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Chaucers Canterbury-Geschichten

Geoffrey Chaucer: Chaucers Canterbury-Geschichten - Kapitel 10
Quellenangabe
typepoem
authorGeoffrey Chaucer
titleChaucers Canterbury-Geschichten
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
firstpub
translatorWilhelm Hertzberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160823
projectidec466385
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Die Erzählung des Weibes von Bath.

Prolog.

»Erfahrung kann hinlänglich mich belehren,
Wenn nicht dafür Autoritäten wären,
Wie daß der Ehestand ist voller Leid.
Denn (Gott der ew'ge sei gebenedeit!)
Ich stand, ihr Herrn, seit meinem zwölften Jahr
Mit fünf Ehmännern schon vor dem Altar
– Wenn man so oft von Ehe reden kann –:
Jeder in seiner Art ein würd'ger Mann. [5590]

Vor ein'ger Zeit erzählte man mir zwar:
Weil Christus einmal nur zur Hochzeit war,
Zu Cana in der Galiläer Land,
So gäb' er durch dies Beispiel an die Hand,
Daß eine meiner Eh'n nur gültig wäre.
Alsdann – ein scharfes Wort bei meiner Ehre! –
Als er die Samariterin verwies,
Sprach Christ, der Gottmensch, an dem Brunnen dies:
Du hast fünf Männer bis zu dieser Zeit
Gehabt; doch er, der dich zuletzt gefreit, [5600]
Ist nicht dein Ehmann. – So sprach er fürwahr.
Doch was er damit meint, ist mir nicht klar.
Warum – die Frage löse mir, wer kann –
War nicht der fünfte auch ihr Ehemann?
Wie viele durfte sie denn frein? Im Leben
Hört' ich darüber Keinen Auskunft geben,
Noch die nothwend'ge Zahl mir definiren.
Ein Räthsel bleibt's, wie viel man mag glossiren.

Doch weiß ich dies: Gott thät expreß uns lehren,
Wir sollten fruchtbar sein und uns vermehren. [5610]
Das ist ein Text, den ich verstehen kann.
Auch sagt er dies: Verlassen soll mein Mann
Vater und Mutter und nur mir anhangen.
Von einer Zahl hört' ich ihn nichts verlangen,
Sei's Bigamie oder Oktogamie.
Mit welchem Recht daher beschimpft man sie?
Auf Salomon, den weisen König, schaut:
Mit mehr als einer Frau war der getraut
(Ich dankte Gott, wenn das Gesetz mir gönnte,
Daß ich mich halb so oft erfrischen könnte); [5620]
Durch Gottes Huld konnt' er sie alle laben.
Kein Mann auf Erden hat jetzt solche Gaben.
Der edle Herr hat in der ersten Nacht
Mit jeder, denk' ich, seinen Spaß gemacht –
Mehr als einmal; so wohl war's ihm hienieden.
Ich segne Gott, daß er mir fünf beschieden,
Und auch der sechste soll willkommen sein.
Ich will nicht gänzlich mich der Keuschheit weihn.
Drum, wenn mein jetziger einmal begraben,
Soll gleich ein andrer Christenmensch mich haben. [5630]
Denn der Apostel sagt, von Gotteswegen
Steht meiner Wahl zum Frei'n dann nichts entgegen.
Er heißt uns Heirat nicht als Sünde meiden,
Da Heirath besser sei, als Brunst zu leiden.
Mich kümmert's nicht, wie sehr man schimpf' und schmähe
Auf Lamech's Schuld und seine Doppelehe.
Gewiß war Abraham ein heil'ger Mann
Und Jakob auch, so viel ich sehen kann.
Doch waren sie mehr als zwei Fraun vermählt
Gleich Andern, die man zu den Heil'gen zählt. [5640]
Und wer hat zu behaupten wohl gewagt,
Gott habe je die Heirat untersagt
Ausdrücklich? Und wo – sagt mir's unverhohlen –
Hat jemals er die Jungfernschaft befohlen?

Ich weiß so gut wie ihr unzweifelhaft:
Wo der Apostel spricht von Jungfernschaft,
Sagt er, er habe hier nichts vorzuschreiben,
Empfehl' uns nur, wir möchten Jungfern bleiben.
Empfehlen aber ist doch nicht befehlen.
Er überläßt uns selber frei zu wählen. [5650]
Beföhle Gott uns, Jungfern insgesammt
Zu sein, hätt' er die Ehe auch verdammt.
Nun frag' ich, wenn man keine Saat will sä'n,
Woraus soll denn die Jungfernschaft entstehn?
Selbst Paulus mag nicht zu gebieten wagen,
Was ihm sein Meister nicht hat aufgetragen.
Er steckte zwar das Ziel der Keuschheit auf:
»Greift zu, zeigt, wer der schnellste ist im Lauf!«
Doch bei dem Spruch ist nur an Die gedacht,
In denen Gott will zeigen seine Macht. [5660]
Zwar der Apostel war ein Junggeselle,
Jedoch, wenn er auch schreibt an jener Stelle,
Er wollte, Jeder wäre so wie Er,
Ist das ein Rath zur Keuschheit nur, nichts mehr.
Und wenn er mir die Heirath überhaupt
Nachgiebt, so ist mir ohne Schimpf erlaubt,
Wieder zu frei'n nach meines Mannes Tod,
Da keineswegs er Bigamie verbot.
Ein Weib zwar zu berühren, sei nicht gut
(Er meint, wenn Einer es im Bette thut); [5670]
Denn wenn man Werg und Feuer bringt zusammen
(Das Gleichniß ist euch klar), so setzt es Flammen.
Die Summa ist, ihm gilt Jungfräulichkeit
Vollkommner als Ehstandsgebrechlichkeit.
– Gebrechen nenn' ich's, übt Enthaltsamkeit
Nicht er wie sie die ganze Lebenszeit. –
Doch heg' ich wahrlich gegen Die nicht Neid,
Die lieber Jungfrau bleibt, als zweimal freit.
Ihr ziemt's an Leib und Seele rein zu leben;
Ich will mich meines Stands nicht überheben. [5680]
Ihr wißt, es haben reiche Herren auch
Nicht Goldgeräth ausschließlich im Gebrauch;
Von Holz ist Manches und dient seinem Herrn.
Gott ruft die Seinen her von nah und fern.
Und Allen leihet er verschiedne Gaben,
Dem dies, dem das, am Wechsel sich zu laben.
Ein hoher Grad in der Vollkommenheit
Ist Keuschheit, Frömmigkeit, Enthaltsamkeit.
Doch Christus, der Vollkommenheiten Quelle,
Nicht Jeden hieß' er Hab' und Gut zur Stelle [5690]
Verkaufen, um den Armen es zu geben.
Bedenkt, wollt ihr nach seiner Lehre leben:
Er sprach für Die, so sich das höchste Ziel
Gesteckt. Das, mit Verlaub, ist mir zu viel.
Es sei die Blüthe meiner Lebenszeit
Der Ehe Wirksamkeit und Frucht geweiht.
– – – – – – – – –
Christ war jungfräulich und war doch ein Mann, [5721]
Und mancher Heil'ge, seit die Welt begann;
Doch lebten sie in steter Sittsamkeit,
Ich tadle wahrlich nicht Jungfräulichkeit.
Laßt sie vom reinsten Weizenbrod sich nähren,
Und laßt uns Frauen Gerstenbrod verzehren.
Mit Gerstenbrod auch, wie uns Markus weist,
Hat der Herr Jesus manchen Mann gespeist.
Im Stand, zu dem mich Gott berufen hat,
Verharr' ich; ich bin nicht zu delikat. [5730]
– – – – – – – – –
Und kommt mein Mann, zu zahlen seine Pflicht,
So muß er immer, eher ruh' ich nicht,
Zugleich mein Schuldner und Leibeigner sein
Und soll an seinem Fleische Kreuz und Pein
So lang erdulden, als ich bin sein Weib.
Denn während seines Lebens ist sein Leib [5740]
Sein eigen nicht; nein, mir zum Dienst verpflichtet.
Denn so hat der Apostel mir berichtet,
Der unsre Männer treu uns lieben hieß.
Fürwahr in jedem Stück gefällt mir dies.«

Auf sprang der Ablaßkrämer und begann:
»Ihr seid, Madam, bei Gott und St. Johann
Ein excellenter Pred'ger in dem Fach.
Ich war daran ein Weib zu nehmen, ach!
Doch, zahl' ich es mit meinem Fleisch so theuer,
Wär's besser wohl, ich unterließ' es heuer.« [5750]

»Wart', die Geschichte hat noch nicht begonnen«,
Sprach sie, »du sollst aus einer andern Tonnen
Erst trinken, was wohl bittrer schmeckt als Bier.
Und wenn von Ehstands-Kreuz und Pein ich dir
Nach bestem Wissen treu Bericht gegeben,
Wie ich erfahren es im ganzen Leben
(Die Peitsche war ich selbst dabei, heißt das),
So magst du wählen, ob du von dem Faß
Noch schmecken möchtest, das ich angestochen.
Doch bitt' ich sehr: Nicht allzu nah gerochen! [5760]
Ich führe mehr als zehn Exempel an.
Wen eines Andern Leid nicht warnen kann,
Der diene Andern selbst zum Beßrungsmittel.
Schon Ptolemäus schreibt von dem Kapitel
Im Almagest – da könnt ihr's selber finden.«

»Madam, ihr würdet mich gar sehr verbinden«,
Sagt' er, »beliebt' es euch so fortzufahren,
Wie ihr begonnen und Niemand zu sparen,
Damit von eurer Kunst die Jugend lerne.«
»Wenn ihr es wünscht«, sprach sie, »von Herzen gerne. [5770]
Doch bitt' ich erst die ganze Kompagnie,
Wenn ganz und gar nach meiner Phantasie
Ich spreche, nehmt es nicht zu sehr zu Herzen;
Denn meine Absicht ist ja nur zu scherzen.

Nun will ich denn mein Sprüchlein weiter sagen:
So wahr mir stets mag Bier und Wein behagen,
So wahr ist was ich sag'; es waren drei
Von meinen Männern gut und böse zwei.
Die dreie waren reich und alt und gut;
Sie konnten kaum noch halten das Statut, [5780]
Auf das ein Jeder mir verpflichtet war.
Ich denke, was ich meine, ist euch klar.
Hilf Gott, oft hab' ich lachend dran gedacht,
Wie ich sie hart scharwerken ließ bei Nacht.
Ich machte mir nichts draus, bei meinem Leben.
Sie hatten mir ihr Geld und Land gegeben;
Nicht durft' ich erst mit langer Müh' und Kunst
Und Reverenz gewinnen ihre Gunst.
Ich war, bei Gott, so sehr die heiß Begehrte,
Daß ihre Liebe mich sehr wenig scherte. [5790]
Ein kluges Weib sucht mit geschäft'gen Sinnen,
Wenn sie nicht Liebe hat, sie zu gewinnen.
Doch hatt' ich gänzlich sie in meiner Hand,
Und da sie mir gegeben all ihr Land,
Wie sollt' ich drum nach ihrer Gunst erst ringen,
Die mir nicht Lust noch Vortheil konnte bringen?
Drum hab' ich ihnen so zu thun gemacht,
Daß Ach und Weh sie schrien in mancher Nacht.
Der Schinken war für sie nicht aufgehängt,
Der Manchem schon zu Donmow ward geschenkt. [5800]
Ich lenkte sie nach meinem Willen so,
Daß jeder immer selig war und froh,
Konnt' er was Hübsches mir vom Jahrmarkt bringen
Und mir dafür ein freundlich Wort entringen.
Denn oft, weiß Gott, schalt ich sie niederträchtig.
Nun hört, wie ich es klug trieb und bedächtig.

Jetzt kluge Frauen, die ihr mich versteht,
Sprecht so, damit ihr ihnen Nasen dreht.
Zu schwören und zu lügen weiß kein Mann
Nur halb so keck, als eine Frau es kann. [5810]
(Dies geb' ich klugen Fraun nur zu verstehn
Für Fälle, wo sie sich einmal versehn).
Kennt ihren Vortheil eine kluge Frau,
So schwört sie Stein und Bein, »der Hecht ist blau!«
Und nimmt zum Zeugniß ihre eigne Magd,
Sie habe Recht. Jetzt hört was ich gesagt:

Ist das auch Ordnung, alter Nimmernutz?
Was prunkt des Nachbars Weib in solchem Putz?
Hoch ehrt man sie, wo sie sich nur läßt sehn.
Kein ordentlich Kleid hab' ich, um auszugehn. [5820]
Was Er nur immer bei dem Nachbar schafft?
Ist sie so hübsch? Du hast dich wohl vergafft?
Was tuschelst du mit unsrer Magd? Gotts Blitz!
Du alter Schlecker, laß den dummen Witz.
Und hab' ich einen Freund nur und Gevatter,
Erhebst du gleich ein höllisches Geschnatter,
Spiel' ich in Unschuld 'mal in seinem Haus.
Dann kommst du heim, betrunken wie 'ne Maus,
Und predigst von der Bank (brächst du's Genick!)
Und sagst: »Es ist ein rechtes Mißgeschick, [5830]
Ein armes Weib sich auf den Hals zu frein.«
Und hat sie Geld und lange Ahnenreihn,
Dann wirst du über andre Qualen klagen,
Wie Stolz und Launen gar nicht zu ertragen.
Und wenn sie schön ist, sagst du böser Bube,
Sie folge jedem Kuppler auf die Stube,
Sie halte nie sich keusch und fleckenfrei,
Da sie allseitig stets belagert sei.
Du sagst, um Reichthum wollen uns die Einen,
Die Andern, weil wir schön und nett erscheinen; [5840]
Ein Andrer: – denn sie singt und tanzt so zierlich;
Und Der, weil sie so höflich und manierlich.
Der, weil ihm Händ' und Arme so gefallen: –
So geht zum Teufel es zuletzt mit Allen.
Du sagst, es hält sich keine Festungsmauer,
Wird sie ringsum bestürmt auf solche Dauer.

Und ist sie häßlich, sagst du: »Jeden Mann,
Der ihr nur zu Gesicht kommt, zieht sie an;
Denn Jedem springt sie gleich den Wachtelhunden
Zu Leibe, bis ein Käufer sich gefunden. [5850]
So grau ist keine Gans, es findet sich
(Sagst du) für sie im Teich ein Gänserich.
Doch ist es hart, zu haben eine Last,
Mit der ein Andrer sich nicht gern befaßt.«

So sagst du Lump, steigst du ins Bett hinein,
Und dann: Wer klug sei, solle nimmer frein,
Noch wer da strebe nach des Himmels Heil.
Daß doch ein Feuerklump und Donnerkeil
Dir müßte deinen welken Hals zerschlagen!
»Ein tropfend Dach und Rauch (pflegst du zu sagen), [5860]
Dazu ein zankend Weib vertreibt den Mann
Aus seinem eignen Haus.« – Ah, seht mir an!
Was treibt zum Zank dich doch, dich alten Gecken?

»Ein Weib wird seine Fehler erst verstecken,
Bis sie sich fest weiß, und sie dann bekunden.«

Dies Sprüchwort hat ein Haustyrann erfunden.
Du sagst: »Mit Ochsen, Eseln, Hunden, Pferden
Pflegt mehrmals ein Versuch gemacht zu werden,
Eh' man sie kauft; so auch mit Schüsseln, Näpfen
Und anderm Hausgeräth; mit Löffeln, Töpfen, [5870]
Mit Stühlen, Putz und Kleidern jeder Art:
Den Fraun allein wird der Versuch erspart,
Bis man sie freit« – – du alter Wütherich! –
»Dann« – sagst du – »zeigen unsre Fehler sich.«

Auch sagst du, immer werd' es mir mißfallen,
Hört' ich nicht meiner Schönheit Lob erschallen
Und gafftest du nicht stets in mein Gesicht
Und nenntest du »mein schönes Weib« mich nicht,
Gäbst du mir zum Geburtstag keinen Schmaus,
Und putztest du mich nicht ganz neu heraus, [5880]
Und wolltest du nicht meine Amme ehren,
Und Achtung meiner Kammerfrau gewähren
Und meines Vaters Freunden noch dazu.

Du altes Lügenfaß, so redest du.
Auf unsern Lehrling Jenkin nun sogar,
Blos weil so fein und goldgelockt sein Haar
Und weil er so dienstfertig stets in Acht
Mich nimmt, wirfst du ganz fälschlichen Verdacht.
Ich mag ihn wahrlich nicht, und stürbst du morgen.

Doch sage, was versteckst du so mit Sorgen [5890]
Den Schlüssel deines Kassenschranks vor mir?
Das Geld gehört, traun, mir so gut wie dir.
Was? Wähnst du gar, du kannst Madam bethören?
So will bei Gott und bei St. James ich schwören,
Du sollst nicht, würdest du gleich toll vor Wuth,
Mir meinen Leib beherrschen wie mein Gut;
Du sollst vor deinen Augen ihn verlieren.
Was hilft dein Horchen dir und Spionieren?
Du schlössest wohl in deine Kiste mich.
Sag lieber: »Holdes Weib vergnüge dich, [5900]
Geh wo du willst. Man soll von mir nicht schwätzen;
Ich weiß mein treues Elschen wohl zu schätzen.«

Wir lieben nicht, daß man auf Weg und Stegen
Uns stets bewacht; wir wollen frei uns regen.
Vor allen Männern werd' ich stets den weisen
Sternkund'gen Herren Ptolemäus preisen,
Der diesen Spruch hat in der Almageste:
Des Mannes Weisheit gilt mir als die beste,
Der sich nicht kümmert, wem die Welt gehört.
Der Spruch lehrt Jeden, welcher recht drauf hört: [5910]
Hast du genug, was darf es dich verdrießen,
Wenn andre Leute froh ihr Glück genießen?
Drum alter Schäker, schweigt! Verlaßt euch drauf,
Ihr findet noch zur Lust des Nachts vollauf.
Ein arger Filz, der keinem Andern gönnt,
Daß er sein Licht an seiner Lamp' anbrennt;
Er hat wahrhaftig drum nicht wen'ger Licht.
Hast du genug, nun so beklag dich nicht.

Auch sagst du, haben wir uns 'mal geputzt
Und uns mit Schmuck und Kleidern aufgestutzt, [5920]
Das könne unsrer Keuschheit Schaden bringen.
Und wie, zum Henker, kannst du dich dann zwingen
Und so in des Apostels Namen sagen:
»Ihr Weiber sollt nur solche Kleider tragen,
Die da mit Keuschheit sind und Scham gemacht,
Nicht Lockenhaar, nicht reicher Stoffe Pracht,
Nicht Perlen, Gold und schimmerndes Gestein!«
Nach deinem Text und deinen Litanein
Arbeite eine Mücke mehr als ich.

Wie eine Katze geh' ich auf den Strich, [5900]
Sagst du, da, wenn man ihr das Fell versengt,
Die Katze auch nicht an das Ausgehn denkt;
Doch sieht ihr Fell fein glatt und glänzend aus,
So bleibt sie keinen halben Tag zu Haus.
Sie schleicht, damit den blanken Pelz sie zeige,
Vor Tagesgraun schon auf die Katersteige.
Das heißt: Bin ich geputzt, renn' auf die Gassen
Ich auch, um meine Lumpen sehn zu lassen.

Wozu soll, alter Narr, dein Spähen taugen?
Und bätst du Argus mit den hundert Augen, [5940]
So gut er irgend kann, mich zu bewachen,
Wenn ich nicht wollte, könnt' er doch nichts machen.
Ich dreht' ihm einen Bart, so wahr ich lebe.

Du sagst auch wohl, daß es drei Dinge gebe,
Die diese Welt turbiren ganz unsäglich;
Ein viertes wäre wahrhaft unerträglich. –
Tödte dich Jesus, alter Haustyrann! –
Dann predigst du, ein zänkisch Weib hält man
Für eine dieser Widerwärtigkeiten.
– Giebt es denn keine andern Aehnlichkeiten, [5950]
Die du magst zu Parabeln umgestalten?
Muß immer denn ein dummes Weib herhalten? –
Du sagst: der Hölle gleiche Weiberliebe
Und trocknem Land, auf dem kein Wasser bliebe;
Vergleichst sie auch wohl mit des Feuers Glut;
Je mehr es brennt, je mehr wächst seine Wuth,
Um Alles, was da brennbar, zu verzehren.

Du sagst: »Wie Raupen einen Baum verheeren,
Also verdirbt ein Weib auch ihren Mann,
Wie Jeder, der ein Weib hat, wissen kann.« [5960]

Herrschaften, ganz so, wie ihr jetzt gehört,
Hab' ich die alten Eheherrn bethört;
So sprächen sie in ihrer Trunkenheit.
Alles war falsch; doch Jenkin war bereit
Und meine Nichte, Alles zu beeiden.
Ich habe sie mit solchem Kreuz und Leiden,
Bei Christi lieber Pein, schuldlos beschwert.
Abwechselnd weint' und biß ich wie ein Pferd,
Klagte sie an, wenn selbst ich schuldig war,
Denn sonst lief ich die äußerste Gefahr. [5970]
Denn wer erst kommt, der mahlt erst, wie man sagt.
Der Krieg war aus, weil ich zuerst geklagt.
Sie waren froh, Verzeihung zu erlangen
Für das, was sie im Leben nicht begangen.
Mit Dirnen macht' ich ihnen Schimpf und Schande,
Und war der Mann dazu auch kaum im Stande,
So kitzelt' es sein Herz doch, wenn er dachte,
Daß ich so viel aus seiner Liebe machte.
Ich schwor, nur deßhalb ging' ich nachts spazieren,
Den Dirnen, die er liebte, nachzuspüren. [5980]
Der Vorwand half mir oft zu Zeitvertreib,
Denn Mutterwitz hat von Geburt das Weib.
Reichlich hat Gott für unser ganzes Leben
Uns Spinnen, Weinen, Arglist mitgegeben.
Drum mag der eine Ruhm sich für mich schicken,
Ich unterwarf zuletzt in allen Stücken
Sie theils durch List, theils durch Gewalt; durch Schmollen
Ein andermal und durch beständ'ges Grollen.
Im Bett zumal da kam ihr Strafgericht,
Da schalt ich sie, fügt' ihrer Lust mich nicht, [5990]
Und suchte aus dem Bette gleich das Weite,
Fühlt' ich nur seinen Arm um meine Seite.
– – – – – – – – –
– – – – – – – – –
Das war der Grund zu meinem steten Zank, [6001]
Hätte der Papst auch auf derselben Bank
Gesessen, hätt' ich sie doch nicht verschont
Am eignen Tisch, und Wort mit Wort gelohnt.
Denn beim allmächt'gen Gott im Himmelreich,
Ich machte drauf mein Testament sogleich,
Daß ich kein Wörtchen ihnen schuldig bin.
Ich bracht' es stets durch meinen Witz dahin,
Daß sie's für's Beste hielten nachzugeben.
Wir hätten sonst nicht aufgehört im Leben, [6010]
Da, ob vor Wuth er wie ein Löwe schnaubte,
Ich ihm doch nie das letzte Wort erlaubte.
Dann sagt' ich: Na, mein Alterchen, sei brav!
Wie sanft mein Wilkin aussieht, wie ein Schaf.
Komm, lieber Mann, laß dir die Backe küssen.
Hätt'st aber immer auch so sanft sein müssen.
Wer so schön predigt von Hiobs Geduld,
Muß auch schön angst sein um die eigne Schuld.
Als guter Pred'ger duld' und sei gelassen,
Sonst kann ich dir nicht die Lection erlassen, [6020]
Im Frieden hübsch mit deiner Frau zu leben.
Klein bei muß einer doch von Beiden geben.
Da nun der Mann der klügre von den Zwein,
So mußt du gegen mich geduldig sein.
– – – – – – – – –
– – – – – – – – –
Dies war die Art so, wie wir discurirten. [6033]
Doch jetzt erzähl' ich auch von meinem Vierten.

Mein vierter Mann war ein Herr Lüderlich,
Ich meine nur, er hielt ein Liebchen sich,
Und ich war jung und stark, von heißem Blut,
Keck wie 'ne Elster und voll Uebermuth.
Zu einer kleinen Harfe tanzt' und sprang ich,
Und trotz der schönsten Nachtigallen sang ich, [6040]
Hatt' ich getrunken nur ein Schlückchen Wein.
Metellius, der schmutz'ge Kerl, das Schwein,
Der seine Frau mit einem Stock erschlagen,
Nur weil sie Wein trank, sollt's mit mir nur wagen!
War' ich sein Weib, ich tränke sicherlich,
Und nach dem Wein zieht es zur Venus mich.
– – – – – – – – –
– – – – – – – – –
Gegen betrunkne Weiber hilft kein Wehren;
Das wird den Lüstling die Erfahrung lehren. [6050]

Ei du mein Heiland, wenn ich daran denke,
An meine Jugend und an all die Schwänke,
So kitzelt um mein Herz mich noch das Blut.
Noch heute thut es meinem Herzen gut,
Daß ich in meiner Zeit genoß der Welt.
Das Alter, ach, das Alles uns vergällt,
Hat mich um Schönheit auch und Mark bestohlen.
Fahrt hin, ade! mag euch der Teufel holen!
Fort ist das Kraftmehl, da hilft kein Gebet.
Mit Kleie handl' ich nun, so gut es geht. [6060]
Ich seh' die Sachen möglichst lustig an.
Jetzt fahr' ich fort von meinem vierten Mann.
Ich sagt', ich war im Herzen außer mir,
Daß er bei Andern suchte sein Plaisir.
Da hab' ich bei St. Jobst es ihm gedacht
Und ihm ein Kreuz von gleichem Holz gemacht –
Nicht in dem schmutz'gen Sinn, mit meinem Leib;
Doch macht' ich Andern solchen Zeitvertreib,
Daß er vor Eifersucht in Wuth gerieth
Und ich in seinem eignen Fett ihn briet. [6070]
Sein Fegefeuer ward ihm hier zu Theil;
Drum hoff' ich, hat er jetzt das ew'ge Heil.
Denn, weiß es Gott, er saß gar oft und sang,
Drückt' ihn recht bitter seiner Schuhe Zwang.
Nur er und Gott hat in sein Herz geblickt,
Wie ich auf manche Art ihn schlimm gezwickt.
Er starb, als von Jerusalem ich kam,
Und liegt begraben unterm Kreuzesstamm.
Wenn seine Gruft auch ganz die Pracht nicht hat,
Wie weiland des Darius Ruhestatt, [6080]
Die fein geschmückt ist von Apelles' Händen,
So dacht' ich, Pracht am Grab heißt Geld verschwenden.
Leb wohl, und schenke Gott der Seele Ruhe;
Er liegt im Grabe jetzt in seiner Truhe.

Nun will von meinem fünften Mann ich sagen
Bewahr' ihn Gott stets vor den Höllenplagen!
Und doch war er mein ärgster Haustyrann,
Wie an den Rippen noch ich fühlen kann. [6088]
– – – – – – – – –
– – – – – – – – –
Der Grund, denk' ich, zu meiner Liebe war: [6095]
Er that mit seiner eignen schrecklich rar.
Wir Weiber haben, wenn ihr's wissen müßt,
In diesem Stück ein seltsames Gelüst.
Sieh, was ein Weib so leicht nicht haben mag,
Das fordert schreiend sie den ganzen Tag. [6100]
Verbiet' uns etwas: das begehren wir;
Dränge dich auf, und wir entfliehn vor dir.
Wir schlagen Alles los in schlimmen Jahren;
Ein voller Markt macht theuer unsre Waaren.
Man achtet nicht, was zu gering im Preis.
Das ist's, was jede kluge Hausfrau weiß.
Den fünften Mann (ich wünsch' ihm Gottes Segen)
Nahm ich aus Liebe, nicht des Reichthums wegen.
Er war Student in Oxford, ging von dort
Dann ab und nahm zu Haus, an unserm Ort, [6110]
Bei meiner Frau Gevattrin sein Logis,
Gott hab' sie selig, Alison hieß sie.
Sie war in meines Herzens Heimlichkeit
Weit mehr als unser Pfarrer eingeweiht.
Ich ließ sie jegliches Geheimniß wissen,
Hatt' in den Finger sich mein Mann gerissen,
Und handelt' es um Leben sich und Leib.
Ihr und noch einem andern würd'gen Weib
Und meiner Nichte, der sehr gut ich war,
Macht' alle seine Plän' ich offenbar. [6120]
So gab ich Anlaß denn recht oft, Gott weiß,
Daß sein Gesicht ganz schamroth ward und heiß,
Und er sich selbst schalt, daß er übereilt
Mir ein so groß Geheimniß mitgetheilt.
Da in der Fastenzeit mußt' es geschehn –
Ich pflegte zur Gevattrin oft zu gehn;
Ich putzte immer noch mich gern heraus,
Zog März, April und Mai von Haus zu Haus
Und hörte allerlei Geschichten an –
So hatt' ich mit Frau Els' und Jenkin dann [6130]
Hinaus ins Feld genommen meinen Lauf;
Mein Mann hielt grade sich in London auf.
Ich hatte desto besser Zeit zum Spaßen,
Andre zu sehn und selbst mich sehn zu lassen
Von lust'gem Volk. Was wußt' ich, wo zur Gnade
Ich kommen sollte und auf welchem Pfade?
Drum den Vigilien und Processionen
Pflegt' ich gar regelmäßig beizuwohnen,
Auch den Mirakelspielen, Pilgerfahrten
Und Predigten, wo sich die Leute schaarten; [6140]
Mein muntrer Scharlachrock war nicht vergessen,
Denn Würmer, Motten oder Milben fressen
Mir nie die Kleider an. Und wißt ihr auch
Warum? Ich habe stets sie in Gebrauch.

Doch jetzo höret, wie's mit mir gekommen.
Wir hatten unsern Weg ins Feld genommen,
Da schäkert' ich mit Jenkin so vertraut,
Daß ich ihm sagte, wie ich vorgebaut
Der Zukunft; würd' ich nur erst Wittwe sein,
Dann sollte Er mich und kein Andrer frein. [6150]

Und in der That war das nicht Prahlerei.
Denn stets war ich im Punkt der Freierei
Vorsichtig wie in andern Dingen auch.
Ich achte solchen Witz kein Schnittchen Lauch,
Wenn nur ein Zufluchtsloch sich hält die Maus;
Denn, wenn sie das verfehlt, ist Alles aus.

Ich macht' ihm weiß, ich sei von ihm besessen
(Der Frau Gevattrin dankt' ich die Finessen),
Geträumt auch hätte ich die ganze Nacht,
Wie er im Schlafe mich fast umgebracht: [6160]
»Es schwamm mein ganzes Bett nur so in Blut.
Und doch hoff' ich, daß ihr mir Gutes thut;
Denn Blut bedeutet Gold nur, wie man glaubt.«
Alles war falsch; ich träumte überhaupt
Gar nichts von ihm; nur daß nach Elsens Rath
Ich hier so wie in andern Stücken that.
Und nun? – was wollt' ich sagen? – Laßt mich sehn.
Ach ja, bei Gott, ich weiß, da blieb ich stehn.
Als auf der Bahre lag mein vierter Mann,
Weint' ich und stellte mich gar traurig an, [6170]
Wie bei den Weibern es Gebrauch und Pflicht.
Ich zog mein Kopftuch über das Gesicht.
Doch da ich mir ersehn schon den Genossen,
Hab' ich fürwahr viel Thränen nicht vergossen.
Des Morgens mußten unter vielen Klagen
Die Nachbarn meinen Mann zur Kirche tragen,
Und in der Schaar ging auch Freund Jenkin mit.
Hilf Gott, wie er so hinterm Sarg herschritt,
War mir's zu Sinn, er hätt' ein solch Paar feine
Und schmuck gewachsne Schenkelchen und Beine, [6180]
Daß gleich mein ganzes Herz gefangen war.
Er zählte, denk' ich, damals zwanzig Jahr;
Und vierzig ich; ich sag' es unverhohlen,
Doch hatt' ich einen Zahn noch wie ein Fohlen,
'nen Leckerzahn, der mir nicht übel stand,
Und Venus' Siegel war mir aufgebrannt.
Gott helfe mir, ich war ein lust'ges Blut,
Schön, reich und jung und dazu wohlgemuth.
– – – – – – – – –
Ja, mein Gefühl ist ganz und gar durchflammt [6191]
Von Venus' Glut; mein Herz dem Mars entstammt.
Denn Venus gab mir Lust und Ueppigkeit
Und Mars hartnäckige Verwegenheit;
Mars in dem Stiere war mein Ascendent,
Weh, wehe! daß man Lieben Sünde nennt!
Ich folgte meiner Inklination
Kraft jener ersten Konstellation.
– – – – – – – – –
Und möge Gott das ew'ge Heil mir schenken, [6203]
Ich liebte immer ohne viel Bedenken
Und folgte meinem Appetite bloß,
War schwarz er oder weiß, klein oder groß.
Auch fragt' ich nicht, wenn ich ihn reizend fand,
Wie arm er war, noch auch von welchem Stand.
Was sag' ich mehr? Der Monat ging zu Ende
Und Jenkin, der so munter und behende, [6210]
War feierlichst belehnt mit meiner Hand.
Ich gab ihm alles Geld und alles Land,
Was jemals ich empfangen vor der Zeit.
Doch that es bald darauf mir bitter leid.
Nichts duldet' er, wonach ich lüstern war,
Ja einmal schlug er mit der Faust mich gar,
Weil aus 'nem Buch ein Blatt ich riß; es blieb
Mein eines Ohr ganz taub von diesem Hieb.
Wie eine Löwin wild und widerhaarig
Und höchst beweglich mit der Zunge war ich – [6220]
Und gehen wollt' ich, ob er sich verschwor,
Von Haus zu Haus, wie ich gethan zuvor.
Darüber gab er aus den Römer-Gesten
Mir manche lange Predigt denn zum Besten:
Wie der Sulpicius Gallus einst verstieß
Sein Weib und sie auf Lebenszeit verließ,
Nur weil sie eines Tags mit bloßem Haupt
Aus seiner Thür zu blicken sich erlaubt.
Auch einen andern Römer nannt' er viel.
Der, weil sein Weib bei einem Sommerspiel [6230]
Ohne sein Wissen war, sie auch verstieß.
Dann führt' er immer aus der Bibel dieß
Sprüchwort des Pred'gers Salomon mir an,
Wo streng er fordert, daß der Ehemann
Umtreiberei nicht dulde bei der Frau.
Er sprach dann also Wort für Wort genau:
»Wer sich ein Haus zu bau'n aus Weiden denkt,
Auf blindem Pferd durch losen Acker sprengt,
Zuläßt, daß sich sein Weib zu Messen drängt,
Verdient, daß man ihn an den Galgen hängt.« [6240]
Doch das half nichts; an seine Weisheitslehren
Und alte Sagen wollt' ich nie mich kehren,
Und mochte mich von ihm nicht tadeln lassen.
Wer Fehler mir aufsticht, den muß ich hassen;
Und das, weiß Gott, thun Andre noch wie ich.
So ward er vollends denn ergrimmt auf mich.
Ich gab ihm nie klein bei, niemals im Leben.

Doch jetzt will treulichen Bericht ich geben,
Warum aus seinem Buch ich riß das Blatt,
Wofür er dann mich taub geschlagen hat. [6250]

Er hatt' ein Buch, das er zu seinem Spaß
Wohl Tag und Nacht stets mit Vergnügen las;
Valerius nannt' er es und Theophrast
Und lachte stets dabei, zum Platzen fast.
Auch war einst ein gelehrter Herr zu Rom,
Ein Kardinal, man hieß ihn St. Jerome,
Der schrieb ein Buch gegen den Jovinian;
Dies Buch hatt' er und auch den Tertullian,
Chrysippus, Trotula und Helowis,
Die war Aebtissin nahe bei Paris. [6260]
Auch hatt' er König Salomo's Parabeln,
Die Kunst Ovids und manche lust'ge Fabeln.
Die waren all' in einen Band gebunden,
Und Tag und Nacht las er zu allen Stunden,
Die er sich von Geschäften andrer Art
Zur Muße und Erholung aufgespart,
Von bösen Weibern nur in diesem Band,
Von denen mehr Legenden ihm bekannt,
Als in der Bibel stehn von guten Frauen.
Unmöglich ist's – ihr könnt mir darin trauen –, [6270]
Daß ein Gelehrter gut von Frauen spricht,
Sind just es Heiligen-Legenden nicht.
Nicht wen'ger zieht er über Mädchen her.
Wer malte doch den Löwen? Sagt mir, wer?
Hätten die Fraun die Märchen nur gemacht,
Die in Gelehrtenstuben sind erdacht,
Ihr läs't von Männern dann mehr Schurkenstreiche,
Als Adams ganzer Stamm je brächt' ins Gleiche.
Der Venus Kinder und die des Merkur
Halten sich Widerpart schon von Natur. [6280]
Merkur liebt Weisheit nur und Meditiren
Und Venus Geldverthun und Jubiliren;
Und weil sie so verschieden disponirt,
Fällt jeder, wenn der andre kulminirt.
So wird Merkurius hinabgedrückt
In Pisces, wo am höchsten Venus rückt,
Und Venus sinkt, wenn sich Merkur erhoben.
Drum: Kein Gelehrter wird ein Weib je loben.
Ist ein Gelehrter alt und schafft er nicht
Mehr als sein alter Schuh in Venus' Pflicht, [6290]
Sitzt er und schreibt in seiner Faselei,
Daß nie ein Weib treu in der Ehe sei.
Doch jetzt – wahrhaftig ja, ich wollte sagen,
Wie wegen meines Buchs ich ward geschlagen.

Spät Abend war's und mein Herr Jenkin las
In seinem Buch, wie er am Feuer saß,
Von Eva erst, um deren Frevelthat
Die Menschheit dieses Jammerthal betrat,
Wofür erschlagen wurde Jesus Christ,
Durch dessen Herzblut sie erlöset ist. [6300]
So ist ausdrücklich denn vom Weib zu lesen,
Daß es der Menschheit Untergang gewesen.
Er las, wie Simson dann sein Haar verloren,
Das ihm im Schlaf sein Liebchen abgeschoren.
Durch den Verrath verlor er sein Gesicht.
Dann las er ferner mir, ich lüge nicht,
Von Hercules, wie er durch das Gewand
Der Dejanira selber sich verbrannt;
Vergaß auch nicht, was Sokrates für Plagen
Von seinen beiden Frauen einst ertragen. [6310]
Xantippe warf ihn mit dem Kammertopf:
Still wie ein Todter saß der arme Tropf,
Wischte den Kopf, und brummte nur verlegen
Das eine Wort: »Auf Donner folgt der Regen«.

Die Scheußlichkeit der Kreterkönigin
Pasiphae war recht nach seinem Sinn.
Ein gräßlich Ding! Pfui, rede Keiner mir
Von ihrer grausen Lüsternheit und Gier.
Wie Clytämnestra's Wollust zum Verrath
Und Mord des Gatten führte, diese That [6320]
Las er mit ganz besondrer Salbung vor.
Warum Amphiaraos vor dem Thor
Von Theben fiel, führt' er mir gleichfalls an.
Von Eriphylen wußte da mein Mann
Ein Märchen, die für eine goldne Kette
Heimlich dem Griechenheer verrathen hätte,
Wo ihr Gemahl versteckt war; was denn eben
Der Grund ward für sein Mißgeschick vor Theben.
Von Lucia und Luna sprach er dann,
Davon die ein' aus Liebe ihren Mann, [6330]
Die andr' aus Haß den ihren umgebracht.
Luna vergiftete spät in der Nacht
Ihren Gemahl mit feindlichem Gemüthe,
Da Lucia so von Lüsternheit erglühte,
Daß, um in seinem Herzen stets zu leben,
Sie solchen Liebestrank ihm eingegeben:
Er war schon an dem andern Morgen todt.
So hatten beide Gatten ihre Noth.
Dann sagt' er, wie ein Mann, Latumius,
Geklagt zu seinem Freunde Arius, [6340]
Wie daß ein Baum in seinem Garten sei,
Daran sich seine Frauen alle drei
Der Reihe nach erhenkt aus Herzenswuth.
Drauf Arius: »Mein Bruder werth und gut,
Gieb mir 'nen Senker von dem Segensbaum,
Ich geb' ihm gleich in meinem Garten Raum.«

Von Weibern spätrer Zeit wußt' er zu sagen,
Die ihre Männer in dem Bett erschlagen.
Frech ließen sie die Buhler mit sich spielen,
Da starr die Leiche dalag auf den Dielen. [635]
Wie Andre Nägel ins Gehirn getrieben
Der Schlafenden, daß sie gleich todt geblieben;
Noch andre sie bedient mit gift'gen Tränken.
Mehr Gräul erzählt' er, als das Herz mag denken.
Auch war mit mehr Sprüchwörtern er vertraut,
Als in der Welt es Gras giebt oder Kraut:

»'s ist besser einen Leu'n und bösen Drachen«,
Sagt' er, »in seinem Hause zu bewachen,
Als eines zänk'schen Weibes Ungemach.«

»'s ist besser hoch zu kriechen unters Dach, [6360]
Als daß man unten in dem Hause bleibe
Mit einem bösen widerspenst'gen Weibe.
Was ihren Mann erfreut, das macht ihr Gram.«
Dann sagt' er: »Eine Frau legt ab die Scham,
Wenn sie ihr Hemd ablegt.« Und weiterhin:
»Ein schönes Weib, die ohne keuschen Sinn,
Gleicht einer Sau mit goldberingter Nasen.«

Wer kann sich nun vorstellen, wie zum Rasen
Mein Herz gepeinigt ward mit Weh und Gram.
Und als ich sah, daß es kein Ende nahm [6370]
Und er das Schandbuch las Nacht ein, Nacht aus,
Da plötzlich riß drei Blätter ich heraus,
Wie er just las, und gab ihm auch zugleich
Mit meiner Faust solch einen Backenstreich,
Daß er rücküber fiel grad in die Glut.
Auf sprang er wie ein Löwe voller Wuth,
Und seine Faust traf mich mit solchem Schlag
Am Kopf, daß ich wie todt am Boden lag.

Und als er mich so stille liegen sah,
Entsetzt' er sehr sich und entfloh beinah, [6380]
Bis aus der Ohnmacht ich zuletzt erwacht.
»Ha, falscher Dieb, hast du mich umgebracht,
Und um mein Land mein Leben mir entrissen?
Doch einmal, eh' ich todt, laß dich noch küssen!«
So ich. Er kam und kniete nieder fein
Und sprach: »O theure Schwester, Elschen mein,
Gott helfe mir, ich will dich nie mehr schlagen.
Daß ich's gethan, mußt du dich selbst verklagen.
Vergieb es mir; inständig bitt' ich dich.«
Ich schlug ihn auf die Backe kräftiglich [6390]
Und rief: »Spitzbube, so wollt' ich mich rächen.
Jetzt will ich sterben und kein Wort mehr sprechen.«

Endlich jedoch nach vielem Weh und Leide
Vereinigten wir so von selbst uns beide.
Er gab die Zügel ganz in meine Hand
Und die Regierung über Haus und Land
Und über seine Zung' und seine Hand;
Auch ward das Buch sogleich von ihm verbrannt.
Und seit an mich durch solche Kunst und List
Die Souveränität gekommen ist, [6400]
Seit er: »Mein treues Weib« zu mir gesagt,
»Thu all dein Lebelang was dir behagt,
Bewahre deine Ehr' und meinen Stand« –
Seitdem ist zwischen uns kein Streit entbrannt.
Sanfter als ich ist gegen ihren Mann
Kein Weib von Dänemark bis Hindostan,
Noch treuer –; so war er auch gegen mich.
Gott, der in Hoheit thront, ihn bitte ich,
Daß er sein Heil in Gnaden ihm gewähre.
Jetzt, wenn's beliebt, erzähl' ich meine Märe.« [6410]

Der Frater lacht', als Alles er vernommen:
»Madam, ich will nicht in den Himmel kommen,
Nehmt ihr den Anlauf nicht ein wenig weit.«

Den Büttel wurmt's, wie so der Frater schreit,
Und spricht: »Ei seht, schlag' Gottes Arm darein!
Ein Bettelmönch mischt sich in Alles ein,
Er und die Fliege stecken ihren Rüssel,
Ihr guten Herrn, in jede Red' und Schüssel.
Was er nur wieder mit dem Anlauf will?
Lauf oder Trott! oder Halt ein, sitz still! [6420]
Du kommst nur unserm Spaß hier in die Quer.«
»Oho, Herr Büttel, meinst du so?« sprach Der.
»Nun, eh' ich gehe, will bei meinem Leben
Von einem Büttel ich ein Märlein geben
– Auch zwei, – daß Alle lachen hier am Platze.«
»Dann, Frater, hol' der Henker deine Fratze«,
Sprach jener, »und mich selber nebenbei,
Erzähl' ich nicht Geschichten – zwei bis drei –
Von Fratres, eh' wir sind in Sidenborn,
Daß dir dein Herz von Kummer schwillt und Zorn, [6430]
Deine Geduld wird reißen ganz und gar.«

Der Wirth rief: »Still und auf der Stelle zwar!
Laßt doch die Frau zu der Geschichte kommen.
Ihr treibt's, als wäret ihr von Bier benommen.
Madam, ihr thut am besten und erzählt.«
– »Ich bin bereit, mein Herr, wie ihr befehlt,
Giebt dieser würd'ge Mönch die Koncession.« –
»Ja wohl, Madam, erzählt, ich höre schon.«

Die Erzählung des Weibes von Bath.

In unsers Königs Artur alten Tagen,
Von dem viel Rühmliches die Briten sagen,
War dieses Land erfüllt mit Feeerei.
Der Elfenkön'gin lust'ge Kompanei
Tanzte gar oft auf manchen grünen Matten;
Dies war die Meinung, die die Alten hatten.
Das ist schon manche hundert Jahre her.
Doch jetzo sieht man keine Elfen mehr.
Jetzt ist durch Beten und durch fromme Lieder
Der Bettelmönch' und andrer heil'gen Brüder,
Die Ström' und Land durchziehn so dicht an Zahl,
Wie Stäubchen wimmeln in dem Sonnenstrahl, [6450]
Und Hallen segnen, Kammer, Küch' und Scheuer,
Flecken und Städte, Thurm und Burggemäuer,
Gemach und Speicher, Dorf und Meierei –
Dadurch ist nun das Land von Feeen frei,
Da jetzo auf den frühern Elfen-Wegen
Die Bettelmönche selbst zu wandeln pflegen
Und morgens früh und an den Nachmittagen
Die Metten lesen und Gebete sagen,
Und ordnungsmäßig ihr Revier durchschreiten.
Ein Weib kann sicher jetzt nach allen Seiten [6460]
Jedes Gebüsch und jeden Wald durchziehn
Und findet keinen Incubus als ihn,
Und der wird nie ihr eine Schmach anthun.

In König Arturs Haushalt lebte nun
Ein Rittersmann, ein Bursch von lockern Sitten,
Der kam einst von der Reiherjagd geritten
Und sah ein Mädchen einsam auf dem Pfad
Vor ihm dahergehn, den auch er betrat,
Und hat sogleich, wie sehr sie sich auch wehrt,
Das arme Mädchen mit Gewalt entehrt. [6470]
Um dies Vergehn ward solch ein Lärm gemacht
Und solche Klag' an Arturs Hof gebracht.
Daß er verdammt ward, wie das Recht es wollte,
Daß er's mit Haupt und Leben büßen sollte.
Denn also war's damals Gesetz und Brauch.
Doch bat die Königin, es baten auch
Viel andre Damen um des Ritters Leben,
Bis Artur ihm Begnadigung gegeben.
Er hieß die Königin frei mit ihm schalten,
Sie möcht' ihn tödten oder ihn erhalten. [6480]

Sie dankt dem König, wie sie immer kann,
Und spricht darauf so zu dem Rittersmann,
Als eines Tags sie ihre Zeit ersehn:
»Du bist noch so gestellt durch dein Vergehn,
Daß dir noch nicht gesichert ist dein Leben.
Ich schenk' es dir, kannst du mir Auskunft geben,
Was jedes Weib am eifrigsten begehrt.
Bewahre dein Genick wohl vor dem Schwert.
Und kannst du's mir nicht auf der Stelle künden,
Geb' ich dir Urlaub, um es zu ergründen, [6490]
Ein Jahr und einen Tag. Laß dir's gelingen,
Die rechte Antwort mir zurückzubringen.
Auch stellst du mir, eh du von dannen fährst,
Bürgschaft, daß du persönlich wiederkehrst.

Weh ward dem Ritter und er seufzt betrübt.
Was hilft's? Er kann nicht thun wie ihm beliebt.
Und so entschließt er sich zuletzt zur Reise,
Am Jahresschluß die Antwort in der Weise
Zurückzubringen, wie es Gottes Rath,
Nimmt Abschied dann und ziehet seinen Pfad. [6500]

Er forscht in jedem Haus, an jeder Stelle,
Wo er zu finden hofft die Gnadenquelle,
Aus der des Weibes höchsten Wunsch er lerne.
Doch kam an keinen Strand er, nah und ferne,
Wo er auch nur zwei Menschenkinder fand,
Die in dem Punkte gingen Hand in Hand.
Der sprach, der höchste Wunsch der Frauen wäre
Reichthum, Der: Scherz und Jubel, Jener: Ehre.
Ein Andrer: Putz, Der: Liebesschäkerein
Und Wittwe oft und neu vermählt zu sein. [6510]
Der sprach, daß es am meisten uns behage,
Wenn man uns Lob- und Schmeichelworte sage;
Und wirklich trifft das nah am Ziel vorbei:
Man lockt am besten uns mit Schmeichelei.
Dienstfertigkeit und Eifer ist die Schlinge,
Die fängt uns Alle, Hohe wie Geringe.

Ein Andrer sprach, das höchste unsrer Ziele
Sei Freiheit, und zu thun was uns gefiele.
Daß Niemand möchte unsre Fehler schelten,
Daß wir für klug stets, nie für albern gälten [6520]
Und wirklich, keine von uns Allen ist,
Die, kratzt man sie am wunden Widerrist,
Nicht ausschlägt, weil man ihr die Wahrheit spricht.
Versuch's und du wirst sehn, ich lüge nicht.
Mag sie im Innern noch so schadhaft sein,
Will klug sie scheinen und von Sünden rein.

Auch sagte man, daß es uns sehr gefällt,
Wenn man für fest uns und verschwiegen hält,
Standhaft bei einem Vorsatz zu verweilen,
Und Anvertrautes Keinem mitzutheilen. [6530]
Ein Pappenstiel, wer euch das mag erzählen!
Fürwahr, wir Weiber können nichts verhehlen.
Soll ich von Midas' Zeugniß euch berichten?
Ovid erzählt nebst anderen Geschichten,
Daß Midas, unter seinem langen Schopf
Zwei Eselsohren trug an seinem Kopf.
Doch schlau sucht' er den Fehler zu verstecken,
Daß ihn kein Menschenauge könnt' entdecken;
Auch hat sie Niemand als sein Weib geschaut,
Die er sehr liebt und der er drum vertraut. [6540]
Er bat sie, daß sie keiner Menschenseele
Von seiner Mißgestalt etwas erzähle.
Sie schwor, niemals, und würde ihr die Welt
Zum Preis für solche Schändlichkeit gestellt,
Die Schmach des eignen Mannes anzuzeigen;
Aus Scham schon würde selbst sie davon schweigen.
Und dennoch dünkt' es sie wie Todespein,
Sollte so lange sie verschwiegen sein.
Es schwoll ihr so das Herz, als sollt' es brechen,
Ein Wörtlein mußte sie nothwendig sprechen. [6550]
Und da sie's keinem Menschen durfte sagen,
Hat sie es rasch zum nahen Sumpf getragen.
Ihr Herz, eh' sie dahin kam, brannte fast.
Und wie Rohrdommeln trommeln im Morast,
So ruft ihr Mund tief in des Wassers Schwall:
»Verrath' mich, Wasser, nicht mit deinem Schall;
Nur du bist zum Vertrauten mir erkoren:
Mein Mann – er hat zwei lange Eselsohren!
Nun ist mein Herz frei, nun ist es heraus.
Und sicher, länger hielt ich es nicht aus.« [6560]
Ihr seht, wenn wir auch ein'ge Zeit uns quälen;
Es muß heraus; wir können nichts verhehlen.
Verlangt es euch nach der Geschichte Schluß,
So lest sie selbst nach im Ovidius.

Als nun der Ritter, dem jetzt mein Bericht
Ausdrücklich gilt, sah, er erführ' es nicht –
Nämlich, was Weibern gilt als höchste Lust –
Da ward sein Geist bekümmert in der Brust.
Doch geht er heim; er darf nicht länger weilen.
Der Tag ist da, wo er zurück muß eilen. [6570]
Und als er kummervoll auf seinem Wege
Dahin ritt, sah an einem Waldgehege
Er viele Damen sich zum Tanze reihn.
Es mochten mehr als vier und zwanzig sein.
Er naht sich dem Tanzplatz mit Verlangen,
In Hoffnung, dort Belehrung zu empfangen.
Doch eh' er noch zu seinem Ziele ganz
Gekommen, sieh, verschwunden war der Tanz.
Er sah nichts Lebendes dort in der Runde.
Nur saß ein Weib da auf dem Rasengrunde [6580]
So häßlich, wie man sich's kaum denken kann.
Das alte Weib erhob sich und begann
Zum Ritter: »Herr, hier geht kein Weg hinaus;
Doch sagt mir treulich: Worauf geht ihr aus?
Am Ende kann es euer Glück noch machen.
Wir altes Volk verstehn gar viele Sachen.«
»Ja, Mütterchen«, sprach drauf der Rittersmann,
»Mich trifft der Tod, wenn ich nicht sagen kann,
Was alle Frau'n am eifrigsten erstreben.
Lehrst du mich das, will reichen Lohn ich geben.« [6590]
»Gieb mir die Hand«, sprach sie, »bei deiner Ehre
Mir das, was ich zuerst von dir begehre,
Zu thun, steht irgend es in deiner Macht;
Dann geb' ich dir Bescheid, noch eh' es Nacht.«
Der Ritter sprach: »Nimm Wort und Handschlag hier.«
»Dann«, sagte sie, »verheiß' ich sicher dir,
Du sollst nicht sterben; denn, bei meinem Leben,
Die Kön'gin wird dieselbe Auskunft geben
Wie ich. – Ihr mögt die stolzeste nur fragen,
Von Allen, die Kopftuch und Hauben tragen, [6600]
Sie wagt mein Wort gewiß nicht zu bestreiten.
Doch jetzt laß unverweilt uns fürbaß schreiten.«

Worauf ein Sprüchlein sie ins Ohr ihm raunt
Und heißt ihn furchtlos sein und wohlgelaunt.

Bei Hofe hat der Ritter dann berichtet,
Daß er den Tag, zu dem er sich verpflichtet,
Einhalte und zur Antwort sei bereit.
Gar manche edle Frau, manch holde Maid
Und manche Wittwe, die als weise galten,
(Die Königin will selbst Gerichtstag halten) [6610]
Waren den Spruch zu hören hier vereint.
Alsdann ruft man den Ritter; der erscheint.
Drauf heißt man schweigen Jedermann und hören;
Der Ritter solle die Versammlung lehren,
Was in der Welt das Weib am liebsten will.
Nicht wie ein Thier steht unser Ritter still.
Vielmehr giebt er mit männlich starkem Ton,
Den Jeder hört, die Antwort vor dem Thron:

»Gnädigste Frau, im allgemeinen steht
Der Weiber Wunsch nach – Souveränität, [6620]
Daß den Geliebten oder Mann in Haft
Sie halten unter ihrer Meisterschaft.
Dies wünscht am meisten ihr. Nehmt mir mein Leben,
Wenn's euch gefällt; euch ist's anheim gegeben.«

Kein Weib, kein Fräulein, keine Wittwe wagte
Am ganzen Hof zu leugnen, was er sagte.
Sie sprachen ihn vom Tode frei sofort.

Auf sprang die alte Frau bei diesem Wort,
Die auf dem Rasen sitzend er erblickt:
»Gnade, Frau Königin«, so rief sie; »schickt [6630]
Den Hof nicht fort, eh mir mein Recht gewährt.
Die Antwort habe ich den Herrn gelehrt.
Er hat dafür sein Ritterwort gegeben
Zu thun, was ich zuerst von ihm im Leben
Erbäte, wenn in seiner Macht es stehe.
Nun denn, Herr Ritter, vor dem Hof hier flehe
Ich euch, gebt mir als euerm Weib die Hand.
Vom Tod erlöst' ich euch, wie euch bekannt.
Lüg' ich, so saget Nein bei euerm Eid.«

Worauf der Ritter Ach und Wehe schreit: [6640]
»Ich weiß gar wohl, was ich versprochen habe.
Um Gott, erheische eine andre Gabe.
Nimm all mein Gut und laß mir meinen Leib.«

»Den Fluch uns allen Beiden!« rief das Weib;
»Ob ich gleich alt und arm und häßlich bin,
Gäb' alles Gold und Erz ich gern dahin,
Das in der Erde liegt und auf der Erde,
Wenn ich dafür dein Weib und Liebchen werde.«

»Mein Liebchen? du? Nein, meine Höllenqual!
Ach, daß jemals aus meines Volkes Zahl [6650]
Ein Mann also beschimpft wird und geschändet!«
Doch half ihm nichts; der Streit ward so beendet:
Er mußte sie zu freien sich verstehn
Und mit dem alten Weib zu Bette gehn.
Zum Tadel ist wohl Mancher schon bereit,
Und meint, ich wolle aus Nachlässigkeit
Nichts sagen von dem stattlichen Gelage,
Das fröhlich man gefeiert an dem Tage.
Darauf antwort' ich kürzlich dieses nur:
Von Freud' und Festgelag war keine Spur; [6660]
Es gab hier nur Bekümmerniß und Sorgen,
Er ließ sich in der Stille trau'n am Morgen,
Hielt sich am Tag wie eine Eule häuslich;
So weh war ihm; die Braut war gar zu scheußlich.
Und groß ward erst des Ritters Weh zur Nacht,
Als mit der Frau er war zu Bett gebracht.
Er wälzt und wendet sich nach hier und dort.
Das alte Weib lag lächelnd immerfort,
Und sprach: »Mein theurer Mann, Gott helfe mir!
Thut jeder Ritter seiner Frau wie ihr? [6670]
Ist dies Gesetz bei König Artur's Schaar?
Macht jeder seiner Ritter sich so rar?
Ich bin ja euer Liebchen, euer Weib.
Ich rettete vom Tode euern Leib
Und niemals hab' ich Unrecht euch gethan.
Müßt ihr mich so die erste Nacht empfahn?
Ihr treibt's wie Einer, dem's im Kopf nicht recht.
Was that ich euch? Um Gottes willen, sprecht!
Und wenn ich's kann, so soll's gebessert sein.«

»Gebessert?« sprach der Ritter, »nein, o nein! [6680]
Dafür wird Beßrung nimmermehr geschafft,
Du bist so alt und bist so ekelhaft
Und stammst von gar zu niederem Gesinde.
Kein Wunder drum, wenn ich mich wälz' und winde.
Ach, wollte Gott, es bräche mir das Herz!«
»Ist das«, sprach sie, »der Grund zu deinem Schmerz?«
»Ja«, sagt' er, »und kein Wunder ist's fürwahr.«
»Nun«, sprach sie, »Herr, das Alles könnt' ich zwar,
Wollt' ich es, ändern in noch nicht drei Tagen;
Nur müßt ihr gegen mich euch gut betragen. [6690]
Doch was ihr da erwähnt von edelm Blut
Als angestammt von alt-ererbtem Gut,
Woher ein Edelmann ihr selber wärt:
Die Anmaßung ist keinen Heller werth.

Auf ihn sieh hin, der tugendhaft stets lebt,
Daheim und öffentlich am meisten strebt
Nach edeln Thaten, wo und wie er kann:
Ihn halte für den größten Edelmann.
Christ will, daß wir durch ihn geadelt sein,
Nicht durch den Reichthum langer Ahnenreihn. [6700]
Denn ob sie uns vererben all ihr Gut,
Darum wir rühmen unser hohes Blut,
Doch können sie als Erbschaft nie uns geben –
Keinem von uns – ihr tugendhaftes Leben,
Darum man sie als Edelleute preist
Und das auf ihrem Pfad uns wandeln heißt.
Schön giebt der weise Dichter von Florenz,
Der Dante heißt, dieselbige Sentenz.
Es lauten Dante's Vers' in dieser Weise:
Gar selten sprießt aus eignem schwachen Reise [6710]
Des Menschen Tugend; denn nur Dem gewährt
Den Adel Gott, der ihn von Ihm begehrt.
Nur zeitlich Gut wirst du vom Ahnherrn erben,
Das man verstümmeln kann und ganz verderben.
Auch weiß es Jedermann so gut wie ich:
Pflanzte der Edelsinn von selber sich
In einem Hause weiter, Mann für Mann,
Geheim und offen, Jeder würde dann
Des Adels schönen Pflichten stets entsprechen
Und keinen Schimpf begehn und kein Verbrechen. [6720]

Suche von hier zum Kaukasus ein Haus,
So dunkel als du irgend magst, dir aus;
Thu Feuer drein; verschließ die Thüren dann,
Geh fort: Und wie wenn zwanzigtausend Mann
Darüber wachten, brennt es fort und bleibt
Treu dem Gesetz, das die Natur ihm schreibt,
So wahr ich lebe, bis es hingeschwunden.

Nicht ist der Adel innerlich verbunden
Mit dem Besitz, wie ihr hiebei gewahrt,
Da nicht die Menschen, wie in seiner Art [6730]
Das Feuer thut, stets ihrem Werk nachgehn.
Gar oft kann eines Herren Sohn man sehn,
Weiß Gott, der niedrig handelt und gemein.
Und wer als Edelmann geehrt will sein,
Weil er aus einem edeln Haus entsproß,
Weil seine Väter tugendhaft und groß
Gewesen, – und doch selbst nichts Edles schafft,
Und nicht nachfolgt der edeln Ahnherrnschaft,
Der ist – ob Fürst, ob Graf – kein Edelmann.
Gemeine That macht den gemeinen Mann. [6740]
Denn Adel ist nur deiner Ahnherrn Ruf,
Den ihnen ihre hohe Tugend schuf;
Dir selbst persönlich ist er fremd und fern.
Dein Adel kommt allein von Gott, dem Herrn.
Drum wird der wahre Adel uns gesandt
Aus Gnade, nicht vererbt mit unserm Stand.

Wie edel war, von dem Valerius
Berichtet, Tullius Hostilius,
Den aus der Armuth so erhöht man sah.
Les't den Boethius und Seneca, [6750]
Da steht ausdrücklich, daß unzweifelhaft
Der edel ist, der edle Thaten schafft.
Und darum, lieber Mann, schließ ich jetzt so:
Sind meine Ahnen niedrig auch und roh
Gewesen, kann doch Gott mir Gnade geben –
Und also hoff' ich – tugendhaft zu leben.
Dann bin ich edel, wenn der Tugend Pfad
Ich folg' und meide jede böse That.

Dann werft ihr mir auch meine Armuth vor:
Der Gott, zu dem wir gläubig flehn empor, [6760]
Hat selbst der Armuth Loos erwählt auf Erden;
Und Alle, Mann und Frau und Jungfrau, werden
Gestehn, daß nicht ein Stand verwerflich ist,
Den sich erkor der Himmelskönig Christ.

Vergnügte Armuth ist ein Stand der Ehren,
Wie Seneca und andre Meister lehren.
Wen seine Armuth nicht im Frohsinn hemmt,
Gilt mir als reich und hält' er auch kein Hemd.

Wen Habsucht quält, der ist ein armer Mann;
Denn er begehrt, was er nicht haben kann. [6770]
Doch wer nichts hat und nichts begehrt, ist reich,
Und hieltst du ihn auch einem Schelmen gleich.
Die wahre Armuth ist ein sündhaft Herz.
So spricht von Armuth Juvenal im Scherz:
Hat über's Feld der Arme einen Gang,
Mag er vor'm Dieb herziehn mit Sang und Klang.
Gehaßt wird Armuth und bringt doch Gewinn;
Sie ist gar mancher Kunst Erfinderin.
Sie kann den Menschen große Weisheit lehren,
Der in Geduld sie ruhig läßt gewähren. [6780]
Die Armuth, klingt's auch in der That verkehrt,
Ist ein Besitzthum, das kein Mensch begehrt.
Oft hat der Mensch erst in der Armuth Stand
Sich selbst und seinen Schöpfer recht erkannt.
Die Armuth möcht' ich eine Brille nennen,
Wodurch die echten Freunde wir erkennen.
Drum laßt mich, Herr, da ich euch ja nichts thue,
Mit meiner Armuth künftig auch in Ruhe.
Nun, Herr, wollt ihr auch noch mein Alter schänden.
Wenn sich auch nicht Autoritäten fänden, [6790]
In keinem Buch: verlangt ihr Herrn von Ehre
Nicht selber, daß man alte Männer ehre?
Sie Vater nenne nach dem Ritterbrauch?
Und traun, Autoritäten fänd' ich auch.

Doch sagt ihr, daß ich alt und häßlich sei:
Nun denn, so werdet ihr kein Hahnenrei.
Alter und Garstigkeit, bei meinem Eid,
Sind gute Bürgen für die Züchtigkeit.
Doch da ich einmal weiß, was euch ergetzt,
Sei eure weltliche Begier geletzt. [6800]
Wählt euch denn eine Gabe von den zwein:
Soll alt und häßlich bis zum Tod ich sein,
Doch euch als Gattin treu und hold ergeben,
Daß ich euch nie betrüb' in meinem Leben;
Oder wollt ihr mich schön und jung nur sehn,
Und wollt den Kampf mit dem Besuch bestehn,
Der meinetwegen eures Hauses Pforte
Umlagern wird – vielleicht auch andre Orte?
Nun wählt selbst, was am meisten euch ergetzt.«

Der Ritter sinnet nach und spricht zuletzt, [6810]
Nachdem er tief geseufzt, in dieser Weise:
»Gattin, Geliebte, theures Weib! so weise
Ist euer Wort, ich will mich gern euch fügen.
Wählt selbst, was euch und mir zumeist Vergnügen
Und auch die meiste Ehre scheint zu bringen.
Ich will zu keinem euch von beiden zwingen.
Wie's euch gefällig, so gefällt's mir eben.«

»So habt ihr mir die Herrschaft übergeben,
Da ich kann schalten nach dem Willen mein?«

»Ja, Frau, ich denk', es wird das Beste sein.« [6820]
»Küßt mich«, sprach sie, »und fort mit unserm Leide!
Denn ich gewähre dir die Wünsche beide;
Ich werde beides sein, so schön als gut.
Gott lasse sterben mich in Wahnsinnswuth,
Wenn ich nicht stets so treu und gut dir bin,
Als je ein Weib war seit der Welt Beginn.
Und wenn ich morgen nicht so schön sein werde,
Daß mir von Ost bis West kein Weib der Erde
Gleichkommt, ob Kön'gin oder Kaiserin,
So nehmt, wenn's euch beliebt, mein Leben hin. [6830]
Zieht auf den Vorhang; seht, ob es nicht wahr.«

Und als der Ritter all das ward gewahr,
Daß sie so schön war und so jung dabei,
Schloß in die Arm' er sie mit freud'gem Schrei.
Es schwamm sein Herz im seligsten Genuß,
Und tausendmal gab er ihr Kuß auf Kuß,
Und sie gehorchte ihm in allen Stücken,
Die ihn erfreuen mochten und beglücken.
So lebten sie bis an ihr sel'ges Ende
In höchster Lust. Und Jesus Christus sende [6840]
Uns Männer, sanft und jung und frisch zum Werke;
Und geb' uns, sie zu überleben, Stärke.
Auch kürze Jesus Die an ihren Tagen,
Die ihren Fraun das Regiment versagen,
Und alten Knickern, die am Heller zwacken,
Schlag Gottes Pestilenz gleich in den Nacken.

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