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Charakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa

Theodor Birt: Charakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
booktitleCharakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa
authorTheodor Birt
year1923
firstpub1919
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleCharakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa
pages498
created20120625
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Julian

Es folgt ein neues Charakterbild, und auch das Weltbild schiebt sich vorwärts. Wie soll ich fortfahren, um den rechten Namen zu finden? Lassen wir uns ein Märchen erzählen, ein Göttermärchen. Es lautet also:

Ein reicher Mann hatte viele Rinder und Ziegenherden und viele tausend Rosse auf seinen Weideplätzen. Sklaven und Freie dienten ihm, die die Herden hüten mußten. Fast den ganzen Reichtum hatte er sich selbst erworben, rechtlich und auch unrechtlich. Um die Götter aber kümmerte er sich wenig. Viele Frauen, Söhne und Töchter hatte er; denen vermachte er seine Güter im Sterben; aber er hatte sie nicht belehrt, sie richtig zu verwalten. Auch er selbst hatte nur mit halber Sachkenntnis geschaltet. Jeder von den Söhnen wollte nun aber gleich alles haben, und sie wandten sich gegeneinander. Dazu drängten auch die anderen Verwandten heran, alle gleich unverständig und unbelehrt, und das Morden begann unter ihnen, und alles war voll Greuel. Auch mit den alten Familienheiligtümern ging es nicht besser: sie wurden niedergerissen. Als Gott Zeus in der Höhe das sah, wie alles in Verwirrung und mit Schande befleckt war, fühlte er Mitleid und sprach zu Helios: »Gedenkst du, mein Sohn, noch jenes Verwegenen, der dich zu ehren aufgehört hat und an diesem Elend seiner Familie schuld ist?« Helios aber rief gleich die Moiren herbei, und auch die zwei Töchter des Zeus, die da heißen Heiligkeit und Recht, kamen gewandelt. Die erhoben ihre Stimme und sprachen: »Du, Zeus, bist der Herr; so mach, daß die Entheiligung des Heiligen auf Erden endlich aufhöre.«

Die Moiren, die dunklen Schicksalsschwestern, saßen stille und hörten und spannen, was der Vater Zeus befehlen würde. Zeus aber sprach zu Helios: »Gib acht. Da lebt noch ein einziges Kind, das verwandt ist mit jenen Argen, vernachlässigt und beiseite geschoben. Schwöre du bei deinem Zepter, dich des Knaben anzunehmen. Nähre, erziehe ihn. Seine Seele ist voll Qualm und Ruß, und das Feuer, das du in ihr entzündet hattest, könnte leicht verlöschen.«

211 Der König Helios suchte und fand das Kindchen und sah mit Freuden noch einen Funken reinen Lichtes, der in ihm glühte, und er erzog ihn, und auch Athene kam und half ihn erziehen, bis daß das Kind Jüngling wurde und der erste Flaum sich um seine Wangen zeigte. Der Jüngling aber, da er um sich schaute, erschrak über all das Unheil in seiner Verwandtschaft bis ins tiefste Herz und hätte sich in seiner Verzagtheit hinabgestürzt in den Tartarus, hätte nicht Helios einen Schlaf über ihn geworfen. Dann floh er in die Wüste; da trat Gott Hermes zu ihm und sprach: »Vertraue mir. Ich will dich führen.« Der Jüngling wappnete sich mit Schwert und Schild, doch ohne Helm, und Hermes führte ihn in ein Blumenparadies, wo zwischen Lorbeer und Myrten auch goldene Äpfel prangten: ein Götterhain. »Hier bete,« sprach Hermes; »sei klug und bitte um das, was dir das Beste ist.« Was ist das Beste?

Da flehte der Jüngling: »Droben ist es seliger als hier; o Vater Zeus, so zeige mir den Weg hinan zu dir.« Und ihn befiel ein Traum, ein wunderbares Außersichsein, und er sah geblendet Helios selbst und umfaßte seine Knie. »Rette mich,« rief er. Helios hieß huldvoll Athene, die Göttin, sich nahen, daß sie zunächst des Jünglings Wappnung vollende, und sie gab ihm ihr eigenes Gorgoneion und ihren Schlachtenhelm.

»So voll gerüstet kehre anjetzt zur Erde zurück!« erscholl der Befehl. Dem Jüngling aber stürzten nur die Tränen: »Laßt mich bei euch bleiben; man würde mich töten!« »Nicht also! Gesichert wirst du leben, wenn du dich einweihen läßt in die rechten heiligen Weihen. Reinigen sollst du dich von jenem unfrommen Gottesdienst und nur zu mir und zu Athene beten und den anderen Göttern.«

Der Jüngling hörte es sprachlos. Da hob ihn Helios auf einen hohen Felsen, wo über ihm überschwengliches Licht, unter ihm Dunst und Dämmer und trübes Halblicht. »Siehst du dort unten auf Erden den Mann, dir verwandt, deines Oheims Sohn, ihn, der nun alles geerbt hat? Siehst du auch seine Herden und seine Hirten?« »Ich sehe,« sprach der 212 Jüngling. »Was siehst du?« »Ich sehe, daß der Erbe im Schlaf liegt, süßer Lässigkeit hingegeben, indes seine Hirten voll boshafter und tierischer Gier die Herden schlachten, verspeisen und für ihren eigenen Vorteil verhandeln.«

»So will ich dich statt jenes zum Herrn über alles machen.«

»Erspare mir das!« flehte der Jüngling auch jetzt wieder in scheuem Widerstreben. Aber Hermes hauchte ihm Mut ins Herz, und »Gehorche,« sprach Helios; »sonst muß ich lernen, dich zu hassen, den ich so sehr geliebt.«

»So will ich tun, was ihr Götter gebietet.«

»Die Bösen haben den andern, deines Oheims Sohn, in die Gewalt bekommen. Lerne du selbst, o Knabe, wenn du Herrscher bist, den Schmeichler vom wahren Freund zu unterscheiden, und sei wach. Lebe als Freund mit deinen Freunden und glaube nicht, daß sie deine Knechte sind. Liebe deine Untertanen, so wie ich dich liebe. Dann wird dein Werk gelingen. Gehe hin, und alle Götter sind mit dir! Niemand aber verführe dich, jemals von uns abzulassen. Unsterblich ist deine Seele; sie stammt von uns, vergiß es nicht, und wenn du treu bleibst, wirst du einst selbst unter Göttern leben und den höchsten Vater aller Dinge mit Augen schauen.« –

Von wem stammt diese Fabel? Von Kaiser Julian. Er erzählt sieOratio VII, S. 294 ff. (ich zitiere Julians Schriften nach Seiten der Hertleinschen Ausgabe). Den Wortlaut der Fabel Julians habe ich nicht unwesentlich verkürzt.. Es ist der Apostat, der »Abtrünnige«. Er selbst ist der Jüngling. Die Götter sind es, die ihn berufen, die alten Weihen wiederherzustellen, und ihm die Herrschaft verkünden. Vom unfrommen Gottesdienst, dem Christentum, soll er lassen. Des Oheims Sohn, der da in süßer Genußsucht schlummert, ist Julians Vetter, der regierende Kaiser Constantius, der Sohn Constantins des Großen. Und wir hören zum Schluß Julians Gelübde selbst. Mit dem Gelübde, die Untertanen zu lieben, so wie Gott Helios ihn liebt, ist der junge Fürst in die Welt getreten. Sehen wir, wie er es erfüllte, wie er der Berufung der Götter nachkam. Ein hohes religionsgeschichtliches, ein nicht geringes persönliches Interesse knüpft sich an seine Gestalt. Neben der Kolossalfigur Constantins des Großen gibt dieser 213 Julian wohl nur ein Miniaturbild in engem Rahmen; aber aus ihm leuchtet endlich etwas von reinem Sonnenlicht, nach dem wir uns sehnen, während jener Koloß düstere Flammen speit, dem Ätna gleich.

Schon die Fabel verrät uns, wie es nach Constantins des Großen Tode, der im Mai des Jahres 337 erfolgte, weiter ging. Zwei Monate lang fehlte zunächst ein Nachfolger, und es erschienen weitere kaiserliche Edikte unter desselben Constantin Namen, als töne seine Stimme noch ruhelos aus dem PorphyrsargeVgl. Eusebius Vita Const. 4, 67; Sokrates 1, 40; Mommsen zum Codex Theodos. XIII, 4, 2.. Dann herrschten die drei Söhne, und das erste war, daß sie ihre weiteren Mitregenten, die Vettern Dalmatius und Hannibalianus, töten ließen (im Jahre 337). Aber da waren der Verwandten noch mehr, die lästig schienen, unter anderen Julians Vater, ein Stiefbruder Constantins des Großen, mit Namen Julius Constantius. Julian war dieses Mannes Sohn aus zweiter Ehe, der außerdem aus erster Ehe zwei Söhne hatte. Aber auch hier griff nun das Morden ein. Sowohl der Vater Julians Constantius wie der älteste der Söhne wurden gewaltsam beseitigt. Der Sohn Gallus, aus erster Ehe, wurde vorläufig nur deshalb geschont, weil er kränklich war, Julian, weil er erst sechs oder sieben Jahre zählte. Ihre Beseitigung wurde verschobenVon der ganzen zahlreichen Nachkommenschaft des ersten Constantius lebte außerdem nur noch der Enkel Nepotianus, der Sohn der dritten Stiefschwester Constantins des Großen, die Eutropia hieß. Dieser Nepotianus kam erst im Jahre 351 in Rom durch Magnentius ums Leben.. Man denke, mit welchen Gefühlen der Knabe Julian heranwuchs, von Angst und Abscheu hin und her geworfen, verstoßen, vernachlässigt, ganz auf sich gestellt. Die junge Seele trug sich mit SelbstmordgedankenEr wollte sich in den Tartarus stürzen, sagt uns die Fabel..

Aber er gab acht und hörte von dem Hader, der sogleich zwischen seinen drei Vettern, den drei regierenden allerchristlichsten Herren Constantin dem Zweiten, Constantius und Constans entbrannte. Constantin der Zweite war es, der da gegen seinen Bruder Constans losbrach, aber er kam dabei ums Leben (im Jahre 340), und so wurde Constans, der jüngste, zunächst der mächtigste Herr. Man glaubte anfangs, daß er sich gut anließ; bald aber nahm er die üblichen Tyrannenmanieren an, wuchernd mit dem Kredit seines verstorbenen großen Vaters. Da muß Constans fliehen; denn ein Offizier 214 fränkischen Blutes, der wilde Magnentius, erhob sich zum Gegenkaiser. Einen seiner germanischen Hauptleute schickt Magnentius hinter ihm her bis in die Pyrenäen, und Constans wird niedergestochen (im Jahre 350).

Nun lebte von den drei Brüdern nur noch Constantius, der im Orient die Krone trug. Wenn er das Gesamtreich beanspruchte, so hatte er jetzt den Magnentius gegen sich; aber nicht nur ihn; denn auch in den Donauländern hatte sich einer der Generäle, Vetranio, zum Kaiser aufgeworfen.

Also Kampf. Constantius zagte; da erschien ihm, so heißt es, sein Vater im Traume und machte ihm Mut. Ohne Wunderträume ging es bei Christen und Heiden nicht ab, nach der Art der Träume des Pharao in den Büchern Moses.

Vetranio wurde rasch beseitigt; ungleich schwerer war mit Magnentius der Kampf. Um indes seine Dynastie zu sichern, machte Constantius den jungen Gallus, den Stiefbruder Julians, zum Cäsar für den Orient (im Jahre 351); denn er brauchte einen Helfer eigenen Blutes. Dieser Gallus wurde also nicht getötet; der Verwandtenmord hatte scheinbar aufgehört; für Julian die überraschendste Wendung.

Es folgte der große Krieg mit Magnentius mit den blutigsten Schlachten, die mit Ausgleichsversuchen abwechselten. Der Krieg spielte sich im Balkan, im Donaugebiet, in den kottischen Alpen ab. Julian konnte nicht anders, als seinem Vetter den vollsten Erfolg wünschen; denn er selbst würde mit diesem Magnentius nie paktiert haben. Auch siegte Constantius endgültig im Jahre 353. Er hatte sich dabei freilich der bedenklichsten Mittel bedient, indem er die freien Germanen vom rechten Rheinufer gegen das römische Reichsland Gallien hetzte, sie mit Gold bestach, damit sie in das Herrschergebiet des Magnentius einfielen. Eine verhängnisvolle Maßregel.

Magnentius war tot, und der Sohn Constantins des Großen hatte jetzt das Reich unbestritten allein unter sich. Von der großen Familie lebten außer ihm nur noch Gallus und Julian. In Wirklichkeit aber war nicht er der Herrscher.

215 Constantius war freilich eine rechte Soldatennatur und erst zwanzigjährig, als er das Regiment begann. Julian rühmt ihn uns als ausgezeichneten Reiter und Bogenschützen. Auch verfügte er über einen wuchtigen, protzig großmächtigen Redeton, den er oft geschickt zu gebrauchen wußte. Im übrigen aber war er mangelhaft gebildet und von stumpfer Natur; vor allem kein Menschenkenner, hilflos in allen so unendlich wichtigen Personalfragen; und daher kam es; daß er der Camarilla seiner Hofleute freieste Hand ließ. Mochten sie einsetzen und absetzen, rauben und töten; es war für ihn das Bequemste. Und die immerwährende Angst um den eigenen Thron trieb ihn um. Heimtückisch und kleinlich, verbarg er seine Gefühle unter der Maske götzenhafter Unnahbarkeit.

Vor allem beherrschte ihn der garstige Eunuch Eusebius, die Natter, das giftige Reptil; natürlich ein eifriger Christ wie alle anderen. Es folgten die übelsten Zeiten. Es sind die Jahre, in denen der Knabe Julian heranwuchs.

Julian war in Konstantinopel geboren, mutmaßlich im Jahre 331Nach anderen im Jahre 332. Sein Geburtstag war der 6. November.. Er war elternlos, sein Vater hingerichtet, seine Mutter gleich nach seiner Geburt gestorben. Diese Mutter stammte aus einer vornehmen Familie des stadtrömischen AdelsEin Bruder der Mutter lebte noch längere Zeit, tritt aber wenig hervor; vgl. Julians Epistel 13. Dieser Onkel starb im Jahre 363.. Des vereinsamten Kindes Erziehung lag zunächst in der Hand eines alten Eunuchen Mardonius, der Christ war und schon Julians Mutter in literarischen Dingen unterwiesen hatte. Der ließ ihn wie jeden Bürgerjungen in die Schule gehen, und wir hören, wie das Prinzlein da schlicht gekleidet auftrat, in den Schulraum nie eintrat, wenn der Lehrer ihn nicht aufrief, vorher ruhig mit der Menge der Buben draußen wartete und mit dem Haufen ging und kam. Auch im Lehrgegenstand wurde er nicht bevorzugt. Mardonius las mit ihm den Homer, ein Bischof das Evangelium. Auf den Straßen mußte er immer sittsam die Augen zu Boden schlagen, und das Theater war ihm so gut wie ganz verschossen. Der biedere Mardonius wollte es so. »Auch Pferdesport und Fechterspiel,« sagte er, »das steht ja schon herrlich genug im Homer zu lesen. 216 Wozu also erst in den Zirkus gehen?« Der Junge hing trotzdem mit Verehrung an dem Lehrer.

Gewiß verriet sich seine Begabung früh, und wo Begabung ist, ist Ehrgeiz. Schlagfertigkeit, das BefehlenkönnenLibanius nennt es in seiner Rede auf Julian S. 526 die königliche Anlage. Damit ist eben dies gemeint. gehört zum Wesen Julians; es muß sich schon früh gezeigt haben. Um so mißtrauischer war gegen ihn Kaiser Constantius, und Julian wurde, als er dreizehn Jahre zählte, auf eine ferne Landstelle getan, den Einflüssen der Hauptstadt entzogen. Es war das glänzende Königsschloß Macellum, das, von Parks und Springbrunnen umgeben, im Taurusgebirge im Lande Cappadocien, am Fuße des Bergriesen Argäus lag, der 12 000 Fuß hoch und von ewigem Schnee bedeckt ist. Auch der Bruder Gallus kam mit dorthin, als sein einziger Gefährte. Es war für Julian wie Stauung des Gießbachs, ein Versiechen in der Öde. Er war wie ausgestoßen. Sein Bruder Gallus stand ihm innerlich fern. So lernte er dort Einsamkeit, Selbstbesinnung, das Grübeln, er lernte in dem ihn umgebenden grandiosen Gebirgsland den Sinn für die Erhabenheit des Weltalls, die Andacht in der Natur. Ihn ergriffen die Wunder des südländischen Himmels, diese Sterne in ihrem Prangen und Glitzern wie Diamanten, millionenfach, und die Lichtfülle des strahlenden Sonnenballs, der die Erde mit flüssigem Gold überflutet, jenes ewig wandelnden Helios, vor dem die Hochgebirge zu knieen schienen. Kein Freund durfte die beiden Prinzen dort aufsuchen. Die Lehrmeister (auch jetzt wieder Kastraten) erzogen die beiden streng in der Christenlehre mit Fasten und Beten, Almosengeben und Heiligenverehrung. Auch im Kreuzschlagen mußten Julians Finger sich üben. Er hatte ohne Frage die Taufe empfangen; aber schon damals begann der Konflikt in ihm: Christentum und altes Hellenentum!

Da kam die unerwartete Wendung: Gallus wurde zum Cäsar erhoben und ging als solcher nach Syrien, Antiochien ab. Zugleich durfte jetzt (im Jahre 351) auch Julian sich auf Reisen begeben, für ein paar Jahre ein freier Mensch, und er suchte nun als zwanzigjähriger Student in Städten wie Ephesus und 217 Nikomedien lernhungrig die Großmeister der Philosophie, Chrysanthius, Maximus und andere Schüler des damals vergötterten Jamblichus, aufDurch den Commentar, den Jamblichus zu Plato's Alkibiades geschrieben, wurde Julian besonders beeinflußt; s. Asmus in d. Sitz. Ber. der Heidelberger Akad. 1917, 3 Abhdl. S. 5.. Es war nicht eigentlich Philosophie, es war eine neue Götterlehre und heidnische Dogmatik, was er da fand. Jene Männer hofften, die Götter damit vor Christus zu retten. Vor allem wurde Maximus, ein Greis aus vornehmem Hause, ehrwürdig und hochgewachsen und von packender Suada, sein nächster Berater und Seelsorger. Der Neuplatonismus nahm ihn gefangen. Es ist zum Verständnis nötig, bei dieser tief- oder hochgreifenden Lehre kurz zu verweilen.

Die Lehre griff in alle Himmel. Der Trieb stand nicht nach Vielgötterei, der Trieb stand nach dem einen Höchsten, dem Quell alles Guten. Ein Gottvater als Weltschöpfer, wie ihn Plato lehrte, genügte nicht; denn solches Weltschaffen erfordert Tätigkeit und Mühsal; der erhabenste Urgrund alles Daseins aber kann nur von Ewigkeit zu Ewigkeit in sich ruhen. Er ist das nur geahnte »Eine und Erste«, das Grundgute oder ÜberguteSo wie wir vom Übermenschen reden, so redet man damals vom 1Überschönen und Überguten, ὑπέρκαλον und ὑπεράγαϑον, vgl. Plotin VII, 9, 6; und zwar ebenso auch die Kirchenväter.. Mit ihm aber sucht die Menschenseele sich zu vereinen, es fühlen zu lernen, und dazu genügt kein Denken und kein Grübeln; ein Rausch erfaßt das Herz, eine Ekstase, die alles Denken aufhebt, wenn wir das Ich in den Urgrund alles Seins versenken. Begnadet, wer diesen Zustand erlebt! Es ist die Sehnsucht der Einzelseele aus der Sinnlichkeit heraus nach dem unergründlichen Höchsten. Alle Kreatur teilt diese Sehnsucht.

Wie aber entstand aus dem Einen und Grundguten die Welt? Einzelne göttliche Wesen von unendlicher Reinheit müssen sich vor Äonen aus ihm losgelöst haben, und diese reinen Götter oder göttlichen Geister senkten sich aus ihm wie auf einer unendlichen Himmelsleiter von Licht in Abstufung zur Sinnenwelt, die wir greifen können, nieder. Die Unvollkommenheit des Menschen ist unbegreiflich, wenn es nicht solche Götter gibt, die die Mittler sind und zwischen dem Urquell und uns eine Mittelstufe bilden. So tritt wunderbar aus dem »Einen« zunächst der Weltintellekt (oder Nûs) hervor, der Gott ist und in sich die Ideen aller zu schaffenden Dinge trägt; es tritt weiter hervor die göttliche Weltseele, die die Myriaden Einzelseelen ausströmt und so das Jenseitige mit dem Diesseitigen verbindet. Denn eigentümlich jeder Seele ist, daß sie in die Materie dringt; sie kleidet sich in sie, das heißt in die Sinnlichkeit; denn die Materie ist das Sinnliche, und sie ist das Übel. Durch sie kommt das Übel in die Welt.

So baut sich in überschwänglicher Phantastik eine überirdische Geisterwelt, eine Götterwelt auf, zahllos und gestaltlos wie die vielen tausend Engel und Erzengel, an die die Juden und Christen glaubten.

Zu dieser Götterwelt gehören auch die Götter der Volksreligion. Es gilt nur, die alten Fabeln, die von ihnen erzählen, wegzuwerfen; sie beruhen auf Mißverstand. Weltintellekt, das ist Zeus. Die göttlich reine Weltseele, das ist Aphrodite. Gott Amor – Eros – ist nicht Schutzpatron leichtfertiger Liebeleien, er ist der Liebestrieb, der uns auf Schwingen zu Gott führt. Viele der Götter wandeln auch sichtbar über den Himmel, und die Sterne sind ihr Astralleib. Den Reigen der Planetengötter aber führt der König Helios, dessen himmlischer Körper nichts als leuchtender Äther ist. Sie alle sind gut und rein und Helfer der Menschen; sie sind Ausstrahlungen, Hypostasen der immanenten Eigenschaften des ersten Einen, des Grundguten.

Der Mensch aber soll nun trachten, ihnen gleich zu werden, und dazu muß er sich möglichst entsinnlichen; gleichwohl aber soll sich der Mensch doch offenen Sinnes an dieser Erdenwelt freuen. Denn Schönheit ist tausendfach über die Materie ergossen, und alle Schönheit ist ein Wunder und göttlicher Art. Wer das Schöne liebt, in dem wachsen schon die Erosflügel zum Aufschwung ins Übersinnliche. So behalten nach dieser Lehre denn auch die Götterbilder in den Tempeln ihren Wert; denn sie versuchen das Edle, das überirdisch ist, deutlich vor das Auge zu stellen, und die Idee des Gottes haftet an ihnen. Ja, auch das Opfer kommt wieder zu Ehren, nur gilt es nicht mehr als Speisung des Gottes, sondern als Hingabe und Versuch der 219 Huldigung; es ist das Aufopfern eines Wertes dem Gott zu EhrenJulian selbst sagt S. 377: »Halte die Statuen nicht für Götter; sie sind nur Symbole ihrer Allgegenwart. Der Gott bedarf nichts; es ist nur unsere Verehrung, die sich im Spenden zeigt. Du verehrst das Porträt deiner Eltern; warum nicht auch das Bild Gottes?« usf..

Die ganze Lehre ist also scheinbar eine bloße Überbietung des herkömmlichen Polytheismus, ein Chiliotheismus, und doch aufgebaut auf deutlichem monotheistischem Grundgedanken. Schließlich wird Helios allein der verehrungswürdige sichtbare königliche Gott, der für uns der Mittler ist mit dem einen Urgrund alles Guten. Gottesdienstlich stellt er sich dar im MithrasdienstVgl. G. Mau, Die Religionsphilosophie Kaiser Julians (1908), S. 80, 88 und sonst..

Plotin, der Ägypter, hatte dereinst, vor noch nicht hundert Jahren, diese neue Lehre erdacht, und an Plotins Person haftete grenzenlose Verehrung, dem keuschen Manne, von dem man glaubte, ein wirklicher Gott sei in ihmEs kann von ihm gelten, was Goethe von Klopstock sagt: »Er erwarb sich das völlige Recht, sich als eine geheiligte Person anzusehen.«. Als er starbIm Jahre 270 in Campanien; er wirkte in Rom., schlüpfte eine Schlange unter seinem Sterbelager hervor und verschwand in der Mauerritze. Die Schlange war der Gott in ihm. Plotin schämte sich seines Leibes, ließ sich nicht porträtieren, weil jedes Abbild doch nur den verächtlichen Körper zeigt, und bei seiner letzten Krankheit lehnte er jede ärztliche Hilfe ab; man wollte ihm ein Klystier geben, aber das verletzte sein Schamgefühl.

So hegte Plotin denn auch, wie jene ganze Zeit, ob Heiden, ob Christen, den Glauben an das Wunder. Ich denke an den Dämonenglauben. Plotins Schüler, von denen ich Jamblichus besonders nenne, bildeten seine Lehre weiter, und bei ihnen wächst der Sinn für die vierte Dimension. Schon Christus treibt im Evangelium böse Dämonen aus, die dann in die Säue fahren. Jetzt wird gelehrt, daß es böse, aber auch gute Dämonen gibt, die an Macht zwischen Göttern und Menschen in der Mitte stehen und imstande sind, uns zu erscheinen, wenn wir sie zu rufen wissen. Das Magische setzt ein, der Spiritismus. Man beschwört die Geister, wie Faust es tut. Auch die christlichen Heiligen und Eremiten tun dasselbe Wunder. Das Wunder ist alles Glaubens liebstes Kind. Jener Maximus selbst, an den der junge Julian sein Herz hängte, hatte einmal 220 bewirkt, daß das Hekatebild im Tempel zu lächeln begann und die Lampen in ihren Händen sich von selbst entzündeten.

Julian, der einsam Gelassene, hatte sonst keinen Freund, keinen väterlichen Berater. Wir begreifen, daß es ihn zu diesen Männern drängte, da die christliche Sippschaft, die er zu beobachten begonnen hatte, ihm in ihrer Unmoral Abscheu einflößte. Jetzt schien ihm alles tieferen Sinn zu haben, und das Leben hatte einen Zweck, die Tugend hatte ihre Hilfe von oben. Auch an das Wunder glaubte er gern, sofern er es nicht selbst verrichten sollte. So meinte er, Herakles habe dereinst wunderbar auf dem Meer wandeln können ohne Erdenschwere, so wie es Jesus tat; denn die Elemente müssen der Gottheit gehorchen. Aber er wahrte trotzdem seine Eigenart. Wir nehmen wahr, daß er persönlich von aller Magie sich völlig fernhielt. Sein Wirklichkeitssinn war denn doch zu groß. Er war ein Mann des ehrlichen Kampfes und nicht des Zaubers. Nur einmal erzählt er uns einen rätselhaften Traum, aus dem er seine Zukunft deutetJulian S. 496..

Das Wichtigste war aber bei all jenen Männern nicht der Glaube, sondern die Sittlichkeit, das Verhältnis des Einzelmenschen zum Guten, und das war es eigentlich, was den Julian zog. Das Leben am Hof, in der Kaiserfamilie, erwies sich als ruchlos; fast alle ihre Glieder mit Greuel befleckt; auch die Bischöfe der Kirche gewissenlos habgierig; die kläglichste Mißernte der christlichen Ethik. Die Schüler Plotins zeigten sich anders. Des Menschen Wille (lehrten sie) ist frei, und jeder ist für sein Tun verantwortlich; drei Tugenden aber des Menschen gibt es, und alle drei soll er üben: die niedrigste ist die volle Erfüllung der Bürgerpflichten; höher steht die Selbsterziehung durch Abstinenz und Überwindung alles niederen Begehrens, am höchsten die religiöse Pflicht, durch Denken und über alles Denken hinaus sich in das höchste Göttliche zu versenken»So wie der Bildhauer nur einen Teil des Marmors wegzumeißeln braucht, damit das Götterbild aus ihm klar hervortrete, so entfernt auch der Mensch, der an sich selbst arbeitet, von sich alles überflüssig Materielle und Irdische, um gottähnlich zu werden« (nach Ed. Zeller).. In der Tat sind jene Männer dem Julian ein Muster der Lauterkeit gewesen, und so stellt sich der Neuplatonismus jetzt gegen das Christentum in Kampfstellung. Die Defensive 221 wird zur Offensive. Der heidnische Götterhimmel überflügelt den Himmel Christi. Ihr habt Wunder? Wir haben sie auch. Ihr habt Tugend? Wir haben sie auch. Laßt sehen, wo die bessere Tugend ist. Wir sind die Erben des Griechentums, ihr seid die Erben der Juden. Daher lautet der Gegensatz jetzt in Julians Munde: hier Hellenen, dort Galiläer! Christus selbst wird nur noch der Galiläer genannt.

Julian trug damals das Haupt geschoren und lebte wie ein Mönch. Das paßte zum Neuplatoniker so gut wie zum Christen. Wie es aber in Wirklichkeit in ihm aussah, verrät uns ein Zeitgenosse, der ihn in Athen täglich sah und später so geschildert hat: er fiel auf durch sein erregtes Wesen, den unruhigen Gang; er zuckte viel mit den Achseln; die Augen waren weit aufgerissen und schienen zu rollen; die Nüstern weit gespannt. Dann sah man ihn wiederum oft wie verträumt und schwankenden Schrittes über die Straße gehen; plötzlich machte er einen Witz, lachte rauh auf und stellte irgendwelche zusammenhanglose Frage.

Diese Schilderung eines christlichen Kommilitonen ist gehässig gemeint und doch äußerst wertvoll; denn sie zeigt, wie es damals mit Julian stand. Der Tatenmensch, der zukünftige Staatsmann und Kriegsmann regte sich natürlich früh in ihm; er paßte nicht dazu, mit Phlegma den Philosophenmantel zu tragen und die Schultern ruhig zu halten, wie die Pedanten es vorschriebenQuintilian schreibt dies vor.; und wenn er wie ein Träumer schien und sprunghaft Abgerissenes redete, so grübelte er über seine Zukunft. Er lebte in ständiger Erregung. Seine Gedanken jagten hinaus über die Gegenwart, und er mußte sie doch verheimlichen. »Wer nicht stets das Mögliche und das Unmögliche vorausberechnet, ist ein Tor,« so sagt er selberSiehe Suidas s. v. ἀπόνοια. Das ist bezeichnend. Auch trieb er schon damals heimliche Studien über StaatslehreDaher die vielen Zitate bei ihm aus Platos Staat und Gesetzen und Aristoteles' Politik. Übrigens wird Julian auch Sopaters Fürstenspiegel gelesen haben; s. oben S. 204, Anm. "Es handelt sich um Sopeter..."., vielleicht auch schon über StrategieNur so wird seine Beherrschung aller strategischen Kunstgriffe, wie er sie hernach zeigte, verständlich.. Gewiß hat er für seine philosophischen Lehrer geschwärmt wie jeder lebhafte Mensch von geistig überwältigenden Männern des Wortes, zumal wenn es um die höchsten Dinge geht, sich 222 hinreißen läßt. Aber es war doch nur seine zweite Natur. In Julian, dem Studenten der heidnischen Theologie, maskierte sich der künftige Germanenbesieger. Hätte sein allmächtiger Vetter Constantius geahnt, daß ein Mensch der Tatkraft in ihm steckte, er wäre gleich erdrosselt worden.

So vergingen fünf Jahre (von 350–354). Zeitweilig war er krank, trat aber dabei für die Bekannten, die er fand, oftmals hilfreich tätig ein, so zum Beispiel für die Vermögensverwaltung einer vornehmen Frau Arete, die in Phrygien lebte und zu der er eine Verehrung faßteVgl. den Brief an Themistius S. 259 f.. Ja, auch viele Leute kamen damals nach Nikomedien gereist, um den jungen Prinzen zu sehen, und alle wünschten, er möchte Kaiser werdenLibanius Rede auf Julian S. 528 f..

Inzwischen ging die Weltgeschichte ihren Gang. Es waren entartete Zeiten. Constantius thronte in Mailand, der junge Gallus in Antiochien. Es fragte sich, wo übler gewirtschaftet wurde.

Der Eunuch Eusebius, der kaiserliche Oberkammerherr, war in Mailand noch immer am Ruder, und seine Spione arbeiteten ihm in die Hände. Durch Foltern wurden Geständnisse von Verschwörungen erpreßt, und die Einkerkerungen, die Hinrichtungen hörten nicht auf. Die Bande der Höflinge nahm die eingezogenen Vermögen an sich. Ähnlich wirtschaftete der gefürchtete Notar Paulus, der Kettenmeister (Catena), wie man ihn nannte, in Gallien. Er zwang den Vikar von England sogar zum Selbstmord, schleppte eine Menge Angeklagter an den Kaiserhof, und keiner wurde freigesprochen. Einen Freispruch gab es nicht.

Und das Übel ging weiter. Im Lande Gallien kämpfte der treffliche Heermeister Silvanus gegen die immer andringenden Franken. Gegen diesen Mann richtet sich die abgefeimteste Intrigue; um auch ihn in den Verdacht zu bringen, daß er Kaiser werden wolle, fälschte man Briefe, zu denen man sich seine echte Unterschrift verschaffte; einer der Briefe betraf Waffenbestellungen und war an eine italienische Waffenfabrik 223 gerichtet. Die Fälschung wird aufgedeckt, aber die Camarilla siegt trotzdem; die Fälscher bleiben ungestraft, und Silvanus geht dann trotz allem zugrunde. Er wird so bedrängt, daß er in der Notwehr wirklich den Purpur nimmt; da hatte man ihn, wo man ihn haben wollte. Jetzt konnte man ihn inmitten seiner Soldaten niederstechen lassen. Solches geschah in Köln am Rhein. Der Historiker Ammian, der Verehrer Julians, erzählt uns das alles; er war selbst zugegen.

Inzwischen trieb es Gallus, Julians Stiefbruder, der eifriger Christ war, in Syrien nicht besser, am infamsten seine Gattin Constantia, die Megäre, eine der Töchter Constantins des Großen. Auch hier dieselbe Spionenwirtschaft. Spione werden als Bettler verkleidet, gehen so bettelnd in die Häuser der Reichen, um zu lauschen. Hören sie ein verfängliches Wort, erfolgt die Hinrichtung auf der Stelle. Auch eine Liebesgeschichte wird erzählt. Ein schöner junger Mensch hat sich vermählt, aber seine Schwiegermutter verliebt sich in ihn. Er weist ihr Ansinnen zurück; da dringt die erboste Frau zur Kaisertochter Constantia. Sogar ein kostbares Halsgeschmeide ist nötig; den Schmuck nimmt Constantia als Geschenk an und erläßt den Befehl: der Jüngling wird getötet.

Dann ist Teuerung in Antiochien, und das Volk schreit wild nach Brot. Gallus ruft in die Masse: »Ich gönne euch ja gewiß die beste Ernährung; aber hier steht Theophilus und er ist schuld.« Theophilus war der konsularische Landesverwalter, und das Volk stürzt sich auf diesen Mann und zerreißt ihn in Stücke. Gallus sah dem zu. Der christliche Pöbel war nicht besser als der christliche Hof.

Das wurde denn doch auch dem Constantius zu schlimm; er wollte den Gallus unschädlich machen. Gallus soll also nach Mailand kommen. Einen hohen Beamten, Domitian (früheren Finanzminister), sendet er darum nach Antiochien. Der aber ergeht sich gegen Gallus in ungeschickten Drohungen. Auch einer der Minister des Gallus selbst greift in den Handel ein. Gallus hetzt seine Soldaten gegen die beiden, und sie werden 224 jämmerlich durch die Straßen geschleift und zu Tode gebracht. Wild gemacht, suchte Gallus noch nach weiteren Opfern, und er fand sie. Er erfuhr zum Beispiel, in der Stadt Tarsus sei eben jetzt ein Pupurkleid gewebt worden. Für wen? Die Handarbeiter der Weberei werden gefoltert, bis sie irgendwelche Namen von Käufern nennen; ein christlicher Diakon soll an dasselbe Kleidergeschäft kürzlich einen Brief geschrieben haben. Auch er wird gepeinigt, vor allem aber der Gouverneur der Provinz, in welcher die Stadt Tarsus lag, getötet; denn ein Purpurkleid bedeutete Anspruch auf den Kaiserthron. Der Mann war verdächtig.

Aber den Gallus ereilt jetzt sein Schicksal. Seine Gattin Constantia brach nach Mailand auf, starb aber auf der Reise. Durch Beteuerung von Liebe und Eintracht weiß Constantius danach auch den Gallus selbst zur Abreise zu verlocken; auch er will jetzt nach Mailand, wird aber schon unterwegs als Gefangener behandelt, des Purpurs beraubt, nach Pola geschleppt und dort enthauptet. So endete Julians Bruder.

Man denke sich, mit welch innerem Protest ein begeisterter Ethiker wie Julian von all diesen Schändlichkeiten hörte. Daher sein reformatorischer Tugend- und Frömmigkeitsdrang; es war die Rücksehnsucht nach der echten Humanität der alten Zeiten. Übrigens war er klug genug, sein Urteil, seine Zukunftsideale zu verbergen; denn er wollte nicht nutzlos sterben. Es war Notwehr, daß er sich gern als den verstiegenen philosophischen Jüngling gab, der von den Händeln der Welt nichts versteht. Er wollte ungefährlich scheinen.

Aber die Verstellung nützte nichts. Er wurde ergriffen und von Kleinasien nach Mailand geschleppt. Auch sein väterliches Erbe hatte Constantius längst konfisziert. Die Camarilla beschuldigte ihn, mit Gallus konspiriert zu habenAmmian 15, 2, 7..

Er war der Einzige aus dem Constantinischen Geschlecht, den Constantius noch zu fürchten hatte. Also fort mit ihm. Wie ein Gefangener lebte Julian zunächst am Mailänder Hof, immer des Todes gewärtig (Constantius kannte ihn kaum von 225 Angesicht und ließ ihn auch jetzt gar nicht vor sich), hört dabei von den hundert Bischöfen, die sich eben jetzt in Mailand auf des Constantius Befehl zum Konzil versammelten, um wieder einmal mit Getöse über die Natur Christi abzustimmen; der römische Papst Liberius wurde da durch Konzilbeschluß abgesetzt, weil er zum Athanasius hielt. Denn Athanasius lebte noch und hielt immer noch die Welt in Atem. Was lag im Grunde dem Julian daran? Aber Athanasius schien auch ihm verwerflich.

Da bot sich eine Hoffnung. Ob sie nicht täuschte? Eine sanfte Frauenhand griff ein. Es war Eusebia, die holde und kluge Kaiserin, die den jungen Prinzen augenscheinlich erst damals kennen lernteSie war des Constantius zweite Gattin und die Heirat erst vor zwei Jahren geschehen. Eusebia stammte aus Thessalonich (Saloniki).. Julian faßte eine begreifliche Verehrung für sie, und man denkt unwillkürlich dabei an Don Carlos: »O Königin, das Leben ist doch schön!« Eusebia bewirkt zunächst, daß der Herrscher endlich einmal seinen jungen Vetter vor sich läßt. Die Aussprache hatte kein Ergebnis. Julian wird auch danach wieder in Italien von Ort zu Ort transportiert, immer der Hinrichtung gewärtig, bis die junge kaiserliche Frau aufs neue eingreift. In dem stillen Ort Como am Comer See darf Julian endlich auf freierem Fuß leben. Von dort schrieb Julian an sie einen Brief; der besagte: »So wahr ich dir Glück, Kindersegen und kaiserliche Erben wünsche, so inständig bitte ich: rette mich aus Italien in die Heimat.« Der Segenswunsch, den er hiermit aussprach, war allerdings vielsagend; er bedeutete einen Verzicht; denn wenn Eusebia Mutter wurde, war Julians Anrecht auf die Thronfolge damit so gut wie aufgehoben. Aber Julian schickte den Brief nicht ab. Gleichwohl kam es dahin, daß es plötzlich hieß: du bist frei! Man hatte ihn gründlich behorcht; aber er hatte sein Rolle geschickt gespielt; er galt immer noch als der täppische Philosoph, der nur nach dem Überirdischen fragt und den göttlichen Jamblichus liest.

So ging er jetzt vierundzwanzigjährig nach Athen (im Jahre 355)Vgl. Julian S. 336: Ein guter Geist unterbrach seine Reise nach dem mütterlichen Erbgut bei Nikodemien in Kleinasien, und er wurde nach Hellas gesandt.. In dem stillen Studiennest Athen konnte er gewiß keinen Aufruhr stiften; auch ging er fast ohne Geld dahin, 226 ohne einen Burschen, der ihn bediente; aber er jubelte: Athen die alte Ruhmesstätte für Humanität und Hellenentum, »das Auge Griechenlands«, der Idealort für die Idealisten! Aber er trieb da nicht mehr Philosophie, sondern Kunst. Er lernte jetzt die Schriftstellerei bei den berühmten Rednern Himerius und Themistius. In Themistius, dem anerkannten Meister des Wortes, gipfelte damals die weltliche Literatur und Journalistik, und Christen und Heiden lernten bei ihm. Da ist Julian rasch zum Schriftsteller geworden. Vom Zwange der strengen Schulung, die er dort fand, hat er sich nie ganz frei gemacht. Aber auch gleichalterige und gleichgesinnte Freunde fand er dort endlich, seinen künftigen Leibarzt Oribasius und den jungen Historiker Ammianus Marcellinus, der uns in seinem Geschichtswerk das Leben Julians mit so hingebender Sorgfalt gezeichnet hat.

Kaum aber ist ein Vierteljahr vergangen, da kommt schon der Befehl: nach Mailand zurück! Julian erschrickt. Mit Tränen nimmt er von Athen Abschied; denn er glaubt jetzt bestimmt in den Tod zu gehen. Aber es war anders gemeint. Constantius hatte sich inzwischen seinen Plan gemacht. Constantius' Ehe blieb kinderlos; er wollte denn doch versuchen, sich den einzigen Blutsverwandten, den er noch hatte, nutzbar zu machen. Am 6. November 355 wurde Julian zu Mailand feierlich zum Cäsar ernannt, gleich darauf mit des Kaisers Schwester Helena vermählt. Alles das war das Werk der klugen Eusebia.

Es handelte sich um das Land Gallien, das damals wieder von den Germanen stark heimgesucht wurde. Constantius hatte nicht Lust, mit diesen Horden zu kämpfen; das mochten seine Generäle tun; aber ein legitimer Vertreter des kaiserlichen Namens mußte gleichwohl dorthin, damit nicht etwa einer der Generäle sich dort eigenmächtig zum Kaiser erhob. Dieser Vertreter sollte Julian sein.

Ein Schwindelgefühl muß ihn erfaßt haben. Der Übergang war zu plötzlich. Er hatte bisher unter dem Terror gelebt. 227 So ist es begreiflich, daß er auch jetzt mißtraute, obschon sich Constantius plötzlich überaus gnädig erzeigte. Vergegenwärtigen wir uns die Szene genauer. Eine große Zeremonie hatte es gegeben: alles verfügbare Militär war zur Parade versammelt; auf hohem Podium stand Constantius selbst, zwischen Adlern und wehenden Drachenfahnen, faßte Julians Rechte und sagte mild. »Ist es euch recht, Soldaten, daß ich diesen mir teuren Jüngling, dessen hervorragenden Eifer ich rühmen kann, zur Macht des Cäsar erhebe?«

»Ob es recht ist, kann nur Gott wissen,« schallt es aus der Menge. Constantius nimmt das als Zustimmung und fährt fort: »Nach Gottes Ratschluß lege ich ihm also den Purpur um. So wollen wir uns, geliebtester Vetter und Bruder, in Liebe und Treue gegenseitig ein Helfer sein.« Da rasseln die Schilde der Soldaten; sie hieben mit den Schilden auf ihre metallgeschienten Kniee, ein Zeichen des ungestümen Beifalls. Julian war nur klein, dazu in nervöser Unruhe; neben des hochgewachsenen Vetters starrer Herrenmaske machte er gewiß eine sonderbare Figur; seine Augen flackerten, seine Gesichtszüge zuckten aufgeregt, waren dabei aber doch so gewinnend gutmütig, daß die Sympathie der Masse ihm überraschend zufiel.

Als die beiden Herrscher dann gemeinsam im Hofwagen zum Palast fuhren, murmelte Julian den Homervers vor sich hin vom purpurnen Tode, der alle Menschen packtIlias 5, 83.. Er meinte, er sollte jetzt im Purpur sterben, wer weiß, wie bald?

Da wurde er noch gezwungen, einen Panegyricus auf seinen Vetter zu reden, und er tat es in den üblichen vollen Tönen; es war seine erste Stilleistung. Er lobte ihn; denn er war sogleich fest entschlossen, sich ehrlich unterzuordnen, alles Üble zu vergessen, ja, sich als der Jüngere zu seinem Vetter wie der Sohn zum Vater zu stellenDies sagt uns Julian, S. 361, 21.. Constantius wird ohne Zweifel bei dieser Rede sanft entschlafen sein; denn er bekam derartiges ungefähr in jeder Woche zu hören. Um so wacher aber lauschten gewiß der arge Eunuch und die ganze Hofbande und 228 schmunzelten höhnisch, als Julian zum Beispiel über den Wert der Unterordnung und des Gehorsams sprachOratio I, S. 16.. Gleich darauf aber versetzte ihnen Julian einen Hieb, der saß: »Auch Missetaten sind geschehen; jeder weiß es; aber die andern, nicht der Kaiser, waren es, die diese Missetaten begangen habenOratio I, S. 19, 26..« So sprach er. Welche Kühnheit! Dieser Mensch konnte denn doch gefährlich werden. Geheime Instruktionen, die dem neuen Cäsar alle selbständige Bewegung nehmen sollten, wurden sogleich nach Gallien an die Kommandanten erlassen, und er wurde von Spionen umgeben. Es konnte ihm dort so gehen, wie es seinem Bruder Gallus in Syrien erging.

Winter war's. Im Dezember 355 reiste er mit seiner jungen Gattin Helena ab. Kaum in Turin, hört er, daß Köln gefallen, die große Feste Köln am Rhein von den Franken niedergeworfen ist, und er fühlt seine Unkraft. Das Zagen steigert sich: »Man will, ich soll untergehen; im Schatten der Philosophie bin ich aufgewachsen, und man stößt mich in den Kampf gegen die Wilden!« Auch machte er anscheinend die lächerlichste Figur; denn er mußte, wo immer er offiziell auftrat, einen Mantel tragen, auf dem des Vetters Porträtbild großspurig aufgestickt war, so daß er nur das Gestell für den Huldigung fordernden Mantel war, ungefähr so wie Geßler im »Tell« Gehorsam für den Hut auf der Stange verlangtSolche mit Figuren bestickte Mäntel kennen wir auch sonst; ich erinnere an den Mantel Stilichos, den Claudian Stilich II, 339 ff. beschreibt.. Ganze Haufen von griechischen Büchern schickte ihm Eusebia nach Vienne, damit er sich da wie bisher mit Studien die Zeit vertreiben könnte, und er dankte ihr wirklich aufrichtig und freudig dafür. Der Kaiserhof konnte beruhigt sein; Julian war der Traumjürge wie bisher.

Aber die Sache kam anders. In ihm war doch echtes Constantierblut: die Rasse meldete sich in ihm. Julian entdeckte sich selbst und seine Kraft. Als er nach Vienne kam, begrüßte ihn in der Stadt hellster Jubel: »Wir hoffen auf dich; sei du uns jetzt der rettende Genius!« Das hob ihn gleich mächtig. Er fühlte, daß man in ihn Vertrauen setzte. Da war es auch ein altes heidnisches Weib, eine blinde Person, die ihm begegnete 229 und fragte: »Wer ist es, der vor mir steht?« »Es ist Julian, der Cäsar.« Da rief sie: »Der ist's, der unsere Göttertempel wiederherstellen wird!«

Eine Seherstimme! Julian aber hatte an anderes zu denken als an Göttertempel.

Er lernte Latein, übte seinen Körper, verschaffte sich Landeskunde. Sogar den üblichen Waffentanz der Soldaten zur Bläsermusik stampfte er mit und kam sich dabei höchst komisch vor: »Ich Platoniker tauge zum Tanzen nicht; es ist, als würde ein Ochse zum Reiten gesattelt!«Dies nachgemacht nach Cicero ad Att. V, 15, 2. Aber er fand sogleich mit Offizieren und Gemeinen enge Fühlung. Constantius hatte ihm eigenhändig ein Register guter Speisen aufgeschrieben, die der Hofkoch ihm bereiten durfte, zum Beispiel Fasanen und Schweinseuter. Julian verzichtet darauf und nimmt nur Militärkost. Er schläft auf einem Ziegenfell. Bei Tag- und Nachtarbeit vergeht so der Winter. Allabendlich betet er zum Merkur, dem hohen Weltintellekt, daß er ihm gute Gedanken gebe.

Die Lage war in Gallien seit der Zeit des Usurpators Magnentius geradezu verzweifelt. Hatte doch Constantius selber damals die Barbaren auf Gallien gehetzt. Nun war die Rheingrenze völlig an sie verloren, überdies ein breiter Gebietsstreifen, an die 400 Quadratmeilen des Landes, als Operationsbasis von ihnen besetzt, um von da aus immer aufs neue tief ins Innere vorzustoßen; 45 feste Städte (die Burgen nicht gerechnet) lagen zerstört. Die Zeit schien gekommen, daß das römische Gallien endlich wirklich ein »Frankreich«, ein Reich der germanischen Franken werden sollte: Lyon, Reims bedroht, die Straße von der Saone zur Loire kaum noch passierbar.

Julian hört, die Stadt Autun ist gefährdet, eilt noch im selben Winter dorthin, von da mitten durch die Schwärme der Germanen nach Troyes (Tricasas). In Troyes steht der Heermeister Marcellus. Der Sommer kommt und die Aktion beginnt. Marcellus ist träge und überläßt dem Cäsar seine Truppe. Julian freut sich des, stößt rasch gegen das Elsaß 230 vor, wo die Römerstädte Zabern und Straßburg, Selz, Speier, Worms und Mainz in den Händen der Alemannen sind. In Zangenform macht er den Angriff, und der Alemanne räumt die Städte. Da rückt er schon gegen Köln an den Unterrhein und entreißt auch Köln den Franken. Das war Julians erster Feldzug. Der Stratege in ihm ist erwacht. In Sens bei Paris verbringt er den nächsten Winter. Er hat alle Scheu vor den Wilden, den Giganten, verloren.

Aber die Franken kamen schon wieder. Sie rückten quer durchs Land auf Sens, wo Julian sich befindet, und er wird in der engen Stadt von ihnen zerniert. Da glich er einem rechten Helden. Er hat nur wenig Soldaten, aber verteidigt sich erfolgreich dreißig Tage lang, bis der Feind entmutigt abzieht. Marcellus hatte mit den besten Truppen in nächster Nähe gestanden, aber ihn schnöde im Stich gelassen. Voll Entrüstung erhebt Julian deshalb gegen diesen Heermeister Anklage, und Marcellus wird wirklich abgerufen, verbannt. Man merkt: der junge Cäsar beginnt sich durchzusetzen. Ja, Constantius überträgt ihm jetzt für das Jahr 357 den Oberbefehl.

Nun wird eine große Offensive gegen die Alemannen geplant, bei der auch Constantius mitwirken soll. Des Constantius Feldherr heißt Barbatio; der soll von der Schweiz her gegen das Elsaß vorstoßen, indes Julian von Norden kommt. Aber der schöne Plan droht zu mißlingen. Denn die Alemannen sind die Schnelleren, stoßen durch beide Armeen bis gegen Lyon durch und sammeln wie immer reiche Beute. Julian gibt acht; als sie zurückfluten, schneidet er den größten Teil ihres Heereszuges ab; sie ganz zu vernichten mißlang nur deshalb, weil Barbatio nicht rechtzeitig zur Stelle war. Dieser Mensch ist hinterhältig und will Julian keine Erfolge gönnen. Ganze Haufen von Alemannen haben sich auf die Rheininseln bei Straßburg gerettet; Julian fordert Schiffe von Barbatio; Barbatio gibt sie nicht. »So müßt ihr schwimmen!« befiehlt Julian seinen Kriegern; sie gehorchen, und die Alemannen werden auf den Inseln, Männer und Weiber, niedergemacht. 231 Auch die nötige Proviantzufuhr verweigert Barbatio zu leisten, und Julian muß sich durch Plünderungsfahrten wiederum selber helfen. Inzwischen aber nimmt der Feind keck die Offensive auf; er wirft sich zunächst auf Barbatios Heer, drängt ihn siegreich weit bis nach Basel zurück, kehrt um und wendet sich nun gegen Julian. Julian ist sich selbst überlassen. Aber er wagt jetzt allein die Schlacht. So kam es zu der großen Alemannenschlacht bei Straßburg, die Julians Kriegruhm für immer in der Geschichte sichert. Severus hieß der unter ihm kommandierende General, der sich ihm völlig ergeben zeigte.

Uns will sein Sieg zunächst nicht so ungeheuerlich erscheinen. Denn das Alemannenvolk war nicht groß; es saß nur im Odenwaldgebiet, im Ländlein Baden und einem Teil von Württemberg (an Jaxt und Kocher), in ein Dutzend Stämme zerspalten, die jeder ihren Kleinfürsten oder König für sich hatten. Nur im Kriegsfall stellten sie sich unter einen Oberkönig. Aber ihr Heer war ein Volksheer, alle Mann in Waffen; darin lag ihre nie versagende Stoßkraft, und so ist es der römischen Militärmacht in der Tat nie gelungen, dies Volk endgültig zu entkräften.

Auch jetzt waren sie die Angreifer. Ammian nennt uns die für Römerlippen schier unaussprechlichen Namen ihrer Vorkämpfer und Könige, Suromar, Hortarius, Vestralpus, Vadomar usf. Allen voran ritt Chnodomar, der Held, als Oberkönig, mit dem Riesenspieß, auf schäumendem Gaul, über der Stirn den mächtig rotblonden flammenden Haarwulst; mit ihm sein Neffe, der sich aus Eitelkeit mit griechischem Namen Serapio nannte. Sie alle warfen sich nach deutscher Art persönlich ins Handgemenge. Ihre Krieger forderten, daß sie vom Roß stiegen, damit sie sich nicht etwa allein zu retten vermöchten, und so kämpften sie mit der Masse zu Fuß.

Der Ansturm war furchtbar. Die Haarmähnen der Hünen flatterten im Sturmeslauf, aus ihren Augen schlug die Wut in Flammen. Aber auch Julian warf sich, von zweihundert Reitern umgeben, die purpurne Drachenfahne hoch neben sich, 232 persönlich mitten ins Getümmel. Die kaiserliche Person hatte sonst die Pflicht, sich zu schonen; aber Julian war wie Alexander der Große oder wie der Große Kurfürst, der Sieger von Fehrbellin, Feldherr und Soldat zugleich.

Die gefürchteten römischen Panzerreiter werden gleich anfangs geworfen. Julian hält sie auf. »Nicht fliehen! Heran! und nach vorn zurück. Wir alle wollen teilhaben am Sieg!« Erneuter Widerstand; Julians Kriegsvolk erhebt jetzt das gräßliche Schlachtgeheul, den Barritus, der leise einsetzt, um wie Meeresbrandung ins Ungeheure anzuschwellen. Aber der Feind ist nicht zu schrecken, nicht zu werfen; er dringt vielmehr unwiderstehlich bis ins Herz der Römerstellung, bis zur sogenannten prätorischen Lagerstelle, vor, wo er auf den Kerntrupp der römischen Legionäre stößt; die aber stehen wie hinter einer Schanzwehr hinter ihren vorgestreckten Schilden und stechen alles nieder, was anrennt. Da ermüden die Angriffswellen; die Leichen häufen sich zu Bergen; plötzlich faßt Panik, Verzweiflung die Germanen, und ohne Rückzugsgefecht werfen sie sich jählings in die Flucht bis ans Rheinufer. König Chnodomar schwingt sich auf sein Roß, gerät in einen Sumpf und wird gegriffen. Er ist gefangen. Den übrigen droht der Rhein Verderben. Die Fliehenden werfen sich in das breite Wasser; die Römer wollen nach, Julian aber schreit: »Nicht verfolgen! Daß keiner sich in den Fluß werfe!« Und in der Tat vollendet der Rhein selbst die Niederlage der Germanen. Es war ein aufregender Anblick, wie die Macht des Stromes Unzählige mit sich fortschwemmte.

Die Nacht kam. Das Römerheer lagert hart am Ufer und schmaust. Der Siegesrausch ist groß. Da tönt durch das Zeltlager der Ruf: »Julianus Augustus!«, das heißt: Julian sollte sich fortan Augustus nennen. Mit Heftigkeit lehnte er den gefährlichen Titel ab. Die Zeit dafür war noch nicht gekommen.

Kaiser Constantius gab diesen Sieg im Reiche nicht etwa als Julians Leistung, sondern als seinen eigenen Sieg bekannt. Auch machte man am Kaiserhof die blödesten Witze und spottete, 233 wie schon früher, über Julian als das Männchen mit dem Ziegenbart, den wortreichen Maulwurf und Buchstabenkrämer. Es half nichts; Julian war jetzt eine Größe, mit der die Welt zu rechnen hatte.

Im selben Sommer vollendete er sein Werk, indem er ins Alemannenland selbst überraschend einfiel, über den Melibokus tief in den Odenwald, bis die dicken Verhaue in den deutschen Wäldern ihm endlich eine Grenze setzten. Wie lange hatte sich kein Römerheer über den Rhein gewagt! Große Lieferungen an Fleischzufuhr und Getreide legte er den Besiegten auf. Dann ließ er sich in Paris nieder. Da konnte er mit seinen Freunden Sallust und Oribasius in platonischen Gesprächen sich friedlich ausruhen; und so wurde Paris – damals nur eine enge Festung, die auf der Seineinsel lag – zum erstenmal Residenz und Herrschersitz. Er verbrachte dort auch die nächstfolgenden Winter.

Die Germanen aber waren wie die bösen Saatkrähen, die in den Fruchtacker immer wieder einfallen. Noch drei weitere Jahre hat Julian rastlos gekämpft, um sie gründlich zu verscheuchen. Viermal ist er dabei über den Rhein gegangen. Die Salischen Franken faßte und unterwarf er in dem späteren sogenannten Nordbrabant, zwischen Maas und Schelde. Vor allem rückte er immer wieder in das Stammland der Alemannen ein. Nur war es oft schwierig, hinüber über den Rhein zu setzen. Es liest sich hübsch, wie die Alemannen mit ihren Fürsten wach sind und den Fluß erfolgreich zu hüten wissen; das währte längere Zeit. Julian marschiert ratlos auf der Elsässer Seite am Ufer stromauf, die Germanen in Sehweite ebenso am anderen Ufer, so daß ein Brückenschlagen unmöglich ist, bis es endlich eine mondlose Nacht gibt. Da läßt Julian geräuschlos auf 40 Booten seine Soldaten ohne Ruderschlag stromabwärts treiben. Die Deutschen merken nichts, und ihre Fürsten zechen gerade, im Freien am Berghang gelagert, einen festen Trunk (man glaubt in der berauschenden Sommernacht bei kreisendem Trinkhorn ihre ausgelassenen Gesänge zu hören), als die 234 Römer über sie herfallen. Großer Schreck! Die Pferde standen bereit, und die Recken entkamen. Die Schiffbrücke aber konnte jetzt endlich geschlagen werden.

Dann taucht vor uns auch der unheimliche Charietto auf, der fränkische Riese und Blutmensch, der, aus seiner Heimat verstoßen, als Räuberhauptmann in der Trierer Gegend sein Unwesen trieb und sich darauf verlegt hatte, mit seinen Spießgesellen seine eigenen Landsleute, wenn sie nachts in Wald und Feld lagerten, im Schlaf zu überfallen und ihre abgeschnittenen Köpfe dann gegen gutes Geld an die Römer abzuliefern. Julian ließ sich, als er ins Land kam, diesen Halsabschneider nicht entgehen, nahm ihn als Offizier in sein Heer, organisierte den Betrieb der nächtlichen Überfälle, und bei der Besiegung und Dezimierung eines Sachsenstammes, der aus dem Norden vordrangDer Volksstamm war wohl der der Chauken; irrtümlich nennt Zosimus III, 6 die Quaden., hat ihm der Teufel Charietto die wichtigsten Dienste getan.

Schließlich war ganz Gallien gesichert, der ganze Rhein von Süden bis Norden wieder vollständig in römischer Gewalt. 600 Kriegsschiffe setzte Julian auf den Strom, um ihn zu sichern, und zwang die Alemannen, für den Wiederaufbau der vielen zerstörten Städte, wie Neuß, Bonn, Andernach und Bingen, aus ihren Wäldern das Holzmaterial zu liefern. Das Holz wurde den Rhein herabgeflößt. Zugleich gelang es Julian auch noch, den Seeweg nach England, den die sächsischen Seeräuber versperrten, wieder frei zu machen. Frankreich konnte wieder aus England sein Korn beziehen; Julian konnte wieder Truppen hinüber werfen, um England gegen die Schotten zu schützen.

Constantius aber sah mit wachsendem Neid und Unbehagen auf das alles. Er selbst hatte inzwischen in den Jahren 358 und 359 unruhig räubernde slawische Heerhaufen an der Theiß und Donau zusammengehauen. Dies war ohne Zweifel leichte Arbeit. Dann war der Perserschah Sapor bei Ninive feindselig über den Tigris gerückt, und es gab also neuen Perserkrieg. Sapor belagerte und nahm die Felsenfestung Amida (vgl. oben S. 26 f.). Nun rüstet Constantius zur Abwehr und 235 eilt nach Constantinopel. Da entschloß er sich, Ende des Jahres 359, von Julian Truppen, und zwar beträchtliche Teile der Elitetruppen, zu fordern. Das wurde so aufgefaßt, daß er Julian schwächen, daß er ihn entwaffnen wollte. Und der Konflikt war da.

Constantius besaß auch ohne solchen Sukkurs Legionen und Auxilien genug, er verfügte auch über angeworbenes starkes GotenvolkAmmian Marc. 20, 8, 1.; und König Sapor hatte zwar zwei Festungen genommen, kam mit seinem Angriff aber gar nicht weiter; er ging sogar bald von selbst in seine Länder zurück. Das Empörende war, daß Constantius die Truppenforderung nicht an Julian selbst, sondern nur an dessen Generäle gerichtet hatte, als wäre Julian nicht vorhanden. Und es kam, was kommen mußte. Julians Soldaten selber, ja, auch das Volk in Gallien regten sich gewaltig. Flugblätter gingen sofort um; darin stand: »Dem Constantius darf nicht gehorcht werden, sonst ist unser Land wehrlos; der große Herr meint es übel; er will uns wieder einmal den Deutschen preisgeben!«

Julian ist an seinem Hof von Kreaturen des Constantius umgeben, die seinen Kronrat bilden. Die bestehen darauf: dem Constantius muß gehorcht werden. Auch ist Julian grundsätzlich sich zu fügen bereit. Er will die Truppen ziehen lassen; nur sollen sie beim Abmarsch die Stadt Paris nicht berühren, damit die Mannschaft seiner Person nicht noch einmal ansichtig wird. Aber es kommt anders. Die Truppe rückt dennoch in Paris ein. Julian eilt ihr entgegen und ermahnt zum Gehorsam; so redet er auch zu den erregten Offizieren, die bei ihm zu Tisch sind. Der Abend naht; die Sonne sinkt schon. Da wird sein Palast umringt, und alles schreit: »Wir marschieren nicht!« und weiter: »Julian soll unser Kaiser sein, Julianus Augustus!« Das war Aufruhr, Rebellion gegen Constantius. Julian ist in Bedrängnis. Zum zweitenmal wird ihm der Titel Augustus aufgedrängt. Wie soll er ihn ablehnen?

Es war wohl erst acht Uhr am Abend, aber er war mit seiner Gattin Helena zur frühen Abendrast schon in den 236 Oberstock gegangen. Da hört er das Geschrei und ist ratlos. Aber da ist ein offenes Fenster oder eine Öffnung im Dach; der Sternhimmel schaut offen herein, und so kann er rasch zu Jupiter beten, daß der Gott ihm von oben aus der Höhe ein Wunderzeichen gebe. »Und Jupiter (so erzählt Julian) gab mir ein Zeichen und gebot mir, dem Drängen des Heeres jetzt nicht mehr zu widerstehen.«Unter Jupiter ist hier vielleicht der Planet Jupiter zu verstehen; Julian würde also dessen günstige Konstellation beobachtet haben. Sonst ist freilich vom Betrieb der Astrologie wenig bei ihm wahrzunehmen. Es ist wie bei Constantin dem Großen; die umstürzenden Entscheidungen trifft ein Kaiser immer nur auf Gottes Befehl, deo iubente. Dieser Gott war aber in Wirklichkeit nichts anderes als der innerste Trieb des Herzens, bei Constantin wie bei Julian.

Draußen wächst das Tosen. Noch zwei Stunden verrinnen; dann erst tritt Julian bei Fackellicht endlich unter die jauchzende Menge. Wo ist eine Krone? Die Ordenskette eines Offiziers wird ihm statt der Krone um die Schläfen gelegt. Es folgte die Nacht; sie verlief scheinbar ruhig. Aber die Herren des Kronrats hatten schon gegen Julian ihre Wühlarbeit begonnen. Am anderen Morgen machte Helena ihren üblichen Ausgang über Gasse und Markt; ein Mann aus ihrem Gefolge erfährt da, daß jene Herren Geld unter die Soldaten gestreut haben, um sie gegen Julian aufzuwiegeln. Gleich schreit der Mann wie besessen über den Markt: »Bürger! Soldaten! rettet den jungen Kaiser!« und alles stürzt zum Palast. Ist Julian ermordet? Nein, er lebt; er zeigt sich jetzt im strahlenden Ornat. Die Menge jubelt, umarmt sich. Er selbst wird auf die Schultern gehoben. Es war die hellste Begeisterung. Des Constantius Anhänger sollen gelyncht werden, Julian aber weiß sie zu retten.

So hatte die Welt plötzlich wieder zwei Kaiser, und das bedeutete Reichsteilung. In der Tat, warum sollten die beiden Vettern sich in das Reich nicht friedlich teilen? Die Laufboten flogen gleich mit Briefen zwischen Paris und Cappadocien hin und her; Julian schrieb, er beschränke seinen Machtanspruch ausdrücklich auf das Land Gallien; auch seine Legionen richteten begütigende Briefe an Constantius mit der Bitte um 237 Eintracht. Für Constantius aber war dieser Vetter fortan nur ein zweiter Magnentius oder Silvanus. Er bereitete sogleich den Krieg vor und ließ zu dem Zweck Proviantvorräte in der Schweiz aufstapeln; vor allem forderte er, um Julian zu gefährden, die freien Alemannen und Franken auf, aufs neue gegen Gallien loszuschlagen. Die Alemannen selbst lieferten dem Julian die Briefe aus, die das bewiesen. Julian hatte die Dokumente in Händen. Constantius hatte ihm damit den Krieg erklärt.

Sollte er nun still liegen, bis er in Frankreich blockiert war? Dazu war er nicht der Mann. Er hatte sich bisher dem Älteren grundsätzlich untergeordnet. Jetzt zerbrach alle Pietät, und die Erinnerungen an die Leiden der Jugendzeit, die Erinnerung an die Ermordung seines Vaters, die Constantius veranlaßt oder doch geduldet hatte, kam nun endlich zur Geltung. Seinen Freund Sallust ließ Julian als Galliens Verwalter zurück, teilte nach dem Vorbild Alexanders des Großen sein Heer in drei Züge, damit alle Welt glaubte, er verfüge über gewaltige Massen, und stieß so schnell entschlossen mit den drei Heersäulen gleichzeitig durch das Alemannenland, durch die Schweiz und durch Norditalien gegen den Balkan vor. Er selbst glitt mit seinem Heer den Donaustrom auf Schiffen hinunter und stand plötzlich vor Sirmium an der Save, als Constantius noch fern in Kleinasien weilte. Auch Italien unterwarf sich ihm sofort (nur die Feste Aquileja widerstand), und er war Herr des ganzen Okzidents.

Vor Sirmium will der feindliche Heermeister Lucillianus ihm doch Widerstand leisten. Da schickt Julian nachts mit einem kecken Offizier eine Patrouille aus; die Leute holen den Lucillian aus seinem Bett, und er wird geräuschlos als Gefangener eingebracht. Julian, der einst so schüchterne, hat jetzt schon Herrschermanieren gelernt und gestattet dem stolzen Manne, den Saum seines Mantels zu küssen. Lucillian sagt darauf besorgt: »Du wagst dich mit allzu wenig Leuten, Herr, in solchen Kampf.« Julian lacht überlegen: »Ich habe dir den 238 Purpur zu küssen gewährt, damit du dich bei mir sicher fühltest, nicht damit du mir Rat erteiltest.«

Schon folgenden Tags gibt er, von Jubel begrüßt, Festspiele, ein Wagenrennen, in der schönen Stadt Sirmium und zieht stracks weiter, verlegt sein Hauptquartier nach Nisch (Naïssus) in Serbien und besetzt endlich den hohen Balkanpaß von Succi, von wo aus er weit in die Ebene Thraziens und Philippopels blickt. Da will er den Vetter, der sein Feind ist, erwarten.

Auch jetzt gab es, wie immer, unheimliche Vorzeichen oder Prodigien. Ein Kind, hieß es, wurde bei Antiochien geboren, das zwei Münder und vier Augen, ja, das sogar schon Zähne und also wirklich auch zwei Gebisse hatte. Zwei Gebisse: das deutete unrettbar auf grimmigen Zweikampf und Bürgerkrieg. Julian aber schien aller Bürgerkrieg ein Frevel, sein Gewissen quälte ihn, und er erließ jetzt Manifeste an Rom und an AthenRom und Athen waren damals gleicherweise politisch bedeutungslos; Julian wählte die beiden Städte als Adresse, weil sie die alten geweihten Zentralstätten der antiken Kultur waren. Die Athener sollen für die weitere Verbreitung der Zuschrift sorgen (S. 348, 17)., in denen er seine Motive darlegte, den Constantius offen beschuldigteEr sagt hübsch, er habe mit diesem seinem Vetter Constantius nur eine Wolfsfreundschaft gehabt (S. 591); wir würden sagen: Katzenfreundschaft.. Die Welt sollte wissen, wer er und wer sein Gegner war.

Die Kaiserin Eusebia war gestorben. Constantius hatte sich soeben neu vermählt. Jetzt stand er im fernen Mesopotamien gegen die Perser, als er von Julians blitzartigem Vormarsch hört. Er wurde weißglühend vor Zorn, hielt zündende Ansprachen und leitete sofort die nötigen Truppentransporte nach dem Westen unter bewährten Führern ein. Am Paß von Succi soll wirklich die Entscheidung fallen. Julian harrt dort in Erregung seines Angriffes. Da treffen Gesandte ein. Sie kommen aus dem Osten. Hohe Offiziere. Welche Überraschung! welche Wendung! Sie melden, daß Constantius plötzlich gestorben ist.

So war es. Constantius hatte dem Zuge seines Heeres folgen wollen. Als er nach Tarsus kommt, erschrickt er heftig; er sieht einen Kadaver ohne Kopf am Wege liegen. Es war wie ein Omen. Ja, es war, als käme die Ahnung der Vergeltung über ihn. Ein Fieber befällt ihn. Nur noch bis ins nahe Taurusgebirge ging seine Reise. Da verschied er. Ein rasches Ende. 239 Er fühlte sich ohne Schlacht besiegt und erkannte sterbend Julian, den einzigen Überlebenden des Geschlechts, als seinen Nachfolger an, im Jahre 361.

Und Julian? Man begreift den mächtigen Umschwung seiner Stimmung. Bisher mißtraute er immer noch seinem Glück. Jetzt war sein Zutrauen grenzenlos. Er zählte jetzt dreißig Jahre. Sein ganzes Leben bestand aus Überraschungen: erst der verstoßene Knabe, dann ins politische Leben gezerrt; erst der stille Platoniker, dann der Alemannenbesieger; als Sieger erst von seinem Vetter mißachtet und jetzt ohne Kampf Alleinherrscher der Welt. Gott Helios hatte ihm Wort gehalten; Gott Helios war gnädig. Julian war wie der Flieger, der erst Übungsflüge in niedriger Höhe und engen Kreisen macht; nun stieg er, plötzlich emporschnellend, gleichsam sechstausend Meter hoch in die einsame Höhe der Majestät, den Göttern nahe, und sah das ganze Erdreich zu seinen Füßen.

Kein Wunder, wenn sein jünglinghafter Optimismus sich mitunter überschlug und bis zum Überkühnen steigerte. Er wollte seine Macht gebrauchen. »Liebe deine Untertanen, wie ich dich liebe,« so hatte Helios zu ihm im Traum gesprochen. Das wollte er wahrmachen. »Seid umschlungen, Millionen!« Auch hatte er mit diesem Wahrmachen bereits als Herrscher Galliens in schönster Weise begonnen. Aber auch den anderen Schwur galt es zu halten, den alten Göttern ein Retter zu werdenJulian S. 593, 18.. Rasch in allem, begann er jetzt gleich die Religionspolitik. Er deklamierte sich jetzt feierlich als NichtchristSchon vor seinem Auszug gegen Constantius hatte er ein heidnisches Opfer gebracht (s. S. 369, 1), gleichwohl aber in Lyon beim Epiphanienfest noch einmal die christliche Kirche besucht. Er war eben getaufter Christ und konnte als solcher und als offizielle Person damals auch noch dem Christenkult beiwohnen.. Die Gegenreformation war sein neues Programm. Constantin hatte den Wind des Christentums in seine Segel genommen; Julian wollte gegen den Wind kreuzen. Einmal mußte die Reaktion des unterjochten Heidentums gegen das Christentum auf alle Fälle eintreten; jetzt kam sie wirklich, und sie kam unter kaiserlicher Führung; allerdings durchaus nicht im Sinne Diocletians. Julian stellte sich vielmehr auf den Standpunkt des Licinius-Ediktes vom Jahre 313: vollkommene Parität der Christen und Heiden. Diese Parität war schlechthin 240 vernichtet und aufgehoben, seit Julians Vetter Constantius im Jahre 340 sämtliche Tempel im weiten Reiche hatte schließen lassen. Der heidnische Kult in den Städten war dadurch völlig geknebelt.

Aber auf dem Lande bestand er gleichwohl noch in alter Kraft, und die Hälfte aller Bevölkerungsmassen war gewiß immer noch heidnisch; ebenso die große Mehrzahl der Soldaten in Julians Heer, wie er ausdrücklich feststellteJulian S. 356, 30. Wie freilich die Christen auch im Heer für den Glauben werben, schildert Julian S. 290, 20 ff. mit übler Laune: »Sie verlassen ihren Heimatsitz, laufen überall herum und belästigen die Heerlager und Kasernen; ebenso tun dies die christlich gesinnten Kyniker«.. Diese Bevölkerungsmassen verlangten endlich ihr Recht; es galt also eine Politik der Toleranz zu üben, die Tempel wieder aufzutun, die Vernichtungssucht der Bischöfe auf dem Wege einer maßvoll strengen Kontrolle nur wieder in ihre Schranken zurück zu verweisen. Julian kannte das Gebaren des Klerus genau, er war ja darin groß geworden. Er wußte, wie er vorzugehen hatte. Die Erlösung nahte; weite Kreise atmeten auf; die Philosophen strahlten; die Bischöfe ergrimmten: in Julian war, so meinten sie, der Satan erschienen. Aber die Bischöfe fürchteten sich nicht. Wie lange würde dieser Satan herrschen? und wer würde sein Nachfolger sein?

Alles Folgende spielt sich vornehmlich im östlichen Reiche ab. Julian war ganz nur Grieche, Constantinopel seine Hauptstadt, Rom, Mailand, der Okzident fortan nur noch Hinterland.

Ermutigend war der unbeschreibliche Jubel, der ihn umrauschte, als er in Constantinopel einzog. Schon aus den Stadttoren strömte ihm das Volk entgegen. Das goldene Kreuz, das da einst Constantin auf die hohe Säule gestellt hatte, sah mißmutig auf seinen Einzug herab; aber er ließ es ruhig dort oben stehen; er dachte nicht an Zerstörung. Das also, sagte man, ist der Herr der Zukunft! wie rasch ist er hergekommen! aber wie unscheinbar er ist! ein solches Kerlchen der große Sieger! und so gutmütig, wenn er nickt und grüßt! quecksilbern lebhaft! Er tut so, als wäre er ein Mensch wie wir alle.

In der Tat, von der götzenhaften Unnahbarkeit des Diocletian und Constantin mochte er nichts wissen und warf den ganzen Zeremonienkram wie Plunder nach Möglichkeit beiseite. 241 Julian brauchte Menschen, frischen Austausch, gleichgesinnte Hilfe und suchte sie oft in fast zu familiärer Weise. Schon als Schüler hatte er sich einst nicht besser als jeder andere gedünkt, und die Jugendzeit gibt dem Menschen seinen Stempel. Als es zu Neujahr zwei neue Konsuln gab, schritt er persönlich zwischen beiden zum Amtslokal. Man fand das unwürdig, und seine etwas winzige Figur machte sich wohl sonderbar genug zwischen den zwei stattlichen Herren. Aber das Herz trieb ihn, und sein warmes, impulsiv lebhaftes Wesen überwand allen Spott. Er verstand trotzdem zu herrschen. Ein Kolossalkopf aus Marmor von energisch fesselndem Ausdruck hat sich erhalten, in dem man sein Porträt vermutet hatIm Städtchen Acerenza in Süditalien; vgl. G. Negri, L'imperatore Giuliano (1901), S. XV. und der uns verstehen lassen könnte, wie er Menschen und Soldaten beherrschte und im Zaum hielt, ohne blutige StrengeAnders freilich im Kriege; als seine Reiterei sich vom Feind einmal überrumpeln ließ, strafte er mit größter Strenge; jeder zehnte Mann wurde standrechtlich getötet., kraft seiner bedeutenden Person. Er war übrigens breitschulterig, zäh und kräftig gebaut, ein Krauskopf mit schönen sprechenden Augen, der Mund etwas groß, die Unterlippe vorgestülptAmmian, 25, 4, 21..

Julian (

Julian (?)

Angeblicher Julian. Kolossalbüste in Acerenza. Gaetano Negri l'imperatore Juliano l'Apostata.

Jedenfalls fühlte das ganze Reich sofort: es gab unter dem neuen Regiment vollste wirtschaftliche Sicherheit; der Friede würde so lange dauern, als er es wollte. Denn kein Gegenkaiser war zu fürchtenAmmian, 22, 9, 1.. Ein paar verdächtige Verschwörer wurden sofort beseitigtAmmian, 22, 11, 1.. Julians Kriegsruhm reichte schon weit über die Reichsgrenzen, und Gesandtschaften kamen von den Persern und Armeniern, von Indiern und Mauren und südrussischen VölkernAuch von den Goten, die in dem unechten Julianbrief S. 597, 5, wie es scheint, die buntbehelmten genannt sind; ich glaube, daß an dieser Stelle Γόττοι ποικιλοκρανόμορφοι zu lesen ist. und legten Geschenke vor seine Knie. Und seine Lippen flossen von Verheißungen über. Er war Enthusiast; die Zeit der Adrastea, das Reich der himmlischen Gerechtigkeit wollte er jetzt auf Erden verwirklichenAmmian 22, 10, 6..

Die Gerechtigkeit führte aber auch das Schwert, und Julian griff zunächst kräftig zu. Es galt die Kreaturen des Constantius unschädlich zu machen. Eine Kommission von Richtern gab die Urteile. Zumeist wurde nur auf Verbannung erkannt. Den Eunuchen Eusebius aber ließ Julian sofort töten, ebenso auch jenen Kettenmeister Paulus, von dessen Schreckenswirtschaft ich anfangs berichtet habeHiervon sagt Julian selbst (S. 512): Ich habe die Kreaturen in die Grube gestoßen, die an des Constantius Tisch saßen..

242 Wie er es mit der Hofhaltung hielt, kann man schon im voraus erraten. Julian war Asket, lebte schlicht bürgerlich und entließ darum die ganze Palastbedienung des Constantius, die eleganten Köche voran. Er konnte sie nicht brauchen, nicht bezahlen. Ein schlemmerhafter Luxus, ein großmächtig hochgeschrobener Ton herrschte in jenem Gesinde. Viele unter ihnen hatten sich auch durch den Raub an heidnischem Tempelgut frech bereichert. In seidenen Gewändern stolzierten sie daher; auch die Offiziere protzten in Juwelen und goldenen Spangen, und alles ging mit glattrasiertem Gesicht; nur Julian trug den spitzen Vollbart, mutmaßlich ziemlich ungepflegt. Eines Tages ließ er den Hoffriseur zu sich kommen; ob der Mensch pflichtgemäß seine Schere mitbrachte, erfahren wir nicht; jedenfalls kam er in auffallender Pracht wie ein Fürst gekleidet. »Ich habe keinen meiner Finanzbarone, sondern den Bartscherer befohlen,« sagte Julian und stellte dann mit Erstaunen fest, daß der Mensch außer seinem jährlichen Gehalt in Naturalienlieferung bisher noch täglich Brotrationen für 20 Personen, entsprechendes Futter für seine Equipage bezog, usf.Ammian, 16, 5, 13. Übrigens hören wir nicht, daß Julian irgendwann Vermögenskonfiskationen vornahmEr sagt selbst, daß er sich dessen enthalte: S. 536, 15.; sogar jenem Hofgesinde ließ er seinen Tempelraub. Er war arm, und blieb es.

Schon Gallien war in den voraufgehenden Jahren merkwürdig schnell unter Julians umsichtigem und gerechtem Regiment wieder aufgeblüht; jetzt begann er für das Gesamtreich dieselbe Wirksamkeit. Die reichen Funde von Julianmünzen zeigen, wie er sich sogar für die Hebung des Geldverkehrs bemüht hatAus Julians Zeit sind ganz unerhörte Mengen Gold-, Silber- und Kupfermünzen erhalten; also ließ er große Massen Geld prägen. Auch setzte er in jeder Stadt einen Beamten ein, der die Vollwertigkeit der Goldstücke durch Nachwiegen kontrollierte und die Geldwechsler beaufsichtigte; vgl. E. Speck, Handelsgeschichte III, 2, S. 998.. Auch für das Gesundheitswesen sorgte er und veranlaßte seinen Freund und Leibarzt Oribasius, der offenbar viel Muße hatte, aus der medizinischen Literatur planvoll Auszüge zu machen; das ergab ein zusammenfassendes Werk medizinischer Pandekten von Riesenumfang, das uns zu einem erheblichen Teil noch vorliegt. Julian hörte sich um dies und anderes gern loben, war sich aber seines allzu raschen Eifers sehr wohl bewußt und dankte seinen Freunden, wenn sie ihm mit Warnung und 243 Tadel gelegentlich dazwischenfuhrenJulian S. 492, 17. Sehr bescheiden äußert er sich auch in der großen Epistel an Themistius, wo er an der Hand des Plato und Aristoteles zeigt, daß für das Kaisertum eigentlich nur ein Gott genügt; er rechnet darum auf die Hilfe der Freunde; »im übrigen wollen wir Gott allein danken und die Ehre geben, wenn alles gut geht.«. So entschloß er sich auch, wie einst Hadrian oder Mark Aurel, wieder geduldig mitten im Publikum als Richter zu wirken, ließ Kläger und Angeklagte ruhig auf sich einreden und gab dann die Entscheidung. Ammian liebt es, derartiges zu erzählen. Ein Mädchen ist entführt; den Verführer soll Todesstrafe treffen; Julian aber erkennt nur auf Verbannung und sagt, als man ihn darum tadelt: »Es ist das schöne Vorrecht des Herrschers, die Strenge der Gesetze durch Milde zu überbieten.« »Langsam bin ich im Strafen, langsamer noch nehme ich die Strafe zurück,« ist ein anderer Ausspruch in gleichem SinneJulian S. 485.. Jemand wird ihm als staatsgefährlich denunziert, weil er sich einen Purpurornat aus Seidenstoff machen ließ. Gallus hatte auf solchen Fall den Tod gesetzt; Julian dagegen läßt dem Manne auch noch purpurne Schuhe aushändigen und sagt: »Was ist ein Kaiserrock ohne Machtmittel?«Ammian 22, 9, 11.

Viele solche Dikta gingen von ihm um wie von Hadrian oder vom weisen König Salomo, die man fleißig sammelte. Man sollte nun meinen, daß Verwaltung und Rechtsprechung, eine Tätigkeit, die ihn im ersten Jahre seiner Herrschaft von Stadt zu Stadt führte, seine Zeit schon vollauf in Anspruch genommen hätten. Für ihn aber war es nur Nebenwerk. Er sann vielmehr auf große Politik und entwarf sogleich weitausgreifende Feldzugspläne. Der erste war der zur Rettung des Heidentums. Er vergaß seine Götter nicht. Der Religionskampf begann sofort, die große Defensive.

Als »Julian der Apostat« steht dieser Mann im Buch der Geschichte. Was besagt das? Neue Götterbilder hat er nicht errichten lassen, Tempel höchstens restauriert, aber nicht neu gebaut, auch kaum ein christliches Bethaus je angetastet. Die Christen mochten bleiben, wie sie waren. Aber alle Heiden, die Constantius verbannt hatte, rief er allerdings in ihre Heimat zurück und hob die Staatsunterstützungen oder Privilegien wieder auf, durch die die Christen bisher einseitig bevorzugt 244 warenJulian S. 515 und Epistel 42.. Es war nur die Rettung und überdies die Veredlung des noch vorhandenen Götterglaubens, die er bezweckteDabei erneut er nicht nur die anderen Gottesdienste, sondern auch die isthmischen Spiele: Julian S. 527 f..

Die Kopfzahl der Christen hatte sich in den Städten schon unter Constantin, dann unter Constantius unter der Gunst des Hofes gewaltig vermehrt; eine wachsende Verweltlichung und Verrohung ging damit Hand in Hand. Ob die Flut sich zurückstauen ließ, mußte die Zeit lehren. Sollte das aber gelingen, so mußte das Heidentum eine werbende Kraft entfalten und endlich auch eine einheitliche geistige Führung finden, die Methode der Christen befolgen, Proselyten machen. Das war noch nicht dagewesen. Es war hohe Zeit, damit zu beginnen.

Die 100 000 gewaltsam geschlossenen Tempel wurden also jetzt auf einmal wieder aufgetan; die schweren Türen kreischten in den eingerosteten Angeln, und die öden Tempelhöfe füllten sich wieder, hörten wieder Flötenmusik und ProzessionschöreJulian läßt selbst Sänger aus Alexandrien kommen (S. 566)., sahen wieder den Opferrauch, der von den Altären in kräuselnden Wolken gen Himmel stieg. Der Kaiser selbst ging im Übereifer damit voran. Constantinopel sah ihn, als den Oberpontifex, gleich in den ersten Tagen die Altäre mit dem Blut von 100 schneeweißen Stieren netzen. Das geschah mehr als einmalJa, er opferte täglich (S. 518, 7). Man erinnere sich dabei aber seines Ausspruchs (S. 276 f.): Hekatomben, ja Chiliomben sind nichts ohne Tugenden, die gottgewollt sind, ἀρεταὶ ὅσιαι.. Denn die Götter forderten die weiße Farbe, und man höhnte: gehe das so weiter, so werde es in ein paar Jahren kein weißes Rind mehr auf Erden geben. Erschien er zu solcher Handlung, so erscholl Applaus; die Menge war entzückt; aber er verbat sich das: »Wenn ich im Theater erscheine, dann ruft Beifall, so oft ihr wollt; im Heiligtum dagegen sollt ihr die Stille wahren, es sei denn, daß ihr den Göttern Beifall zollt. Aber auch die Ewigen bedürfen unseres Beifalls nicht.«Julian S. 588.

Daß solche Opfer Volksspeisungen waren, ist schon gesagt. Seit einem halben Jahrhundert hatte man so etwas nicht erlebt, und die Sache wurde zunächst mißbraucht. Nicht nur Stiere, da gab es auch Schweine und Widder, ja, auch gemästete Vögel – eine reiche Speisekarte: für Julians Soldaten ein Schlemmen und Festessen. Auch Wein fehlte nicht. Es kam das erste Mal zu Ausschreitungen, die das fromm gemeinte 245 Werk schwer beeinträchtigten. Die Leute übernahmen sich bis zur Völlerei, und man mußte die sinnlos Betrunkenen über die Straße in ihre Quartiere schaffen. Die Rohlinge waren besonders von der Truppe der Petulanten und Celtae. Es machte den übelsten Eindruck. Aber der Vorgang wiederholte sich nicht.

Auch sonst kam es zu Ausschreitungen. In Alexandrien hatte sich der Bischof Georgios bei den Heiden unsäglich verhaßt gemacht, weil er dem christlichen Kaiser Constantius als Angeber und Horcher alle Personen denunziert hatte, die in der Stadt noch heidnischen Gebräuchen frönten. Von einem der beliebtesten Göttertempel hatte er verächtlich gesagt: »Wie lange soll dies traurige Grabmal noch hier an der Straße stehn?« Kaum war Julian Kaiser geworden, da wird der Bischof aus seinem Palast geschleift und zerrissen. Die Christen verteidigten ihn nicht; so verhaßt war er auch bei den Christen. Ebenso elend kamen auch noch zwei hohe Beamte in Alexandrien um, die einen Altar umgestürzt oder Knaben, die zur Prozession dienen sollten, die langen Locken abgeschnitten hatten. Julian hörte das voll Entrüstung und wollte die Stadt schwer strafen; aber das war leichter gesagt als getan; seine Freunde besänftigten ihn, und er ließ es bei heftigen Drohungen bewenden.

Es fiel auf, daß Julian, wenn er Recht sprach, jedesmal feststellte, ob der Kläger und der Beklagte Heide oder Christ sei. In seinem Urteil ließ er sich dadurch jedoch nie beeinflussenAmmian 22, 10, 2.. Es war der Versuch einer Religionsstatistik, so wie der Staat auch heute die Konfession jedes Bürgers aktenmäßig feststellt; sein offensichtlicher Zweck aber war dabei, über die moralischen Qualitäten der Leute Vergleiche anzustellen; denn er suchte immer neue Belege für seine Überzeugung von dem Tiefstand der Moral, der bei den Christen herrschte. Bei den Prozeßverhandlungen spielten alle Leidenschaften; da ließ sich das am besten erkennen.

Seine Politik war wohldurchdacht. Sie richtete sich gegen die Ausbreitung des christlichen Glaubens, vor allem gegen 246 die Macht der Bischöfe. Er begann sofort damit, die Bischöfe des Orients aller Schattierungen vor sich zu zitieren und sie zu gegenseitiger Duldung zu ermahnen; jeder möge friedlich seines Glaubens leben. Das heißt: während Constantin der Große auf Unterdrückung jedes Schismas, auf Einigung der Christenheit drängte, wollte Julian ihre Spaltung fördern: divide et impera. Je uneiniger die Kirche, je ungefährlicher. Aber diese Politik konnte sich zugleich rühmen, die Glaubensfreiheit zu schützen; es war der liberale Geist, der das eingab.

Sodann die Kirchenverfassung; durch sie hatte das Christentum seine großen Erfolge durchgesetzt. Das in sich zerspaltene Heidentum begann nun Julian gleichfalls zu organisieren und zu sammeln, religiöse Ortsgruppen oder Sprengel herzustellen, denen überall ein besoldeter Priester mit bischöflichen Vollmachten vorstand, und im Kaiser selbst gipfelte das Ganze.

Bisher waren die Priester des Heidentums Laien, d. h. weltliche Personen aus zumeist vornehmen Familien, die nur nebenher dem Kultus oblagen. Jetzt sollte daraus ein geistlicher Stand von Männern werden, die ein unweltlich heiliges Leben führen, um als Muster der Sittlichkeit zu wirken. Der Kaiser entwirft für sie geradezu eine OrdensregelGleich darauf schuf der Bischof Basilius der Große dann die Ordensregel für das Mönchsleben, derselbe Basilius, der in Cäsarea so große Einkünfte bezog, daß er damit dortselbst ein umfangreiches Armenhaus und Hospital gründen konnte. Julian aber schrieb seinen Priestern beispielshalber vor: sie sollen den Theaterbesuch vermeiden, in keiner öffentlichen Wirtschaft Wein trinken, keine Schimpfliteratur wie den Hipponax, auch keine Erotik lesen, den Marktplatz in den Städten nur betreten, um den Magistrat zu sehen oder Bedürftigen mit Rat zu helfen. Das prächtige Ornat sollen sie nur beim Gottesdienst tragen, im übrigen sich wie jeder Laie kleiden; denn es ist verwerflich, sich von der Menge bewundern zu lassen, usf. (S. 385–388).. Auch auf dem Lande soll der Gottesdienst gehoben werdenJulian, S. 383, 5.. Aber noch mehr; die Armenpflege, das Hospizwesen, die wohlorganisierte Gastlichkeit war es, die dem Christentum so viele Proselyten zuführte. So stellt nun Julian im Einzelfall gleich 30 000 Scheffel Getreide und 60 000 Schoppen Wein zur Verfügung für die Armen sowie für Aufnahme der Personen, die heimatlos und fremd zugewandert in eine der Provinzen kommenJulian S. 553.. Gastlichkeit, Wohltätigkeit war freilich schon früher der höchste Ruhm der Griechen und Römer in den vorschriftlichen Zeiten gewesen; ja, diese Tugend stand damals moralisch höher als die der Christen, da sich die Christen damit einen Lohn im Himmel zu verdienen hofften, ein selbstisches Motiv, das bei den Heiden völlig fehlteVgl. meine Römische Kulturgeschichte 3. Aufl. S. 151 f.. Aber dies Wohltun war bisher nur 247 Privatsache gewesen; auch scheint es im 3. Jahrhundert bei dem Verfall der großen Privatvermögen stark zurückgegangen zu seinVgl. E. Speck, Handelsgeschichte des Altertums III, 2, S. 574.. Jetzt nahm der Staat die heidnische Charitas in die Hand.

Das Wichtigste aber war das Unterrichtswesen. Auch den Schulunterricht hatten die Christen schon vielfach in Händen und lasen da mit den Jungen den alten Heiden Homer. Diese Schulen waren aber nicht etwa Privatschulen, sondern städtisch, von den Städten bezahlt; der Staat hatte also das Recht und die Pflicht, sie zu beaufsichtigen. Hier galt es vor allem eine feste Scheidewand zu errichten, Sonderung der Christen und Nichtchristen. Man begreift, daß die Kirchenväter Gift speien, wenn sie davon reden, und doch scheint uns die Sache selbstverständlich. Kein Christ soll also hinfort für Heidenkinder Schule halten können. Denn Homer und Herodot, die frommen Autoren, waren im Auge des damaligen Heiden durchaus heilige Bücher; nur der kann sie richtig auslegen, der an Homers Götter auch wirklich glaubt; andernfalls ist es Entweihung. »Mögen die Christen sich begnügen, den Matthäus und Lukas auszulegen.« So sagt Julian. Es ist just so wie heute, wo es als ungeheuerlich erschiene, wenn ein Protestant in einer katholischen Schule den Bibelunterricht übernehmen wollte.

Julian ging aber noch weiter und wollte den Christen auch die geistigen Waffen entwinden, die sie sich durch das Studium der griechischen Philosophie und Rhetorik erwarben; denn Kirchenmänner wie Basilius und Gregor von Nazianz strömten eben damals zahlreich nach Athen oder Nikomedien, um dort den namhaften heidnischen Lehrern ihre Disputierkunst abzulernen. Mochten sie sich hinfort an der christlichen Universität, die in Alexandrien bestand, genügen lassenVgl. Julian S. 609 (aus Sokrates III, 12)..

Geistige Waffen! Es galt, zum Zweck der Propaganda nun aber auch noch die heidnischen Philosophen selbst mobil zu machen. Was das heidnische Landvolk glaubte, war dumpfer Aberglaube. Was sind Homers Götter in Wirklichkeit? Sie 248 sind nur Allegorien und haben einen tieferen SinnEs ist dieselbe Kunst der Umdeutung der Mythen, die damals auch die christliche Kirche ausübte; man denke nur an das brünstige Hohelied Salomonis und seine geistliche Auslegung oder an Gregor von Nyssa, der damals das Leben Moses als Allegorie der zu Gott emporsteigenden Menschenseele umdichtete.; es gilt endlich auch, die weiteren Kreise der LaienDenn es gibt auch im Heidentum Laien und Eingeweihte, ἰδιῶται und περιττοί, Julian S. 220, 18. hierüber aufzuklären, eine eigentliche heidnische Dogmatik zu schaffen, des Plotin und Jamblichus Lehre zu popularisieren; wir kennen sie schon, die Lehre vom Ureinen und Grundguten, von Helios, der die Güte der Himmlischen sichtbar darstellt usf. Sie vorzutragen und aufzufassen war freilich mindestens ebenso schwierig wie das Rätsel der christlichen Dreieinigkeit. Julians Freunde, die Theologen Priskus, Maximus und die anderen, sie alle sollten jetzt für die Sache ihr Bestes tun. Als Maximus, der ehrwürdige Jugendlehrer Julians, nach Constantinopel kam, um seinen Schüler als neuen Kaiser zu begrüßen, stürmte dieser, impulsiv wie immer, mitten aus der Ratssitzung nach draußen, um ihn zu umarmen und zu küssen. Man fand das, wie so manches an ihm, würdelos; denn man war das steifgebackene Zeremoniell des Kaisers Constantius gewohnt. Anders Julian. Er kannte keine Standesunterschiede.

So ergriff nun auch sein Busenfreund Sallust alsbald die Feder. Ja, Julian tat es selbst, und zwar augenscheinlich besser als die anderen. Nicht nur als Soldat, sondern auch als Schriftsteller stellte er sich mitten in die Reihe der Kämpfer. Er wollte nichts Neues bringen; er wollte nur popularisierenInwieweit Julian gleichwohl des Jamblichus' Götterlehre im einzelnen umgestaltet oder umgedichtet hat, ist aus G. Mau, Die Religionsphilosophie Julians (Leipzig 1908) zu ersehen..

Wir lesen sie heute noch, seine beiden lobpreisenden Andachtschriften über Helios und über die phrygische Göttermutter; in der zweiten wird der Auferstehungsgott Attis, der Liebling der Göttermutter, neugedeutet und schließlich mit Helios gleichgesetzt; sie selbst aber gilt als die heilige Allmutter der Welt, als Prinzip des ewig Weiblichen, das uns »hinanzieht«Das Hinanziehen drückt Julian S. 220, 4 mit ἀνάγεσϑαι aus und der ἄνοδος τῶν ψυχῶν S. 226, 25. Die Göttermutter ist ewig jungfräulich und doch Mutter von allem, S. 215, 17, und sie mahnt uns, zum Himmel, ja über den Himmel hinaus zu schauen, S. 227. 5.. Das ganze All ist voll Götterπάντα ϑεῶν πλήρη S. 230, 18., so predigt Julian; gib ihnen dein Herz, deine SeeleS. 230, 12.. Gott in sich aufzunehmen, das ist Heiligungἁγιστεία ist das ϑεοῦσϑαι., und die Tugend ist davon das Ergebnis; denn die Tugend ist Endzweck und Wirkung aller FrömmigkeitS. 219, 5.. Das Ziel alles sogenannten Philosophierens ist, daß wir gottgleich werdenS. 292, 11; vgl. oben S. 216..

Daneben stand Julians schneidende Kritik der christlichen 249 Dogmatik, sein umfangreiches Werk »Gegen die Galiläer«, das er jahrelang vorbereitete und erst in seinem zweiten Regierungsjahr fertigstellteVgl. R. Asmus, Julians Galiläerschrift im Zusammenhang mit seinen übrigen Werken, Freiburg im Br. 1904.. Er sammelte und verschärfte darin, was schon andere vor ihm gegen die Bibellehre gesagt hatten; er tat es in dem Wahn, als ob sich ein Glaube überhaupt durch Verstandesgründe wegdemonstrieren lasse und als ob schließlich sein eigener Götterglaube nicht eben so leicht wie der biblische mit Gründen umzuwerfen gewesen wäre. Aber der Kaiser selbst war es, der in diesem Fall als Pontifex Maximus autoritativ das Wort ergriff; das war noch nicht dagewesen. Er versprach sich davon denn doch eine gewaltige Wirkung.

Ein Monarch als Schriftsteller! Neben Friedrich dem Großen ist Kaiser Julian dafür das vielbesprochene Beispiel. Beide haben sich tatsächlich dauernd in der Weltliteratur ihren Platz erworben. Auch Verse haben beide geschrieben. Die Sache ist interessant genug; aber man darf die beiden nicht aneinander messen. Sie sind zu artverschieden. Julian schrieb nur als Jüngling, der Preußenkönig durch vier Jahrzehnte, noch als hochreifer Mann und noch als siebzigjähriger Greis. Friedrich hat nur ganz wenige Schriften selbst im Druck veröffentlicht, und diese nur für ein ganz enges Publikum, den »Antimachiavell« nur für Fürsten und Staatsmänner, die Kriegsmanifeste und politischen Flugschriften für den Kreis der europäischen Diplomaten. Das meiste verfaßte er nur rückschauend, betrachtend und ohne allen äußeren Zwang, indem er als der Mann »ohne Sorge« (Sanssouci) in bewunderungswürdigem Gleichmut und gänzlich leidenschaftslos aus dem, was geschehen war, für sich selbst die Lehren zog; zudem in französischer Sprache; der Trieb, die deutschen Volkskreise unmittelbar zu beeinflussen, lag ihm fernEine berühmte Ausnahme macht nur Friedrichs Schrift »Über die deutsche Literatur«, in der er unter anderem über die Regelung unserer Schriftsprache handelt und das Unterrichtswesen in Deutschland gesteigert, erweitert wissen will.. Seine ganze Schriftstellerei ist nur wie ein großes Fazit der Vergangenheit, ein geistiges Testament, das er seinem Nachfolger auf dem Thron oder der weiteren Nachwelt größtenteils unveröffentlicht hinterließ. Julian dagegen schrieb unter dem Zwang der Lage und nicht rückschauend, sondern vorausschauend; er schrieb Propaganda und mit 250 Leidenschaft; er wirkte für den nächsten Augenblick; er war sein eigener großer Publizist und wollte augenblicks die Masse packen; er schrieb nur mit öffentlicher Adresse; er wollte anleiten, erziehen, bekehren, und zwar mit Ungeduld; rasch sollte es gehen. Es wäre daher auch höchst verkehrt, vom Standpunkt des Schulmeisters aus seine Erlasse und Ergüsse nach der Tiefe und Neuheit der GedankenNicht nur von der philosophischen Literatur, der zeitgenössischen und der älteren, ist er stark beeinflußt; auch aus solchen Autoren wie Lucian und Dio von Prusa schwirren ihm eine Menge Motive im Kopfe; vgl. z. B. R. Asmus, Julian und Dion Chrysostomos (1895). Julian selbst sagt freilich S. 280: »Ich bin Soldat und kann nicht viel in Büchern lesen.« Auch besteht die Bildung nach ihm (S. 544) nicht in der Kunst des Wortes, sondern im gesunden Sinn und im Wissen von Recht und Unrecht. Aber das betrifft nur die Schlußjahre; vorher trieb er ausgedehnteste Lektüre, genau so wie der junge Mark Aurel., nach dem Grade der Formvollendung, die sie zeigen, einzuschätzen.

Flotte Improvisationen sind sie zumeist, Momentserzeugnisse, so flüchtig wie der Augenblick, dem sie dienten. Oft täntelt er wie ein halbreifer Knabe; gewichtig aber wird jede leichte Zeile dadurch, daß eben der Kaiser selber, der über Heiden und Christen steht, sich vernehmen läßt. Er tritt von seinem Hochstand unter die Menge, klopft dem und jenem auf die Schulter und versucht zu überzeugen, wo er befehlen und drohen könnte. Schwer lastet auf seinem Herzen das Verantwortungsgefühl; so will er sich entlasten und zwar unausgesetzt und in Hast. »Atemlos« (er sagt es selbst öfter) schreibt er die Sachen in den Abendstunden, wo er endlich mit sich allein ist, niederVgl. Julian S. 231, 8; 273, 12.; und er hat dabei etwas Suchendes. Er sucht jeden einzelnen persönlich zu fassen, eindringlich und wie im Gespräch, bald entsetzlich gelehrt und zopfig, bald phantastisch verstiegen, bald in gefühlvollem Pathos, jetzt scheltend, jetzt lockend, jetzt dankbar anerkennend oder auch warnend, das Kleinste wie das Größte bedenkend, rastlos und erstaunlich vielseitig und dabei fast immer freundlich und Freunde suchend, und das Gegenteil des Herrischen. Ein heller Klang der Humanität geht durch alles; etwas von den warmen Strahlen jenes Sonnengottes, an den er glaubte, ist darin.

Das Zopfige liegt nur in einer gewissen Umständlichkeit seiner größeren Schriften, und es liegt in der Wut des Zitierens; er spritzt gleichsam unausgesetzt Zitate. Aber das war eben die üble Manier der Zeit; so wie man beim Lesen der beredten Schriften der damaligen Kirchenautoren immer über Bibelverse stolpert, so bei Julian über Homer oder Plato. Aber 251 auch eine gewisse Selbstgefälligkeit wirkt da mit ein, die Freude an der eigenen Überlegenheit. Eine naive Eitelkeit läßt sich an dem Schriftsteller Julian nicht verkennen.

Bei alledem, wie langweilig sind neben ihm all die ausgefeilten Schriftstellergrößen jener Spätzeit, ein Libanius, Themistius, Himerius oder gar Jamblich. Das liegt schon an der Briefform, die Julian bevorzugt; und es ist eben alles bei ihm aktuell: keine abgelagerten Bücher vom Schreibtisch des Schulpedanten, sondern fliegende Blätter aus der Hand eines Mannes der Tat, dessen Größe im Steigen war und dessen Einfluß auf die Zukunft sich damals noch nicht ermessen ließ. Alles griff danach, und es war das siegreiche Christentum, das die Schriften des Apostaten hernach des Aufbewahrens für wert fand, so daß wir sie heute noch lesen könnenThemistius dürfte die Schriften nach Julians Code zuerst gesammelt haben. Sie liegen freilich unvollständig vor. Dann waren aber eben die Christen die Benutzer. Die Schrift gegen die Christen ist von der Kirche absichtlich unterdrückt worden..

Blicken wir denn flüchtig in sie hinein. Burschikos ist Julian oft, wo er tändelt oder gar in Gedichtform Rätsel aufgibt, zum Beispiel in dem Rätsel vom CentaurenEin Mann furzt ein Pferd, ein Pferd kotzt einen Mann; was ist das?; für den Musikfreund interessant, wie er das Instrument der Orgel beschreibt, die damals noch etwas ganz Seltenes warAuch dies in Rätselform: Ich sehe Rohre; sie wachsen hoch auf, wie aus einem Ackergrund von Metall. Kein Wind bewegt die Halme; vielmehr zieht von unten her aus einem Blasebalg von Stierhaut ein Windstoß unter den Halmen hin, und ein schnellfingriger Mann tritt hinzu und berührt an den Flöten die Tasten, die zu hüpfen beginnen, und siehe: es tönt.. Einem Maler hat er gesessen; aber er tadelt ihn brieflich: »warum hast du mich so fremdartig posiert? Male mich, wie du mich siehst.«

Sein kleines Gut bei Nikomedien, das er von seiner Großmutter hatte und wo er selbst einst als junger Mensch gelebt, schenkt Julian einem Freunde: »Darüber kann ich in Anmut mit dir reden.« Hören wir also, wie er es kurz beschreibt. »Das Gut liegt nicht hart an der See, und du trittst nicht auf Tang und Algen; kein Bootsmann und Handelsmann lungert da herum. Aber frische Fische kannst du da noch zappelnd lebendig täglich für die Küche haben. Steigst du auf den Hügel, so kannst du im Thymian liegend unter Taxushecken dein Buch lesen, und schlägst du dann die Augen auf, so gewahrst du fernab das Meer mit all seinen Schiffsmasten. Süßer Wein wächst da; ich habe ihn einst selbst gebaut. Er bringt nicht viel; denn ich trank ihn ja nur mit Wasser und hatte stets nur wenig Gäste. Aber schon die Traube am Stock hat 252 Blume und duftet wie nach Rosen. So nimm denn das Geschenk, geliebtes Haupt. Ich schreibe diesen Zettel schnell bei der Lampe. Suche darin nicht nach Fehlern, wie die Herren Literaten es gern untereinander tun.«

Das liest sich wie ein Idyll. Andere Töne gibt es, wenn einem Sophisten, der mächtig groß getan hat, folgendermaßen über den Mund fährt: »Du bist nicht bange, sagst du? führst großspurige Reden wie: ›wenn du wüßtest, was für ein Kerl ich bin‹ und ähnliches. Potztausend, was für ein hohles Tamtamgerassel von Worten ist das. Von Tapferkeit hast du nicht mehr an dir, als ein Fisch Haare hat«S. 569 und 575.. Aber in ein ausführliches sophistisches Geplänkel läßt sich der Kaiser mit diesem Menschen trotzdem ein, und da wimmelt es nun auch von gelehrten Zitaten. So etwas ging dann in Abschrift im Publikum alsbald von Hand zu Hand. So auch des Kaisers Lobschreiben, und da ruft er dann: »Ich ärgere mich, daß ich in meinen Briefen so geschwätzig bin; die Leute laufen damit herum und prahlen«S. 592..

Ein andermal hat er über sich selbst geredet, daß er nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen wache: »Da hab' ich dir etwas vorgeplappert (so unterbricht er sich), so recht wie ein Tapps; ich habe mich selbst gelobt wie Astydamas.« Der Adressat mußte hochgelehrt sein, um herauszufinden, wer mit diesem Astydamas gemeint sei.

Sodann aber das wichtige Thema von der Privatwohltätigkeit. »Ich sperre den Mund auf vor Staunen,« sagt er aufgeregt, »wie die Leute sich von keiner Drachme trennen könnenS. 375.. Wir sind ja doch alle Verwandte, ob reich, ob arm, alle Menschen, einerlei, ob wir von einem einzigen Menschenpaare, wie man lehrt, abstammen (das geht auf die Bibellehre) oder von mehreren, oder ob heilige Blutstropfen vom Himmel fielen, aus denen die Menschen wurden. Von einem Paar aber? Das ist denn doch unmöglich; schon die Verschiedenheit der Sitten zeugt dagegen, ebenso die endlose Zahl der Menschen, auch wenn die Frauen wie die Säue geworfen 253 hättenS. 376.. Wozu nun aber das gierige Streben nach Geld? Auch der Adler wünscht sich keine goldenen Flügel, die Platane keine goldenen Blätter«S. 251, 13.. »Man verklagt (so geht es weiter) wegen des ungleich verteilten Reichtums die Götter? Und wenn sie Gold vom Himmel regnen ließen: die Leute kämen, stellten ihre Töpfe hin, um es aufzufangen, und stießen jeden andern weg, der es auch so machte wie sie. Darum nun also laßt uns mildtätig sein. Auch dem Feind gib Kleidung; denn man spendet dem Menschen, sofern er Mensch ist, man spendet nicht seinen Charaktereigenschaften. Und so soll man endlich auch für die Sträflinge sorgen, die im Gefängnis schmachten«S. 373..

Gelegentlich schlägt er echt lyrischen Ton an: »Wer Sehnsucht fühlt, wird schon an einem Tag ein Greis. Wie alt bin ich also geworden, da ich mich ganze drei Tage nach dir sehne!«S. 483. Oder: »Könnte ich mich selbst in einen Vogel verwandeln, flög' ich hinüber zu deinen Bergen. Nun aber komme ich auf Flügeln der Rede zu dir«S. 498. Die Briefe an Jamblichus sind unecht; darin steht (S. 563) eine ähnliche Wendung: »Deine Briefe fliegen zu mir wie die Schwalben, die den Frühling künden.«.

Beredt äußert sich seine Verehrung für seine Lehrer, die er geliebtester Bruder nenntS. 483 und 596.. Mit des Maximus Briefen schläft er wie Alexander der Große mit Homers Ilias, um gleich beim Erwachen nach ihnen greifen zu könnenS. 494..

Er erzählt auch gern, und zwar Selbsterlebtes, so vom hercynischen Wald in Germanien, der undurchdringlicher sei als die ThermopylenS. 608.; die Germanen selbst seien wie die wilden Tiere, aber sie schmeicheln und sie schmarotzen nicht, sondern verkehren mit mir wie gleich und gleichS. 463, 24.. Ein Märchen hat er über den Rheinstrom gehört, und er teilt es gutgläubig mit. Es ist die Probe auf eheliche Kinder. Die Germanin muß ihr Kind in den Rhein werfen; ist es ehelich geboren, so hebt der Fluß es auf seinen Wellen hoch und gibt es der zitternden Mutter wieder in die Hände; das unechte Kind dagegen versinktS. 495..

Bedeutsamer und lehrreicher ist anderes, so sein Begräbnisedikt, das sich augenscheinlich gegen die Christen richtet. Bei 254 strenger Strafe befiehlt er, daß Leichen nur noch nachts zu bestatten sind. Warum? Der Tod selbst, sagt er, ist ja wie die Nachtruhe. Am Tag aber sind alle Gassen der Stadt voll Getriebe; die einen rennen zum Gericht, die anderen auf den Jahrmarkt; der Handwerker hämmert, und durch all das Leben soll der Tote wandern? Das ist unerträglich. Auch soll das Wehgeschrei des Gefolges nicht in die Tempelhöfe dringen, wo doch am Tage gebetet und geopfert wirdS. 601..

»Ich sollte dir fluchen,« sagt er zu einem, der sich schwer vergangen, »aber ich tue es nicht. Auch die Götter fluchen nie. Nur beten steht uns zu, und so will ich mit dir zu den Göttern beten, daß du ungestraft bleibst für dein Unrecht«.S. 584.

Eine heidnische Priesterin in der Stadt Pessinunt hat unter der Herrschaft des Christentums schwer gelitten. Julian tröstet die vornehme Frau mit warmen Worten und beehrt sie nunmehr mit einem doppelten Priestertum an zwei Heiligtümern der StadtS. 501..

Bitter beschwert er sich über die christlichen BischöfeS. 559 f.: »Ich schone sie, aber sie sind mir nicht dankbar, nein, nur noch aufsässiger werden sie. Sie dürfen dem Christenvolke jetzt allerdings nicht mehr befehlen, die Andersgläubigen zu steinigen oder den Staatsbehörden zu trotzen; wohl aber es zu Gebet und Andacht zusammenrufen, das dürfen sie. Aber auch die Heiden (fährt er fort) sollen nicht übermütig gegen die Christen sein; denn diese verdienen nur Mitleid, nicht HaßS. 562.. Das Christentum ist eine Krankheit, die man zu heilen suchen muß durch Belehrung, nicht ZüchtigungS. 547.. Wer aber Christ war und dazu übergeht, mit den Heiden zu opfern, der soll sich zuvor wie ein Unreiner einer reinigenden Handlung unterziehen«S. 559.. Oft aber erhebt sich Julian auch zum Ton der Entrüstung: »Durch die Dummheit dieser Galiläer ging unser Staat fast zugrunde, durch der Götter Gnaden kommt uns die Rettung. Also wollen wir die Götter ehren und jede Stadt, in der es noch Frömmigkeit gibt«S. 485..

Unter dem Christen Constantius ging also der Staat fast 255 zugrunde. Damit ist der Staat erwähnt, und wir sind bei dem wichtigsten Punkte angelangt, dem Wohl des Reichs, um das sich schließlich alles drehtJulian sagt S. 531: »Der Mensch lebt kurz und nimmt darum mit dem nächsten Vorteil vorlieb; der Staat lebt ewig, und für ihn muß in alle Zukunft gesorgt werden.« und das auch für den Wert der Religionen im Auge des Staatsmanns der Maßstab ist. Und so lernen wir Julian schließlich auch noch als Historiker kennen.

Er kannte die römische Kaisergeschichte genau; denn seine Amtsvorgänger waren ihm wichtig, und er hatte alle ihre Biographien gelesen. In einem lustigen Augenblick fiel ihm ein, die Kaiser einmal leibhaftig vorzuführen. Zur Zeit des Saturnalienfestes warf er eines Abends eine sogenannte Satire aufs Papier, die »das Gastmahl« heißt und, ohne übermäßig witzig zu sein, doch keck genug ihr Ziel verfolgt. Die Szene spielt im Himmel. All die römischen Kaiser werden aus dem Totenreich zitiert; denn sie sollen einmal im Himmel mit den Göttern die Saturnalien feiern. Man erwartet nun vielleicht allerlei derbe Lustigkeit; aber sie fehlt, und auch vom Schmausen hören wir nichts; denn die Götter Julians sind edel, aber nicht hungrig, und auch den Kaisern wird zu Nektar und Ambrosia keine Zeit gelassen. Sie müssen nur Rede stehen. Der alte SilenDieser Silen ist der Sokrates des Himmels. ist zugegen, fixiert jeden der Kaiser, der herankommt, und macht seine Glossen; aber die Glossen Silens sind äußerst zahm. Wie er den Julius Cäsar sieht, sagt er nur voll Freude: »Der hat ja einen Kahlkopf wie ich selber.« Als Trajan erscheint, ruft er: »Zeus, hüte deinen Ganymed vor ihm.« Bei Septimius Severus aber erstarrt er vor Schreck und sagt kein Wort. Auch Diocletian ist zugegen, auch Constantin der Große. Wer von all den Cäsaren verdient nun dauernd im Himmel zu weilen? Das ist die Frage. Jeder von ihnen muß sprechen, sich rechtfertigen, das Motto seines Lebens sagen. Dem Constantin aber geht es übel; sein Motto lautet: »Reich sein! Reichtümer verschenken, meinen Begierden frönen!« Silen verhöhnt ihn: »Bankier wolltest du sein und warst doch zeitlebens nicht mehr als ein guter Koch und Vergnügungsrat.« Als endlich alles wieder auseinander geht, wählt Constantin die »Schwelgerei« als seine Lieblingsgöttin. 256 Da tritt plötzlich Jesus zu ihm und ruft: »Wer dem Laster gelebt hat, er sei, wer er sei, der komme zu mir, ich will ihn reinigen, indem ich ihn mit Wasser taufe« (wie überraschend und wie barock! Jesus im Olymp! es ist fast wie auf dem bekannten Klingerschen Gemälde). Mark Aurel aber trägt endlich über alle Kaiser den Sieg davon; er ist das Ideal Julians. Ihm allein wird gegeben, dauernd mit den Göttern zu tafeln.

Nichts charakteristischer als diese Schrift! Denn sie zeigt; die Moral, nicht die Staatsklugheit, ist der Maßstab, an dem allein Julian den Wert all seiner Vorgänger mißt.

Und daher erscheint hier auch Jesus. Jesu Lehre wird verworfen. Eben sie, die Lehre von der Sündenvergebung, ist es (so urteilt Julian), die an der Sündigkeit Constantins und aller anderen Christen die Schuld trägt, also Verderben schafft; denn sie ermutigt zur Sünde. Damit haben wir den Grund erfaßt, weshalb Julian »abtrünnig« wurde. Es war ein sittliches Motiv. Sein Leben war der Protest der griechischen Ethik gegen die Vergebungslehre des Christentums.

Hiermit sind Julians Maßnahmen zum Schutz des alten Griechentums, zur Selbstverteidigung gegen die »Galiläer« dargelegtWie Julian im Einzelfall vorging, zeigt auch noch sehr schön die Erzählung bei Theodoret I, 3: Ein junger Mann in Beröa in Syrien ist vom Christentum zum Heidentum übergetreten; er beschwert sich bei Julian, daß er von seinem christlichen Vater seitdem enterbt und verstoßen worden sei. Julian lädt den Vater, der ein Vornehmer der Stadt ist, zur Tafel und sagt: »Wie ich als Kaiser dich bei deinem Glauben lasse, so sollst du als Vater auch deinem Sohne Glaubensfreiheit gewähren.« Der Mann lehnt schroff ab; da erklärt Julian dem Sohne: »Wenn dein Vater dich verstößt, so will ich an Vaters Statt für dich sorgen.«, aber noch nicht alle; es gab noch eins. Julian sah sich auch noch nach Verbündeten gegen die Christen um. Es gab ja noch eine dritte Religion, die der Juden. Auch die Juden sollten helfen. So wurde Julian entschlossener Philosemit. Mochten die Juden sonst Törichtes lehren; er wollte gleichwohl ihr Volksbewußtsein heben und faßte sogar den originellen Plan, sie wieder in Palästina anzusiedeln. Die Christen waren unrassig international und verständigten sich auch mit Persern und Germanen, sobald diese nur Christen wurden. Die Juden dagegen (so verkündigte er laut) sind eine achtbare Nation, die auch in der Zerstreuung in großartiger Weise die Volkstreue bewahrt hat; sie sterben und hungern für ihren Glauben; das kann uns ein Vorbild seinJulian S. 585 und 512.. Ihr Judengott ist also ein rechter Nationalgott, er ist dem Jupiter Roms artgleich und nah verwandt; ihm gebührt also 257 Verehrung. »Werdet unser Bundesgenosse,« ruft er. »Ich verbrenne im kaiserlichen Archiv alle Erlasse, die jemals Nachteiliges gegen euch bestimmt haben; ja, den Tempel Salomos selbst will ich in Jerusalem wieder aufbauen.« Der Entwurf zu diesem Tempelbau wurde in der Tat sofort gemachtVgl. Julian S. 379, 26. Der Entwurf mußte fertig vorliegen, wenn, wie Ammian erzählt, für die Fundamente der Boden in Jerusalem schon gegraben wurde..

Dies war Zionismus, wie man ihn jetzt in unserer gegenwärtigsten Gegenwart, im 20. Jahrhundert, wieder aufnimmt, und das Ganze genial gedacht. Denn ein wiederhergestelltes Judäa mit dem Tempel Jehovas als Zentrum der Frömmigkeit mußte damals dem Christentum ungeheuren Abbruch tun. Jesus hatte dann über Jerusalems Untergang umsonst geweint, Titus den hohen Tempel umsonst zerstört. Das Alte Testament wurde zum Gegner des Neuen.

Heidentum, Christentum, Judentum: ihr Ringen sollte ein rein geistiges sein. Julian wollte keine GewaltmittelJulian hat nur den Athanasius verbannt; sonst wissen wir von keinem Gewalteingriff. Was die Kirchenautoren später von einer Julianischen Christenverfolgung melden (vgl. Gregor von Nazianz, Orat. III und IV und Theodoret I, 3), ist als Geschichtslüge längst nachgewiesen (vgl. R. Asmus, Zeitschr. f. Kirchengeschichte, 31, S. 325 ff.). Sonderbar schien nur sein Verhalten gegen den Bischof von Bostra (Epistel 52). Dieser suchte sich bei Julian einzuheben durch die Mitteilung, er habe seine Gemeinde von der Plünderung der heidnischen Tempel abgehalten. Julian forderte danach die Gemeinde auf, diesen Bischof fortzujagen, da er sie bei ihm der Plünderungssucht verdächtig mache. Darin sehen manche eine Perfidie des Kaisers; sein Appell war aber vielmehr vollberechtigt; denn er wußte aus Erfahrung, daß, wenn Plünderungen vorkamen, stets die Bischöfe das ruhige Volk dazu aufgehetzt hatten. Das Volk war also auch in diesem Falle gewiß ebenso schuldlos gewesen, hatte an Gewalttaten nicht gedacht, und der Bischof hatte sich nur auf Kosten der Gemeinde bei Julian beliebt machen wollen (irrig hierüber Negri S. 315 ff.). und war gewiß, daß dies Prinzip, auch nur in einer zwanzigjährigen Regierung durchgeführt, sich bewähren würde, der Sittlichkeit der Menschheit zum Heile.

Denn auf die Sittlichkeit allein kam es schließlich an. Nur um das Gute und Reine im Menschen zu fördern, setzte sich Julian für die neuplatonischen Götter ein. Mochte also auch die Christenheit sich wieder auf die sittlichen Ideale ihres Meisters zurückbesinnen, wenn sie jetzt, statt zu herrschen, neu zu kämpfen hatte.

Alles das war das Werk eines Jahres. Die Wirkung der getroffenen Maßnahmen abzuwarten erforderte Geduld. Jahrzehnte mußten darüber vergehen. Es hatte also für Julian keinen Zweck, noch länger in Constantinopel still zu sitzen, und der Kampf der Geister genügte ihm nicht. Er wollte Krieg, Perserkrieg. Er hatte sich ja als Meisterstratege bewährt, und König Sapor war noch nicht gedemütigt. Sechzig Jahre hatte der Perser am Tigris frech geschaltetAmmian 22, 12., und das Römerblut, hieß es, ist noch nicht trocken am PerserschwertAmmian 23, 5, 20.. Es galt, Persien endlich zu strafen, und Julian wollte damit nicht zögern. Das Vorbild Alexanders des Großen steckte ihm im 258 KopfeMan hat es als planlos getadelt, daß Julian in seiner Satire »Das Gastmahl« mitten unter den Kaisern Roms auch Alexander den Großen als Wettbewerber auftreten läßt, als wäre er ihresgleichen. Aber man muß das aus dem Moment heraus verstehen, in dem Julian das schrieb. Sein Kopf war eben damals ganz von persischen Plänen, also auch von Alexander, erfüllt. Daher läßt er ihn im Himmel große Worte reden: »Kein Kaiser Roms hat es mir bisher gleichgetan.« Darin spürt man den ehrgeizigen Pulsschlag Julians. Die Aufgabe blieb für Rom noch übrig.. Alexander war bis nach Indien gedrungen. Konnte er es ihm nicht nachtun?

Es war nicht nur Ehrgeiz; auch schwerwiegende finanzielle Gründe sprachen mit. Der Reichsschatz war leer; die Vorgänger hatten das Geld sinnlos verschleudert, und Julian selbst hatte kein Hausvermögen; Persien aber strotzte angeblich von Reichtum. Er wollte Persien nicht etwa unterjochen und dem Reich angliedern, aber doch es tributpflichtig machen, ein Plan, der über alles Dagewesene hinausging. Jährlich sollte hinfort der Tribut von dorther fließen, um Roms zerrütteten Finanzen aufzuhelfenDer Brief 75 an Basilius (S. 596 f.), der uns dies sagt, ist zwar unecht, aber früh dem Julian untergeschoben; schon Sozomenos kannte ihn (vgl. W. Schwarz, De vita et scriptis Juliani, 1888, S. 35), und was er über Julians Pläne und Motive aussagt, ist vollkommen glaublich; denn es wird durch Ammian 24, 3, 4 vollauf bestätigt. Auch Libanius sagt S. 610, 3, daß Indien Julians Ziel war.. Dazu aber war nötig, Sapor selbst in seiner fernen Hauptstadt Ekbatana zu fassen. War Julian soweit, so stand ihm auch Baktrien bis Indien offen. Es hatte also seinen Grund, wenn er sich Alexander zum Vorbild nahm.

Die Grenzwehr an der Donau hatte er sorgsam verstärkt, Thrazien, Constantinopel gegen Feinde gesichert. Er hatte freie Arme und sein Heer stand kampfbereit; besonders begeistert die aus Gallien mitgebrachten TruppenAmmian 23, 5, 24.. Sie wollten endlich schlagen. Gleichwohl galt es, den schwierigsten aller Feldzüge auf das umsichtigste vorzubereiten, und es verstrichen doch noch Monate. Langsam zog er durch das weite Kleinasien von Stadt zu Stadt; denn das Land sollte seinen neuen Kaiser kennen, bevor er, wer weiß, für wie lange? jenseits des Tigris verschwand. Überall suchte er in der Art Hadrians persönliche Anknüpfungen und bemerkte gelegentlich mit Staunen, wie wenig Leute zum Beispiel im Land Cappadocien sich noch voll und ganz zum Heidentum bekanntenS. 484. Julian sagt da freilich nur, daß wenige sich dort zum »Opfern« bereit finden. Übrigens gab es gewiß noch Männer genug, die der christlichen Kirche sich fernhielten, aber den Opferritus nicht mitmachen wollten. Vergeblich war aber auch sein Religionsgespräch in Beröa (S. 516, 12).. Aber es verstand sich von selbst, daß sich im Verlauf eines Sommers und Winters die religiösen Verhältnisse nicht verschieben konnten, zumal Julian nie drohend auftrat, sondern nur überreden wollte.

Erfreulicher war für ihn zunächst der Eindruck, als er in Syriens Hauptstadt Antiochien einzog, wo einst sein Bruder Gallus gehaust hatte. Da schlugen schon von weitem ihm wohlbekannte Klagechöre an sein Ohr; denn man beging an jenem Tage mit viel Geräusch das Adonisfest. Es gab dort also noch 259 wirklich ein reges Heidentum. Dann aber geriet er mit der Stadt in leidigen Konflikt. Eine große Dürre hatte die Ernte ringsum vernichtet; Teuerung, Mangel an Brotkorn, Hungersnot war die Folge. Julian läßt große Zufuhren aus Ägypten kommen; aber die Spekulanten kaufen sie auf und geben das Korn nur zu Wucherpreisen ab. Julian ergrimmt, setzt zugunsten des Volkes Höchstpreise an; da verschwindet die Ware völlig vom Markte, und das Übel wird nur größer. Das Volk schmäht ihn, den kleinen Mann mit dem Ziegenbart, der immer so große Schritte macht. Das war eigentlich die erste große Enttäuschung des Optimisten. Aufs höchste verstimmt verließ er die StadtDarauf schrieb er sein Pamphlet, den »Barthasser« (Ammian 22, 14), in welchem er die faulen Sitten der Antiochier geißelt und verhöhnt und sein eigenes Verfahren mit Eifer rechtfertigt: ein für uns heute seltsames Vorgehen. Die Antiochier werden die Achseln gezuckt und sich schwerlich gebessert haben.. Knickend war für ihn auch, daß damals der wunderherrliche Apollotempel in Daphne bei Antiochien mit seinem Riesengottesbild in Flammen aufging. Der Tempel hatte altes Gebälk, das sich leicht entzündete, war aber kurz zuvor zum Ärger der Christen mit einem neuen prächtigen Säulenhof umgeben worden. Julian selbst kam zur Brandstelle. Die Christen mußten schuld sein. Peinliche Untersuchungen folgten. Es ließ sich nichts beweisenMerkwürdig ist, daß gleichzeitig auch in Rom der palatinische Apollotempel in Brand aufging. Die berühmten sibyllinischen Bücher wurden mit Mühe gerettet: Ammian 23, 3, 3.. Auf alle Fälle schloß Julian zur Vergeltung die Hauptkirche der Christen in Antiochien, aber er zerstörte die Kirche nichtAmmian 22, 13..

Sein zielsicherer Geist aber ließ sich durch nichts beirren. Er glaubte zwar an allerlei OrakelÜber Orakel, Verkehr mit den Göttern vgl. Julian S. 536. und fragte auch oft die Eingeweideschauer nach der Zukunft; aber er beachtete ihre Aussprüche im Grunde nur, wenn sie günstig lauteten. Das betraf sogar die sibyllinischen Bücher; warnten sie ihn, so tat er trotzdem, wozu ihn der Geist trieb. Der Frühling kam. Jetzt konnte der Krieg beginnen.

Seiner Position im Reiche war er völlig sicher; kein Usurpator würde sich hinter seinem Rücken erheben; die Bischöfe grollten ihm, aber sie waren machtlos und konnten ihm den Purpur nicht rauben. Kaum fünfzehn Monate waren seit des Constantius Tod vergangen; nur so kurze Zeit hatte Julian bisher im Frieden gewirkt; da verließ er, am 4. März 363, Antiochien, nachdem seine Truppen schon vorher an 260 verschiedenen Stellen den Euphrat überschritten hattenAmmian 23, 1 und 2.. Mochten seine Freunde, sogar Sallust, den Feldzug mißbilligenSallust schrieb ihm einen warnenden Brief., irgendein Kriegserfolg war ihm sicher.

Und die Ereignisse gingen nun rasch. Er führte an die 100 000 Mann über Carrä zum Oberlauf des Euphrat und Tigris. Auch der König von Armenien leistete Heeresfolge. Aus dem wilden Hochgebirge wälzen die beiden Ströme sich, wie jeder weiß, fast parallel nach Süden, um sich erst spät in Mesopotamiens weiter Fruchtebene zu treffen. So bildet Julian nun zwei Armeen; die erste führt er persönlich am Westufer des näher gelegenen Stromes, des Euphrat, hinab, um hernach überraschend mit Schwenkung gegen den Tigris vorzustoßen; die zweite, von den Heermeistern Prokop oder Sebastianus geführt, soll dagegen mehr östlich dem Lauf des Tigris selber folgen, um den Feind, wenn Julian am Tigris kämpfen wird, rechtzeitig in der Flanke zu fassen. Uns muß es genügen, hier nur Julians erste Armee zu begleiten; mehrere Historiker hatte der Kaiser da bei sich im Hauptquartier, die den Feldzug sogleich beschrieben habenVgl. Klotz, Rhein. Mus. 71, S. 461 ff..

Er selbst ritt auf seinem Hengst, der der Babylonier hieß. Übrigens glitt neben seinen marschierenden Truppen auf dem Wasser des Euphrat eine stolze Flotte von 1100 Schiffen stromab, die Proviant und Belagerungsmaschinen führte. Zur Sicherung wurde in Karrees marschiert, und 1500 Mann patrouillierten vorauf. Die Kunde von dem Zug drang bis nach Arabien, und Sarazenengeschwader ritten heran, deren Häuptlinge dem Julian knieend eine goldene Krone brachtenEr hatte Zuzug von den Sarazenen gefordert (Julian S. 519, 5).. So geht es zunächst durch das schöne assyrische Land, an zahlreichen Kastellen vorüber. Seine Soldaten entdecken einen gewaltigen Tierpark des Perserkönigs und erlegen da zur Kurzweil Löwen und Bären. Dann beginnt der Kampf; es beginnen die Erfolge.

Die Festung Pirisobara fiel zuerst, wo sich Julian mitten im Hagel der Geschosse persönlich auf eines der Stadttore stürzt, um es zu sprengen. Ein Riesengeschütz wird aufgebaut; das 261 bringt die Entscheidung: am Seil läßt sich der feindlich Kommandant von der hohen Burg herunter, um sie auszuliefern. Aufregender war die Einnahme der festen und reichen Stadt Maogamalcha. Auch hier wagt der Kaiser sein Leben; er rekognosziert selbst mit seinem Stabe; da brechen unversehens aus einem Mauerschlitz mit gezücktem Säbel Perser hervor, und er muß sich wehren. Einer gegen zwei: mit dem Schild pariert er den Hieb des ersten und stößt gleichzeitig den anderen glücklich nieder. Er schien wie gefeit gegen das Unglück. Die Stadtmauer wird sodann unterminiert. Als es Nacht wird, läßt Julian von allen Seiten Sturm laufen und schickt zugleich durch den Minengang Legionäre vor, die mit dem Schrei »Julianus Augustus!« ins Innere dringen. Ein entsetzliches Blutbad folgte. Es ging alles nach Wunsch.

Dann aber murrten seine Leute. Denn Julian verteilte nur allzu dürftige Geldgeschenke. Da sprach er zum Heer in seiner offenen Weise: »Ich bin Kaiser, aber ich bin arm und kann nicht mehr geben. Genügt euch ein solcher Kaiser nicht, so wählt euch einen besseren. Wir kommen nach Persien; das soll euch bezahlt machen. So viel ihr Beute macht, sie soll euer sein.« Die Verstimmung war damit wirklich vollständig beseitigt. Es klingt fast bizarr, wenn wir hören, daß Julian selbst in solchem Fall von den feindlichen Schätzen sich nur drei Goldstücke nahm, überdies einen anmutigen, taubstummen Knaben, der sich gut auf Pantomime oder Zeichensprache verstandAmmian, 24, 3, 4. »Ich bin ein schlechter Bankier und Geldmann,« sagt Julian selbst S. 373, 25..

Mit dem Fall der Stadt Maogamalcha war nunmehr das östliche Euphratufer forciert, und Julian schwenkt jetzt gegen den Tigrisstrom ein; er rückt ostwärts gegen die persische Königsstadt Ktesiphon. Ein trockengelegter Kanal, der in früheren Zeiten dort Euphrat und Tigris verbunden hatte, wird wieder schiffbar gemacht; auf ihm führt Julian seine 1100 Schiffe in den Tigris über.

Da liegt das gewaltige Ktesiphon. Drohend sieht es von jenseits des Tigris auf ihn herab. Auch Palisaden deckten das feindliche Ufer; ja, auch Sapors Heer stand da kampfbereit. 262 Es muß zur Schlacht kommen. Wie also angesichts des Feindes den Fluß überschreiten? Der Kriegsrat sagt: unmöglich! Julian aber sendet trotzdem nachts Schiffe gegen das feindliche Ufer; es waren zunächst nur wenigeWenn Ammian »fünf« sagt, so ist das nur eine Pauschzahl; vgl. Rhein. Museum 70, 255 ff.. Gleich fliegen Brandpfeile, und die Schiffe brennen. Julian ruft. »Seht ihr die Flammen? sie zeigen euch die Richtung. Die ganze Flotte soll nachsetzen.« Es geschieht, die vielen Schiffe bilden eine Brücke, bis nach drüben, und das Heer kann hinüber. Schon ist im Nahkampf das steile Ufer erklommen, und die ersehnte Feldschlacht beginnt. Julian wieder mitten inne. Vor allem seine gotischen Truppen bewähren ihre Stoßkraft. Nach zwölf Stunden hat er den glänzendsten Sieg errungen gegen Panzerreiter und Elephanten, und die Tore Ktesiphons nehmen die fliehenden Perser auf.

Es ist Ruhetag. Zum Dank für den Sieg will er dem Gott Mars zehn Stiere opfern. Da gab es ein böses Omen; denn die Tiere standen nicht ruhig, sie sträubten sich, wälzten sich am Boden. »O Jupiter!« ruft Julian grollend, »nie werde ich dem Mars wieder Opfer bringen!« Nie? Das Wort sollte in anderem Sinne wahr werden, als er meinte.

Es war jetzt Ende Mai. Die tropische Hitze begann. Sollte sich Julian nun mit der Belagerung Ktesiphons aufhalten? Das hätte Monate gekostet. Sein Zweck war, wie wir sahen, den Perserkönig bis zur Unterwerfung zu bringen, ihn tributpflichtig zu machen. Also mußte er ihn suchen, ins Innere Persiens selbst vordringen (was bisher noch kein Kaiser getan), auf Ekbatana marschieren, den Weg Alexanders gehen. Ein Mißstand war nur, daß die zweite Armee, die Prokop führte, bisher ausblieb. Julian war über sie ohne Nachricht. Auf alle Fälle würde sie ihm den Rücken decken.

So verließ Julian etwa am 3. Juni das Tigrisgebiet. Für zwanzig Tage nahm er Proviant mit. Eine siegesgewisse Stimmung herrschte. Zuvor aber beging er das Erstaunliche, seine Flotte zu verbrennen. In die tausend Schiffe auf dem Tigris ließ er auf einmal Feuer werfen; sonst wären sie der 263 persischen Besatzung Ktesiphons in die Hände gefallen. Die Lohe schlug hoch. Das Heer sieht es mit Bestürzung und ist außer sich; denn für den Fall des Mißlingens, des Rückzugs, war die Flotte unentbehrlich. Julian aber dachte nur an Sieg. In der Richtung nach Nordosten zog er durch üppig bebautes Land, einen der Nebenflüsse des Tigris hinauf. Den Sonnenverehrer zog es magisch nach Osten, weiter, weiter. Denn im Osten war gleichsam die Heimat, war die Wiege des Gottes Helios; aus dem Osten steigt er noch heute täglich über die ErdenweltCharakteristisch ist, daß Julian, ehe er gegen Persien auszog, den Mons Casius bestieg, um von da den heiligen Aufgang des Helios zu sehen (Ammian, 22, 14, 4). Man glaubte, daß der Gott aus dem Indischen Ozean täglich aufstieg; daher ist der Indische Ozean heiß von der glühenden Sonne: Ammian, 23, 6, 12..

Da brachen plötzlich all seine Hoffnungen zusammen, und ihn selbst wie sein Heer befiel das Entsetzen. Auch der Feind griff zum Feuer; er verbrannte alle umliegenden Ortschaften, alle Felder, alle Feldfrucht, alle Saaten. Weithin stiegen die heißen Qualmwolken hoch; und die Öde drohte, das Verlechzen.

An weiteren Vormarsch war nicht zu denken. Es war, als hätte Julian selbst dem Feind den Gedanken eingegeben; auf die brennende Flotte antwortete jetzt das brennende Land. Wir wissen es von Rußland: Länder mit weiter Flächenausdehnung sichern sich vor Invasion durch Selbstzerstörung. Was nun? Es ging ein Riß durch Julians Hirn. Auch Alexander hätte in solchem Falle zurück gemußt. Zurück! Sein ganzer großmächtiger Plan war zerstört. Er war immerhin Sieger, seine bisherigen Erfolge unbestreitbar; aber er mußte sich mit ihnen begnügen.

Zurück! Das wichtigste war, sich vor dem Verhungern zu retten. Etwa zehn Tage waren seit dem Aufbruch vom Tigris vergangen. Jetzt galt es, denselben Strom möglichst rasch in kürzerer Strecke, und zwar in mehr nördlicher Richtung, wieder zu erreichen, ein Marsch in tropischer Sonnenglut, ohne die Möglichkeit des Fouragierens; der vorrätige Proviant war nur zu bald aufgezehrt; und sogleich zeigten sich die Reiterschwärme des Persers. Der Feind will eine Schlacht, Julian verhindert es, und man gelangt so, ständig kämpfend, wirklich schon in die Nähe des Tigris. Da versucht der Feind, Julian zu 264 umfassen, vom Tigris abzuschneiden, und es kommt am 22. Juni wirklich zur Schlacht, ein hochkritischer Tag. Panzerreiter, Elefanten fehlen auch jetzt nicht. Zwei Söhne des Perserkönigs kommandieren, aber Julian siegt auch jetzt wieder glänzend; er wählt eine sichelförmig eingebogene Schlachtfront, und seine vorspringenden Flügel bringen die Entscheidung.

Darauf drei Tage Rast. Das Hungern aber beginnt im Heere schon fast unerträglich zu werden. Der für die Offiziere vorgesehene Proviant wird schon an die Gemeinen abgegeben. Julian selbst, mäßig wie immer, läßt sich einen Mehlbrei bereiten, den er in seiner niedrigen Baracke einnimmt. Er verschmäht alle Leckerbissen seiner Hofküche. Aber der Tigris war ja nahe; am Tigris war man gewiß, sich wieder schadlos halten zu können; und da mußte auch endlich Prokops zweite Armee zu ihm stoßen.

Die Nacht setzt ein. Julian legt sich schlafen. Ein seltsam unheilvoller Traum befällt ihn. Welches Unheil droht? Er springt beunruhigt vom Lager, stürzt aus dem Zelt und starrt zum Nachthimmel auf, nach den ewigen Sternen, die da stehen und glühen wie eine goldene Schicksalsschrift Gottes. Da fällt ein Stern mit grellem Licht, zieht einen breiten Streifen über den Himmel und verlischt. Ein unheilvolles Omen auch das!

Der Morgen bricht an. Soll er Befehl zum Aufbruch geben? Aufbruch bedeutet erneuten Kampf. Die Zeichendeuter raten ab; sie glauben an das Omen. Aber die Lage drängt, und Julian gibt trotzdem den Befehl. Von persischen Reitern dicht umschwärmt und ständig beschossen marschieren seine Truppen im losen Karree.

Plötzlich hört der Kaiser, der an der Spitze reitet, der Nachtrupp werde in ein Handgemenge verwickelt. Er trug nur seinen Schild; sonst war er unbewaffnet, hatte auch seinen Harnisch noch nicht angelegt. Im Gedränge ließ er auch noch den Schild fallenScuto inter tumultum abrepto ist bei Ammian 25, 3, 2 überliefert.. So ritt er nach hinten. Da heißt es, daß auch schon im Vortrupp gefochten wird. Er will wieder dorthin, als auch gegen die Mitte feindliche Panzerreiter vorstürmen. Auch 265 Elefanten kommen, vor denen die Pferde scheuen, da sie den Geruch und das wilde Zischen oder Trompeten der Riesenbestien nicht ertragen. Julian ist mitten im Getümmel; die Verwirrung aber dauert nicht lange. Er sieht: seine Römer dringen schon wieder vor; die Perser wenden den Rücken, und er hebt froh die Hände hoch: »Sie fliehen! Jetzt nachgesetzt!« Die Leibwächter mahnen, er soll vor der Wucht der fliehenden Haufen ausbiegen (es war, heißt es, so, als sollte ein Dach über ihm einstürzen); da fliegt aus irgendeiner Richtung eine Reiterlanze. Julians Arm wird gestreift; die Waffe dringt ihm weiter in die Weichen, in die Leber. Er reißt die Lanze sich selbst heraus, zerschneidet sich dabei die Finger, stürzt jählings vom Tier, wird ins Zelt getragen, die Ärzte kommen.

Der Schmerz läßt bald nach. Er verlangt nach seinem Pferd, nach seinen Waffen, um gewaffnet wieder in der Schlacht zu erscheinen, um den Mut der Seinen zu heben. Aber der Blutverlust war zu stark. Die Schwäche wächst. Er liegt wieder auf seinem Lager und erkennt plötzlich, daß er sterben muß.

Die Schlacht geht draußen weiter; die Wut der Römer ist neu entbrannt. Von seinem Bett aus hört er das rasende Schreien, das Rosseschnauben, das Stöhnen der Fallenden, das Pfeifen der Elefanten. Als der Abend kam, kann man ihm melden: die Perser sind geschlagen; fünfzig Vornehme und Satrapen, unzähliges Perservolk bedeckt die Walstatt. Julian aber stirbt. Es ist zu Ende. Der Stern, der des Nachts gefallen, der fallende Stern war Julian.

Er siegte noch im Sterben, so wie er auch im Leben keine Schlacht verloren hatte.

Sein Bewußtsein schwand noch nicht; er konnte seinen letzten Willen noch aufsetzen und fand noch die Kraft, im Gespräch sein Herz aufzutun. Seine letzten Äußerungen sind uns überliefert; sie sind leider theatralisch zurechtgestutzt, und das, was ihn im Innersten bewegte, kommt darin nicht zum echten Ausdruck.

Das schmerzhafte Wort »so früh«, die gerechte Wehklage 266 sterbender Jünglinge, stand auch auf seinen Lippen. Er war jetzt zweiunddreißig Jahre alt. Dann aber hören wir nur den überlegenen Heldenton des standhaften Mannes: »Solch früher Tod ist ein Geschenk und ein Ehrenpreis, den die Himmlischen uns zahlen, wenn wir fromm sind. Ich danke ihnen, daß ich ihn in ehrlicher Schlacht und nicht durch Mord gefundenSchon diese Worte beweisen zur Genüge, daß der Verdacht, ein Römer oder gar ein Christ habe den Lanzenstich ausgeführt, unbegründet ist.. Feige ist, wer sterben will, feige aber auch, wer nicht zu sterben bereit ist. Wer aber soll mein Nachfolger sein? Ich schweige. Die Wahl ist zu schwer. Mögt ihr Freunde den Tauglichsten selber finden.«

Er fragte nach seinem Kanzler Anatolius und seufzte schwer, da er hört, daß er tot sei. Da bricht alles um ihn in Tränen aus, und er tadelt: »Ihr sollt nicht weinen.« Dann treten endlich seine geistlichen Berater, Maximus und Priskus, an ihn heran, und er versinkt mit ihnen in die abgrundtiefen Fragen nach den himmlischen Dingen und der Seligkeit. Mitternacht ist da. Seine Stimme versagt. Er bittet noch um einen Trunk Wasser und ist sanft verschieden.

Kein Wort über die Christen. Das berühmte »Du hast gesiegt, Galiläer!« hat er nie gesprochenVgl. Willibald Schmidt, De ultimis morientium verbis, Marburg 1914, S. 35.. Ibsen hat sich dieses erfundene Wort in seinem auch sonst wenig glücklichen Schauspiel »Kaiser und Galiläer« natürlich nicht entgehen lassen. Julian war nicht der Mann, sich für besiegt zu erklären. Ob er aber trotzdem in Wirklichkeit nicht tief erschrak über den raschen Ausgang? nicht tief enttäuscht seines Gottes Helios gedachte? Seine geheimsten Gedanken begrub er in sich. Gott Helios, an den er glaubte, hatte sein Wort nicht gehalten! Zur Verteidigung der Götter hatte ihn Helios berufen und nahm ihn schon jetzt, da das Werk kaum begonnen, hinweg. Das Gebot war sinnlos ohne ein langes Leben. Er durfte nicht sterben. Wer sollte das Werk vollenden? Es starb mit ihm, und all sein redlicher Eifer war vergebens.

Warum schonte er sich nicht selber? warum warf er sich überall so tollkühn in die Gefahren? als bloßer Affe Alexanders? weil auch Alexander von der Mauer allein mitten unter die 267 Inder sprang und seiner vielen Wunden sich rühmte? Das ist keine Erklärung; denn Schlagkraft und Nervenstärke läßt sich nicht nachahmen. Ein fieberndes Temperament, das echt war, wirkte in diesem Menschen, der unbezwingliche Trieb, allemal rasch selbst einzugreifen, so als kämpfender Schriftsteller wie als Soldat. Denn ein halber Mensch ist, wer auf die anderen wartetDas Risiko machte ihn kühn, sagt Ammian, 21, 10, 1.. Und er sah davon die Wirkung. Seine Truppen, vor allem seine Goten riß das hin; denn auch bei den Germanen kämpften die Heerkönige ja stets voran; Julian tat es ihnen gleich, und er glaubte instinktiv, alle unheilvollen Omina mißachtend, die Götter, die ihn auf Erden so dringend brauchten, würden ihn nicht hinwegnehmen. Er durfte dem Tode trotzen. Denn alles war auf ein langes Leben eingestellt.

»Was sind Pläne, was sind Entwürfe?« Und was sind die Helden der Geschichte? Sie sind wie die geschobenen Figuren im Brettspiel. Die Riesenhand des Schicksals reicht aus der Wolke, stellt sie ins Leben und wirft sie um, wie es ihr beliebt. So auch diesen. Und das Spiel geht weiter.

Es ging weiter, und es war gleich, als hätte Julian nie gelebt. Ein x-beliebiger Mensch, er hieß Jovian, wurde zunächst nach ihm Kaiser. Jovian war Christ. Die vielköpfige Kaiserfamilie der Constantier starb mit Julian aus; denn er selbst war kinderlos. Seine Gattin Helena hatte ihm einen Sohn geboren, aber der war nur wenige Jahre alt geworden. Fehlgeburten folgten; dann war Helena selbst gestorben. Nun kam, was kommen mußte.

Als die erstaunliche Nachricht »Julian ist tot!« in den Westen drang, triumphierte die Kirche voll Hohn, Arianer und AthanasianerNatür1ich behaupteten gleich etliche geistliche Herren der Christenheit, sie seien nicht überrascht, sie hätten am Todestag Julians selbst seinen Tod in der Vision geschaut.; es erscholl die verzweifelte Wehklage der Neuplatoniker; denn alle ihre Hoffnung auf Rettung des altgriechischen Glaubens knickte völlig zusammen; sie erlosch gleich für immer. Die Neuorganisation des Heidentums, die Julian nur erst geplant und erst flüchtig begonnen, Herstellung der geistlichen Sprengel, Hebung des Priesterstandes, zerrann sofort wie Flugsand vor dem WindeJulians Lehrer Maximus, der am Hof wie ein Fürst dastand, wurde hernach verfolgt, eingekerkert, mißhandelt. Seine Frau beschloß, für den Glauben zu sterben, und nahm das Gift, das sie auch ihrem Gatten reichte; Maximus nahm es nicht und vollendete sein Martyrium, indem er im Jahre 370 hingerichtet wurde.. Auch der Tempel Salomos 268 in Jerusalem blieb ungebautEs wurde die Mär aufgebracht, an die auch Ammian glaubt, Feuer sei aus der Erde geschlagen und habe den Bau, den man schon begann, verhindert. Solche Geschichten sind so recht im Geist jener Zeit, die überall Omina und Wunder sucht und findet.. Aber auch alle persischen Siege Julians waren umsonst. Rom schien plötzlich wehrlos, und der kläglichste Notfriede wurde ihm vom König Sapor aufgezwungen. Nicht anders die Alemannen; auch sie setzten sofort, da ihr Bändiger gestorben, frech wieder über den Rhein, um Gallien auszurauben. Dazu kam innerhalb des Römerreichs der öde Kronstreit, der neu begann, und die tückisch brutale Justiz roher Gewalthaber, wie man sie so schlimm kaum unter Constantius erlebt.

So hat Julian nur zwei kurze Jahre als Alleinherrscher regiert. Was sind zwei Jahre in der Weltgeschichte? und warum reden wir so ausführlich von ihm? Weil es eine Freude ist, endlich einmal einen unbedingt sauberen Menschen anzufassen, nach so vielerlei Unrat der Weltgeschichte, mit dem man sich die Finger beschmutzt, und weil der Zufall es fügt, daß wir ihn so intim kennen lernen können wie kaum einen anderen der Cäsaren. Er war ein Goldherz, man sage, was man wolle.

Freilich, auch die großen Schwächen liegen offen; die unaristokratische Haltung; ein Wortreichtum bis zur Geschwätzigkeit, ein Ehrgeiz bis zur Eitelkeit; ein Drang nach Zustimmung und blindes Vertrauen, das bewirkte, daß er sich auch mit denen einließ, die es nicht verdienten. Aber seine Ziele waren groß, groß auch sein Können, seine Seele voll Schwung, sein Wollen unermüdlich, seine Motive lauter, Offenheit sein Prinzip, alle Gewinnsucht ihm verächtlich, seine moralischen Anforderungen stark, seine persönliche Anspruchslosigkeit beispiellos. Der Schwärmer und Praktiker, der Enthusiast und Tatsachenmensch vereinigte sich in ihm wie kaum in irgendeinem anderen. Seit Trajan und Mark Aurel hatte das Reich tatsächlich solchen Herrscher nicht gesehen. Daher schreibt selbst ein so streng christlicher Dichter wie Prudentius von ihm:

                                In Waffen der tapferste Feldherr,
Hochzupreisen als Wahrer des Rechts: so war er des Reiches
Hüter in Wort und Tat, nicht aber auch Hüter des Glaubens, 269
Da er unzählige Götter, dreihunderttausend, geglaubt hat,
Treulos nur dem alleinigen Gott, nicht aber dem Staate.

Der christliche Dichter vergißt hier freilich, daß die unzähligen Götter im Himmel Julians nur den hunderttausend Engeln und Heiligen im Himmel des Christentums entsprachen und daß für den Neuplatoniker im Zentrum des Alls doch immer der höchste und reinste Gottesbegriff stand.

Trotz alledem pflegt man mit mitleidigem Lächeln auf den »Romantiker« Julian zu blicken. Man zuckt heute überlegen die Achseln über die Paradoxie dieses jungen Mannes, der das Christentum bekämpfen, ja übertrumpfen wollte. Man mag sagen, daß sein Versuch notwendig scheitern mußte; ich gehöre nicht zu den Propheten ex eventu, und es ist kein Kunststück, hinterdrein der Klügere zu sein. Julian war körperlich kerngesund; er hätte zwanzig, ja vierzig Jahre regieren können; er hätte auch dann die christliche Kirche gewiß nie angetastet; aber es wäre ihm in der langen Zeit gewiß gelungen, den heidnischen Religionen einen festeren Zusammenhalt, eine erheblich größere Widerstandskraft zu geben. Er hätte auch das Judentum neu gesammelt; er hätte endlich sich auch einen Nachfolger gleicher Gesinnung erziehen können. Wäre das ein Schade gewesen? Ich denke: nein. Mir liegt nichts an Julians blutlosen Göttern; aber ich bin nicht imstande, die unselig zu sprechen, die als Sonnenverehrer, das heißt in einem anderen Glauben als ich, sterben. Vor allem hätte die Fabel von den drei Ringen schon damals gegolten: Christentum, Judentum, verjüngtes Heidentum, welche der drei Religionen erzog die tüchtigeren Menschen? Für das Christentum wäre es ein Ansporn gewesen, seine ethischen Kräfte für das Volksleben endlich wieder fruchtbarer zu machen, ein Wettkampf in der Erziehung der Massen.

Aber Julian hat sein kurzes Leben nicht einmal umsonst gelebt, und es ist nicht zu verkennen, daß er auch so der Mitwelt und nächsten Nachwelt erhebliche sittliche Impulse 270 hinterlassen hat. Von den griechischen Kirchenvätern, Basilius dem Großen und Gregor von Nazianz, will ich nicht reden, die gerade zu Julians Zeit ihre großartigen literarischen Leistungen begannen, indem sie mit dem Plan, die Neuplatoniker zu überbieten, ihr Christentum auf das glücklichste aus denselben Quellen der altgriechischen und junggriechischen Weisheit bereicherten, die Julian groß machtenVgl. z. B. K. Gronau, De Basilio Gregorio Nazianzeno Nyssenoque Platonis imitatoribus (1908); derselbe: Posidonius eine Quelle für Basilius' Hexahemeros (1912) und R. Gottwald, De Gregorio Naz. Platonico (I906). Auch Julian selbst sagt von seinen eigenen Schriften, daß die Christen sich damit bewaffnen, um ihm Krieg zu machen (S. 610).. Julians Auftreten gab dazu den Anlaß; aber solche Schriftstellerei ist nicht das Leben. Wichtig ist, daß Julians praktisches Herrschertum selbst, daß sein Regiment idealer Gerechtigkeit Modell blieb. Die Historiker, auch die christlichen, bezeugen es durch ihr widerwilliges Lob. Nur so und nur unter seiner Einwirkung wird mir vor allem die edle Gestalt Theodosius des Großen begreiflich, der mit der Constantinischen Regierungsmethode, die unter Valentinian neu wieder auflebte, brach und das, was Julian als Nichtchrist begonnen hatte, als Christ durchführte, das Reich siegreich zu verteidigen und milde Gerechtigkeit zu üben, als hätte Helios auch zu ihm gesprochen: »Liebe deine Untertanen, wie ich dich liebe, dann will ich dich groß machen im Himmelreich.«

Die edle griechische Ethik hatte sich damit das Christentum erobert. Mochte das Heidentum langsam absterben, wenn das Christentum solche Kaiser zeugte. Theodosius war der letzte glückliche Herrscher des Römerreichs; nach ihm stürzt die Völkerwanderung über die Welt, und es beginnt die Neugestaltung Europas. 271

 


 

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