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Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 17
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
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Die Erzählung des Doctors.

Prolog.

»Ei«, sprach der Wirth, »laßt das für jetzt nur ruhn.
Tragt ihr, Herr Doctor Medicinae nun, [11,930]
Ich bitt' euch drum, etwas Anständ'ges vor.«
»Das will ich thun, sofern ihr euer Ohr
Mir leiht.« So sprach der Doctor und begann:
»Jetzt, gute Herren, hört mich alle an.«

Die Erzählung des Doctors.

Es war einmal, schreibt Titus Livius,
Ein Ritter, welcher hieß Virginius,
Von hoher Würdigkeit und Edelmuth,
Durch Freundschaft stark und reich an Geld und Gut.
Sein Weib hatt' eine Tochter ihm gegeben;
Sonst hatt' er andre Kinder nicht im Leben. [11,940]
Der Jungfrau Schönheit war so wunderbar,
Daß Schönres nie zu sehn auf Erden war.
Es hatte sie Natur mit größtem Fleiß
Geformt als ihrer Schöpfung höchsten Preis,
Wie um zu sagen: »Sieh, ich, die Natur,
Kann also schmücken meine Kreatur,
Wenn mir's beliebt. Wer thut's mir nach darin?
Pygmalion? – Schmied' und meißl' er immerhin,
Gravier' und mal' er. Denn ich darf wohl sagen:
Zeuxis, Apelles wird umsonst sich plagen [11,950]
Mit Schmieden, Meißeln, Malen und Gravieren;
Mit mir im Wettstreit müssen sie verlieren.
Mich hat der höchste Bildner dieser Welt
Als seinen Amtsverweser angestellt,
Um Farb' und Form den irdischen Gestalten
Zu leihn, wie mir beliebt. Ich muß verwalten
Alles, was wächst und abnimmt unterm Mond.
Ich fordre nicht, daß man mein Werk mir lohnt.
Mein Herr und ich sind ganz in Harmonie.
Zu meines Herren Ehre macht' ich sie; [11,960]
Gleichwie mit jeglichem Geschöpf ich's halte,
Wie ich's auch färbe oder wie gestalte.«

So, schien mir, wollte sagen die Natur.
Zwölf Jahre war und zwei das Mädchen nur,
Das selber die Natur so sehr entzückt.
Denn jenes Weiß, womit sie Lilien schmückt,
Das Roth der Rose hat dem edeln Wesen
Von der Geburt als Farbe sie erlesen
Und so damit den holden Leib gemalt,
Daß jedes Glied im rechten Glanze strahlt. [11,970]
Und Phöbus hat der vollen Locken Flut
Gefärbet mit den Strahlen seiner Glut.
Und war bezaubernd ihrer Schönheit Kraft,
War sie noch tausendmal so tugendhaft.
Es fehlte keine Gabe ihrem Geist,
Die ein Verständiger als rühmlich preist.
Keusch war von Körper sie wie von Gemüthe,
Drum strahlte sie in jungfräulicher Blüthe
Mit aller Demuth und Enthaltsamkeit,
Mit Selbstbeherrschung und Bescheidenheit, [11,980]
Mit rechtem Maß in Haltung und in Tracht;
Stets klug war ihre Antwort und durchdacht,
Und ob sie weise gleich wie Pallas war,
Blieb ihre Rede weiblich doch und klar.
Sie haschte nicht nach falschem Phrasentand,
Um klug zu scheinen, nein, wie ihrem Stand
Es ziemte, sprach sie; jedes Wort durchdrang
Des Edelsinnes und der Tugend Klang.
Sie war von mädchenhafter Sittsamkeit,
Beständ'gen Herzens, thätig jederzeit, [11,990]
Zu fliehn des Müßigganges träge Bahn.
Nie war ihr Mund dem Bacchus unterthan.
Denn Wein und Müßiggang schürt Venus' Glut,
Wie wenn man Oel und Fett zum Feuer thut.
Nie schuf ihr ihre eigne Tugend Zwang;
Doch stellte sie sich wohl nicht selten krank,
Um solcherlei Gesellschaft zu entgehn,
Die es auf eitle Thorheit abgesehn,
Wie bei Gelagen, Tänzen, Schmauserein
Und was sonst Anlaß giebt zu Tändelein. [12,000]
Man sieht gar oft, wie grade solche Sachen
Die Kinder frühreif, dreist und vorlaut machen.
Gefährlich ist und war das jeder Zeit.
Denn allzusehr wird in der Dreistigkeit
Ein Mädchen schon von selbst als Frau erfahren.
Und ihr, Hofmeisterinnen, schon bei Jahren,
Die Herrentöchter ihr erzieht und lenkt,
Fühlt euch durch meine Worte nicht gekränkt.
Bedenkt, daß es zwei Gründe nur gewesen,
Weshalb man euch zu euerm Amt erlesen: [12,010]
Entweder, weil ihr eure Sittsamkeit
Bewahrt – wo nicht, weil ihr gefallen seid,
Und darum wohl versteht den alten Tanz,
Doch solchem Unfug ewiglich und ganz
Entsagt habt. Unermüdlich drum, ich bitte,
Um Christi willen, lehrt sie Zucht und Sitte.
Ein Wilddieb, welcher dem Gelüst der Jagd
Und seinem alten Handwerk hat entsagt,
Versteht am besten, einen Forst zu wahren.
So wahrt sie denn; ihr kennt ja die Gefahren, [12,020]
Und hütet euch, dem Laster nachzugeben;
Verdammung trifft euch für solch gottlos Streben,
Denn ein Verräther ist, wer also thut.
Merkt auf mein Wort; seid wohl auf eurer Hut.
Die ärgste Pest verrätherischer Thaten,
Das ist und bleibt, die Unschuld zu verrathen.
Ihr Väter und ihr Mütter, laßt euch sagen:
Ihr müßt für eure Kinder Sorge tragen –
Ob eins, ob mehr: euch sind sie übergeben,
So lang sie unter eurer Leitung leben. [12,030]
Habt Acht, daß sie durch euer Beispiel nicht
Und weil nachlässig ihr des Strafens Pflicht
An ihnen übt, verderben. Glaubt mir: Wer
Sein eignes Kind verdirbt, büßt einst es schwer.
Manch Lamm und Schaf vom Wolf zerrissen wird,
Nur weil nachlässig und zu mild der Hirt.
Dies Beispiel sei genug, euch zu belehren.
Ich muß zurück zu der Erzählung kehren.

Die Jungfrau, die euch schildert mein Bericht,
Erzog sich selbst; der Lehrer braucht' es nicht; [12,040]
Ihr Leben kann gleich einem Buche Rath
Den Jungfraun geben über Wort und That,
Wie sich ein sittsam Mädchen führen soll.
Sie war so gütig und so einsichtsvoll.
So mußte denn der Ruhm nach allen Seiten
Von ihrer Güt' und Schönheit sich verbreiten.
Wer Tugend schätzt' im Lande, stimmte ein
In ihren Preis; nur nicht der Neid allein,
Dem Andrer Wohlergehn die Lust verleidet,
Der sich an ihrem Schmerz und Kummer weidet. [12,050]
Dies ist die Schildrung, die der Doctor macht.

Einst lenkt, von ihrer Mutter treu bewacht,
Sie durch die Stadt zum Tempel ihre Schritte,
So wie es wohl der jungen Mädchen Sitte.
Nun war zu Rom ein Richter in den Tagen,
Dem des Bezirks Verwaltung übertragen.
So kam's, daß dieser Richter sie erblickte
Und scharf sein Bildniß in ihr Innres drückte,
Als sie vorbeiging, wo er grade stand.
Gleich war ihm Herz und Sinn wie umgewandt; [12,060]
So riß die Schönheit ihn der Jungfrau hin.
Und zu sich selbst sprach er in seinem Sinn:
»Um jeden Preis wird dieses Mädchen mein!« –

Da schlich der Teufel in sein Herz sich ein
Und lehrt' ihn, wie durch schlaue Schurkerei
Für seinen Zweck sie zu gewinnen sei.
Denn daß mit Geld hier nichts zu machen war
Noch mit Gewalt, war ihm natürlich klar.
Denn sie war stark durch ihrer Freunde Schutz,
Und der Versuchung bot sie sicher Trutz [12,070]
Durch ihre Tugend. Nie kam ihm zu Sinnen,
Er werde sie zur sünd'gen Lust gewinnen.
Drum, als er reiflich es erwogen hat,
Schickt er nach einem Kerl aus in der Stadt,
Der ihm als frech bekannt war und als schlau.
Dem Kerl erzählt' er seinen Fall genau,
Doch im Geheimen und mit dem Verbot,
Es irgendwem zu sagen; ja er droht,
Es kost' ihm, thät' er's dennoch, sein Genick.
Und als man Eins war in dem Bubenstück, [12,080]
War froh der Richter, ließ den Kerl sich laben
An Speis' und Trank und schenkt' ihm reiche Gaben.
Als Stück für Stück nun der Verrath so weit
Gediehen war, wie seiner Lüsternheit
Durch Hinterlist er könne Raum gewähren,
Wie ihr sogleich noch hören sollt des Näh'ren,
Ging heim der Kerl – man nannt' ihn Claudius.
Der falsche Richter – er hieß Appius –
(Glaubt nicht, daß ich den Namen erst erdichte;
Das Factum ist bekannt in der Geschichte, [12,090]
Daß man die Wahrheit nicht bezweifeln kann)
Der falsche Richter also geht daran,
Um seiner Lüste Ziel rasch zu erjagen.
Und es geschah, daß er nach ein'gen Tagen
– So wenigstens erzählt uns die Geschichte –
In der gewohnten Art saß zu Gerichte,
Und Urtheil sprach in seiner Räthe Mitte.
Da kam der falsche Kerl mit starkem Schritte
Und sprach: »O Herr, wenn's euch gefällig, sprecht
Mir über diese meine Klagschrift Recht, [12,100]
Die gegen den Virginius ist gestellt;
Und sagt er, daß es sich nicht so verhält,
Will ich's beweisen und euch Zeugen nennen,
Die, was die Schrift besagt, erhärten können.«

Der Richter sprach: »Ich kann den Schlußbescheid
Nicht fällen in des Manns Abwesenheit.
Man ruf' ihn her; ich leih' ihm gern mein Ohr.
Dir wird dein Recht. Unrecht kommt hier nicht vor.«

Virginius kam, zu hören sein Begehr;
Man las gleich die verruchte Klagschrift her. [12,110]
Ihr Inhalt war, was ich sogleich euch sage.

»Euch, Appius, meinem werthen Herren, klage
Ich, euer armer Diener Claudius,
Wie daß ein Rittersmann Virginius,
Der Billigkeit und dem Gesetz zum Hohn
Trotz meiner förmlichen Protestation,
Mir meine Magd und Sklavin streitig macht
Und im Besitz hält, die mir einst bei Nacht
Als Kind aus meinem Hause ward geraubt.
Durch Zeugen will ich dies, wenn ihr's erlaubt, [12,120]
Beweisen. Sie ist seine Tochter nicht.
Drum bitt' ich, Herr, durch Urtheil und Gericht,
Wenn's euch beliebt, mir meine Magd zu geben.«

Das war der Inhalt seiner Klagschrift eben.
Virginius sah sich den Buben an;
Doch hastig, eh' er noch antworten kann
Und sich rechtfertigen in Ritterweise,
Auch manches Zeugniß bringen zum Beweise,
Daß Alles falsch war, deß man ihn beschuldet,
Hat sich der schurk'sche Richter nicht geduldet. [12,130]
Er hörte gar nicht den Virginius
Und sprach dies Wort als Urtheil und Beschluß:
»Der Mann mag frei mit seiner Sklavin schalten.
Du darfst sie nicht in deinem Haus behalten.
Bring' sie hieher in des Gerichtes Hut.
Der Mann erhält die Magd; und damit gut.«

Und als der würd'ge Herr Virginius
Durch die Sentenz des Richters Appius
Gezwungen war, die Tochter ihm zu geben,
Daß er in Unzucht mit ihr könnte leben, [12,140]
Geht er nach Haus, tritt in die Halle ein,
Entbeut zu sich sein liebes Töchterlein,
Und todtkalt, bleich wie Asche, schaut der Mann
Des Kindes demuthsvolles Antlitz an.
Ob Mitleid auch sein Vaterherz ihm brach,
Stand dennoch fest sein Vorsatz und er sprach:

»Virginia, meine Tochter, sieh, dir stehn
Zwei Wege offen; einen mußt du gehn:
Tod oder Schande. Weh, daß ich muß leben!
Denn du hast niemals Ursach mir gegeben, [12,150]
Daß gegen dich ich Schwert und Messer wende.
O theure Tochter, meines Lebens Ende!
Die ich mit solcher Lust zu allen Stunden
Gepflegt, die nie aus meinem Sinn geschwunden.
O Tochter, mir zum letzten Schmerz erlesen,
Du bist auch meine letzte Lust gewesen,
Perle der Keuschheit, nimm auf dich den Tod
Geduld'gen Sinns; denn dies ist mein Gebot.
Es tödtet dich nicht Haß; dich tödtet Liebe.
Dein Haupt muß fallen, ach, von meinem Hiebe. [12,160]
O, daß dich Appius jemals gesehn!
Drum ließ er heut den falschen Spruch ergehn.«
Und sagt' ihr Alles, was ihr schon vernommen;
Die Wiederholung kann zu nichts euch frommen.

»O Vater«, ruft das Mädchen, »habt Erbarmen!«
Wobei sie seinen Hals mit beiden Armen,
So wie sie immer pflegte, hold umflicht;
Und Thränen stürzen über ihr Gesicht.
»O guter Vater, muß ich wirklich enden?
Ist keine Gnade? ist's nicht abzuwenden?« [12,170]

»Nein, meine liebe Tochter«, sprach er, »nein!«

»Dann wollet mir nur kurze Zeit verleihn,
Mein Vater«, sprach sie, »meinen Tod zu klagen.
Die Gnade konnt' auch Jephtha nicht versagen
Der Tochter, eh' er sie geführt zum Tod.
Gott weiß, auch sie verletzte kein Gebot.
Zuerst nur war entgegen sie gegangen
Dem Vater, um ihn festlich zu empfangen.«

Und bei dem Wort fiel sie in Ohnmacht nieder,
Und als sie zur Besinnung kam und wieder [12,180]
Vom Boden aufstand, rief sie demuthsvoll:
»Gottlob, daß ich als Jungfrau sterben soll.
Eh' Schmach ich leide, bringt mich von der Welt.
In Gottes Namen, thut was euch gefällt.«
Worauf zum öftern flehend sie begehrte,
Daß er recht sanft sie schlüge mit dem Schwerte.
Und in die Ohnmacht fiel sie drauf zurück.
Der Vater, Qual im Herzen und im Blick,
Schlug ihr das Haupt ab, faßt' es bei dem Haar
Und bot es öffentlich dem Richter dar, [12,190]
Der in dem Rathshof noch saß zu Gerichte.
Der Richter – also meldet die Geschichte –
Gebot, ihn gleich zu greifen und zu hängen.
Da sah zu Tausenden herein man drängen
Das Volk, das, von der Ungerechtigkeit
Des Spruchs empört, den Ritter jetzt befreit.
Es regte sich gleich anfangs der Verdacht,
Wie jener Mensch die Klage angebracht,
Daß Appius das Ganze angegeben.
Sie kannten schon sein sittenloses Leben. [12,200]
Drum sind auf Appius sie losgegangen.
Man setzt' ihn gleich in sichre Haft gefangen,
Wo er sich selbst entleibte. Claudius,
Der Diener war bei jenem Appius,
Er sollt' am Kreuze büßen den Verrath.
Doch da Virginius selber für ihn bat
Aus Mitleid, wies man ihn nur aus dem Lande.
Sonst wär' er nicht entgangen dieser Schande.
Die Uebrigen, die bei dem Bubenstück
Betheiligt, Hoh' und Niedre, traf der Strick. [12,210]

Hier sieht man, welchen Lohn die Sünde trägt.
Habt Acht! Denn Niemand weiß, wann Gott ihn schlägt. –
In keinem Stand – noch wie vor Ungeduld
Bald des Gewissens Wurm bei seiner Schuld
Sich krümmen wird, birgt er sie noch so sehr,
Daß Niemand davon weiß als Gott und er.
Sei er ein simpler, ein gelehrter Mann,
Er weiß nicht, wann ihn Unheil treffen kann.
Drum rath' ich, haltet an der Lehre fest:
Verlaßt die Sünde, eh' sie euch verläßt. [12,220]

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