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Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 11
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
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Die Erzählung des Ordensbruders.

Prolog.

Der würd'ge Bettelmönch, der edle Frater,
Sah bös und lauernd wie ein grimm'ger Kater
Stets auf den Büttel, doch hatt' ihn bis jetzt
Aus Anstand durch kein plumpes Wort verletzt. [6850]
Doch endlich thät er zu der Frau sich wenden
Und sprach: »Madam, mag Gott viel Glück euch senden!
So wahr ich leb', ihr habt da einen Streit
Berührt von höchst gelehrter Schwierigkeit.
Ihr spracht recht gut auch Manches, in der That;
Doch während wir hier reiten unsern Pfad,
Sollten wir nur mit Scherzen uns befassen
Und die Gelehrsamkeit den Pred'gern lassen,
In Gottes Namen, und der Klerisei.
Doch ist's gefällig dieser Kompanei, [6860]
So wird von mir ein Späßchen euch beschert
Von einem Büttel. Schon der Name lehrt,
Es lasse sich davon nichts Gutes sagen.
Drum bitt' ich, mich deshalb nicht anzuklagen.
Ein Büttel ist ein Kerl, der kreuz und quer
Mit Buhlerei-Mandaten rennt umher
Und Prügel kriegt, wo er sich nur läßt blicken.«

Da sprach der Wirth: »Es wird sich besser schicken
Für euern Stand, wenn ihr fein höflich seid.
Wir woll'n in der Gesellschaft keinen Streit. [6870]
Erzählt, und laßt den Büttel hier in Ruh.«
»Nein«, sprach der Büttel, »sag' er immer zu
Von mir, was ihm beliebt. Komm' ich daran.
Bei Gott, so zahl' ich jeden Deut dem Mann.
Ich sag' ihm, welche große Ehr' es sei,
Ein Bettelmönch zu sein voll Kriecherei
Und auch von mancher andern Art Verbrechen,
Davon es grade jetzt nicht lohnt zu sprechen.
Gewiß, ich will ihm seine Pflichten zeigen.«

Doch unser Wirth gebot ihm still zu schweigen, [6880]
Und zu dem Bettelmönch sprach er alsdann:
»Mein werther Herr, erzählt, ihr seid daran.«

Die Erzählung des Ordensbruders.

Es lebt' einmal in meinem Heimatland
Ein Archidiakon von hohem Stand,
Der eifrig Exekution verhängte,
Wenn Einer sich mit Buhlerei bemengte,
Streng zu Gericht saß über Kupplerei,
Verleumdung, Ehebruch und Hexerei;
Ingleichen Kirchenraub und Testamente,
Kontrakte und versäumte Sakramente, [6890]
Auch Wucher und Verkauf von Kirchenpfründen.
Am schlimmsten sucht' er heim des Lüstlings Sünden;
Der mußte singen, wurd' er abgefaßt.
Auch schlechten Zehntnern war er stets zur Last,
Da ihnen, wenn ein Pfarrer klagen kam,
Kein Geld mehr half, und knieten sie sich lahm.
Bei Stolgebühr und Zehnten half kein Dingen,
Er ließ dafür die Leute kläglich singen.
Denn eh' des Bischofs Krummstab sie erwischt,
Hatt' er sie längst in seinem Buch gefischt. [6900]
Dann gab ihm seine Jurisdiktion
Die volle Macht zu ihrer Korrektion.

Auch hatt' er einen Büttel stets zur Hand –
Kein schlaurer Bursch war in ganz Engelland –,
Der hielt verschmitzt sich eigene Spione,
Die Meldung thaten, wo die Pfändung lohne.
Er schonte ein Paar lockere Gesellen,
Die mußten ihm zwei Dutzend andre stellen.
Wird unser Büttel auch fuchswild dabei,
Verschweig' ich doch nicht seine Büberei. [6910]
Denn wir sind außer ihrem Kirchenbann;
Ihre Gerichtsbarkeit geht uns nichts an.
Auch soll's ihr Lebelang dazu nicht kommen.

»Just so sind die Bordelle ausgenommen
Von unsrer Obhut«, sprach der Büttel drein.
»Still da, mit euern ew'gen Stichelein!«
Rief unser Wirth, »und fallt ihm nicht ins Wort.
Und ihr fahrt trotz des Büttels Schreien fort
Und schont ihn nicht, mein Meister werth und lieb.«

»Der Büttel«, sprach der Mönch, »der falsche Dieb [6920]
Hatt' als Lockvögel Kuppler stets zur Hand,
Die besten Falken in ganz Engelland.
Die mußten (denn er kannte sie seit Jahren)
Ihm jegliches Geheimniß offenbaren.
Sie unterrichteten im Stillen ihn,
Und großen Vortheil konnt' er davon ziehn.
Sein Meister wußte nicht, was er gewann.
So exequirt' er, ein gemeiner Mann,
Ohne Mandat um Christi Bannfluchs willen.
Sie waren froh, die Börse ihm zu füllen, [6930]
Und gaben ihm im Bierhaus Schmauserein.
So war auch Judas' Kasse immer klein;
Just so ein Dieb wie Judas war auch er.
Sein Herr bekam die Hälfte nur, nicht mehr.
Er war (ich sag' ihm nichts zu Leid und Lieb')
Ein Büttel und ein Kuppler und ein Dieb.
Auch ließ er sich von Dirnen stets bedienen;
Die kamen heimlich denn, so oft bei ihnen
Herr Robert, Hugh und Hinz und Kunz gelegen,
Und sagten's ihm ins Ohr der Nachricht wegen. [6940]
So stimmt' er und die Dirne überein.
Dann bracht' ein fälschliches Mandat er ein,
Citirte auf's Kapitel alle beide,
Rupfte den Mann und that ihr nichts zu Leide.
Er sprach dann: »Freund, nimm's als ein Liebeszeichen;
Ich will dich aus dem schwarzen Buche streichen.
Laß dir's diesmal nicht so zu Herzen gehn,
Ich bin bereit als Freund dir beizustehn.«
Er wußte so viel Schliche beim Bestechen,
Mehr als zwei Jahre könnt' ich davon sprechen, [6950]
So sicher wittert euch kein Hühnerhund,
Ob unverwundet ist ein Wild, ob wund,
Wie er Ehbrecher, Bruder Lüderlich
Und Konkubinen hatte auf dem Strich.
Da diese ihm all seine Renten brachten,
Setzt' er daran sein Dichten und sein Trachten.

Und so geschah es denn an einem Tag,
Daß dieser Büttel auf der Lauer lag,
Um bei 'ner alten Wittwe anzusprechen.
Der Grund war falsch; sie sollt' ihn nur bestechen. [6960]
So ritt er aus und sah vor sich von weiten
Am Wald hin einen muntern Lehnsmann reiten,
Der einen Ueberrock von grünem Tuch,
Bogen und Pfeile, blank und schneidig, trug.
Mit schwarzen Fransen war besetzt sein Hut.
Der Büttel rief: »Glück zu, das trifft sich gut!«
»Willkommen, wer es gut meint!« sprach der Mann,
»Wohin des Wegs hier durch den grünen Tann?
Soll's heut noch weit gehn in die Welt hinein?«
Worauf der Büttel sagte: »Nein, o nein; [6970]
Ich denke hier ganz nahe bei nur eben
Zu reiten, eine Rente zu erheben,
Die sie an meinen Herren schulden da.«

»Aha, so bist du wohl ein Rentvoigt?« – »Ja!«
Vor purer Scham das schmutz'ge Wort zu nennen,
Wollt' er sich nicht als Büttel ihm bekennen.

» Par dieux! Als lieben Bruder grüß' ich dich;
Du bist ein Rentvoigt – sieh, das bin auch ich.
Ich bin in dieser Gegend unbekannt;
Drum reiche mir in Freundschaft deine Hand [6980]
Und laß uns Brüder sein, wenn dir's gefällt.
Ich hab' im Kasten Gold- und Silbergeld.
Wenn du in unsre Grafschaft kommen solltest,
So stünde dir zu Dienst so viel du wolltest.«
»Wahrhaftig«, sprach der Büttel, » grand merci!«
Und Hand in Hand gelobten treulich sie
Sich Brüderschaft bis an ihr Lebensziel.
Dann ritten weiter sie bei Scherz und Spiel.

Der Büttel, der so voll von schlechtem Spaß
Wie ein Neuntödter voller Würmer saß [6990]
Und immerfort nach etwas mußte fragen,
Sprach: »Willst du mir nicht deine Wohnung sagen?
Ich suche dich vielleicht einmal dort auf.«
Mit sanften Worten sprach der Lehnsmann drauf:
»Die liegt im Norden, Bruder, weit von hier.
Doch hoff' ich dich noch einst zu sehn bei mir.
Ich weise dir den Weg, eh' wir uns trennen
So gut, du wirst nicht irre gehen können.«

»Noch«, sprach der Büttel, »hab' ich eine Bitte;
Erzählet mir doch während unserm Ritte, [7000]
Da ihr ein Rentvoigt seid so gut wie ich,
Aufrichtig diesen oder jenen Schlich,
Wie wir im Dienst den meisten Vortheil machen.
Genirt euch nicht viel mit Gewissenssachen
Und sagt mir als mein Bruder, wie ihr's macht.«

»Nun, meiner Treu«, sprach Jener, »gieb denn Acht.
Ich will dir's sagen und ganz ehrlich sein.
Mein Lohn ist knapp gemessen und sehr klein.
Mein Herr ist hart und thut mit mir gefährlich,
Und dazu ist mein Dienst oft sehr beschwerlich. [7010]
Da muß ich denn wohl von Erpressung leben
Und nehme Alles, was die Leute geben.
So ernt' ich theils mit List, theils mit Gewalt
Von Jahr zu Jahr all meinen Unterhalt.
Dies, soll ich's ehrlich sagen, ist mein Brauch.«

»Recht«, sprach der Büttel, »und so mach' ich's auch.
Ich nehme Alles ungescheut, Gott weiß,
Was nicht zu schwer ist oder gar zu heiß.
Kommt in der Stille etwas in mein Haus,
Mach' ich mir keiner Art Gewissen draus. [7020]
Ohne Erpressung könnt' ich nimmer leben.
Von solchem Spaß werd' ich nicht Beichte geben.
Mich drückt nichts im Gewissen und im Magen;
Die Herrn Beichtväter mag der Teufel plagen.
Bei Gott und bei St. James, das traf sich fein,
Daß wir begegneten. Doch Bruder mein,
Sag' deinen Namen mir.« – Und plötzlich schlich
Ein Lächeln um des Lehnsmanns Züge sich.
Er sprach: »Soll ich ihn nennen dir, Geselle?
Ich bin ein Teufel, wohne in der Hölle, [7030]
Und reite hier meinem Erwerbe nach,
Zu sehen, wer mir etwas geben mag.
Was ich erwerbe, das ist mein Gewinn,
Und sieh, du reitest in demselben Sinn.
Wie du's gewinnst, du machst dir nichts daraus;
So thu' auch ich. Ich reite jetzt hinaus
Zu der Welt Ende, bis ich 'was erjagt.«

»Ha, Gott bewahr's«, sprach Jener, »was ihr sagt!
Ich dacht', ihr wärt ein Dienstmann, sicherlich;
Ihr seht ja wie ein Mensch aus, just wie ich. [7040]
So habt ihr eine eigene Gestalt
Da unten wohl, wo euer Aufenthalt?«
»O nein«, sprach der, »wir haben dorten keine;
Doch wenn wir wollen, nehmen wir uns eine.
Zum wenigsten erscheinen wir geschaffen
Für euch wie Menschen bald und bald wie Affen.
Auch kann ich wie ein Engel gehn und schweben.
Dabei ist nun kein großes Wunder eben.
Ein laus'ger Gaukler macht dir blauen Dunst
Auch vor; doch da versteh' ich baß die Kunst.« [7050]

»Und weßhalb«, sprach der Büttel, »geht ihr bald
In dieser, bald in anderer Gestalt?«
»Weil«, sagt' er, »wir in solche Form uns passen,
Die am geschicktsten ist, den Raub zu fassen.«

»Was treibt euch denn zu all der Plackerei?« –
»Ach«, sprach der Teufel, »Gründe mancherlei –
Doch jedes Ding hat seine Zeit, mein Lieber.
Der Tag ist kurz; Primzeit ist schon vorüber,
Und noch hab' ich für heute nichts gewonnen.
Erwerb zu machen bin ich jetzt gesonnen, [7060]
Und nicht dir zu erörtern diese Dinge.
Dein Witz, mein Bruder, ist doch zu geringe,
Sie zu verstehn, wollt' ich sie dir erzählen.
Doch was du fragst, warum wir uns so quälen:
Zuweilen werden wir in Gottes Hand
Als Werkzeug seines Willens wohl verwandt
Zu manchem Zweck, in mancherlei Gestalten,
Will grad er so mit den Geschöpfen schalten.
Wir haben ohne ihn in dieser Welt
Nicht Macht, wenn er sich uns entgegenstellt. [7070]
Bei Manchen pflegt er uns nur zu erlauben,
Daß wir den Leib und nicht die Seele rauben.
Hiob bezeugt's, den schwer wir ließen leiden.
Doch manchmal haben wir auch Macht an beiden,
Das heißt sowohl am Leib wie an der Seelen.
Hinwieder dürfen Manchen wir nur quälen
Am Geist und haben übrigens nicht Theil
An seinem Leib – und Alles dient zum Heil.
Denn wenn er der Versuchung widersteht,
Wird er zur ew'gen Seligkeit erhöht, [7080]
Obwohl wir nimmer darauf ausgegangen,
Ihn zu erretten, sondern ihn zu fangen.
Zuweilen dienen auch den Menschen wir.
So ging es bei dem heil'gen Dunstan mir,
So wie ich des Apostels Knecht auch war.«

»Jetzt«, sprach der Büttel, »sag mir wahr und klar,
Richtet ihr stets euch neue Körper ein
Aus frischem Stoff?« Der Teufel sagte: »Nein!
Zuweilen ist es Blendwerk; wir erheben
In todten Leibern uns zu neuem Leben [7090]
Und sprechen so vernünftig und voll Sinn
Wie Samuel einst zu der Pythierin.
Doch ob er's war, bezweifeln Manche sehr.
Eure Theologie ist nicht weit her.
Doch Eines will ich ohne Scherz dir sagen:
Du fragst mich, was wir für Gestalten tragen: –
Du kommst bald selbst dahin, mein Bruder gut,
Wo dir nicht noth mehr meine Lehre thut,
Du kannst aus eigenem Erfahrungsschatz
Dann vom Katheder besser diesen Satz [7100]
Traktiren als Virgil, eh' er begraben.
Und Dante gleichfalls. Doch jetzt laß uns traben.
Ich bliebe gern, bis es dir selbst gefällt
Mich zu verlassen, noch mit dir gesellt.«

»Nein«, sprach der Büttel drauf, »nein, nimmermehr!
Ich bin bekannt als Dienstmann weit umher.
Mit meinem Ehrenwort treib' ich nicht Spaß.
Und wärst du selbst der Teufel Satanas,
Ich halte dir mein Wort, so wie ich dir,
Mein Bruder, zugeschworen und du mir, [7110]
Als Brüder treu einander beizustehn,
Derweil wir beide dem Geschäft nachgehn.
Nimm du dein Theil, was dir die Leute geben;
Ich auch; dann können wir gemächlich leben.
Nimmt einer mehr denn als der andre ein,
So theilt er's treulich mit dem Bruder sein.«
»Gut denn«, versetzt der Teufel, »auf mein Wort.«
Und also ritten sie des Weges fort.

Und als ganz nahe sie der Stadt gekommen,
Die sich der Büttel heut zum Ziel genommen, [7120]
Sahn einen Wagen sie, mit Heu gar schwer
Beladen, und den Kärrner nebenher.
Tief war die Spur; der Wagen festgerannt.
Der Kärrner hieb und schrie wie hirnverbrannt:
»Hü ho! Hü hot! Was thun euch die Paar Steine!
Daß euch der Teufel hole, Fleisch und Beine,
Stracks wie die Mähr' euch hat zur Welt gebracht,
Da ihr nur ew'ge Plackerei mir macht.
Hol' euch der Teufel, Heu und Roß und Wagen!«

Der Büttel sprach: »Hier giebt's was zu erjagen.« [7130]
Er rückt dem Teufel wie zufäll'ger Weise
Nah' auf den Leib und raunt ins Ohr ihm leise:
»Horch, lieber Bruder, horch! Hörst du denn nicht,
Zum Sakrament, was da der Kärrner spricht?
Greif zu! Er schenkt dir ja den ganzen Brei:
Heu, Karren und die Gäuler alle drei.«
Der Teufel sprach: »O nein, da irrst du dich.
Weiß Gott, so meint er's nicht, vertrau' auf mich.
Und wenn du mir nicht glaubst, frag selber ihn.
Doch wirst du's sehn, wenn etwas wir verziehn.« [7140]

Der Kärrner haut den Gäulen über'n Rücken,
Die scharf nun ins Geschirr gehn und sich bücken.
»Hü nun! So mög' euch Christus gnädig sein
Und jeglichem Geschöpfe groß und klein.
Ein tücht'ger Ruck! mein alter braver Schimmel.
St. Louis segne dich und Gott im Himmel.
Der Karren ist wahrhaftig aus dem Loch!«

Der Teufel sprach: »Da sieh, was sagt' ich doch?
Hier, lieber Bruder, wirst du selbst gewahr,
Daß, was der Kerl sprach, nicht sein Wille war. [7150]
Ich denke drum, wir ziehen jetzt von hinnen.
An diesem Wagen ist nichts zu gewinnen.«

Als kaum sie waren aus des Städtchens Thor,
Da raunt der Büttel seinem Freund ins Ohr:
»Hier, Bruder«, sagt' er, »wohnt ein alt Besteck,
Die eh'r sich hängen ließe auf dem Fleck,
Als einen Groschen nur herauszurücken;
Doch denk' ich zwölfe heut ihr abzudrücken.
Wo nicht, wird sie auf unser Amt citirt.
Zwar weiß bei Gott ich nicht, was sie peccirt, [7160]
Doch läßt du dir nicht mein Exempel frommen,
Wirst hier zu Land du nie zu Gelde kommen.«
Der Büttel klopfte an der Wittwe Haus
Und rief: »Heraus, du alte Vettel, komm heraus!
Gelt, es logirt bei dir ein Klostermann?«

»Hilf Himmel«, sprach das Weib, »wer klopft da an?
Gott grüß' euch, Herr, was wünschen euer Gnaden?«
»Ich hab' hier einen Schein, dich vorzuladen.
Der Bann steht drauf, verfügst du morgen nicht
Dich ins Archidiakonats-Gericht, [7170]
Wo über Ein'ges du zu fragen bist.«

»So wahr mein Herr und Heiland Jesus Christ
Mir helfe – das ist keine Möglichkeit.
Ich bin ja krank, und schon geraume Zeit,
Und kann so weit nicht fahren, gehn noch reiten;
Ich stürbe dran, so sticht's mir in der Seiten.
Darf ich nicht bitten, daß man's schriftlich fasse,
Damit ich's meinem Anwalt überlasse,
Auf die Beschuld'gung für mich einzustehn?«

»Hm!« sprach der Büttel, »freilich; doch laß sehn, [7180]
Zahlt mir zwölf Groschen; dann laß ich euch frei.
Klein ist für mich nur der Profit dabei;
Der Hauptgewinn fällt meinem Herrn zu Theil.
Doch macht und laßt mich ziehn; ich habe Eil.
Zwölf Groschen her! ich kann nicht mehr verziehen!«

»Zwölf Groschen! Bei der heil'gen Frau Marien,
Mag sie mich so von Sünd' und Noth befrein! –
Würde die weite Welt dafür auch mein,
Ich wüßte nicht, woher zwölf Groschen nehmen.
Ich bin ja arm und alt. Ihr sollt euch schämen [7190]
Und doch mir armen Wurm Erbarmen zeigen.«

Er sprach: »Dem Teufel geb' ich mich zu eigen,
Verzeih' ich dir, und ging' es dir ans Leben.« –
»Ach, ich bin schuldlos! Gott kann Zeugniß geben.« –
»Gieb Geld!« rief er, »sonst, bei der heil'gen Anne,
Nehm' ich sogleich dir diese neue Pfanne
Für eine alte Schuld von jener Nacht
Als du zum Hahnrei deinen Mann gemacht.
Dein Bußgeld zahlt' ich da für dich zu Haus.«
»Du lügst, bei meinem Heile!« rief sie aus. [7200]
»Als Wittwe oder Weib – kein einzigmal
Bin ich citirt vor euer Tribunal,
Bin keusch gewesen auch, so lang' ich lebe.
Dem rauhen schwarzen Teufel übergebe
Ich meine Pfann' und deinen schnöden Leib.«

Und als der Teufel hört, wie so das Weib
Auf ihren Knieen flucht, spricht er zu ihr:
»Nun, liebe Mutter Marcibill, sagt mir,
Ist das in vollem Ernst von euch gemeint?« –
»Nehm' ihn lebend'gen Leibs der böse Feind [7210]
– Wenn's ihn nicht reut – mit sammt der Pfanne hin.« –
»Nein, altes Pferd, das kommt mir nicht in Sinn«,
Versetzt der Büttel, »daß ich Reue spürte
Um irgend etwas, das ich dir entführte,
Und wär's dein Herd auch und dein ganzer Kram.«
»Nun«, sprach der Teufel, »Freund, sei mir nicht gram,
Dein Leib sammt dieser Pfanne sind mein eigen,
Heut Nacht wirst du mit mir zur Hölle steigen.
Dort lernst du mehr von unsrer Heimlichkeit
Als die Gelehrten eurer Geistlichkeit.« [7220]

Der böse Feind ergreift ihn bei dem Wort
Und bringt ihn – Seel' und Leib – an jenen Ort,
Wo ihren Erbsitz hat die Büttelgilde.
Und Gott, der uns erschuf nach seinem Bilde,
Er leit' und rett' uns Alle insgemein
Und mög' auch diesem Büttel gnädig sein.
Ihr Herrn, ich hätt' euch besser noch beschieden
(Ließe mich dieser Büttel hier zufrieden)
Nach Christi Text und Paulus und Johannes
Und nach dem Wort noch manches heil'gen Mannes [7230]
Von solcher Qual, daß es im Herzensgrund
Euch schauderte. Doch könnte euch kein Mund
In tausend Wintern melden all den Graus,
Der die Verdammten quält im Höllenhaus.
Doch euch zu wahren vor dem Höllenpfade,
Wachet und betet stets um Christi Gnade,
Daß er uns rette von des Satans Schlingen.
Laßt dieses Wort ins Ohr und Herz euch dringen:
Der Löwe sitzt und lauert allerwegen,
Ob's ihm gelingt, die Unschuld zu erlegen. [7240]
Laßt eure Herzen stets den Feind bewachen,
Der zum Leibeignen euch und Knecht will machen.
Er kann durch Lockung deine Macht nicht dämpfen;
Denn Christus wird als Ritter für dich kämpfen.
Auch sei des Büttels Reue Gott befohlen.
Doch reut's ihn nicht, mag ihn der Teufel holen.

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