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Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 12
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
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Des Büttels Erzählung.

Prolog.

Der Büttel stand hoch auf in seinen Bügeln.
Er konnte nicht die Wuth im Herzen zügeln
Und zitterte vor Zorn wie Espenlaub.
»Herrschaften«, rief er, »Eines mit Verlaub [7250]
Bitt' ich; ihr würdet höchlich mich verpflichten,
Wenn nach des Mönches Lug- und Truggeschichten
Ihr mir jetzt zu erzählen auch vergönnt.
Der Frater prahlt, daß er die Hölle kennt;
Darin, weiß Gott, dürft ihr kein Wunder sehn,
Da Fratres sich und Teufel nahe stehn.
Denn traun, ihr hörtet oft erzählen schon,
Wie einst im Geist, in einer Vision,
Ein Frater in die Hölle fuhr hinab;
Wie ihn ein Engel führte auf und ab [7260]
Und zeigt' ihm all die Qualen an dem Ort;
Doch sah er nirgend einen Frater dort,
Da er doch andres Volk die Menge sah;
Und zu dem Engel sprach der Frater da:
»Nun, Herr, stehn denn die Fratres so in Gnaden,
Daß ihrer keiner wird hieher geladen?«

»O«, sprach der Engel, »manche Million!«
Drauf führt' er ihn hinab zu Satans Thron.
Nun hat solch breiten Schweif der Satanas
Gleichwie das Segel einer Gallias. [7270]
»Du, Satan, heb den Schwanz 'mal in die Höhe!
Zeig' deinen Steiß, damit der Frater sehe,
Wo hier das Nest für die Herrn Fratres sei.
Und ehe fünf Minuten noch vorbei,
Flog, wie aus seinem Korb ein Bienenschwarm
Ein Haufe Fratres aus des Teufels Darm,
An zwanzigtausend mit Gesumm und Lärmen.
Man sah sie ringsum durch die Hölle schwärmen,
Dann kehrten sie zurück in aller Eil
Und krochen in des Satans Hintertheil. [7280]
Der klappt den Schweif zu und liegt still sofort.
Und als der Frater an dem Schmerzensort
Und aller seiner Qual sich satt gesehn,
Ließ Gottes Gnade seine Seele gehn
Zurück in seinen Leib – und er erwachte,
Wiewohl die Furcht ihm stets noch Zittern machte.
So schwer lag ihm des Teufels Steiß im Sinn,
Der da sein Erbtheil ist von Anbeginn.

Gott segn' euch Alle, nur den Frater nicht;
Der sei verdammt! Hier schließt mein Vorbericht.« [7290]

Die Erzählung des Büttels.

Herrschaften, wenn mir recht ist, liegt im Land
Von York ein Marschgrund, Holderneß genannt.
Da zog ein Bettelmönch die Kreuz und Quer
Und predigte und pracherte beiher.
Und so geschah's, daß er auf dieser Fahrt
In einer Kirche sprach in seiner Art.
Der Zweck der Predigt war vor allen Dingen,
Den Leuten Tagesmessen aufzudringen.
»Sie sollten Geld um Gottes willen spenden,
Um es zu heil'gen Bauten zu verwenden, [7300]
In denen Gott in Wahrheit wird verehrt;
Nicht wo es nur verpraßt wird und verzehrt;
Nicht wo es nutzlos ist, es hinzugeben
An die, so Gott sei Dank im Wohlstand leben
Und Ueberfluß – die Herrn in den Abtein.
Denn Tagesmessen nehmen jede Pein
Den Seelen ab, den alten wie den jungen,
Besonders, werden sie recht schnell gesungen;
Nicht daß man ein Plaisir davon sich schaffe:
Nur eine täglich singt euch solch ein Pfaffe. [7310]
Befreit die Seelen! Laßt sie nicht zerbeißen
Von Eulen! Nicht mit Zangen sie zerreißen!
Ach, das thut weh! Nicht brennen und nicht braten!
Um Christi willen, laßt euch Eile rathen!«

Als seine Meinung also er gesprochen,
Ist er mit: » Qui cum patre –« aufgebrochen,
Hat noch von Jedem seine Gab' empfangen
Und ist dann unverweilt davongegangen,
Hoch aufgeschürzt, mit Krückstab und mit Ranzen.
Dann hub er an zu betteln und zu schranzen [7320]
Von Haus zu Haus um Käse, Mehl und Korn.
Sein Kamrad trug 'nen Stock, besetzt mit Horn
Und ein paar Täfelchen von Elfenbein
Nebst einem Griffel, hell polirt und fein,
Und schrieb, so wie er dastand, alle Namen
Der Leute nieder, die mit Spenden kamen,
Damit er ihrer im Gebet gedenke.

»Gebt Weizen, Roggen, Malz uns zum Geschenke,
Ein Herrgottsküchlein, einen Käseschnitt!
Gebt, was ihr wollt; wir nehmen Alles mit. [7330]
'nen Messepfennig oder Gottesheller,
Auch etwas Pökelfleisch aus euerm Keller;
Ein Zipfelchen von Leinen, liebe Damen! –
Frau Schwester, seht, ich schreib' hier euern Namen –
Rindfleisch und Speck und was dergleichen mehr.«

Ein tücht'ger Kerl ging hinter ihnen her,
Der Knecht von ihrem Wirth, der huckeback
Was Jeder gab, forttrug in seinem Sack.
Doch war der Frater wieder aus dem Haus,
So strich alsbald er jeden Namen aus, [7340]
Den in die Tafeln er zuvor geschrieben.
Und Schnickschnack hatt' er nur und Spott getrieben.«

»Das lügst du, Büttel!« schrie der Frater drein.
»Bei Christi Mutter!« sprach der Wirth, »laßt sein!
Und du genir' dich nicht und fahre fort!«
»Das will ich«, sprach der Büttel, »auf mein Wort!
So ging er denn von Haus zu Haus, bis er
An eines kam, wo er gewöhnlich mehr
Erquickt ward als an hundert andern Stätten.
Krank war der Hausherr just und lag, in Betten [7350]
Gepackt, auf seinem Lager, matt und schwach.

»O, Deus hic! – Freund Thomas, guten Tag!«
So sprach der Mönch, fein still und sänftiglich.
»Thomas, vergelt's euch Gott, wie oft hab' ich
Gemächlich nicht auf dieser Bank gesessen
Und manches frohe Mahl mit euch gegessen!«
– Und jagte von der Bank die Katze fort
Und legte Hut und Stock an ihren Ort
Sammt seinem Sack – und setzte sich daneben.
Sein Kamrad hatte sich zur Stadt begeben [7360]
Und mit dem Knecht zum Wirthshaus aufgemacht,
Wo er Herberge suchte für die Nacht.

»O, lieber Meister«, sprach der kranke Mann,
»Wie ist's gegangen, seit der März begann?
Ich sah euch vierzehn Tage nicht und mehr.«

»Gott weiß«, sprach er, »ich hatt' es ziemlich schwer,
Besonders hab' ich für dein Heil gefleht;
Ich sprach für dich manch köstliches Gebet;
Hab' auch die andern Freunde nicht vergessen.
Ich war in eurer Kirche heut zur Messen. [7370]
Die Predigt war nach simpelm Hausverstand,
Nicht ganz wie in dem heil'gen Text es stand –
Der, mein' ich, ist für euch schwer zu verstehn.
Drum pfleg' ich nach der Glosse stets zu gehn.
Glossiren ist ein Ding von höchstem Werthe.
Der Buchstab tödtet – sagen wir Gelehrte.
Drum lehrt' ich sie, daß Wohlthun ganz nothwendig,
Doch nicht an jedem Orte gleich verständig.
Dort sah ich eure Frau auch – ah, wo ist sie?«

»Ich glaub' im Hof; doch muß in kurzer Frist sie [7380]
Zurück ins Zimmer kommen«, sprach der Mann.

»Ei, Meister«, rief das Weib, »bei St. Johann
Seid schön willkommen! sagt uns, wie ihr lebt.«
Worauf der Frater höflich sich erhebt,
Sie in die Arme preßt, 'nen süßen Schmatz
Ihr giebt und mit den Lippen wie ein Spatz
Zwitschert: »Madam, sehr gut, wie's Jedem geht,
Der ganz als Knecht in euerm Dienste steht.
Dankt Gott, der euch gegeben Seel' und Leib;
Doch sah ich heute kein so schönes Weib [7390]
Rings in der Kirch' umher wie euch; bei Gott!«

»O beßre Gott, was fehlt – und euern Spott.
Doch glaubt mir, daß ihr uns willkommen seid.«

» Mercy, Madame! – So fand ich's jeder Zeit;
Doch bitt' ich sehr, ihr wollt so freundlich sein,
Wie ihr ja immer seid, und mir verzeihn,
Sprech' ich mit Thomas einen Augenblick.
Den Pfarrern fehlt es gänzlich an Geschick
Und Sinn, zart zu betasten ein Gewissen.
Der Beicht' und Predigt bin ich stets beflissen [7400]
Auf's eifrigste. Nach Pauls und Peters Worten
Fisch' ich mir Christenseelen aller Orten,
Um dem Herrn Jesus seinen Zins zu geben.
Sein Wort zu lehren ist mein ganz Bestreben.«

»Nun, theurer Herr, bei Gott, dann bitt' ich fein,
Tränkt ihm doch recht die Christenliebe ein.
Kribblich, wie eine Ameis' ist mein Mann,
Da er doch hat, was er sich wünschen kann.
Ich deck' ihn zu bei Nacht und halt' ihn warm
Und schling' um ihn mein Bein und meinen Arm. [7410]
Doch grunzt er nur wie unser Kämp' im Stalle.
Und da ich sonst in gar nichts ihm gefalle,
So ist das immer noch mein einz'ger Spaß.«

»O Thomas, jeo vous dis, Thomas, Thomas!
Das thut der Teufel, das muß anders werden.
Zorn ist ein Ding, das Gott verbeut auf Erden.
Vernehmt davon ein und das andre Wort!«

»Doch sagt, Herr«, sprach die Frau, »bevor ich fort,
Was wollt ihr essen? Ich besorg' es jetzt.«

»Nun – jeo vous dis, sans doute, Madame«, versetzt [7420]
Der Mönch – »o, hab' ich nur Kapaunenleber
Und den gebratnen Kopf von einem Eber
– Für mich zwar wünsch' ich keinem Thier den Tod –
Dazu ein Stück von euerm weißen Brod,
So reicht die Hauskost völlig für mich hin,
Da ich mit Wenigem zufrieden bin.
Mein Geist nimmt seine Nahrung aus der Bibel;
Dann ist mein Leib so wachsam und penibel
Im Dienst, daß die Verdauung sehr gelitten.
Madam, ich muß euch um Verzeihung bitten, [7430]
Laß ich so tief euch in mein Innres schaun.
Weiß Gott, nur Wen'gen schenk' ich das Vertraun.«

Sie sprach: »Noch Eins, Herr, muß ich euch doch sagen.
Mein Kind starb in den letzten vierzehn Tagen,
Ganz kurz darauf, als aus der Stadt ihr wart.«

»Das ward durch ein Gesicht mir offenbart«,
Versetzt der Mönch – »im Dormitorium!
Nicht eine halbe Stunde war herum
Nach seinem Tod, da sah zum Himmel schon
Ich ihn erhöht (bei Gott!) in der Vision. [7440]
Der Küster auch und Spittler nahm es wahr,
Die treu als Brüder dienen funfzig Jahr
Und wenn ihr Jubelfest durch Gottes Gnade
Sie feiern, frei gehn können ihre Pfade.
Auf stand ich; auf stand mit mir Jedermann,
Und manche Thrän' aus unsern Augen rann.
Und ohne Lärm und ohne Glockenklingen
Begannen das Te Deum wir zu singen;
Sonst nichts; nur daß zu Christus im Gebete
Ich für die Offenbarung dankend flehte. [7450]
Denn meine Lieben, glaubt mit Sicherheit,
Wir beten mit viel größrer Wirksamkeit
Und dringen mehr in Christi Wunder ein
Als Laien, mögen sie auch Kön'ge sein.
Wir üben uns in Armuth und Entbehren,
Da sie in Ueppigkeit ihr Gut verzehren
Mit Speis' und Trank und jedem bösen Trachten.
Die Lust der Welt ist's, welche wir verachten.
Verschiedner Lohn ward für verschiednes Leben
Dem Reichen Mann und Lazarus gegeben. [7460]
Wer beten will, muß keusch und nüchtern sein,
Die Seele mästen und den Leib kastein.
Wir thun, wie der Apostel sagt: Wir kleiden
Und nähren uns und halten Maß in beiden.
Um unsers Fastens, unsrer Keuschheit willen
Pflegt Christus unsre Bitten zu erfüllen.
Moses hat vierzig Tage – Tag und Nacht –
Gefastet, ehe Gott in seiner Macht
Auf dem Berg Sinai mit ihm gesprochen.
Von langem Fasten hohl, die Kraft gebrochen, [7470]
Empfing er das Gesetz, das Gottes Hand
Ihm schrieb. Elias auch, wie euch bekannt,
Hat lang gefastet und sich selbst betrachtet,
Bis er des Zwiegesprächs ist werth geachtet
Mit Gott, dem Arzt, der unser Leben heilt.

Auch Aaron, dem die Obhut war ertheilt
Des Tempels, sammt den andern Priestern allen,
So oft sie sollten zu dem Tempel wallen,
Gebet und Gottesdienst dort zu verwalten,
Haben sie stets zu trinken sich enthalten [7480]
Von solchem Trank, der könnte trunken machen.
Enthaltsam wollten beten sie und wachen,
Daß sie nicht stürben. Merkt's – vergeßt es nicht
Wer sein Gebet fürs Volk nicht nüchtern spricht –
Merkt auf mein Wort – nichts mehr; genug damit.
Die heil'ge Schrift lehrt: der Herr Jesus schritt
Mit Fasten und Gebeten uns voran.
Wir dummen Bettler schließen uns ihm an.
Wir sind vermählt mit Armuth, Nüchternheit,
Mit Milde, Demuth und Enthaltsamkeit, [7490]
Mit der Verfolgung für rechtschaffnes Handeln,
Mit Thränen, Mitleid und mit keuschem Wandeln.
Drum werden wir auch mit Gebet und Liedern
(Ich rede von uns Bettlern, von uns Brüdern)
Bei Gott im Himmel angenehmer sein
Als ihr am Tisch mit euern Schmauserein.

Ich lüge nicht, um Völlerei verwies
Gott schon den Menschen aus dem Paradies.
Keusch war der Mensch bis dahin ohne Frage.
Nun aber höre, Thomas, was ich sage. [7500]
Zwar kann ich keinen Text darüber finden,
Doch läßt es durch Glossirung sich begründen,
Daß Jesus unser Herr im Speciellen
Die Fratres meint an allen jenen Stellen,
Wo selig er die geistlich Armen preist.
Wie denn das Evangelium leicht beweist,
Ob mehr zu unserm Stand die Worte passen
Oder für Die, so im Besitzthum prassen.
Pfui, über ihre Wollust, Schlemmerei
Und ihren Prunk! Ich speie aus dabei! [7510]
Sie scheinen ähnlich mir dem Jovinian,
Fett wie ein Walfisch, wackelnd wie ein Schwan.
Wie eine Flasch' im Keller voll und toll
Und ihr Gebet wie äußerst würdevoll,
Wenn in dem Meßgesang, beim Psalm des David
Sie sagen: »Buff! Cor meum eructavit

Wer folget Christi Wort so treu gesinnt
Wie wir, die keusch, arm und demüthig sind,
Die Gottes Wort durch That, nicht mit dem Ohr
Bezeugen? Wie der Falke steigt empor [7520]
Grad in die Luft, so auch die frommen Lieder
Der keuschen, liebevollen, thät'gen Brüder.
Stracks dringt in Gottes Ohren unser Flehn.
O Thomas! Ja, ich will nicht stehn und gehn,
Beim heil'gen Ivo geb' ich dir mein Wort:
Wärst du nicht unser Freund, du kämst nicht fort!
Wir beten im Kapitel Tag und Nacht,
Daß Christ dir Heilung send' und Kraft und Macht,
Um deinen Körper wieder flink zu rühren.«

»Weiß Gott«, sprach er, »ich kann davon nichts spüren. [7530]
In wenig Jahren (stehe Christ mir bei!)
Hab' ich manch Pfund an Fratres mancherlei
Geschenkt; doch geht es drum nicht besser jetzt.
Fast all mein Gut hab' ich daran gesetzt.
Fort ist mein ganz Vermögen; gute Nacht!«

Der Frater sprach: »O, habt ihr's so gemacht?
Wer wird sich an verschiedne Fratres wenden?
Wird Einer wohl nach andern Aerzten senden,
Wenn ein vollkommner Arzt ihm schon zur Hand?
Dein ganz Verderben ist dein Unbestand. [7540]
Glaubst du denn, ich und unser Gotteshaus,
Wir reichten zum Gebet für dich nicht aus?
Thomas, der Spaß ist keinen Dreier werth.
Ihr krankt, weil ihr zu wenig uns beschert.
Ein Malter Hafer diesem Kloster heut
Und morgen jenem vier und zwanzig Deut,
Dem Mönch 'nen Pfennig und »Glück auf die Reise!«
Nein, Thomas, das ist nicht die rechte Weise.
Theil' einen Heller in zwölf Theile ein;
Was gilt er? Jeglich Ding hat im Verein [7550]
Mit sich mehr Kraft, als schlägt man es in Splitter.
Thomas, ich schmeichle nicht, klingt dir's auch bitter:
Du hättest gern umsonst all unsre Plagen.
Von Gott, dem Weltenschöpfer, laß dir's sagen,
Daß jede Arbeit ihres Lohnes werth.
Thomas, ich habe nichts für mich begehrt
Aus euerm Schatz; nur weil stets mit Gebet
Für euch das ganze Kloster eifrig fleht;
Und dann, um Christi Kirche aufzubaun.
Wollt ihr nach guten Werken um euch schaun, [7560]
In Thomas Indus' Leben könnt ihr's finden,
Wie sehr es nütze, Gotteshäuser gründen.

Du liegst hier ganz voll Aerger und voll Wuth,
Womit der Teufel setzt dein Herz in Glut,
Und schiltst die Heil'ge aus, die nichts verschuldet,
Dein Weib, die stets so freundlich ist und duldet.
Drum, Thomas, sei vernünftig, glaube mir,
Das Beste ist, du zankst nicht mehr mit ihr.
Bei Gott, du solltest stets im Herzen tragen,
Was uns des Weisen Sprüche davon sagen: [7570]

»Du sollst in deinem Haus als Leu nicht wandeln,
Nicht deine Untergebnen hart behandeln,
Noch deine eignen Freunde von dir treiben!«
Auch das noch muß ich in das Herz euch schreiben,
Daß ihr den Jähzorn nicht im Busen weckt,
Die Schlange, die im Grase schlau versteckt
Heranschleicht und mit feinem Stachel sticht.
Gieb mir Gehör, mein Sohn, vergiß es nicht.
Wohl zwanzig tausend Männern ward der Zank
Mit Liebchen oder Frau zum Untergang. [7580]
Euch ward solch sanftes, heil'ges Weib bereitet:
Was soll's doch, Thomas, daß ihr mit ihr streitet?
Wahrhaftig, keine Schlange ist so schlimm,
Tritt man sie auf den Schweif, noch halb so grimm,
Als eine Frau, wenn sie in Wuth geräth,
Weil all ihr Sinnen dann nach Rache steht.

Zorn ist ein Laster, eins der sieben großen,
Von Gott dem Herrn verabscheut und verstoßen,
Dem Menschen selbst verderblich offenbar.
Das weiß der schlechtste Pfarrer und Vikar, [7590]
Daß Zorn den Mord gebracht hat in die Welt.
Zorn ist dem Stolz als Waibel zugesellt.
Wollt' ich euch sagen von den vielen Sorgen,
Die Zorn erzeugt, es dauerte bis morgen.
Und darum bitt' ich Gott bei Tag und Nacht,
Daß er dem Zorn'gen gebe wenig Macht.
Sehr traurig ist's und schädlich für das Land,
Ist ein Jähzorniger von hohem Stand.

Es war einmal, wie Seneca erzählt,
Ein zorn'ger Mann zur Obrigkeit erwählt, [7600]
Der eines Tags zwei Ritter ausgesandt.
Und wie es nun der Zufall so gewandt:
Der eine kam nach Haus, der andre nicht.
Man führt den Ritter gleich vor sein Gericht.
Er sprach: »Von deiner Hand fiel dein Geselle.
Dafür trifft dich der sichre Tod zur Stelle.«
Drauf einem andern Ritter er gebot:
»Geh', ich befehl' es dir; führ' ihn zum Tod.«
Da kam, als grade sie des Weges gingen,
Den Ritter zu dem Richtplatz hinzubringen, [7610]
Der Todtgeglaubte auf demselben Pfad.
Nun hielten sie es für den besten Rath,
Sie beide vor den Richter gleich zu stellen.
Sie sprachen: »Herr, er hat nicht den Gesellen
Erschlagen. Sieh', er steht lebendig hier.«
»So wahr ich lebe«, rief er, »sterbet ihr –
Als erster du – dann du, und du als dritter.«
Dann sprach er also zu dem ersten Ritter:
»Dich hab' ich schon verurtheilt; du mußt sterben;
Und deinen Kopf auch weih' ich dem Verderben, [7620]
Denn du bist schuld an des Gesellen Tod.«
Zum dritten sprach er: »Du hast das Gebot
Nicht ausgeführt, das ich dir aufgetragen.«
Und also ließ er alle drei erschlagen.

Cambyses war dem Jähzorn und daneben
Der Trunksucht und der Zänkerei ergeben.
Nun hatt' er einen Herren im Geleit,
Der hielt auf Tugend und auf Sittlichkeit
Und hatt' ihn im Vertrauen einst gewarnt:
»Verloren ist ein Fürst, den Sünd' umgarnt, [7630]
Und von der Trunksucht haftet Jedermann,
Zumal dem Fürsten, ekler Leumund an.
Es lauscht auf eines Fürsten Thun versteckt
Manch Ohr und Auge, das er nie entdeckt.
Trink mäßiger, um Gott, ich bitte dich.
Es bringt der Wein den Menschen jämmerlich
Um die Vernunft und aller Glieder Halt.«

Er sprach: »Es soll das Gegentheil alsbald
Dir klar durch deine eignen Augen werden.
Der Wein erzeugt nicht solcherlei Beschwerden. [7640]
Der Wein raubt mir die Kraft der Hände nicht
Noch meiner Füße, noch auch mein Gesicht.«
Und ihm zum Hohn trank er um Vieles mehr
Wohl hundertmal als er gewohnt vorher.
Und in verruchtem Jähzorn rief den Sohn
Des Ritters er sogleich vor seinen Thron.
Er ließ ihn vor sich stehn, und als er stand,
Nahm plötzlich seinen Bogen er zur Hand.
Er zog den Strang zum Ohr, nahm fest sein Ziel,
Daß todt das Kind, durchbohrt, zu Boden fiel. [7650]
»Nun«, sprach er, »ist nicht sicher meine Hand?
Ist meine Kraft dahin und mein Verstand?
Nahm mir der Wein die Schärfe des Gesichts?«
Des Ritters Antwort? – Nun die nützt zu nichts.
Sein Sohn war einmal todt und mußt' es bleiben.
Drum hütet euch, mit Fürsten Scherz zu treiben.
Gleich singe nur Placebo, wer da kann,
Er spräche denn mit einem armen Mann.
Dem Armen sollst du seine Sünden nennen,
Dem Herrn nicht, – müßt' er gleich zur Hölle rennen. [7660]

Sieh', wie den Perser Cyrus so bethörte
Der Zorn, daß er den Gyndes-Fluß zerstörte,
Weil ihm in dessen Flut ertrank ein Roß,
Da er gen Babel zog mit seinem Troß.
Er ließ ihn in so flache Betten leiten:
Es konnt' ein Weib ihn überall durchschreiten.
Was sagt Er, der so trefflich lehren kann?
Geselle nie dich einem zorn'gen Mann.
Nimm ihn auf deinem Pfad nicht zum Begleiter;
Es reut dich sonst; ich sage dir nichts weiter. [7670]

Mein Bruder, willst den Zorn du überwinden,
Laß ich mich wie ein Schiedsmann billig finden.
Halt' dir des Teufels Messer nicht ans Herz;
Dein Aerger macht dir allzu bittern Schmerz.
Vertrau mir alle deine Skrupel an.«

»Nein, bei St. Simon«, sprach der kranke Mann,
»Ich beichtete erst heute dem Vikar,
Dem macht' ich all mein Innres offenbar.
Er sagt, fortan könnt' ich davon nun schweigen,
Wollt' ich nicht just selbst meine Demuth zeigen.« [7680]

»So gebt mir Gold, das Kloster aufzubaun!
Wir konnten Muscheln nur und Austern kaun,
Derweil manch Andrer lebt' in Saus und Braus.
Wir darbten wegen unsers Klosterbaus.
Und doch ist fertig kaum das Fundament,
Und ob uns wer zum Pflaster Ziegel brennt,
Weiß Gott. Noch ist in unserm Hofe keine.
Bei Gott, wir schulden vierzig Pfund für Steine.
Um Christi Höllenfahrt steh du uns bei,
Sonst wird versilbert unsre Bücherei; [7690]
Und wenn ihr unsre Predigten entbehrt,
So wird das Weltall um und um gekehrt.
Denn würden wir aus dieser Welt geraubt,
So wahr Gott lebt, Thomas, wenn ihr erlaubt,
So raubte man die Sonne dieser Welt.
Wer ist gleich uns auf Lehr' und Werk gestellt?
Und das ist nicht seit Kurzem erst gewesen.
Nein, Gott sei Dank, ich hab' es selbst gelesen,
Daß zu Elias' und Elisa's Zeit
Es Fratres gab in der Barmherzigkeit. [7700]
Beim heiligen Erbarmen, hilf auch du!«
Und auf die Kniee warf er sich dazu.

Der kranke Mann ward beinah toll vor Wuth.
Er wünscht den Frater in die Höllenglut
Mit seinen gleißnerischen Gaukelein.
Er sprach: »Ich geb' ein Ding, das jetzt noch mein,
Nur euch und keinem Andern zum Gewinn.
Ihr sagt mir, daß ich euer Bruder bin? –«
»Ja«, sprach der Frater, »ja, ihr könnt drauf baun,
Ich ließ Madam ja Brief und Siegel schaun.« [7710]

»Nun wohl«, sprach er, »ich will bei meinem Leben
Auch etwas euerm heil'gen Kloster geben.
Ich leg' es in die Hand dir auf der Stelle,
Wobei jedoch ich die Bedingung stelle,
Mein Bruder, nicht die Theilung zu vergessen,
Und jedem Bruder gleich viel zuzumessen.
Das schwöre mir bei deinem Ordenseid,
Doch ohne Arglist und Spitzfindigkeit.«

Der Frater sprach: »Ich schwör's, beim Glauben mein!«
Und damit gab er seinen Handschlag drein. [7720]
»Hier ist mein Eid, ich will das Meine thun.«

»Fahr mit der Hand an meinem Rücken nun
Hinab, tief unters Kreuz«, versetzt der Mann,
»Und taste wohl herum; du findest dann
Ein Ding, wofür ich den Versteck ersehn.«

»Ah«, denkt der Frater, »das soll mit mir gehn« –
Und läßt die Hand hinab die Kerbe streifen,
In Hoffnung, das Geschenk dort zu ergreifen.
Und als des Fraters Hand der Kranke fühlte,
Wie hin und her sie am Fagot ihm wühlte, [7730]
Da ... er ihm recht mitten in die Hand,
So laut: kein Karrengaul im ganzen Land
Ließ jemals einen ... mit solchem Krach.
Wild wie ein Löwe fuhr der Frater jach
Empor. »Du falscher Schuft«, rief er, »bei Gott,
Mit Absicht thatst du das und mir zum Spott.
Den ... bezahlst du mir; verlaß dich drauf!«

Und bei dem Lärmen springt ein Dienerhauf
Herein und wirft zum Haus hinaus den Wicht.

Der zog des Wegs mit wüthendem Gesicht, [7740]
Holt' aus dem Wirthshaus den Gesellen sein
Und sah so grimm aus wie ein wildes Schwein.
Und mit den Zähnen knirschend eilt' im Trab
Er trotzig zu dem Edelhof hinab,
Woselbst ein Mann von Ansehn residirte,
Bei dem der Mönch als Beichtiger fungirte.
Der würd'ge Mann war Herr an diesem Ort.
Der Frater wie besessen stürzt sofort
Zur Halle, wo der Gutsherr saß beim Schmaus.
Anfangs bekommt der Mönch kein Wort heraus, [7750]
Doch sagt er: »Segn' euch Gott!« zu guter Letzt.

»Erbarmt euch! Was für eine Welt!« versetzt
Der Gutsherr, der ihn staunend angeblickt.
»Was, Bruder John, euch ist etwas mißglückt!
Ihr seht ja aus, als wären Dieb' im Wald.
Setzt euch, erzählt mir, was euch quält; alsbald
Will ich es bessern, wenn ich es vermag.«

»Mich hat ein Hohn betroffen heut am Tag
In euerm Dorf, vergelt's euch Gott – so schlecht
Ist in der Welt nicht der gemeinste Knecht, [7760]
Daß vor dem Schimpf er sich nicht kreuzt und segnet,
Der heut in eurer Stadt mir ist begegnet.
Und doch das Kränkendste von Allem war,
Daß dieser alte Kerl mit grauem Haar
Auch unser heil'ges Kloster wollt' entehren.«

»Ei, Meister«, sprach der Gutsherr, »laßt doch hören.« –

»Nicht Meister, Herr, nur Diener, in der That,
Wiewohl auf Schulen ich erwarb den Grad.
Gott will nicht, daß wir uns auf Markt und Straßen
Noch in der Halle Rabbi nennen lassen.« – [7770]
»Thut nichts! Doch sagt mir Alles, was euch kränkt.«
»Ein schmählich Mißgeschick ward heut verhängt«,
Versetzt' er, ȟber mich und meinen Orden:
So ist per consequens geschändet worden
Die ganze heil'ge Kirche – beßr' es Christ!« –

»Ihr wißt ja sonst stets, wie zu handeln ist;
Ihr solltet, Herr, so aufgebracht nicht werden
Vor euerm Beichtkind – ihr, das Salz der Erden.
Drum habt Geduld und sagt mir, was euch fehlt,
Um Gottes willen.«

Und der Mönch erzählt [7780]
Alles, was ihr gehört. Ihr wißt schon, was.
Die Frau des Hauses, die ganz stille saß,
Bis sie vernommen was der Mönch gesagt,
Ruft jetzt: »O Mutter Gottes, sel'ge Magd,
Und ist das Alles? Sagt mir ohne Spaß!«

»Nun, gnäd'ge Frau«, sprach er, »wie dünkt euch das?«

»Wie mich es dünkt, Gott soll mir gnädig sein,
Er that wie ein gemeiner Kerl – gemein.
Ich sage nur, Gott geb' ihm böse Zeit!
Sein kranker Kopf steckt voller Eitelkeit. [7790]
Ich denk', es muß im Hirn ihm etwas fehlen.«

»Bei Gott, Madam, ich will euch nicht verhehlen,
Ich möchte mich an ihm doch anders rächen.
Ich werde allerwärts schlecht von ihm sprechen.
Der falsche Lästrer! Wie verlangt er nur,
Ich sollt' ein Ding, untheilbar von Natur,
Gleichmäßig theilen? – Treff' ihn böse Schickung!«

Der Lord saß stille da wie in Verzückung
Und wog im Herzen auf und nieder, wie
Der Bauer so begabt mit Phantasie, [7800]
Um solch Problem dem Frater aufzugeben:
»So was hört' ich noch nie in meinem Leben!
Der Teufel, glaub' ich, gab ihm ein die Frage.
Man wird sie nirgend bis zu diesem Tage
In der Arithmetik behandelt finden.
Wie sollte man wohl den Beweis begründen,
Daß gleichen Antheil jeder seines Orts
An Schall und Duft empfängt von einem ...?
Hol' ihn die Pest! Ein naseweiser Gauch!
Sagt Herren«, sprach der Lord, »zum Kukuk auch, [7810]
Wer hat bis jetzt wohl so etwas vernommen?
Jedem ein gleiches Theil? Wie soll das kommen?
Das ist unmöglich! Nein, es kann nicht sein.
Der tolle Kerl! Da schlag der Herrgott drein!
Das ...-Gepolter, so wie jeder Schall
Ist nichts als in der Luft ein Widerhall
Und nimmt stets sacht ab, um zuletzt zu schwinden.
Bei meiner Treu, kein Mensch kann sicher finden,
Ob eine solche Theilung auch genau.
Nun seht den Kerl mir! Seht mir, wie er schlau [7820]
Meinem Herrn Beichtiger sein Wort gesagt!
Ich glaube traun, daß ihn ein Dämon plagt.
Doch nehmt und eßt, und laßt dem Kerl den Lauf,
Häng' er zum Teufel, wo er will, sich auf!«

Nun stand am Tisch als Truchseß bei dem Lord
Sein Edelknecht. Der hörte Wort für Wort
Von Allem, was euch sagte mein Bericht.
»Herr«, sprach er, »nehmt es mir für ungut nicht,
Erhielt ich ein Stück Zeug zum Oberkleid,
So sagt' ich euch, wenn ihr nicht böse seid, [7830]
Herr Frater, wie den ... zu gleichen Theilen
Ihr unter euer Kloster könnt vertheilen.«

»Sprich«, sagt der Herr, »und du erhältst zum Lohn
Sogleich das Zeug, bei Gott und bei St. John.«

»Herr«, sprach er, »wenn schön Wetter ist, der Wind
Nicht bläst und still die Lüfte sind,
Dann schafft hier in die Hall' ein Wagenrad;
Doch sorgt, daß es noch alle Speichen hat.
Am Rade sind zwölf Speichen insgemein.
Bringt dann zwölf Ordensbrüder mir herein; [7840]
Denn dreizehn machen ein Kapitel voll,
Und der Herr Beicht'ger ehrenhalber soll
Als Haupt abschließen seines Klosters Zahl
Dann knieen alle nieder auf einmal,
Und jeder Frater wählt ein Speichenende,
Auf das er ernstlich seine Nase wende.
Der Herr Beichtvater, segne Gott ihn, habe
Die Nase dicht gelegt unter die Nabe.
Mit einem Bauche, trommeldick gespannt
Und prall sei auch der Bauerkerl zur Hand. [7850]
Der läßt dann durch die Nabe, wo die Speichen
Des Rads zusammentreffen, einen streichen.
So wird vor Augen euch, bei meinem Leben,
Der allerbündigste Beweis gegeben,
Daß ganz gleichmäßig zu den Speichenenden
Der Schall und der Gestank sich müsse wenden.
Nur euer würd'ger Herr Beichtvater hier,
Der seines ganzen Ordens Ehr' und Zier,
Erhält die Erstlingsfrucht, wie ihm gebührt.
Es ist der alte Brauch ja eingeführt, [7860]
Daß man den würdigsten zuerst bedient
Im Kloster; und gewiß, er hat's verdient.
Er hat als Pred'ger von der Kanzel heut
Uns so viel gute Lehren ausgestreut:
Ich für mein Theil gönn' ihm die erste Würze,
Den reinsten vollen Vorschmack dreier ...
Und seine Brüder stimmen sicherlich
Mir bei; so brav und heilig führt er sich.«

Lord, Lady, Alle – nur der Frater nicht –
Versicherten: »Kein Ptolemäus spricht [7870]
Und kein Euklid so gut wie Jenkin that.
Und auch der Bauer hat mit schlauem Rath
Und scharfem Witz die Worte abgemessen.
Er ist fürwahr nicht albern noch besessen.«

Jenkin erhielt den neuen Rock vom Lord.
Die Mär' ist aus; wir sind beinah am Ort.

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