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Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 13
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
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Die Erzählung des Studenten.

Prolog.

Der Wirth sprach: »Herr Student von Oxenford
Ihr trabt vor euch so still und schüchtern fort,
Als wärt ihr eine neu vermählte Braut.
Ich hörte heut von euch noch keinen Laut. [7880]
Ihr steckt gewiß in euerm Studio.
Alles hat seine Zeit, spricht Salomo.
Bei Gott, erheitert euer Angesicht;
Hier ist die Zeit doch zum Studiren nicht.
Gebt eine lust'ge Schnurre uns zum besten.
Denn wer ein Spiel anfängt mit andern Gästen,
Der muß sich auch der Pflicht des Spiels entledigen.
Ihr sollt nicht wie ein Mönch um Fastnacht predigen,
Daß wir uns um vergangne Sünden quälen.
Auch sollt ihr uns nicht in den Schlaf erzählen. [7890]
Kramt uns ein lustig Abenteuer aus;
Die Floskeln und Figuren laßt zu Haus,
Damit sie für den hohen Stil euch bleiben,
In dem an Könige man pflegt zu schreiben,
Und sprecht so einfach diesmal, wenn es geht,
Daß man, was ihr erzählet, auch versteht.«

Der würd'ge Jüngling sprach mit sanftem Muthe:
»Herr Wirth, ich bin jetzt unter eurer Ruthe,
Ihr führt das Regiment für diese Zeit;
Drum bin ich zum Gehorsam euch bereit, [7900]
So weit es nach Vernunft und Recht mag frommen.
Was ich erzählen will, hab' ich vernommen
Zu Padua von einem viel bewährten,
In Werk und Wort gediegenen Gelehrten.
Er ist jetzt todt und liegt verschlossen nun
Im Sarg; Gott lasse seine Seele ruhn.

Franzisk Petrarcha war es, der gekränzte
Poet, durch den in ganz Italien glänzte
Der Dichtkunst liebliche Beredtsamkeit,
Wie durch Lignanus einst die Weltweisheit, [7910]
Jurisprudenz und manche andre Kunst.
Doch hat der Tod, der uns mit karger Gunst
Nur einen Augenblick hier läßt verweilen,
Sie beid' entrafft und wird auch uns ereilen.

Doch fortzufahren von dem würd'gen Mann,
Der mir die Mär' erzählt, wie ich begann:
Er hat in hohem Stil zum Vorberichte,
Eh' er gelangt zur wirklichen Geschichte,
Zuerst die Schilderung vorangesandt
Von Piemont und dem Saluzzerland, [7920]
Beschreibt die Appenninen auch dabei,
Die westlich grenzen an die Lombardei.
Geht beim Berg Vesulus dann ins Specielle,
Auf dem der Po entspringt aus kleiner Quelle,
Und, wie vom Ursprung ostwärts er den Gang
Aemilia und Ferrara's Mark entlang
Bis gen Venedig nimmt, stets wächst im Lauf.
Dies hier zu schildern hielte sehr mich auf,
Und in der That gehört auch der Bericht
Nach meiner Meinung recht zur Sache nicht; [7930]
Er dient' ihm nur, den Stoff recht einzuleiten.
Doch hört, ich will jetzt zur Erzählung schreiten.

Die Erzählung des Studenten.

Pars prima.

Tief an dem Fuß des kalten Vesulus,
Wo westwärts sich Italiens Fluren breiten,
Da liegt ein glücklich Land voll Ueberfluß;
Viel Städt' und Vesten drin nach allen Seiten,
Die einst gegründet zu der Väter Zeiten,
Und mancher andre Reiz noch schmückt das Land:
Saluzzo wird der schöne Gau genannt.

Es war ein Markgraf Herrscher in dem Land, [7940]
Wie vor ihm waren seine würd'gen Ahnen;
Es standen dienstbeflissen ihm zur Hand
Hoch und gering – all seine Unterthanen.
So zog er lange auf des Frohsinns Bahnen
Durch Schicksals Gunst gefürchtet und zugleich
Geliebt von Vornehm und Gemein im Reich.

Zu sagen euch von seines Stammes Blut:
So rein war in der Lombardei kein zweiter.
Schön war er, jung von Jahren, stark, voll Muth,
In Ehren glänzend, ritterlich und heiter; [7950]
Doch ernst genug als seines Staates Leiter
– Wobei sich Ein'ges nur zu tadeln fand –
Und Walter ward der junge Fürst genannt.

Es ist sein Unbedacht von mir zu rügen,
Daß er nicht sorgend für die künft'gen Zeiten
Nur dachte an des Augenblicks Vergnügen,
Zur Jagd und Falkenbeize auszureiten.
Er ließ fast jede andre Sorg' entgleiten
Und wollte (was als Schlimmstes ich muß zählen)
In keinem Falle jemals sich vermählen. [7960]

Dies Eine war's, weshalb sein Volk ihn schalt
Und einstmals zu ihm kam in großer Schaar,
Und ihrer Einer, der als klügster galt,
(Wenn's nicht dem Fürsten selbst am liebsten war,
Daß er des Volkes Wunsch ihm stellte dar –
Oder war er gewandt in dieser Frage –)
Er sprach zum Fürsten, was ich jetzt euch sage.

»O, edler Markgraf, eure Menschlichkeit
Beruhigt uns und giebt uns Zuversicht,
Daß wir, so oft uns drängt die Noth der Zeit, [7970]
Vor euch abstatten unsern Klagbericht.
Verschmäh' es euer Edelsinn drum nicht,
Daß wir mit trübem Herzen vor euch klagen,
Und wollt nicht meinem Wort Gehör versagen.

Zwar treibt mich diese Angelegenheit
Nicht mehr als jeden andern dieser Runde;
Doch zeigtet ihr mir eure Freundlichkeit
Und eure Gnade so zu jeder Stunde,
Daß sich am besten wohl aus meinem Munde
Die Bitte schickt, uns Audienz zu leihn. [7980]
Was euch beliebt, Herr, wird entscheidend sein.

Denn in der That, mein Fürst, so sehr gefällt
Uns euer Thun – jetzt und zu allen Zeiten,
Daß wir nicht wüßten, wie ihr in der Welt
Uns könntet größres Lebensglück bereiten.
Nur möchtet ihr noch zu dem Einen schreiten,
Und euch, o Herr, zum Ehestand entschließen,
Würd' unser Herz vollkommen Ruh' genießen.

Beugt willig jenem sel'gen Joch den Geist,
Das Oberherrschaft bringt; nicht Sklaverei, [7990]
Und das man Heirat oder Ehstand heißt.
Bedenkt in euerm weisen Sinn dabei,
Wie rasch die Flucht der Lebenstage sei,
Und ob wir schlafen, wachen, reiten, gehen,
Die Zeit entflieht: kein Mensch bringt sie zum Stehen.

Und grünt und blüht auch eure Jugend heut,
Das Alter schleicht heran, stumm wie ein Stein,
Der Tod trifft jedes Alter; er bedräut
Jeglichen Stand, und Jeden holt er ein.
Doch mag der Tod auch noch so sicher sein, [8000]
So sind wir völlig ungewiß doch alle,
An welchem Tag das Todesloos uns falle.

Nehmt denn den Rath an; er ist treu gemeint,
Wir ließen's nie ja an Gehorsam fehlen.
Möchtet ihr, Herr, wenn es euch passend scheint,
Euch möglichst bald mit einem Weib vermählen.
Ihr mögt es aus dem höchsten Adel wählen
Im ganzen Land. Ihr würdet, wie wir meinen,
Gott und euch selbst dadurch zu ehren scheinen.

Nehmt all die Unruh uns von dem Gemüthe, [8010]
Und wollt, bei Gott, ein eh'lich Weib erwerben.
Denn sollte (was in Gnaden Gott verhüte!)
Einst euer Stamm ausgehn durch euer Sterben,
Und sollt' ein Fremder dann die Herrschaft erben,
Dann weh uns hier im Leben allzumal;
Drum bitten wir, nehmt bald ein Ehgemahl.«

Ihr Schmerz und ihr bescheidenes Gebet
Ließ Mitleid in des Markgrafs Busen dringen.
»Mein theures, liebes Volk«, sprach er, »ihr fleht,
Wozu ich selbst mich nie gedacht zu zwingen. [8020]
Ich wiegte froh mich auf der Freiheit Schwingen,
Die in der Ehe selten wird gefunden:
Wo frei ich war, werd' ich als Knecht gebunden.

Doch seh' ich euern treuen Willen ein
Und eure Klugheit, die ich stets geachtet.
Drum hab' aus eignem Antrieb ich zu frein,
Sobald es irgend geht, für gut betrachtet.
Doch was ihr da für einen Vorschlag machtet,
Wie ich mein Weib soll wählen: seid gebeten, [8030]
Laßt das! die Wahl habt ihr nicht zu vertreten.

Weiß Gott, daß oft vom würdigen Gemüthe
Der Aeltern sich die Kinder weit verloren.
Die Tugend kommt von Gott, nicht vom Geblüte,
Aus welchem sie erzeugt sind und geboren.
Drum hab' ich Gottes Güte mir erkoren
Zum Schutz und gebe Heirat, Ruh' und Stand
In seinen Willen und in seine Hand.

Drum laßt allein mich meine Gattin wählen,
Die Last bin ich zu tragen selbst bereit. [8040]
Doch bitt' ich euch und will euch anempfehlen
Bei euerm Leben, schwört mir einen Eid:
Dem Weib, das ich erwähle, jederzeit
In Wort und Werk zu geben solche Ehre,
Als ob sie eines Kaisers Tochter wäre.

Und ferner schwört ihr mir bei euerm Leben,
Daß ihr euch meiner Wahl nicht widersetzt.
Denn da ich meiner Freiheit mich begeben
Auf euern Wunsch, so will fürwahr ich jetzt
Die nehmen, an die ich mein Herz gesetzt.
Könnt ihr mir euern Beifall nicht bezeigen, [8050]
So bitt' ich euch, fortan davon zu schweigen.«

Herzlich betheuerten mit Hand und Wort
Sie alle dies; es sagte Niemand Nein,
Und baten um die Gunst, daß, eh' sie fort,
Er doch den Tag, an dem er wollte frein,
Bezeichnete, so bald es könnte sein.
Denn etwas schien die Furcht sie noch zu quälen,
Der Markgraf wolle doch nicht sich vermählen.

Und so bestimmt' er einen Tag zur Ehe,
Wo er heiraten wollte sicherlich, [8060]
Daß Alles ganz nach ihrem Wunsch geschehe;
Und höchst manierlich und demüthiglich
Knieten sie nieder und bedankten sich;
Und da sie ihren Auftrag so geendet,
Hat Jeder sich nach Haus zurückgewendet.

Drauf wies er seine Hofbedienten an,
Zum Feste Alles wohl im Stand zu halten,
Hieß jeden Knappen, jeden Rittersmann
Das Amt, dafür er passend schien, verwalten.
Die ließen über sich auch willig schalten
Und mühten sich mit Fleiß in allen Stücken,
Das Fest in würd'ger Weise zu beschicken. [8070]

Pars secunda.

Nicht fern von jenes stolzen Schlosses Pforte,
In dem der Markgraf sich zur Hochzeit schickte,
Da wohnt' ein ärmlich Volk in einem Orte,
Der freundlich aus den stillen Fluren blickte,
Das in den Hütten sich zusammendrückte
Mit seinem Vieh und sich von Arbeit nährte,
So viel die Erde ihm an Frucht gewährte.

In diesem armen Dorfe wohnt' ein Mann, [8080]
Der für den ärmsten aller ward gehalten;
Doch wenn der hohe Gott es will, so kann
In einem Stalle seine Gnade walten.
Janicola – so nannte man den Alten –
Hatt' eine Tochter, hold von Angesicht;
Griseldis nennt die Jungfrau mein Bericht.

Und wenn ihr nach dem Reiz der Tugend fragt,
So war die schönste sie unter der Sonnen.
Höchst ärmlich auferzogen war die Magd,
Kein schlimm Gelüst war in ihr Herz geronnen; [8090]
Sie trank viel öfter aus dem kühlen Bronnen
Als aus dem Faß; da Tugend ihr gefiel,
Liebte sie Arbeit und nicht träges Spiel.

Obwohl noch in der Jugend zarten Blüthe,
Hielt doch der Jungfrau Busen schon umhegt
Ein weises Herz, ein sinnend ernst Gemüthe.
Von hoher Lieb' und Ehrfurcht stets bewegt,
Hat sie den alten Vater treu gepflegt.
Im Felde hütete sie wenig Schafe
Und spann dabei – nie müßig bis zum Schlafe. [8100]

Und wenn sie heimkam, brachte sie nach Haus
Gemeinlich Kraut und Wurzeln mancher Art;
Die schnitt sie klein und kochte Speise draus;
Dann machte sie ihr Bett; das war sehr hart.
Doch für den Vater hat sie nichts gespart
An Ehrfurcht, Fleiß und Dienstbeflissenheit,
Wie sie ein gutes Kind dem Vater weiht.

Auf dieses arme Wesen, auf Griselde,
Hat seit der Zeit der Markgraf oft geblickt,
Wenn er vielleicht zur Jagd ausritt im Felde, [8110]
Und, wenn sie zu erspähen ihm geglückt,
Hat nicht etwa von schnöder Lust berückt
Er sie betrachtet; nein, von Ernst bewegt
Bei ihrem Anblick also überlegt:

Wie Weiblichkeit und Tugend gleich zu preisen
In ihr, die sich in Blick und That so echt
Bei Niemand ihres Alters möchte weisen.
Denn wenn die Leute insgemein nur schlecht
Die Tugend schätzen, sah er ganz mit Recht
Auf ihre Güte und beschloß, er wollte [8120]
Nur sie zur Frau, wenn er je freien sollte.

Der Hochzeittag ist da, und Niemand kann
Die Gattin nennen, die er sich erkoren.
Drob huben manche sich zu wundern an
Und raunten insgeheim sich in die Ohren:
Hat unser Herr denn noch nicht abgeschworen
Dem Leichtsinn? – Freit er doch nicht? Weh der Lügen!
Warum will er sich selbst und uns betrügen?

Doch auf Geheiß des Fürsten war im Stillen
Köstlich Gestein in Gold und Schmelz gefaßt [8130]
Zu Ring und Spangen um Griseldis' willen;
Und einem Mädchen, das an Wuchs ihr fast
Gleich war, hatt' er die Kleider angepaßt.
Auch andrer Schmuck war da von jeder Art,
Wie man denn nichts bei solcher Hochzeit spart.

Des Tages Morgen war herangerückt,
An dem bestimmt war, daß die Hochzeit falle;
Das ganze Schloß war festlich ausgeschmückt:
Die Zimmer Reih' bei Reih', Gemach und Halle;
Voll Ueberfluß die Wirthschaftshäuser alle. [8140]
Du konntest jede leckre Speise schauen,
Die nur zu finden ist in Welschlands Gauen.

Der königliche Markgraf, auf das beste
Geschmückt, von Damen und von Herrn begleitet,
Die man geladen hatte zu dem Feste,
Und von des Hofes Ritterschaft geleitet,
Von mancherlei Musik umschmettert, reitet
Zum Schloß hinaus, indem den Weg er wählt
In jenes Dorf, von dem ich euch erzählt.

Griselde, die, weiß Gott, sich nicht gedacht, [8150]
Es gelte all die Pracht nur ihr allein,
Hatte just Wasser aus dem Quell gebracht,
Und eilte, um recht bald zu Haus zu sein.
Denn daß der Markgraf heute würde frein,
Das hatte sie gehört, und hätte gern
Mit angesehn den Aufzug ihres Herrn.

Sie dacht', »ich will an unsrer Thüre stehn.
Ich schließe mich an andre Mädchen an;
Da werden die Frau Markgräfin wir sehn.
Drum will ich jetzt nach Haus, so rasch ich kann, [8160]
Verrichte meine Arbeit schnell und dann
Betracht' ich sie in Muße, wenn der Troß
An uns vorbei des Weges zieht zum Schloß.«

Im Augenblick, da sie beschritt die Schwelle,
Kam auch der Fürst und rief mit Namen sie,
Und nieder setzte sie den Krug zur Stelle
Am Eingang, wo ein Abschlag war für's Vieh,
Warf vor dem Fürsten dann sich auf die Knie'
Und kniete ernsten Angesichts und stille,
Bis sie vernommen, was des Herren Wille. [8170]

Und vor ihr steht der Markgraf da und sinnt,
Alsdann spricht er recht ernstlich so zu ihr:
»Griselde, sag, wo ist der Vater, Kind?«
Und ehrfurchtsvoll in ihrer Demuth Zier
Antwortet sie: »O Herr, er ist schon hier«,
Und geht hinein, und ohne zu verweilen
Heißt sie den Vater zu dem Fürsten eilen.

Und bei der Hand nahm er den armen Mann,
Führt' ihn bei Seit' und sprach zu ihm im Stillen:
»Janicola, nicht länger mag und kann [8180]
Ich meines Herzens heißen Wunsch verhüllen;
Geschehe was da mag, mit deinem Willen,
Nehm' ich zum Weib – eh' ich von hier mich wende –
Dein Töchterlein bis an ihr Lebensende.

Daß du mich liebst, das ist wohl keine Frage.
Ich kenne dich als redlichen Vasallen,
Treu meinem Stamm; weshalb ich dreist denn sage:
Was mir gefällt, das wird auch dir gefallen.
Drum sprich dich über diesen Punkt vor allen
Jetzt aus: Gehst du auf meinen Vorschlag ein? [8190]
Nimmst du mich an? Soll ich dein Eidam sein?«

Der Greis war so von Schrecken übermannt,
Daß er erröthend, schüchtern und mit Beben
Kaum auf die rasche Frage Worte fand.
Er sprach nur: »Herr, in eure Hand gegeben
Ist mein Entschluß; nie werd' ich widerstreben,
Euer Gebot, mein Herrscher, zu erfüllen.
Drum ordnet dies auch ganz nach euerm Willen.«

»Dann wollen wir bei dir Verhandlung pflegen«,
Sprach sanft der Markgraf, »gehen wir hinein, [8200]
Ich, du und sie; und weißt du auch weswegen?
Ich will sie fragen, ob mein Weib zu sein
Sie willens ist und ganz sich mir zu weihn.
Du sollst dabei sein, wenn ich sie befrage,
Und Wort für Wort anhören, was ich sage.«

Und während drinnen sie Berathung pflogen,
Davon euch bald wird mehr bekannt gemacht,
Kam all das Volk auch in das Haus gezogen
Und war erstaunt, wie sittsam und bedacht
Sie ihren theuern Vater nahm in Acht. [8210]
Doch höchst verwundert mochte selbst sie stehn,
Die solchen Anblick nie zuvor gesehn.

Kein Wunder, sah man sie erschrocken stehn,
Da in ihr Haus kam solch ein hoher Gast,
Dergleichen niemals sie gewohnt zu sehn.
Daher ihr ganzes Antlitz denn erblaßt.
Doch, daß die Sache werde kurz gefaßt:
Es gab der holden, reinen, treuen Maid
Der Markgraf diese Worte zum Bescheid:

»Vernehmt mich Wohl, Griseldis«, hub er an; [8220]
»Ich wünschte sehr gleich euerm Vater hier,
Daß ihr euch mir vermählt. Ich denk', ich kann
Den Fall annehmen: also wollt auch ihr.
Doch bitt' ich euch zuerst, antwortet mir:
Wollt ihr, da etwas hastig mein Beginnen,
Mir gleich zusagen, oder euch besinnen?

Wollt meinem Willen ihr mit frohem Herzen
Euch fügen, daß ich völlig nach Behagen,
Wie mir beliebt, euch schaffe Freud' und Schmerzen?
Wollt ihr bei Tag und Nacht euch nie beklagen, [8230]
Und sag' ich Ja, nie Nein dagegen sagen,
So daß ich selbst nicht finstre Mienen sehe?
Beschwört dies; dann beschwör' ich unsre Ehe.«

Und voll Verwundrung und von Schmerz durchbebt
Versetzt sie: »Herr, unwürdig fühl' ich mich
Des Ehrengrads, zu dem ihr mich erhebt.
Doch wie ihr selber wollt, so will auch ich.
Ich schwör's: Eh' stürb' ich, eh' ich wissentlich
In Werk und Wort euch, meinem Eheherrn,
Gehorsam weigre – stürb' ich gleich nicht gern.« [8240]

Er sprach: »Genug, genug, Griselde mein!«
Und, tiefen Ernst in seinen Mienen, geht
Er aus der Thür; sie folget hinterdrein.
Und zu dem Volke spricht er also: »Seht,
Sie ist mein ehlich Weib, die vor euch steht.
Lieb' und Verehrung sollt ihr zu ihr tragen,
Wenn ihr mich liebt; sonst hab' ich nichts zu sagen.«

Von ihrer alten Tracht wollt' er nichts leiden
In seinem Haus; weßhalb er denn gebeut,
Die Frauen sollten sie sogleich entkleiden. [8250]
Die Damen waren nicht zu sehr erfreut,
Die Kleider anzufassen, die bis heut
Sie trug. Doch strahlt' in neuen Kleidern bald,
Glänzend von Kopf zu Fuß, die Huldgestalt.

Das Haar ward ihr gekämmt, das ungeschmückt
Und ungeflochten um ihr Haupt gehangen,
Von zarter Hand ein Kranz darauf gedrückt.
Sie ward geziert mit groß- und kleinen Spangen.
Doch was erzähl' ich von der Kleider Prangen?
Sie war so schön, daß man sie kaum erkannt, [8260]
Seit sie zu solchem Reichthum umgewandt.

Der Markgraf schmückt sie mit dem Ehering,
Den er mit sich gebracht; ein schneeweiß Roß
Trug sie davon, das stolz und sicher ging.
Und ohne Weile führt' er sie zum Schloß.
Mit ihr und ihr entgegen zog der Troß
Des frohen Volks. So ging mit Sang und Klang
Der Tag hin bis zum Sonnenuntergang.

Doch, mich mit der Erzählung zu beeilen,
Solch hohe Gunst wollt' aus Barmherzigkeit [8270]
Gott dieser neuen Markgräfin ertheilen:
Unmöglich schien's, daß sie die Jugendzeit
Von Anbeginn verbracht in Dürftigkeit
In einer Hütt', in einem Ochsenstalle,
Sie schien entstammt aus eines Kaisers Halle.

Weßhalb sie Jedem bald so theuer war,
So achtungswerth, daß, wo sie war geboren,
Die Leute, welche sie von Jahr zu Jahr
Seit der Geburt gekannt, kaum ihren Ohren
Und Augen trauten und beinahe schworen, [8280]
Vor ihnen stünd' ein andres Wesen da:
Dies sei das Kind nicht des Janicola.

Denn war sie gleich von jeher tugendhaft,
Wuchs jetzt die Güte zur Erhabenheit,
Gepaart mit jeder edeln Eigenschaft.
Besonnen war sie, voll Beredsamkeit;
So werth der Ehrfurcht, so voll Freundlichkeit,
Daß jedes Herz sie zu gewinnen wußte
Und wer ihr Antlitz sah, sie lieben mußte.

Und ihres Rufes ehrenvolle Kunde [8290]
Erscholl nicht in Saluzzo's Stadt allein.
Durch viele Länder macht' er sonst die Runde,
Lobt Einer sie, so stimmt der Andre ein.
So weithin leuchtet ihrer Tugend Schein,
Daß Alt und Jung, daß Fraun und Männer gehn
Hin nach Saluzzo, nur um sie zu sehn.

Walter, der niedrig so – nein, königlich
Ein ehrbar Glück erwählt im Ehestand,
Erfreut daheim des Gottesfriedens sich;
Doch ward auch auswärts Huld ihm zugewandt. [8300]
Denn da er sah, daß unter niederm Stand
Sich Tugend birgt, mußt' er für weise gelten
Bei allem Volk – und das geschieht höchst selten.

Griseldis wußte nicht nur überall
In häuslichen Geschäften wohl Bescheid,
Sie hatte selbst, erheischte es der Fall,
Zu Nutz des Landes Rath und That bereit.
Wo es Bekümmerniß, Erbittrung, Streit
Im Lande gab, da konnte sie ihn schlichten
Und alle Herzen klug ins Gleiche richten. [8310]

Ob ihr Gemahl daheim, ob auf der Reise –
Wenn sich zwei Herrn etwa in ihrem Land
Erzürnt, so brachte sie es ins Geleise:
So weise Worte waren ihr zur Hand.
Und für so billig war ihr Spruch bekannt:
Man wähnte, daß vom Himmel sie gestiegen
Zum Heil der Welt, das Unrecht zu besiegen.

Nicht lang nachdem Griseldis war vermählt,
Ward ihr von Gott ein Töchterlein beschieden.
Sie hätte lieber einen Sohn gewählt; [8320]
Doch war's der Markgraf und sein Volk zufrieden,
Denn Aussicht für die Zukunft war entschieden
– Wiewohl das erste Kind ein Mädchen war –
Auf einen Sohn, da sie nicht unfruchtbar.

Pars tertia.

Da kam es, wie es kommt in manchen Fällen,
Als sie das Kind nur kurze Zeit erst säugte:
Der Markgraf wollte auf die Probe stellen
Sein Weib, ob sie ihm Treu' im Ernst bezeugte.
Und wunderbar – unüberwindlich däuchte
Ihm die Begier, ihr Innres aufzudecken [8330]
Und ganz umsonst, weiß Gott, sein Weib zu schrecken.

Er hatte sie genug geprüft vorher
Und fand sie immer gut; was war es nütze
Sie zu versuchen immer mehr und mehr?
Zwar Manche priesen's als der Weisheit Spitze,
Doch mir erscheint es von beschränktem Witze,
Ein Weib nutzlos der Prüfung auszusetzen,
Daß sie mit Angst erfüllt wird und Entsetzen.

Der Markgraf fing die Sache also an:
Er kam allein bei Nachtzeit wo sie lag, [8340]
Trat ernsten Angesichts an sie heran
Und sprach betrübt: »Griselde, jener Tag,
Wo ich aus eurer Armuth niedern Schmach
Euch in des Adels höchsten Stand versetzt,
Ist, denk' ich, unvergeßlich euch noch jetzt.

Die hohe Würde, deren ihr indessen
Genoßt, die ich euch habe zugewandt,
Läßt euch, Griselde, denk' ich, nicht vergessen,
Daß ich euch aufnahm aus gar niederm Stand;
Zu welchen Gütern, ist euch selbst bekannt. [8350]
Nehmt jedes Wort, das ich euch sag', in Acht,
Wir zwei sind ganz allein hier in der Nacht.

Ihr wißt sehr wohl noch, wie ihr seiner Zeit
Hier in das Haus kamt; nicht zu lang ist's her;
Und ob ihr mir auch werth und theuer seid,
Seid ihr's doch meinen Großen nimmermehr.
»Es drücke«, sagen sie, »die Schmach sie sehr,
Als Unterthanen dir zum Dienst gezwungen
Zu sein, die aus so niederm Stand entsprungen.«

Besonders seit die Tochter kam zur Welt, [8360]
Hör' ich sie kecklich diese Red' erheben.
Doch möcht' ich gern (so war es sonst bestellt)
In Ruh und Einigkeit mit ihnen leben.
Ich kann mich nicht dabei zufrieden geben.
So wird nichts übrig bleiben mit dem Kinde,
Als daß ich in des Adels Wunsch mich finde.

Und doch, weiß Gott, mich quält die Sache sehr,
Und ohne euer Wissen, in der That,
Möcht' ich nichts thun; doch wünscht' ich wohl (sprach er),
Daß ihr dabei euch fügtet meinem Rath. [8370]
Zeigt die Geduld denn jetzo durch die That,
Die ihr in euerm Dorf mir zugeschworen
Damals, als ich zur Gattin euch erkoren.«

Sie hörte Alles, und im Angesicht,
In Wort und Mienen blieb sie unbewegt
(Es schien sogar, als härmte sie sich nicht).
Sie sprach: »Euch, Herr, sei in die Hand gelegt
Mein Kind und ich; kein Ungehorsam regt
Sich gegen euch. Thut, was ihr wollt, zerstört
Oder erhaltet, was euch zugehört. [8380]

So wahr mein Heiland lebt, was euch gefällt,
Das soll auch mir gefallen jeder Zeit.
Sonst wünsch' ich nichts; sonst fürcht' ich auf der Welt
Nichts zu verlieren, wenn ihr bei mir seid.
Dies ist mein Herzenswunsch in Ewigkeit.
Nicht Alter wird noch Tod mir dies entringen,
Noch mir das Herz auf andre Bahnen bringen.«

Der Fürst war durch die Antwort sehr beglückt;
Doch ließ er's nicht an seinen Mienen sehn,
Da er vielmehr betrübt und finster blickt, [8390]
Als er sich anschickt von ihr fortzugehn
Und bald, nach fünf Minuten oder zehn,
Hat seinen Plan er Einem im Vertrauen
Erzählt und ihn gesandt zu seiner Frauen.

Es war so eine Art Profoß der Mann,
Der sich ihm oft schon hatte treu bewährt
In großen Dingen; und solch Einer kann
Auch Schlimmes thun, wird es von ihm begehrt.
Der Markgraf weiß, daß er ihn liebt und ehrt.
Als Dem bekannt nun war des Herren Wille, [8400]
Trat er in ihre Kammer ein – ganz stille,

Und sprach: »Ihr müßt verzeihen, gnäd'ge Frau,
Thu' ich euch etwas mit gezwungnem Herzen.
Ihr seid so weise; drum wißt ihr genau,
Es läßt sich mit des Herrn Befehl nicht scherzen,
Und mag uns solcher jammern oder schmerzen,
Doch müssen wir gehorchen und ertragen.
Das thu' auch ich; nichts läßt sich weiter sagen.

Mir ist dies Kind zu nehmen aufgetragen.«
Und sprach nichts mehr und riß das Kind heraus [8410]
Erbarmungslos, als wollt' er es erschlagen;
So sah beim Fortgehn auch sein Antlitz aus.
Griseldis mußt' erdulden all den Graus;
Sanft saß sie wie ein Lamm und regungslos
Und störte nicht den grausamen Profoß.

Verdächtig war durch seinen Ruf der Mann;
Verdächtig sein Gesicht und was er sprach;
Die Zeit verdächtig, da er dies begann.
Der Tochter, die so sehr sie liebte – ach!
Sie glaubt, er geb' ihr schon den Todesschlag; [8420]
Doch weint sie nicht, noch seufzt sie selbst im Stillen,
Und fügt sich gänzlich in des Fürsten Willen.

Zuletzt fing sie jedoch zu sprechen an
Und bat voll sanfter Demuth den Profoß
– Der in der That ein würd'ger, edler Mann –
Ihr zu erlauben, vor dem Todesstoß
Das Kind zu küssen; legt' es auf den Schooß,
Sah es voll Schmerz an und mit Segensgrüßen
Lullte sie's ein und fing es an zu küssen.

Und also sprach ihr Mund, der freundlich milde: [8430]
»Leb wohl, mein Kind, auf ewig mir entwendet!
Doch zeichn' ich dich noch mit des Kreuzes Bilde,
Daß dir der Vater seinen Segen spendet,
Der an des Kreuzes Stamm für uns geendet.
Du stirbst für mich noch heute; so empfehle
Ich Seinen Händen, Kindlein, deine Seele.«

Für eine Amme wäre, sollt' ich meinen,
Den Jammer anzusehn schon hart genug.
Wie wird erst eine Mutter schrein und weinen?
Sie war so standhaft, daß sie es ertrug, [8440]
Daß all der Schmerz sie nicht zu Boden schlug,
Und sprach zu dem Profoß mit sanftem Wort:
»Nehmt nun das kleine Mädchen wieder fort.«

»Geht nun«, sprach sie, »thut meines Herrn Gebot;
Doch möcht' ich euch um Eins gebeten haben,
Ihr wollet, wenn mein Herr es nicht verbot,
Den kleinen Leib an einem Platz begraben,
Wo er kein Raub der Hunde wird und Raben.«
Auf diese Bitte sprach der Mann kein Wort
Und nahm das Kind und ging des Weges fort. [8450]

Zu seinem Herrn kam der Profoß zurück
Und sagt' ihm von Griselden kurz und klar
In jedem Punkt Geberde, Wort und Blick,
Und reicht' ihm seine liebe Tochter dar.
Wiewohl der Herr etwas erschüttert war,
So stand er doch bei seinem Vorsatz still,
So wie ein Herr thut, wenn er einmal will.

Und dem Profoß befahl er, ganz verborgen
Das Kind in Windeln sänftlich einzuschlagen,
Mit aller Zärtlichkeit dafür zu sorgen, [8460]
In einem Korb es oder Tuch zu tragen,
Und drohte ihm das Haupt vom Rumpf zu schlagen,
Wenn irgend Jemand seinen Plan erführe,
Woher er's brächte und wohin er's führe.

Er soll vielmehr es nach Bologna tragen,
Sich an die Gräfin Panico dort wenden,
Ihr, seiner Schwester, Alles treulich sagen,
Das Kindlein anempfehlen ihren Händen;
Sie möchte alle Sorgfalt drauf verwenden,
Es zu erziehn, und ihm die Gunst erzeigen, [8470]
Weß Kind es sei, vor Jedem zu verschweigen.

Der Diener geht und hat es bald vollbracht.
Doch kehren wir zum Markgraf nun zurücke.
Der hat in seinem Innern eifrig Acht,
Ob wohl bei seinem Weib durch Wort und Blicke
Vielleicht nicht ein verändert Wesen blicke.
Doch fand er von Verändrung keine Spur,
Er fand sie sanft und ernst wie immer nur.

So freudig, so voll Demuth und so sehr
Für ihn in Liebe und im Dienst bereit [8480]
War sie in jeder Art ganz wie vorher.
Von ihrer Tochter sprach sie nicht; kein Leid
Verrieth sie, keine Widerwärtigkeit,
Und ihrer Tochter Name selbst entfiel
Ihr niemals – nicht im Ernste noch im Spiel.

Pars quarta.

In dieser Weise gingen hin fünf Jahr,
Bis Gott von neuem seinen Segen schickte
Und sie ein Knäblein ihrem Herrn gebar,
Wie kaum ein schönres je die Welt erblickte.
Und nicht des Kindes Vater blos beglückte [8490]
Die Botschaft; nein, im ganzen Land erhoben
Sich Alle, Gott zu preisen und zu loben.

Als es zwei Jahr alt war und von der Brust
Der Amme schon entwöhnt, da auf einmal
Ergriff den Fürsten wiederum die Lust,
Noch ferner zu erproben sein Gemahl.
Ach, sie bestand ja nutzlos schon die Qual!
Doch hat ein Ehmann niemals Maß gefunden,
Ist ein geduldig Wesen ihm verbunden.

»Weib«, sprach der Fürst, »es kam euch schon zu Ohren, [8500]
Mein Volk zürnt mir ob unsrer Ehe sehr,
Und seit nun gar der Sohn uns ist geboren,
Ist es viel schlimmer als jemals vorher.
Des Volks Gemurr bedrückt die Brust mir schwer
Und seine Stimme macht mir solchen Schmerz;
Sie hat mir fast zerrissen schon mein Herz.

»Wenn Walter stirbt, giebt uns Janicola
Die Erben«, sagen sie, »aus seinem Blut.
Die sind dann Herren; sonst ist keiner da.«
Fürwahr, so spricht das Volk; drum wär' es gut, [8510]
Wär' ich vor diesem Murren auf der Hut.
Denn in der That, ich fürchte solche Klagen,
Wenn sie auch nicht vor mir zu sprechen wagen.

In Frieden lebt' ich gern, wär' dazu Rath;
Drum laß ich keinesfalls den Vorsatz ruhn,
Wie ich bei Nacht einst seiner Schwester that,
So im Geheimen auch mit ihm zu thun.
Ich warne euch, nicht etwa plötzlich nun
Euch durch den Schmerz bewältigen zu lassen,
Bitt' euch vielmehr, euch in Geduld zu fassen.« – [8520]

»Wie ich gesagt und stets ich sagen werde:
Befehl will und Verbot ich ruhig tragen,
Wie's euch beliebt; ich führe nicht Beschwerde,
Und würde Tochter mir und Sohn erschlagen
Auf eu'r Geheiß; doch Eines muß ich sagen:
Was ich gehabt von meinen Kindern beiden,
War nichts als Siechthum erst, dann Weh und Leiden.

Ihr seid mein Herr; ganz nach Belieben mögt
Ihr mit mir schalten; fragt mich nicht um Rath.
Denn wie daheim mein Kleid ich abgelegt. [8530]
So legt' ich, als ich euer Haus betrat,
Den Willen ab und jede freie That,
Und nahm von euch mein Kleid; drum bitt' ich nun,
Befehlt mir, was ihr wollt; ich werd' es thun.

Und könnt' ich euern Wunsch vorher schon wissen,
Ich hätte, traun, eh' ihr ihn mir genannt,
Ihn zu erfüllen, sorgsam mich beflissen.
Doch jetzt, da euer Wille mir bekannt,
Will ich dran halten fest und unverwandt.
Denn wüßt' ich selbst, daß euch mein Tod erfreute, [8540]
Euch zu gefallen stürb' ich gern noch heute.

Nichts im Vergleich mit eurer Liebe Glück
Gilt mir der Tod!« – Und als der Markgraf sah,
Wie fest sein Weib war, schlug er scheu den Blick
Zu Boden und stand ganz verwundert da,
Wie voll Geduld sie trug, was auch geschah;
Und eilt hinweg, die Mienen schmerzumhüllt;
Doch war sein Herz von hoher Lust erfüllt.

Und der Profoß, der einst ihr Töchterlein
Geholt, holt ebenso jetzt oder gar [8550]
In schlimmrer Weise – könnt' es schlimmer sein –
Den Sohn ab, der so schön und lieblich war.
Und so geduldig war sie immerdar,
Daß sie nicht Kummer in den Mienen zeigte,
Nein, küssend, segnend, über ihn sich neigte.

Nur um dies Eine bat auch jetzt sie wieder,
Mit einer Gruft ihr Söhnlein zu umhegen,
Daß in der Erde seine zarten Glieder
Vor Thieren und Gevögel sicher lägen.
Doch keine Antwort gab er ihr entgegen [8560]
Und ging des Wegs, als ob auf nichts er achte –
Da er's doch sorgsam nach Bologna brachte.

Der Markgraf wundert sich stets mehr und mehr
Ob der Geduld, und hätt' er nicht genug
Gesehen und erkannt schon längst vorher,
Wie warm ihr Herz für ihre Kinder schlug,
So wähnt' er wohl, es wäre Lug und Trug
Und Bosheit oder arge Grausamkeit,
Daß sie mit stiller Miene trug ihr Leid.

Doch wußt' er wohl, daß nächst ihm auf der Welt [8570]
Sie nichts so innig liebte wie ihr Kind.
Nun sei die Frage jeder Frau gestellt,
Ob diese Proben nicht genügend sind.
Ich meine, selbst der strengste Mann ersinnt
Nichts Schlimmres, Lieb' und Treue zu ergründen,
Und läßt dann endlich Trotz und Strenge schwinden.

Doch mancher Mensch ist also von Natur:
Ist ein Entschluß ihm durch den Sinn geschossen,
So geht er unaufhaltsam auf der Spur;
Und wie an einen Weidepfahl geschlossen [8580]
Bleibt er beim ersten Vorsatz unverdrossen.
So blieb der Markgraf, der sich vorgesetzt,
Sein Weib zu prüfen, auch dabei noch jetzt.

In Wort und Mienen sucht' er zu ergründen,
Ob gegen ihn ihr Herz geändert sei;
Doch niemals konnt' er eine Aendrung finden;
Es blieb Gemüth und Antlitz einerlei.
Und gingen Jahr' um Jahre gleich vorbei,
So war sie (wär' es möglich) nur noch mehr
Zum Dienst bereit und treuer als vorher. [8590]

Drum schien es so, als ob ein Wille Beide
Beseelte; denn was ihren Mann ergetzt,
Dasselbe ist auch ihrer Sinnen Weide;
Gottlob! so wurde Alles gut zuletzt.
Sie zeigte, daß ein Weib, wie sehr verletzt
Sie sich auch fühlt, doch nie erstreben sollte
Aus eignem Trieb, was nicht ihr Gatte wollte.

Und Walter ward verleumdet weit und breit,
Daß grausam er und gottlos, mit Bedacht
(Weil er ein Weib aus armem Stand gefreit) [8600]
Die beiden Kinder heimlich umgebracht.
Man sprach ganz allgemein von dem Verdacht.
Kein Wunder auch; es kam kein andres Wort
Zum Ohr des Volks als von der Kinder Mord.

Und wie zuvor ihn auch sein Volk verehrt,
Der böse Ruf folgt' ihm auf Markt und Gassen;
Drum war die Liebe bald in Haß verkehrt:
Wer sollte nicht des Mörders Namen hassen?
Doch wollt' er nicht in Scherz und Ernst es lassen,
Noch der grausamen Absicht sich begeben. [8610]
Sein Weib zu prüfen war sein ganz Bestreben.

Als seine Tochter nun zwölf Jahr alt war,
Wußt' er den röm'schen Hof schlau zu gewinnen;
Stellt' ihm durch Boten seinen Vorsatz dar,
Und hieß sie solche Briefe dort ersinnen,
Die förderlich für sein grausam Beginnen:
Der Papst, besorgt für seines Volks Gedeihn,
Gestatte ihm, ein andres Weib zu frein.

Und er gebot, daß in des Papstes Hand
Man eine falsche Bulle dort verfasse, [8620]
Drin ihm der Papst sein erstes Eheband
Nach freier Wahl zu lösen überlasse,
Der Zwietracht so zu steuern und dem Hasse
Zwischen dem Volk und ihm. Dies war das Wort
Der Bulle, die man laut verlas sofort.

Das rohe Volk – kein Wunder ist's zu melden –
Es wähnt natürlich, alles dies sei wahr.
Doch als die Nachricht man gebracht Griselden,
So mein' ich, daß ihr Herz voll Jammer war.
Doch war sie ernst und ruhig immerdar, [8630]
Dies demuthsvolle Wesen, und gefaßt,
Zu tragen jedes Mißgeschickes Last.

Sie harrt auf Dessen Willen und Gebot,
Dem sie ihr Herz und Alles überlassen,
Als ihrem einz'gen Heil bis an den Tod.
Doch, mich in der Erzählung kurz zu fassen,
Der Markgraf hatte einen Brief erlassen,
Den insgeheim er nach Bologna sandte,
Worin er seinen Vorsatz ganz bekannte.

Den Grafen Panico, der dort gefreit [8640]
Des Markgrafs Schwester, bat vor allen Dingen
Er öffentlich, in glänzendem Geleit
Die beiden Kinder wieder heim zu bringen.
Doch wollt' er sehr um Eines in ihn dringen,
Er sollte, wie man ihn auch möchte fragen,
Weß diese Kinder wären, Keinem sagen.

Vielmehr das Mädchen werd' als junge Frau
Dem Fürsten von Saluzzo zugebracht.
Wie er ersucht war, that der Graf genau,
Hat am bestimmten Tag sich aufgemacht [8650]
Hin nach Saluzzo, und in reicher Pracht
Zog mancher Herr der Jungfrau zum Geleite;
Ihr junger Bruder ritt an ihrer Seite.

Die frische Jungfrau war zur Hochzeitsreise
Geschmückt mit Edelsteinen hell und klar;
Ihr Bruder, frisch gleich ihr, in seiner Weise
Geschmückt; er zählte eben sieben Jahr.
So zog in hohem Pomp das muntre Paar,
Und ritt von Tag zu Tag, von Ort zu Ort
Hin zu Saluzzo seines Weges fort. [8660]

Pars quinta.

Inzwischen sann der Markgraf, der verruchte,
Der mehr zu prüfen stets sein Weib begehrte,
Wie er ihr Herz aufs äußerste versuchte,
Daß er durch sichre Probe sich belehrte,
Ob sie sich standhaft wie zuvor bewährte.
Drum fällt' er einst in offner Audienz
Recht ungestüm die folgende Sentenz:

»Griselde, Frohsinn und Zufriedenheit
Schuft ihr mir als mein Weib durch eure Güte,
Durch eure Treue, eure Folgsamkeit; [8670]
Durch Reichthum nicht, noch adliges Geblüte.
Doch jetzt dringt mir die Wahrheit zu Gemüthe,
Daß, seh' ich recht, sich in verschiedner Art
Mit großer Herrschaft große Knechtschaft paart:

Ich kann nicht thun wie jeder Bauer mag;
Mein Volk zwingt mich, ein andres Weib zu frein
Und dringt mit Schreien in mich Tag für Tag,
Und, glaub' es mir, der Papst selbst willigt ein,
Um mich von all der Mißgunst zu befrein,
Und in der That – nicht mehr verhehl' ich's dir – [8680]
Mein neues Weib ist auf dem Weg zu mir.

Sei stark von Herzen, räum' ihr deinen Ort,
Und was zur Ausstattung dir mitgegeben,
Nimm, ich gewähr's in Gnaden, mit dir fort.
Zu deines Vaters Haus magst du dich heben.
Kein Mensch kann alle Zeit im Glücke leben.
Ich will dir rathen, mit ergebnem Herzen
Den Schicksalsschlag und Unfall zu verschmerzen.«

Und sie antwortet mit Ergebenheit:
»Ich weiß und wußte schon von Anfang an, [8690]
Daß, Herr, mit eurer Pracht und Herrlichkeit
Sich meine Armuth nicht vergleichen kann,
Noch auch es darf; fürwahr, das geht nicht an.
Nie hielt ich würdig mich, an euerm Hofe
Als Frau zu schalten, nicht einmal als Zofe!

So wahr mir Gott verleih' ein ewig Leben,
Ich habe, seit ihr mich zur Herrin machtet,
In diesem Haus, das ihr mir untergeben,
Mich nie als Herrscherin und Frau betrachtet,
Nein, nur als euer Hoheit Magd geachtet, [8700]
Und dazu halt' ich mich vor allen Wesen,
So lang mein Leben dauert, auserlesen.

Ihr wart so gut, die Gunst mir zu ertheilen,
Daß ich in Ehr' und hohem Ansehn stände,
Wo ich nicht einmal würdig war zu weilen.
Dies dank' ich Gott und euch. Der Himmel sende
Vergeltung euch dafür. Ich bin zu Ende.
Zum Vater mein will ich mich froh begeben,
Um bis zu meinem Tod mit ihm zu leben.

Wo ich ernährt ward seit der Kindheit Jahren, [8710]
Will ich verbringen meine Lebenszeit
Und Herz und Leib als Wittwe rein bewahren.
Denn da ich euch mein Magdthum einst geweiht
Und euer treues Weib bin jederzeit,
Verhüt' es Gott, daß ich mich je vermähle
Und einen andern Mann zum Gatten wähle.

Und sei durch Gottes Gnade Heil und Glück
Von eurer neuen Gattin euch beschieden!
Ich trete gern von meinem Platz zurück,
Wo ich verweilt in Segen und in Frieden. [8720]
Denn da ihr, Herr, es also habt entschieden,
Ihr weiland meines Herzens Seligkeit,
So bin ich, wenn ihr wollt, zum Gehn bereit.

Ihr bietet mir, was ich euch eingebracht.
Ich weiß recht gut, ich bracht' euch nur ins Haus
Die alten Kleider, schlecht und ohne Pracht.
Ich fände sie wohl schwerlich noch heraus.
O Gott, wie saht ihr mild und freundlich aus,
Wie sprach so mild und freundlich euer Mund,
Als wir beschworen unsern Ehebund! [8730]

Wohl fand ich wahr, was man im Volke spricht,
Es hat an mir sich durch die That bewährt:
Die alte Liebe gleicht der neuen nicht.
Doch wahrlich, Herr, was mir auch widerfährt,
Und würde selber mir der Tod beschert,
Ich will durch Wort und That nie zeigen Reue,
Daß ich mein Herz euch gab in aller Treue.

Ihr wißt, Herr, daß in meines Vaters Haus
Ihr mich ablegen ließt mein ärmlich Kleid;
Ihr stattetet mit reichem Schmuck mich aus. [8740]
Ich brachte nichts euch zu im Brautgeleit
Als Treue, Nacktheit und Jungfräulichkeit.
Nehmt hier zurück all euer reich Gewand,
Nehmt hin den Trauring auch von meiner Hand.

Was sonst noch ist von Schmuck und Edelstein,
Liegt drinnen im Gemach; ich kann's beschwören.
Nackt zog aus meines Vaters Haus ich ein
Und nackt muß ich dahin zurücke kehren.
Gern möcht' in Allem euern Wunsch ich ehren;
Doch hoff' ich, werdet ihr's nicht so verstehn, [8750]
Daß ohne Hemd ich aus dem Schloß soll gehn.

Ihr wollt mir sicher solchen Schimpf erlassen,
Den Leib, der eure Kinder einst getragen,
Nackt vor dem Volk zu zeigen auf den Gassen.
Drum mögt ihr – diese Bitte darf ich wagen –
Mich nicht gleich einem Wurm des Weges jagen.
Erinnert euch, daß ich unwürdig zwar,
Doch, theurer Herr, stets eure Gattin war.

Drum für mein Magdthum, das ich unversehrt
Euch brachte und nicht kann von hinnen tragen, [8760]
Sei gnädig mir von euch zum Lohn gewährt
Ein Hemd, wie ich es trug in jenen Tagen.
Ich will es um den Leib des Weibes schlagen,
Das eure Gattin war. Entlaßt mich jetzt,
Damit mein Bleiben, Herr, euch nicht verletzt.« –

»Das Hemd, das du auf deinem Rücken hast,
Magst du behalten, trag' es mit nach Haus.«
Doch blieb das Wort ihm in der Kehle fast
Vor Schmerz und Mitleid, und er ging hinaus.
Und vor dem Volke zog sie selbst sich aus, [8770]
Barfuß, barhäuptig lenkt sie ihre Schritte
Im bloßen Hemd zu ihres Vaters Hütte.

Und weinend folgt das Volk auf ihrem Gang
Und fluchte, über ihr Geschick empört.
Doch keine Thrän' aus ihrem Auge drang,
Von ihrem Munde ward kein Wort gehört.
Der Vater, als die Nachricht er gehört,
Verflucht die Zeit und Stunde, da ihr Leben
Und Dasein ward von der Natur gegeben.

Es mochte stets der arme alte Mann [8780]
Verdacht im Herzen ob der Ehe nähren,
Er meinte immer schon, als sie begann,
Wenn erst der Fürst erfüllet sein Begehren,
So dächt' er seine Würde zu entehren
Dadurch, daß er sich so herabgelassen,
Und würde drum sie möglichst bald verlassen.

Entgegen geht der Tochter er in Hast,
(Er hört den Lärm des Volks schon näher dringen)
Weint sorgenvoll und will, so gut es paßt,
Ihr alt Gewand ihr um die Glieder schlingen. [8790]
Doch mocht' er nicht an ihren Leib es bringen.
Grob war das Zeug und um geraume Zeit
Nun älter als am Tag, da sie gefreit.

So lebt sie denn mit ihrem Vater fort,
Die Blüthe weiblicher Ergebenheit;
Durch keine Miene zeigt sie, durch kein Wort,
Nicht vor dem Volk, nicht in der Einsamkeit,
Daß sie erlitten irgend welches Leid.
Sie dachte nie an ihren hohen Stand,
So viel aus ihrer Haltung ward erkannt. [8800]

Kein Wunder auch; in ihren hohen Ehren
War demuthsvoll ihr Herz zu jeder Zeit;
Kein lockrer Sinn, kein lüsternes Begehren,
Kein Pomp noch Prunk mit ihrer Fürstlichkeit!
Sie war voll freundlicher Bescheidenheit,
Klug, ehrenhaft und ohne stolzen Wahn
Und ihrem Herrn in Sanftmuth zugethan.

Von Hiobs Demuth wird so viel gesagt,
Und ein Gelehrter kann sehr schön beweisen –
Zumal von Männern; doch wenn recht ihr fragt, [8810]
– Obschon Gelehrte selten Weiber preisen –:
Kein Mann hat solche Demuth aufzuweisen
Wie manche Frau, noch ist er halb so treu
Als sie; mir wär' ein andrer Fall ganz neu.

Pars sexta.

Der Graf von Panico ist angekommen;
So kündigt das Gerücht bald weit und breit.
Auch hat man allgemein im Volk vernommen,
Der neuen Fürstin geb' er das Geleit,
Und in so reicher Pracht und Herrlichkeit,
Daß solch ein Prunkzug nie gesehen sei [882]
Im ganzen Westgebiet der Lombardei.

Und eh er kam, beschied der Markgraf schon,
(Der all dies vorbereitet und gewußt)
Das arme Kind Griselden vor den Thron.
Und demuthsvoll, im Antlitz stille Lust,
Kein grollendes Gefühl in ihrer Brust,
Kam sie herbei und mit verständ'gem Sinn,
Ehrfürchtig grüßend kniet sie vor ihm hin.

Er sprach: »Griseld', es ist mein Wunsch durchaus,
Die Jungfrau, die ich mir zur Braut ersehen, [8830]
So herrlich zu empfangen hier im Haus,
Mit solcher Pracht als irgend mag geschehen.
Auch werde Jedermann dabei versehen
Nach seinem Stand mit Sitz, Bedienung, Speise
Und Unterhaltung – in der besten Weise.

Nur fehlt ein Weib mir, sicher und gewandt,
Um in der Zimmer Anordnung zu schalten,
Wie ich es wünschte. Drum sei mir zur Hand.
Du magst den Dienst in jedem Stück verwalten:
Du weißt, wie ich es sonst gepflegt zu halten. [8840]
Ist schlecht dein Ansehn auch und deine Tracht,
So nimm mit Fleiß doch deine Pflicht in Acht.«

Sie sprach: »Mit Freuden thu' ich nicht allein,
Was euch beliebt: es ist all mein Bestreben,
Euch zu erfreun, euch meinen Dienst zu weihn
Ohn' Unterlaß und für mein ganzes Leben.
Mein Geist wird nimmer sich des Rechts begeben,
In Freud' und Leid mit seinen reinsten Trieben
Aus treuem Herzen innig euch zu lieben.«

Und damit fing sie an das Haus zu schmücken, [8850]
Tische zu setzen, Betten aufzulegen,
Und mühte sehr sich, Alles zu beschicken.
Und bat die Kämmerlinge, sich zu regen,
Um Gottes Willen hurtig auszufegen
Und auszustäuben, und im Eifer Alle
Besiegend schmückte Zimmer sie und Halle.

Es langt der Graf nach neun Uhr Morgens an;
Er hat die beiden Kinder mitgebracht,
Und zu dem Schauspiel drängt sich Mann für Mann,
Um anzusehn des Aufzugs reiche Pracht, [8860]
Wobei zuerst man die Bemerkung macht:
»Der Walter war beim Frauentausch kein Thor,
Da er fürwahr das beste Theil erkor.«

»So schön wie sie«, sagt man sich insgemein,
»So zart von Jahren ist Griseldis nicht;
Auch ihre Kinder werden schöner sein.
Wie gut, daß ihr's an Ahnen nicht gebricht.«
So schön war auch ihr Bruder von Gesicht,
Daß Alle ihn mit Wohlgefallen sahn
Und jetzo lobten, was der Fürst gethan. [8870]

»O windig Volk, haltlos und ungetreu,
Unstet und schwankend wie ein Wetterhahn,
Du freust dich jedes Lärms, ist er nur neu,
Und wechselst wie der Mond in seiner Bahn.
Nicht einen Deut werth ist dein eitler Wahn,
Dein Spruch ist falsch und hält nicht lange vor.
Wer an dich glaubt, der ist ein großer Thor.«

So sprachen in der Stadt die ernsten Leute,
Während die Menge gaffend ging und stand
Und ob der Neuigkeit gar sehr sich freute, [8880]
Daß eine neue Herrin sei im Land.
Doch lass' ich jetzo diesen Gegenstand,
Und wende wiederum mich zu Griselden,
Von ihrem Muth und Eifer euch zu melden.

Was da gehörig zu der Festlichkeit,
Hat Alles sie mit Fleiß in Stand gesetzt.
Es kümmerte sie nicht ihr schlechtes Kleid,
War es auch grob, sogar etwas zerfetzt,
So ist zum Thor sie mit den Andern jetzt,
Die Markgräfin zu grüßen, froh gegangen, [8890]
Um ihr Geschäft dann wieder anzufangen.

Mit heiterm Blick empfängt nach Rang und Art
Die Gäste sie, so kundig, daß dabei
In keinem Punkt man einen Fehl gewahrt.
Man wunderte vielmehr sich, wer sie sei,
Die hier in so gar ärmlicher Livrei
So kundig jeder Höflichkeit erschiene,
Daß ihre Klugheit alles Lob verdiene.

Und dabei hört man in der ganzen Zeit
Sie laut das Fräulein und den Bruder preisen, [8900]
So herzlich und mit solcher Freundlichkeit:
Es konnte Niemand größres Lob erweisen.
Doch als die Herren endlich sich zum Speisen
Gesetzt, da rief der fürstliche Gemahl
Griselden, die beschäftigt war im Saal.

»Griseldis«, sprach er, gleich als wollt' er scherzen,
»Wie sagt mein Weib dir zu? Ist sie nicht schön?« –
»Ja«, sprach sie, »Herr, ich sag's von ganzem Herzen,
Ich habe keine schönre je gesehn.
Ich will um Gottes Segen für euch flehn. [8910]
Ich hoffe wohl, daß er euch Freude sende
In Fülle, bis an euer Lebensende.

Doch nehmt die Bitt' und Warnung von mir an,
Verfolgt mit Martern nicht und Quälerein
Die zarte Maid, wie Andern ihr gethan.
Sie ist von Kindheit an zu zart und fein
Erzogen; sie wird nicht im Stande sein
(So denk' ich mir), das Unglück zu ertragen
Wie sie, die aufwuchs unter Noth und Plagen.«

Und als nun Walter sah, wie sie geduldig, [8920]
Vergnügt und ohne Falsch in jedem Fall
– Da er doch manches Unrechts an ihr schuldig –
Und still und fest blieb wie ein Felsenwall
An ihrer Unschuld haltend überall:
Da ward des Fürsten hartes Herz mit Reue
Erfüllt und Mitleid ob des Weibes Treue.

»Genug«, sprach er, »genug, Griselde mein,
Erschrick nicht mehr; erheitre deinen Blick.
Ich prüfte so die Güt' und Treue dein,
Wie wohl kein Weib bis diesen Augenblick [8930]
Geprüft ward in der Armuth und im Glück.
Jetzt, theures Weib, weiß ich, wie fest du bist.«
Worauf er innig sie umarmt und küßt.

Sie hatte staunend nicht der Worte Acht;
Für Alles, was er sprach, war taub ihr Ohr,
Wie Einer, der vom Schlafe just erwacht,
Bis sie aus der Verwirrung fuhr empor.
»Bei Gott, der sich für uns den Tod erkor«,
Rief er, »du bist mein Weib, du warst allein
Es immer, so mir Gott mag gnädig sein! [8940]

Dies Mädchen, die du für mein Weib gehalten,
Ist deine Tochter. Hier der Knabe gut
Soll, schwör' ich dir, einst als mein Erbe schalten.
Du selbst gebarst sie mir; sie sind dein Blut.
Ich hielt sie in Bologna still in Hut.
Nimm sie zurück; du siehst, die du geboren,
Die Kinder sind dir beide unverloren.

Und wer da Andres von mir ausgedacht,
Der wisse: Nicht aus grausamem Gemüthe,
Aus Bosheit nicht hab' ich die That vollbracht: [8950]
Nur um zu prüfen deine Mild' und Güte.
Nicht mordet' ich die Kinder, Gott behüte! –
Nein, ich erzog sie heimlich und im Stillen,
Bis ich erkannt dein Herz und deinen Willen.

Vor Schmerz und Lust sinkt, wie sie dies vernommen,
In Ohnmacht sie. Als wieder auf sie blickt,
Läßt sie die Kinder beide zu sich kommen,
Hat schmerzlich weinend sie ans Herz gedrückt
Und sie geküßt, von Zärtlichkeit durchzückt,
Und läßt der Zähren Salzflut sich entladen, [8960]
Ihr Haar und Angesicht darin zu baden.

Wie rührend war es, als ohnmächtig krank
Sie lag und sprach mit mattem, sanftem Ton:
»O Herr, Gott mag's euch lohnen! Großen Dank,
Daß ihr die theure Tochter sammt dem Sohn
Mir habt bewahrt. Nun stürb' ich ruhig schon,
Da ihr mir eure Gnad' und Huld gewährt,
Gleich viel dann, wann mein Geist von hinnen fährt.

O meine lieben Kinder, jung und zart,
Ach, eure Mutter wähnt' in ihrem Leid, [8970]
Euch hätt' ein Hund, ein Wurm von grauser Art
Gefressen; doch des Herrn Barmherzigkeit
Und eures lieben Vaters Freundlichkeit
Hat euch erhalten.« Und im Augenblick
Fiel in die Ohnmacht sie aufs neu zurück.

Und in der Ohnmacht hält mit solcher Kraft
Sie beide Kinder an der Brust umschlungen,
Daß man mit Müh' und Noth nur Hülfe schafft,
Bis man aus ihren Armen sie entrungen.
Und manche Thränen sind dabei gedrungen [8980]
Aus manchen Augen derer, die es sahn;
Sie wagten kaum vor Jammer sich zu nahn.

Walter erheitert sie in ihrem Schmerz;
Sie war zerknickt ganz, als sie sich besann;
Doch Jeder sprach ihr zu mit munterm Scherz,
Bis wieder ihre Haltung sie gewann.
So freundlich war um sie bemüht ihr Mann,
Daß eine Lust es anzusehen war,
Wie froh verkehrte das vereinte Paar.

Die Damen führten, als sie ihre Zeit [8990]
Ersehn, am Arm sie in ihr Kämmerlein.
Sie zogen ihr dort aus ihr grobes Kleid.
Ihr goldnes Prachtgewand von hellem Schein
Und eine Krone mit manch edelm Stein
Auf ihrem Haupt, so trat sie in die Halle,
Und ehrfurchtsvoll begrüßten sie dort Alle.

So sollt' in Lust der Schmerzenstag denn enden.
Denn Jeder, Mann und Weib, that seine Pflicht,
Die Zeit zu Scherz und Jubel zu verwenden,
Bis an dem Himmel schien der Sterne Licht. [9000]
Und Jeder meinte, daß so prachtvoll nicht
Noch so verschwenderisch die Feier war,
Als er zuerst sie führte zum Altar.

Es lebten beid' in hohem Glück fortan
Noch manches Jahr in Einigkeit und Frieden,
Und seiner Tochter ward ein Ehemann
Aus Welschlands ehrenwerth'sten Herrn beschieden,
Ein reicher Fürst; es weilt' in Ruh und Frieden
An Walters Hof der Vater seines Weibes,
Bis seine Seel' entflohn der Haft des Leibes. [9010]

Und später trat sein Sohn die Erbschaft an
In Fried' und Ruh nach seines Vaters Tagen,
Der ebenfalls ein gutes Weib gewann,
Mocht' er sie auch nicht so durch Prüfung plagen.
Die Welt ist nicht so stark, das muß man sagen,
Wie sie vor alten Zeiten ist gewesen.
Hört, was in meinem Buch davon zu lesen:

Die Sage lehre nicht, die Weiber sollten
Griselden folgen in Ergebenheit,
Unmöglich wäre das auch, wenn sie wollten; [9020]
Vielmehr, daß Jedermann zu seiner Zeit
Ausharren soll in Widerwärtigkeit
Gleichwie Griseldis. Drum schrieb uns zur Lehre
Petrarch im hohen Stile diese Märe.

Da einem Sterblichen sich so geduldig
Ein Weib gefügt, so sind wir doch erst recht
Dem, was uns Gott gesandt, Ergebung schuldig;
Er prüft, was er geschaffen hat, mit Recht.
Zwar er versuchet nimmer seinen Knecht,
Wie in Jacobi Brief man lesen mag, [9030]
Doch prüft er sicher Viele Tag für Tag.

Und suchet unsrer eignen Uebung wegen
Gar mannigfach uns heim mit sonderbaren
Geschicken und mit scharfen Geißelschlägen;
Nicht unsre Schwäche dadurch zu erfahren –;
Die kennt er längst, eh' wir geboren waren.
Sein Regiment ist uns zum Heil gegeben;
Drum sein wir tugendhaft und gottergeben.

Doch laßt, ihr Herrn, ein Wort euch noch verkünden:
Schwer fällt in einer ganzen Stadt es jetzt, [9040]
Zwei oder drei Griselden nur zu finden.
Denn wenn ihr sie so auf die Probe setzt,
Zeigt sich ihr Gold mit Kupfer schlimm versetzt.
Wie blank die Münze auch zum Ansehn sei,
Eh' sie sich biegt, bricht sie vielmehr entzwei.

Deswegen und dem Weib von Bath zu Liebe,
Der es sammt ihrer Sippschaft stets gelinge,
Daß sie, will's Gott, die höchste Herrschaft übe,
Erlaubt, daß lustig ich und guter Dinge
Ein muntres Lied, euch zu erheitern, singe. [9050]
Sei's mit den ernsten Sachen abgethan.
Horcht auf mein Lied jetzt; also hebt es an:

»Griseld' ist todt, und die Ergebenheit
Mit ihr im welschen Land zu Grab getragen.
Drum klag' ich öffentlich euch hier mein Leid.
Kein Ehmann darf zu kühn die Gattin plagen,
In Hoffnung, mehr Griselden noch zu finden:
Es dürfte sicher fehl sein Hoffen schlagen.

O, edle Weiber, die so klug ihr seid,
Laßt nicht die Zungen euch in Bande schlagen, [9060]
Daß nie ihr der Gelehrten Emsigkeit
Stoff gebt, von euch auch solche Wundersagen
Wie von Griseldis Demuth zu erfinden,
Nicht euch verschlinge Chichevache's Magen.

Der Echo folgt; sie schweigt zu keiner Zeit
Und weiß auf jeden Spott Antwort zu sagen.
Kommt nicht aus Unschuld in Verlegenheit,
Zum Steuerruder greift mit keckem Wagen!
Laßt diese Lehr' euch auf die Seele binden;
Sie mag euch Allen noch Gewinn eintragen. [9070]

Kernweiber, stehet immer kampfbereit;
Man sieht euch stark ja gleich Kamelen ragen.
Erduldet nicht vom Manne Herzeleid.
Ihr Schmächt'gen aber, die zu schwach zum Schlagen,
Seid wüthend, wie ein Tiger bei den Inden!
Stets klappert wie ein Mühlrad, laßt's euch sagen.

Fürchtet sie nicht, zeigt nicht Ergebenheit!
Mag auch der Hausherr einen Harnisch tragen;
Die Pfeile keifender Beredsamkeit
Durchbohren Bruststück ihm und Panzerkragen. [9080]
Auch rath' ich, ihn mit Eifersucht zu binden,
Und wie 'ne Wachtel wird geduckt er zagen.

Bist schön du, mußt du in Anwesenheit
Des Volks Gesicht und Schmuck stets offen tragen,
Und bist du häßlich, schafft Freigiebigkeit
Dem Freund am schweren Dienst für dich Behagen.
Sei flüchtig wie die Blätter an den Linden
Und laß ihn sorgen, weinen, heulen, klagen.«

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