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Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 22
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
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Die Erzählung des Mönches.

Prolog.

Als man von Meliböus und der frommen
Prudentia der Erzählung Schluß vernommen,
Sprach unser Wirth: »So wahr ein Ehemann
Ich bin, beim heil'gen Leib des Madrian,
Gleich gäb' ich ein Faß Bier, wenn bei der Märe
Mein liebes Weibchen hier gewesen wäre. [13,900]
Sie hat kein Fünkchen der Geduld im Leibe
Von der Prudentia, Meliböus' Weibe.

Bei Gott, schlag' ich die Knechte dann und wann,
Schleppt große Knotenstöcke sie heran
Und schreit: »Schlag auf die Hunde tüchtig drein;
Schlag zu, und brächst du Allen Hals und Bein.«
Wenn in der Kirche sich ein Nachbar zeigt,
Und sich vor meinem Weibe nicht verneigt;
– Ist er so keck gar, und geht ihr voraus,
Fährt ins Gesicht sie mir, kommt sie nach Haus, [13,910]
Und schreit: »Räche dein Weib, du Eisenfresser.
Beim Corpus Domini gieb mir dein Messer.
Nimm meine Kunkel dir und gehe spinnen.«
So wird von früh bis Abend sie beginnen.

»Ach«, sagt sie, »daß ich jemals ward geschaffen,
Solch Milchgesicht zu frein, solch feigen Affen,
Den über'n Haufen wirft ein jeder Wicht
Und der nicht seines Weibes Recht verficht.«
So leb' ich. Will ich nicht zum Kampf mich schicken,
Muß ich umher mich außer'm Hause drücken, [13,920]
Sonst geht's mir schlecht, da ich mich stets wie toll
Gleich einem wilden Bären raufen soll.

Sie bringt mich noch einmal zu einem Mord
Am Nachbarsmann und treibt mich aus dem Ort.
Ich bin sehr schlimm, wenn mir ein Dolch zur Hand;
Leist' ich ihr selbst gleich niemals Widerstand.
Sie hat zwei stämm'ge Arme in der That,
Wie Jeder weiß, der ihr zu nahe trat.
Doch sprechen wir von diesem Stoff nicht weiter.
Herr Mönch«, so fuhr er fort, »so seid doch heiter! [13,930]
Ihr kommt jetzt mit Erzählen an die Reih'.
Seht Rochester! Wir sind ganz nah dabei.
Rückt her, mein Herr, verderbt uns nicht das Spiel.
Verzeiht, daß euer Name mir entfiel.
Wie soll ich, Herr, euch nennen? Dan Johann
Oder Dan Thomas? Oder Dan Alban?
Und wie ist eures Vaters Haus genannt?
Wahrhaftig, deine Haut ist schön im Stand;
Die Weide ist vortrefflich, die dich speist.
Du scheinst kein Büßer, kein gequälter Geist. [13,940]
Ich wette, daß du ein Beamter bist,
Ein Kellermeister oder Herr Sigrist.
Bei meines Vaters Geist, du siehst mir aus,
Als wärest du ein großer Herr zu Haus,
Nicht ein Noviz noch armer Klosterbruder.
Klug und gewandt führst du daheim das Ruder.
Dazu bist du im Aeußern – frei gesprochen –
Gut ausstaffiert mit Muskeln und mit Knochen.
Ich wollte, daß Gott den zu Schanden machte,
Der in die Geistlichkeit zuerst dich brachte. [13,950]
Du wärst ein Haupt-Trethahn unzweifelhaft,
Hättst du die Lust nur, wie du hast die Kraft,
Der Population dich zu ergeben:
Schon manches Wesen dankte dir sein Leben.
Ach, daß du mußt den weiten Chorrock tragen!
Wär' ich nur Papst, so sollte Gott mich plagen,
Gäb' ich nicht Jedermann, der Kräfte hat
Wie du, wär' auch sein Schädel noch so glatt,
Ein Weib; sonst wird die Welt ganz ruinirt.
Die kernigsten Zuchthengste requirirt [13,960]
Die Geistlichkeit. Wir sind ein Knirpsgeschmeiß.
Ein schwacher Baum giebt nur ein schwaches Reis.
Dies macht die Söhne uns so dünn und schwach,
Daß sie nicht taugen zum Bevölkrungsfach,
Und unsre Weiber haben mit den Pfaffen,
Die besser als wir zahlen, gern zu schaffen.
Sie sind in Venus' Reich die besten Zahler.
Ihr haltet euch nicht Luxemburger Thaler.
Doch, edler Herr, wollt meinen Spaß verzeihn,
Gar oft steckt Wahrheit unter Schäkerein.« [13,970]

Der würd'ge Mönch nahm Alles ruhig hin
Und sprach: »Es soll, so weit der Anstandssinn
Es mir erlaubt, gewiß an mir nicht fehlen,
Einmal, auch zwei- und dreimal zu erzählen.
Ich werde euch des heil'gen Edward Leben
Beschreiben, wollt ihr nur Gehör mir geben,
Oder zuerst Tragödien von der Art,
Davon zu Haus wohl hundert ich bewahrt.

Tragödien sind eine Art Geschichten,
So wie die alten Bücher uns berichten, [13,980]
Von Einem; der, erhöht zu großem Glück,
Nachmals herabgestürzt in Mißgeschick,
Und durch schmachvollen Tod es mußte büßen.
Sie sind zumeist in Versen von sechs Füßen
Geschrieben, die Hexameter man nennt –;
Wiewohl man manche auch in Prosa kennt,
So wie in Versen von verschiedner Währung.
Mag dies für jetzt genügen zur Erklärung.

Wenn's euch gefällig ist, mögt euer Ohr
Ihr jetzt mir leihn; doch bitt' ich euch zuvor, [13,990]
Wenn Päpste, Kön'ge, Kaiser ich beschreibe
Und nicht genau so in der Reihe bleibe
Nach ihrer Zeit, wie's in den Büchern steht,
Wenn jenen ich zu früh und den zu spät
Erwähne, fällt es grade mir so ein,
So wollt mir die Unwissenheit verzeihn.«

Die Erzählung des Mönches.

In der Tragödie Art will ich euch klagen
Den Schaden derer, die aus hohem Glück
Gestürzt, so daß kein Mittel angeschlagen,
Um sie zu retten aus dem Mißgeschick. [14,000]
Denn wendet erst Fortuna ihren Blick
Zur Flucht, ist für ihr Rad im Lauf kein Halt.
Drum traue Niemand je dem blinden Glück.
Glaubt den Exempeln; sie sind wahr und alt.

Lucifer.

Mit Lucifer, wiewohl kein Mensch er war,
Vielmehr ein Engel, werd' ich hier beginnen.
Das Glück beschädigt keinen Engel zwar;
Doch fiel von hohem Stand für frevles Sinnen
Er in die Hölle; noch ist er darinnen.
O Lucifer, du glänzendster von allen, [14,010]
Bist jetzt der Satan, und kannst nicht entrinnen
Dem Elend, dem du einmal bist verfallen.

Adam.

Sieh Adam, der von Gottes eigner Hand
Sündlos erschaffen in Damascus' Feld
Durch Manneszeugung unbefleckt erstand!
Ganz Eden war in seine Hand gestellt
Außer dem Baum. Kein Mensch stand in der Welt
So hoch wie er, bis er für seine Sünden
Von seines Glückes Höhe ward gefällt
Zu Müh' und Qual bis zu der Hölle Schlünden. [14,020]

Simson.

Sieh, Simson, den, bevor er ward geboren,
Ein Engel schon verkündigt lange Zeit;
Dem ew'gen Gott war er zum Dienst erkoren.
So lang' er sah, stand er in Herrlichkeit
Und Ehren, daß ihm Niemand weit und breit
An Kraft des Leibes und an Kühnheit glich,
Bis er den Weibern seine Heimlichkeit
Erzählt und sich ermordet jämmerlich.

Simson, der edle Held voll Muth und Macht,
Hat ohne Waffen, nur mit seiner Hand [14,030]
Zerrissen jenen Leu'n und umgebracht,
Den bei der Brautfahrt er am Wege fand.
Sein falsches Weib, das schmeichelnd ihm entwand
All seine Pläne, macht, die ungetreue,
Den Feinden Alles, was sie weiß, bekannt;
Verläßt den Mann und freit sofort aufs neue.

Dreihundert Füchse fing er in der Wuth,
Die mit den Schweifen er zusammenband;
Und all die Schweife setzt' er dann in Glut;
An jeden Fuchsschweif schnürt er einen Brand. [14,040]
So haben alles Korn im ganzen Land
Und Wein- und Oelberg sie mit Brand verheert.
Auch schlug er tausend Mann mit seiner Hand:
Ein Eselskinnenbacken war sein Schwert.

Und als sie todt nun, dürstete den Armen
So sehr, daß mit Gebet in Gott er drang,
Er möchte seiner Qualen sich erbarmen;
Er stürbe, schickte Gott ihm keinen Trank.
Und aus dem trocknen Eselsbacken sprang
– Aus einem Zahn – ein Quell auf sein Gebet. [14,050]
So half ihm Gott, daß er zur Gnüge trank.
Ich meld' es, wie's im Buch der Richter steht.

Auch ließ er einst vor Gaza sich bei Nacht
Durch die Philister nicht in Schrecken jagen.
Er hob des Stadtthors Flügel aus mit Macht
Und hat sie hoch auf einen Berg getragen,
Damit sie Jedermann dort sähe ragen.
Wenn du, o Simson, theurer, edler Held,
Nicht dein Geheimniß Weibern wolltest sagen,
Du hätt'st nicht Deinesgleichen in der Welt. [14,060]

Es trank der Simson Cider nicht noch Wein
Und mußt' auf göttliches Geheiß sich wahren,
Sein Haupt durch Scheer' und Messer zu entweihn.
Denn alle seine Kraft war in den Haaren.
So übt' er denn im Lauf von zwanzig Jahren
In Israel das höchste Richteramt.
Doch bald hat unter Thränen er erfahren,
Daß sein Verderben ihm von Fraun entstammt.

Der Delila, der er vor allen hold,
Sagt' er, es läge seine Kraft im Haar. [14,070]
Dem Feind verrieth sie ihn um schnöden Sold.
Als er im Schooß ihr einst entschlafen war,
Schor sie das Haar ihm aller Locken baar
Und ließ die Feinde seine Schliche wissen,
Die, als sie ihn entdeckt, ihn, wie er war,
Festbanden und die Augen ihm entrissen.

Doch eh sein Haar geschoren und beschnitten,
War keine Fessel, die den Helden band.
Jetzt hat er in der Höhle Haft gelitten,
Und eine Mühle dreht' er mit der Hand. [14,080]
O edler Simson, Richter einst im Land,
In Ehr' und Reichthum stärkster du von Allen,
Jetzt fülle deiner blinden Augen Rand
Mit Thränen – so vom Glück in Schmach gefallen.

Und also hat der Jammermann geendet:
Die Feinde hatten einst ein Fest gemacht
Und zum Schalksnarren ihn dabei verwendet:
Es war in einem Tempel voller Pracht.
Doch hat er es zum bösen Schluß gebracht.
Zwei Säulen packt' er an und ließ sie fallen, [14,090]
Daß Tempel, Menschen, Alles niederkracht'
Und ihn erschlug sammt seinen Feinden allen.

Das heißt, die Fürsten alle, groß und klein.
Dreitausend Menschen wurden dort erschlagen
Beim Sturz des großen Tempelbaus von Stein.
Von Simson will ich euch nichts weiter sagen.
Warn' euch dies Beispiel denn aus alten Tagen,
Daß Niemand je verrathe seinem Weib,
Was als Geheimniß er will bei sich tragen,
Wenn es dabei um Leben geht und Leib. [14,100]

Hercules.

Von Hercules lobsingen weit und breit
Die eignen Thaten hohen Siegesmuth.
Er war der Mannheit Blume seiner Zeit;
Er nahm die Haut der wilden Löwenbrut,
Er dämpfte der Centauren Uebermuth,
Schlug der Harpyien ekeln Schwarm zu Grund,
Raubte die Aepfel aus des Drachen Hut
Und holte Cerberus, den Höllenhund.

Er warf den grausamen Busiris nieder,
Den dann sein eignes Roß fraß – Fleisch und Bein –, [14,110]
Erschlug die gift'ge feuerspeinde Hyder
Und brach ein Horn dem Achelous ein.
Den Cacus hat im klüftigen Gestein,
Den riesigen Antäus er erschlagen,
Mit einem Stoß erlegt das wilde Schwein
Und auf dem Hals den Himmel lang' getragen.

Seit der Weltschöpfung war noch nie ein Held,
Der so viel Ungeheuer überwand.
Mit seiner Kraft ward durch die weite Welt
Auch seine Tugend stets mit Ruhm genannt. [14,120]
Er sah auf seinen Zügen jeglich Land.
Es hielt ihn Niemand; er war gar zu stark.
An der Welt Enden setzt' an jedem Strand
Er einen Pfeiler als Trophä' und Mark.

Doch die Geliebte dieses edeln Helden,
Die Dejanira hieß, frisch wie der Mai,
Sie sandt' ihm, wie uns die Gelehrten melden,
Ein neues Hemd von Farben mancherlei.
Weh, dieses Hemd (ich rufe Weh dabei)
Es war vom feinsten Gifte ganz durchgohren; [14,130]
Er trug's, und eh' ein halber Tag vorbei,
War von den Gliedern ihm das Fleisch geschworen.

Doch hat, wie Viele zur Entschuld'gung sagen,
Das Hemd ein Mann gemacht, Nessus genannt.
Sei's wie es sei; ich will sie nicht verklagen;
Doch nahm er nackend um sich das Gewand,
Bis ihm das Gift sein Fleisch ganz schwarz gebrannt.
Kein Mittel konnte ihm das Unheil wenden.
Auf glühnden Kohlen hat er sich verbrannt,
Weil es ihm schmachvoll schien, durch Gift zu enden. [14,140]

Also starb Hercules, der werthe Held.
Wer traut noch länger auf des Glückes Macht?
Denn Der, dem im Gedränge folgt die Welt,
Stürzt oft am tiefsten, eh' er sich's gedacht.
Wer sich erkennt, ist weise. Habet Acht.
Denn tritt Fortuna euch mit Schmeicheln nah,
Ist sie auf ihres Mannes Sturz bedacht,
So wie er's sich am wenigsten versah.

Nebukadnezar.

Nebukadnezars Herrscherthron und Macht,
Das Scepter, das er ruhmreich hat geschwungen, [14,150]
Den reichen Schatz, die königliche Macht
Sie schildern würdig keine Menschenzungen.
Zweimal hat er Jerusalem bezwungen;
Des Tempels Goldgeschirr führt' er davon.
Und er empfing der Völker Huldigungen
In seinem Königssitz zu Babylon.

Verschneiden ließ von fürstlichem Geschlecht
Die schönsten Knaben er in Israel,
Und jeglicher von ihnen ward sein Knecht.
Da unter andern war auch Daniel. [14,160]
Der war fürwahr der weiseste Gesell;
Dem König wußt' er jeden Traum zu künden,
Da der Chaldäer keiner doch so hell
Die Zukunft sah, die Deutung zu ergründen.

Ein Goldbild ließ der stolze Fürst errichten,
Das sechzig Ellen hoch und sieben breit,
Und Jung und Alt vor diesem Bild verpflichten,
Niederzuknien voll Unterwürfigkeit.
Ein flammensprühnder Ofen stand bereit,
Zum Tod für Jeden, der sich widersetze. [14,170]
Doch Daniel fügte sich zu keiner Zeit
Noch seine zwei Gespielen dem Gesetze.

Der Kön'ge König war so aufgebläht
Von Stolz: er glaubte sicher schon zu sein
In seinem Reich vor Gottes Majestät.
Doch Plötzlich büßt' er seine Hoheit ein.
Er schien sich selbst ein wildes Thier zu sein,
Fraß wie ein Ochse Heu, trieb mit dem Wild
Im Regen sich umher und schlief im Frein,
Bis seine Zeit am Ende war erfüllt. [14,180]

Die Nägel wuchsen ihm wie Vogelkrallen,
Und Adlerfedern gleich wuchs ihm das Haar,
Bis es, ihn zu erlösen, Gott gefallen,
Und er Vernunft ihm gab nach manchem Jahr.
Er dankte Gott und war nun immerdar
Bedacht, nicht mehr zu sünd'gen und zu schaden;
Und bis er lag auf seiner Todtenbahr
Wußt' er, daß mächtig Gott sei und voll Gnaden.

Belsazar.

Sein Sohn – er hieß mit Namen Belsazar –
Erhielt das Reich nach seines Vaters Tagen, [14,190]
Und trotz des Vaters hartem Schicksal war
Er stolz in seinem Herzen und Betragen;
Hat zu den Götzendienern sich geschlagen,
Und trotzt' im Uebermuth auf seinen Stand,
Bis das Geschick zu Boden ihn geschlagen
Und plötzlich ihm entrissen ward sein Land.

Er gab des Reiches Großen einst ein Mahl;
Hieß sie voll Frohsinn sein und Munterkeit,
Und seinen Dienern rief er in dem Saal:
Geht, haltet die Gefäße mir bereit, [14,200]
Die wir zu meines Vaters guter Zeit
Dem Tempel zu Jerusalem entwendet.
Sei unsern hohen Göttern Dank geweiht
Für das, was unsern Ahnen sie gespendet!

Die Herrn, sein Weib und seine Concubinen,
Sie ließen sich mit Weinen allerhand
Aus diesem heiligen Geschirr bedienen.
Da fiel des Königs Blick auf eine Wand
Und sah – wie ohne Arm dort eine Hand
Rasch schrieb – Er bebt' entsetzt und seufzte schwer. [14,210]
Die Hand, die ihn mit Schrecken übermannt,
Schrieb: Mene Tekel upharsin – nichts mehr.

Kein Magier im ganzen Land ergründet,
Was diese räthselhafte Schrift bedeute.
Doch Daniel hat es ihm sogleich verkündet:
»O Herr, mit Schätzen, Ehr' und Ruhm erfreute
Gott deinen Vater, gab ihm Land und Leute;
Doch er erhub stolz gegen Gott sein Haupt.
Dem Elend gab ihn Gott deshalb zur Beute,
Und hat ihn seines Königthums beraubt. [14,220]

Verstoßen aus dem menschlichen Verein,
Hatt' er bei Eseln seinen Aufenthalt,
Fraß Heu im Regen und im Sonnenschein,
Bis durch Vernunft und Gnad' er die Gewalt
Des Herrn erkannt, der, was auf Erden wallt,
Ein jeglich Reich und Wesen schirmt und lenkt.
Da hat ihm Gott die frühere Gestalt
Und Herrschaft gnadenvoll zurückgeschenkt.

Auch du, sein Sohn, dem all dies wohl bekannt,
Bist dennoch stolz und willst dich widersetzen [14,230]
Als Feind und Meuter gegen Gottes Hand.
Du willst dich frech aus Seinem Becher letzen!
Es tranken auch dein Weib und deine Metzen
In Sünden aus denselben Bechern Wein
Und ehrten ruchlos deine falschen Götzen:
Darum harrt deiner große Qual und Pein.

Gott hat die Hand geschickt, die an die Wand
Schrieb: Mene tekel – glaub' den Worten mein.
Dein Reich ist aus; du bist zu leicht erkannt.
Bald wird dein Land in andern Händen sein. [14,240]
Meder und Perser theilen sich darein.« –
Der König ward in dieser Nacht erwürgt;
Darius trat in seine Stelle ein,
Wenn gleich sein Anspruch durch kein Recht verbürgt.

Ein Jeder nehme dran ein Beispiel sich,
Wie nie die Herrschaft sicher sich erweist,
Da, läßt das Glück den Menschen erst im Stich,
Es Reichthum ihm und Herrlichkeit zumeist
Und seine Freunde groß und klein entreißt.
Denn Freunde, die das Glück uns hat bereitet, [14,250]
Macht Unglück uns zu Feinden, wie es heißt.
Dies Sprüchwort ist so wahr wie weit verbreitet.

Zenobia.

Zenobia, Palmyra's Königin,
(Die Perser preisen ihre Würdigkeit)
War so erfüllt von kriegerischem Sinn,
Daß sie an Muth und Adel weit und breit
Kein Mann erreicht noch andrer Trefflichkeit.
Sie war entstammt aus Persiens Königshaus.
Zwar war sie nicht die schönste ihrer Zeit;
Doch von Gestalt untadelig durchaus. [14,260]

Von Kindheit an floh sie mit wildem Muth
Der Weiber Art, zog zu den Waldgehägen
Und schonte nicht der scheuen Hirsche Blut,
Verstand mit breitem Pfeil sie zu erlegen
Und fing sie selbst – so konnte sie sich regen –
Und später, als sie älter ward, erschlug
Sie Pardel, Leu und Bär, die sie verwegen
Zerriß, auch wohl in ihren Armen trug.

Sie schweifte durchs Gebirg die ganze Nacht
Und wagte in des Raubthiers Kluft zu dringen, [14,270]
Schlief im Gebüsch; mit aller Kraft und Macht
Maß sie mit jedem Jüngling sich im Ringen.
Es konnte sie der stärkste Mann nicht zwingen;
Es frommte gegen sie kein Widerstand.
Nie wollt' ihr Magdthum sie zum Opfer bringen,
Und sie verschmähte jedes Eheband.

Zuletzt hat an den Fürsten Odenat
Auf ihrer Freunde Wunsch sie sich vermählt,
Wiewohl er lang' erst um Erhörung bat.
Zwar ward der Fürst, so wie man uns erzählt, [14,280]
Von gleichen Grillen wie sein Weib gequält;
Doch hat, als sie vereint war mit dem Gatten,
Es ihnen nicht an Freud' und Glück gefehlt,
Da sie einander lieb von Herzen hatten.

Ein einzig Ding mißfiel ihm immerdar.
Sie wollte stets ihm einmal nur gewähren
Ihr Bett, da's ihre feste Absicht war,
Ein Kind zu haben und die Welt zu mehren.
Nur wenn alsdann bestimmte Zeichen wären,
Daß diesmal sie von ihm kein Kind empfangen, [14,290]
Dann fügte sie sich gleich in sein Begehren
Und ließ sich einmal wiederum umfangen.

Doch fühlte sie, daß ihr ein Kind entsprossen,
Dann mußte gleich das Spiel ein Ende nehmen,
Bis volle vierzig Tage erst verflossen;
Dann wollte sie noch einmal sich bequemen,
Und mocht' er toben oder sich bezähmen,
Es half ihm nichts, sie blieb bei ihrem Sinn:
Es müßt' ein Weib der Lüsternheit sich schämen,
Gäbe sie außerdem dem Spiel sich hin. [14,300]

Zwei Söhne, die sie Odenat gebar,
Erzog in Weisheit sie und Ehrbarkeit.
Doch fahr' ich fort, wo ich geblieben war –
So werth der Achtung und Ergebenheit,
So klug, freigiebig, doch voll Sparsamkeit,
Wehrhaft im Krieg und doch von Sitten fein,
So voll ausdauernder Geduld im Streit,
Möcht' auf der Welt kein zweites Wesen sein.

Nicht zu beschreiben war die reiche Pracht,
Die auf Geschirr und Kleider sie verwandt; [14,310]
Von Gold und Edelstein strahlt' ihre Tracht.
Und wenn ihr Herz auch nach dem Waidwerk stand,
War sie mit vielen Sprachen doch bekannt.
Denn wenn sie Muße fand, sich dran zu geben,
Studirte gern sie Bücher allerhand.
Zu lernen draus ein tugendliches Leben.

Doch um zu der Erzählung Schluß zu kommen:
Zu solchem Ansehn haben sie's gebracht,
Daß sie im Orient manche Stadt gewonnen,
Manch großes Reich sich unterthan gemacht, [14,320]
Das bis dahin gehorchte Roma's Macht.
Sie hielten fest zusammen ihren Staat
Und flohen vor dem Feind in keiner Schlacht,
So lang' auf Erden weilte Odenat.

Wer von den Kämpfen mehr begehrt zu lesen,
Wie sie mit König Sapor sich geschlagen,
Wie der Verlauf und was der Grund gewesen,
Daß sie den Krieg in Feindes Land getragen;
Von ihrem Unglück dann in bösen Tagen,
Wie sie belagert wurde und gefangen: [14,330]
Der mag Petrarch's Bericht darüber fragen;
Der schreibt davon so viel man kann verlangen.

Als Odenat gestorben, hielt mit Macht
Die Herrschaft sie und schlug mit eigner Hand
Des Reiches Feind' in mancher blut'gen Schlacht,
So daß kein König war im ganzen Land,
Der sich nicht freute, wenn er Gnade fand,
Daß sie fortan sein Reich nicht mehr verheerte;
Weshalb man friedlich sich mit ihr verband
Und Jagd und Spiel ihr ließ, wie sie begehrte. [14,340]

Nie war der röm'sche Kaiser Claudius
Und Gallien, der vor ihm auf dem Thron
Der Römer saß, so herzhaft von Entschluß,
Noch wagt' Armeniens und Egyptens Sohn,
Noch Araber und Syrer ihr zu drohn,
Und ihr den Kampf im Felde anzutragen.
Sie sahn im Geist von ihrer Hand sich schon
Erlegt, wo nicht von ihrer Schaar erschlagen.

Mit königlichen Kleidern angethan
Als Erben von des Vaters ganzem Land [14,350]
Sah man die beiden Söhne, Herennian
Und Timolas vom Perservolk genannt.
Doch mischt mit Galle stets Fortuna's Hand
Den Honig; auch der mächt'gen Fürstin Glück
War kurz; sie ward aus ihrem Reich verbannt
Und fiel in Elend und in Mißgeschick.

Denn als des Kaisers Aurelianus Händen
Des Römerreichs Verwaltung übertragen.
Beschloß er gleich zur Rache sich zu wenden.
Gegen Zenobia (um es kurz zu sagen) [14,360]
Ließ er sofort sein Heer die Adler tragen,
Schlug sie, gewann ihr Reich, nahm sie gefangen,
Ließ sammt den Söhnen sie in Fesseln schlagen,
Und ist darauf nach Rom zurückgegangen.

Unter der Beute war auch ihr Gespann
Mit Gold und Edelsteinen reich geziert,
Das dieser große Römer Aurelian
Zum Schaugepränge mit sich hat geführt.
Mit goldner Ketten Last den Hals umschnürt
Ist selber im Triumphzug sie gegangen, [14,370]
Gekrönten Hauptes, wie es ihr gebührt,
In Kleidern, die von Edelsteinen prangen.

Weh des Geschicks! Die Schrecken und Entsetzen
Den Königen und Kaisern einst gebracht,
Sie muß des Pöbels Schaulust nun ergetzen!
Sie, die behelmt in mancher scharfen Schlacht
Vesten und Burgen nahm mit Heeresmacht,
Soll jetzt ein Kopfband winden um die Locken;
Und die in Blumen trug des Scepters Pracht,
Ihr Leben dürftig fristen mit dem Rocken! [14,380]

Nero.

Glich Nero einem Teufel auch an Sünden,
Dem schlimmsten in der Hölle tiefstem Ort,
So war doch, wie wir bei Sueton es finden,
Die ganze weite Welt von Süd bis Nord,
Von Ost bis West gehorsam seinem Wort.
Von Sapphirn und Rubinen starrte ganz,
Von weißen Perlen seiner Kleider Bord;
So freut' er sich an der Juwelen Glanz.

Kein Kaiser war begieriger auf Pracht,
Hochmüthiger und üppiger als Er, [14,390]
Ein Kleid, das er an seinen Leib gebracht
Nur einen Tag, trug ferner nie er mehr.
Er hielt manch Netz von goldnen Maschen schwer,
Wollt' er im Tiberstrome Fische fangen.
Gesetz für Jedermann war sein Begehr;
Das Glück erfüllt' ihm jegliches Verlangen.

Rom ließ aus Uebermuth in Brand er setzen,
Erschlug die Senatoren Mann für Mann,
Um sich an ihrem Wehschrei zu ergetzen,
Beschlief die Schwester und erwürgte dann [14,400]
Den Bruder; selbst die Mutter nicht entrann
Dem Graungeschick. Daß er die Stelle sähe,
Die ihn einst trug, schlitzt' ihr der frevle Mann
Den Bauch auf; weh' dem Muttermörder, wehe!

Nicht eine Thräne kam aus seinen Augen.
Er sprach: Sie war ein schönes Weib im Leben.
Ein Wunder, wie er konnt' als Richter taugen
Der todten Schönheit und dabei nicht beben.
Er ließ sofort sich Wein zum Trinken geben
Und trank und hatte nicht des Weh's mehr Acht. [14,410]
Wenn Macht und Grausamkeit die Hand sich geben,
Dann wehe, watet tief in Gift die Macht.

Dem Kaiser war als Lehrer seiner Jugend,
In Zucht und Weisheit ihn zu unterrichten,
Ein Mann gesellt, die Blüthe aller Tugend,
Wenn anders uns die Bücher wahr berichten.
So lange der ihn lehrte seine Pflichten,
Zeigt' er stets folgsam sich und voll Verstand;
Es konnten Wuth und Tyrannei mit nichten
Die Fessel sprengen, die die Laster band. [14,420]

Ich meine jenen Seneca, den Weisen,
Dem Nero stets mit großer Scheu genaht.
Er pflegt' ihm streng die Laster zu verweisen
Klüglich, mit Worten nur, nicht mit der That.
»Für einen Kaiser« – lautete sein Rath –
»Ziemt Tugend sich, nicht Tyrannei und Wuth.«
Drum ließ er an den Armen ihm im Bad
Die Adern öffnen, bis er starb im Blut.

Auch pflegt' als Jüngling Nero sich mit Glimpf
Vor seinem greisen Lehrer zu erheben. [14,430]
Das däucht' ihm nachmals ein gar arger Schimpf;
Drum nahm er ihm auf diese Art das Leben.
Denn Seneca, da ihm die Wahl gegeben,
Erkor sich selber diesen Tod im Bad,
Um andrer Qualen sich zu überheben,
Worauf ihn Nero so getödtet hat.

Da schien's Fortunen Recht, daß sie nicht mehr
Den grenzenlosen Hochmuth Nero's schone;
Denn, war er stark, war stärker sie als er.
Sie dachte so: »Bei Gott, mir selbst zum Hohne [14,440]
Ließ ich dem lastervollen Erdensohne
Das Kaiserthum, den höchsten Platz der Welt.
Bei Gott, ich schleudr' ihn jetzt von seinem Throne,
Daß, eh' er's ahnt, er jäh zu Boden fällt.«

Plötzlich erhob sich gegen ihn bei Nacht
Das Volk. Als er's bemerkt, hat er allein
Aus seiner Thür sich heimlich fortgemacht.
Wo ein befreundet Haus ihm schien zu sein,
Klopft laut er an; doch, wie er mochte schrein,
Man hat nur fester drum die Thür verschlossen. [14,450]
Da sah er bald denn seinen Irrthum ein
Und ging und rief nicht mehr nach den Genossen.

Die Menge stürmte tobend drauf und dran
Und schrie (er hört' es mit den eignen Ohren):
»Wo ist der Schurke Nero, der Tyrann?«
Vor Angst hat fast er den Verstand verloren
Und jammernd seine Götter dann beschworen.
Da dies nicht half, glaubt' er in seinem Schreck,
Der Tod hab' ihn zum Opfer nun erkoren
Und sucht' in einem Garten ein Versteck. [14,460]

Zwei Kerle saßen dort bei einem Feuer,
Das roth und schrecklich flammte zwischen beiden,
Und diese Kerle bat er hoch und theuer,
Sie möchten ihm den Kopf vom Rumpfe schneiden,
Damit sein Leib nicht müsse Schande leiden
Nach seinem Tod. So fleht' er und erstach
Sich selbst; er glaubt', er könnt' es nicht vermeiden.
Fortuna lachte drob und höhnt' ihm nach.

Holofernes.

Kein Hauptmann keines Königs in der Welt
Hat mehr der Reich' in Unterthänigkeit [14,470]
Gebracht und war von größrer Macht im Feld
Oder von größerm Ruf in seiner Zeit,
Von größrer Anmaßung und Ueppigkeit,
Als Holofern. Mit Wollustküssen gab
Fortuna auf und ab ihm das Geleit:
Und eh' er's dachte, war sein Haupt ihm ab.

Nicht Reichthum nur und Freiheit wollt' er rauben;
Er jagte größre Furcht der Welt noch ein:
Verleugnen mußte Jeder seinen Glauben;
Es sollt' ihr Gott Nebukadnezar sein. [14,480]
Sie durften Keinem sonst Anbetung weihn.
Und Jedermann gehorchte seinem Worte;
Bethulia nur, die Veste, sagte nein.
Eliachim war Priester an dem Orte.

Doch hört von seinem Tod das Abenteuer:
Mitten im Heer lag er bezecht bei Nacht
In seinem Zelt, so groß wie eine Scheuer.
Und doch hat ihn trotz seiner Macht und Pracht
Judith, ein Weib, im Schlafe umgebracht.
Sie hieb das Haupt im Bett ihm ab und schlich [14,490]
Aus seinem Zelt sich ungesehn und sacht
Und nahm den Kopf in ihre Stadt mit sich.

Antiochus.

Was soll ich von Antiochus bemerken,
Von seiner hohen Macht und Majestät,
Von seinem Stolz und seinen gift'gen Werken?
Nicht einen zweiten gab's wie diesen. Seht,
Was in den Maccabäern von ihm steht.
Dort könnt ihr seine stolzen Worte lesen,
Und wie vom Glück, darin er sich gebläht,
Er fiel und mußt' in einem Berg verwesen. [14,500]

So hatte ihn sein Glück in Stolz erhoben;
Er glaubte in der That so hoch zu ragen,
Daß rings er an die Sterne reichte droben,
Und Berge wägen könnt' in Krämerwagen,
Die Flut des Meers in ihre Grenzen jagen.
Auf Gottes Volk war er ergrimmt vor allen;
Er wollt' es stets mit Qual und Martern schlagen.
Es wähnte nie sein Stolz durch Gott zu fallen.

Und da die Juden nun Nicanors Macht
Und des Timotheus mit Kraft gebrochen, [14,510]
Ist gegen sie sein Haß erst recht entfacht;
Er ließ die Rosse an den Wagen jochen
Und hat voll Grimm mit manchem Schwur versprochen,
Er wolle gen Jerusalem gleich jetzt,
Daß grausig werde jene Schmach gerochen;
Doch bald ward seinem Lauf ein Ziel gesetzt.

Die Drohung strafte Gott mit schweren Leiden,
Mit einer Wund' unheilbar – unsichtbar;
Es biß und schnitt ihm in den Eingeweiden,
Bis ihm die Pein ganz unerträglich war. [14,520]
Gerecht war diese Strafe, das ist klar:
Manch Anderm schuf er selbst im Leibe Pein.
Doch stellt' er nicht trotz Schmerzen und Gefahr
Den schändlichen, verruchten Vorsatz ein.

Er rüstete vielmehr die Heeresmacht.
Da hat Gott plötzlich seinen Stolz geschlagen
Und all sein Prahlen, eh' er's noch gedacht.
Er fiel mit hartem Sturz aus seinem Wagen,
Und Haut und Körper ward ihm so zerschlagen,
Daß er fortan nicht konnte gehn noch reiten. [14,530]
Man mußte ihn auf einem Armstuhl tragen;
Zerschmettert waren Rücken ihm und Seiten.

Durch seinen Körper ekle Würmer krochen,
So graunhaft traf ihn Gottes Racheschlag.
Und dabei hat so scheußlich er gerochen:
Kein Mensch von der Gefolgschaft im Gemach
Hielt bei ihm – war im Schlaf er oder wach –
Vor dem entsetzlichen Geruche Stand.
In diesem Elend hat mit Weh und Ach
Er endlich Gott, der Schöpfung Herrn, erkannt. [14,540]

Er selbst so wenig wie das ganze Heer
Konnte den ekeln Pestgestank ertragen.
Es trug ihn Niemand ferner hin und her.
Mit dem Gestank, mit diesen grausen Plagen,
Ward er in eines Berges Gruft getragen.
Da starb der Mann, befleckt mit Staub und Blut,
Der vielen Menschen Thränen schuf und Klagen.
Das war der Lohn für seinen Uebermuth.

Alexander.

So viel wird Alexanders Ruhm genannt,
Daß jedem Mann von etwas Wissenschaft [14,550]
Viel oder Alles schon von ihm bekannt.
Die Summa ist, daß seines Schwertes Kraft
Die Welt gewonnen. Manche Völkerschaft
Begehrte Friedensboten ihm zu senden.
Wo er erschien, hat er dahin gerafft
Hochmuth und Stolz bis an des Weltalls Enden.

Mit Siegeshelden, die es sonst gegeben,
Ihn zu vergleichen scheint unmöglich mir.
Er ließ die ganze Welt von Furcht erbeben;
Er war des Ritterthums und Freisinns Zier. [14,560]
Das Glück gab ihm den Ruhm zum Erbtheil hier,
Nichts zähmte – außer Weibern oder Wein –
Sein hohes Streben, seine Kampfbegier,
So ein recht löwenmüth'ges Herz war sein.

Was wär' es, gäbe von Darius ich
Und hunderttausend Andern euch Bescheid,
Von Kön'gen, Fürsten, Grafen lobelich,
Die er besiegt' und bracht' in Weh und Leid.
Ich sage dies: Die Welt war sein, so weit
Man gehn kann. Was soll ferner mein Bericht? [14,570]
Schrieb' oder spräch' ich gleich in Ewigkeit
Von seiner Ritterschaft, es reichte nicht.

Zwölf Jahr regiert' er nur; er war der Sohn
Des Philipp (wie uns Maccabäus lehrt),
Der da zuerst saß auf der Griechen Thron.
Weh, edler Alexander, gut und werth,
Daß je dir ward solch Mißgeschick beschert!
Vergiftet wurdest du von den Genossen!
Das Glück hat deine Sechs in Eins verkehrt
Und auch nicht eine Zähr' um dich vergossen. [14,580]

Wer könnte Thränen mir zur Klage leihn,
Daß Edelmuth und Freisinn man erschlug?
Er nannte dieses ganze Weltall sein
Und dachte doch, es wäre nicht genug.
So hoch hinaus ging seines Herzens Flug.
Wer hilft mir fluchen der Giftmischerei?
Wer anzuklagen des Geschickes Trug?
Denn Schuld an Allem waren diese zwei.

Julius Cäsar.

Durch Weisheit, Mannheit und durch harte Proben
Hat sich zur Majestät aus niederm Stand [14,590]
Er, der Erobrer Julius erhoben.
Er zwang theils friedlich, theils durch Kraft der Hand
Zu Land und Meer das ganze Abendland,
Daß es dem Römervolk Tribut gewährte,
Und bald ward er der Kaiser Roms genannt,
Bis feindlich gegen ihn das Glück sich kehrte.

Cäsar, Thessalien kann von deiner Kraft
Gegen Pompejus, deinen Schwäher, sagen.
Sein war des ganzen Ostens Ritterschaft,
Bis wo des Morgens Licht beginnt zu tagen: [14,600]
Dein Arm hat sie bewältigt und erschlagen.
Nur Wenige, die mit Pompejus flohn!
Den ganzen Osten brachtest du zum Zagen.
Dem Glück gebührt für den Erfolg der Lohn.

Jetzt will ich etwas bei Pompejus weilen.
Roms edeln Lenker klag' ich wohl mit Fug.
Er mußte fliehend aus der Schlacht enteilen,
Und ein Verräther an den Seinen schlug
Das Haupt ihm ab, das er zu Cäsar trug,
Um seine Gunst dadurch sich zu erwerben. [14,610]
Weh! Ihn, der einst den Osten niederschlug,
Ließ endlich das Geschick so schmählich sterben.

Bekränzt mit Lorbeern kehrt jetzt Julius
Nach Rom zurück in des Triumphes Pracht.
Da haben Brutus einst und Cassius,
Die immer schon beneidet seine Macht,
Ein heimlich Bündniß gegen ihn gemacht;
Das ließen hinterlistig sie beschwören.
Auch haben Zeit und Ort sie ausgedacht,
Ihn zu erdolchen, wie ihr gleich sollt hören. [14,620]

Und Cäsar ging, wie seine Sitte war,
einst auf das Capitol. Kaum war er dort,
So griff der falsche Brutus und die Schaar
Der Feinde, die versammelt an dem Ort,
Ihn an, und sie erdolchten ihn sofort,
Und ließen liegen ihn mit mancher Wunde.
Ein einzigmal nur seufzt' er bei dem Mord,
Vielleicht zweimal, trügt nicht der Bücher Kunde.

So mannhaft war er und so stark sein Herz,
Auf Anstand so bedacht und Ehrbarkeit, [14,630]
Daß trotz der Todeswunden bitterm Schmerz
Er um die Hüften schlug sein Oberkleid,
Daß Niemand sähe seine Heimlichkeit.
Ja, als er schon erstarrt dalag im Tod
Und wußte, daß zu Ende ging sein Leid,
Dacht' er noch dran, was Ehrbarkeit gebot.

Lucanus kann ich und Sueton empfehlen,
Valerius auch zu weiterem Bescheide,
Die die Geschichte Wort für Wort erzählen,
Wie diese großen Welterobrer beide [14,640]
Fortuna erst mit Lieb' und dann mit Leide
Verfolgt. Mißtrau' ihr, will sie dich umgarnen,
Und sei stets auf der Hut vor ihrem Neide.
Laß dich von all den mächt'gen Siegern warnen.

Crösus.

Der reiche Crösus, Herr im Lyderlande,
Der selbst dem Cyrus konnte Furcht erregen,
Fiel, recht in seinem Hochmuth, ach, in Bande!
Man schleppt' ihn schon dem Feuertod entgegen,
Da strömte aus den Wolken solch ein Regen:
Die Glut erlosch; der König selbst entkam. [14,650]
Doch war er nicht auf seiner Hut deswegen,
Bis er sein Ende noch am Galgen nahm.

Als er entronnen war, ließ er nicht ab
Und fing von neuem an, Krieg zu erregen.
Denn da Fortuna solches Glück ihm gab,
Und ihm Errettung brachte durch den Regen,
Wähnt' er, es könnt' ihn nie ein Feind erlegen.
Zudem hatt' er einst einen Traum bei Nacht,
Der macht' ihn so hochmüthig und verwegen,
Daß nur auf Rache war sein Herz bedacht. [14,660]

Es däucht' ihm, daß auf einem Baum er war
Und Jupiter ihm Rücken wusch und Seite.
Ein schönes Handtuch reicht' ihm Phöbus dar
Und trocknet' ihn; drob ging sein Stolz ins Weite.
Und seine Tochter bat er, die zur Seite
Ihm stand, in hoher Wissenschaft gelehrt,
Daß zu des Traums Verständniß sie ihn leite.
Drauf hat sie also ihm den Traum erklärt:

»Der Baum«, sprach sie, »das wird dein Galgen sein,
Und Jupiter stellt Schnee und Regen dar. [14,670]
Phöbus mit seinem Handtuch weiß und rein
Das sind die Sonnenstrahlen offenbar.
Man wird dich hängen, Vater, das ist klar.
Dann wäscht dich Regen, dörrt dich Sonnenbrand.«
So klar und deutlich sagt' ihm Alles wahr
Die Tochter; sie ward Phania genannt.

Der stolze König Crösus mußte hangen;
Es konnt' ihm nichts sein prächt'ger Thron verschlagen.
Nichts wüßte die Tragödie anzufangen,
Sie hätte nichts zu weinen und zu klagen, [14,680]
Stürmte Fortuna nicht zu allen Tagen
Auf stolze Reiche unversehens ein.
Vertraut man ihr, so pflegt sie zu versagen
Und hüllt in Wolken ihren hellen Schein.

Pedro von Spanien.

O edler, würd'ger Pedro, Spaniens Ehre,
Der durch das Glück so hoch erhaben stand,
Dein Jammertod verdient wohl manche Zähre.
Es trieb dein Bruder dich aus deinem Land.
Arglistig, als die Burg dir ward berannt,
Verrieth man dich und zog dich in sein Zelt, [14,690]
Wo er dich mordete mit eigner Hand,
Und an sich riß dein Reich, dein Gut und Geld.

Der schwarze Adler in dem Feld von Schnee,
Gefangen mit dem Leimstock feuerroth,
Er braute diese Unthat, all dies Weh.
Das böse Nest war schuld an seinem Tod.
Carls Olivier nicht, der stets dem Gebot
Der Ehre treu war; nein, um schnöden Lohn
Brachte den edeln König in die Noth
Bretagne's Olivier – ein Ganelon. [14,700]

Pedro, König von Cypern.

O Pedro, Cyperns edler Potentat,
Der Alexandria mit hoher Kraft
Einnahm und manchem Heiden wehe that,
Der eignen Mannen Neid hat dich entrafft.
Um weiter nichts als deine Ritterschaft
Erschlugen sie im Bette dich am Morgen.
So wird Fortuna's Rad herumgerafft
Und bringt uns aus der Lust in Noth und Sorgen.

Barnaba Visconti.

Dich, Barnaba Visconti, Mailands Herrn,
Dich, Gott der Lust, Schreck dem Lombardenland, [14,710]
Verschweig' ich nicht, noch deinen bösen Stern,
Da du emporklommst zu so hohem Stand.
Dein Bruderssohn, der doppelt dir verwandt,
Da er dein Neffe und dein Eidam war.
Hat in den Kerker dir den Tod gesandt;
Allein warum und wie, ist mir nicht klar.

Ugolino von Pisa.

Von Pisa's Grafen, Ugolin, zu sagen.
Gebricht vor Jammer jedem Mund die Kraft.
Vor Pisa's Thor sieht einen Thurm man ragen;
In diesen Thurm ward einst der Graf geschafft. [14,720]
Drei kleine Söhne theilten seine Haft,
Davon der ält'ste kaum drei Jahre zählte.
Weh des Geschickes, das so grauenhaft
Für solche Vöglein solchen Käfig wählte.

Es war beschlossen, daß er hier verschmachte,
Wie Roger, Pisa's Bischof, eingegeben,
Der fälschlich ein Vergehen auf ihn brachte,
Um gegen ihn die Menge zu erheben.
Man kerkerte ihn ein, so wie ihr eben
Gehört, und bracht' ihm Trank und Speise zwar, [14,730]
Doch kärglich nur und kaum genug zum Leben,
Wobei die Kost noch schlecht und mager war.

Doch eines Tages, als die Stunde kam,
Wo man das Mahl sonst trug in sein Gemach,
Schloß man die Thür des Thurmes; er vernahm
Es wohl, und ob er auch nichts weiter sprach,
Fuhr ihm durch's Herz doch der Gedanke jach
Daß sie ihn hier durch Hunger tödten wollten.
»Ach!« rief er, »daß ich je die Welt sah, ach!«
Wobei ihm Thränen aus den Augen rollten. [14,740]

Sein kleinster Sohn, drei Jahr nur eben alt,
Er fragt ihn: »Vater, sagt, was weinet ihr?
Bringt nicht der Wärter unsre Suppe bald?
Habt ihr vielleicht ein bißchen Brod noch hier?
Ich kann nicht schlafen vor des Hungers Gier.
O möchte Gott mir Schlaf für immer geben;
Dann brennte nicht im Leib der Hunger mir;
Ich hätt' ein Stückchen Brod gern für mein Leben.«

Und Tag für Tag fuhr fort das Kind zu schrein,
Bis in des Vaters Schooß es niederlag [14,750]
Und sprach: »Leb' wohl, ich sterbe, Vater mein!«
Und küßt' ihn noch und starb denselben Tag.
Und als den Vater traf der harte Schlag,
Zerbiß vor Schmerz die Arme sich der Mann
Und rief: »O wehe, Schicksal, weh und ach!
Dich klag' ich aller meiner Leiden an.«

Die Kinder wähnten, daß aus Hunger er
Die Arme nagte, nicht aus Herzenspein,
Und sagten: »Vater, ach, ihn das nicht mehr.
Viel lieber iß das Fleisch doch von uns zwein. [14,760]
Nimm unser Fleisch – du gabst uns Fleisch und Bein –
Und iß dich satt.« Dies war der Kinder Wort,
Dann legten (nach zwei Tagen mocht' es sein)
Sie sich in seinen Schooß – und waren fort.

Er selbst hat auch den Hungertod gelitten.
Hier schließt vom Grafen Pisa's der Bericht.
Das Glück hat von der Höh' ihn weggeschnitten;
Mehr sagt von ihm auch die Tragödie nicht.
Wenn Jemand noch verlangt nach hellerm Licht,
Der mag den großen Dichter Welschlands fragen, [14,770]
Der Dante heißt; es wird euch sein Gedicht
Von Punkt zu Punkt in keinem Wort versagen.

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