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Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 18
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
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Die Erzählung des Ablaßkrämers.

Prolog.

Und unser Wirth schwor außer sich vor Wuth:
»Bei Christi Nägeln und beim heil'gen Blut!
Ein falscher Kerl das und ein falscher Richter!
Mit Schimpf und Schande möcht' ich das Gelichter
– Richter und Advokat – zum Henker jagen.
Freilich, das arme Mädchen ist erschlagen!
Zu theuer kam die Schönheit ihr zu stehn.
Drum sag' ich: Man kann alle Tage sehn:
Die Gaben des Geschicks und der Natur,
Sie sind der Tod gar mancher Creatur. [12,230]
Die Schönheit war ihr Tod, kann man wohl sagen.
Weh, wie so jammervoll sie ward erschlagen!
Oft sind die Gaben uns, die ich genannt,
Viel mehr zum Schaden als zum Heil gesandt.

Doch meiner Treu, ihr habt, mein Meister werth,
'ne traurige Geschichte uns beschert.
Doch nichts für ungut, laßt, es soll nicht schaden.
Gott schütze euren edeln Leib in Gnaden
Sammt jedem Kammertopf und Wasserglas,
Auch deinen Galien und Hippokras [12,240]
Und jegliche Latwerg' in deinem Laden.
Gott möge sie und Unsre Frau begnaden.
Du bist, bei meiner Seel', ein schmucker Mann
Wie ein Prälat, beim heil'gen Ronian.
Sagt' ich nicht recht? Ich kann nicht zierlich sprechen.
Doch das steht fest, du machst mein Herz mir brechen.
Sodbrennen hab' ich fast davon gekriegt.
Beim Leib des Herrn, nehm' ich 'was Bittres nicht,
Sei's auch ein Schluck von gutem körn'gen Bier
– Vielleicht hilft auch ein lust'ges Märlein mir –, [12,250]
Bricht um die Jungfrau mir das Herz vor Weh.
He! bel ami, du Ablaßkrämer, he!
Bring gleich uns ein'ge Schnurren auf die Bahn!«

»Das soll geschehn, beim heil'gen Ronian.
Doch will ich etwas Kuchen erst genießen
Beim Bierkranz hier und Eins dahinter gießen.«

Da riefen laut die feinen Leute drein:
»Nein, sagt uns nichts von solchen Schmutzerein!
Lehrhaftes sollt, Moralisches ihr wählen.«

»Recht gern« (und sprach, was ich gleich will erzählen), [12,260]
»Gewiß, doch will ich mich beim Glas bedenken;
Drum wollt mir Zeit, so lang' ich trinke, schenken.«

Die Erzählung des Ablaßkrämers.

Herrschaften, sprech' ich in den Kirchenhallen
Als Pred'ger, lass' ich laut die Stimme schallen,
Daß rund und voll sie klingt wie eine Schelle.
Auswendig weiß ich Alles, Stell' um Stelle.
Denn stets hab' ich ein Thema, nämlich das:
Radix malorum est cupiditas.

Zuerst sag' ich, von wannen ich gekommen.
Dann werden alle Bullen vorgenommen. [12,270]
Erst mein Patent, vom König selbst petschiert,
Das Sicherheit des Leibs mir garantirt;
Daß freche Priester sich's und Klöster merken
Und mich nicht stören in den heil'gen Werken.
Dann leg' ich fördersamst mich auf's Erzählen,
Ich zeige Bullen nun von Kardinälen,
Bischöfen, Patriarchen, Päpsten auf,
Setz' einige latein'sche Phrasen drauf,
Die als Gewürz ich in die Predigt rühre,
Und so der Hörer Herz zur Andacht führe. [12,280]
Dann zeig' ich Flaschen von durchsicht'gen Steinen,
Ganz vollgepfropft mit Brocken und Gebeinen.
Ein Jeder denkt, daß es Reliquien sein.
Ich hab' in Messing auch ein Schulterbein,
Das eines heil'gen Juden Schaf gehört.
Ihr guten Leute, merkt mein Wort und hört:
Wenn ihr in einem Brunnen wascht den Knochen,
Und würd' euch Schaf, Kalb, Ochse, Kuh gestochen
Von einem Wurm, so daß der Leib ihm schwölle,
Wascht dann dem Thier mit Wasser aus der Quelle [12,290]
Die Zunge, und es heilt sogleich. Noch weiter:
Von Pocken, Grind, von Wunden und von Eiter
Wird jedes Schaf, säuft es aus dieser Quelle
Nur einen Schluck – merkt wohl – heil auf der Stelle.
Wenn wöchentlich der, dem das Vieh gehört,
Des Morgens, eh den Hahn er krähen hört,
Nüchtern aus diesem Quell ein Schlückchen nimmt,
Wie es der Jud' in alter Zeit bestimmt,
Wird Vieh und Hausstand ihm vervielfacht werden.
Es heilt sogar der Eifersucht Beschwerden. [12,300]
Wenn diese Wuth bei Jemand ausgebrochen,
Muß seine Supp' er mit dem Wasser kochen.
Dann wird er nie mißtrauen seiner Frau,
Wüßt' er von ihrer Schuld noch so genau,
Und hielte sie zwei Pfaffen sich und mehr.

Hier hab' ich einen Fausthandschuh, seht her!
Wer in den Handschuh steckt die Hand hinein,
Dem wird sein Korn wohl zwanzigfach gedeihn,
Wenn er es sät, sei's Hafer oder Weizen.
Nur muß er nicht mit Deut und Groschen geizen. [12,310]

Doch Eins, ihr Herrn und Fraun, sag' ich euch jetzt.
Wer seinen Fuß in diese Kirche setzt,
Und so gesündigt hat – wovor mir schaudert –,
Daß er aus Scham die Schuld zu beichten zaudert;
Auch alle Weiber – jung und alt zumal –
Die Hörner aufgesetzt dem Ehgemahl,
Solch Volk soll haben weder Macht noch Gnade
Zu opfern hier vor der Reliquien-Lade.
Doch wer sich solcher Schande nicht bewußt,
Der komm und opfre hier nach Herzenslust. [12,320]
Und kraft der Vollmacht, die mir ist verliehn
Durch diese Bulle, absolvir' ich ihn.
Der Spaß hat hundert Mark mir jedes Jahr
Gebracht, seitdem ich Ablaßkrämer war.
Ich steh' auf meiner Kanzel wie die Pfaffen,
Und wenn das Volk sich setzt, mich anzugaffen,
Dann pred'ge laut ich so, wie ich vorher
Gesagt, und treibe hundert Possen mehr.
Dann streck' ich meinen Hals auf dem Genicke,
Indem nach Ost und West zum Volk ich nicke [12,330]
Wie eine Taube auf dem Scheunendach,
Und Händ' und Zunge gehen Schlag und Krach,
Daß eine Lust es ist, mir zuzusehn.
Auf Geiz und derlei Schändlichkeiten gehn
All meine Predigten, daß liberal
Sie ihre Groschen spenden, mir zumal.
Denn meine Absicht ist Gewinn allein;
Nicht, sie um ihre Sünden zu kastein.
Ich kümmre mich um ihren Tod mit nichten,
Und gehn auch ihre Seelen in die Fichten. [12,340]

Denn manche Predigt, die gar schön geklungen,
Ist doch aus böser Absicht nur entsprungen:
Der hascht nach Volksgunst nur durch Schmeichelei,
Und nach Beförderung durch Heuchelei;
Da Ruhmsucht Jenen, Haß den Dritten treibt.
Denn wenn mir sonst kein Weg zum Streite bleibt,
Weiß ich ihm einen scharfen Stich zu geben
Beim Predigen; er darf sich nicht erheben,
Er sei verleumdet, wenn er in der That
Mir und den Brüdern mein zu nahe trat. [12,350]
Ich darf ihn gar nicht erst beim Namen nennen.
Man soll durch sichre Zeichen schon erkennen
Und andre Mittel, daß ich ihn gemeint.
So trumpf' ich Jeden ab, der unser Feind,
Und speie unter einem Heil'genschein
Mein Gift aus, selber scheinbar treu und rein.
Ja, meiner Predigt Ziel ist jederzeit,
Um kurz zu reden, nur Begehrlichkeit.
Drum war und bleibt mein Thema ewig das:
Radix malorum est cupiditas. [12,360]
So greif' ich denn in meiner Predigt eben
Das Laster an, dem ich mich selbst ergeben:
Die Habsucht; doch wie sehr sie mich auch plage,
So mach' ich, daß mein Nächster ihr entsage,
Und reuig büße die verletzte Pflicht.
Doch ist dies gar nicht meine Hauptabsicht.
Nur der Begehrlichkeit gilt meine Predigt;
Und hiemit wäre dieser Stoff erledigt.

Manch Beispiel pfleg' alsdann ich vorzutragen;
Alte Geschichten aus vergangnen Tagen. [12,370]
Denn der gemeine Mann hängt an den alten
Geschichten, und pflegt gut sie zu behalten.
Was? Meint ihr denn, derweil mir die Sermonen
Mit Gold und Silber die Belehrung lohnen,
Ich wollte mich freiwill'ger Armuth weihn?
Wahrhaftig, nein, das fiel mir niemals ein.
Ich bettle, pred'gend, mich von Land zu Land.
Ich mag nicht Arbeit thun mit meiner Hand
Und will, statt daß ich mich von Körbeflechten
Ernähre, lieber müßig gehn und fechten. [12,380]
Ich will nicht den Apostel affektiren,
Will Weizen, Wolle, Käse, Geld lukriren,
Und wenn es mir im Dorf der ärmste Knecht,
Die ärmste Wittwe giebt, ist's mir schon recht –
Und wenn ihr Kindervolk verhungern müßte.
Nein, nach dem Rebensaft steht mein Gelüste
Und einer schmucken Dirn' in jeder Stadt.

Doch, werthe Herrn, weil's euch gefallen hat,
Daß ich erzählen soll, so höret jetzt.
Nun mich ein Schlückchen körn'ges Bier geletzt, [12,390]
Hoff' ich zu Gott, euch etwas vorzutragen,
Das euch vernünft'ger Weise soll behagen,
Da, bin ich gleich ein lasterhafter Mann,
Ich doch moralisch gnug erzählen kann,
So wie's beim Predigen mir bringt Gewinn.
Jetzt still! Denn dies ist meiner Mär Beginn.

In Flandern war einst eine Kompanei
Von jungem Volk. Die trieben allerlei
Thorheit und Lärm in Kneipen und Bordellen.
Bei Harf' und Zither sah man die Gesellen, [12,400]
Bei Würfelspiel und Reigen Tag und Nacht.
Da aß und trank man über Maß und Macht.
In Satans Tempel brachte so die Schaar
Dem Satanas verruchte Opfer dar
Mit graunvoll ekelhafter Völlerei.
Sie schworen so verdammungswerth dabei,
Daß man die Eide hörte mit Entsetzen.
Sie rissen Christi heil'gen Leib in Fetzen,
Als ob ihn nicht die Juden gnug zerstückt,
Und lachten, wenn ein Schandstück recht geglückt. [12,410]

Dann traten Tänzerinnen, schlank und fein,
Und junge Fruchtverkäuferinnen ein,
Und Harfenmädchen, Waffelhändlerinnen:
Das sind des Teufels rechte Dienerinnen.
Die fachen an der Wollust heißen Brand,
Die mit der Schlemmerei so nah verwandt.
Die heil'ge Schrift wird selber mir bezeugen,
Daß Wein und Trunksucht böse Lust erzeugen.
Sieh, wie der trunkne Loth zu seiner Schmach
Unwissend bei den beiden Töchtern lag; [12,420]
Betrunken wußt' er nicht, was er begann.

Herodes (seht euch die Geschichten an)
Befahl, als er beim Fest zu Tische saß,
Benommen von des Weines Uebermaß,
Johann den Täufer schuldlos zu erschlagen.
Ein gutes Wort weiß Seneca zu sagen:
Er werde keines Unterschieds gewahr
Zwischen dem Mann, der des Verstandes baar,
Und einem andern, der in trunknem Muth.
Nur daß bei Jenem Raserei und Wuth [12,430]
Von längrer Dauer als im Rausche sei.

O schändliche, verfluchte Schlemmerei,
Von der all unser Uebel ist entstammt,
Um die zu allererst wir sind verdammt,
Bis Christ uns losgekauft mit seinem Blut.
Fürwahr ihr seht, was für ein theures Gut
Die schnöde Lust verlangt als Lösegeld.
Die Schlemmerei verdarb die ganze Welt.

Dies Laster war's, drob aus dem Paradies
Gott unsern Vater Adam einst verwies [12,440]
Sammt seinem Weib zu Arbeit und zu Wehe.
So lang er nüchtern, lebt' er, wie ich sehe,
Im Paradiese; doch als von der Frucht
Des ihm verbotnen Baumes er versucht,
Gleich ward verstoßen er zu Weh und Plagen;
Dich, Schlemmerei, muß man darum verklagen.

O dächte Mancher, welcher Schwarm von Seuchen
Entspringt aus Uebermaß und vollen Bäuchen,
Würd' er bei Tisch, bei seinen Schmauserein,
Im Essen und im Trinken mäß'ger sein. [12,450]
Ost-, west-, süd-, nordwärts um das Erdenrund
Zerquälst du, leckre Zung' und kurzer Schlund,
Den Menschen, ach! in Feuer, Luft und Wasser,
Um Leckerein zu schaffen für den Prasser.
Darin, St. Paul, kannst du uns unterweisen:
»Den Bauch der Speise und des Bauches Speisen
Wird beide Gott, wie Paulus sagt, zerstören.«
Pfui! Schmutzig ist's, zu sagen und zu hören,
Und schmutz'ger ist die That noch als sie klingt,
Wenn Einer so vom Weiß- und Rothen trinkt, [12,460]
Daß durch die schändliche Unmäßigkeit
Zum Abtritt er den eignen Schlund entweiht.

Hört, was mit Thränen der Apostel klagt:
Es wandeln Viele, wie ich oft gesagt,
Nun sag' ich es mit Weinen auch; sie sind
Dem Kreuze Christi feindlich nur gesinnt.
Bauch heißt ihr Gott, ihr Ende ist der Tod.
O Leib, o Bauch, du bist ein Sack voll Koth
Und stinkest nach Verwesung und nach Mist.
Wie faul dein Leib an beiden Enden ist! [12,470]
Wie muß man, dich zu sättigen, sich plagen!
Wie muß der Koch nicht stoßen, reiben, schlagen
Und die Substanz zum Accidens verkehren,
Bis er erfüllt dein lüsternes Begehren!
Er schlägt das Mark selbst aus den harten Knochen;
Nichts wirft er fort; er muß euch Alles kochen,
Was durch die Kehle geht süß und gelinde.
Aus Specerein, aus Wurzel, Blatt und Rinde
Muß seine Sauce er zusammensetzen,
Von neuem euern Appetit zu wetzen. [12,480]
Doch sie, die solcher Ueppigkeit ergeben,
Sind todt, indem sie in den Lastern leben.

Ein lüstern Ding ist Wein, und Trunkenheit
Ist voll von Sünden und Begehrlichkeit.
O Trunkenbold, dein Antlitz ist abscheulich,
Dein Athem sauer, dein Umarmen gräulich.
Durch deine Nase hört man ein Gesaus,
Als riefst du immer: Simson, Simson aus!
Und doch, weiß Gott, trank Simson niemals Wein.
Dann fällst du hin wie ein gestochnes Schwein; [12,490]
Der Zunge Herrschaft, aller Anstandssinn,
Verstand und Ueberlegung sind dahin.
Sie sind im Rausch recht eigentlich begraben.
Wer über sich den Trunk läßt Herrschaft haben,
Hat kein Geheimniß mehr in seiner Macht.
Vor Rothem nehmt und Weißem euch in Acht;
Besonders vor dem weißen Wein von Lepe,
Den man verkauft am Fischmarkt und in Chepe.
Es schleicht sich heimlich dieser span'sche Wein
In die benachbarten Gewächse ein [12,500]
Und führet solchen Dunst sogleich herbei,
Daß einer, trinkt er nur der Gläser drei
Und wähnt, er sei zu Haus bei sich in Chepe,
In Spanien ist, grad in der Stadt zu Lepe,
Nicht in Bordeaux, noch in der Stadt Rochelle.
Und Simson, Simson, sagt er auf der Stelle.
Doch hört, ihr Herrn, und laßt euch Eins berichten,
Daß jede große That in den Geschichten
Des alten Testaments und jede Schlacht,
Durch die Gott der Allmächt'ge Sieg gebracht, [12,510]
Mit Fasten stets und mit Gebet geschehn.
Lest nur die Bibel nach; da könnt ihr's sehn.

Seht Attila, so ruhmreich durch sein Schwert,
Er starb im Schlafe, schmachvoll und entehrt
Am Nasenbluten in der Trunkenheit.
Ein Feldherr übe stets Enthaltsamkeit.
Allein vor Allem merkt euch den Befehl,
Der einst gegeben ward dem Lamuel,
Dem Lamuel (nicht Samuel etwa).
Die Bibel lest; es steht ausdrücklich da: [12,520]
»Man soll den Richtern geben keinen Wein.«
Nichts mehr davon; dies mag genügend sein.

Und da ich nun von Schlemmerei so viel
Gesagt, verbiet' ich jetzo auch das Spiel.
Hasardspiel ist die Mutter alles Lugs,
Des gottverfluchten Meineids und Betrugs,
Zeugt Mord, Verlästrung Christi, ist an Geld
Und Zeit Verschwendung. Außerdem verfällt
Dem schlimmsten Ruf und spricht der Ehre Hohn,
Wer als ein Spieler gilt von Profession, [12,530]
Da man ihn nur um so ehrloser hält,
Je höher seine Stellung in der Welt.

Und wenn nun gar ein Fürst Hasardspiel liebt,
Trotzdem ihn Macht und Herrscherglanz umgiebt,
Wird es ihm in dem allgemeinen Glauben
Nur um so mehr Ansehn und Achtung rauben.
Einst ward ein weiser Mann, Stilbon genannt,
In hohen Ehren nach Korinth gesandt
Von Sparta, um ein Bündniß abzuschließen.
Und als er kam, wie mußt' es ihn verdrießen, [12,540]
Daß er die ersten Männer in dem Land
Sämmtlich beschäftigt beim Hasardspiel fand!
Drum schlich er, als er seine Zeit ersehn,
Sich still davon, um wieder heim zu gehn,
Und sprach: »Nicht wollt' ich meinen Ruf verlieren
Und durch die Schande, euch zu alliiren
Mit Spielern, meinen eignen Namen schänden.
Ihr mögt nur andre Unterhändler senden.
Denn traun, ich ließe lieber mich erschlagen,
Als Spielern euer Bündniß anzutragen. [12,550]
Denn ihr, so glänzend stets in Ruhm und Ehren,
Sollt Spielern nimmer Alliance gewähren
Nach meinem Rath, so weit ich's hindern kann.«
So sprach der Philosoph und weise Mann.

Der Partherkönig, wie die Chronik lehrt,
Hatt' ein Paar goldne Würfel einst verehrt
Dem Herrn Demetrius, ihn zu verhöhnen,
Da früher er dem Spiel gepflegt zu fröhnen.
Drum schien, wie hoch er immer ward geehrt,
Sein Ruf und Ruhm ihm ohne allen Werth. [12,560]
Es wird, die Zeit anständig zu vertreiben,
Den hohen Herrn manch Spiel noch übrig bleiben.

Nun höret noch von schweren, falschen Eiden
Ein Wort, wie alte Bücher uns bescheiden.
Ein schwerer Eid ist schon an sich abscheulich;
Ein falscher Eidschwur aber doppelt gräulich.
Wie uns Matthäus sagt, hat überhaupt
Der große Gott das Schwören nicht erlaubt.
Und Jeremias im Speciellen spricht:
»Sei wahr bei deinem Schwur und lüge nicht. [12,570]
Auch schwöre vor Gericht in Rechtlichkeit.
Doch ruchlos stets ist ein leichtfert'ger Eid.

Blick hin, was auf der ersten Tafel steht,
Die uns verordnet Gottes Majestät.
Wie heißt daselbst das andere Gebot?
»Nicht führe meinen Namen ohne Noth.«
Du siehst daher, daß er das Schwören eh'r
Uns untersagt als Mord und Andres mehr.
Ich sage, daß es so der Reih' nach steht;
Und wer auf die Gebote sich versteht, [12,580]
Weiß, daß es in der That das zweite ist.
Und ferner spricht er (daß genau ihr's wißt):
»Deß Haus soll nimmer ungestraft verbleiben,
Der Mißbrauch wird mit meinem Namen treiben.«
»Bei Gottes Nägeln! Gottes heil'gem Herz!
Bei Christi Blut in Hailes, es ist kein Scherz;
Mein Wurf ist sieben, deiner fünf und drei,
Bei Gottes Armen, treibst du Mochelei,
Will diesen Dolch ich durch das Herz dir jagen!«
– Dies ist die Frucht, so die zwei Knöchel tragen: [12,590]
Jähzorn und Meineid und Betrug und Mord.
Um Christi Opfertod denn hört mein Wort,
Hoch und Gering, und mäßigt euch im Schwören.
Jetzt sollt ihr meine Märe weiter hören.
Die drei Geselln, davon ich angefangen,
Die saßen, eh' zur Prim die Glocken klangen,
Im Wirthshaus und beim Becher lange schon,
Da hörten hell sie eines Glöckleins Ton
Von einer Leiche, die man trug zur Gruft.
Worauf der eine seinen Burschen ruft [12,600]
Und spricht: »Geh rasch und ziehe Nachricht ein,
Was für ein Leichenzug das möge sein,
Und bringe mir genau davon Bericht.«
Der Bube sprach: »Herr, deß bedarf es nicht.
Schon vor zwei Stunden hört' ich in der That,
Es sei von euch ein alter Kamerad,
Der letzte Nacht, da auf der Bank betrunken
Er dasaß, plötzlich todt dahin gesunken.
Denn heimlich kam der Schächer, Tod genannt,
Der alles Volk erschlägt in diesem Land [12,610]
Und stach ihm mit dem Speer das Herz entzwei,
Ging seines Wegs und sprach kein Wort dabei.
Er hat wohl Tausend bei der Pest erschlagen,
Und wollt ihr euch in seine Nähe wagen,
So ist es sehr nothwendig, wie mir scheint,
Wohl auf der Hut zu sein vor solchem Feind.
Ihm zu begegnen seid drum stets bereit.
Dies gab mir meine Herrin zum Bescheid.«

»Bei Unsrer Lieben Frau, das Kind spricht wahr«,
Versetzt der Schenkwirth. »Er erschlug dies Jahr [12,620]
In einem Flecken, eine Meile fern
Von hier, Mann, Weib und Kind, Knecht, Magd und Herrn.
Er hat wohl seinen Wohnsitz dort genommen;
Sehr weise wär' es, ihm zuvor zu kommen,
Bevor er selber Einem Schmach anthut.«

Der Raufbold sprach: »Ist es, bei Gottes Blut,
Denn so gefährlich, kommt man ihm entgegen?
Ich such' ihn mir auf Wegen und auf Stegen,
Ich schwör's bei Gottes heiligem Gebein,
Hört, Burschen, laßt uns Drei hier einig sein [12,630]
Und laßt einander uns die Hand einschlagen.
Wir wollen uns als Brüder hier vertragen,
Wir wolln ermorden diesen Schurken Tod,
Der so viel Andere mit Mord bedroht,
Bei Gottes Majestät, noch vor der Nacht.

So haben diese Drei denn ausgemacht,
Bei ihrem Eid als Brüder treu ergeben
Sich beizustehn im Sterben oder Leben.
Sie sprangen wüthend ganz betrunken auf
Und nahmen zu dem Flecken ihren Lauf, [12,640]
Von dem der Schenkwirth kurz zuvor gesprochen.
Sie haben Christi heil'gen Leib zerbrochen
Und manchen grausen Eid dabei geschworen:
»Wenn wir ihn fassen, ist der Tod verloren.«
Kaum waren tausend Schritt sie auf dem Weg
Und wollten just betreten einen Steg,
Da trifft auf sie ein armer, alter Mann,
Und grüßt bescheiden sie und spricht sie an:
»Verleih' euch Gott, ihr Herren, seinen Segen.«
Der frechste der drei Brüder sprach dagegen: [12,650]
»Was, Kerl, zum Henker, hast du dich so dicht
Doch eingewickelt bis auf dein Gesicht?
Wozu soll dir so hohes Alter taugen?«

Der alte Mann sah fest ihm in die Augen
Und sprach: »Ich kann auf Erden Niemand finden,
Und sucht' ich auch umher bis zu den Inden,
In Stadt und Dorf, der mir sein junges Leben
Zum Austausch für mein altes möchte geben.
Drum muß ich mich begnügen mit dem alten
Und es, so lang es Gott gefällt, behalten. [12,660]
Ach, nicht einmal der Tod begehrt danach!
So wandl' ich rastlos, jammervoll und schwach
Auf diesem Grund, der meiner Mutter Thor,
Steh' früh und spät mit meinem Stab davor
Und klopf' und rufe: Mutter, laß mich ein,
Haut, Fleisch und Blut schrumpft mir um mein Gebein,
Und ach, wann dürfen meine Glieder rasten?
Ach, Mutter, gern tauscht' ich mit dir den Kasten,
Den ich in meiner Kammer lange Zeit
Bewahrt, für härnes Zeug zum Todtenkleid. [12,670]
Doch thut sie mir durchaus die Gnade nicht.
Drum ist so bleich und welk mein Angesicht.
Doch ist's von feiner Sitte kein Beweis,
Ihr Herrn, so zu verhöhnen einen Greis,
Der sich in Wort und Thaten nicht vergeht.
Lest selber nach, was in der Bibel steht:
»Ihr sollt aufstehn vor einem alten Mann
Mit greisem Haar.« Nehmt meinen Rath drum an:
Thut nimmer einem alten Manne Leid,
Wie ihr nicht wollt, daß, wenn für euch die Zeit [12,680]
Des Alters kommt, die Leute euch begegnen,
Und Gott mag euch auf euerm Pfade segnen.
Doch ich muß gehn, wohin mein Weg mich ruft.«

»Bei Gott, das sollst du nicht, du alter Schuft!«
Fuhr ihn sogleich der andre Spieler an.
»Du kommst so leicht nicht weg, bei St. Johann.
Du sprachst von dem Verräther Tod soeben,
Der alle unsre Freunde bringt ums Leben.
Bei meiner Treue, du bist sein Spion.
Sag', wo er ist, sonst wird dir schlimmer Lohn. [12,690]
Beim heil'gen Sakrament, beim höchsten Gott!
Denn sicher, du bist mit ihm im Complot,
Uns junges Volk zu morden, falscher Dieb!«

»Nun«, sprach er, »ist es euch denn gar so lieb,
Den Tod zu finden, geht den krummen Weg
Hinab. Ich ließ ihn dort in dem Geheg
Bei einem Baum; da wird gewiß er sein.
Er läuft nicht fort vor euern Prahlerein.
Seht ihr die Eiche? Dort müßt ihr ihn finden.
Und Gott, der uns erlöst hat von den Sünden, [12,700]
Behüt' und beßre euch.« So sprach der Greis.
Die Buben rannten rasch auf sein Geheiß
Bis zu dem Baum und fanden dort am Wege
Von feinstem Gold und sauberstem Gepräge
Dukaten – wohl acht Scheffel mochten's sein.
Sie stellten nach dem Tod ihr Suchen ein.
Denn jeglicher war so des Anblicks froh,
Die Gulden schimmerten und glänzten so,
Daß sie sich setzten um den reichen Hort.
Der Böseste nahm dann zuerst das Wort. [12,710]

»Nehmt, Brüder, was ich sage, wohl zu Herzen,
Mein Blick ist scharf, pfleg' ich auch sonst zu scherzen.
Fortuna hat uns diesen Schatz gegeben,
Damit in Frohsinn wir und Freuden leben.
Leicht wie er kam, werd' er auch durchgebracht.
Beim großen Gott, wer hätte heut gedacht,
Wir würden solche Gnade noch gewinnen.
O könnten wir nur all das Gold von hinnen
Zu mir ins Haus – wo nicht, in eures tragen;
Denn unser ist's; da dürft ihr nicht erst fragen –, [12,720]
Dann wäre unser höchstes Glück gemacht,
Doch in der That, das geht nicht vor der Nacht.
Man würde sagen, daß wir Räuber wären,
Und uns den Strick für unsern Schatz bescheren.
Wir müssen ihn bei Nacht, in schlauster Weise,
Nach Hause schaffen, möglichst still und leise.
Drum ist mein Rath, wir ziehn zuvörderst alle
Das Loos, und sehen zu, auf wen es falle.
Und wen es trifft, der macht zur Stadt sich auf,
Mit frohem Herzen und im vollen Lauf, [12,730]
Und bringt hieher uns heimlich Brod und Wein,
Indeß der Schatz hier, von den andern Zwein
Sorglich bewacht wird. Wenn er hurtig macht,
So schaffen wir den Schatz, sobald es Nacht,
An einen Ort, wohin es uns gefällt.«
Drauf ihrer einer, der die Loose hält,
Sie ziehen heißt, auf wen es möge fallen.
Sie ziehn und sieh, den Jüngsten traf's von allen.
Und zu der Stadt hin ging er unverweilt.
Und auf der Stelle, als er fortgeeilt, [12,740]
Da sprach der eine von den andern beiden:
»Wir schworen Brüderschaft mit heil'gen Eiden:
Drum sag' ich deinen Vortheil dir zur Stelle.
Fort, wie du weißt, ist unser Spießgeselle,
Und sieh, die große Masse Golds, die wir
Zu Dreien theilen sollen – die ist hier.
Und doch könnt' ich die Sache also enden,
Daß es verblieb' in unser Beider Händen.
Würdest du nicht ein Freundschaftsstück drin sehn?«
Der Andre sprach: »Doch wie kann das geschehn? [12,750]
Er weiß gar wohl, daß wir das Gold bewachen.
Was sollen wir ihm sagen und was machen?«
Der erste Schuft sprach: »Hältst du reinen Mund,
So thu' ich dir in wenig Worten kund,
Wie wir es machen, um es auszurichten.«
Der Andre sprach: »Und ich will mich verpflichten,
Nichts zu verrathen; nimm mein Wort zum Pfand.«
Und Jener: »Wir sind zwei, wie dir bekannt;
Und zwei von uns sind stärker als der eine.
Wenn er sich setzt, steh auf und thu zum Scheine [12,760]
Als wollt'st du scherzen und tritt auf ihn zu;
Ich stoß' ihm durch die Seiten, während du
Gleich wie im Spaß mit ihm beginnst zu ringen.
Laß deinen Dolch auch in den Leib ihm dringen,
Und dann, mein theurer Freund, vertheilen wir
All dieses Gold nur zwischen mir und dir.
Wir können jegliches Gelüst erfüllen
Und Würfel spielen ganz nach unserm Willen.«

So sind die Schurken übereingekommen,
Den Dritten abzuthun, wie ihr vernommen. [12,770]
Dem Jüngsten, der zur Stadt sich aufgemacht,
Schwebt vor der Seele auf und ab die Pracht
Der neuen Gulden und ihr heller Schein.
»O du mein Herr«, sprach er, »wenn mir allein
Der Schatz doch wäre zum Besitz gegeben!
Wer lebte dann von Allen, die da leben,
So lustig unter Gottes Thron als ich!«
Da schlich der böse Feind, der Satan, sich
In seine Brust: Es könnt' ihm wohl gelingen,
Mit Gift die zwei Genossen umzubringen. [12,780]
Denn Satan sah ihn schon auf solchen Pfaden,
Daß es ihn freut', ihm vollends noch zu schaden.
So wollt' er beiden denn das Leben nehmen
– Das stand schon fest – und nie darum sich grämen.
Und ohne Säumen eilt zur Stadt er fort,
Und geht zu einem Apotheker dort.
Er bittet etwas Gift sich von ihm aus,
Daß er den Ratten mache den Garaus
Und einem Iltis, der in seinem Stalle
All seine Hähne mördrisch überfalle. [12,790]
An diesen Räubern möcht' er gern sich rächen
Und ihnen in der Nacht die Hälse brechen.«

Der Apotheker sprach: »So nimm denn hier
Ein Mittel, und, so wahr Gott helfe mir,
Wenn irgend ein Geschöpf in dieser Welt
In Speis' und Trank davon nicht mehr erhält,
Als etwa eines Weizenkornes groß,
Ist es sein Leben auf der Stelle los.
Ja, es muß sterben und in kürzrer Weile,
Als man im Schritt mag gehen eine Meile; [12,800]
So stark und heftig ist des Giftes Kraft.«
Der Bube nimmt sofort den bösen Saft
In einer Büchse mit und läuft alsdann
Zur nächsten Straße, um von einem Mann
Daselbst drei große Flaschen sich zu leihn.
In zwei von ihnen gießt das Gift er ein.
Die dritte hielt er rein aus Vorbedacht,
Daß er draus trinke, wenn die ganze Nacht
Mit saurer Arbeit er das Gold forttrage.
Und als der Bube – treff' ihn Gottes Plage! [12,810]
Nun die drei Flaschen angefüllt mit Wein,
Kehrt er zurück zu den Gesellen sein.
Was ist es nöthig, mehr davon zu sagen?
Wie sie es ausgemacht, ihn zu erschlagen,
So schlugen sie ihn todt den Augenblick.
Da sprach der eine, als das Bubenstück
Vollbracht: »Nun laß uns sitzen und uns laben
An Wein und Spiel und dann den Leib begraben.«
Er sagt es, und ich weiß nicht, wie es kam,
Daß er die Flasche mit dem Gifte nahm [12,820]
Und trank und auch dem andern davon bot;
Und Beide waren auf der Stelle todt.
Doch giebt wohl Avicenna's Canon nicht
Von wunderbarem Zeichen uns Bericht,
Wie bei Vergiftungen sie sonst geschehn,
Als vor der Beiden Tod man konnte sehn.

So büßten die zwei Mörder mit dem Leben
Und er, der ihnen tückisch Gift gegeben.
O aller Frevelthaten Frevelthat!
O falsche Mörder, schändlicher Verrath! [12,830]
O Völlerei und Spiel und Ueppigkeit!
Du Lästrer Christi mit ruchlosem Eid,
Den du aus Hochmuth schwörst und Angewöhnung!
Ach, Mensch, wie kannst du Falschheit und Verhöhnung
Dem Schöpfer bieten, der dich hat gemacht
Und die Erlösung durch sein Blut gebracht –
Sein köstlich Herzblut! Ach, wie kann das sein!

Nun, gute Leute, mög' euch Gott verzeihn
Und euch bewahren vor des Geizes Ketten.
Mein heil'ger Ablaß kann euch Alle retten, [12,840]
Wenn ihr nur Nobel opfert oder Groschen,
Silberne Ringe, Löffel oder Broschen.
Beugt unter dieser heil'gen Bulle euch.
Kommt, Weiber, opfert euer Wollenzeug,
Ich schreib' in meine Rolle euch sogleich;
So geht ihr ein ins liebe Himmelreich.
Ich absolvire euch so glatt und rein:
Ihr sollt wie neugeborne Kinder sein,
Wenn ihr nur opfert. Dies ist mein Sermon,
Und unser Seelenarzt, der Gottessohn, [12,850]
Lass' eure Buße gnädigst sich genügen,
Das ist das Beste doch; ich will nicht lügen.

Doch Eins, ihr Herren, hab' ich noch vergessen.
Reliquien und Ablaß vollgemessen,
So schön wie Einer nur in Engelland,
Hab' ich im Mantelsack von Papstes Hand.
Will Einer opfern mit Devotion,
Und wünscht er meine Absolution,
So tret' er her und kniee nieder hier,
Und nehm' in Demuth den Pardon von mir. [12,860]
Auch könnt mit Ablaß ihr im Weitergehn
Euch frisch und neu in jeder Stadt versehn,
Wenn ihr von neuem Opfer nur erlegt:
Nobel und Groschen – aber neu geprägt.
Ihr dürft es wohl als eine Ehre preisen,
Mit einem tücht'gen Ablaßmann zu reisen,
Der Absolution euch gleich ertheilt
Beim Reiten, wenn ein Unfall euch ereilt.
Ein' und der Andre fällt durch Mißgeschick
Vielleicht vom Pferd und bricht sich das Genick. [12,870]
Ihr seht, was ihr dadurch für Sicherheit
Gewinnt, daß ihr auf mich getroffen seid,
Da Groß und Klein empfängt von mir Pardon,
Bevor die Seele aus dem Leib entflohn.
Ich rathe unserm Wirth gleich anzufangen,
Da er am meisten ist von Sünd' umfangen.
Komm, opfre, Wirth! Fang' an den Augenblick
Und küsse die Reliquien Stück für Stück
Um einen Grot. Thu' auf die Börse dein.«

»Nein«, sprach der Wirth, »verdamm' mich Christus, nein. [12,880]
Laß ab, bei Gott, ich mag davon nichts wissen.
Du läßt mich deine alten Hosen küssen
Und schwörst dabei, es sei ein Heil'genkleid,
Ist gleich dein Steiß darin abconterfeit.
Doch bei dem Kreuz, das St. Helene fand,
Hätt' ich nur dein Berlock in meiner Hand
Statt der Reliquien und heil'gen Schragen!
Schneid' es dir ab, ich helfe dir es tragen.
Sein Heil'genschrein soll sein ein Schweinedreck.«

Still schwieg der Ablaßkrämer auf dem Fleck, [12,890]
Er sprach kein Wort; so war er voller Wuth.

»Nun«, sprach der Wirth, »es thut nicht ferner gut,
Mit solchen zorn'gen Leuten Spaß zu machen.«

Da drauf die ganze Schaar anfing zu lachen,
Begann sofort der werthe Rittersmann:
»Es ist genug! Fangt nicht von neuem an!
Herr Ablaßkrämer, habet frohen Muth;
Und ihr, Herr Wirth (ich bin euch gar zu gut),
Ich bitt' euch, küßt euch mit dem heil'gen Mann.
Ihr, Ablaßkrämer, rückt gleichfalls heran. [12,900]
Und bleiben wir beim Lachen und beim Spaße.«

Sie küßten sich und ritten fort die Straße.

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