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Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
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Vorwort.

Die nachstehende Übersetzung hat sich die Aufgabe gestellt, das weitaus bedeutendste Werk altenglischer Dichtkunst mit möglichst treuer Bewahrung des Geistes und der Form des Originals auch dem deutschen Leser zugänglich zu machen. Ein solches Unternehmen sollte keiner Entschuldigung bedürfen. Dennoch ist der Uebersetzer nicht ohne Scheu an die Veröffentlichung seiner Arbeit gegangen, nachdem er sie die vollen neun kanonischen Jahre in seinem Pult bewahrt hatte.

Den Grund der Scheu versteht Jeder, der Chaucer's komische Erzählungen kennt.

Aber die Erwägung siegte, daß ohne sein Dazwischentreten nicht nur unserm Volke die Freude an den urkräftigen Schöpfungen eines Originalgenies, sondern auch den Geschichtsfreunden eine der reichsten Fundgruben für das mittelalterliche Kulturleben wahrscheinlich noch lange versagt und verschlossen bleiben würde. Denn das Studium des Altenglischen kann nie auf weite Verbreitung rechnen, und unter den Forschern ist es nicht Jedem gegeben, solche Versmassen mit Lust und Ausdauer zu bewältigen.

Zwar bin ich auf den Vorwurf ernster und wohlmeinender Männer gefaßt, daß ich das Atys-Messer nicht oft und scharf genug eingesetzt habe. Aber wenn sie die in der Einleitung gegebene Charakteristik der Chaucer'schen Poesie als richtig anerkennen, so werden sie zugeben müssen, daß eine Ausgabe seiner Werke in usum Delphini eine Unmöglichkeit ist. Eine Verstümmelung in dieser Richtung wäre ein Mord.

Dennoch wird man an einigen wenigen Stellen Verslücken, an andern leise Abweichungen vom Original finden. Man zeihe mich deswegen nicht der Inkonsequenz. Ich habe die Grenzen des für uns Möglichen scharf ins Auge gefaßt und, wie ich glaube, ohne Abweichung inne gehalten.

Unser Hochdeutsch ist als Schriftsprache entstanden und daher von Anfang an decent gewesen. Nur allmählich hat es volksthümliche Elemente in sich aufgenommen und kann bis auf einen bestimmten Grad selbst naiv sein. Aber diese Elemente sind ihm immer durch Vermittelung der höheren und feineren Gesellschaftsschichten zugeflossen und durch diese filtrirt. Daher kennt es für gewisse Dinge und Handlungen nur den verblümten Ausdruck. Ein eigentlicher hat sich nur in der Terminologie derjenigen Wissenschaften herausgebildet, die ihn nicht entbehren konnten. Ihn von dort, aus dem pedantischen Ernst medicinischer Kompendien oder juristischer Akten für die Poesie zu entlehnen, wäre absurd, das heißt, lächerlich genug, aber nicht komisch. Die populären Bezeichnungen dagegen sind nur noch in den tief gesunkenen Volksmundarten lebendig. In unser decentes Hochdeutsch herübergezogen, erscheinen sie plump und unflätig, aber wiederum nicht naiv. Die Uebersetzung würde daher in keinem Fall einen dem Original analogen Eindruck gemacht haben. So habe ich denn gethan, was unter diesen Umständen geboten war: wo die Thatsache ein wesentliches Element der Fabel bildete, hab' ich sie umschrieben; wo nicht, den betreffenden Vers ausgelassen – und beides nur wo sexuelle Verhältnisse ins Spiel kamen, – so daß ich nicht den Vorwurf der Prüderie fürchte.

Die beiden prosaischen Stücke, die »Erzählung von Meliboeus« und den »Traktat des Pfarrers« in ganzer Ausdehnung wiederzugeben, lag nicht im Plan dieser Sammlung. Es würde auch damit keinem deutschen Leser gedient gewesen sein, wie aus dem Auszug des ersteren Stücks und aus den Anmerkungen zu beiden genugsam erhellen wird.

Die Einleitung wurde ihren Grundzügen nach schon früher in einem für andere Zwecke veranstalteten Auszuge veröffentlicht (in Prutz's Deutsch. Mus. 1856, Nr. 7 u. 8). Sie hat seitdem unter dem Fortschritt der Studien des Verfassers mannigfache Umarbeitungen und Erweiterungen erfahren. Ich hätte gewünscht, mich namentlich in der Biographie Chaucer's kürzer fassen zu können. Das war aber bei der Lage der Vorarbeiten unmöglich. Allerdings ist auf die phantastischen Romane, die, von Urry bis Godwin stets weiter ausgesponnen, sich unter dem Titel von Chaucer's Leben in alle Literaturgeschichten eingenistet haben, bereits eine ernüchternde Reaktion gefolgt. Sir H. Nicolas hat in seinem, der Pickering-Edition vorgedruckten Life of Chaucer eine überaus specielle, zuverlässige und dringend nothwendig gewordene Kompilation aller beglaubigten Dokumente, Chaucer betreffend, zusammengestellt, so viel deren sein unermüdlicher Sammelfleiß in den wunderbar reichen Archiven Englands ermitteln konnte. Auf diese fußt Pauli's anmuthige Skizze (Bilder aus Altengland, VII, S. 174). Aber Sir H. Nicolas' Skepsis ist so unerbittlich, daß er es nur mit verbrieften Thatsachen zu thun haben will, und jede, auch durchaus strikte und logische Folgerung aus den Thatsachen verdächtig ansieht oder ganz zur Seite schiebt. So hat seine Darstellung nichts Konstruktives; er liefert nur Bausteine, ohne selbst aufzubauen.

Dem Uebersetzer lag daher die Pflicht ob, die erste zugleich kritisch begründete und mit der schriftstellerischen Würdigung des Dichters in organische Verbindung gesetzte Biographie Chaucer's zu geben. Dabei konnten Digressionen nicht vermieden werden, theils um den Boden von alt aufgehäuftem Schutt zu reinigen, theils um die Thatsachen in dasjenige Licht zu stellen, durch welches ihre Bedeutung sowohl für Chaucer's eigenes Leben, wie für die Stellung, welche der Dichter in der Entwickelungsgeschichte seiner Nation einnimmt, klarer hervorträte.

Ueber die Ausgaben und sonstigen Hülfsmittel, welche bei dieser Arbeit benutzt sind, geben die Einleitung und die Anmerkungen vollständige Auskunft.

In den letzteren habe ich mich auf das zum Verständniß der besprochenen Stellen nothwendige Material zu beschränken gesucht, jede Polemik daher vermieden, wo sie nicht dazu diente, durch scharfe Erfassung des Streitpunktes das Ergebniß selber klarer und sicherer hinzustellen.

Von sprachlicher Kritik, die natürlich der Uebersetzung vorausgegangen sein muß, habe ich mich, des nächsten Zweckes dieser Arbeit eingedenk, in den Anmerkungen principiell fern gehalten. Doch gestehe ich, ein paarmal diesem Princip untreu geworden zu sein, – wo nämlich stumpfsinniges Verkennen handgreiflicher Wahrheiten die Miene vornehmen Dünkels annahm. In solchen Fällen wird man es verzeihlich finden, wenn der Aerger einmal stärker war als der Vorsatz.

Die Varianten beziehen sich auf Tyrwhitts Text (Ausg. 1852), dem die Uebersetzung im Allgemeinen folgt. Wie viel die Anmerkungen diesem fleißigen und verständigen Erklärer verdanken, wird jedem Kenner ohne weiteres klar sein. Das Verdienst des Mannes, der vor hundert Jahren an das schwierige Werk der Textesläuterung ging, ohne sich auf eine nennenswerthe Vorarbeit stützen zu können, sollte ihm nicht in der Weise geschmälert werden, wie es von Wright ( Anecd. Liter. 5.23, und wiederholt in seiner Ausgabe, S. XXXIV) geschehen ist. Bei aller Anerkennung der großen Verdienste, welche der letztgenannte Gelehrte für die Förderung der angelsächsischen sowohl, wie der altenglischen Literatur sich erworben hat, läßt sich doch der Wunsch nicht unterdrücken, daß seine Ausgabe der Canterbury-Tales dieselben Fortschritte der Tyrwhittschen gegenüber gemacht haben möchte, wie Tyrwhitt gegen seinen nächsten Vorgänger Urry (1729). Aber wenn es wahr sein mag, daß man bei Tyrwhitt nur wenige Verse liest, wie Chaucer sie selbst geschrieben hat (Wright a. a. O.), so ist es sicher ebenso wahr, daß man bei Wright ein gutes Drittel der Verse überhaupt gar nicht lesen kann. Hätte Wright den Cod. Harlejanus nur genau und ohne alle Aenderung abdrucken lassen, so hätte man wenigstens in seiner Ausgabe eine sichere handschriftliche Basis. Aber leider sagt er (S. XXXVI), daß er da Aenderungen gemacht habe, wo sie »absolut nothwendig gewesen seien«. Aber ein Blick auf jede beliebige Seite des Buches lehrt, daß dies nicht wahr ist – und so verliert die Ausgabe selbst den bescheidenen Werth eines korrekten Textabdruckes.

Ueber meine Vorgänger auf dem Gebiet der Uebersetzung kommt mir nur ein bedingtes Urtheil zu. Kannegießer hat eine Auswahl aus den Canterbury-Geschichten in der Zwickauer Taschenbibliothek auswärtiger Klassiker veröffentlicht (2 Bdchen. 1827). Fiedler's Uebersetzung (Dessau 1844) bricht bei Vers 5560 ab. Uebertragungsproben von Fr. Jacob, die in einigen Lübecker Programmen erschienen sein sollen, sind mir nicht zu Gesicht gekommen. Wie Wright von Tyrwhitt, so behauptet Fiedler von Kannegießer, daß er sehr wenig vom Altenglischen verstanden habe. Fruchtbarer als solche allgemeinen Beschuldigungen wäre es immer noch bei dem jetzigen Stande dieser Studien, wenn Jeder von seinem Vorarbeiter so viel als möglich zu lernen suchte, sei es durch Aneignung seiner Resultate, oder durch Widerlegung seiner Irrthümer. In diesem Sinne habe ich sowohl Wright als Fiedler für Einleitung und Anmerkungen benutzt, natürlich mit steter Angabe meiner Quelle. Von den Uebersetzungen meiner Vorgänger ähnlichen Gebrauch zu machen, fühlte ich mich nicht versucht, wenn ich mich überhaupt dazu berechtigt gehalten hätte. Eine poetische Uebersetzung, wenn auch nur eine Kopie, soll doch ein Kunstwerk und somit aus einem Guß und Geist geschaffen sein. Fremde Federn, wenn auch noch so bunt, passen nicht zu den meinen.

Hertzberg.

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