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Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 24
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
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Die Erzählung der zweiten Nonne.

Ihn, der zur Pfleg' und Wartung ist erkoren
Der Laster –, Müßiggang, der jeder Zeit [15,470]
Als Pförtner dienet an der Wollust Thoren,
Zu fliehn und zu besiegen ihn im Streit
Durch seine Feindin, edle Thätigkeit,
Dies sei beständig unsers Herzens Drang;
Dann fängt uns Satan nicht durch Müßiggang.

Denn Er, der immer lauernd uns umzieht,
Um uns zu fahn, mit tausend schlauen Schnüren –,
Wenn einen Mann im Müßiggang er sieht,
Kann er so leicht ihn in die Falle führen,
Daß er nicht eher wird den Bösen spüren, [15,480]
Bis ihn beim Schopf erfaßt des Satans Hand.
Dem Müßiggang drum leistet Widerstand.

Und fällt die Furcht euch vor dem Tod nicht bei,
So lehrt euch ohne Zweifel der Verstand,
Daß Müßiggang erzeugt die Schlemmerei,
Aus der doch Gutes nimmermehr entstand.
Die Schlemmerei hält uns in schnödem Band,
Daß wir nur Speis' und Trank und Schlaf begehren
Und Andrer saure Arbeit zu verzehren.

Drum, mich des Müßigganges, der mit Nacht [15,490]
Und mit Verderben droht, zu überheben,
Hab' ich mich emsig an dies Werk gemacht,
Nach der Legende Wort dein glorreich Leben
Und Leiden treulich übersetzt zu geben,
Du, mit dem Kranz, durchwebt von Ros' und Lilie,
Du jungfräuliche Märtyrin Cäcilie.

Und du, o Hehre, aller Jungfraun Blüthe,
Von der so trefflich schrieb St. Bernhards Hand,
Es geht mein Ruf zuerst an deine Güte;
Du Trost der Schwachen, mache mir bekannt [15,500]
Der Jungfrau Tod, die ew'ges Leben fand
Durch ihr Verdienst, und Satans Macht bezwang,
Wie euch sofort berichtet mein Gesang.

Jungfrau und Mutter, du, erzeugt vom Sohn,
Du Gnadenborn, die Sündigen zu laben,
In der Gott huldvoll aufschlug seinen Thron,
Du Niedre, über alle Welt erhaben,
Du adeltest uns so durch deine Gaben,
Daß seinen Sohn des Schöpfers Majestät
In Fleisch und Blut zu kleiden nicht verschmäht. [15,510]

In deines Leibes sel'ger Klaus' empfing
Die ew'ge Liebe menschliche Gestalt.
Er, der beherrscht der Welt dreifachen Ring,
Von dessen Preis Meer, Erd' und Himmel schallt.
Doch makellos durch himmlische Gewalt
Bleibst du die reine Jungfrau, die du warst,
Als du den Schöpfer dieser Welt gebarst.

Vereinigt ist in dir Erhabenheit
Mit solchem Mitleid, solcher Gnad' und Güte,
Daß du, die Sonne der Vortrefflichkeit, [15,520]
Nicht dem nur hilfst, der sich darum bemühte,
Nein, daß du oft mit freundlichem Gemüthe
Freiwillig Denen, die nicht zu dir flehn,
Als Arzt des Lebens pflegst voran zu gehn.

Nun hilf, du gnadenreiche fromme Magd,
Mir, dem Verbannten in dem Meer von Gallen.
Wie einst die Cananiterin gesagt:
»Die Hündlein essen von den Krumen allen,
Die von des Herren Tische sind gefallen« –
Bin ich gleich Eva's Sohn, ein sünd'ger Mann, [15,530]
Dein unwerth – nimm doch meinen Glauben an.

Da aber ohne Werke todt der Glaube,
Gieb Raum zum Werk mir und Verstandeshelle,
Daß ich dem Reich der Finsterniß zum Raube
Nicht werde, o du holde Gnadenquelle;
Sei du mein Anwalt an der hohen Stelle,
Da, wo man singt ein endlos Hosiannah,
Du Christi Mutter, theures Kind der Anna.

Erleuchte meine Seele durch dein Licht,
Die jetzt geängstigt in des Leibes Haft, [15,540]
Krank und gedrückt liegt unter dem Gewicht
Der Erdenlust und falschen Leidenschaft.
O Zufluchtshafen Derer, die entrafft
Vom Sturm der Noth und Widerwärtigkeiten,
Hilf mir zu meinem Werk mich zu bereiten.

Doch euch, die ihr dies leset, bitt' ich jetzt,
Den Mangel mir an Sorgfalt zu vergeben,
Daß meine Red' ich nicht mit Kunst gesetzt.
Denn Wort' und Inhalt sind mir schon gegeben
Von dem, der ehrfurchtsvoll der Heil'gen Leben [15,550]
In der Legende, der ich folg', erzählt.
Verbessert drum mein Wort, wo ich gefehlt.

Zuerst will ich den Namen euch » Cäcilie«
Erklären, welche Deutung man ihm leiht.
Verdolmetscht würd' er heißen: Himmelslilie,
Weil sie dem keuschen Magdthum sich geweiht.
Vielleicht auch, daß das Weiß der Sittsamkeit,
Daß des Gewissens Grün, der gute Ruf
Voll süßen Duftes ihr den Namen schuf.

Wenn nicht Cäcilie heißt der Weg für Blinde, [15,560]
Da durch ihr Wort den Weg zum Licht man fand;
Wiewohl ich ebenfalls geschrieben finde,
Daß Himmel in dem Namen sich verband
Mit Lia, und im bildlichen Verstand
Der Himmel des Gedankens Heiligkeit
Bezeichnet, Lia stete Thätigkeit.

Doch heißt Cäcilia vielleicht in Wahrheit
Der Blindheit Mangel, da der Weisheit Licht
Sie in sich trug in reiner Sitten Klarheit.
Doch nein – in ihres Namens Glanz verflicht [15,570]
Mit Himmel – Leos sich; drum sieh, ob nicht
Des Volkes Himmel die mit Recht sie nennen,
Die ihre gut- und weisen Werke kennen.

Denn Leos ist durch Volk zu übersetzen;
Und so wie an dem Himmel weit und breit
Die Augen Sonne, Mond und Stern' ergetzen,
So sah man geistlich in der edeln Maid
Mit ihrer Glaubenskraft Hochherzigkeit
Der Weisheit ungetrübten Glanz sich einen
Und viele Tugendwerke strahlend scheinen. [15,580]

Und wie die Weisen uns den Himmelsbau
Als rund beschreiben, rasch, in stetem Brand –
So war Cäcilia, die lichte Frau,
In jedem guten Werk rasch und gewandt
Und rund und ganz von dauerndem Bestand,
Wobei sie stets von Liebe feurig flammte.
Jetzt ist's erklärt, wovon ihr Name stammte.

Die lichte Jungfrau war zu Rom geboren
Aus edelm Stamm, wie uns die Chronik weist,
Und von der Wieg' an war sie schon erkoren [15,590]
Dem Glauben Christi, trug in ihrem Geist
Sein Evangelium, und, wie es heißt,
Hat stets mit Lieb' und Furcht Gott im Gebet
Ihr Magdthum zu erhalten angefleht.

Als für die Jungfrau nun man einen Mann,
Sehr jung von Jahren noch, zur Eh' erwählt,
– Es war des Jünglings Name Valerian –
Trug sie am Tage, da sie ward vermählt,
Von Demuth und von Frömmigkeit beseelt,
Unter dem Goldkleid, das ihr prächtig stand, [15,600]
Auf bloßem Leib ein härenes Gewand.

Und als die Orgeln klangen, hat allein
Ihr Herz zu Gott gesungen und gesagt:
O Herr, erhalte Seel' und Herz mir rein,
Daß nicht verdammet werde deine Magd.
Und dem Gekreuzigten zu Lieb' entsagt
Sie jeden zweiten oder dritten Tag
Der Speis', indem sie im Gebete lag.

Sie schickt sich nachts nach Neuvermählter Weise
Zu Bett zu gehn mit ihrem Gatten an. [15,610]
Da sagte heimlich sie zu ihm und leise:
»O süßer, theurer, vielgeliebter Mann,
Ich weiß – und gern vertraut' ich dir es an –
Etwas Geheimes, wenn du mich willst hören;
Doch mußt du, nie es zu verrathen, schwören.«

Erst als Valerian ihr fest geschworen,
Was es auch sei, er werde sicherlich
Es nie verrathen eines Menschen Ohren,
Da sagte sie: »Es liebt ein Engel mich,
Der jeder Zeit mit großer Güte sich [15,620]
Mein annimmt und, wo ich bei Tag und Nacht
Verweilen möge, meinen Leib bewacht.

Und in der That, sobald er würde spüren,
Daß ihr mich liebt und anrührt mit Begier,
Würd' er den Todesschlag gleich auf euch führen,
Und in der Jugendblüthe stürbet ihr.
Doch, weiht ihr euch in keuscher Liebe mir,
Wird er sich euch wie mir in Liebe neigen
Und seine Freud' und Herrlichkeit euch zeigen.«

Und Valerian, gefaßt nach Gottes Rath, [15,630]
Antwortet ihr darauf: »Soll ich dir trauen,
So muß ich, ob ein Engel in der That
Es ist, erst selber sehn. Laß mich ihn schauen,
Dann kannst auf meine Folgsamkeit du bauen.
Doch, ist's ein andrer Mann, bei meinem Eide,
Mit diesem Schwert erschlag' ich dann euch beide.«

Worauf sofort Cäcilia begann:
»Wenn ihr es wünscht, sollt ihr den Engel sehen,
Glaubt ihr an Christ und nehmt die Tauf' ihr an.
Ihr mögt hinaus zur Via Appia gehen, [15,640]
Drei Meilen weit nur, wo die Hütten stehen
Der armen Leute. Sprecht zu ihnen dort,
Was ich euch sagen werde, Wort für Wort.

Sagt ihnen: Ich, Cäcilia, gebot
Zum alten Urban euch zu gehn, dem Frommen,
Zu gutem Zweck in Sachen höchster Noth;
Und wenn zum heil'gen Urban ihr gekommen,
Sagt Alles ihm, was ihr von mir vernommen,
Dann wird, hat er gereinigt euch von Sünden,
Der Engel, eh' ihr geht, sich euch verkünden.« [15,650]

Valerian begab sich an den Ort,
Und ganz wie sie ihm den Bericht ertheilte,
Fand er den alten frommen Urban dort,
Der im Versteck der Heil'gengräber weilte.
Worauf er mit der Botschaft sich beeilte.
Und Urban, als er Alles ihm entdeckt,
Hat freudig hoch die Arm' emporgestreckt.

Und Thränen ließ er seinem Aug' entfallen:
»Allmächt'ger Gott, du sätest keuschen Rath,
O Jesus Christ, du treuer Hirt, uns Allen! [15,660]
Nimm jetzt die Frucht von jener Keuschheitssaat,
Die in Cäcilien gereift zur That;
Denn schuldlos müht sie gleich den fleiß'gen Bienen
Sich stets, dir als leibeigne Magd zu dienen.

Sie schickt den Gatten, den sie jüngst erst nahm:
Kaum eines Leuen Grimm war je so heiß;
Und wie ein Mutterlamm ist jetzt er zahm.«
Und bei dem Worte, sieh, erschien ein Greis,
Gekleidet in Gewändern klar und weiß,
Ein Buch mit goldnen Lettern in der Hand, [15,670]
Der hat sich zu Valerian gewandt.

Valerian, als er ihn sahe, schlug
Vor Schreck wie todt zu Boden; aber Er
Hob ihn empor und las so aus dem Buch:
» Ein Herr, Ein Glaub'! Ein Gott und keiner mehr,
Ein Christenthum, Ein Vater ringsumher
Von Allen, über Alle, aller Orte.«
Mit Gold geschrieben waren diese Worte.

Als er gelesen, sprach der alte Mann:
»Glaubst du dies Alles? Sprich, Ja oder Nein?« [15,680]
»Ich glaube alles dies«, sprach Valerian.
»Denn etwas Wahreres, bild' ich mir ein,
Möcht' unterm Himmel nicht zu denken sein.«
Der Greis verschwand, wie Jener sprach das Wort.
Ihn aber taufte Papst Urban sofort.

Und Valerian ging heim und sah Cäcilien,
Wie im Gemach bei ihr ein Engel stand.
Der Engel hielt von Rosen und von Lilien
Gewebt zwei blühnde Kränze in der Hand.
Erst gab er, zu Cäcilien gewandt, [15,690]
Den einen ihr; den anderen alsdann
Gab er dem Valerianus, ihrem Mann.

»Nehmt reinen Sinns und keuschen Leibs in Acht«,
Sprach er, »die beiden Kränze hier für immer,
Die aus dem Paradies ich euch gebracht!
Glaubt mir, niemals verwelkt ihr holder Schimmer.
Es weicht der süße Duft von ihnen nimmer,
Da doch kein Mensch sie je mit Augen sieht,
Wenn er nicht keusch ist und das Laster flieht.«

»Du, Valerian, der du, so bald belehrt, [15,700]
Dem guten Rath dich wolltest unterziehn,
Sag', was du willst: Dein Wunsch wird dir gewährt.«
Er sprach: »Es ward ein Bruder mir verliehn;
Ich liebe Niemand auf der Welt wie ihn.
So werde meinem Bruder denn die Gnade,
Gleich mir zu wandeln auf der Wahrheit Pfade.«

Der Engel sprach: »Gott billigt deine Bitte.
Mit Märthyrpalmen sollt zum Sitz der Frommen,
Zur sel'gen Ruh ihr wenden eure Schritte.«
Und sieh, da war Tiburtius gekommen, [15,710]
Sein Bruder, und wie er den Duft vernommen,
Der von der Rosen und der Lilien Blüthe
Ausging, da staunt' er höchlich im Gemüthe

Und sprach: »Ich wundre mich, woher der Duft
Um diese Jahreszeit doch möge rühren
Von Ros' und Lilie, der hier füllt die Luft.
Denn, möcht' ich mit den Händen sie berühren,
Ich könnte ihren Duft nicht stärker spüren.
Der Wohlgeruch, der mir das Herz durchfacht,
Er hat ein neu Geschöpf aus mir gemacht.« [15,720]

Sein Bruder sprach: »Es wurden uns zwei Kränze
Schneeweiß und rosenroth; zwar nicht zu sehn
Für deinen Blick, wie klar ihr Licht auch glänze.
Doch wie den Duft du wahrnimmst auf mein Flehn,
So wird es, theurer Bruder, auch geschehn,
Daß du sie siehst, willst du die Trägheit hassen
Und dich zum wahren Glauben führen lassen.«

Tiburtius sagte: »Sprichst du dies zu mir
In Wahrheit? Oder ist es Traum und Schein?«
Valerian versetzt: »Wohl lebten wir [15,730]
Gewiß bis jetzt in Träumen, Bruder mein.
Doch jetzo gehn wir zu der Wahrheit ein.«
Tiburtius sprach: »Wie magst du das bewähren?«
Sein Bruder drauf: »Ich werd' es dir erklären.

Der Engel Gottes ließ der Wahrheit Geist
Mich sehn, den du auch siehst, wenn du entsagen
Den Götzen willst und dich der Keuschheit weihst.«
Ambrosius kann auch von dem Wunder sagen,
Das sich mit den zwei Kränzen zugetragen,
Da dieses edeln Lehrers Vorbericht [15,740]
Es ernstlich preist und also davon spricht:

»Cäcilia, von Gottes Gnad' erhellt,
Verließ, da sie die Märtyrpalm' erreichte,
Ihr bräutliches Gemach zusammt der Welt.
Zeugniß Cäcilia's und Tiburtius' Beichte!
Weshalb sich ihnen Gott in Hulden neigte,
Zwei Kränze ließ aus duft'gen Blumen schlingen
Und sie durch seinen Engel ihnen bringen.

Die Jungfrau führte sie zur Seligkeit.
Wohl ward der ganzen Welt es offenbar, [15,750]
Wie groß der Werth der keuschen Frömmigkeit.
Cäcilia zeigte offen ihm und klar,
Daß alle Götzen jedes Inhalts baar,
Da sie nicht reden können und nicht hören,
Und bat ihn, seine Götzen abzuschwören.«

»Wer dies nicht glaubt«, versetzt Tiburtius,
»Der ist ein Thier, ich kann es nicht verhehlen.«
Da drückt' auf seine Brust sie einen Kuß,
Froh, daß die Wahrheit kund ward seiner Seelen.
»Heut will ich dich mir zum Genossen wählen«, [15,760]
So rief die sel'ge Maid, die Jungfrau hold,
Und sprach, was ihr sofort vernehmen sollt:

»Sieh, grade wie die Liebe Christi mich
Zu deines Bruders Weib hat ausersehen,
So nehm' ich hier auch zum Genossen dich,
Da deine Götzen du jetzt willst verschmähen.
Wenn du mit ihm jetzt wirst zur Taufe gehen,
Um dich zu rein'gen, wird das Engelsbild,
Von dem dein Bruder sprach, auch dir enthüllt.«

Tiburtius sprach: »Mein Bruder werth und gut, [15,770]
Wohin und zu wem führst du mich? Sag an.«
»Zu wem?« sprach der – »Komm, habe guten Muth,
Ich führe dich des Wegs zum Papst Urban.«
»Urban? mein theurer Bruder Valerian« –
Fragt Jener, »führst du mich dahin? Fürwahr,
Dies Unternehmen dünkt mich wunderbar.

Meinst du den Urban, der so oft zum Tod
Verdammt ist, und der, hier und dort versteckt,
Stets in Schlupfwinkeln haust und rings bedroht
Sein Haupt nie aus dem Hinterhalte streckt? [15,780]
Ja, wenn man ihn ausfindet und entdeckt,
Wird man verbrennen ihn in rothen Flammen
Und uns dazu, sind wir mit ihm zusammen.

Und während wir, dem Himmel zugewandt,
Uns mühn um der verborgnen Gottheit Kunde,
Hat man in dieser Welt uns schon verbrannt.«
Da sprach Cäcilia mit kühnem Munde:
»Mein theurer Bruder, ja mit vollem Grunde
Müßte man scheun, dies Dasein aufzugeben,
Gäb' außer diesem es kein andres Leben. [15,790]

Allein es giebt an einem andern Ort
Ein beßres Sein; das raubt dir keine Macht;
Denn Gottes Sohn verhieß es durch sein Wort,
Des Vaters Sohn, der Alles hat gemacht.
Von ihm ist weislich jedes Werk bedacht
Und durch den Geist, der von ihm ausgegangen,
Hat jedes Wesen seine Seel' empfangen.

Durch Wort und Wunder hat er, Gottes Sohn,
Von einem andern Leben uns gelehrt,
Darin wir wohnen einst, wenn dies entflohn.« [15,800]
Da sprach Tiburtius: »O Schwester werth,
Hast du nicht eben erst mit Recht erklärt,
In Wahrheit sei Ein Gott und Herr allein;
Wie kannst du Zeugniß geben jetzt von drei'n?«

»Dies sei, bevor ich geh', euch noch bekannt.
Wie eines Menschen Geist ist der Verein
Von Phantasie, Gedächtniß und Verstand,
So grade schließt der Einen Gottheit Sein
Auch unbedenklich drei Personen ein.«
Und eifrig lehrte sie von Gottes Sohn, [15,810]
Von seiner Sendung, seiner Passion

Und manches Einzelne von seiner Pein;
Wie Gottes Sohn in dieser Welt zum Frommen
Der Menschheit weilte, um sie zu befrein,
Da sie in Noth und Sünden schier verkommen.
Als alles dies Tiburtius vernommen,
Ist er, erfüllt von löblichem Verlangen,
Mit Valerian zum Papst Urban gegangen.

Der dankte Gott und tauft' ihn froh und heiter,
Und macht', als er ihn völlig eingeweiht [15,820]
In alles Wissen, ihn zu Gottes Streiter.
Und später stieg in Gnaden er so weit,
Daß Gottes Engel er in Raum und Zeit
Tagtäglich sah, und jedes andre Heil
Auf sein Gebet sogleich ihm ward zu Theil.

Es wäre schwer, der Reihe nach zu sagen,
Wie viel der Wunder Christ für sie erweckt,
Bis – kurz zu reden – es sich zugetragen,
Daß sie die Schergen der Stadt Rom entdeckt,
Worauf sie dann Almachius, der Präfekt, [15,830]
Verhörte, ihre Sinnesart erkannte
Und zu dem Bilde Jupiters sie sandte.

Und sprach: »Dies ist mein Urtheil und Beschluß:
Das Haupt ab Dem, der bringt kein Opfer dar!«
Worauf die Märtyrer dem Maximus
Er übergab, der ein Beamter war
Bei dem Präfekten – sein Cornicular –
Und den sein Mitgefühl zu Thränen rührte,
Als er die Heiligen von dannen führte.

Als Maximus der Heiligen Wort vernommen, [15,840]
Ließ er sie von den Folterknechten frei
Und bat sie, mit ihm in sein Haus zu kommen,
Wo sie durch Predigt, eh' der Tag vorbei,
Die Henker von der Götzendienerei
Und Maximus und all sein Haus bekehrten,
Daß sie fortan nur Gott allein verehrten.

Cäcilia kam, sobald es wurde Nacht,
Mit Priestern, und als Jedermann von ihnen
Getauft war und der neue Tag erwacht,
Da sprach Cäcilia mit festen Mienen: [15,850]
»Geliebte, Theure, da ihr Christ zu dienen
Bereit seid, thut des Lichtes Waffen an,
Entsagt dem Werk der Finsterniß fortan.

Ihr habt, traun, eine große Schlacht geschlagen,
Den Lauf vollbracht, gehalten euern Eid;
Geht hin, ihr sollt des Lebens Krone tragen,
Die der gerechte Richter euch verleiht
Für euern Dienst nach eurer Würdigkeit.«
Und als Cäcilia gesagt dies Wort,
Da brachte man das Paar zum Opfer fort. [15,860]

Doch als man zu dem Platze sie geführt,
Hat ihrer keiner – um mich kurz zu fassen –
Das Opfer oder Rauchwerk angerührt.
Nachdem sie nieder sich aufs Knie gelassen,
Inbrünstig ernst und demuthsvoll gelassen,
Da hat das Haupt man ihnen abgeschlagen.
Zum Herrn der Gnaden ist ihr Geist getragen.

Und Maximus, der hiebei Zeuge war,
Hat unter heißen Thränen drauf erklärt,
Wie im Geleit von Engeln licht und klar [15,870]
Sich ihre Seele himmelwärts gekehrt.
Und Viele wurden durch sein Wort bekehrt.
Almachius geißelt' ihn dafür zum Lohn
Mit bleirner Peitsche, bis sein Geist entflohn.

Cäcilia nahm ihn und begrub ihn gleich
Still bei Tiburz und ihrem Ehgemahl
Unter dem Stein in ihrer Gruft Bereich.
Drauf der Präfekt den Schergen allzumal
Sie öffentlich zu greifen anbefahl.
Sie sollte Jupitern vor seinen Blicken [15,880]
Mit Weihrauch nahn und Opfer ihm beschicken.

Die Schergen, fast schon durch ihr weises Wort
Bekehrt, begannen bitterlich zu weinen
Und glaubten ihr und schrieen fort und fort:
»Christ, Gottes Sohn, ist völlig gleich dem einen,
Dem wahren Gott; dies ist es, was wir meinen.
Ihm steht solch treuer Diener zu Gebot:
So glauben wir, und brächt' es uns den Tod.«

Almachius, der davon hörte sagen,
Entbot Cäcilien sogleich vor sich; [15,890]
Und er begann zuerst sie so zu fragen:
»Was für ein Weib bist du? Erkläre dich.«
Sie sprach: »Patricischen Geschlechts bin ich.«
»Ich frage dich (ist es dir unlieb schon)
Nach deinem Glauben, deiner Religion.«

»Was stellt so thöricht ihr die Frage dann,
Daß schon zwei Antworten darinnen lagen?«
Sprach sie, »ihr fragt wie ein gemeiner Mann.«
Drauf er in gleichem Ton: »Dann muß ich fragen:
Wer hieß dich solche grobe Antwort sagen?« [15,900]
»Wer es mich hieß?« versetzte sie aufs neue:
»Mein gut Gewissen, meine Glaubenstreue.«

Almachius sprach: »Und hast du gar nicht Acht
Meiner Gewalt?« – Und sie versetzt geschwind:
»Sehr wenig furchtbar dünkt mich eure Macht.
Denn was an Macht besitzt ein Menschenkind,
Ist nichts als eine Blase voller Wind.
Wenn man sie nur mit einer Nadel sticht,
Macht leichtlich all ihr Prahlen man zu nicht.«

»Von Anfang an gingst du auf bösem Pfade [15,910]
Und zeigst im Bösen nur Beharrlichkeit«,
Sprach er, »denn unsrer mächt'gen Fürsten Gnade
Gab den Befehl und bindenden Bescheid,
Daß jeder Christ dem Tode sei geweiht,
Wenn er dem Christenthum nicht will entsagen;
Doch thut er's, soll er keine Strafe tragen.«

»Die Fürsten irren, wie der Großen Schaar«,
Versetzt Cäcilia, »und mit Unverstand
Sprecht ihr uns schuldig, da es doch nicht wahr.
Wenn schon euch unsre Unschuld wohl bekannt, [15,920]
Wagt ihr – bloß weil wir, Christo zugewandt,
In Ehrfurcht selbst den Christennamen tragen,
Der Schuld und Missethat uns anzuklagen.

Da wir als tugendvoll erkannt einmal
Den Namen, wolln wir nie uns sein entschlagen.«
Almachius sprach: »Du hast von Zwein die Wahl:
Zu opfern oder Christo abzusagen.
Der Weg allein kann dich zur Rettung tragen.«
Worauf die segensvolle, reine Maid
Dem Richter lächelnd also gab Bescheid: [15,930]

»O Richter, wie kann dich der Wahn bethören?
Zwängst du mich zum Vergehn so selber nicht?
Zwängst du mich nicht, der Unschuld abzuschwören?
Seht, er verstellt sich hier vor dem Gericht.
Er stiert ergrimmt mit wildem Angesicht.«
Almachius sprach: »Und hast du nicht bedacht,
Unselige, wie weit reicht meine Macht?

Hat unsrer hohen Fürsten Machtgebot
Mir nicht das Recht und die Gewalt gegeben,
Zu richten über Leben oder Tod? [15,940]
Wie magst du gegen mich dich stolz erheben?«
»Fest hab' ich meine Antwort dir gegeben,
Nicht stolz«, sprach sie; »fürwahr, ich sage dir,
Des Stolzes Laster hassen tödtlich wir.

Scheust du in Wahrheit nicht, Gehör zu geben,
Dann laß dir öffentlich von mir jetzt sagen:
Du hast gar sehr gelogen hier so eben.
Du sagst, daß dir die Macht sei übertragen,
Vom Tod zu retten oder zu erschlagen,
Wen du nur willst, da du allein den Tod, [15,950]
Sonst nichts, verhängen kannst durch dein Gebot.

Drum sage, daß die Fürsten dich bestallt
Zum Todesboten; jedes weitre Wort
Ist Lüge. Nackt ist deine Amtsgewalt.«
Und er: »Die Frechheit ist hier nicht am Ort.
Den Göttern opfre jetzt und dann geh' fort.
Mich kümmert nicht, was du mir selbst giebst Schuld;
Als Philosoph ertrag' ich's mit Geduld.

Doch duld' ich nicht, daß im Geringsten nur
Du unsre Götter schmähst, ganz ohne Grund.« [15,960]
Cäcilia sprach: »Bethörte Kreatur,
Es kam bis jetzt kein Wort aus deinem Mund,
Das mir nicht machte deine Thorheit kund,
Das deine Schwäche nicht in jeder Art
Als Richter und Beamter offenbart.

An deinen äußern Augen bist du blind;
Denn was wir allesammt sofort erkannt
Als Stein, wenn wir gesund bei Augen sind,
Ein solcher Stein wird von dir Gott genannt.
Ich rathe dir: Leg' nur darauf die Hand; [15,970]
Fühl' ihn; es ist ein Stein, da deine Augen
Geblendet sind und nicht zum Sehen taugen.

Ist es nicht schmählich, daß im ganzen Land
Das Volk dich höhnt und deiner Dummheit lacht?
Denn dem gemeinsten Mann ist es bekannt,
Daß hoch im Himmel thronet Gottes Macht.
Nun aber hab' auf solch ein Bildniß Acht,
Ob dir es, ob sich selbst es Nutzen schafft.
Nicht eines Hellers werth ist seine Kraft.«

Sie sagte dies und manches andre Wort, [15,980]
Worauf er zornig wurde und gebot,
Sie heimzuführen und zu Haus sofort
Im Bad durch glühnde Flammen ihr den Tod
Zu geben. Man vollbrachte sein Gebot.
Man schloß das Bad, als sie hineingebracht,
Und legte Feuer unter Tag und Nacht.

Die lange Nacht und auch den nächsten Tag
Saß sie, von Glut und heißer Wog' umflossen,
Ganz kalt, und fühlte gar kein Ungemach.
Nicht einen Tropfen Schweiß hat sie vergossen; [15,990]
Und doch hat sie ihr Leben dort beschlossen,
Da ihr Almachius, von Tück' entbrannt,
Noch einen Mörder in das Bad gesandt.

Drei Hiebe brachte ihr der Henker bei
In ihrem Hals, doch konnt' er's nicht erlangen,
Daß er den Wirbel völlig schlug entzwei.
Und da zur Zeit war ein Befehl ergangen,
Niemanden, wenn den Tod er sollt' empfangen,
Zum viertenmal, leis' oder stark zu schlagen,
Wollt' auch der Henker es nicht weiter wagen. [16,000]

Er ging des Wegs und hat halb todt sie dort
Und mit zerschnittnem Halse liegen lassen.
Die Christen um sie waren fort und fort
Bemüht, das Blut in Tüchern aufzufassen.
Sie konnt' indeß es nimmer unterlassen,
An den drei Tagen, da die Qual noch währte,
Zu predigen den Glauben, den sie nährte.

Gab ihnen ihre Hab' und ihr Geräth,
Hieß sie mit ihr zu Urban sich begeben,
Und sprach: »Zum Himmelsherrn hab' ich gefleht, [16,010]
Nur noch drei Tage Aufschub mir zu geben,
Um diese Seelen euch bei meinem Leben
Anzuvertraun, und daß auf ew'ge Zeit
Mein Haus zur Kirche Gottes sei geweiht.«

Urban und seine Diakonen haben
Die Leiche still im nächtlichen Geleit
In Ehren bei den Heiligen begraben.
Cäcilienkirche heißt bis diese Zeit
Ihr Haus; St. Urban hat es selbst geweiht.
Drin dient man Gott noch heut in edler Weise [16,020]
Zu Christi und zu seiner Heil'gen Preise.

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