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Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 14
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
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Die Erzählung des Kaufmanns.

Prolog.

»Weinen und Heulen, Noth und andre Sorgen
Hab' ich genug am Abend und am Morgen, [9090]
Und so geht's manchem andern armen Wicht
Von Ehemann; ich denk', ich irre nicht;
Mir schon gewiß« – so sprach der Handelsmann.
»Das schlimmste Weib, das man sich denken kann,
Ist mein. Denn würde Satan ihr Geselle,
Ich schwör's, sie kriegt' ihn unter auf der Stelle.
Was hilft's, wenn ich euch einzeln namhaft mache
Ihr tückisch Thun? – Genug, sie ist ein Drache.
Fürwahr, der Unterschied ist groß und weit
Zwischen Griseldis' großer Duldsamkeit [9100]
Und meines Weibes grausamem Gemüthe.
Wär' ich noch ungebunden, – Gott behüte! –
Man finge nimmermehr mich wieder ein.
Wir Ehemänner tragen Kreuz und Pein.
Versucht es, wenn ihr wollt; ich wett', ihr sprecht,
Beim heil'gen Thomas Indus: Er hat recht.
Doch sag' ich nicht, daß Keiner ausgenommen.
Verhüt' es Gott, daß so es müßte kommen!

Ja, mein Herr Wirth, zwei Monat ist es her,
Daß ich vermählt, bei Gott, es ist nicht mehr. [9110]
Doch denk' ich, wer sein Lebelang kein Weib
Gehabt, er kann, durchbohrt man auch den Leib
Ihm bis ins Herz, von so viel Noth nicht sagen,
In keiner Art, als ich euch könnte klagen
Von meines Weibs verruchter Quälerei.«

»Nun«, sprach der Wirth, »so stehe Gott euch bei.
Da ihr in dieser Kunst so wohl zu Haus,
So bitt' ich, rückt etwas damit heraus.«

»Gern«, sprach er, »doch von meinen eignen Schmerzen
Sag' ich nichts mehr; es thut zu weh dem Herzen.« [9120]

Erzählung des Kaufmanns.

Es war ein Ritter im Lombardenland,
Pavia wird sein Heimatsort genannt,
Der dort, wiewohl er sehr begütert war,
In ehelosem Stande sechzig Jahr
Gelebt; er folgte nur dem Ziel
Der Sinnenlust, wenn ihm ein Weib gefiel.
So sind der thörichten Weltkinder Sitten.

Und als er sechzig Jahr nun überschritten,
Setzte der Ritter – war's Bußfertigkeit,
Ich weiß es nicht – vielleicht auch Albernheit – [9130]
Kurz, setzt' er so auf Heirath sein Gemüth,
Daß er nach Kräften Tag und Nacht sich müht,
Ein passend Ehebündniß zu ersehn
Und Gott den Herrn um Gnade anzuflehn,
Auch ihm das sel'ge Leben zu gestatten,
Wie zwischen Gattin es besteht und Gatten,
Daß er auch lebe in dem heil'gen Band,
Das Gott zuerst um Fraun und Männer wand.
»Nicht einer Bohne werth sei sonst das Leben;
Der Ehstand aber sei so rein und eben, [9140]
Er mach' ein Paradies aus dieser Welt.«

So sagte dieser alte, weise Held.
Und, in der That, so wahr Gott hat die Macht,
Ein Weib zu nehmen ist wohl eine Pracht,
Zumal, wenn Einer alt erst wird und greis,
Dann ist ein Weib wohl aller Schätze Preis.
Dann muß ein Weib man, jung und schön, erwerben,
Mit ihr zu zeugen einen Leibeserben
Und froh und guter Dinge stets zu sein,
Wenn Junggesellen Ach und Wehe schrein. [9150]
Sie finden in der Liebe nichts als Leid,
Die Kinderei nur sei und Eitelkeit.
Und in der That kann nichts gerechter sein,
Als daß sie häufig leiden Weh und Pein.
Hinfällig ist der Grund, auf dem sie baun,
Hinfällig drum das Werk, dem sie vertraun.
Und wie der Vogel, wie das Thier im Wald,
So leben sie in Freiheit ohne Halt.
Doch wer sich in den Ehestand begeben,
Der führt ein heilsam ordentliches Leben. [9160]
Er ist ans eheliche Joch gebunden,
Wo Freud' und Lust in Fülle wird gefunden.

Wer ist so schmiegsam wohl wie eine Frau,
Wer nimmt so treu, so achtsam und genau
In Wohlsein sich und Krankheit seiner an?
In Wohl und Weh verläßt sie nicht den Mann.
Nie würd' ermatten sie in Dienst und Liebe,
Wenn er bis an den Tod bettlägrig bliebe.

Viele Gelehrte leugnen Solches zwar;
Auch Theophrast ist unter dieser Schaar. [9170]
Wenn Theophrastus lügt, – was thut das mir?
Er sagt: »Nimm keine Frau zum Haushalt dir,
Um in der Wirthschaft so etwa zu sparen.
Es wird sorgfält'ger dir dein Gut bewahren
Ein treuer Diener als die Frau es mag.
Die Hälfte nimmt für sich sie in Beschlag.
Und wirst du krank, so wird, bei meinem Leben,
Ein Freund, ein treuer Bursch, dir Pflege geben,
Und besser wohl als sie, die auf dein Gut
Von jeher harrte, und auch jetzt es thut.« [9180]

Dies Wort und hundert schlimmre stehn im Buche
Des Manns geschrieben, welchen Gott verfluche.
Doch solche eitle Dinge achtet nicht;
Hört mich und nicht was Theophrastus spricht.

Das Weib nur ist ein Gut von Gott gegeben.
Denn wahrlich alle Güter sonst im Leben,
Als Aecker, Weiden, Zins, Gemeindeland
Und Hausrath, sind uns nur vom Glück gesandt,
Und flüchtig wie der Schatten an der Wand.
Dagegen – sei's aufrichtig dir bekannt –: [9190]
Ein Weib besteht und hält in deinem Haus
Vielleicht viel länger, als du wünschtest, aus.
Die Ehe ist ein großes Sakrament.
Verflucht ist, wer sich nicht dazu bekennt;
Er lebt verlassen, hülf- und hoffnungslos –
(Natürlich spreche ich von Laien bloß);
Hört auch, warum? Ich sag' es nicht zum Spott:
Dem Mann zur Hülfe schuf die Frauen Gott.
Denn als Gott Adam aus dem Erdenkloß
Gemacht und splitternackt ihn sah und bloß [9200]
Und einsam, kam ihn groß Erbarmen an;
Und sprach: »Laßt eine Stütz' uns für den Mann,
Ihm gleich, erschaffen.« Drauf er Eva machte.

Daraus der Mensch erkenne und betrachte,
Des Mannes Trost und Hülfe sei das Weib,
Sein irdisch Paradies, sein Zeitvertreib.
So schmiegsam und so tugendhaft ist sie,
Man lebt mit ihr von selbst in Harmonie.
Sie sind ein Fleisch; ein Fleisch hat auch gewiß
Ein Herz im Glück wie in Bekümmerniß. [9210]

Ein Weib! Heil'ge Maria, Gott bewahre,
Ist's möglich, daß Dem Unglück widerfahre,
Der eine Frau hat? Nein, ich sage nein.
Das Heil, das zwischen Beiden kehret ein,
Nennt keine Zunge, denkt sich kein Verstand.
Ist Einer arm, hilft sie ihm mit der Hand,
Bewahrt sein Gut; nichts bringt davon sie hin.
Des Mannes Thun ist stets nach ihrem Sinn.
Nie sagt sie nein, will er etwas bejahn;
Er spricht: »Thu dies!« Sie: »Herr, es ist gethan!« [9220]

Heilsame Ordnung, köstlich Eheband,
Du bist solch tugendsam- und lust'ger Stand,
So wohl empfohlen und so hoch geehrt,
Daß, wer nur einen Pfifferling noch werth,
Sein Lebelang auf seinen bloßen Knie'n
Gott danken muß, der ihm sein Weib verliehn,
Und, hat er keins, zu Gott inständig flehn,
Bis an sein End' ihm eins auszuersehn.
Dann ist sein Leben sicher erst auf Erden;
Dann, denk' ich, kann er nicht betrogen werden. [9230]
Will er nach seines Weibes Rath nur handeln,
Dann kann er kühn erhobnen Hauptes wandeln,
Da sie so treu sich und so klug erweisen.
Drum, wenn du handeln willst gleich einem Weisen,
So thu stets das, wozu dein Weib dir räth.

Seht, was in der Gelehrten Büchern steht:
Wie Jacob auf Rebecca's klugen Rath
Ein Ziegenfell um seinen Nacken that,
Wodurch des Vaters Segen er gewann.
Seht die Geschichten auch von Judith an: [9240]
Sie rettete durch List das Volk des Herrn,
Denn sie erschlug im Schlaf den Holofern.

Sieh Abigail, deren Rath den Tod,
Mit dem man ihren Eheherrn bedroht,
Abwandte. Esther sieh, die aus dem Leid
Durch gute Lehren Gottes Volk befreit,
Der Ahasverus selbst sich freundlich neigte,
Und Mardochai hohe Gunst bezeigte.

Von Allem, was Superlativus heißt,
Lobt Seneca ein duldsam Weib zumeist. [9250]
Gieb deiner Frau einmal das Herrscherrecht
(Wie Cato räth), gehorch ihr, sei ihr Knecht:
Und doch, aus Zartsinn unterwirft sie sich.

Ein Weib erhält die Wirtschaft ordentlich.
Wohl Grund zum Jammern hat ein kranker Mann,
Nimmt keine Frau sich seiner Wirtschaft an.
Du mußt die Gattin, willst du Weisheit pflegen,
Wie Christus seine Kirche liebend hegen.
Hast du dich selbst lieb, hab' auch lieb dein Weib.
Es haßt Niemand sein Fleisch; den eignen Leib [9260]
Pflegt Jeder; darum sei voll Zärtlichkeit
Gegen dein Weib; sonst bringst du's niemals weit.
Denn Mann und Weib, wie man auch spott' und spaße,
Gehn unterm Laienvolk die sichre Straße.
So eins sind sie, so fern von jedem Streite,
Besonders aber von der Gattin Seite.

Drum hat auch Januar, von dem ich sage,
Es überlegt auf seine alten Tage,
Wie doch des Ehstands Honigsüßigkeit
Voll stiller Tugend sei und froher Zeit. [9270]
Zu seinen Freunden hat er denn gesandt
Und ihnen seine Absicht frei bekannt.

Mit ernstem Antlitz sprach er dergestalt;
Er sagte: »Freunde, ich bin grau und alt
Und von dem Rand des Grabes nicht mehr weit,
Da wird's der Seele zu gedenken Zeit.
Ich habe thöricht meinen Leib verthan,
Jetzt, Gott sei Dank, bin ich auf beßrer Bahn.
Denn es steht fest: Ich werd' ein Ehemann,
Und zwar so bald und eilig als ich kann. [9280]
Ein Mädchen schön und in der Jugendblüthe
Sucht mir zur Heirath aus; doch habt die Güte
Und macht geschwind; ich will nicht länger ruhn
Und werde ebenfalls das Meine thun,
Mir hastig zu erspähn ein Ehgemahl.
Doch insofern ihr mehr seid an der Zahl,
Wird's euch bei der Ermittlung wen'ger fehlen
Als mir, wo's passend sei, mich zu vermählen. –
Doch Eines, theure Freunde, merkt genau:
Ich will bei Leibe keine alte Frau. [9290]
Sie sei nicht über zwanzig Jahr hinaus;
Jung Fleisch und alter Fisch, das ist mein Schmaus.
Wenn Hechte besser uns als Hechtlein sind,
Schmeckt Kalbfleisch zarter doch als altes Rind.
Ich mag kein dreißigjähr'ges Weib. Mein Magen
Kann Bohnenstroh und Häcksel nicht vertragen.
Und diese alten Wittwen erst verstehn,
Weiß Gott, mit Wade's Boot so umzugehn
Und setzen Einem so mit Launen zu,
Ich hätt' im Leben nicht bei ihnen Ruh. [9300]
Viel Schulen bilden den Gelehrten aus:
Das Weib ist halb gelehrt bereits von Haus.
Doch ist solch junges Ding noch immer biegsam
Und warmem Wachs gleich in den Händen schmiegsam.
Drum laßt zum Schluß euch kurz und bündig sagen,
Ich will mich nicht mit einer Alten plagen.
Denn sollt' es so mit mir das Unglück fügen,
Daß ich von ihr genösse kein Vergnügen,
Würd' ich gewiß in Ehebruch verfallen
Und stürbe sicher in des Teufels Krallen. [9310]
Sie würde keine Kinder mir gebären.
Doch sollten Hunde lieber mich verzehren,
Als daß in fremde Hände je ich fallen
Mein Erbe ließe; dies sag' ich euch Allen.
Ich fas'le nicht; ich weiß, wozu der Brauch
Der Heirath dient; und ferner weiß ich auch,
Daß Viele, die darüber sich ergehn,
Dennoch nicht besser als mein Knecht verstehn,
Aus welchem Grund man soll im Ehstand leben.
Wer sich nicht ganz der Keuschheit will ergeben, [9320]
Der nehm' ein Weib in Gottergebenheit,
Mit ihr im Wege der Gesetzlichkeit
Kinder zu zeugen und zu Gottes Ehren;
Nicht bloß aus Lieb' und sinnlichem Begehren;
Alsdann um böser Lust sich zu entschlagen
Und seine Schuld rechtzeitig abzutragen;
Auch daß im Unglück sie einander sich
Beistehen, brüderlich und schwesterlich,
Wenn sonst sie auch ganz keusch und heilig leben.
Dies Letzte, meine Herrn (ihr wollt vergeben), [9330]
Paßt nicht auf mich, da, Gott sei Dank und Preis,
Ich meine Glieder stramm und kräftig weiß
Für jedes Werk, das da gehört zum Mann.
Ich weiß am besten selber, was ich kann.
Weiß bin ich, wie's dem Baum nicht anders geht,
Der, eh' er Frucht trägt, auch in Blüthen steht.
Der blühnde Baum ist weder todt noch trocken;
Nichts fühl' ich weiß an mir als meine Locken.
Mein Herz und meine Glieder insgemein
Sind wie der Lorbeer grün Jahr aus Jahr ein. [9340]
Und da ihr nun gehört mein ganz Bestreben,
So bitt' ich euch, ihm Beifall auch zu geben.«

Verschiedentlich gab Der und Jener dann
Manch altes Beispiel von der Ehe an.
Der wollte sie nur tadeln, Jener loben,
Bis sich zu guter Letzt ein Streit erhoben,
Wie unter Freunden denn wohl alle Tage
Dispüt entsteht um eine stritt'ge Frage.
Kurz, zwischen seinen Brüdern zwei'n entstand
Ein Streit. Der eine war Justin genannt; [9350]
Placebo hieß der andre von dem Paar.

Placebo sagte: »Bruder Januar,
Mein theurer Herr, ihr brauchtet in der That
Nicht einen von uns hier zu euerm Rath.
Doch seid von Weisheit also ihr erfüllt.
Daß ihr aus hoher Klugheit nicht gewillt,
Die Worte Salomonis zu verachten.
Wir Alle sollen diesen Spruch betrachten:
Thu jeglich Ding nach gutem Rath, sagt er;
Dann wird es dich nicht reuen hinterher. [9360]
Doch wenn uns Salomo auch also lehrt,
So glaub' ich doch, mein Herr und Bruder werth,
So wahr mir Gott mag seinen Frieden schenken:
Kein beßrer Rath als eurer läßt sich denken.

Erlaubt, Herr, daß ich diesen Grund angebe.
Ich bin ein Hofmann nun, so lang' ich lebe,
Und bin, Gott weiß, ob ich es gleich nicht werth,
Von je mit hohen Stellungen beehrt
Bei gar vornehmen Herrn und Potentaten
Und bin mit ihnen nie in Streit gerathen, [9370]
Ich widersprach da niemals – sicherlich.
Ich weiß, mein Herr ist klüger doch als ich.
Was er gesagt, gilt felsenfest hinfort.
Ganz gleich – wo nicht, doch ähnlich ist mein Wort.
Denn der Rathgeber ist ein großer Thor,
Der, wenn ein hoher Herr ihn sich erkor
Zum Dienst, mit seinem Rath anmaßend dreist
Zu übertreffen wähnt des Herren Geist.
Nun, macht euch nicht zu Narren, gute Leute.
Ihr selbst, Herr, habt so hohe Weisheit heute [9380]
So heilig und so schön an diesem Ort
Verkündigt, daß ich ihr nach Sinn und Wort
Bestätigung und vollen Beifall schenke.
Kein Mensch in dieser ganzen Stadt – ich denke,
In ganz Italien – kann es besser sagen.
Bei Gott, der Rath muß Christus selbst behagen.
Mir scheint es hohen Muth zu offenbaren,
Nimmt Einer, der schon vorgerückt in Jahren,
Ein junges Weib, bei meines Vaters Adel!
Traun, euer Herz hängt noch an lust'ger Nadel. [9390]
Thut denn in dieser Sache, wie ihr meint,
Da schließlich es mir so am besten scheint.«

Justin saß still dabei und hört' ihn an
Und sprach Placebo zur Erwidrung dann:
»Ihr trugt, mein Bruder, eure Ansicht vor;
Nun bitt' ich, schenkt der meinen euer Ohr.
Nebst andern weisen Regeln für das Leben
Giebt Seneca auch die, wohl Acht zu geben,
Wem man sein Land vertraut und seine Habe.
Wenn ich nun schon mich zu bedenken habe, [9400]
Wem ich vertrauen darf mein irdisch Gut,
Bei Gott, so muß viel mehr ich auf der Hut
Bei meinem Leib sein. Ich kann nicht zu viel
Den Rath erneun, es sei kein Kinderspiel,
Ein Weib zu nehmen ohne Vorbedacht.
Man muß (so mein' ich) sorgsam geben Acht,
Ob weis' und nüchtern, ob zum Trunk geneigt,
Ob stolz, ob sie als Hauskreuz sich gezeigt;
War zänkisch und verschwendrisch sie zuvor?
Ist arm, ist reich sie? – Sonst ist man ein Thor. [9410]
Man findet zwar in dieser ganzen Welt
Nichts, was in jedem Stück die Probe hält,
Nicht Mensch, nicht Thier, so viel bekannt hienieden;
Doch sei vernünft'ger Weise man zufrieden.
Wenn nur ein Weib mehr gute Eigenschaften
Besitzt, als schlimme Fehler an ihr haften.
Dies Alles zu erforschen fordert Zeit.
Weiß Gott, ich hab' in stiller Einsamkeit
Gar oft geweint seit meinem Hochzeitstag.
Preise das Loos des Ehmanns wer da mag, [9420]
Ich finde Sorg' und Kosten nur dabei
Und außerdem heillose Schererei.
Und doch, weiß Gott, darf ich den Nachbarn traun,
Besonders einem ganzen Schwarm von Fraun,
So ward mir ein sehr treues Weib gegeben
Und eins der sanftesten zugleich, die leben.
Ich weiß am besten, wo mich drückt der Schuh.
Doch thut meinetwegen, was ihr wollt; nur zu!
Seht selbst euch vor – ihr seid ja schon bei Jahren–,
Was ihr bei eurer Wahl habt zu befahren, [9430]
Zumal mit einer jungen, schönen Braut.
Bei Ihm, der diese Welt hat aufgebaut,
Es hat der Jüngste von uns Allen hier
Hinlänglich doch zu schaffen (glaubt es mir),
Daß er sein Weib für sich allein behält.
Daß sie bei euch sich nicht drei Jahr gefällt,
Steht fest; – das heißt mit völligem Vergnügen.
Ihr habt gar manchen Wünschen zu genügen.
Bitte, laßt euch mein Wort nicht mißbehagen.«

Drauf Januar: »Hast du weiter nichts zu sagen? [9440]
'nen Strohhalm für die Sprüche Seneca's!
Nicht einen Korb voll Kohl werth ist der Spaß
Mit all dem Schulkram! Hörtest du doch eben,
Daß mir viel klügre Leute Beifall geben
Als du. Was denkt, Placebo, ihr? Sagt an.«

»Ich denke, der ist ein verruchter Mann,
Der Abbruch thut dem Ehstand – sicherlich.«

Und bei dem Wort erhob man plötzlich sich
Und stimmte völlig überein, er sollte
Ein Weib sich nehmen, wann und wo er wollte. [9450]
Und täglich sorgenvoll geschäftig kreis't
Mit manchen hohen Träumen Januars Geist.
So steckt er ganz in Ehestands-Gedanken,
Schöne Gestalten und Gesichter schwanken
Von Nacht zu Nacht ihm durch das Hirn in Menge.
Wie wenn ihr mitten in des Markts Gedränge
Mit einem hell geschliffnen Spiegel steht
Und nun Gestalten um Gestalten seht
In eurem Spiegel wechseln: also war
In Januars Gedanken eine Schaar [9460]
Von Mädchen, die ihn in der Näh' umgaben.
Nicht wußt' er sich zu lassen und zu haben.
Denn wenn sich diese schön von Antlitz zeigt,
Ist Jener so die Gunst des Volks geneigt,
Weil ihr an Ernst und Milde Keine gleicht,
Daß ihr den Preis des Volkes Stimme reicht.
Viele, die reich sind, stehn in schlechtem Ruf.
Dennoch im Scherz halb, halb im Ernste schuf
Er sich ein Ziel zuletzt und hielt es fest.
Sein Herz entließ darauf den ganzen Rest. [9470]
Nach eigner Ansicht wählt das schöne Kind
Er selbst sich aus (denn Lieb' ist immer blind),
Und hat sich, als zu Bett' er lag bei Nacht,
Mit Geist und Herz von ihr ein Bild gemacht,
Wie frisch und schön sie sei, wie zart und jung,
Wie schlank ihr Arm, wie fein der Hüften Schwung,
Wie klug ihr Wesen, voll Bescheidenheit,
Voll Ernst und doch so voller Weiblichkeit.
Und als er sich zu ihr herabgelassen,
Schien keine Wahl wie diese ihm zu passen. [9480]
Und da ihm der Entschluß ernst saß im Kopf,
Erschien ihm Jedermann als solch ein Tropf,
Daß platterdings sich gegen seine Wahl
Nichts sagen ließ. So dacht' er nun einmal.

Zu seinen Freunden sandt' er eilig nun
Und bat sie, den Gefallen ihm zu thun
Und unverweilt sich zu ihm zu begeben,
Er wolle jeder Müh' sie überheben:
Sie dürften nicht mehr reiten oder gehn,
Er habe sich ein Ruheziel ersehn. [9490]

Placebo kam mit seinen Freunden allen;
Da bat er sie zuerst um den Gefallen,
Ihm nicht mit Argumenten mehr zu kommen;
Er halte fest, was er sich vorgenommen.
»Der Vorsatz«, sagt' er, »bringt mir Gottes Segen
Und wird den Grund zu meinem Heile legen.«

»Es lebt ein Mädchen«, sagt er, »in der Stadt,
Die großen Ruf durch ihre Schönheit hat.
Ist sie aus niederm Stande gleich entsprungen,
Hat ihrer Jugend Reiz mich doch bezwungen. [9500]
Die«, sagt er, »will ich mir zum Weib erküren,
Mit ihr ein Leben, still und fromm, zu führen.
Und Gott sei Dank, sie wird nur mir gehören,
Kein Nebenbuhler mich im Glücke stören.«
Drauf bat er sie, mit ihm die Mühn zu theilen
Und sein Geschäft nach Kräften zu beeilen.
»Dann erst wird sich mein Herz der Ruhe weihn,
Dann nichts mehr meinem Glück im Wege sein.
Nur Eins ist, was mir am Gewissen nagt,
Darüber hätt' ich gern ein Wort gesagt.« [9510]

»Ich hörte«, sagt er, »vor geraumer Zeit,
Kein Mensch erwerbe zweimal Seligkeit,
Das heißt auf Erden und im Himmelreich.
Hat er sich vor den sieben Sünden gleich
Und jedem Zweige dieses Baums gewahrt,
So ist ein Glück von so vollkommner Art,
So große Freud' und Lust doch in der Ehe,
Daß ich entsetzt in meinem Alter stehe,
Da ich genießen soll solch Lebensglück,
So sanft, so ohne Weh und Mißgeschick, [9520]
Daß ich den Himmel finde schon hienieden.
Nun, da der Himmel uns nur wird beschieden
Um hohen Preis, für Pönitenz und Leid,
Wie soll denn ich, dem solche Seligkeit
Wie allen Ehemännern wird zu Theil,
Gelangen noch zu Christi ew'gem Heil?
Der Skrupel, meine Brüder, macht mir Plage,
Ich bitt' euch beide, löst mir diese Frage.«

Justin, dem seine Albernheit mißfiel,
Antwortete ihm in demselben Stil: [9530]
Er wollte, seine Rede abzukürzen,
Sie jetzt nicht mit Autoritäten würzen;
»Vielmehr«, sprach er, »ist sonst kein Hinderniß,
Wird Gott mit seiner Wunderkraft gewiß
Also in Gnaden wirken euretwegen,
Daß, eh' ihr habt der Kirche heil'gen Segen,
Ihr schon bereut des Ehstands hohes Glück,
Der, wie ihr sagt, so frei von Mißgeschick.
Schlimm wär's, wenn nicht dem Ehmann Gottes Güte
Viel öfter noch ein reuiges Gemüthe [9540]
Verliehe als dem unvermählten Mann.
Drum, Herr, das Beste, was ich rathen kann,
Ist: Nicht verzagt! Ich bitt' euch hoch und theuer.
Sie wird vielleicht noch euer Fegefeuer.
Vielleicht wird Gott sie noch als Geißel schwingen.
Dann wird die Seel' euch in den Himmel springen
So schnell, wie sich kein Pfeil vom Bogen schwingt.
Doch hoff' ich, daß ihr's zur Erkenntniß bringt,
Es sei doch nicht so groß die Seligkeit
Des Ehstands weder jetzt noch nach der Zeit, [9550]
Daß sie an euerm ew'gen Heil euch hindert,
Wenn ihr die Lust nur mäßigt und vermindert
Zu euerm Weib, wie die Vernunft verlangt;
Nicht zu verliebt nach ihrer Gunst euch bangt
Und euch von andern Sünden rein bewahrt.
Mein Spruch ist aus. Mein Witz ist schwacher Art.
Seid, lieber Bruder, nicht darob entsetzt;
Verlassen wir vielmehr die Sache jetzt.
Das Weib von Bath sprach von dem Ehestand,
Zu dem ihr euch jetzt anschickt, sehr gewandt [9560]
In aller Kürze; wollt das überlegen;
Und nun lebt wohl; Gott geb' euch seinen Segen.«

Worauf sammt seinem Bruder sich Justin
Empfiehlt und beide ihres Weges ziehn.
Und als sie sahn, daß es nicht anders sei,
So kamen sie dem Mädchen (sie hieß Mai)
Durch List und kluge Unterhandlung bei,
So eilig sich, wie's ihr nur möglich sei,
Mit Januar zur Heirath zu entschließen.
Es würd' euch Zeit und Weile nur verdrießen, [9570]
Wollt' ich von jeder Schrift und Akte sagen,
Durch die ihr ward sein Lehngut übertragen,
Sowie von ihrem reichen Schmuck und Staat.
Kurz, als der Hochzeitstag zuletzt genaht,
Sind in die Kirche beide sie gegangen,
Das heil'ge Sakrament dort zu empfangen.
Der Priester kommt in seinem Meßgewand,
Ermahnt sie, treu und klug im Ehestand,
Zu sein, wie Sara und Rebekka auch;
Sagt die Gebete her, so wie es Brauch, [9580]
Bekreuzt sie, flehet Gott um Segen an
Und weiht den Bund, so fest man's wünschen kann.
So sind sie denn nun feierlich getraut,
Und bei dem Mahl sitzt Bräutigam und Braut
Auf dem Parket mit manchem werthen Gaste.
Und Freud' und Jubel herrscht in dem Palaste.
Da giebt's Musik und Speisen allerhand,
Die leckersten im ganzen welschen Land.
So war der Instrumente Harmonie,
Daß selbst Amphion, der Thebaner, nie, [9590]
Daß Orpheus nie gespielt mit solchem Klang.
Musik fiel schallend ein bei jedem Gang:
Es schmetterten so hell nicht Joabs Zinken,
Noch blies, als Thebens Veste war im Sinken,
Theodamas mit halb so kräft'gem Munde.
Den Wein kredenzte Bacchus in der Runde
Und Venus lachte Jeden freundlich an;
Der Januar war jetzt ihr Rittersmann.
Sein Herz hatt' er versucht im freien Stande,
Versuchen wollt' er's jetzt im Ehebande. [9600]
Die Hand umsprüht von ihrer Fackel Glanz,
Dreht sie vor Braut und Gästen sich im Tanz
Und Hymenäus, er, der Gott der Ehen,
Hat nie solch lust'gen Ehemann gesehen,
Wie ich mit Zuversicht behaupten kann.
Hier fängst du, Dichter Marcian, nichts an.
Beschreibst du gleich in lustiger Erzählung
Merkurs und Philologia's Vermählung,
Und was der Musen Chor dabei gesungen;
Die Hochzeit schildern Federn oder Zungen [9610]
Selbst wie die deinen nie nach Würdigkeit.
Wenn frische Jugend müdes Alter freit,
Dann giebt es Spaß, den keine Worte nennen.
Versucht es selbst; dann werdet ihr erkennen,
Ob ich Unwahrheit rede oder nicht.

Die Braut saß mit so holdem Angesicht:
Ihr Anblick dünkte Jeden Feeentrug.
Ich glaube, solch ein sanftes Auge schlug
Nicht Esther auf zu König Ahasver.
All ihre Schönheit schildr' ich nimmermehr. [9620]
Sie war – ich darf's zu sagen mir getraun –
Hell wie ein Maienmorgen anzuschaun.
Von jeder Schönheit, jedem Reiz geschmückt.

Und Januar sitzt staunend und verzückt
Und blickt nur in ihr Antlitz wie bethört,
Indem er schon im Herzen bei sich schwört,
Er wolle fester sie die Nacht umfahn
Als Paris je der Helena gethan.
Doch fühlt' er auch sein Mitleid stark sich regen,
Daß sie heut' leiden müsse seinetwegen. [9630]
»O zartes Wesen«, dacht' er da bei sich,
»Der Beistand Gottes stärk' und stähle dich;
Zu kühn und wild ist meine Liebeswuth,
Ich fürchte, du erträgst nicht meine Glut,
Du sollst nicht fühlen meine ganze Macht.
Nun aber wollte Gott, es würde Nacht;
Und diese Nacht, sie möchte ewig währen.
Wenn all die Leute doch gegangen wären!«
Und schließlich wendet jede Müh' er an,
Dem Mahl, so rasch er ehrenhalber kann, [9640]
Mit feiner Wendung einen Schluß zu geben;
Und endlich kam die Zeit sich zu erheben.
Man tanzte drauf und zechte noch recht sehr,
Warf Spezereien rings im Haus' umher;
Und voller Freud' und Lust war Jedermann;
Nur nicht ein Page, er hieß Damian,
Der Truchseß bei dem Ritter manches Jahr
Und so entzückt von seiner Herrin war,
Daß er, von Herzenspein ganz übermannt,
Beinah' ohnmächtig hinsank, wo er stand. [9650]
So hatt' ihn Venus mit dem Brand versengt,
Den sie beim Tanz in ihrer Hand geschwenkt.
Und er begab sich in sein Bett in Eile.
Ich muß von ihm noch schweigen eine Weile.
Wein' er sich satt in seinem Kämmerlein,
Bis sich Frau Mai erbarmet seiner Pein.
O tückisch Feuer, das im Bettstroh glimmt,
O Hausfeind, der diensteifrig sich benimmt,
Schurkischer Diener, der als Hausdieb sich,
Der Natter gleich, falsch in den Busen schlich! [9660]
Beschirm' uns Gott vor solcher Freunde Tücke!
O Januar, ganz trunken von dem Glücke
Der Heirat, sieh doch, wie dein Damian,
Dein Page, dein geborner Unterthan,
Durch Schurkerei dich zu berücken meint!
Enthülle Gott im Hause dir den Feind.
Denn keine schlimmre Seuche giebt's im Leben
Als Feind' im Hause, die dich stets umgeben.

Die Sonne hat vollbracht den Tageslauf.
Es flammt nicht überm Horizont mehr auf [9670]
Ihr Strahlenleib in jenen Himmelsbreiten.
Die Nacht beginnt den Mantel auszuspreiten
Dunkel und kalt rings um die halbe Welt.
Auf bricht die Schaar, die hier so froh gesellt.
Sie danken Januar von allen Seiten,
Worauf sie munter dann nach Hause reiten,
Wo Jeder thut, was grade ihm beliebt,
Und wenn's ihm Zeit dünkt, sich zu Bett begiebt.

Der hast'ge Januar will ohne Weile
Zu Bett nun gehn; er hat besondre Eile, [9680]
Trinkt Hippokras, Claret und Malvasier,
Gewürzt und heiß, zu steigern die Begier.
Auch hat er manche feine Medicin,
Die der verwünschte Mönch Dom Constantin
In seinem Buch De coitu beschrieben.
Die schluckt' er alle, daß kein Rest geblieben.
Zu seinen nächsten Freunden sprach er dann:
»Ums Himmels willen macht euch schleunigst dran
Und räumt mit Höflichkeit das ganze Haus.«
Und was er wünschte, richteten sie aus. [9690]

Man trinkt noch, zieht den Vorhang, bringt die Braut
Ins Bett, starr wie ein Stein und ohne Laut.
Nun segnet noch das Bett der Priester ein,
Und Jedermann verläßt das Kämmerlein,
Und Januar umschlinget fest sein Weib,
Sein Paradies, den jugendfrischen Leib,
Und lullt sie ein und küßt sie hin und her.
Doch seine dicken Borsten kratzten sehr;
Wie Quappenhaut und Dornen stach sein Bart
(Denn er war frisch rasirt, nach seiner Art), [9700]
Er reibt ganz wund ihr zartes Angesicht
Und spricht: »Ach holdes Weibchen, zürne nicht,
Muß ich dir Noth bereiten erst und Qual
– – – – – – – – –
Doch«, sprach er, »Kind, betrachte so die Sache:
Es ist kein Handwerksmann, in keinem Fache,
Der rasch und gut zugleich zum Ziele kommt.
Dies ist ein Werk, dem größte Muße frommt.
Bei unserm Spiel kommt es auf Zeit nicht an;
Wir sind ja treu vereint als Weib und Mann. [9710]
Gesegnet sei das Joch, das uns verbunden!
Kein Unrecht wird in unserm Thun gefunden.
Man sündigt mit dem eignen Weibe nicht,
Wie man sich nicht mit seinem Messer sticht.
Das Spiel ist uns durch kein Gesetz versagt.«
So schwatzt er fort so lange, bis es tagt;
Schmaust Zwieback dann in trefflichem Claret
Und setzt sich aufrecht hin in seinem Bett,
Drauf giebt er laut und hell ein Lied zum Besten
Und küßt sein Weib und macht verliebte Gesten. [9720]
Gleich einem Fohlen konnt' er sich noch hetzen
Und endlos wie ein Elstermännchen schwätzen.
Die schlaffe Haut um seinen Hals her wackelt,
Wie er bei dem Gesange kräht und gackelt.
Gott weiß, was seiner Frau das Herz durchzieht,
Wie sie ihn so im Hemde sitzen sieht.
Die Schlafmütz' auf, mit hagerem Genick.
Nicht einer Bohne werth hält sie das Glück.
Er sprach alsdann: »Ich will jetzt etwas ruhn;
Der Tag ist da; ich werde müde nun.« [9730]

Und legte sich und schlief bis gegen zehn.
Doch nachmals, als er seine Zeit ersehn,
Erhebt er sich. Sein frisches Weib dagegen
Muß bis zum vierten Tag des Zimmers pflegen,
Wie es mit Recht bei Weibern Sitte ist.
Denn jede Arbeit muß gewisse Frist
Auch ruhn; sonst wird sie unerträglich werden.
Das gilt für Alles, was da lebt auf Erden:
Sei's Vogel oder Fisch, Mensch oder Thier.

Zum armen Damian wend' ich mich hier, [9740]
Den Liebesglut bis zum Verschmachten plagt.
Drum sei ihm jetzo dieses Wort gesagt:
O Damian, antwort' auf diese Frage:
Wie kannst du, närr'scher Mensch, in deiner Lage
Wohl deiner jungen Herrin deine Pein
Vertraun? Sie sagt auf jeden Fall doch nein.
Ja, wenn du sprichst, wird sie dein Weh verrathen.
Gott helfe dir! Ich kann nichts Beßres rathen.
Der sieche Damian wird so versengt
Von Venus' Glut, daß er zu sterben denkt. [9750]
Er will sein Leben in die Schanze schlagen;
Denn länger kann er so es nicht ertragen.
Er weiß ein Schreibzeug heimlich sich zu leihn
Und klagt in einem Brief all seine Pein,
Den er, als Klaglied oder Leich gedichtet,
An seine schöne junge Herrin richtet,
Alsdann in eine seidne Börse legt
Und auf dem Hemde, nah dem Herzen, trägt.

Der Mond, der zu des Tages Mittagszeit,
Als Januar die Jungfrau Mai gefreit. [9760]
In Zehn des Stiers stand, war zum Krebs entglitten.
Noch war sie aus der Kammer nicht geschritten:
So halten es die edeln Damen alle.
Es darf die Braut nicht essen in der Halle,
Eh' nicht vier Tage, mindestens doch drei,
Verstrichen sind; erst dann steht es ihr frei.
Als nun um zwölf der vierte Tag vollendet
Und auch die hohe Messe war beendet,
Saß in der Halle sie mit dem Gemahl
Frisch wie des Sommertages heller Strahl. [9770]
Und es geschah, daß sich der gute Mann
Auf seinen Pagen Damian besann
Und rief: »Bei Unsrer Frau, wie mag's geschehn,
Daß Damian sich nicht läßt im Dienste sehn?
Ist er erkrankt? Sagt, was ihm widerfahren?«
Die Pagen, die bei Tisch zugegen waren,
Entschuldigten ihn seiner Krankheit wegen,
Die ihn verhindre, seines Amts zu pflegen.
Aus andern Gründen würd' er nie verziehn.
Und Januar sagte: »Ja, so kenn' ich ihn. [9780]
Es ist ein netter Bursch, bei meinem Eid!
Stürb' er, es thäte mir von Herzen leid.
Kaum ist mir Einer seiner Art bekannt,
Der so verschwiegen, klug und voll Verstand,
Dazu so mannhaft und im Dienst geschickt,
Daß es gewiß ihm einst im Leben glückt.
Doch gleich nach Tisch, so bald es kann geschehn,
Will ich mit meiner Gattin zu ihm gehn,
Um ihn zu pflegen, wie ich irgend kann.«

Für dies Versprechen pries ihn Jedermann, [9790]
Daß er aus Edelsinn und Freundlichkeit
Bei seines Pagen Krankheit so bereit
Zur Hülfe sei; das sei höchst ritterlich.

»Frau«, sagte Januar, »beeile dich
Nach Tisch, daß du und deine Frauen alle,
Wenn ihr zum Zimmer geht hier aus der Halle –
Daß ihr besuchet diesen Damian.
Ermuntert ihn; er ist ein art'ger Mann.
Und sagt ihm ja, daß ich mir vorgenommen,
Gleich nach dem Mittagsschläfchen selbst zu kommen. [9800]
Und spute dich, mein Kind, ich warte hier,
Bis du fest eingeschlafen bist bei mir.«
Sprach's und rief einen aus der Pagen Schaar
Herbei, der Marschall in der Halle war,
Und trug ihm Ein'ges zu verrichten auf.

Sein frisches Weib nahm gradeswegs den Lauf
Zu Damian in ihrer Fraun Geleite.
Sie setzte sich an seines Bettes Seite
Und sprach ihm freundlich Trost nach Kräften zu.
Und Damian ersah die Zeit im Nu; [9810]
Er steckte seine Börs' und das Papier,
Auf dem sein Wunsch geschrieben, heimlich ihr
In ihre Hand und that darauf nichts mehr,
Als daß er seufzte, herzlich tief und schwer,
Und zu ihr sprach mit leisem, sanftem Ton:
»Habt Dank, doch bitte, sagt kein Wort davon;
Ich bin des Todes, wenn man es entdeckt.«

Worauf die Börs' im Busen sie versteckt
Und geht; mehr will ich euch für jetzt nicht sagen.

Sie hat den Weg zum Zimmer eingeschlagen, [9820]
Wo Januar still an seinem Bette saß.
Er faßt sie um, küßt sie ohn' Unterlaß
Und legt zum Schlaf sich hin und zwar sofort.
Sie stellte sich, als müßt' an einen Ort
Sie gehen, den kein Mensch entbehren kann.
Dort sah sie sich des Zettels Inhalt an,
Zerriß ihn drauf in Stücken kurz und klein
Und warf ihn heimlich, wo ihr wißt, hinein.

Wie ging der schönen Frau es durch den Sinn!
Sie legt zum alten Januar sich hin. [9830]
Der schläft noch; doch bald weckt der Husten ihn.
Er bat sie, sich doch völlig auszuziehn.
– – – – – – – – –
– – – – – – – – –
Sie that's, mag sie sich freuen oder ekeln.
Doch, daß Zierpuppen nicht mein Wort bemäkeln,
Mag ich nicht sagen, was alsdann geschah,
Ob Hölle sie, ob Paradies drin sah.
Ich lasse ihrem Treiben freien Lauf.
Beim Vesperläuten standen sie dann auf. [9840]

War es Bestimmung oder Zufall nur,
Geheimer Einfluß oder die Natur,
Vielleicht auch, daß des Himmels Sternenwelt
Zu jener Zeit so günstig sich gestellt,
Daß man durch einen Brief voll Liebesschmerz
Zur Minne rührte jedes Weiberherz,
– Denn jeglich Ding, wie die Gelehrten sagen,
Hat seine Zeit –: Das dürft ihr mich nicht fragen;
Das weiß nur Gott, vor dem nichts ohne Grund.
Entscheid' es der; ich halte meinen Mund. [9850]
Gewiß ist, daß dies holde junge Ding
Solch einen Eindruck jenen Tag empfing,
Und so sie dauerte der kranke Mann,
Daß sie ihr Herz nicht von ihm wenden kann;
Sie hülf' ihm gern um Alles in der Welt.
Wahrhaftig, dachte sie, wem das mißfällt,
Dem will ich kühnlich die Versichrung geben,
Ich lieb' ihn über Alle, die da leben,
Und nennt' er nichts als nur sein Hemde sein.

Mitleid dringt leicht in sanfte Herzen ein. [9860]
Hier mögt ihr sehen, wie höchst edelsinnig
Ein Weib sich zeigt, prüft es sich ernst und innig.
Grausame giebt's, und es mag Manche sein,
Die in dem Busen trägt solch Herz von Stein:
Die auf dem Platz ihn lieber sterben ließe,
Eh' daß der Arme ihrer Gunst genieße.
Sie freun sich an dem grausamen Beginnen
Und halten doch sich nicht für Mörderinnen.

Das holde Weib, von Mitgefühl getrieben,
Hat einen Brief mit eigner Hand geschrieben, [9870]
Drin sie ihm ihre ganze Gunst sofort
Verhieß; es fehlte Stunde nur und Ort,
Wo sie ihm sein Verlangen möchte stillen.
Sonst werde ganz sie thun nach seinem Willen.

Und als die günst'ge Zeit sie einst ersehn,
Macht sie sich auf zu Damian zu gehn,
Steckt schlau den Brief zu Häupten ihm ins Bette,
Daß er ihn läse, wenn er Muße hätte;
Drückt fest die Hand ihm, doch in solcher Art
Und so geheim, daß Niemand es gewahrt, [9880]
Wünscht baldigste Gesundheit ihm und wendet
Sich heim, da Januar nach ihr gesendet.
Und Damian steht auf am nächsten Morgen;
Verschwunden waren Krankheit, Noth und Sorgen.
Er kämmt sein Haar, er putzt und schmückt sich fein,
Thut Alles, was gefällt der Herrin sein
Und schleicht zu Januar sich so gebückt,
Wie sich ein Hühnerhund beim Schützen drückt,
Und ist so freundlich dort zu Jedermann
(Denn Kunst ist Alles, wenn man sie nur kann), [9890]
Daß Alle ihn zu loben einig sind,
Und vollends er der Herrin Herz gewinnt.

Mag Damian seinen Zweck verfolgen dort;
Ich fahre jetzt in der Erzählung fort.

Es giebt Gelehrte, die in das Ergetzen
Das höchste Lebensglück des Menschen setzen,
Und Januar schloß dieser Zunft sich an,
So weit ein Ritter es mit Ehren kann,
In möglichster Ergetzlichkeit zu leben.
In Haus und Schmuck war er mit Pracht umgeben [9900]
Recht königlich nach seines Standes Maß.
So unter anderm Köstlichen besaß
Er einen Garten, rings umhegt mit Steinen,
So schön wüßt' auf der ganzen Welt ich keinen.
Selbst Er, der von der Rose das Gedicht
Verfaßt, beschriebe seine Schönheit nicht.
Auch zweifl' ich, ob Priap, wiewohl die Alten
Ihn für der Gärten Schutzgott doch gehalten –
Ob ihm die Schönheit all zu schildern glückte,
Die diesen Garten und die Quelle schmückte, [9910]
Die unter immergrünem Lorbeer floß.
Hier tummeln sich mit ihrem Feeentroß
Oft Pluto und Proserpina, sein Weib,
Mit Tanz, Musik und anderm Zeitvertreib
Rings um die Quelle, spricht die Sage wahr.
Der alte edle Ritter Januar
Hat zu lustwandeln hier ein solch Behagen:
Er ließ den Schlüssel keinen Andern tragen,
Trug für die kleine Hinterthür vielmehr
Ein Silberschlüsselchen bei sich, daß er [9920]
Sie öffnen könnte, wenn es ihm gefällig.
Und, glaubt' er seine Eheschulden fällig,
Pflegt' er dorthin zu gehn in Sommerzeiten;
Kein Andrer als sein Weib durft' ihn begleiten –
Und was er nicht daheim gethan bei Nacht,
Das hat im Garten eifrigst er vollbracht.
In dieser Weise lebt' er denn gemach
Mit seinem frischen Weib manch lust'gen Tag.
Doch keine Lust währt ewig. Dies bleibt wahr
Für Jedermann und auch für Januar. [9930]

O Glück, so launisch und veränderlich,
Dem falschen Skorpion vergleich' ich dich.
Es gleißt dein Antlitz, wenn dein Stachel droht,
Und deines Schweifes Gift ist sichrer Tod.
Hinfäll'ge Lust, dein Gift scheint süße Labe!
O Scheusal, wie so schlau du jeder Gabe
Die Farben ew'ger Dauer weißt zu leihn,
Daß du dadurch berückest Groß und Klein.
Wie hast den Januar du hintergangen,
Den du zuerst als Freund so warm umfangen! [9940]
Jetzt hast du beider Augen ihn beraubt;
Er fleht entsetzt den Tod sich auf sein Haupt.

O weh! Der edle, wackre Januar,
Da grad er recht in Glück und Freude war,
Ist blind geworden und mit einem Schlage.
Er weinte jammervoll mit bittrer Klage.
Zugleich schlich Eifersucht in seine Brust,
Daß nicht sein Weib heimfalle eitler Lust,
Und brannte so ihn, daß er's lieber trüge,
Wenn Einer ihn sammt seiner Frau erschlüge. [9950]
Denn nicht nach seinem Tode noch im Leben
Sollte sie einem Andern sich ergeben,
Einsam vielmehr in schwarzer Wittwenhaube
Den Mann betrauern wie die Turteltaube.
Doch als ein Monat oder zwei verflossen,
Hat sich sein Herz zuletzt dem Trost erschlossen.
Er sah des Schicksals Unabwendbarkeit
Und fügte mit Geduld sich in sein Leid.
Doch konnt' er dessen sich nicht überheben,
Daß er der Eitelkeit stets blieb ergeben. [9960]
Die Leidenschaft plagt' ihn so überaus:
Nicht in die Halle, in kein andres Haus,
An keinen Ort, wohin es mochte sein,
Ging oder ritt sein armes Weib allein.
Er ließ von seiner Hand sie nimmermehr.
Drob weinte oft das junge Ding gar sehr;
Denn glühend liebte sie den Damian.
Sie meint', es wäre bald um sie gethan,
Wenn sie nicht so ihn hätte, wie sie wollte;
Ihr war, als ob das Herz ihr brechen sollte. [9970]

Und anderseits ist unser Damian
So sehr von Schmerz und Kummer angethan
Wie je ein Mensch –; darf Tag und Nacht nicht wagen,
Dem holden Liebchen nur ein Wort zu sagen
Zu seinem Zweck, das so beschaffen war,
Daß es nicht hören durfte Januar,
Der nie von ihrer Seite wollte weichen.
Doch durch Briefwechsel und geheime Zeichen
War über ihre Absicht er im Klaren
Und wußte sie die seine zu erfahren. [9980]

O Januar, und hülf' es dir denn mehr,
Sähst du so weit, wie Schiffe gehn im Meer?
Denn dem Getäuschten schadet Blindheit nicht,
Täuscht man doch oft ein sehendes Gesicht.
Mit hundert Augen konnte Argus sehen,
Und ward doch, mocht' er wachen gleich und spähen,
Geblendet. Und so geht's nicht blos dem Einen,
Wenn es die Meisten auch gewiß nicht meinen.
Das Beste ist: Laßt's gehn – nichts sag' ich mehr.
Dies junge Weib, von dem ich sprach bisher, [9990]
Hat einst in Wachs den Schlüssel ausgeprägt,
Den Januar bei sich zu tragen pflegt,
Und der zum Garten durch das Pförtchen führt.
Damian hat ihre Absicht gleich verspürt
Und heimlich diesen Schlüssel nachgemacht.
Ich sage weiter nichts; doch gebet Acht,
Ein Wunder wird damit sogleich geschehn;
Wenn ihr euch nur geduldet, sollt ihr's sehn.

Edler Ovid, du sagst mit Recht, weiß Gott:
Wo giebt es eine List, die nicht zum Spott [10,000]
Durch treue lange Liebe wird gemacht?
Habt Pyramus' und Thisbe's ihr gedacht?
Da man sie lang in strenger Haft gehegt,
Haben sie durch die Wand Verkehr gepflegt,
Wo Niemand hätte gleiche List erfunden.
Doch weiter. Eh' acht Tage noch entschwunden
Vom Monat Juli, war in Januars Brust
Durch seiner Frau Anreizung solche Lust
Entflammt, im Garten nur mit ihr allein
Zu pflegen der gewohnten Schäkerein, [10,010]
Daß er sie eines Morgens so antrieb:
»Steh auf, mein Weib, mein Schatz, mein holdes Lieb;
Die Turteltaube ruft, du meine Süße;
Vorbei sind nun des Winters Regengüsse.
O komm, komm mit den Taubenaugen dein;
Dein Busen ist viel lieblicher als Wein.
Der Garten ist umschlossen ganz und gar;
Komm, lilienweiße Braut, du schlugst fürwahr,
O Gattin, meinem Herzen tiefe Wunden.
Kein Flecken ist jemals an dir erfunden. [10,020]
Komm, liebes Weib, laß uns zusammen scherzen,
Komm und sei Trost und Labsal meinem Herzen.«

So lautete des alten Lüstlings Wort.
Ein Zeichen gab sie Damian sofort,
Daß er voran mit seinem Schlüssel eile.
Worauf denn Der die Pforte sonder Weile
Erschloß, hineinsprang und sich so versteckte,
Daß ihn kein menschlich Aug' und Ohr entdeckte.
Er setzt sich unter einen Busch geschwind.
Alsbald tritt Januar herein, stockblind, [10,030]
Die Gattin an der Hand, doch sonst allein.
So tritt er in den frischen Garten ein
Und wirft die Pforte augenblicklich zu.

Er sprach: »Kein Mensch ist hier als ich und du,
Die du das Theuerste mir in der Welt.
Bei Gott dem Herrn im hohen Himmelszelt,
Eh' ließ ich mir den Todesstoß versetzen,
Eh' ich dich möchte, theures Weib, verletzen!
O denke dran, wie, als ich mich vermählte,
Ich dich bei Gott nicht aus Begierde wählte, [10,040]
Nein, einzig nur, weil ich so gut dir war.
Jetzt bin ich alt und blind geworden zwar,
Doch sei mir treu! Warum, werd' ich dir sagen.
Du wirst davon dreifachen Vortheil tragen:
Wirst Christi Huld, wirst Ruhm für dich erwerben
Und Stadt und Schloß, kurz, Alles von mir erben.
Ich schenk' es dir: du magst es frei verleihn.
Das Testament soll morgen fertig sein –
Vor Abend, so wahr Gott mir helfen mag.
Nun bitte, küsse mich auf den Vertrag, [10,050]
Und schilt nicht, wenn ich eifersüchtig bin.
So tief geprägt trag' ich dein Bild im Sinn,
Daß, wenn ich deine Schönheit mir betrachte
Und dann auf mein ungleiches Alter achte,
Ich wahrlich, sollt' ich auch den Tod erleiden,
Von deiner Seite nimmer könnte scheiden –
Aus reiner Liebe – zweifle nicht daran.
Nun küsse mich und gehn wir weiter dann.«

Und als das junge Weib gehört das Wort,
Sprach freundlich sie zu Januar sofort, [10,060]
Doch fing vor Allem sie erst an zu weinen:
»Ich denke, meine Sorge gleicht der deinen,
Wie meine Seel' und meine Ehr' ich hüte,
Dazu auch meiner Weibheit zarte Blüthe,
Die ich euch zugesichert in die Hand,
Als mich des Priesters Segen euch verband.
Drum will ich diese Antwort euch erstatten,
Wenn's euch genehm ist, meinem Herrn und Gatten.

Ich bitte Gott, er möge mich verderben
Und lasse wie das schlechtste Weib mich sterben, [10,070]
Kommt je ein Tag, wo ich mich so beflecke
Und mein Geschlecht mit solcher Schmach bedecke,
Euch zu verrathen. Ja, ihr sollt mich nackt
Ausziehen und in einen Sack gepackt
Ersäufen, wenn ich diese Pflicht verletze:
Ich bin ein adlig Weib und keine Metze.
Was sprecht ihr so? – Ein Mann kennt keine Treue.
Drum trifft uns euer Vorwurf stets auf's neue.
Könnt ihr denn keinen bessern Spaß euch wählen,
Als uns durch Mißtraun stets und Tadel quälen?« [10,080]

Und bei dem Wort sah sie den Damian
Im Busch versteckt und fing zu husten an
Und gab mit ihrem Finger ihm ein Zeichen,
Sich in den Wipfel eines Baums zu schleichen,
Der Früchte trug. Er klomm sofort hinan;
Denn er errieth sogleich, worauf sie sann.
Viel besser wußt' er als ihr eigner Gatte
An ihren Zeichen, was im Sinn sie hatte.
Sie hatt' ihm schon geschrieben, wie sie wollte,
Daß er in dieser Sache handeln sollte. [10,090]
So lass' ich ihn sich in den Birnbaum setzen
Und Januar sich mit seinem Weib ergetzen.

Hell war der Tag und blau der Himmelsdom,
Und Phöbus goß des Lichtes goldnen Strom
Warm und erquickend um die Blumen aus;
Ich denk', es war in Geminis sein Haus,
Doch war er nahe schon des Krebses Zeichen,
Dem unumschränktesten von Jovis Reichen.
Und sieh, an diesem Morgen klar und helle
Saß in dem Garten, doch an ferner Stelle, [10,100]
Pluto, der Fürst und Herr der Feeenwelt,
Und manche Dame war mit ihm gesellt.
Sie folgten seiner Frau Proserpina,
Die einst, als er sie Blumen sammeln sah
Auf Aetna's Wiesen, Pluto sich geraubt.
Les't Claudian nach, wenn ihr es nicht glaubt,
Wie er sie holt' auf seinem grausen Wagen.
Der Feeenkönig nun saß mit Behagen
Auf einer Bank von frischem Rasen da
Und sprach zu seinem Weib Proserpina: [10,110]

»Frau, Niemand, denk' ich, widerspricht dem Wort
– Denn die Erfahrung lehrt es fort und fort –
Wie oft das Weib verräth den eignen Mann.
Eure Gebrechlichkeit und Falschheit kann
Durch Millionen Fälle ich beweisen.
O Salomon, du weisester der Weisen,
In Reichthum strahlend und in Ruhmesglanz,
Werth ist dein Wort, daß es in Jedermanns
Gedächtniß sei, der voll Verstand und Geist,
Da also es des Mannes Güte preist: [10,120]
Ich fand wohl unter Tausend einen Mann;
Doch traf kein Weib ich unter Allen an.
So Er, der eure Bosheit wohl erkannt.
Auch Jesus, Sohn des Sirach zubenannt,
Hat eurer selten achtungsvoll gedacht.
Fahr' euch das wilde Feuer noch heut Nacht
Und böse Pestilenz in alle Glieder!
Seht ihr nicht dort den edeln Ritter wieder?
Ach, da er blind geworden ist und alt,
Macht sein Vasall zum Hahnrei ihn alsbald. [10,130]
Da sitzt der lockre Vogel in den Zweigen!
Doch will ich meine Majestät euch zeigen,
Da dieser edle Ritter, der jetzt blind,
Sofort von neuem sein Gesicht gewinnt,
So wie sein Weib die Schandthat wird begehn.
Dann soll all ihre böse Lust er sehn
Zur Schmach für sie und ihrer Schuld Genossen.«

»So?« sprach die Kön'gin, »das habt ihr beschlossen?
So schwör' ich hier bei meiner Mutter Seele,
Ich mache, daß ihr's nicht an Gründen fehle [10,140]
Für sich und alle Weiber künft'ger Tage,
Daß, wenn man sie ertappt, sie jeder Klage
Mit kecker Stirn entgegentreten mögen
Und ihre Kläger siegreich widerlegen.
Mangel an Antwort bricht uns nicht den Hals.
Saht ihr's mit beiden Augen allenfalls,
Wir werden euch so frech ins Antlitz sehn
Und so voll Arglist weinen, schwören, schmähn,
Daß ihr so dumm wie eine Gans dasteht.
Was schiert Citat mich und Autorität? [10,150]
Der Jude Salomo nun freilich fand
Manch thöricht Weib, das ist mir wohl bekannt.
Doch hat auch Er kein gutes Weib gefunden,
So können viele Andre doch bekunden,
Wie Manche gut und treu und sittsam war.
An Christi Hausgenossen wird dies klar,
Die ihren Muth erprobt durch Martyrthum.
Die Römergesten nennen auch mit Ruhm
Gar manches Weib, das wahrhaft treu gewesen.
Und zürnt nicht, Herr, wenn wir auch wirklich lesen, [10,160]
Daß Salomo kein gutes Weib gesehn,
So bitt' ich diesen Spruch so zu verstehn:
Er meinte: Von vollkommner Güte kann
Nur Gott sein, Niemand sonst, nicht Weib noch Mann.

Und dann, beim ein'gen Gott im Himmel droben,
Was mögt ihr nur den Salomo so loben?
Weil er den Tempel Gott zum Haus geweiht?
Weil er in Reichthum lebt' und Herrlichkeit?
Baut' er nicht Tempel auch für falsche Götzen?
Kann Einer die Gebote mehr verletzen? [10,170]
Klebt über seinen Ruf die schönsten Pflaster:
Er bleibt ein Götzendiener voller Laster,
Der sich zuletzt von Gott ganz abgekehrt.
Und hätte Gott nicht (wie die Schrift uns lehrt)
Um seines Vaters willen ihn geschont,
Wär' er, bevor er's wünschte, schon entthront.
Ich setze gegen seine Klätscherein
Von Weibern keinen Buttervogel ein.
Ich bin ein Weib und muß nothwendig sprechen,
Soll nicht das Herz mir schwellen bis zum Brechen. [10,180]
Er hat gesagt, wir wären Plaudermatze!
Drum sollen gleich die Locken bis zur Glatze
Mir schwinden, wenn ich den nicht sonder Glimpf
Verlästre, der uns anthut solchen Schimpf.«

»Madam«, sprach Pluto, »zürnt mir weiter nicht,
Ich geb' es auf. Doch da ich sein Gesicht
Ihm wieder zu verleihn einmal beschwor,
Bleibt es dabei; das sag' ich euch zuvor.
Ich bin ein König. Lügen ziemt mir nie.«
»Und ich bin Feeenkönigin«, sprach sie. [10,190]
»Drum halt' ich ihre Antwort schon bereit.
Verlieren wir mit Reden nicht die Zeit.«
»Gewiß«, sprach er, »ich will's euch nicht verwehren.'

Laßt jetzt zu Januar zurück uns kehren.
Der singt im Garten mit so muntern Tönen,
Wie je ein Grünspecht sang, zu seiner Schönen:
»Dich lieb' ich, dich allein in Ewigkeit.«
Sie sind nun in den Gängen just so weit
Gewandert, daß sie sich dem Birnbaum nahn,
Auf dessen höchstem Wipfel Damian [10,200]
Gar lustig sitzt im grünen Blätterkranz.

Das schöne Weib, umstrahlt vom Jugendglanz,
Seufzt auf und ruft: »O weh mein Leib, o wehe!
Ach lieber Herr, geschehe was geschehe,
Ihr müßt mir dort von jenen Birnen geben,
So heftig steht – fürwahr, es gilt mein Leben –
Nach jener kleinen grünen Frucht mein Sinn.
Helft, bei der hohen Himmelskönigin!
Ich hörte wohl, daß Fraun in meiner Lage
Oft solch ein stark Gelüst nach Früchten plage, [10,210]
Daß sie dran sterben, wenn sie nichts bekommen.«

»Ach, daß ich keinen Burschen mitgenommen,
Der klettern könnte. Ach, ich armer Mann,
Ich bin ja blind!« – »Herr, fecht' euch das nicht an;
Doch wollt um Gottes Huld ihr euch erbarmen,
Den Birnbaum zu umfassen mit den Armen
– Ich weiß, wie stets ihr voll Mißtrauen seid –,
So klettr' ich wohl hinauf mit Leichtigkeit,
Setz' ich nur meinen Fuß auf euern Rücken.«
»Gewiß«, sprach er, »ich steh in allen Stücken [10,220]
Zu Dienst und wenn mein Herzblut ihr verlangt.«
Er bückt sich, sie steigt auf den Rücken, langt
Sich einen Zweig und ist hinauf sofort.
– Jetzt, holde Damen, zürnt nicht meinem Wort.
Ich bin ein schlichter Mann, in Phrasen fremd –
– – – – – – – – –
– – – – – – – – –
Doch Pluto, wie er sah den Schelmenstreich,
Eilt, Januar das Gesicht zurück zu geben,
Und läßt so scharf ihn sehn wie je im Leben. [10,230]
Und wie er das Gesicht nun hat zurück,
Erfreut ganz beispiellos ihn solches Glück,
Da stets sein Weib ihm vor der Seele schwebt.
Und als die Augen er zum Baum erhebt,
Sieht er, wie Damian also seinem Weibe
Mitspielt, daß ich es euch nicht wohl beschreibe,
Wenn ich nicht ganz unhöflich reden soll.
Da schrie und brüllt' er auf, dermaßen toll
Wie eine Mutter, wenn ihr stirbt das Kind.
»Ha, wehe!« schrie er, »helft, halloh, geschwind! [10,240]
Allmächt'ge Königin, was macht ihr, sagt!«

»Herr«, sagte sie, »ich weiß nicht, was euch plagt.
Habt doch Vernunft, und seid nicht übereilt.
Die blinden Augen hab' ich euch geheilt.
Bei meiner Seligkeit, ich lüge nicht.
Ich hörte, nichts sei euerm Augenlicht
So gut –, ich müßt', um euch zum Sehn zu bringen,
Mit einem Mann auf einem Baume ringen.
Weiß Gott, in bester Absicht ist's geschehn.«

»Was Anders war's! Ich hab' es selbst gesehn; [10,250]
Gott laß dich gleich vor Schand' und Schimpf vergehn.
– – – – – – – – –
Ich will mich hängen lassen, ich sah recht.«

»Dann«, sprach sie, »ist mein ganzes Mittel schlecht;
Denn sicherlich, säht wirklich richtig ihr,
Ihr sagtet nicht ein solches Wort zu mir.
Ihr habt 'nen Schimmer nur, kein rechtes Licht.«

Er sprach: »Ich sah im Leben besser nicht
Mit beiden Augen, Gott sei Dank, als nun,
Und, meiner Treu, ihr schient mir so zu thun.« [10,260]

»Mein guter Herr, ihr seid verwirrt und krank.
Ernt' ich für eure Heilung solchen Dank?
Ach«, rief sie, »daß ich je so freundlich war!«

»Nun, so vergiß die Sache ganz und gar:
Mein Liebchen, komm herab, und wenn ich dich
Beleidigt, nun bei Gott, so irrt' ich mich.
Allein, bei meines Vaters Geist, ich wähnte,
Daß Damian sehr nah sich auf dich lehnte
Und daß dein Kopf auch lag auf seiner Brust.«

»Nun, Herr«, sprach sie, »wähnt denn nach Herzenslust, [10,270]
Doch, Herr, wenn Einer just vom Schlaf erwacht,
So hat er nicht sogleich der Dinge Acht
Und sieht in keiner Art sie so vollkommen,
Wie wenn er zur Besinnung erst gekommen.
So wird ein Mann, der lange blind gewesen,
Wenn eben sein Gesicht nur erst genesen,
Nicht auf der Stelle gleich so richtig sehn,
Als läßt er ein paar Tage erst vergehn.
So wird euch das Gesicht wohl manchmal jetzt
Noch täuschen, bis es sich erst fest gesetzt. [10,280]
Drum laßt bei Gott im Himmel euch erflehn,
Nehmt euch in Acht! Gar Mancher wähnt zu sehn,
Was doch ganz anders ist, als er vermeint,
Und urtheilt falsch, weil es ihm falsch erscheint.«

Bei diesem Wort sprang sie vom Baum. Wer war
Nun wohl so froh als unser Januar?
Er herzt und küßt ohn' Unterlaß sein Weib,
Er streichelt ihr dabei gar sanft den Leib
Und führt sie selbst zu seinem Schloß zurück.

Nun, gute Herrn, erheitert euern Blick. [10,290]
Ich muß hier Januars Geschichte enden.
Mag Gott und Unsre Frau uns Segen spenden.

*

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