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Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 19
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
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Die Erzählung des Schiffers.

Prolog.

Der Wirth hob in den Bügeln sich empor
Und sprach: »Leiht, gute Herrn, mir euer Ohr.
Das war ein gutes Märlein, sollt' ich meinen.
Herr Pfarrer, jetzt, bei Unsers Herrn Gebeinen,
Erzählet ihr, wie ihr euch längst verpflichtet.
Beim hohen Gott, ihr scheint gut unterrichtet,
Ihr Herrn Gelehrten, in den alten Sagen.«

»Ei, benedicite, was mag euch plagen«, [12,910]
Versetzt der Pfarr, »daß ihr so sündlich schwört?«

Der Wirth sprach: »Hänschen, bist du hier? Ei hört
Ihr guten Leute, riecht ihr nicht den Duft?
Ich wittre einen Lollhart in der Luft.
Gebt Acht, bei Gottes heiliger Passion,
Es kommt heut sicherlich noch ein Sermon.
Der Lollhart giebt uns eine Predigt drein.«

»Bei meines Vaters Geist, das soll nicht sein!«
Versetzt der Schiffer, »das verbitten wir.
Er soll die Bibel nicht glossiren hier: [12,920]
Wir glauben All' an einen Gott. Gewiß,
Er sä'te unter uns nur Aergerniß
Und streut' in unsern reinen Weizen Raden.
Drum warn' ich euch zuvor, Herr Wirth, vor Schaden.
Als lust'ger Kerl klingl' ich euch auf der Stelle
Ein Märchen vor mit so gar muntrer Schelle,
Daß drob erwacht die ganze Kompagnie.
Doch wird darin kein Wort Philosophie
Noch auch Physik und Rechtsgelahrtheit sein.
In meinem Magen ist nicht viel Latein.« [12,930]

Die Erzählung des Schiffers.

Es war ein Kaufmann einst zu St. Denys,
Den, weil er reich war, man für weise pries.
Er hatt' ein Weib, die schön war überaus
Und gern Gesellschaft sah in Saus und Braus,
Wodurch man mit mehr Kosten wird beschwert,
Als all die Grüß' und Komplimente werth,
Die man bei Festen uns erzeigt und Tänzen.
Denn all die Bücklinge und Reverenzen,
Sie schwinden wie der Schatten an der Wand.
Weh ihm, der zahlen muß für all den Tand! [12,940]
Der Ehstandsthor muß für die Zeche stehn.
Er muß mit Putz und Kleidern uns versehn
Zu seines eignen Hauses Ehr' und Glanz.
Wir schmücken lustig uns damit zum Tanz
Und, sind zu groß die Kosten für den Mann,
Daß er sie selbst nicht tragen will noch kann,
Und für Verschwendung und Verlust sie hält,
So zahlt ein Anderer für uns das Geld,
Oder wir borgen und das bringt Gefahr.
Der Kaufherr macht' ein stattlich Haus fürwahr. [12,950]
Die schöne Frau, des Herrn Freigiebigkeit
Zog viel Besucher an zu jeder Zeit –
Erstaunlich viel; doch höret, was geschah.
Bei all den Gästen, hoch und niedrig, sah
Man einen Mönch auch, keck, schön von Gestalt –
Ich denk', er war wohl dreißig Winter alt –,
Der jenes Haus besuchte immerdar.
Der junge Mönch, so schön von Ansehn, war
So gut bekannt mit diesem wackern Mann,
Daß seit der Zeit, wo ihr Verkehr begann, [12,960]
Er so vertrauten Umgang mit ihm pflag,
Wie nur ein Freund es mit dem Freund vermag.
Und da der Mönch und er, wie ich erfahren,
Auch in demselben Dorf geboren waren,
So sprach ihn Jener oft als Vetter an.
Nicht sagte Nein dazu der wackre Mann;
Er hatte selbst vielmehr daran Behagen,
Und wie der Vogel, wenn's beginnt zu tagen,
Freut er darüber sich von Herzensgrund.
So schlossen sie denn einen ew'gen Bund [12,970]
Und haben sich das heil'ge Wort gegeben,
Bis an den Tod in Brüderschaft zu leben.
Anständig war der Herr Johann; zumal
Zeigt' er in diesem Haus sich liberal,
Und ließ sich's etwas kosten, zu gefallen.
Bis zu dem letzten Hausknecht gab er Allen
Geschenke; jeglichem nach seinem Stand.
Er hatte stets 'was Passendes zur Hand;
Erst für den Herrn, dann für die Dienerschaar.
Drum seines Kommens froh ein Jeder war, [12,980]
Dem Vogel gleich beim ersten Sonnenschein.
Nichts mehr davon; dies mag genügend sein.

Nun machte einst der Kaufmann um die Zeit
Zu einer weiten Reise sich bereit.
Er hatte vor, gen Brügge hinzufahren,
Daselbst sich zu versehn mit neuen Waaren.
Er schickte immer Boten nach Paris
Und bat den Herrn Johann, nach St. Denys
Zu kommen, um, eh' er nach Brügge ginge,
Mit ihm und seinem Weib noch guter Dinge [12,990]
In jedem Fall zu sein auf ein paar Tage.
Der edle Ordensherr, von dem ich sage,
Hatt' Urlaub von dem Abt zu jeder Zeit,
Theils wegen seiner Zuverlässigkeit,
Theils weil sein Klosteramt es war, die weiten
Kornspeicher und Pachthöfe zu bereiten.
So kam er rasch in St. Denys denn an.
Wer war so gern gesehn wie Herr Johann,
Der liebe Vetter, voll von Hofmanier?
Natürlich bracht' ein Fläschchen Malvasier [13,000]
Er mit, ein dito feinen Cyper auch
Und wild Geflügel, wie es stets sein Brauch.
Mag ein paar Tage denn beim Mahl und Wein
Und Spiel der Mönch und Kaufmann lustig sein.
Doch hat am dritten Tag sich mit Bedacht
Der Kaufmann ernst an sein Geschäft gemacht.
Er geht allein in sein Kontor hinauf,
Um zu berechnen, wie im Jahreslauf
Sich ihm gestaltet des Geschäftes Stand,
Wie sein Vermögen er dabei verwandt, [13,010]
Und ob er wen'ger habe oder mehr.
Manch Buch legt' er und manchen Beutel schwer
Auf den Kontortisch hin vor seinen Platz.
Groß war sein Geldvorrath und reich sein Schatz;
Drum schloß sehr fest er die Kontorthür zu.
Auch wollt' er, daß ihn Jedermann in Ruh
Beim Rechnen ließe, bis er fertig sei.
So saß er, bis die Primzeit war vorbei.

Und Herr Johann, der gleichfalls früh aufstand,
Hat zu dem Garten sich sofort gewandt [13,020]
Und spricht lustwandelnd sittig sein Gebet.
Die gute Frau kommt, als er sanft dort geht,
Still in den Garten auf demselben Pfad
Und grüßet ihn so, wie sie öfters that.
Sie hatt' ihr Töchterchen nur zur Begleitung;
Das Kind war ganz in ihrer Pfleg' und Leitung;
Denn es war unterthan der Ruthe noch.
»Mein werther Ohm Johann, was fehlt euch doch«,
Sprach sie, »daß ihr so früh euch aufgemacht?«

»O«, sprach der Mönch, »fünf Stunden in der Nacht [13,030]
Sind völlig gnug zum Schlafen, liebe Nichte;
Nicht freilich für die alten bleichen Wichte,
Die Ehemänner. Denn das liegt und keucht,
Dem Hasen gleich im Lager, der verscheucht
Und abgehetzt von groß und kleiner Meute.
Doch, Nichtchen, warum seid so blaß ihr heute?
Gewiß, es hat euch unser guter Mann
So zugesetzt, seitdem die Nacht begann,
Daß euch nun baldigst Ruhe thäte noth.«

Und dabei lacht' er lustig, und ganz roth [13,040]
Ward er von dem Gedanken im Gesichte.

Doch schüttelte den Kopf die schöne Nichte
Und sprach: »O ja, Gott weiß, wie irrt ihr hier!
Nein, lieber Ohm, so steht es nicht mit mir.
Bei Gott, der Seele mir geschenkt und Leib,
Wohl in ganz Frankreich ist kein zweites Weib,
Das wen'ger Lust hat zu so schlimmen Dingen.
Wohl Ach und Weh könnt' um den Tag ich singen,
Der mich gebar. Doch Keinem in der Welt
Mag ich es sagen, wie's mit mir bestellt. [13,050]
Darum verlaß ich nächstens dieses Land;
Wo nicht, so leg' ich selber an mich Hand.
So bin mit Sorgen ich erfüllt und Grauen.«

Der Mönch begann die Frau starr anzuschauen
Und sprach: »Ach liebe Nichte, Gott behüte!
Nehmt euch nicht Sorg' und Furcht so zu Gemüthe,
Daß ihr euch hinbringt. Sagt mir, was euch drückt.
Vielleicht, daß es in euerm Leid mir glückt,
Zu rathen und zu helfen. Saget mir
All euern Schmerz; es bleibt verschwiegen hier. [13,060]
Auf mein Brevier leist' ich euch hier den Eid,
Daß Keinem ich zu Liebe oder Leid
Euch je verrathen will im ganzen Leben.«

Sie sprach: »So will auch ich mein Wort euch geben.
Ich schwöre euch bei Gott auf dies Brevier,
Daß, risse man mich auch in Stücke hier,
Ich lieber wollte gleich zur Hölle fahren,
Als nur ein Wort von euch je offenbaren –
Und nicht, weil ihr mein Ohm und Vetter seid,
Nein, aus Vertraun nur und Ergebenheit.« [13,070]
So schworen sie und küßten sich darauf,
Und schlossen dann das Herz einander auf.

»Hätt' ich nur Zeit dazu«, nahm sie das Wort,
»Wie sie mir fehlt, zumal an diesem Ort,
So wollt' ich die Legende euch erzählen,
Wie seit der Hochzeit ich mich müssen quälen
Mit meinem Mann – mögt ihr auch Vettern sein.«

»O nein, bei Gott und bei St. Martin, nein!«
Rief drauf der Mönch; »er ist nicht mehr mein Vetter
Als auf den Bäumen dort die grünen Blätter. [13,080]
Bei St. Denys, ich hab' ihn so genannt,
Nur weil genauer ich mit euch bekannt
Zu werden wünschte, die am meisten ich
Von allen Weibern liebe, sicherlich.
Bei meinem heil'gen Stande schwör' ich's dir.
Und nun, eh' er herunterkommt, sagt mir
All euer Leid, beeilet euch, fangt an.«

»O mein geliebter, theurer Herr Johann«,
Sprach sie, »wie gern möcht' ich's geheim bewahren;
Doch hilft's nicht mehr, ich muß es offenbaren. [13,090]
Ich habe wohl den schlechtsten Ehemann,
Der jemals lebte, seit die Welt begann.
Doch schickt es sich für mich, sein Weib, mit nichten,
Von unsern Heimlichkeiten zu berichten,
Vom Bett her oder einem andern Ort.
Behüte Gott, davon sag' ich kein Wort.
Es soll ein Weib vom Herren ihrer Ehe
Nur Gutes reden, wenn ich's recht verstehe.
Doch dies euch zu vertraun, sei mir erlaubt.
Gott helfe mir! Er taugt nichts überhaupt, [13,100]
Ist gar nichts, ist nicht einer Fliege werth.
Doch ist's sein Geiz, der mich zumeist beschwert.
Und wißt ihr wohl, sechs Dinge wünschen sich
Die Frauen von Natur so gut wie ich.
Sie wollen Männer haben voller Muth,
Prachtliebend, weise, die den Frauen gut
Und folgsam sind, dabei im Bett voll Leben.
Doch bei Ihm, der für uns sein Blut gegeben,
Ich muß, um ihm zur Ehr' in Putz zu strahlen,
Auf nächsten Sonntag hundert Franken zahlen [13,110]
Unweigerlich; wo nicht, bin ich verloren.
Und doch, ich wäre lieber nicht geboren,
Als daß mir Hohn und Schande widerführe;
Und wenn dazu mein Mann es noch erführe,
Wär's mit mir aus. Drum wollt so gütig sein –
Sonst ist's mein Tod – die Summe mir zu leihn.
Ich bitt' euch, Herr, leiht mir die hundert Franken.
Bei Gott, ich werd' euch ewig dafür danken,
Wollt ihr mir diese Bitte nicht versagen.
Ich zahl' es euch zurück nach wen'gen Tagen, [13,120]
Und bin euch zu gefallen jeder Zeit
Zu jedem Dienst, den ihr verlangt, bereit.
Verweigr' ich ihn, soll Gott so bösen Lohn
Mir geben, wie dem Franken Ganelon.«

Der edle Mönch antwortet ihr sofort:
»Ja, meine theure Herrin, auf mein Wort,
Solch Mitgefühl hab' ich mit euerm Leide,
Ich schwör' auf Treu und Pflicht mit heil'gem Eide:
Wird euer Herr verreist nach Flandern sein,
Will ich von diesem Kummer euch befrein: [13,130]
Ich bringe sicher euch die hundert Franken.«
Und bei dem Wort hat er sie um die Flanken
Gefaßt, geküßt und fest ans Herz gedrückt.
»Jetzt geht, doch leis' und ruhig, und beschickt
Das Mahl, sobald es nur geschehen kann;
Denn mein Kalender zeigt die Primzeit an.
Nun geht«, sprach er, »und seid so treu wie ich.«
»Das will ich«, sprach sie, »Gott behüte mich.«
Fort ging sie, wie ein Elsterlein verwegen,
Befahl den Köchen, Hand ans Werk zu legen, [13,140]
Damit man speisen könnt' und zwar geschwind;
Hinauf zum Mann ging drauf das schöne Kind
Und klopfte keck an der Kontorthür an.

» Qui est là?« fragt' er. »Ich bin's, lieber Mann«,
Sprach sie. »Was, Herr, wie lange wollt ihr fasten?
Wollt ihr denn nimmer mit der Rechnung rasten,
Und ewig nur in Geld und Büchern kramen?
Der Teufel hole all das Rechnen, Amen!
Ihr seid mit Gottes Gabe gnug versehn.
Kommt jetzt herab und laßt die Beutel stehn. [13,150]
Und soll den ganzen Tag auch Herr Johann
Elend und nüchtern gehen? Schämt euch, Mann;
Kommt, laßt uns Messe hören und dann essen.«

»Frau«, sprach der Mann, »du kannst es kaum ermessen,
Wie seltsam das Geschäft oft bei uns ist.
Bei Gott und bei dem heil'gen Ivo, wißt,
Von uns Kaufleuten sind wohl schwerlich zehn
Von zwanzigen, die stets in Wohlergehn
Verharren bis an ihres Alters Ziel.
Mit guter Miene zu dem bösen Spiel [13,160]
Treibt man die Welt entlang, so gut es geht,
Und hält geheim, wie es mit Einem steht,
Bis an den Tod, wenn man nicht gar geschickt
Den Pilger spielt und aus dem Weg sich drückt.
Drum darf ich es durchaus nicht unterlassen,
Die närr'sche Welt scharf ins Gesicht zu fassen.
Denn immer ist des Handelsstandes Blick
Voll Angst gespannt auf Zufall und auf Glück.
Nach Flandern denk' ich morgen früh zu gehn.
Ich kehre heim, sobald es kann geschehn. [13,170]
Geh, liebes Weib, ich bitte dich darum,
Mit Jedem freundlich und bescheiden um.
Sei sorgsam, unsre Güter zu erhalten,
Und unser Haus in Ehren zu verwalten.
Du hast genug von Vorrath allerhand,
Womit ein tüchtig Haus man hält im Stand.
Nichts fehlt dir, dich zu speisen und zu schmücken.
Die Börse will ich dir mit Silber spicken.«

Und mit dem Wort schloß das Kontor er zu
Und ging hinab; es ließ ihm nicht mehr Ruh. [13,180]
Noch eine Messe hörte man in Eile,
Man deckte drauf die Tische sonder Weile
Und setzte sich zum Morgenbrod in Hast,
Und reichlich tafelte des Kaufmanns Gast.

Nach Tische nimmt höchst ernsthaft Herr Johann
Und insgeheim bei Seit' den Handelsmann
Und spricht: »Herr Vetter, wie die Sachen stehn,
So seh' ich, daß ihr wollt nach Brügge gehn.
Mag Gott euch und St. Augustin geleiten.
Ich bitt' euch, Vetter, mit Bedacht zu reiten. [13,190]
In der Diät auch geht mit Mäßigkeit
Zu Werk, zumal in dieser heißen Zeit.
Ceremonie kann zwischen uns nichts nützen.
Lebt wohl denn, Vetter, und mag Gott euch schützen.
Soll irgendwas geschehn bei Tag wie Nacht,
Wenn es nur anders liegt in meiner Macht,
Das ihr mir irgendwie wollt anempfehlen,
Bestimmt euch nur; es soll an mir nicht fehlen.

Doch Eins noch möcht' ich bitten, eh' ihr geht,
Ihr wollt mir, wenn's in euern Kräften steht, [13,200]
Auf ein paar Wochen hundert Franken borgen.
Ich habe ein'ges Vieh noch zu besorgen;
Es soll für eine unsrer Meierein –
Bei Gott, ich wünscht', es möchte eure sein –;
Um tausend Franken will ich nicht verfehlen
Den Zahltag; ihr könnt auf die Stunde zählen.
Doch bitt' ich, schweigt indessen davon still,
Da ich das Vieh heut Nacht noch kaufen will.
Lebt wohl, und grand mercy, mein Vetter werth,
Für all die Freundschaft, die ihr mir gewährt.« [13,210]

Und es versetzt der edle Handelsmann
Und spricht: »Mein lieber Vetter, Herr Johann,
Fürwahr, die Bitt' ist nur gering; mein Gold
Steht euch zu Diensten, wenn ihr immer wollt,
Und nicht mein Gold allein, auch meine Waaren.
Verhüte Gott, ihr wolltet deshalb sparen.
Doch Eins: Ihr wißt es selber gut genug,
Dem Kaufmann ist sein Geld einmal sein Pflug.
Er nimmt auf Borg, so lang sein Name hält,
Doch ist sein Spiel aus, wenn er ohne Geld. [13,220]
Wann's euch bequem ist, zahlt die Schuld mir ein.
Nach Kräften möcht' ich euch gefällig sein.«

Die hundert Franken holte er sodann
Und gab im Stillen sie dem Herrn Johann.
Es sah ihn Niemand sonst die Summe leihn;
Der Kaufmann und der Mönch wußt' es allein.
Dann trank und ging und sprach man allerlei,
Bis Herr Johann fortritt zu der Abtei.

Der Morgen kam, und früh gen Flandern ritt
Der Kaufmann; er nahm seinen Lehrling mit, [13,230]
Der wohlbehalten ihn bis Brügge brachte,
Wo munter er an sein Geschäft sich machte.
Er kauft und borgt, verfolget rasch sein Ziel
Und schiert sich nicht um Tanz und Würfelspiel,
Nein, nutzt als Kaufmann, um es kurz zu sagen,
Gut seine Zeit; mag es ihm wohl behagen. –
Den Sonntag drauf, seit er die Stadt verließ,
Kam unser Herr Johann nach St. Denys,
Ganz glatt und frisch rasiert um Bart und Glatze.
Kein Knecht war so gering am ganzen Platze, [13,240]
Und Niemand sonst, den es nicht sehr erfreut,
Daß Herr Johann zurückgekommen heut,
Und, um zum rechten Punkt gleich zu gelangen,
Die Schöne ist den Vorschlag eingegangen.
– – – – – – – – –
– – – – – – – – –
Und dem Vertrag ward durch die That genügt,
Da sie die Nacht geschäftig und vergnügt
Verbringen, bis Johann, sobald es tagt,
Des Wegs geht und Ade den Leuten sagt, [13,250]
Da Keiner, ja da Niemand in der Stadt
Auf Herrn Johann den mind'sten Argwohn hat.
Heim trabt er zur Abtei; wenns ihn ergetzt,
Auch weiter. Doch genug von ihm für jetzt.

Der Kaufmann, als die Messe war beendet,
Hat sich nach St. Denys zurückgewendet,
Weilt bei der Frau in Lust und Wohlbehagen
Und sagt, die Waaren sein so aufgeschlagen,
Daß er genöthigt sei, sich Geld zu leihn,
Da er am Markt statt Zahlung einen Schein [13,260]
Auf zwanzigtausend Thaler ausgestellt.
Drum ging er nach Paris, um ein'ges Geld
Von seinen Handelsfreunden zu bekommen.
Er hatte andre Freunde mitgenommen.
Und als er in der Stadt kaum langte an,
Hatt' er zuvörderst erst zu Herrn Johann
Aus lauter Lieb' und Freundschaft sich begeben,
Und nicht etwa, um Geld dort zu erheben;
Nur um zu sehn und hören, wie's ihm gehe;
Zu sagen auch, wie's mit dem Handel stehe – [13,270]
Wie Freunde thun, wenn sie zusammen kommen.
Der Mönch hat ihn höchst gastfrei aufgenommen,
Und er erzählt im Einzelnen darauf,
Wie, Gott sei Dank, er einen guten Kauf
Gemacht und seine Waaren all geborgen.
Er müsse freilich nun für Wechsel sorgen
In jeder Weise, wie's am besten ginge.
Dann werd' er ruhig sein und guter Dinge.
Johann versetzt: »Es freut mich überaus,
Daß ihr gesund zurückgekehrt nach Haus. [13,280]
Wär' ich nur reich, sollt' es, bei meiner Seelen,
Euch nicht an zwanzigtausend Thalern fehlen,
Da ihr so freundlich mir an jenem Tag
Das Geld geliehn. Wie ich nur kann und mag,
Bei Gott und bei St. James weiß ich euch Dank.
Doch zahlt' ich's schon zurück in eure Bank
Daheim an euer Weib, die gnäd'ge Frau,
Dasselbe Gold (sie weiß es selbst genau),
In sichern Marken, die ich ihr kann nennen.
Jetzt, mit Verlaub, muß ich mich von euch trennen; [13,290]
Denn unser Abt will aus der Stadt gleich reiten,
Und ich muß auf dem Wege ihn begleiten.
Lebt wohl! Auf Wiedersehn! An meine süße
Cousine, eure Frau, die schönsten Grüße.«

Der Kaufmann, gar vorsichtig und gewandt,
Leiht sich das Gold, das baar er in die Hand
Den Lombardwechslern zahlt gleich in Paris.
Worauf er seinen Schein sich geben ließ
Und heimwärts eilte, wie ein Specht so froh.
Er sah sehr wohl, es stand sein Handel so, [13,300]
Daß ihm die Reise, selbst mit Anbetracht
Der Kosten, tausend Franken eingebracht.

Sein Weib kam ihm entgegen bis ans Thor,
So wie sie jederzeit gepflegt zuvor.
In Scherz und Jubel ging die Nacht vorbei;
Denn er war reich und gänzlich schuldenfrei.
Aufs neu umarmt er bei des Morgens Licht
Sein Weib und küßt ihr nettes Angesicht.
– – – – – – – – –
– – – – – – – – –
Und als ihr lüstern Spiel zuletzt beendet, [13,311]
Hat sich der Kaufmann so zu ihr gewendet:
»Bei Gott, ich bin ein wenig bös' auf dich,
Mein Weibchen, ist's mir selbst gleich ärgerlich.
Weißt du, warum? Mich dünkt, es ist durch dich,
Weiß Gott, etwas Entfremdung zwischen mich
Und meinen Vetter, Herrn Johann, gebracht.
Hätt'st du mich nur drauf aufmerksam gemacht,
Daß er dir hundert Francs in Marken baar
Gezahlt. Mir schien, daß sehr verstimmt er war, [13,320]
Als ich zu ihm von Wechselschulden sprach;
Es schien mir ganz so seinen Mienen nach.
Und doch – ich kann's bei Gott im Himmel sagen -
Ich dachte gar nicht dran, darnach zu fragen.
Thu das, mein Weibchen, künftig lieber nicht.
Gieb, eh' ich gehe, stets mir erst Bericht,
Ob dir in deines Manns Abwesenheit
Jemand gezahlt, daß durch Nachlässigkeit
Du mich nicht fordern läßt, was längst gedeckt.«

Das Weib war nicht im mindesten erschreckt [13,330]
Und hub sofort ganz keck zu schelten an:
»Jesus Marin! Der falsche Mönch Johann!
Ich habe keine Marken von dem Wicht.
Er brachte Gold mir, ja, das leugn' ich nicht.
O, wär' ihm doch sein böses Maul verhaun!
Weiß Gott, ich nahm es nur in dem Vertraun,
Er hätt' es mir gegeben euretwegen,
Ansehn und Ehre für euch einzulegen.
Aus Vetternschaft und für die Freundlichkeit,
Die ihm zu Theil hier ward zu mancher Zeit. [13,340]
Doch da ich mich so schlimm bedrängt muß sehn,
Will ich genau euch Red' und Antwort stehn.
Ihr habt mehr faule Schuldner wohl als mich.
Ich will bezahlen prompt, unweigerlich,
Von Tag zu Tag, und wenn ich schuldig bleibe,
Setzt es auf's Kerbholz mir als euerm Weibe.
Ich zahl' es euch, sobald ich irgend kann.
Denn nur zu meinem Schmuck, mein lieber Mann,
Hab' ich's verbraucht; ich hab' es nicht verschwendet.
Und da ich es so passend angewendet [13,350]
Zu eurer Ehre, zürnt mir auch nicht weiter,
Um Gottes willen, und seid froh und heiter.
Ihr habt zum Pfande meinen netten Leib:
Bei Gott, im Bett nur zahlt euch euer Weib.
Vergebt es mir, mein lieber guter Mann;
Dreht euch herum und seht mich freundlich an.«

Der Kaufmann sah, hier werde nichts verschlagen,
Es wäre thöricht, weiter sie zu plagen,
Da doch die Sache nicht zu ändern sei.

»Nun«, sprach er, »Frau, für diesmal gehst du frei, [13,360]
Doch sei mir künftig so verschwendrisch nicht
Mit meinem Gut; das mach' ich dir zur Pflicht.«
So endet die Geschichte denn; und sende
Uns Gott Geschichten bis an unser Ende.

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