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Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 15
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
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Die Erzählung des Junkers.

Prolog.

Der Wirth sprach: »Steh' mir Gottes Gnade bei
Und halte mich von solchem Weibe frei.
Sieh, solcher Spiegelfechterein bedienen
Die Weiber sich, geschäftig wie die Bienen,
Uns arme Narr'n von Männern zu berücken
Und um die Wahrheit sich herumzudrücken.
Das lehrt dies Märlein wiederum einmal.
Und doch hab' ich ein Weib so treu wie Stahl, [10,300]
Wenn sie auch arm ist. Aber ihre Zunge,
Die freilich hält sie fürchterlich in Schwunge
Und hat ein Häufchen Fehler noch beiher.
Doch thut nichts; sprechen wir davon nicht mehr.
Nur Eines, wißt ihr, sei euch doch vertraut:
Mich reut es sehr, daß ich ihr angetraut.
Denn, rechnet' ich euch jeden Fehler vor,
Den sie besitzt, wär' ich fürwahr ein Thor.
Warum? Es brächt' aus dieser Kompanei
Die oder jene es gewiß ihr bei – [10,310]
Wer? – das darf billig wohl verschwiegen bleiben,
Da alle Frauen diesen Handel treiben;
Und jeden Fehl zu nennen reicht auch nicht
Mein Witz aus; darum schließt hier mein Bericht.
Und nun, Herr Junker, wenn's beliebt, kommt her.
Erzählt etwas von Liebe, da ihr mehr
Gewiß davon als mancher Andre wißt.«

»Nein, Herr; doch, was mir gegenwärtig ist,
Will ich von Herzen gern euch hier erzählen,
Nicht rebellir' ich, was ihr mögt befehlen. [10,320]
Entschuldigt, wenn ich etwas schlecht berichte.
Mein Will' ist gut und – dies ist die Geschichte.

Die Erzählung des Junkers.

Pars prima.

Zu Sarray in der Tartarei regierte
Ein König, der oft Krieg mit Rußland führte,
Wobei manch tücht'ger Held sein Ende fand.
Der edle Fürst war Cambuscan genannt.
Es war so groß sein Ruf in jener Zeit,
Daß sich in allen Landen weit und breit
Kein Fürst hervorthat so in allen Stücken.
Ihm fehlte nichts, womit sich Kön'ge schmücken, [10,330]
Erwägt den Glauben man, drin er geboren.
Er hielt die Satzungen, die er beschworen,
Und dazu war er weise, kühn und reich,
Gerecht und mild und stets sich selber gleich;
Treu seinem Worte, gütig, ehrenhaft
Und unerschütterlich von Willenskraft.
Jung, frisch und stark, bereit zu Kampf und Strauß
Trotz jedem Rittersmann in seinem Haus.
Er war von Ansehn schön – des Glückes Sohn,
Und hielt in solcher Würde seinen Thron, [10,340]
Daß ihm kein andrer Mensch glich in der Welt.
Nun hatte Cambuscan, der Tartarheld,
Ein Weib, die Elfeta geheißen war.
Die einen Sohn Algarsif ihm gebar
Und einen andern, Namens Cambalo.

Auch einer Tochter war der König froh.
Sie war die jüngste, Canace genannt.
Es fehlt die Zunge mir und der Verstand
Von aller ihrer Schönheit zu erzählen.
Nicht wag' ich ein so hohes Ziel zu wählen. [10,350]
Denn meine Sprache würd' es nicht erreichen.
Es müßt' ein Rhetor sein ganz ohne Gleichen,
Der jede Färbung seiner Kunst verstände,
Wer sich sie zu beschreiben unterwände.
Der bin ich nicht; ich spreche, wie ich kann.

Und so geschah es, daß, als Cambuscan
Das Diadem getragen zwanzig Jahr,
Er, wie es jährlich die Gewohnheit war,
Seiner Geburtstagsfeier frohe Kunde
Ausrufen ließ durch Sarray in die Runde. [10,360]
Des Märzes Iden waren wieder da.
Phöbus schien hell und lustig; er war nah
Seiner Erhebung: Mars im Gegenschein.
Schon trat er in das Bild des Widders ein,
Des zornerfüllten heißen Zeichens Haus.
Mild war die Luft und heiter überaus.
Die Vögel künden in der hellen Sonne,
Von frischem Grün und von des Lenzes Wonne
Gelockt, des Herzens Lust in lauten Weisen.
Es scheint, als ob sie den Beschützer preisen [10,370]
Gegen des Winters scharf- und kaltes Schwert.

Und Cambuscan, von dem ihr schon gehört,
Er saß mit Königsmantel und mit Krone
Geschmückt in seinem Schloß auf hohem Throne,
Und gab ein Fest so stattlich und so reich:
Nie kam ein zweites in der Welt ihm gleich.
Um alle Pracht zu künden des Gelages,
Bedürft' ich eines ganzen Sommertages.
Auch ist es unnütz, daß ich die Gerichte
Bei jedem Gang der Reihe nach berichte, [10,380]
Daß all die seltnen Schüsseln ich erwähne,
Die Reiher-Speisen und gebratnen Schwäne.
Wie alte Ritter uns zu sagen wissen,
Gilt ein Gericht auch dort als Leckerbissen,
Das man sehr wenig achtet hier zu Lande.
Alles zu sagen ist kein Mensch im Stande.
Drum zögr' ich nicht, da Primzeit schon dahin
Und es nur Zeitverlust ist, kein Gewinn,
Daß ich zurück zu meinem Zweck mich wende.

Es war bereits der dritte Gang zu Ende: [10,390]
Der König sitzt in festlichem Gepränge
Und lauscht auf seiner Minstrels lust'ge Klänge,
Die lieblich vor ihm spielen bei dem Mahl.
Plötzlich erscheint ein Ritter in dem Saal,
Der hoch auf einem ehrnen Rosse sitzt.
In seiner Hand ein breiter Spiegel blitzt.
Er trägt den Daum geschmückt mit goldnem Ringe
Und an der Seit' ein Schwert mit bloßer Klinge.
Er reitet zu der hohen Tafel Bord,
Und Niemand in der Halle spricht ein Wort. [10,400]
So staunt man ob des Ritters; Jung und Alt
Betrachtet voll Erwartung die Gestalt.

Der fremde Ritter, der so plötzlich nahte
Gerüstet bis auf's Haupt im höchsten Staate,
Grüßt König, Königin, die Herren alle,
Wie sie geordnet saßen in der Halle,
Mit solcher Ehrfurcht, solchem Takt und Schick
Sowohl in Worten wie in Mien' und Blick,
Daß, wäre Gawein aus dem Feeenland
Mit seiner Höflichkeit hieher gesandt, [10,410]
Er hätte besser nicht sein Wort gewandt.
Drauf trug er an der hohen Tafel Rand
Mit männlich starkem Ton die Botschaft vor.
Nicht eine Silbe, nicht ein Laut verlor
Sich von der Form, die seiner Sprache eigen.
Um besser noch der Rede Sinn zu zeigen,
Begleitet er die Worte mit Gebärden,
Wie in der Redekunst gelehrt sie werden.
Ich kann mich nicht in diesem Ton bewegen;
Ich kann nicht klimmen auf so hohen Stegen. [10,420]
Ich sage nur, daß dies im allgemeinen
Er mit der ganzen Rede mochte meinen,
Wenn ich mich ihrer noch erinnern kann.

»Er, der Arabien und Hindostan
Beherrscht, mein Lehnsherr, grüßt an diesem Tag
So freundlich euch, wie er nur kann und mag,
Und sendet euch, um euer Fest zu schmücken,
Durch mich, der euch getreu in allen Stücken,
Dies Roß von Erz, das euch bequem und leicht,
Eh' daß ein bürgerlicher Tag verstreicht [10,430]
(In vier und zwanzig Stunden will das sagen),
Nach jedem Ort der Welt vermag zu tragen,
Wohin sich eures Herzens Wunsch wird regen;
Das euch, gleichviel im Trocknen oder Regen,
Durch Dick und Dünn schafft und euch nie verletzt.
Wenn durch die Luft zu fliegen euch ergetzt
Gleich einem Aar, wenn er am höchsten schwebt,
Besteigt dies Roß, das sicher euch erhebt
Und sicher bringt zu dem bestimmten Hafen.
Ihr könnt sogar auf seinem Rücken schlafen. [10,440]
Es kehrt um, wenn ihr eine Nadel dreht.
Der es gemacht hat, wahrlich, der versteht
Manch Kunststück und hat manch Gestirn bei Nacht
Betrachtet, eh' er dieses Werk vollbracht.
Auch ist manch Band und Siegel ihm bekannt.

Der Spiegel ferner hier in meiner Hand
Hat solche Kraft: Ihr könnt voraus drin sehn,
Wenn irgendwo ein Unglück soll geschehn,
Sei's für euch selbst, sei's für das ganze Reich.
Auch Freund und Feind zeigt er euch klar sogleich. [10,450]
Und mehr als dies: Wenn eine holde Maid
Ihr Herz voll Sehnsucht einem Mann geweiht,
So sieht sie, ob er ein Verräther ist.
Sein neues Liebchen, alle seine List
Sieht sie so klar: es kann ihr nichts entgehn.
Nun da die lust'gen Sommerlüfte wehn,
Hat er den Spiegel und hier an der Hand
Den Ring an Fräulein Canace gesandt,
Hier eure Tochter, jedes Ruhmes Werth.

Der Ring, wenn ihr zu hören es begehrt, [10,460]
Hat diese Kraft: Gleichviel ob sie ihn trägt
Am Daumen, oder in die Börse legt,
Von jedem Vogel unterm Himmelsblau
Versteht fortan die Stimme sie genau,
Weiß klärlich, was er meint mit seinen Liedern
Und kann in seiner Sprache ihm erwidern.
Auch jedes Gras, das aus dem Boden dringt,
Kennt sie und weiß, wofür es Hülfe bringt,
Wenn noch so groß der Wunden Tief' und Weite.

Das bloße Schwert alsdann an meiner Seite [10,470]
Hat diese Tugend, daß es, wer's auch schwingt,
Mit scharfem Hieb durch jede Rüstung dringt
Wär' sie so dick wie eine äst'ge Eiche.
Und wer getroffen ist von seinem Streiche,
Wird ohne eure Gnade nie gesunden,
Bis mit dem flachen Schwert ihr ihm die Wunden
Bestreicht. Das heißt, ihr müßt das Schwert so führen:
Die Fläche muß der Wunde Rand berühren;
Streicht ihr die Wunde dann, so schließt sie sich.
Dies ist die reine Wahrheit, sicherlich. [10,480]
Das Schwert versagt euch nie, so lang ihr's tragt.«

Und als der Ritter dieses Wort gesagt,
So reitet er hinaus und steigt vom Roß,
Das gleich der Sonne helle Strahlen schoß
Und in dem Hofe still stand wie ein Stein.
Man führt den Ritter in sein Zimmer ein,
Entwaffnet ihn, heißt ihn zu Tisch willkommen.
Es werden die Geschenke angenommen
Und Schwert und Spiegel mit der größten Pracht
Gleich in des Schlosses hohen Thurm gebracht [10,490]
Von Dienern, die man dazu eingesetzt.
Der goldne Ring wird feierlich zuletzt
Zu Canace an ihren Platz getragen.
Doch glaubt mir, als verbürgt kann ich's euch sagen:
Vergeblich schob man an dem ehrnen Pferde,
Fest stand wie angeleimt es an der Erde.
Man hat es von der Stelle nicht gehoben
Trotz aller Winden, Flaschenzüg' und Kloben,
Weil Keinem das Geheimniß war bekannt.
Drum ließen sie's am Platze, wo es stand, [10,500]
Bis erst der Ritter selbst gezeigt die Art
Es zu bewegen, wie ihr gleich erfahrt.

Stets ab und zu schwärmt um das Roß die Menge.
Man steht und gafft; gar groß ist das Gedränge.
Denn es ist hoch, lang, breit und so gebaut
Im Ebenmaß, daß man ihm Kraft zutraut,
Als wär' es von Lombarden-Zucht entstammt;
Dabei ganz Roßnatur; sein Auge flammt,
Als wär' es ein appul'scher edler Renner.
Vom Schweif zum Ohr wird nicht ein Stück der Kenner, [10,510]
Nicht durch Natur noch Kunst, an der Erscheinung
Zu bessern finden; das war Aller Meinung.

Doch was am meisten wundert Jedermann,
Ist, wie ein Roß von Erz doch gehen kann.
Den Meisten mußt' es Zauberei erscheinen,
Wobei doch Andre wieder anders meinen,
Da so viel Köpfe, so viel Sinne sind.
Und summend wie ein Bienenschwarm beginnt
Man sich in manchen Einfall zu verlieren
Und alte Dichterwerke zu citiren. [10,520]
So sagte man, daß Pegasus ihm glich,
Das Flügelroß, das durch die Lüfte strich.
Vielleicht auch sei's des Griechen Sinon Pferd,
Mit dessen Hülfe Troja ward verheert.
So wie die alten Schriften es besagen.

»Mein Herz kann nimmer sich der Furcht entschlagen«,
Sprach Einer, »daß Bewaffnete darinnen,
Die auf Erobrung unsrer Veste sinnen,
Es wäre gut, man sähe wohl sich vor.«

Ein Andrer raunt dem Nachbar in das Ohr, [10,530]
Und spricht: »Er lügt; ich bin vielmehr der Meinung,
Es ist nur eine magische Erscheinung,
Wie Gaukler sie bei solchem Fest bereiten.«

So schwatzt man und traktirt nach allen Seiten
Bedenken, wie die Menge stets sie hegt,
Wenn etwas künstlicher ist angelegt,
Als daß es ihr kurzsicht'ger Witz erreicht.
Sie denken sich das Schlimmste gar zu leicht.

Verwundert Andre nach dem Spiegel fragen,
Der in des Schlosses Hauptthurm ward getragen, [10,540]
Wie man darin doch solche Dinge sehe.

Drauf meint ein Andrer, ganz natürlich gehe
Das zu; nur durch die Winkelkonstruktion
Und klug berechnete Reflexion;
Genau so einer sei in Rom zu sehn.
Es hätten auch Vitellio, Alhazen
Und Aristoteles von wunderbaren
Spiegeln und Perspektiven schon vor Jahren
In ihren Büchern mancherlei gelehrt.

Und Andre sprachen staunend von dem Schwert, [10,550]
Das sollte jeden Widerstand durchbrechen.
Man kam dabei auf Telephus zu sprechen,
Und wußte von Achilles Speer zu sagen,
Der Wunden heilte, die er selbst geschlagen,
Ganz in derselben Weise wie das Schwert,
Von dem ihr selbst so eben erst gehört.
Man sprach von Härtung des Metalls dabei
Und sprach auch von verschiedner Arzenei
Und wie und wann die Härtung sei zu machen.
Ich selbst verstehe nichts von diesen Sachen. [10,560]

Dann sprachen sie von der Prinzessin Ring.
Noch nie sei ihnen solch ein Wunderding
Von Künstlichkeit bei Ringen vorgekommen.
Man habe nur von Salomon vernommen
Und Moses, die berühmt in diesem Fach.
So sprach man und verzog sich nach und nach.
Nur sagten Ein'ge noch, ich weiß nicht was
Von Farnkrautasche, die sehr gut zum Glas.
Zwar Asche hat mit Glas nicht Aehnlichkeit;
Doch wußten sie den Grund nun in so weit, [10,570]
Und plauderten und staunten drum nicht mehr.

So wundert Mancher sich beim Donner sehr,
Bei Nebel, Sonnenfäden, Ebb' und Flut,
Bis man den Grund ihm sagt; dann ist es gut.

So schwatzte, rieth und stritt man sich im Saal,
Bis sich der Fürst erhob von seinem Mahl.
Phöbus hat längst den Mittagskreis erreicht,
Das königliche Thier dagegen steigt
– Der edle Leu mit seinem Aldrian –,
Als der Tartarenkönig Cambuscan [10,580]
Aufstand vom Tisch in seiner Königshalle.
Voran zieht die Musik mit lautem Schalle;
Und als er eintrat in das Prunkgemach,
Da ward ein Klang von Instrumenten wach,
Daß wie im Himmel es zu hören war.

Nun tanzet Venus' lust'ge Kinderschaar;
Hoch ist zum Fisch die Herrin aufgerückt,
Von wo sie freundlich auf die Ihren blickt.

Auf seinem Thron sitzt König Cambuscan.
Er heißt sofort den fremden Ritter nahn, [10,590]
Der gleich mit Canace zum Tanze schreitet.
Wie nun sich Lust und Jubel hier bereitet,
Das zu berichten reicht kein Schwachkopf aus.
Nur wer in Venus' Diensten schon zu Haus,
Ein festlich muntrer Mann, frisch wie der Mai,
Der schickte sich zu solcher Schilderei.
Wer meldete von jedem fremden Tanze,
Von der Gesichter jugendlichem Glanze,
Von schlauen Blicken, von verliebten Tücken,
Die eifersücht'gen Männer zu berücken? [10,600]
Nur Lanzelot – und der ist längst dahin;
Drum schlag' ich all die Lust mir aus dem Sinn
Und lasse sie bei ihrer Fröhlichkeit,
Bis man zum Abendbrod sich macht bereit.
Gewürz und Wein gebeut der Seneschal
Zu bringen bei der Instrumente Schall.
Im Flug sind fort Hofjunker und Lakein,
Im Flug zurück schon mit Gewürz und Wein.
Man ißt und trinkt und als auch das beendet,
Hat man mit Fug zum Tempel sich gewendet. [10,610]
Darnach – es war noch hell – speist man zur Nacht.

Was soll ich euch erzählen von der Pracht?
Ihr wißt, es reicht bei einem Königsschmaus
Für Hoch und für Gering der Vorrath aus.
Nicht kenn' ich all der Leckerbissen Zahl.

Der edle König ging gleich nach dem Mahl
Mit einer Schaar vornehmer Herrn und Fraun
Hinaus, das ehrne Roß sich anzuschaun.
Dies Roß von Erz erfüllt mit Staunen Alle
In solchem Maß, daß es seit Troja's Falle, [10,620]
Wo auch ein Roß mit Staunen alle Leute
Erfüllte, nie ein Staunen gab wie heute.
Der Fürst stellt an den Ritter das Begehren,
Ihm jede Kraft und Tugend zu erklären
Des Rosses und wie man es lenken kann.

Da fängt zu trippeln es und tanzen an,
Wie nur der Ritter an den Zügel rührt.
Er sprach: »O Herr, das ist bald ausgeführt.
Wollt ihr es reiten, müßt ihr nur zuvor
An einem Stiftchen drehn in seinem Ohr, [10,630]
Wie ich euch unter uns noch zeigen werde.
Dann nennt das Land ihm und den Ort der Erde,
Wohin ihr euch zu reiten vorgenommen.
Seid ihr an euerm Ziel dann angekommen,
Ruft Halt! wobei ein andres Stift ihr dreht,
Weil darin der Maschine Kraft besteht.
Dann senkt es sich herab und bleibt auch stille
An diesem Platz, so lang es euer Wille.
Verschwöre sich auch alle Welt dagegen,
Es ließe sich nicht ziehn noch fortbewegen. [10,640]
Doch wenn ihr wollt, es soll von dannen gehn,
Sofort (ihr müßt an diesem Stift nur drehn)
Verschwindet es vor aller Menschen Blick
Und kehrt bei Tag und Nacht sogleich zurück,
Wenn ihr es anruft in der rechten Weise,
Worin ich gleich hernach euch unterweise,
Wollt ihr mir euer Ohr zu leihn geruhn.
Nun mögt ihr reiten; sonst ist nichts zu thun.«

Der Ritter wies dem edeln König drauf
Der ganzen Sache Wesen und Verlauf, [10,650]
Und als der Alles recht sich eingeprägt,
Ist heiter er und trefflich aufgelegt
Zurückgekehrt zu seinen Festgelagen.
Der Zügel ward nun in den Thurm getragen
Und bei dem köstlichsten Gestein bewahrt.
Das Roß verschwand – weiß nicht, auf welche Art –
Aus Aller Blick; mehr ist mir nicht bewußt.
So mag denn Jubel nun und Festeslust
Mit seinen Großen Cambuscan bejagen,
So lange bis es fast beginnt zu tagen. [10,660]

Pars secunda.

Der Schlaf, der Fördrer der Verdauung, trat
Ihm winkend nahe mit dem ernsten Rath:
Ein Zechgelag braucht wie die Arbeit Rast,
Drauf küßt' er unter Gähnen Gast für Gast
Und sprach: »Es ist die rechte Zeit zum Ruhn;
Das Blut ist in den Herrscherstunden nun.
Dem Blut, dem Freunde der Natur, steht bei.«

Sie dankten gähnend ihm je zwei und drei
Und jeder ging dann heim zu seinem Neste.
Wie's ihm der Schlaf gebot, hielt er's für's beste. [10,670]

Von ihren Träumen sollt ihr nichts erfahren,
Da ihre Köpfe voll von Weindunst waren,
Woraus ein Traum entspringt, der nichts bedeutet.
Sie schliefen, bis die Prime längst geläutet.
Fast alle – ohne Canace allein,
Sie trank, wie Weiber pflegen, wenig Wein,
Und hatte, als der Abend kaum gekommen,
Von ihrem Vater Urlaub schon genommen,
Zu Bett zu gehn, daß sie am Morgen nicht
Unfestlich sei und bleich von Angesicht. [10,680]
Gleich nach dem ersten Schlaf war sie erwacht.
Es hatte solche Freude ihr gemacht
Der Spiegel und der Wunderring zugleich:
Sie ward wohl zwanzigmal bald roth, bald bleich.
Der Spiegel stand so vor der Seel' ihr da,
Daß sie in einem Traumgesicht ihn sah.
Drum, eh die Sonne aufzugehn begann,
Rief ihre Ehrenwächterin sie an
Und sprach, sie hätte Lust sich zu erheben.
Die Dame, wie die alten Fraun denn eben [10,690]
Gar klug und weise sind, antwortet ihr:
»Wohin, mein Fräulein, treibt euch die Begier
So früh zu gehn? Es schläft noch Jedermann.«

Sie sprach: »Ich will aufstehen, denn ich kann
Nicht länger schlafen; ich muß etwas gehn.«
Die Ehrendame weckt die Frauen, zehn
Bis zwölf; die ganze Schaar war ihr gewärtig.
Die frische Canace macht auch sich fertig,
Rosig und glänzend gleich der jungen Sonnen,
Wenn sie des Widders drittem Grad entronnen. [10,700]
Nicht höher stand sie, als mit leichten Schritten
Hinaus ins Freie Canace geschritten,
Gekleidet nach der holden Jahreszeit,
Zu Fuß zu wandeln und zum Spiel bereit.
Fünf oder sechs der Ihren nahm sie mit
Zum Park, wo ein Gehäu den Wald durchschnitt.

Im Dunst, der überall entstieg dem Grund,
Schien dunkelroth und breit der Sonne Rund.
Und doch der Anblick war so wundervoll,
Daß hoch das Herz in ihrem Busen schwoll; [10,710]
War es der Morgen, war's des Jahres Prangen,
War's, daß die Vöglein in den Zweigen sangen;
Denn sie verstand jetzt an des Liedes Klang,
Was jeder Vogel meint mit dem Gesang.

Wird der Erzählung Knoten erst entfaltet,
Wenn bei den Hörern schon die Lust erkaltet,
Weil sie schon stundenlang ihr Ohr geliehn,
Dann muß ihr jeder Wohlgeschmack entfliehn.
Weitschweifigkeit macht Ueberdruß zuletzt.
Aus diesem selben Grund dünkt es mich jetzt, [10,720]
Ich sollte gleichfalls mich zum Knoten wenden
Und Canace's Spaziergang hiemit enden.

Noch wandelt scherzend sie im Waldesraum,
Da steht verdorrt und kreideweiß ein Baum.
Ein Falkenweibchen saß hoch über ihr
In diesem Baum und schrie so kläglich hier,
Daß rings davon die Waldung widerscholl.
Es schlug dabei sich selbst so jammervoll
Mit beiden Flügeln, daß bis wo sie stand,
Das rothe Blut hinab vom Baum sich wand, [10,730]
Wobei es unablässig schrie und kreischte
Und mit dem Schnabel so sich selbst zerfleischte –:
Es hätt' ein Tiger oder wildres Thier,
Das im Gebüsch haust oder Waldrevier,
Könnt' es nur weinen, sicherlich um sie
Aus Schmerz geweint, die so entsetzlich schrie.

Denn niemals hört' auf Erden wohl ein Mann,
Der überhaupt von Falken reden kann,
Von solcher Schönheit, wie an Zucht und Haltung,
So von Gefieder und des Leibs Gestaltung [10,740]
Und Allem, was dabei nur kommt in Frage.
Es schien, sie war vom Pilgerfalken-Schlage,
Von fremdher. Durch des Blutens Uebermaß
Ward dann und wann sie schwindlich, wie sie saß,
Daß sie beinah vom Baum gefallen wäre.
Die Königstochter, Canace, die hehre,
Die jenen Wunderring trug an der Hand,
Durch den sie jedes Vogels Welsch verstand,
Und in demselben Welsch ihm zu erwidern
Vermochte, das sie hört' in seinen Liedern, [10,750]
Sie konnte jetzt die Falkin auch verstehn
Und dachte schier vor Kummer zu vergehn.
Und hastig trat sie an den Baum heran
Und sah die Falkin voller Mitleid an
Und hielt den Schooß ihr hin, da wohl sie wußte,
Daß von dem Zweig die Falkin fallen mußte,
Wenn wieder ihr durch den Verlust an Blut
Die Ohnmacht käme. So stand auf der Hut
Sie eine ganze Zeit, bis sie zuletzt
Zur Falkin sprach, was ihr vernehmet jetzt: [10,760]

»Was ist die Ursach, kannst du sie erzählen,
Daß solche Höllenmarter dich muß quälen?«
So sprach zur Falkin droben Canace.
»Ist's Todesfurcht, verschmähter Liebe Weh?
Denn die zwei Gründe bringen edeln Herzen,
Das glaub' ich sicherlich, die größten Schmerzen.
Von anderm Kummer lohnt es nicht zu sprechen.
Du scheinst dich selbst ja an dir selbst zu rächen.
Dich treibt, das folgt daraus mit Sicherheit,
Furcht oder Zorn zu solcher Grausamkeit. [10,770]
Ich sehe keinen andern Feind euch jagen.
So wollt doch nicht die Gnad' euch selbst versagen.
Und giebt's denn keine Hülfe? Nie kam mir
In Ost und West ein Vogel oder Thier
Vor Augen, das so schrecklich sich zerplagt.
Glaubt mir, daß ihr auch mich mit Kummer schlagt.
Ein tiefres Mitleid fühlt' ich niemals kaum.
Um Gottes willen, kommt herab vom Baum
Und traun, so wahr ich bin ein Königskind,
Wenn mir nur erst bekannt die Gründe sind [10,780]
Zu eurer Qual, und wenn in meiner Macht
Es liegt, so will ich's bessern noch vor Nacht,
So wahr der große Gott mir stehe bei.
Auch werd' ich Kräuter finden mancherlei,
Die eure Wunden eiligst stellen her.«

Da schrie viel gräßlicher noch als vorher
Die Falkin auf und stürzte bei dem Schrei'n
Ohnmächtig auf den Grund, starr wie ein Stein,
Bis Canace in ihren Schooß sie nahm,
Wo sie allmählich zur Besinnung kam, [10,790]
Und als sie wieder ihre Kraft gewann.
Also in ihrem Falkenwelsch begann:

»Daß Mitleid leicht ergreift ein edles Herz,
Weil es sich selbst erkennt im fremden Schmerz,
Das kann aus Zeugnissen sowohl als Werken
Ein Jeder täglich, wenn er will, bemerken,
Da Edelsinn in edler That sich zeigt.
Euch, meine schöne Canace, erweicht
Zum Mitgefühl für mich mein schweres Leid
Aus wahrhaft liebevoller Weiblichkeit, [10,800]
Die euch Natur in eure Brust gelegt.
Nicht, weil in mir sich beßre Hoffnung regt,
Nein, nur um euerm Herzen zu willfahren
Und durch mein Beispiel Andre zu bewahren.
So wie den Löwen einst gewarnt der Hund,
Ganz aus demselbigen Entschluß und Grund
Geb' ich, eh' Zeit und Muße mir gebricht,
Vor meinem End' euch meinen Schmerzbericht.«
Und wie die Eine fing zu klagen an,
Weinte die Andre, daß sie fast zerrann. [10,810]
Die Falkin bat sie endlich, sich zu fassen
Und hat darauf sich also hören lassen:

»Wo ich geboren ward (o weh dem Tag!)
Und sanft in grauen Marmelfelsen lag,
Wo man mich hütete vor jedem Leid,
Da wußt' ich nichts von Widerwärtigkeit,
Bis ich mich hoch aufschwang zum Himmelsblau.

Es wohnt' ein Falke nah bei unserm Bau,
Der schien mir jedes Edelsinnes Blüthe,
Und war doch falsch und treulos von Gemüthe. [10,820]
Doch wußt' er's so in Demuth zu verstecken
Und mit dem Schein der Ehrlichkeit zu decken,
Und war so rastlos dienstbereit dabei,
Daß Niemand ahnte, es sei Heuchelei;
So fein wußt' er sein Farbenspiel zu mischen.
Recht wie die Natter unter Blumenbüschen
Sich biegt, bis sie die Zeit ersieht zum Beißen,
So wußt' auch er mit Amors Spiel zu gleißen,
Sich anstandsvoll zu bücken und zu neigen
Und all die Dienstbeflissenheit zu zeigen, [10,830]
Die mit der edeln Liebe sonst sich eint;
Gleichwie ein Grab auch schön von außen scheint
– Drin liegt die Leiche so, wie Jeder weiß –,
So war zugleich der Heuchler kalt und heiß
Und auf den eignen Vorsatz nur beflissen;
Den konnte Niemand als der Teufel wissen.
So hat er meinem Dienst gar manche Zeit
Mit Weinen und mit Klagen sich geweiht,
Bis ich, zu einfach und zum Mitleid fertig
Und seiner argen Bosheit nicht gewärtig, [10,840]
Aus Furcht, er thäte selber sich ein Leid,
Und im Vertraun auf seinen heil'gen Eid –
Zuletzt beschloß, ihm Liebe zu gewähren
Mit der Bedingung, mich in Zucht und Ehren
Sowohl daheim als vor der Welt zu halten.
Daß heißt, ich gab nach seinem Wohlverhalten
Ihm all mein Herz und Sinnen ganz und gar –
Gott und er selber weiß, daß Solches wahr, –
Und wechselte sein Herz für meines ein.
Doch bleibt es wahr, wie alt der Spruch mag sein: [10,850]
Ein Schelm denkt anders als ein Ehrenmann.

Als nun die Sache diesen Lauf gewann
Und ich ihm meine Liebe ganz gegeben
In solcher Art, wie ihr gehört soeben,
Und ihm so treu geweiht das Herze mein,
Wie er beschwor, das seine mir zu weihn,
Da kniet der Tiger voll Zweizüngigkeit
So vor mir nieder in Ergebenheit,
Weiß solche Demuth in dem Blick zu zeigen,
Wie sie der edeln Liebe sonst nur eigen. [10,860]
Ist so entzückt vor Lust nach allem Schein,
Daß der Trojaner Paris, Jason – nein,
Daß niemals auf der Welt ein andrer Mann
Seit Lamech (der, wie man noch lesen kann,
Zuerst zwei Fraun zur Liebe sich erkoren)
Niemals, seitdem der erste Mann geboren,
Ein Mensch ein Zwanzigtausendstel der Lügen
Ersann, durch die er wußte zu betrügen.
Ihm durfte Niemand in der Kunst der bösen
Verstellung seiner Schuhe Riemen lösen. [10,870]
Es konnte Keiner danken wie er mir.
Es dünkte sich ein Weib im Himmel schier
Bei diesem Anblick, war sie noch so weise.
Gestriegelt und geschminkt in feinster Weise
War er in Wort und Haltung jeder Zeit.
Ich liebt' ihn, weil er mir so dienstbereit,
So ehrlich stets erschien in meinem Herzen.
Ja, dacht' ich nur, es könnt' ihn etwas schmerzen,
Und war es nur die kleinste Kleinigkeit,
Glaubt' ich zu sterben gleich vor Herzeleid. [10,880]
Zuletzt kam es mit uns so weit sogar,
Daß ich nur seines Willens Werkzeug war.
Das heißt, mein Wille war so untergeben
Dem seinen, wie es die Vernunft nur eben
Zuließ. Denn meine Ehre wahrt' ich immer.
So theuer war mir nie und wird auch nimmer
Ein andres Wesen sein, weiß Gott, wie Er.
Dies dauerte zwei Jahr wohl oder mehr,
Daß ich von ihm nichts als nur Gutes dachte,
Bis das Geschick es also mit sich brachte, [10,890]
Daß er von jenem Orte mußte scheiden,
Den ich bewohnte. Ach, wie mußt' ich leiden,
Wie weh war mir! Danach mögt ihr nicht fragen.
Ich kann es euch in Worten nimmer sagen.
Denn Eins behaupt' ich und versichr' es dreist:
Ich weiß dadurch, was Qual des Todes heißt.
So wollt' es bei der Trennung mir behagen.
Und endlich kam er, Abschied mir zu sagen
So sorgenvoll, daß in der That es schien,
Als peinigte derselbe Kummer ihn, [10,900]
Hört' ich sein Wort, sah ich sein Antlitz an.
Ich hielt ihn ja für einen treuen Mann,
Und dacht' ihn auch, die Wahrheit zu gestehn,
In kurzer Weile wieder hier zu sehn.
Und, wie es oft sich trifft in solcher Weise,
Vernunft und Ehre zwang ihn zu der Reise.
Drum macht' ich eine Tugend aus der Noth
Und fügte mich; denn Noth kennt kein Gebot.
Den eignen Schmerz verberg' ich, wie ich kann,
Geb' ihm die Hand: »Beim heiligen Johann«, [10,910]
Sprech' ich, »sieh, ich gehör' auf ewig dir.
Was ich dir war und bin, sei du auch mir.«
Nach seiner Antwort traget nicht Begehr.
Wer sprach so schön und that so schlecht wie Er?
Doch nach den schönen Worten war es aus.
Man sagt, wer mit dem Satan geht zum Schmaus,
Der muß mit langem Löffel sich versehn.

Und endlich mußt' er seines Weges gehn.
So flog er fort, bis er zum Ziele kam.
Doch als er seinen Aufenthalt dort nahm, [10,920]
Hat er gewiß den Text sich vorgestellt,
Daß Gleiches sich zu Gleichem gern gesellt.
So sagen ja die Menschen, wenn mir recht.
Doch lieben sie beim eigenen Geschlecht
Abwechslung wie die Vögel in den Bauern.
Läßt man sich Tag und Nacht die Müh' nicht dauern,
Wie Seide weich den Käfig auszulegen,
Mag man mit Zucker, Brod und Milch ihn pflegen,
Doch, ist die Thür auf einen Augenblick,
Stößt mit dem Fuß er seinen Napf zurück [10,930]
Und fliegt zum Wald, um Würmer dort zu fressen.
So ist auf neue Speisen er versessen
Und liebt nicht Fütterung der rechten Art,
Nicht Blutes Adel ihn davor bewahrt.

So that auch dieser Falke – weh des Tages!
War er auch munter, frisch und edeln Schlages,
Von Ansehn gut, bescheiden, kühn und frei.
Es flog einst eine Weih' an ihm vorbei,
Und plötzlich war er so in sie versessen,
Daß meiner Liebe gänzlich er vergessen [10,940]
Und er mich schändlich um sein Wort betrogen.
Die Weih' hat ihn in ihren Dienst gezogen,
Ich bin verloren, trostlos fort und fort!«

Und schreiend fiel die Falkin bei dem Wort
Ohnmächtig in den Schooß der Canace.
Groß war ihr Jammer um des Vogels Weh;
Groß Canace's und ihrer Frauen Klagen.
Sie wußten nicht der Falkin Trost zu sagen.
Doch Canace hat sie nach Haus getragen
Und sänftlich ihr manch Pflaster umgeschlagen, [10,950]
Da, wo sie mit dem Schnabel sich verletzt.

Und Canace wird nimmer müde jetzt,
Nach köstlichem und edelm Kraut zu graben.
Sie muß es zu den neuen Salben haben
Für ihres Vogels Heilung. Tag und Nacht
Ist sie nach Kräften auf ihr Werk bedacht.
Sie baut an ihrem Bett ein Vogelhaus
Und schlägt es ganz mit blauem Sammet aus,
Als der bewährten Weibertreue Zeichen;
Von außen läßt sie es mit Grün bestreichen. [10,960]
Drin stellte man der falschen Vögel Schaar,
Zeisig und Kauz und Falkenmännchen dar;
Auch Elstern, um mit Zank und mit Geschrei
Sie zu verhöhnen, malte man dabei. –

Mag sie dann für den Vogel Sorge tragen;
Ich will von ihrem Ring für jetzt nichts sagen,
Bis ich euch in der Folge melden kann,
Wie diese Falkin ihren reu'gen Mann
Zurückempfing. Denn, wie man uns berichtet,
Hat diese Zwietracht Cambalus geschlichtet, [10,970]
Des Königs Sohn, von dem ihr schon erfahren.
Doch muß ich jetzt der Reihe nach verfahren
Und erst auf Kämpf' und Abenteuer kommen
So wunderbar, wie man sie nie vernommen.

Zuerst erzähl' ich euch von Cambuscan,
Der seiner Zeit noch manche Stadt gewann.
Dann mach' ich mit Algarsif euch bekannt,
Wie er erwarb der Theodora Hand
Und mancherlei Gefahr dabei bestand,
Die durch das ehrne Roß er überwand. [10,980]

Hernach will ich von Cambalo noch sprechen,
Der die zwei Brüder erst im Lanzenbrechen
Besiegte, eh' er Canace gewann.
Doch, wo ich stehn blieb, fang' ich wieder an. –

(Schluß fehlt.)

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