachtheilig angewandt.
So macht's mein Herr', und das verdrießt mich sehr.
Nun beßr' es Gott! Ich sage jetzt nichts mehr.«

»Ei Possen!« sprach der Wirth, »da von der List [16,120]
Du deines Herrn so unterrichtet bist,
So bitt' ich dich von Herzen, guter Mann,
Sag' mir, wie stellt er's so verschlagen an?
Wo wohnt ihr, wenn ihr es dürft wissen lassen?«
»In einer Vorstadt, wo in blinden Gassen
Und in Spelunken wir verborgen kauern,
Da, wo die Räuber und die Diebe lauern,
Die sich den grausen Zufluchtsort ersehn,
Weil sie nicht wagen, offen auszugehn.
So steht's mit uns, soll ich die Wahrheit sagen.« [16,130]

»Doch«, sprach der Wirth, »laß dich um Eins noch fragen:
Was mag dir dein Gesicht so schlimm verfärben?«

»St. Peter!« sprach er, »mög' es Gott verderben!
Ich muß so blasen in die heiße Glut,
Daß meiner Farb' es solchen Abbruch thut.
Ich kann nicht viel im Spiegel mich besehn,
Muß mühvoll ans Multipliciren gehn.
Doch, ob wir schürend stets ins Feuer starren,
Mißglückt uns doch zuletzt, was wir erharren.
Wir kommen nimmermehr an unser Ziel. [16,140]
Wir täuschen überdies der Leute viel.
Sie müssen ein Pfund Gold – auch oft zu zwein,
Zu zehn, zwölf Pfunden und noch mehr uns leihn.
Wir setzen ihnen in den Kopf dabei,
Wir machten mindestens aus einem zwei.
Doch das ist falsch. Zwar ist die Hoffnung wach;
Wir tappen guten Muthes auch danach;
Doch ist die Wissenschaft vor uns so weit:
Wir holen sie nie ein, wenn einen Eid
Wir auch drauf setzten, da sie zu behende [16,150]
Entflieht. Sie macht zu Bettlern uns am Ende.«
Und als der Dienstmann so noch schwatzte fort,
Rückte sein Herr ihm nach, der jedes Wort
Vernommen, da er immer mit Verdacht
Auf andrer Leute Reden hatte Acht.
Denn Cato sagt: Wer etwas hat verbrochen,
Denkt stets, es werde nur von ihm gesprochen.
Das war's, weswegen er so nahe kam
Dem Dienstmann, daß er jedes Wort vernahm.
Und so sprach er zu seinem Mann sofort: [16,160]
»Halt deinen Mund, sprich weiter jetzt kein Wort.
Thust du es doch, zahlst du es theuer mir.
Du schmähest mich vor der Gesellschaft hier,
Und plauderst, wo zu schweigen deine Pflicht.«

»He«, rief der Wirth, »laß dich sein Drohen nicht
Im mindsten schrecken und sprich weiter, Mann.«
Er sprach: »Es ficht mich wirklich wenig an.«
Der Stiftsherr sah, sein Dienstmann sei bereit,
Keck zu verrathen seine Heimlichkeit
Und jagte rasch davon voll Scham und Wuth. [16,170]

»Ha«, sprach der Dienstmann drauf, »der Spaß wird gut.
Jetzt, da er fort ist, sag' ich unverhohlen,
Was ich nur weiß. Mög' ihn der Teufel holen.
Nie lass' ich wiederum mit ihm mich ein,
Mag es um Heller oder Pfunde sein.
Er war's, durch den ich zu dem Spiele kam.
Treff' ihn vor seinem Tod noch Sorg' und Scham.
Sehr ernsthaft, traun, ist's mit mir ausgeschlagen;
Das fühl' ich deutlich, was man auch mag sagen.
Und doch, trotz Schmerz und Widerwärtigkeit, [16,180]
Trotz Kummer, Sorgen, Müh' und Herzeleid
Konnt' ich durchaus nicht lassen von dem Trug.
O wollte Gott, ich hätte Witz genug,
Die Kunst in allen Theilen euch zu lehren;
Doch will ein Stück ich wenigstens erklären.
Jetzt, da mein Herr fort ist, will ich mit Fleiß
Euch Alles sagen, was ich davon weiß.

Ich wohnte bei dem Stiftsherrn sieben Jahr;
Doch ist mir seine Kunst darum nicht klar.
Was ich besaß, hab' ich dabei verbracht, [16,190]
Weiß Gott! und mancher hat's wie ich gemacht.
Da sonst ich schöne, saubre Kleider trug,
Und andern guten Schmuck besaß genug,
Deckt meinen Kopf jetzt ein gestrickter Wisch;
Mein Antlitz, sonst von Farbe roth und frisch,
Jetzt ist es grau wie Blei und abgezehrt.
Mag er es büßen, der mir das beschert!
Mein Aug' ist von der Arbeit blöd' und matt.
Da seht ihr, was man vom Goldmachen hat.
Die Trugkunst hat so nackt mich ausgezogen, [16,200]
Daß ich um all mein Hab und Gut betrogen.
Und dann hab' ich in Schulden mich gesteckt
Um Gold, das mir von Andern vorgestreckt.
In meinem ganzen Leben zahl' ich's nimmer.
Sei Jedem eine Warnung das für immer.

Wer es auch sei – Wer daran seinen Sinn
Fortdauernd setzt – deß Wohlstand ist dahin,
Da sich bei Gott ihm kein Gewinn erweist,
Als daß er leer am Beutel wird und Geist.
Und wenn in seinem Wahnsinn dann der Thor [16,210]
Durch tolles Spiel sein eigen Gut verlor,
So pflegt er andre Leute aufzuhetzen,
Das Ihrige gleich ihm daran zu setzen.
Denn Freud' und Lust ist's für ein böses Herz,
Wenn einen Andern Kummer trifft und Schmerz:
So lehrte mich einst ein studierter Mann.
Doch hört, wie unser Werk wir fangen an.
Wenn unsre Koboldkünste wir beschicken,
Erscheinen wir höchst klug in allen Stücken.
Gelehrt klingt jedes Wort, das man hier spricht. [16,220]
Ich blas' ins Feuer, bis das Herz mir bricht.
Soll das Verhältniß ich von all den Dingen
Euch sagen, die wir hier zusammenbringen?
Ob fünf, sechs Unzen oder welche Zahl
Von Silber wir gebrauchen auf einmal? –
Was hilft's, ob Einer euch die Namen nennt
Von Beinschwarz, Hammerschlag und Operment,
Wie das zu feinem Pulver wird zerklopft
Und dann in irdne Tiegel eingetopft,
In die, eh' man die Mischung eingeschlossen, [16,230]
Man Salz und Pfeffer noch zuvor gegossen.
Wie man mit einer Glocke das bedeckt
Von Glas; was sonst man Alles ausgeheckt –
Wie Glas und Topf man wohl mit Leim bestreiche,
Damit nichts von der Luft daraus entweiche?
Wie eine leichte Glut man dann entfache,
Dann eine scharfe? Welche Qual es mache
Und welche Noth, den Stoff zu sublimiren,
Zu calciniren und amalgamiren
Quecksilber (das rudis Mercurius [16,240]
Man heißt)? Denn nimmer kommen wir zum Schluß.
Wie viel der Unzen Bleiglanz wir zerrieben
In Porphyr, wie viel Operment vertrieben,
Wie viel verfeinerten Merkur verwendet,
Es hilft uns nichts; die Müh' ist nur verschwendet.
Ob auch der Spiritus hinaufgestiegen,
Ob unten auch der Niederschlag blieb liegen,
Wir haben von dem Werke nicht Gewinn.
All unsre Müh' und Arbeit ist dahin.
Und obenein sind auch zum Teufel jetzt [16,250]
Die Kosten alle, die wir dran gesetzt.
Von manchem Andern wäre noch daneben
Aus unsrer Kunst euch wohl Bericht zu geben,
Was ich der Reihe nach nicht nennen kann.
Ich bin ja nur ein ungelehrter Mann.
Ich will versuchen (ohne viel zu wählen
Und ohne Ordnung) es euch aufzuzählen:
Bergblau, Grünspan und Borax; manch Geräth
Aus Glas und Thon, geblasen und gedreht.
Die Urinalien und Descensorien, [16,260]
Phiolen, Tiegel und Sublimatorien,
Retorten, Blasen und noch mehr solch Zeug,
Das keinen Dreier werth. Was nützt es euch,
Daß ich euch nenne die Geräthe alle?
Wasser zum Röthen oder Ochsengalle,
Arsenik, Schwefelstein und Salmiak?
Von Kräutern könnt' ich euch ein ganzes Pack
Aufzählen, wenn ich Muße dazu hätte,
Wie Baldrian, Maidwurz und Leberklette.
Wir lassen Tag und Nacht die Lampen brennen, [16,270]
Die Kunst zu fördern, wie wir irgend können.
Da haben Oefen wir zum Calciniren,
Wir haben Wasser zum Purificiren,
Gebrannten Kalk, das Weiße von dem Ei,
Kreid', Asche, Lehm, Dung, Pulver allerlei,
Zusammt Zinnstaub, Salpeter, Vitriole,
Verschiedne Feuer auch von Holz und Kohle,
Alkalien, Weinstein, Salz, rein präparirt,
Stoff, theils verbrannt, und theils coagulirt;
Auch Lehm, vermischt mit Roß- und Menschenhaar, [16,280]
Glas, Tartar, Oel, Alaun und Rosalgar,
Thon, Würze, Hefen und was sonst verschlingt
Die Flüssigkeit und was den Stoff durchdringt.
Dazu die Silber-Citrination,
Die Cämentirung und Fermentation,
Gußformen, Probetiegel und sofort.
Nun nenn' ich auch der Reihe nach, wie dort
Ich oftmals sie gehört von meinem Meister,
Die sieben Körper euch und die vier Geister.
Quecksilber ist genannt der erste Geist; [16,290]
Der zweite Operment; der dritte heißt
Ammoniaksalz, und Schwefel ist der vierte.
Die sieben Körper, die er stets citirte,
Sind: Sol das Gold, Luna das Silber dann,
Merkur Quecksilber, Venus nennet man
Das Kupfer, Eisen Mars, Saturnus Blei,
Zinn Jupiter – so stehe Gott mir bei.

Die dem verruchten Handwerk sich ergeben,
Erlangen nie das Gut, danach sie streben,
Da all das Gut, das sie daran riskiren, [16,300]
Sie obenein unzweifelhaft verlieren.
Wer recht als Thor sich will verlachen lassen,
Mag mit Multipliciren sich befassen.
Wenn etwas noch in deinem Koffer ist,
So tritt hieher und werd' ein Alchymist.
Ja wär' so leicht zu fassen nur die Lehre!
Weiß Gott, ob Mönch er oder Frater wäre,
Ob Pfaff', ob Stiftsherr und was sonst sein Stand,
Und säß' er Tag und Nacht auch unverwandt
Bei seinem Buch, um diese Koboldskunst [16,310]
Zu lernen, Alles ist doch eitel Dunst.
Viel wen'ger wird es einem Lai'n gelingen.
Pfui, still davon; er wird zu nichts es bringen.
Ob ein Gelehrter er, ob keiner sei,
Für den Erfolg ist alles einerlei.
Denn beide sind, bei meiner Seligkeit,
Mit ihrer Multiplikation gleich weit,
Wenn sie am letzten Ende abgeschlossen.
Das heißt, sie haben beide fehl geschossen.

Doch ich vergaß noch in der Uebereilung [16,320]
Die Aetzungen durch Wasser und die Feilung,
Und wie die harten Körper man erweicht,
Und wie der weichen Härtung man erreicht;
Die Waschungen, die flüssigen Metalle,
Die Oele – wollt' ich sie erwähnen alle,
So würde keine Bibel dazu reichen.
Drum besser ist's, ich schweige von dergleichen.
Ich denk', ich gab euch schon genug zu hören,
Um selbst den grimmsten Teufel zu beschwören.

So laßt es sein denn; alle suchen wir [16,330]
Den Stein der Weisen nur, den Elixir.
Hätten wir den, wär's mit uns gut bestellt.
Doch schwör' ich euch bei Gott im Himmelszelt,
Ob alle Kunst und List wir dran gesetzt.
Kommt er doch nicht zu uns zu guter Letzt.
Er ließ verschwenden uns gar großes Gut.
Wir würden toll beinah vor Gram und Wuth,
Wenn sich die gute Hoffnung nicht ins Herz
Uns schliche, daß, trotz all dem bittern Schmerz,
Wir doch erlöset würden hinterher. [16,340]
Solch stetes Hoffen reizt und quält uns sehr.
Ich sag' es euch: Ihr sucht in Ewigkeit.
Der Mensch reißt im Vertraun auf künft'ge Zeit
Sich oftmals los von Allem, was er hat;
Und doch wird dieser Kunst er niemals satt.
So bittersüß wird sie ihm stets erscheinen –
Und bleibt ihm nur ein Betttuch noch von Leinen,
Worin bei Nacht er sich einhüllen mag,
Und nur ein Mantel, drin zu gehn bei Tag,
Verkauft er's, um es an die Kunst zu wenden. [16,350]
Bevor nicht Alles hin, kann er nicht enden.

Man kann ihn kennen, wo er geht und steht,
Da der Geruch von Schwefel ihn verräth.
Er stinkt vor aller Welt wie eine Geiß;
Es ist sein Duft so bockig und so heiß,
Daß, ist er eine Meile fern von dir,
Doch der Geruch dich ansteckt, glaube mir.
So kennt am schäb'gen Aufzug und am Dunst
Man jederzeit die Jünger dieser Kunst.
Und wenn du sie willst im Geheimen fragen, [16,360]
Warum sie sich so schlecht und ärmlich tragen,
So flüstern sie ins Ohr dir auf den Fleck:
Damit nicht Andre sie in dem Versteck
Erspähten und um ihre Kunst erschlügen.
So wissen sie die Unschuld zu betrügen.

Laßt das; ich komme zur Erzählung jetzt.
Bevor der Topf ans Feuer wird gesetzt,
Mischt erst mein Herr selbst die metallnen Massen.
Er wird dazu nie einen Andern lassen
– Jetzt, da er fort ist, kann ich dreist es sagen –, [16,370]
Man meint, weil gut er in der Kunst beschlagen,
Wiewohl, ob er in hohem Ruf gleich steht,
Er doch gar oft dem Tadel nicht entgeht.
Und wißt ihr, wie? Oft kommt es, daß entzwei
Der Topf ihm bricht, und Alles ist vorbei.
So groß ist nämlich des Metalls Gewalt,
Daß keine Mauer böte Stand noch Halt;
Sie wäre denn erbaut aus Kalk und Stein.
Es stößt beim Platzen oft die Wände ein,
Und dies' und jene sank schon in den Grund. [16,380]
Das kostete bereits uns manches Pfund.
Zerschmettert stürzten andre ins Gemach,
Und andre flogen auf bis in das Dach.
Wenn uns der Teufel leiblich nicht erscheint,
So glaub' ich doch, es ist der böse Feind
Bei uns; denn kaum herrscht in der Höllenglut,
In der er thront, mehr Weh und Grimm und Wuth.
Ist dann der Topf entzwei, wie ich gesagt,
Dann wird geschimpft, gescholten und geklagt.
Der sprach: »Die Schuld lag an dem Feuermachen«, [16,390]
Doch der: »Nein, an der Art, es anzufachen.«
Dann fürchtet' ich mich; denn das war mein Amt.
»Pah«, sprach ein Dritter, »Dummheit! Nein, es stammt
Nur von der Mischung, die war falsch gemacht.«
Der Vierte sprach: »Still, nehmt mein Wort in Acht.
Man hat zum Feu'r kein Büchenholz genommen.
So wahr ich lebe, davon ist's gekommen.«
Ich selbst weiß nicht, woher die Schuld entsprang.
Doch weiß ich dies, sehr heftig war der Zank.
»Hm«, spricht der Herr, »da ist nichts mehr zu machen; [16,400]
Doch will ich künftig sorgsam drüber wachen.
Ich bin gewiß, es war ein Riß im Topf.
Sei's wie es sei, verliert drum nicht den Kopf.
Fegt nach Gebrauch die Dielen rasch nur rein,
Faßt euch ein Herz und laßt uns fröhlich sein.«

Der Kehricht ward alsdann zu Hauf gefegt,
Und auf den Grund ein leinen Tuch gelegt,
All das Gemüll dann in ein Sieb geschichtet
Und oftmals durchgesiebt und fein gesichtet.

»Wahrhaftig, manches Stückchen des Metalles«, [16,410]
Sprach Einer, »ist noch hier, wenn gleich nicht Alles.
Und ist die Sache gleich mißglückt für jetzt,
Wird sie ein andermal wohl durchgesetzt.
Etwas muß man Preis geben dem Geschick.
Ein Kaufmann selber kann ja auf sein Glück
Nicht baun in Ewigkeit, bei meiner Ehre.
Zuweilen wird sein Gut versenkt im Meere,
Zuweilen kommt es sicher an das Land.«
»Still, nächstens wird ganz anders es gewandt«,
Versetzt mein Herr, »dann soll es besser passen. [16,420]
Sonst will ich mich recht gründlich schelten lassen.
Ein Fehler war dabei, den ich wohl weiß.«

Ein Andrer sprach: »Das Feuer war zu heiß.«
Kalt oder heiß! Ich sag' euch nur so viel,
Wir kommen nimmermehr zum rechten Ziel,
Verfehlen ewig das ersehnte Gut
Und werden immer rasender vor Wuth.
Sind wir beisammen, sähst du Jedermann
Von uns für einen Salomo wohl an.
Allein nicht Alles, wie das Sprüchwort heißt, [16,430]
Ist Gold, was gleich dem Golde glänzt und gleißt,
Noch jeder Apfel, der sich lieblich weist
Dem Blick, ist gut, wie laut man ihn auch preist.
So ist es grade auch mit uns bestellt.
Wer als der Klügste dir ins Auge fällt,
Der ist der größte Narr, bei Licht betrachtet –
Ein Dieb ist, den man für den Treusten achtet.
Das sollt ihr sehn, eh' ich mich von euch wende,
Sobald mit der Erzählung ich zu Ende.

Ein Stiftsherr war bei uns, von heil'gem Stande, [16,440]
Der machte wohl die größte Stadt zu Schande:
Rom, Troja, Alexandrien, Ninive.
Von andern brächt' er drei zugleich in Weh.
Die Kniffe, das unendlich falsche Treiben
Des Bösewichtes kann kein Mensch beschreiben,
Und wenn er sollte tausend Jahre leben.
So falsch wie ihn kann's keinen Zweiten geben.
Er weiß so fein in Phrasen sich zu winden
Und seine Worte stets so schlau zu finden,
Wenn er an Jemand im Gespräch sich drückt, [16,450]
Daß auf der Stell' er ihm den Kopf verrückt,
Wenn es nicht just ein Satan ist wie er.
Er hat gar Manchen schon berückt bisher
Und wird's noch thun, lebt er noch eine Weile,
Und dennoch geht und reitet manche Meile
Das Volk ihm nach und bietet ihm die Hand,
Da ihnen seine Bosheit unbekannt.
Ist's euch genehm, zu horchen meinem Wort,
Erzähl' ich die Geschicht' euch hier sofort.
Doch ihr, Stiftsherren fromm und tugendsam, [16,460]
Nicht sag' ich's euerm Haus zu Schimpf und Scham,
Geb' ich von einem Stiftsherrn euch Bericht.
In jedem Stand wohl ist ein Bösewicht.
Verhüte Gott, daß eines Manns Verbrechen
Sich an dem ganzen Stande sollte rächen.
Es ist nicht meine Absicht, euch zu schänden.
Das Falsche möcht' ich nur zum Bessern wenden,
Und die Geschichte geht nicht euch nur an,
Nein, Andre auch; es weiß hier Jedermann,
Daß unter unsers Herrn Apostelschaar [16,470]
Judas der einzige Verräther war.
Wie könnte wohl die Uebrigen man schelten,
Die ohne Schuld? Das soll für euch auch gelten.
Das Eine nur laßt euch empfohlen sein:
Schleicht sich in euer Stift ein Judas ein,
Und wollt ihr Schmach nicht und Verlust bejagen,
Entfernt bei Zeiten ihn. Laßt euch das sagen.
Nun bitt' ich euch, nicht bös' auf mich zu sein
Und meinen Worten euer Ohr zu leihn.

Die Erzählung des Dienstmannes des Stiftsherrn.

In London war einst ein Annualar, [16,480]
Der hatte dort' gewohnt schon manches Jahr
Und war der Frau, bei der zu Tisch er aß,
Gefällig und dienstfertig in dem Maß,
Daß sie für Speis' und Kleidung von dem Mann,
Ging er auch noch so fein, kein Geld nahm an.
Auch hatt' er Silber stets die Füll' in Händen.
Genug davon. Ich will mich weiter wenden
Zum Stiftsherrn, um sofort euch zu berichten,
Was er gethan, den Priester zu vernichten.
Der falsche Stiftsherr trat an einem Tage [16,490]
In das Gemach des Priesters mit der Frage,
Ob er nicht wollte so gefällig sein,
Ihm Geld auf ein'ge Tage nur zu leihn:
»Leih' eine Mark nur aus drei Tage mir,
Genau zur Zeit bring' ich sie wieder dir.
Halt' ich nicht treu mein Wort, wie ich dir sage,
Sollst du mich hängen gleich am nächsten Tage.«

Der Priester gab ihm eine Mark sofort.
Der Stiftsherr hat sich drauf mit manchem Wort
Bedankt, Ade gesagt und fortgemacht, [16,500]
Am dritten Tag das Geld zurückgebracht
Und es ihm eingehändigt voll und baar.
Darob denn sehr erfreut der Priester war.

Er sprach: »Es wird mich, traun, niemals verdrießen,
Zwei, auch drei Nobel Einem vorzuschießen,
Ja, was ich nur besäße in der Welt –
Wenn er so fest an Treu und Glauben hält,
Daß er in keiner Art sein Wort mag brechen.
Nie könnt' ich nein zu solchem Manne sprechen.«

»Was?« sprach der Stiftsherr, »sollt' ich untreu sein? [16,510]
Da fiele mir ja ganz was Neues ein.
Treu' ist ein Ding, das stets ich will bewahren,
So lange, bis ich muß von hinnen fahren
In meine Gruft. Mag Gott deß ewig walten.
Daran könnt fest ihr wie am Credo halten.
Ich danke Gott und mag es euch wohl sagen,
Es hatte Niemand je sich zu beklagen
Um Silber oder Gold, das er mir lieh.
An Falschheit dachte meine Seele nie.
Und nun, da ihr so gut gewesen seid [16,520]
Und mir erzeigt habt solche Freundlichkeit,
Will, eurer Güte Schuld euch abzutragen,
Etwas von meiner Heimlichkeit ich sagen;
Auch will ich, solltet ihr danach begehren,
Vollständig euch die Art und Weise lehren,
Wie durch Chemie ich Wunder wirken kann.
Habt Acht, ihr seht mit eignen Augen an
Ein Meisterstück von mir, bevor ich gehe.«

»Ja?« sprach er, »Herr, wollt ihr, daß ich es sehe?
Fürwahr, ich bitt' euch drum von ganzer Seele.« [16,530]

»Mein Herr, ich steh' euch völlig zu Befehle«,
Sprach er, »sonst soll mir Gott nicht gnädig sein.«

So bot der Schelm den Dienst ihm an zum Schein.
Wahr ist es, was die alten Weisen sagen:
Es stinkt ein Dienst, der so wird angetragen.
Das mach' ich gleich an diesem Stiftsherrn klar,
Der wirklich aller Bosheit Wurzel war;
Dem stets als größte Freud' es galt und Lust
– So teuflisch war der Sinn in seiner Brust –,
Konnt' einen Christen er ins Unglück bringen. [16,540]
Bewahr' uns Gott vor seiner Falschheit Schlingen!
Der Priester wußte nicht, wer Jener war,
Und ahnte nicht die kommende Gefahr.

O Priester, du voll Einfalt wie ein Kind,
Wie bald macht dich auch die Begierde blind!
Unseliger, geblendet ist dein Geist,
Der du noch nichts von dem Betruge weißt,
In den du bald durch diesen Fuchs wirst fallen.
Nicht mehr entfliehst du seinen list'gen Krallen.
Deshalb – um zu der Sache Schluß zu kommen, [16,550]
Welch schlimmes End' es mit dir hat genommen,
Unglücklicher, will ich mich jetzt beeilen,
All deinen Unverstand hier mitzutheilen.
Auch will ich von dem andern Bösewicht,
So rasch ich kann, vollenden den Bericht.

Der Stiftsherr war – denkt ihr in euerm Sinn –
Mein Herr. Nein, bei der Himmelskönigin,
Herr Wirth, es war ein Anderer, nicht Er.
Er weiß der Ränke hundertmal wohl mehr.
Er hat so viel betrogen jederzeit, [16,560]
Mir stockt mein Reim bei seiner Schlechtigkeit.
So oft ich davon spreche, dringt vor Wuth
Und Scham mir in die Wangen rothe Glut.
Ich fühle wenigstens, sie werden heiß.
Denn Röthe hab' ich nicht, wie ich wohl weiß,
Da der verschiedne Dampf von dem Metalle,
Wie schon gesagt, die rothe Farbe alle
Mir im Gesicht verzehrt hat und zerstört.
Habt Acht jetzt, daß ihr seine Bosheit hört.

Der Stiftsherr sprach: »Heißt euern Dienstmann laufen, [16,570]
Sogleich Quecksilber für uns einzukaufen.
Zwei bis drei Unzen. Ist er wieder hier,
Zeig' ich alsbald ein solches Wunder dir,
Wie du bisher noch niemals hast gesehn.«

Der Priester sprach: »Herr, es soll gleich geschehn;«
Und er gebot dem Diener, es zu holen.
Der machte sich bereit, wie ihm befohlen,
Ging seines Wegs und kam mit raschem Schritt
Zurück und brachte das Quecksilber mit.
Drei Unzen gab er in des Stiftsherrn Hände. [16,580]
Der legte sanft sie nieder und behende
Und hieß darauf den Diener Kohlen bringen,
Damit sogleich sie an die Arbeit gingen.
Die Kohlen wurden rasch herbeigebracht.
Da zog der Stiftsherr aus dem Busen sacht
Ein Tiegelchen, zeigt' es dem Gottesmann
Und sprach: »Sieh dieses Instrument dir an.
Nimm's in die Hand, zwei Loth Quecksilber thu
Selbst dann hinein und du beginnst im Nu
In Christi Namen ein Adept zu werden. [16,590]
Ich möchte wen'gen Menschen wohl auf Erden
So viel von meinem Wissen offenbaren.
Du sollst durch eigne Ansicht hier erfahren,
Wie dies Quecksilber ich vor deinen Blicken
Unfehlbar tödten werde und ersticken,
Daß Silber daraus wird so gut und fein,
Wie's irgend mag in einer Börse sein,
In deiner oder meiner; hämmerbar
Auch mach' ich's. Haltet mich, red' ich nicht wahr,
Für falsch und menschlichen Verkehrs nicht werth. [16,600]

Ich hab' ein Pulver hier von großem Werth,
Das soll es thun; es liegt allein zu Grund
Der Kunst, die ich alsbald euch mache kund.
Laßt euern Diener gehn und draußen bleiben.
Verschließt die Thür, derweil wir hier betreiben
Die Heimlichkeit; laßt Niemand uns erspähn,
Wenn an das Philosophenwerk wir gehn.«

Wie er's verlangt, so führt' es Jener aus.
Der Diener ging sogleich zur Thür hinaus,
Und es verschloß sein Herr sie ohne Weile, [16,610]
Und an das Werk ging man in aller Eile.
Der Priester, nach des bösen Stiftsherrn Wort,
Setzt auf die Kohlen das Geräth sofort,
Bläst Feuer an und müht geschäftig sich.
Der Stiftsherr wirft ein Pulver feierlich
In das Gefäß – Ich weiß nicht recht, aus was
Das Zeug bestand, war Kreid' es oder Glas
Oder was sonst, nicht einer Fliege werth,
Um ihn zu blenden – und heißt dann vom Herd
Ihn alle Kohlen häufen auf den Tiegel. [16,620]
»Nimm«, sprach er, »dies von mir als Brief und Siegel
Für meine Liebe, daß mit eignen Händen
Du selbst hier darfst das ganze Werk vollenden.«

» Mercy«, sprach Jener, und packt froh die Kohlen
Zurecht, so wie der Stiftsherr ihm befohlen.
Indessen holt sein teuflischer Geselle,
Der falsche Stiftsherr (fahr' er gleich zur Hölle!)
Aus seinem Busen eine Kohl' hervor
Von Büchenholz, die hohl war wie ein Rohr.
Es waren Silberspäne drin versteckt [16,630]
– Zwei Loth –, die Oeffnung aber wohl verdeckt
Mit Wachs, damit die Späne drinnen blieben.
Nun wißt, daß er dies nicht erst hier betrieben;
Die Gaunerei war schon gemacht vorher.
Ich werd' euch noch hernach von Anderm mehr
Erzählen, was er gleich mit sich gebracht.
Auf Arglist war er, eh' er kam, bedacht;
Und eh' er ging, hatt' er ihn arg betrogen.
Er ruhte nicht, bis er ihn ausgezogen.
Es ärgert mich fürwahr, von ihm zu sprechen; [16,640]
Gern möcht' ich mich an dem Betrüger rächen,
Wüßt' ich nur wo. Denn er ist hier und dort:
Ein Vagabond; er bleibt an keinem Ort.
Nun, Herren, gebt um Gottes willen Acht.
Er nahm die Kohle, deren ich gedacht,
Behielt sie heimlich in der Hand bei sich,
Und da der Priester noch geschäftiglich
Die Kohlen häufte, wie ich euch erzählt,
Sagt' er zu ihm: »Mein Freund, das ist verfehlt;
Das liegt nicht ganz so, wie es müßte sein. [16,650]
Doch wart', ich richt' es dir gleich besser ein.
Laß mich daran nur eine kleine Zeit;
Denn bei St. Giles, du thust mir wirklich leid.
Wie schwitzest du! Du bist fürwahr sehr heiß,
Nimm hier dies Tuch und wisch dir ab den Schweiß.

Und als der Priester wischte sein Gesicht,
Da nahm der Stiftsherr (strafe Gott den Wicht!)
Die Kohle, legte sie, recht mitten auf
Ueber den Tiegel und blies tüchtig drauf,
Bis hell das Feuer fing zu brennen an. [16,660]
»Nun gebt uns 'was zu trinken«, sprach er dann;
»Ich denke ja, es ist gleich Alles gut.
Setzt euch, seid lustig und habt frohen Muth.«
Und als die Buchenkohle war verbrannt,
Fiel in den Tiegel, der darunter stand,
Der Silberstaub so viel darinnen war.
Es mußte so geschehen, das war klar,
Da er genau darüber sich befand.
Doch ach! das war dem Priester unbekannt!
Er dachte, alle Kohlen wären gleich, [16,670]
Und ahnte gar nichts von dem Gaunerstreich.

Als nun der Alchymist ersehn die Zeit,
Sprach er: »Steht auf, daß ihr zur Hand mir seid.
Gußformen, weiß ich wohl, habt ihr hier keine:
Verseht euch drum mit einem Kreidesteine.
Ich denke wohl, es wird mir schon gelingen,
Solch eine Gußform draus zurecht zu bringen.
Schafft eine Schal' auch oder Pfann' heran
Mit Wasser angefüllt. Ihr werdet dann
Gleich sehn, wie trefflich das Geschäft sich macht. [16,680]
Allein, damit ihr etwa nicht Verdacht
Und Argwohn faßt, weil ihr abwesend seid,
So bleib' ich bei euch, geb' euch das Geleit
Und trete wieder auch mit euch hier ein.«
Sie öffneten sogleich (um kurz zu sein)
Die Thür, verschlossen sie und gingen, nahmen
Den Schlüssel auch vorsorglich mit und kamen
Zum Haus zurück sofort in aller Eile.
Doch – daß ich nicht den ganzen Tag verweile –
Er nahm die Kreide, die zurecht er machte [16,690]
Zur Gußform – was er so zu Stande brachte:
Aus seinem Aermel holte er ein Stück
Gegoßnes Silber (treff' ihn Mißgeschick!),
Das an Gewicht just einer Unze gleich.
Nun gebet Acht auf seinen Gaunerstreich.
Er macht' in Läng' und Breite ganz genau
Die Form wie diesen Barren und so schlau,
Daß den Betrug der Priester nicht entdeckte.
Drauf er ihn wieder in den Aermel steckte,
Vom Feuer nahm das ganze Präparat, [16,700]
Es heitern Blickes in die Gußform that
Und in das Wasser warf nach kurzer Frist.
Dann rief den Priester er: »Sieh, was hier ist!
Du magst die Hand nur in das Wasser stecken,
So hoff' ich, wirst du Silber drin entdecken.«
Ja Höll' und Teufel freilich! wie ich wähne,
Bleibt Silber, sind es auch nur Späne.
Der Priester that die Hand hinein und zog
Ein fein Stück Silber draus hervor. Es flog
Vor Freud' ihm jede Ader bei der Schau. [16,710]

»O, segn' euch Gott und Unsre Liebe Frau,
Herr Stiftsherr und die Heil'gen insgesammt!«
Rief er (ich wünsche, daß ihr ihn verdammt!) –
»Ich würde gern, erwiest ihr mir die Gunst,
Mich diese edle und geheime Kunst
Zu lehren, immerdar der Eure sein.«

»Versuchen wir's«, fiel ihm der Stiftsherr ein,
»Zum zweitenmal, daß ihr euch selbst zu wahren
Inskünft'ge wißt und, in der Kunst erfahren,
Wenn es euch noth thut, auch von mir getrennt, [16,720]
Die tiefe Wissenschaft erproben könnt.
Nehmt noch zwei Loth von dem Quecksilber nun«,
Sprach er, »laßt ebenso damit uns thun,
Wie ihr die beiden ersten Loth behandelt,
Die, wie ihr seht, in Silber sind verwandelt.«

Der Priester thut so eilig wie er kann,
Was ihm der Stiftsherr, der verruchte Mann,
Gebietet. Er bläst tüchtig in das Feuer,
Um zu vollenden, was ihm selbst so theuer.
Der Stiftsherr konnte sich indessen rüsten, [16,730]
Den Priester wiederum zu überlisten,
Versah zum Schein mit einem Stocke sich,
Der hohl war (jetzt hab' Acht und hüte dich!).
Des Stockes End' enthielt zwei Loth und mehr
Von Silberspänen, grade wie vorher
Die Kohle, und war wohl mit Wachs verschlossen,
So daß die Späne nicht herunterschossen.
Und während Jener sich ans Werk begab,
Trat ihm der Stiftsherr nah mit seinem Stab
Und warf sein Pulver grade wie zuvor [16,740]
Hinein (mög' ihm der Teufel übers Ohr
Sein Fell ziehn für die Niederträchtigkeit,
Da er voll Lug und Trug war jederzeit!).
Und mit dem Stock, dran sich der Pfiff befand,
Rührt' überm Tiegel er der Kohlen Brand
So lange, bis das Wachs (wie Jedermann,
Wenn er nicht allzu dumm ist, wissen kann,
Daß es so kommen muß) weich ward und schmolz,
Und Alles, was versteckt war in dem Holz,
Geschwind hinunter in den Tiegel schlug. [16,750]
Nun, werthe Herrn, ist das nicht nett genug?

Als er den Priester so berückt aufs neue,
Der nichts als Wahrheit in ihm sah und Treue,
War so von Lust und Fröhlichkeit der Mann
Bewegt, daß ich es gar nicht schildern kann,
Und daß dem Stiftsherrn Gut und Leben schon
Er anbot. Dieser sprach: »Ja wohl, mein Sohn,
Arm bin ich zwar, doch klug, wie du wirst sehn.
Ich sage dir, es wird noch mehr geschehn.
Doch ist vielleicht wohl etwas Kupfer da?« [16,760]
Der Priester sagte: »Herr, ich denke, ja.«
»Wo nicht, so kauf' uns etwas sonder Weile.
Nun, Liebster, mach dich auf den Weg und eile.«
Er ging, und als er mit dem Kupfer kam,
Wog Jener, der gleich in die Hand es nahm,
Zwei Loth sich ab. Nicht kann ich so gewandt
Mit meiner Zunge folgen dem Verstand,
Zu melden dieses Stiftsherrn Schlechtigkeit,
Der Wurzel aller Niederträchtigkeit.
Er schien so freundlich Denen, die ihm nahten, [16,770]
Und war doch feindlich stets in Sinn und Thaten.
Es widert mich, den Trug euch zu entfalten,
Doch will ich des Berichts mich nicht enthalten.
Fürwahr, ich geb' ihn nur deswegen kund,
Daß man sich hüte, sonst aus keinem Grund.

Er thut das Kupfer in den Tiegel, setzt
Rasch an das Feuer ihn und wirft zuletzt
Das Pulver nach. Der Priester krümmt den Rücken,
Muß blasen und so tief aufs Werk sich bücken
Wie sonst und all die Narrenspossen schaffen; [16,780]
Der Stiftsherr macht ihn recht zu seinem Affen.
Er füllt die Gußform nun mit Kupfer an.
Wirft in die Pfanne sie mit Wasser dann,
Und streckt ins Wasser selber seine Hand.
Im Aermel trug er, wie euch schon bekannt,
Ein Silberstück, das jetzo er verstohlen,
Der Bösewicht, begann heraus zu holen.
Nichts ahnte Jener von dem Schelmenstück.
Er ließ es auf der Pfanne Grund zurück,
Und wühlt' im Wasser hin und her noch lange, [16,790]
Wobei sehr heimlich er die Kupferstange
Heraus nahm (gleichfalls Jenem unbewußt),
Er that sie fort und faßt' ihn bei der Brust
Und sprach, indem er sich zu scherzen stellte:
»Bückt euch doch! Ihr verdient, daß ich euch schelte.
Helft mir jetzt auch, wie ich euch half vorhin.
Die Hand hinein! Seht zu, was ist darin?«
Der Priester hob den Silberbarren auf.
»Nun laßt sofort uns«, sprach der Stiftsherr drauf,
»Mit den drei Barren, die wir hier gemacht, [16,800]
Zum Goldschmied gehn und sehn, was wir vollbracht.
Ich gäbe meine Kutte dran, auf Ehre,
Wenn das hier nicht das feinste Silber wäre.
Wir wollen länger nicht der Probe harren.«

Zum Goldschmied gingen sie mit den drei Barren.
Sie ließen sie zur Probe glühn und schlagen,
Und wirklich konnte Niemand anders sagen,
Als daß ganz ordnungsmäßig sie beschaffen.
Wer glich an Frohsinn dem bethörten Pfaffen?
Kein Vogel, wenn der Morgen kommt herbei [16,810]
Und keine Nachtigall im Monat Mai
Ist fröhlicher und mehr erpicht aufs Singen,
Kein Fräulein mehr auf Tanzen und auf Springen
Und auf Gespräch von Lieb' und Zärtlichkeit;
Kein Ritter mehr zu kühner That bereit,
Zu stehn in seiner holden Dame Gunst,
Als unser Pfaff zu lernen diese Kunst.
Und er begann den Stiftsherrn so zu bitten:
»Um Gott, der für uns hat den Tod gelitten,
Ich will's an euch verdienen wie ich kann, [16,820]
Was fordert ihr für das Recept? sagt an.«

»Bei Unsrer Frau, 's ist theuer«, sprach der Mönch,
»Da außer mir und einem Bettelmönch
Kein Mensch in England es zu machen weiß.«

»Um Gottes willen, sorgt nicht um den Preis.
Was soll ich zahlen? Sagt, ich bitt' euch sehr.«

»Es ist recht theuer, wie gesagt«, sprach er.
»Mit einem Wort, ihr müßt, bei meinem Leben,
Wollt ihr es haben, vierzig Pfund mir geben.
Und wärt ihr nicht so freundlich gegen mich [16,830]
Gewesen, nähm' ich mehr noch, sicherlich.
Der Priester holt die vierzig Pfund herbei
In Nobeln, zählt sie richtig Reih bei Reih
Dem Stiftsherrn auf für das Recept; doch Lug
War Alles nur gewesen und Betrug.

»Ich wünschte, daß ihr nicht viel Rühmens machtet
Von meiner Kunst. Wenn ihr mich liebt, betrachtet
Sie als Geheimniß, das ihr sollt bewahren.
Denn, möchte man all meine Kunst erfahren,
Bei Gott, man würde bald mich so mit Neid [16,840]
Verfolgen wegen meiner Weltweisheit,
Den Tod hätt' ich davon gleich ungefragt.«

»Behüte Gott!« sprach Jener; »was ihr sagt!
Ich gäbe, wär' ich bei gesundem Witz,
Doch lieber meinen sämmtlichen Besitz,
Eh' ich euch brächte solches Mißgeschick.«

»Für diese Freundschaft wünsch' ich euch viel Glück.
Und nun lebt wohl, mein Freund, und grand mercy
Der Stiftsherr ging. Der Priester sah ihn nie
Seit diesem Tag, und als er später dann [16,850]
Mit dem Recepte den Versuch begann,
Da war es nichts. Ade! bleibt mir gewogen!
Er sah, daß er geprellt war und betrogen.
So pflegt' er stets sich zu introduciren
Und andrer Leute Glück zu ruiniren.

Ihr seht, Herrn, überall und jederzeit
Ist zwischen Gold und Menschen Zank und Streit,
So sehr, daß sich beinahe nichts mehr findet,
Da Mancher beim Goldmachen ganz erblindet.
Denn in der That, ich glaube, das allein [16,860]
Wird wohl der Hauptgrund dieses Mangels sein.
Die Philosophen machen solchen Dunst
Beim Reden, daß kein Mensch in ihre Kunst
Eindringet mit der Weisheit unsrer Tage.
Das schwatzt wie Elstern und hat seine Plage
Und Lust allein in seinen Kunstausdrücken,
Wobei sie doch dem Ziel nie näher rücken.
Wer Gold besitzt, dem wird es leicht gelingen,
Es mit Multipliciren durchzubringen.

Das ist der Vortheil, den dies Spiel beschert: [16,870]
Der Frohsinn wird dadurch in Gram verkehrt,
Der größt' und schwerste Beutel bald geleert
Und außerdem dein Haupt mit Fluch beschwert,
Von Denen, die ihr Gut dazu geliehen.
O pfui! Kann der nicht vor dem Feuer fliehen,
Der einmal sich verbrannt hat an der Glut?
Laßt ab, das rath' ich, die ihr's jetzt noch thut,
Eh' Alles drauf geht; besser spät als nie;
Doch gar zu spät, wenn nimmer es gedieh.
Wie ihr auch wählt, ihr werdet's niemals finden. [16,880]
Ihr gleicht an keckem Muth Bajard dem Blinden,
Der fürchtet nichts und stolpert frisch hinein
Und rennet muthig gegen Stock und Stein,
Gilt es nur eben aus dem Weg zu weichen.
Ihr Multiplikatoren thut desgleichen.
Und seht ihr mit des Leibes Augen nicht,
So wahrt doch euer geistiges Gesicht;
Denn sperrt ihr noch so weit die Augen auf,
Gewinnt ihr keinen Deut doch bei dem Kauf.
Zu nichts hilft all das Raffen euch und Rennen. [16,890]
Zieht fort die Glut; laßt sie zu rasch nicht brennen.
Ich sage: Laßt euch mit der Kunst nicht ein;
Denn thut ihr's, werdet nimmer ihr gedeihn.
Nun geb' ich euch geschwinde noch Bericht,
Wie ein Adept in seinem Fache spricht.

Sieh, wie Arnaldus vor der Neuen Stadt
In dem Rosarius geschrieben hat.
Er sagt – um es genau zu referiren –
Niemand kann den Merkur mortificiren,
Wenn unbekannt es seinem Bruder bleibt. [16,900]
Hermes, der erste, welcher davon schreibt,
Der Vater der Adepten, drückt die Sache
So aus: Es wird unzweifelhaft der Drache
Niemals getödtet, wird er nicht erschlagen
Mit seinem Bruder. Dies will so viel sagen:
Merkur ist mit dem Drachen hier gemeint,
Und mit dem Bruder Schwefel, der vereint
Aus Sol und Luna nur sich lasse ziehn.
Laßt euerm Sinn drum nie mein Wort entfliehn:
Es gebe Niemand dieser Kunst sich hin, [16,910]
Wenn er der Philosophensprache Sinn
Und Meinung nicht verstanden hat zuvor.
Wenn er es dennoch thut, ist er ein Thor,
Da dieser Wissenschaft verborgne List
Aller Geheimnisse Geheimniß ist.

Von einem Schüler Plato's wird gesagt,
Daß einstmals seinen Meister er gefragt,
Wie in dem Buche Senior ist zu lesen.
Es ist die Frage wörtlich die gewesen:
»Wie wird doch der geheime Stein genannt?« [16,920]
Und Plato sprach: »Nimm erst den Stein zur Hand,
Der Titan heißt.« – »Wie kann ich den erkennen?« –
»Es ist der, den sie auch Magnesia nennen«,
Sprach Plato. – »So, Herr, und das ist der Schluß?
Das ist ignotum per ignotius.
Und was ist denn Magnesia, darf ich fragen?«

»Ein Wasser ist's, so viel kann ich euch sagen,
Das man aus den vier Elementen braut.«

»Dann, lieber Herr, wenn's euch beliebt, vertraut
Mir das Recept dazu, ich bitt' euch sehr.« [16,930]

Und Plato sprach: »Das thu' ich nimmermehr.
Die Philosophen haben sich verschworen,
Es nie zu nennen eines Menschen Ohren,
Noch irgendwo es in ein Buch zu schreiben;
Denn Gott will, daß es unentdeckt soll bleiben,
Weil er es selbst so werth und theuer hält.
Nur wo es Seiner Majestät gefällt,
Verkündet er's durch seines Geists Erguß,
Oder versagt es. Sieh, dies ist der Schluß.«

Ich aber schließe: Weil es Gott gefällt, [16,940]
Daß die Adepten Niemand in der Welt
Verrathen, wie man komme zu dem Stein,
Ist es der beste Rath: Man läßt es sein.
Denn wer da Gott zu seinem Gegner macht,
Und irgend etwas wider seine Macht
Beginnt, ist sicher, daß er nichts vollende,
Multiplicirt' er gleich bis an sein Ende.
Nun Punktum! Denn hier ist mein Schluß gekommen.
Gott, hilf von ihren Leiden allen Frommen!

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