Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Geoffrey Chaucer >

Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 21
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
Schließen

Navigation:

Das Reimgedicht vom Herrn Thopas und
Die Erzählung des Meliböus.

Prolog.

Als dies Mirakel nun zu Ende war,
Sah zum Verwundern ernst aus Jedermann.
Es war der Wirth der erste von der Schaar,
Der sich erholte. Erst sah mich er an,
Und sprach zu mir: »Wer bist denn du, mein Mann?
Du siehst ja aus, als wollt'st du Hasen jagen,
Ich seh' dich stets den Blick zur Erde schlagen.

Rück' näher her, blick' auf, erheitre dich,
Habt Acht, ihr Herrn, und gönnt dem Mann ein Plätzchen.
Er ist so fein im Wuchs beinah' wie ich. [13,630]
Solch eine Puppe hielte gern als Schätzchen
Manch Weib im Arm – ein schmales, saubres Frätzchen.
Nach seinen Mienen muß er elfisch sein;
Er läßt mit Niemand sich in Späße ein.

Sprich auch jetzt etwas, wie die Andern hier.
Gieb uns von recht was Lustigem Bericht
Und gleich.« Ich sprach: »Herr Wirth, vergebet mir.
Vor Jahren hab' ich 'mal ein Reimgedicht
Gelernt. Andre Geschichten weiß ich nicht.«
»Ja«, sprach er, »gut. Mich dünkt nach deinen Mienen, [13,640]
Du wirst mit etwas Nettem uns bedienen.«

Das Reimgedicht vom Herrn Thopas.

Herrschaften, leiht mir euer Ohr,
Ein wahres Lied trag' ich euch vor
Von Kurzweil und von Spaß;
Es that vor allem Ritterchor
Sich in Turnei und Schlacht hervor
Der edle Herr Thopas.

Er war geboren an fernem Strand,
Jenseit des Meers im fläm'schen Land,
Zu Popering am Gestade. [13,650]
Sein Vater war von gutem Stand,
Er war der Herr in diesem Land,
So wollt' es Gottes Gnade.

Herr Thopas war von tücht'gem Schrot,
Weiß sein Gesicht wie Semmelbrod,
Sein Mund wie Rosenblätter,
Wie Scharlach seiner Wangen Roth,
Auch mit der Nase hatt's nicht Noth;
Wohl Keiner hat sie netter.

Wie Saffran war sein Bart und Haar, [13,660]
Das lang bis an den Gürtel war,
Von Corduan die Galoschen.
Von Brügge war sein Hosenpaar
Und von Drap d'or sein Rock; fürwahr
Der kost'te manchen Groschen.

Den wilden Rehen setzt' er nach,
Den Sperber auf der Faust, zum Bach
Ritt oft er aus und beizte;
Er war ein Schütz von bestem Schlag,
Im Ringen kam ihm Keiner nach, [13,670]
Wenn ihn ein Hammel reizte.

Es seufzt' in ihrem Kämmerlein
Verliebt nach ihm manch Dirnlein fein,
Wenn Schlaf ihr besser wäre;
Doch blieb er immer keusch und rein,
Süß wie der Brombeerstrauch am Rain,
Der mit der rothen Beere.

Nun höret, was ihm widerfährt,
Ich sag' euch nur, was wohl bewährt:
Herr Thopas wollt' ausreiten, [13,680]
Bestieg sein graues Schlachtenpferd,
Die Hand mit einem Speer bewehrt,
Das Schwert an seiner Seiten.

Er ritt zu einem Walde fort,
Rehböck' und Hasen waren dort
Nebst anderm Wild verborgen,
Und wie er sprengt nach Ost und Nord,
Ward er befallen an dem Ort
Von gar betrübten Sorgen.

Da wuchsen Kräuter groß und klein, [13,690]
Lacrizen und Gewürznäglein
Und Baldrian an den Wegen,
Muskatnuß auch, die thut man fein
In frisch und schales Bier hinein,
Kann sie auch in den Koffer legen.

Es sangen Vögel allerlei,
Der Sperber und der Papagei,
Gar manche lust'ge Weise;
Der Drosselhahn war auch dabei,
Die Taube sang mit hellem Schrei [13,700]
Von einem grünen Zweige.

Herr Thopas wurde liebeskrank,
Als er gehört den Drosselsang,
Und spornt' in voller Wuth,
Dem schönen Roß, dem ward so bang,
Der Schweiß aus allen Ecken drang
Und aus den Seiten Blut.

Herr Thopas ward auch matt zuletzt,
Weil er so lang' umhergehetzt
In seinem wilden Muthe. [13,710]
Er hat sich in das Gras gesetzt;
Das hat sein Rößlein sehr ergetzt:
Es that sich was zu Gute.

St. Maria, Benedicite!
Was thut die Liebe mir so weh
Mit ihrer harten Kette.
Die ganze Nacht träumt' ich, o Je!
Ich hätt' ein Elfenweib zur Eh'
Und läg' mit ihr zu Bette.

Ich will die Elfenkönigin, [13,720]
Kein Weib ist sonst nach meinem Sinn,
Noch gut genug für mich –
Im Ort;
Die andern all lass' ich im Stich,
Die Elfenkön'gin hole ich
Durch Berg und Thal sofort.

Drauf sprang er in den Sattel sein
Und jagte über Stock und Stein,
Die Kön'gin zu erspähen.
Er mochte lang' geritten sein,
Fand er in einem stillen Hain [13,730]
Versteckt das Land der Feeen.

Nach Süd und Nord im Waldesgrund
Späht' er umher mit seinem Mund,
Daß er die Kön'gin finde;
Doch sah er nichts im ganzen Rund,
Was ihm zu nahn sich unterstund,
Von Weibe noch von Kinde.

Bis er 'nen großen Riesen fand,
Deß Name war Herr Oliphant,
Der war ein rechter Schrecken. [13,740]
Er sprach: »Herr Knapp, bei Termagant,
Gehst du nicht gleich aus meinem Land,
Schlag' ich dir todt den Schecken –
– Mit Keulen;

Die Königin von Feeenland
Mit Harfe, Pfeif' und Musikant
Pflegt allhier zu weilen.«

Der Ritter sprach: »Gott helfe mir,
Morgen treffe ich dich hier,
Hab' ich erst meine Waffen;
Doch hoffe ich bei meiner Ehr, [13,750]
Ich mache dir mit meinem Speer
Schmählich hier zu schaffen; –

– Den Magen
Durchbohr' ich dir, wenn ich's vermag,
Noch vor dem hellen Vormittag;
Hier werd' ich dich erschlagen.«

Herr Thopas zog sich rasch zurück,
Weil der aus einem Schleuderstrick
Mit Steinen bombardirte.
Doch Ritter Thopas gut entkam,
Weil Gott in seinen Schutz ihn nahm [13,760]
Und er so schön parirte.

Horcht jetzt auf meines Liedes Schall,
Lust'ger als die Nachtigall:
Denn jetzt will ich verkünden,
Wie Herr Thopas, von Ansehn schmal,
Sprengend über Berg und Thal,
Zur Stadt zurück thät finden.

Den lust'gen Mannen er befahl:
«Jetzt spielt und musicirt einmal;
Denn ich muß niederhauen [13,770]
Ein dreigeköpftes Riesenthier
Aus Liebeslust und aus Pläsir
Mit einer schönen Frauen.

Spielleute, laßt's an euch nicht fehlen,
Spruchsprecher kommt, ihr sollt erzählen,
Derweil man mich bekleid't.
Königsgeschichten sollt ihr wählen,
Von Päpsten und von Kardinälen
Und auch von Liebesleid.«

Erst brachten sie ihm süßen Wein [13,780]
Und Meth in einem Becherlein
Schön mit Gewürz durchrühret,
Auch Pfeffernüsse, die sehr fein,
Süßholz und Kümmel obenein,
Nebst Zucker, wohl kandiret.

Und auf den weißen Körper sein
Hat Hos' und Hemd von feinem Lein
Zuerst er angeleget.
Drauf zog er einen Stepprock an,
Ein Panzerhemde kam alsdann, [13,790]
Das ihm das Herz umheget.

Drauf thät von Blechen stark und breit –
Die waren jüdisches Geschmeid –
Er einen Harnisch schnüren;
Dann kam der Wappenrock, der war
Wie Lilienblüthen weiß und klar;
Drin wollt' er debattiren.

Aus seinem Schild, wie Gold so roth,
Der Kopf von einem Eber droht,
Karfunkelstein daneben. [13,800]
Er schwur darauf bei Bier und Brod,
Er will den Riesen schlagen todt,
Was sich auch mag begeben.

Sein Helm, der war von Messing hell,
Die Stiefel von gesottnem Fell,
Von Horn des Sattels Bügel,
Des Schwertes Scheide Elfenbein,
Wie Sonnen- oder Mondenschein
So glänzend war sein Zügel.

Fein von Cypressen war sein Speer, [13,810]
Krieg und nicht Frieden kündet' er
Mit scharf geschliffner Spitze.
Sein Streitroß war ganz grau gefleckt,
Es ging des Wegs fein sanft gestreckt
Und sehr bequem zum Sitze –
– Im Traben.

Hier ist ein Abschnitt, meine Herrn,
Doch hörtet ihr noch weiter gern,
Wohlan, so sollt ihr's haben.

Nun haltet gnädigst euern Mund,
Herrn und Damen hier im Rund, [13,820]
Und horcht, was ich berichte.
Von Ritterthum, von Kampf und Streit,
Von Minnedienst und Höflichkeit
Vermeldet die Geschichte.

Man rühmt die Lieder von Bevis,
Von Junker Horn und Ipotis,
Die Abenteuer Guy's;
Auch Sir Lebeaux und Pleind'amour,
Doch trägt allein Herr Thopas nur
Des Ritterthumes Preis. [13,830]

Sein gutes Streitroß er beschritt,
Und fort auf seinem Wege ritt,
Wie Funken aus dem Brande.
Es war ein Thurm sein Helmzimier,
Drin eine Lilie stak zur Zier;
Gott schirme ihn vor Schande.

Als irr'nder Ritter zog er aus,
Drum schlief er auch in keinem Haus
Und lag in seiner Schaube;
Sein blanker Helm das Pfühl vertrat, [13,840]
Derweil sein Roß sich gütlich that
An schönem Gras und Laube.

Er trank nur Wasser aus dem Quell,
Wie vor ihm that Herr Parcivel,
So stattlich im Gewande,
Bis eines Tags – –

»Nicht mehr von diesem Zeug!« sprach unser Wirth,
»Um Gottes Gnade willen! denn mir wird
Ganz schlimm von der gemeinen Dudelei.
So wahr Gott meiner Seele stehe bei, [13,850]
Dein leer Gedrösche macht mir Ohrenreißen.
Mag Satan solchen Reim willkommen heißen.
Hier heißt's wohl: Reime dich, sonst fress' ich dich.«

»Wie so?« sprach ich, »warum läßt du nicht mich
So gut erzählen, wie sonst Jedermann,
Da dies der beste Reim ist, den ich kann?«
»Nun denn, bei Gott«, sprach er, »so merkt es euch,
Nicht einen Dreck werth ist das dumme Zeug.
Ihr thut nichts, als daß ihr die Zeit verschwendet;
Drum will ich, daß die Reimerei ihr endet. [13,860]
Könnt ihr nichts aus der Weltgeschichte wählen,
Und mindestens in Prosa was erzählen,
Das gute Lehre oder Spaß enthält?«
»Bei Gottes Pein, recht gern, wenn's euch gefällt.
Ich will in Prosa eine Kleinigkeit
Erzählen. Wenn nicht gar zu streng ihr seid,
So denk' ich, ist sie wohl nach euerm Sinn.
Es liegt viel Tugend und Moral darin,
Obschon, wie ich euch gar nicht will verhehlen,
Sie Andre in verschiedner Art erzählen. [13,870]
So sagt von Christi Leiden, wie ihr wißt,
Auch nicht ein jeglicher Evangelist
Genau dasselbe, was der andre spricht,
Und doch ist wahr ein jeglicher Bericht,
Und alle stimmen schließlich überein,
Mag auch verschieden die Erzählung sein,
Da ein'ge mehr und andre wen'ger sagen,
Wenn sie sein schmerzensreiches Leiden klagen.
Doch stimmen, wie man nicht bezweifeln kann,
Matthäus, Marcus, Lucas und Johann [13,880]
Ganz überein. Drum bitt' ich euch, ihr Herrn,
Wenn meine Red' auch anders scheint, sofern
Ich mit Sprüchwörtern sie ein wenig mehr
Versehen habe, die ihr wohl vorher
In diesem kleinen Aufsatz nicht bemerkt,
Wodurch des Stoffes Wirkung ich verstärkt,
Und sollt' ich nicht dieselben Worte sagen,
So bitt' ich, mich deshalb nicht anzuklagen.
Ihr werdet finden, daß, so viel den Sinn
Betrifft, ich überall in Einklang bin [13,890]
Mit dem, was das Traktätlein euch berichtet,
Nach dem ich diese lust'ge Mär' gedichtet.
So bitt' ich euch denn, auf mein Wort zu hören
Und mich in der Erzählung nicht zu stören.

*

Die Erzählung von Meliböus.

(Auszug.)

»Ein junger Mann, Meliböus geheißen, mächtig und reich, erzeugte mit seinem Weibe, die Prudentia hieß, eine Tochter, welche Sophia genannt wurde.

»Eines Tages ereignete es sich, daß er zum Zeitvertreib in das Feld ausging, um sich zu vergnügen. Sein Weib und seine Tochter hatte er zu Hause gelassen und die Thüren fest verschlossen. Vier von seinen alten Feinden hatten es erspähet und setzten Leitern an die Mauern des Hauses, stiegen durch die Fenster hinein, schlugen sein Weib und verwundeten seine Tochter an fünf Stellen des Leibes, nämlich an den Füßen, den Händen, den Ohren, der Nase und dem Munde und ließen sie für todt liegen und gingen fort.«

Meliböus kommt nach Haus, ist außer sich vor Schmerz und Wuth und will sich mit bewaffneter Hand durch Aufbietung seiner Freunde und Vasallen an den Feinden rächen. Prudentia spricht ihm Trost ein und besänftigt ihn durch Argumente und Beispiele aus der Bibel und den Profanscribenten und veranlaßt ihn, seine Anhänger und Unterthanen zu einer Berathung zusammen zu berufen, welche Genugthuung er für die seinem Hause angethanen Unbilden suchen sollte.

Die Alten, Verständigen und Unabhängigen rathen zu friedlichem Vergleich, die Jungen, die Selbstsüchtigen und Schmeichler zum Krieg. Meliböus giebt den Rathschlägen der letzteren nach und entläßt die Versammlung mit dem Versprechen, sie demnächst zu den Waffen zu rufen.

Da entspinnt sich denn ein sehr langes Gespräch zwischen ihm und seiner Gemahlin, in welchem letztere ihm in einem nach scholastischer Weise wohlgegliederten Vortrage, der wiederum durch endlose Citate aus kirchlichen und profanen Schriftstellern gewürzt ist (unter den letzteren: Seneca, Ovid, Cicero, Cato, Cassiodor und Petrus Alphonsi), auseinandersetzt, wie verkehrt er gehandelt habe, seinem Rachegefühl und der Stimme der Unbesonnenen und Böswilligen nachzugeben, und ihn schließlich bewegt, mit seinen Feinden in Unterhandlung zu treten.

Letztere gehen durch die Vermittelung Prudentia's gern darauf ein und erklären, sich allen Bedingungen, die Meliböus ihnen stellen werde, unterwerfen zu wollen. Dieser theilt nun seiner Gemahlin seine Absicht mit, die Verbrecher aus dem Lande zu verweisen und ihre Güter zu konfisciren.

Wieder legt sich Prudentia ins Mittel und im Namen der Vernunft und christlichen Sanftmuth überredet sie ihren Gatten, seinen Feinden völlige Verzeihung zuzugestehn.

Als sie sich an dem von ihm bestimmten Tage wieder an seinem Hofe einstellen, um ihren Urtheilsspruch aus seinem Munde zu empfangen, giebt er ihnen seinen Entschluß in einer salbungsvollen Anrede zu erkennen, mit welcher die sehr moralische und sehr langweilige Erzählung (bei Wright 43 Seiten umfassend) schließt. Das Ende lautet also:

»Wiewohl ihr euch durch euern Stolz, eure Anmaßung und Thorheit, durch eure Nachlässigkeit und Unbesonnenheit schlecht betragen und gegen mich gesündigt habt, so drängt es mich doch, insofern ich eure große Unterwürfigkeit betrachte, und daß eure Schuld euch leid thut und ihr sie bereuet, euch Gnade und Vergebung angedeihen zu lassen: deßhalb nehme ich euch auf in meine Gnade, und vergebe euch gänzlich alle die Kränkungen, Beleidigungen und Verletzungen, die ihr mir und den Meinigen angethan habt, zu diesem Zweck und Ende, daß Gott nach seiner unendlichen Gnade uns zur Zeit unsers Sterbens uns unsre Schuld vergeben wolle, die wir gegen ihn begangen haben in dieser elenden Welt; denn ohne Zweifel, wenn uns unsre Sünden und Schulden schmerzen und reuen, die wir vor dem Angesicht unsers Herrgottes begangen haben, so ist er so gütig und gnädig, daß er uns unsre Schuld vergeben und uns zur Seligkeit bringen will, die nimmer endet. Amen.«

*

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.